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Bonjour tristesse

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Bonjour tristesse

Ullstein,

15 Minuten Lesezeit
10 Take-aways
Text verfĂŒgbar

Was ist drin?

Eines der spektakulĂ€rsten literarischen DebĂŒts des 20. Jahrhunderts.


Literatur­klassiker

  • Roman
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Als Bonjour tristesse 1954 erschien, löste das Buch einen Skandal aus. Die Geschichte der 17-jĂ€hrigen CĂ©cile, die aus Langeweile und Angst vor bĂŒrgerlicher NormalitĂ€t die potenzielle Ehefrau ihres Vaters in den Selbstmord treibt, ist eine geradezu klassische Tragödie – in einem neuen, modernen Tonfall erzĂ€hlt. Nicht nur die fĂŒr jene Zeit recht freizĂŒgige Darstellung von Erotik, auch der illusionslose Blick, den die jugendliche Ich-ErzĂ€hlerin auf die Liebe und die Erwachsenenwelt wirft, schockierte die Leser. Das Buch wurde weltweit zum Millionenbestseller und seine Autorin ĂŒber Nacht berĂŒhmt. Mit ihrem betont antibĂŒrgerlichen und existenzialistisch gefĂ€rbten DebĂŒtroman traf Sagan das LebensgefĂŒhl ihrer Generation, die der großen AbsurditĂ€t des Daseins mit lĂ€ssiger Melancholie, ausschweifender Genusssucht oder mit Weltekel begegnete. Man sollte sich durch den leichten, unterhaltsamen Stil des Romans nicht tĂ€uschen lassen: Unter der glatten OberflĂ€che geht es um die zeitlose Frage nach dem richtigen Handeln und Leben.

Take-aways

  • Françoise Sagans Roman Bonjour tristesse war eines der spektakulĂ€rsten literarischen DebĂŒts des 20. Jahrhunderts.
  • Inhalt: Die 17-jĂ€hrige CĂ©cile verbringt mit ihrem Vater und seiner Geliebten die Ferien an der CĂŽte dÊŒAzur. Als die strenge Anne auftaucht und den notorischen Lebemann zum Heiraten bekehrt, sieht CĂ©cile ihr freies, unbeschwertes Leben bedroht. Sie spinnt eine böse Intrige, um Anne loszuwerden, und treibt sie schließlich in den Tod.
  • Sagan wurde von französischen Existenzphilosophen wie Albert Camus und Jean-Paul Sartre beeinflusst.
  • Der Roman gibt sich betont antiintellektuell und antiliterarisch.
  • Seine freizĂŒgige Darstellung von SexualitĂ€t löste in den 50er-Jahren einen Skandal aus. 
  • Sagan verbindet einen leichten, unterhaltsamen Ton mit tiefsinnigen Reflexionen.
  • Das Buch, um dessen Entstehung sich zahlreiche Legenden bildeten, machte die 18-jĂ€hrige Autorin ĂŒber Nacht berĂŒhmt.
  • Nicht nur in Frankreich, auch in Amerika wurde es zum Bestseller.
  • Bonjour tristesse wurde 1958 von Otto Preminger mit Jean Seberg in der Hauptrolle verfilmt. 
  • Zitat: „Dann steigt etwas in mir auf, das ich bei geschlossenen Augen mit seinem Namen begrĂŒĂŸe: Willkommen Trauer.“

Zusammenfassung

Sonne, Meer und Luxusleben

Die 17-jĂ€hrige CĂ©cile verbringt mit ihrem Vater Raymond und dessen Geliebter Elsa die Sommerferien in einer weißen Villa am Mittelmeer. Schon als kleines Kind hat sie ihre Mutter verloren, und seit sie vor zwei Jahren aus dem MĂ€dchenpensionat gekommen ist, lebt sie ein unbeschwertes Luxusleben bei ihrem Vater in Paris. Sie liebt es, in schnellen Autos zu fahren, Kleider, Schallplatten und BĂŒcher zu kaufen und ins Kino zu gehen. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt, dass ihr Vater alle paar Monate eine neue Freundin hat. Mit seinen 40 Jahren wirkt der charmante Werbefachmann jung und attraktiv und die Frauen fliegen auf ihn. Von Treue und Verpflichtung hĂ€lt er nicht viel. Liebe ist fĂŒr ihn ein vorĂŒbergehendes GefĂŒhl – eine Auffassung, die seine Tochter schon frĂŒh von ihm ĂŒbernommen hat.

„Ich zögere, diesem unbekannten GefĂŒhl, dessen Wehmut und SĂŒĂŸe mich bedrĂŒcken, einen Namen zu geben, den schönen und ernsten Namen Trauer.“ (S. 11)

CĂ©cile genießt Sonne, Sand und Meer, ohne sich darum zu scheren, dass sie beim Examen durchgefallen ist. Sie lĂ€sst sich von dem acht Jahre Ă€lteren Jurastudenten Cyril, der mit seiner Mutter in der benachbarten Villa wohnt, das Segeln beibringen. Alles sieht nach einem entspannten Urlaub aus, da kĂŒndigt Raymond einen neuen Gast an: Anne, eine alte Freundin von CĂ©ciles Mutter. FrĂŒher hat CĂ©cile leidenschaftlich fĂŒr die ebenso schöne und elegante wie unnahbare Modedesignerin geschwĂ€rmt. Nun aber ist sie beunruhigt: Warum hat ihr Vater sie eingeladen? Und wie soll diese intelligente und anspruchsvolle Frau von Anfang 40 mit der eher einfach gestrickten, viel jĂŒngeren Elsa zurechtkommen?

Das Ende der Freiheit

Cyril entschuldigt sich bei CĂ©cile dafĂŒr, dass er sie tags zuvor am Strand gekĂŒsst hat. Er möchte nicht, dass sie ihn fĂŒr einen Frauenhelden hĂ€lt, so wie ihr Vater einer ist. Als sie sich wieder kĂŒssen, spĂŒrt CĂ©cile einen Augenblick lang so etwas wie Liebe. SpĂ€ter kommt der Vater mit den beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, an den Strand: Anne ist gepflegt, vornehm und zurĂŒckhaltend, Elsa sonnenverbrannt und geschwĂ€tzig. Zu CĂ©ciles Überraschung lĂ€uft es zwischen Anne und Elsa ganz gut. Anne verkneift sich jeden bissigen Kommentar zu Elsas GeschwĂ€tz. Raymond behandelt Anne wie eine gute Freundin der Familie, doch seine begehrlichen Blicke sprechen eine andere Sprache. Als CĂ©cile einmal einen zweideutigen Scherz macht, weist Anne sie zurecht: Liebe sei nicht nur Begehren, sondern Sehnsucht und ZĂ€rtlichkeit.

„Mir ist klar, dass ich das Wichtigste vergesse, dass ich gezwungen bin, es zu vergessen: die Gegenwart des Meeres, seinen unablĂ€ssigen Rhythmus, die Sonne.“ (S. 27)

Nach einem Besuch bei Cyrils Mutter, einer Ă€lteren Dame, die stolz auf ihr gutbĂŒrgerliches, erfolgreiches Leben zurĂŒckblickt, macht CĂ©cile ihrem Ärger Luft: Wie könne man nur stolz darauf sein, seine Aufgabe als Gattin und Mutter erfĂŒllt zu haben? Cyrils Mutter habe nur getan, was sich gehörte. Mutiger wĂ€re es gewesen, die Erwartungen der anderen zu enttĂ€uschen und Ehebruch zu begehen! Anne findet CĂ©ciles Ansichten zwar modern, aber wertlos. Ein paar Tage spĂ€ter fahren CĂ©cile und ihr Vater mit Anne und Elsa ins Casino nach Cannes. CĂ©cile unterhĂ€lt sich in der Bar glĂ€nzend mit einem betrunkenen SĂŒdamerikaner, als plötzlich Elsa auftaucht und klagt, Raymond und Anne seien verschwunden. CĂ©cile ahnt Böses – und tatsĂ€chlich findet sie die beiden im Auto in ein vertrautes GesprĂ€ch verwickelt. Sie schimpft mit dem Vater: Was soll sie Elsa jetzt sagen? Dass sie sich spĂ€ter wieder melden soll, weil Raymond gerade eine andere hat? DafĂŒr kassiert CĂ©cile eine Ohrfeige von Anne.

„Die Freude am VergnĂŒgen und am GlĂŒck stellt die einzige schlĂŒssige Seite meines Charakters dar.“ (S. 28)

Am nĂ€chsten Morgen – die enttĂ€uschte Elsa ist gar nicht mehr nach Hause gekommen – verkĂŒndet Anne beim FrĂŒhstĂŒck, sie und Raymond wollten heiraten. CĂ©cile kann es nicht fassen: Ein so ĂŒberzeugter Ehegegner wie ihr Vater soll nach nur einer Nacht bekehrt worden sein? Sie fĂŒrchtet um das freie, unabhĂ€ngige Leben, das sie bislang gefĂŒhrt haben – zugleich aber ist sie froh, dass sich jemand wie Anne um sie kĂŒmmern und ihr den richtigen Weg weisen wird. Freudig planen sie ihre gemeinsame Zukunft. SpĂ€ter zweifelt CĂ©cile allerdings daran, dass ihr Vater daran geglaubt hat, jemals ein geregeltes, bĂŒrgerliches Leben – fĂŒr sie beide etwas Grundfremdes – fĂŒhren zu können.

Die Verlockung der NormalitÀt

Zu dritt verbringen sie eine herrliche Woche, gehen zusammen essen und wirken dabei wie eine normale Familie. Erstmals erkennt CĂ©cile in Anne, die sonst vor allem durch Intelligenz und Selbstbewusstsein hervortrat, ein sinnliches weibliches Wesen. Sie selbst kĂŒsst manchmal noch Cyril, aber seine ĂŒbergroße Liebe zu ihr verhindert, dass sie sich ihm hingeben kann. Als Anne sie eines Tages beim KĂŒssen erwischt, verbietet sie CĂ©cile den Umgang mit Cyril. CĂ©ciles Beteuerung, sie wĂŒrden sich nur kĂŒssen und davon werde man nicht schwanger, ignoriert Anne. Sie sei zu jung, um ihr Leben zu verpfuschen und solle lieber fĂŒr die NachprĂŒfung lernen.

„Im Übrigen gab ich gern zu, dass ich einen Monat spĂ€ter durchaus anders darĂŒber denken mochte, dass meine Überzeugungen nicht von Dauer waren. Wie hĂ€tte ich je ein großer Geist sein können?“ (S. 45)

Der Vater, dem Anne von dem Vorfall erzĂ€hlt, stimmt ihr um des lieben Friedens willen halbherzig zu. CĂ©cile ist am Boden zerstört, als sie erkennt, dass ihr beider glĂŒckliches, unbekĂŒmmertes Leben vorbei ist und Anne sie sanft und allmĂ€hlich zu anstĂ€ndigen, wohlerzogenen Wesen ummodeln wird. Gerade weil sie, CĂ©cile, so leicht formbar ist, braucht sie die Freiheit, leben zu können, wie sie will, und denken zu können, was sie denkt. Schon bald aber, fĂŒrchtet sie, wird sie der Verlockung eines regelmĂ€ĂŸigen und von Anne fĂŒr sie gestalteten Lebens erliegen. Schon jetzt verspĂŒrt CĂ©cile Schuld und Gewissensbisse – GefĂŒhle, die ihr bislang fremd waren. Wenn das fröhliche, unbeschwerte Leben mit ihrem Vater nicht bald ein Ende haben soll, bleibt nur eins: Anne muss verschwinden.

Céciles Plan

CĂ©cile gerĂ€t in einen Zwiespalt: Ist ihre Abneigung gegen Anne berechtigt, oder ist sie einfach nur ein egoistisches kleines MĂ€dchen, das falschen UnabhĂ€ngigkeitstrĂ€umen nachhĂ€ngt und eifersĂŒchtig ist, weil der Vater nicht mehr ihr allein gehört? CĂ©cile beobachtet Anne genau und kommt zu dem Schluss, dass sie berechnend, herrisch und kalt ist und ihnen am Ende alle Lebendigkeit und WĂ€rme nehmen wird. Schon ist CĂ©cile abgemagert, was der Vater auf das Lernen fĂŒr das Examen zurĂŒckfĂŒhrt, doch Anne weiß, dass CĂ©cile gar nicht lernt. Sie scheint CĂ©ciles Abneigung zu spĂŒren, und das Schlimmste ist: Es scheint ihr gleichgĂŒltig zu sein.

„Die Freiheit des Denkens, auch mal das Falsche zu denken oder weniger zu denken, die Freiheit, selbst sein Leben zu wĂ€hlen, mich selbst zu wĂ€hlen. Ich kann nicht sagen, ,ich selbst zu sein‘, da ich nichts anderes war als ein modellierbarer Teig, aber doch die Freiheit, sich einer Backform zu verweigern.“ (S. 76)

Da taucht eines Tages Elsa wieder auf – leicht gebrĂ€unt, strahlend jung –, um ihre Koffer abzuholen. Als sie hört, dass Raymond heiraten will, ist sie fassungslos. CĂ©cile redet ihr ein, Raymond habe immer nur sie, Elsa, geliebt, und bittet sie, ihr dabei zu helfen, Raymond aus Annes FĂ€ngen zu befreien. Elsa ist gleich mit von der Partie. CĂ©cile ist stolz auf ihren psychologischen Scharfsinn und ihre manipulativen FĂ€higkeiten: Sie hat genau Elsas Schwachpunkt getroffen: ihre verletzte Eitelkeit. Mit einer Mischung aus Selbstekel und Genugtuung schmiedet sie einen Plan: Elsa soll bei Cyril einziehen und so tun, als sei sie mit ihm zusammen. So schön und strahlend wie Elsa jetzt aussieht, wird ihr VerhĂ€ltnis mit einem JĂŒngeren den Vater in seiner Eitelkeit krĂ€nken – und schon wird er Anne betrĂŒgen und zu seinem alten, leichtlebigen Dasein zurĂŒckfinden.

„Zum ersten Mal in meinem Leben schien sich dieses ,Ich‘ zu teilen, und die Entdeckung einer solchen DualitĂ€t verwunderte mich außerordentlich.“ (S. 73)

Als CĂ©cile am nĂ€chsten Morgen Cyril wiedertrifft, macht dieser ihr einen Heiratsantrag. CĂ©cile freut sich, ihn zu sehen, und liebt ihn auch, aber heiraten will sie niemanden. Nachdem sie Elsa und Cyril in ihren Plan eingeweiht hat, ist Cyril zunĂ€chst skeptisch. Er hat etwas gegen Intrigen, aber CĂ©cile redet ihm ein, Anne werde niemals eine Heirat zwischen ihnen beiden erlauben, und schließlich willigt er ein, in der Hoffnung, Anne so loszuwerden. Seine KĂŒsse ĂŒberzeugen CĂ©cile davon, dass sie mehr Begabung zum KĂŒssen in der Sonne als zum Lernen hat, und die letzten Skrupel fallen von ihr ab. Dennoch wird CĂ©cile von Zweifeln und SchuldgefĂŒhlen geplagt. WĂ€re es nicht besser, das Examen zu machen und Cyril in zwei Jahren, wenn er sein Studium beendet hat, mit Annes EinverstĂ€ndnis zu heiraten und ein gutbĂŒrgerliches Leben zu fĂŒhren?

„Ich begriff, dass ich begabter dafĂŒr war, einen Jungen in der Sonne zu kĂŒssen, als ein Diplom abzulegen.“ (S. 94)

Nach und nach wird CĂ©cile klar, dass Anne sie aus VerantwortungsgefĂŒhl und nicht aus Unduldsamkeit gegenĂŒber ihren SchwĂ€chen erziehen will. Gerade das aber macht Anne so gefĂ€hrlich: Sie wird nicht aufgeben, ehe sie CĂ©cile zu einem anstĂ€ndigen Wesen abgerichtet hat. Und so gibt CĂ©cile, die sich selbst als Regisseurin der Intrige begreift, den Startschuss zu der Komödie. Als Cyril und Elsa erstmals vor aller Augen am Strand vorbeisegeln, wendet Anne sich CĂ©cile zu, tröstet sie und entschuldigt sich fĂŒr ihre Unnachgiebigkeit. Zum ersten Mal fĂŒhlt sich CĂ©cile von Anne als eigenstĂ€ndiger Mensch behandelt. Am liebsten wĂŒrde sie die Posse beenden, doch dafĂŒr ist es zu spĂ€t.

Liebe und Intrige

Auf Schritt und Tritt begegnen ihnen nun Cyril und Elsa, doch auf den Vater scheint das keinen Eindruck zu machen. Ebenso wie Anne sorgt er sich vielmehr um CĂ©ciles Zustand, die die Rolle der enttĂ€uschten Geliebten spielt und so tut, als finde sie beim Lernen Trost. Doch als Anne sie eines Tages dabei erwischt, wie sie YogaĂŒbungen macht, statt zu lernen, bricht ein heftiger Streit aus. WĂŒtend lĂ€uft CĂ©cile zu Cyrils Villa und hinein in sein Zimmer, wo sie ihn schlafend vorfindet. Cyril gerĂ€t durch ihren unangekĂŒndigten Besuch etwas aus der Fassung, packt und umarmt sie – und schließlich schlafen sie miteinander. FĂŒr CĂ©cile ist es das erste Mal. Als sie danach nebeneinanderliegen, empfindet CĂ©cile tiefe Liebe fĂŒr ihn, ein GefĂŒhl, das ihr bislang fremd war.

„In manchen Augenblicken wĂ€re es mir lieber gewesen, ich hĂ€tte es bewusst getan, voller Hass und Gewalt. Damit ich mich wenigstens selbst anklagen könnte, mich und nicht die TrĂ€gheit, die Sonne und Cyrils KĂŒsse.“ (S. 107)

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Anne sperrt diese CĂ©cile in ihr Zimmer ein. ZunĂ€chst ist CĂ©cile wĂŒtend, aber dann beschließt sie mit nĂŒchternem Verstand und kĂŒhler Grausamkeit, dass all dies ein Ende haben muss. Als ihr Vater sie schließlich befreit, tĂ€uscht sie Einsicht vor und bittet um Geduld: In wenigen Monaten werde sie gewiss Annes Lebensanschauungen ĂŒbernommen haben und vernĂŒnftig geworden sein. Dem Vater ist bei dem Gedanken, dass das lockere Leben mit seiner Tochter ein Ende haben wird, sichtbar unwohl.

„Ich weiß nicht, ob es Liebe war, was ich in diesem Augenblick empfand – ich bin immer wankelmĂŒtig gewesen, und ich lege keinen Wert darauf, anders von mir zu denken, als ich bin –, aber in diesem Augenblick liebte ich ihn mehr als mich selbst, ich hĂ€tte mein Leben fĂŒr ihn gegeben.“ (S. 105)

Heimlich trifft sich CĂ©cile mit Cyril. Die Liebe und ihr körperliches VergnĂŒgen haben sie freundlicher, ruhiger und offener gemacht. Zugleich ist sie erschrocken darĂŒber, welche Macht sie ĂŒber ihren Vater besitzt. Nachdem die beiden auf einem Spaziergang Elsa und Cyril scheinbar schlafend im Wald vorgefunden haben, gelingt es ihr, durch gezielte Bemerkungen zur Schönheit und Jugend des Paares die Eifersucht und den Eroberungswillen ihres Vaters anzustacheln. GegenĂŒber Anne, die er liebt und bewundert, benimmt sich der Vater zĂ€rtlicher denn je, doch zugleich scheint er vom Gedanken an Elsa besessen, in der er ein Symbol seiner Jugend sieht. Dabei ist er kein egoistischer und schlechter Mensch, meint CĂ©cile, sondern nur unbestĂ€ndig und leichtsinnig. Sie selbst ist fĂŒr ihn das Allerwichtigste, so wie auch sie ihn mehr als alle Menschen auf der Welt liebt. Sie gehören eben beide dem „Stamm der Nomaden“ oder auch dem der „Genussmenschen“ an, die kein geregeltes Leben ertragen.

Komm, Traurigkeit

Bei einem Treffen mit seinem alten Freund Charles Webb in Cannes offenbart Raymond diesem, er werde Anne heiraten. Charles, der frĂŒher auch eine Zeit lang mit Elsa zusammen war, ist sichtlich ĂŒberrascht, und seine Frau Madame Webb hat nur ironische Kommentare ĂŒbrig. In dieser Situation hĂ€lt CĂ©cile zu Anne, die ihr auf einmal wieder viel lieber ist als solche verbitterten und gehĂ€ssigen Frauen wie Madame Webb und die ihr ĂŒberhaupt schöner, intelligenter und wĂŒrdevoller erscheint als alle um sie herum. Aber gerade Annes WĂŒrde und Selbstachtung machen das Zusammensein mit ihr so schwer. Es wĂ€re fĂŒr CĂ©cile leicht, alles so einzufĂ€deln, dass ihr Vater seiner Begierde nachgeben und mit Elsa schlafen könnte, ohne dass Anne es merkt. Das wĂŒrde ihm als Beweis seiner Jugendlichkeit genĂŒgen, und er wĂŒrde sich danach leichten Herzens fĂŒr ein Leben mit Anne entscheiden. Doch CĂ©cile will, dass sich das Begehren ihres Vaters immer weiter steigert, bis es unertrĂ€glich wird und er einen Fehler begeht.

„Die Liebe ließ mich mit offenen Augen leben, im angenehmen, ruhigen Schein des Mondes.“ (S. 117)

Eines Tages verabredet sich Raymond tatsĂ€chlich heimlich mit Elsa. Anne erwischt die beiden und reist sofort ab. Als CĂ©cile den verletzten Ausdruck in Annes Gesicht sieht, begreift sie, dass sie durch ihre Intrige einen lebendigen, empfindsamen Menschen zerstört hat, nicht bloß ein abstraktes Wesen. Sie bereut, was sie getan hat, und will, dass Anne zurĂŒckkehrt. Auch Raymond ist reumĂŒtig, zusammen schreiben sie ihr einen Brief. Doch da klingelt das Telefon: Anne ist auf der Fahrt nach Paris bei einem Autounfall ums Leben gekommen. FĂŒr CĂ©cile steht fest, dass es Selbstmord war. Sie will nun alles hinter sich lassen: die Ferien, die Villa und auch Cyril, den sie nie geliebt hat. Schon kurz darauf hat sie mit Raymond in ihr altes glĂŒckliches Leben zurĂŒckgefunden. Nur gelegentlich erinnert sie sich morgens im Bett an jenen Sommer mit Anne und spĂŒrt dann ein GefĂŒhl der Traurigkeit.

„Dann steigt etwas in mir auf, das ich bei geschlossenen Augen mit seinem Namen begrĂŒĂŸe: Willkommen Trauer.“ (S. 156)

 

Zum Text

Aufbau und Stil

In Bonjour tristesse – der Titel ist einem Gedicht von Paul Éluard aus dem Jahr 1932 entlehnt – berichtet eine Ich-ErzĂ€hlerin rĂŒckblickend von einem 14-tĂ€gigen Sommeraufenthalt an der CĂŽte dÊŒAzur. Der Roman, der in zwei Teile mit insgesamt zwölf etwa gleich langen Kapiteln unterteilt ist, folgt strikt der Chronologie der Ereignisse. Im Vergleich zu anderen Werken dieser Zeit ist das Buch in eher konventionellem Stil verfasst. Mit dem im Frankreich der 1950er-Jahren entstandenen Nouveau Roman, der traditionelle ErzĂ€hlformen ĂŒberwinden wollte, konnte Sagan nach eigener Aussage nicht viel anfangen. Ihre SĂ€tze sind einfach gebaut, die Dialoge knapp gehalten und pointiert, auf weitschweifige Landschaftsbeschreibungen verzichtet sie. Die Kunst von Bonjour tristesse besteht gerade in der Mischung aus leichter, unterhaltsamer Sprache und tiefsinnigen philosophischen Reflexionen, die immer nur angedeutet werden, sodass man sie bei oberflĂ€chlicher LektĂŒre leicht ĂŒberliest. Der Tonfall des Romans, der fĂŒr die damalige Zeit recht freizĂŒgige erotische Passagen enthĂ€lt, ist sinnlich und prĂ€zise, unschuldig und zynisch zugleich.

InterpretationsansÀtze

  • Das Neue und eigentlich Skandalöse von Bonjour tristesse liegt nicht in der damals schockierenden, heute aber harmlos wirkenden Darstellung von SexualitĂ€t, sondern in dem illusionslosen Gestus, mit dem die junge CĂ©cile ĂŒber die Liebe, die Welt der Erwachsenen und ĂŒber sich selbst spricht.
  • Der Roman steht deutlich unter dem Einfluss von Jean-Paul Sartres Existenzphilosophie. Gleich auf der ersten Seite spielt die Ich-ErzĂ€hlerin auf einen oft zitierten Satz aus Sartres Drama Geschlossene Gesellschaft an („Die Hölle, das sind die anderen“), wenn sie schreibt: „Die ‚anderen‘ waren mein Vater und Elsa, seine Geliebte.“ Auch in der Passage, in der sie auf der Freiheit besteht, zu entscheiden, wie sie selbst sein will, klingt Sartres Konzept vom Menschen als einem Wesen an, das sich selbst entwirft.
  • Die AtmosphĂ€re in Bonjour tristesse erinnert an Albert Camus’ Roman Der Fremde, allein schon wegen der Sonne, der Hitze und dem Meer. Wie Camus’ Held fĂŒhlt sich auch Sagans Protagonistin einsam und fremd; wie er ist sie leidenschaftslos und eher gleichgĂŒltig, wenn auch keineswegs gefĂŒhllos. Nicht Hass und starke GefĂŒhle treiben sie nach eigener Aussage zur Intrige an, sondern Langweile, Neugier und eine gewisse Freude am Bösen.   
  • Immer wieder erwĂ€hnt CĂ©cile Philosophen, mit denen sie sich beschĂ€ftigt: Pascal, Kant und vor allem Henri Bergson – neben Dilthey der bedeutendste Vertreter der Lebensphilosophie. Diese gab unmittelbarem, intuitivem Wissen den Vorzug vor rationalem, vermitteltem Wissen und legte besonderen Nachdruck auf das Werden, auf die permanente schöpferische Entwicklung des Lebens.
  • Mit ihrer Ich-ErzĂ€hlerin CĂ©cile, die von sich selbst sagt, sie hĂ€tte abgesehen von schulischer PflichtlektĂŒre nie etwas gelesen, und die BĂŒchern schnelle Autos und Kinofilme vorzieht, nimmt Sagan eine betont antiintellektuelle Haltung ein. Indem sie oberflĂ€chliche Ästhetik und Konsum preist und in einem Buch paradoxerweise das Nichtlesen propagiert, betont sie den exklusiven Charakter ihres Romans: Mit traditioneller Literatur hat dieser nichts zu tun.

Historischer Hintergrund

Jazz und Existenzialismus im Paris der 1950er-Jahre

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bildete sich in Frankreich die sogenannte Vierte Republik. Trotz der militĂ€rischen Konflikte im Rahmen der Dekolonialisierung – Indochina- und Algerienkrieg, beide 1954 – begann damit eine Phase der StabilitĂ€t und des Wirtschaftswachstums. Nach den Entbehrungen des Krieges herrschte allgemeines Verlangen nach Luxus und Glamour. Schon bald stieg Paris zur Welthauptstadt der Mode auf, aber auch des Kinos, des Theaters und der Philosophie. In den verrauchten Kneipen, Bars und CafĂ©s des KĂŒnstler- und Literatenviertels Saint-Germain-des-­PrĂ©s pflegte man einen hemmungslos hedonistischen Lebensstil, tanzte zu wilder Jazzmusik und diskutierte nĂ€chtelang ĂŒber die Philosophie des Existenzialismus.

Zu den wichtigsten geistigen Wegbereitern der Existenzphilosophie zĂ€hlt der dĂ€nische Philosoph Sören Kierkegaard. Mit seinem Buch Entweder – Oder von 1843, in dem er den christlichen Glauben als Mittel beschrieb, die Verzweiflung ĂŒber die AbsurditĂ€t und ZufĂ€lligkeit unseres Daseins zu ĂŒberwinden, wurde er schlagartig berĂŒhmt. Indem man anerkennt, dass Gott den Menschen geschaffen hat, erĂŒbrigt sich laut Kierkegaard die Frage nach dem Sinn des Lebens: Gott hat es eben so gewollt. FĂŒr den französischen Existenzialisten und ĂŒberzeugten Atheisten Albert Camus bot die Religion rund ein Jahrhundert spĂ€ter dagegen keine Lösung mehr. In seinem Essay Der Mythos des Sisyphos von 1942 entwickelte er den Gedanken, dass man dem Absurden nicht entrinnen kann, da es auf die Frage, warum der Mensch existiert, keine sinnstiftende Antwort gibt. Der Mensch, so Camus, werde sich seiner Fremdheit und Verlorenheit in der Welt bewusst, habe aber die Gabe, sich gegen das Absurde aufzulehnen, indem er die Sinnwidrigkeit seines Daseins akzeptiert.

Wie Camus ging auch Jean-Paul Sartre, der mit seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts 1943 den französischen Existenzialismus begrĂŒndete, davon aus, dass der Mensch zunĂ€chst einmal nackte Existenz sei, die keine Essenz, kein eigentliches Wesen habe. „Die Existenz geht der Essenz voraus“, lautete einer seiner bekanntesten SĂ€tze. Demnach gibt es nichts, was der Mensch von Natur aus oder durch Gottes Willen ist, vielmehr erschafft er sich als Wesen selbst, indem er lebt und handelt. In konkreten alltĂ€glichen Situationen muss er sich immer wieder zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten entscheiden und ist dabei an keine allgemeine Moral oder metaphysische Macht gebunden. Laut Sartre ist der Mensch dazu verurteilt, frei zu sein. Einmal in die Welt geworfen, ist er verantwortlich fĂŒr alles, was er tut.

Entstehung

Um die Entstehung des Romans ranken sich zahlreiche Mythen, die einiges zum Ruhm des Buches beitrugen. Angeblich schrieb die 18-jĂ€hrige Françoise Sagan Bonjour tristesse innerhalb weniger Wochen ĂŒberwiegend in CafĂ©s in ein blaues Schulheft. Das fertige Manuskript gab sie Anfang 1954 persönlich beim Verlag Éditions Julliard ab. Eine SekretĂ€rin, die die junge Frau mit der zotteligen Ponyfrisur rĂŒckblickend als „komische Mischung aus frechem Gör und stotterndem Seelchen“ beschrieb, ĂŒberflog die ersten Seiten und steckte dann das Manuskript dem Cheflektor als LektĂŒre fĂŒr die Metrofahrt in die Aktentasche. Nachdem der Verleger RĂ©ne Julliard tags darauf das Urteil seines Lektors gelesen hatte, verließ er ein Diner mit dem PrĂ€sidenten des französischen Wirtschaftsrates vorzeitig, um das Werk selbst zu lesen. Er war so angetan davon, dass er Bonjour tristesse wenige Wochen spĂ€ter veröffentlichte.

Ob diese Legende stimmt oder nicht, fest steht: Françoise Sagan wollte mit ihrem Buch berĂŒhmt werden, und sie wollte den Skandal. Sie erklĂ€rte spĂ€ter gegenĂŒber Journalisten, sie habe ursprĂŒnglich einen Roman ĂŒber ein MĂ€dchen schreiben wollen, das glĂŒckliche Sommerferien an der CĂŽte d’Azur verbringt – doch man schreibe eben keine Romane mit einem glĂŒcklichen MĂ€dchen als Hauptperson. Auf Wunsch ihres Vaters, der den Familiennamen Quoirez nicht auf dem Buchumschlag sehen mochte, nahm die Autorin das Pseudonym Françoise Sagan an – nach einer Romanfigur von Marcel Proust.

Wirkungsgeschichte

Bonjour tristesse wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen. Allein in Frankreich wurden in den ersten zwei Jahren rund 350 000 Exemplare verkauft. Bereits im Mai 1954, zwei Monate nach Erscheinen des Buches, erhielt Sagan den renommierten Prix des Critiques. Auch in den USA – die englische Übersetzung erschien 1955 – stieg Bonjour tristesse zu einem Millionenbestseller auf. Insgesamt wurde das Buch, das zur Ikone einer leichtlebigen, lĂ€ssigen und sexuell befreiten Generation geriet, in 14 Sprachen ĂŒbersetzt. Otto Preminger verfilmte Bonjour tristesse 1958 mit Jean Seberg in der Rolle der CĂ©cile, David Niven als Raymond und Deborah Kerr in der Rolle der Anne.

Über die Autorin

Françoise Sagan wird am 21. Juni 1935 im sĂŒdfranzösischen Cajarc als Françoise Quoirez geboren. Sie ist das vierte Kind einer wohlhabenden Industriellenfamilie. Bis zum Alter von vier Jahren wĂ€chst sie in Lyon auf, danach in Paris, wo sie eine Klosterschule besucht. Nach dem Abitur beginnt sie 1952 ein Studium an der Pariser UniversitĂ€t Sorbonne und taucht in das Nachtleben der Jazzclubs und Kellerbars ein. In dieser Zeit schreibt sie ihren ersten Roman Bonjour tristesse (1954), der sie sofort weltberĂŒhmt und reich macht. Sie bricht ihr Studium ab und lebt fortan als freie Schriftstellerin unter dem Pseudonym Françoise Sagan. Ihre in rascher Folge erscheinenden BĂŒcher wie Ein gewisses LĂ€cheln (Un certain sourire, 1955) oder Lieben Sie Brahms? (Aimez-vous Brahms?, 1959) werden rasch zu Weltbestsellern und in Hollywood verfilmt. Ruhm und Reichtum ermöglichen ihr ein ausschweifendes Leben; Sagan wird zu einem Societystar. Sie gibt das Geld mit vollen HĂ€nden aus, fĂ€hrt elegante Sportwagen, spielt im Casino, hat zahlreiche AffĂ€ren – auch mit Frauen. Nach einem schweren Autounfall 1957, den sie nur knapp ĂŒberlebt, gerĂ€t sie in eine AbhĂ€ngigkeit von Schmerzmitteln und anderen Drogen. Sie heiratet den Verleger Guy Schoeller, doch die Ehe geht schon bald in die BrĂŒche. Auch ihre zweite Ehe mit Robert Westhoff, mit dem sie 1962 einen Sohn bekommt, wird geschieden. 1970 beginnt Sagan eine Beziehung mit der Modedesignerin Peggy Roche, die mehr als 15 Jahre andauert, bis zu Roches Tod. Nach einer langen Schreibblockade veröffentlicht sie ab den 1980er-Jahren wieder zahlreiche Romane, die jedoch bei Publikum und Kritik meist durchfallen – daneben auch Novellen, TheaterstĂŒcke und ihre Autobiografie Mein Blick zurĂŒck (DerriĂšre l’épaule, 1998). Politisch engagiert sich Sagan fĂŒr François Mitterrand, mit dem sie auch privat befreundet ist. In den 1990er-Jahren wird sie wegen Drogenbesitzes und -konsums sowie wegen Steuerhinterziehung wiederholt zu BewĂ€hrungs- und Geldstrafen verurteilt. Verarmt, hoch verschuldet und schwer krank verlebt sie die letzten Jahre zusammen mit ihrer Freundin Ingrid Mechoulam. Françoise Sagan stirbt am 24. September 2004 an einer Lungenembolie.

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