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Die Welträtsel

Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie

von Ernst Haeckel

Kröner, 1984

Kategorie: Naturwissenschaften

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Die Welträtsel
8. Schlüsselzitate „Das anthropozentrische Dogma gipfelt in der Vorstellung, dass der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und Endzweck alles Erdenlebens (…) sei. Da dieser Irrtum dem menschlichen Eigennutz äußerst erwünscht, und da er mit den Schöpfungsmythen der drei großen Mediterran-Religionen (…) verwachsen ist, beherrscht er auch heute noch den größten Teil der Kulturwelt.“ (S. 23) „Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie der rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln umgeben. Je weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich entwickelt, desto mehr wird ihre Zahl beschränkt. Die monistische Philosophie wird schließlich nur ein einziges, allumfassendes Welträtsel anerkennen, das ‚Substanzproblem‘.“ (S. 26) „Die allgemein herrschende Auffassung des Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Leib und Seele als zwei verschiedene ‚Wesen‘.“ (S. 124) „Die natürliche Auffassung des Seelenlebens, welche wir vertreten, erblickt dagegen in demselben eine Summe von Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes materielles Substrat gebunden sind.“ (S. 125) „Der menschliche Wille ist ebenso wenig frei als derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, nicht der Art nach unterscheidet.“ (S. 168) „Die Unterschiede, welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen diesen letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und Halbaffen).“ (S. 214) „Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das Substanzgesetz, das wahre und das einzige kosmologische Grundgesetz; seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat des neunzehnten Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich ihm unterordnen.“ (S. 273) „Der Darwinismus lehrt uns, dass wir zunächst von Primaten und weiterhin von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und dass diese ‚unsere Brüder‘ sind; die Physiologie beweist uns, dass diese Tiere dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, dass sie ebenso Lust und Schmerz empfinden wie wir.“ (S. 451) „Unser Monismus ist im Sinne von Goethe zugleich der reinste Monotheismus. In diesem Sinne mag auch diese neue Ausgabe der Welträtsel (…) dazu dienen, in weiten Kreisen die veredelnde Bildung des Volkes zu heben und den Kultus unserer idealen Gottheit zu fördern, der Dreieinigkeit des Wahren, Guten und Schönen!“ (S. 511) 9. Fokus Naturwissenschaft

Warum Sie Die Welträtsel lesen sollten

Ein Glaubensbekenntnis für das wissenschaftliche Zeitalter
Die Welträtsel war eines der einflussreichsten Bücher am Anfang des 20. Jahrhunderts. Es füllte eine Lücke, die viele Menschen nach der Darwin’schen Revolution schmerzlich empfanden: Die Entwicklung des Lebens war also auch ohne Schöpfergott erklärbar, aber was trat an dessen Stelle? Haeckels Buch ist nichts weniger als der Versuch, eine geschlossene Weltanschauung auf naturwissenschaftlicher Basis zu schaffen, sozusagen eine Religion ohne Glauben. Seine Grundannahmen: Geist und Materie sind nicht zwei verschiedene Dinge, vielmehr ist der Geist eine untrennbare Eigenschaft der organischen Materie; es gibt somit auch keine unsterbliche Seele. Die gesamte Natur ist beseelt; es besteht kein prinzipieller Unterschied zwischen niederen und höheren Lebewesen, sondern nur ein gradueller. Haeckel wollte keineswegs die Religion oder Spiritualität an sich abschaffen. Was er aber bekämpfte, war der Glaube an das Wunder, das Unerklärliche, der kirchliche Dogmatismus – und jener Anthropozentrismus, der den Menschen als Mittelpunkt der Welt und als Ziel der Evolution sah. Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie sehr Darwins Erkenntnisse das damalige Weltbild umwälzten, der liest das Buch auch heute noch mit Gewinn.

Über den Autor

Ernst Haeckel wird am 16. Februar 1834 in Potsdam geboren. Auf Wunsch des Vaters studiert er ab 1852 Medizin, interessiert sich aber von Anfang an am meisten für Anatomie und Zoologie. Der Berliner Anatom Johannes Müller fördert seine Begeisterung und weckt sein Interesse für die Meeresbiologie. Obwohl Haeckel zwischenzeitlich Assistent bei dem berühmten Mediziner Rudolf Virchow ist und obwohl er nach der Promotion über ein physiologisch-anatomisches Thema noch sein medizinisches Staatsexamen ablegt und 1858 die Approbation als Arzt erhält, entscheidet er sich gegen die praktische Medizin und für die Wissenschaft. Auf einer Studienreise nach Sizilien entdeckt er über 100 neue Arten von Radiolarien (Einzeller), die er in einer Monografie beschreibt und zeichnet. 1861 wird er an der Universität Jena habilitiert. Auf einer Versammlung der Vereinigung Deutscher Naturforscher und Ärzte 1863 hält Haeckel eine viel beachtete Rede, in der er sich vehement für Darwins vier Jahre zuvor veröffentlichte Abstammungslehre starkmacht; dieser Einsatz macht ihn in Wissenschaftlerkreisen bekannt und setzt ihn öffentlichen Angriffen aus, die bis zu seinem Tod nicht abreißen sollen. Haeckels kämpferische, oft schroffe Art, seine starke Emotionalität bei gleichzeitig schneidendem Intellekt machen ihn zur Zentralfigur der Debatte, die weite Kreise der Gesellschaft erfasst. In zahlreichen Büchern schildert er die neue naturwissenschaftliche Weltsicht: Seine Generelle Morphologie der Organismen (1866) ist das erste Lehrbuch auf Grundlage der Evolutionstheorie und begründet u. a. die grafische Idee des Stammbaums der Lebewesen; über seine Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868) sagt Darwin, Haeckel habe die Folgerungen aus seiner Abstammungslehre für den Menschen besser verstanden als er selbst. Endgültig berühmt wird er mit zwei Büchern, die um die Jahrhundertwende erscheinen: Die Welträtsel, das 1899 herauskommt und sofort ein Erfolg wird, und die ebenfalls ab 1899 zunächst in kleinen Heftfolgen erscheinenden Kunstformen der Natur, die auch zahlreiche Künstler des Jugendstils beeinflussen. Ernst Haeckel stirbt am 9. August 1919 in Jena.


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