Zusammenfassung von Agnes Grey

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Agnes Grey Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker


Worum es geht

Gesellschaftskritisches und moralisches Lehrstück

Mit dem zu großen Teilen autobiografischen Roman Agnes Grey hielt Anne Brontë der Gesellschaft ihrer Zeit den Spiegel vor. Sie beschreibt das viktorianische England Mitte des 19. Jahrhunderts aus kleinbürgerlicher Sicht. Dabei zeigt sie die Situation der Frauen in unterschiedlichen Ständen. Am Ende erscheinen die Frauen der Elite als die unglücklichsten: verheiratet mit rücksichtslosen Männern, überfordert mit der Erziehung der Kinder und ohne religiösen Trost. Anders die Titelfigur: Die minderbemittelte Gouvernante Agnes erfährt die Beschränkungen des viktorianischen England leidvoll, überwindet sie aber mit viel Selbst- und Gottvertrauen und findet am Ende ihr bescheidenes Glück. Wenn auch nicht in ihrer demütigen Ergebenheit, dafür umso mehr in der Besinnung auf ihre eigenen Kräfte und moralischen Prinzipien zeichnet Anne Brontë mit Agnes das Bild einer modernen, selbstständigen Frau. Allerdings mögen Agnes’ Monologe auf heutige Leser teilweise langatmig und jammervoll wirken, etwa wenn sie an der Respektlosigkeit und Wildheit ihrer Zöglinge verzweifelt und überdies noch bedauert, keine Züchtigungsmittel einsetzen zu dürfen. Dennoch hat der Roman es verdient, aus dem Schatten herauszutreten, den die Werke der anderen Brontë-Schwestern auf ihn geworfen haben.

Take-aways

  • Agnes Grey ist das Romandebüt der jüngsten Brontë-Schwester.
  • Inhalt: Um ihre mittellose Familie zu unterstützen, nimmt die junge Agnes Grey nacheinander zwei Stellen als Gouvernante in reichen Häusern an. Von ihren Zöglingen wie auch von ihren Vorgesetzten wird sie respektlos behandelt. Als Untergebene erlebt sie Ignoranz und Ungerechtigkeit. Gegen alle Widerstände und Entbehrungen findet Agnes schließlich ihren bescheidenen Weg ins Ehe- und Familienglück.
  • Agnes Grey ist weitgehend autobiografisch geprägt und stützt sich auf Anne Brontës Erlebnisse als Gouvernante.
  • Der Roman ist von einer starken Kritik an den herrschenden Klassen durchzogen.
  • Soziale Klassen werden im Buch durch unterschiedliche Sprachstile charakterisiert.
  • Agnes Grey steht bis heute im Schatten der Werke von Anne Brontës Schwestern: Emilys Sturmhöhe und Charlottes Jane Eyre.
  • Im Gegensatz zu den Büchern von Annes Schwestern ist Agnes Grey von einer nüchternen Erzählweise geprägt.
  • Der Text beinhaltet eine Vielzahl biblischer Zitate und Anspielungen.
  • Anne Brontë starb mit 29 Jahren an Tuberkulose.
  • Zitat: „Geduld, Festigkeit und Ausdauer waren meine einzigen Waffen, und diese beschloss ich bis zum Äußersten einzusetzen.“
 

Zusammenfassung

Das Nesthäkchen übernimmt Verantwortung

Agnes Grey wächst im Haus ihres Vaters, des Landgeistlichen Richard Grey, in Nordengland auf. Sie ist die jüngere von zwei Schwestern. Agnes ist ein verhätscheltes Kind, das in der Abgeschiedenheit der Provinz fromm und gutmütig erzogen wurde. Der Vater hadert mit der Schuld, Agnes’ Mutter, die eigentlich aus gutem Haus stammt, durch die Heirat um ihren Reichtum gebracht zu haben, denn sie musste seinetwegen auf ihr Erbe verzichten. Er strebt danach, sein bescheidenes Vermögen zu vergrößern. Das Schuldgefühl treibt den Vater in eine unsichere Investition, bei der er sein ganzes Geld verliert. Er wird krank vor Gram. In der finanziellen Not entscheidet sich Agnes, als Gouvernante Geld zu verdienen. Voller Ideale verlässt sie ihr Elternhaus und tritt die Tagesreise zum Anwesen der Bloomfields an.

„(...) aufgrund meines zurückgezogenen Lebens und der schützenden Fürsorge meiner Mutter und meiner Schwester wusste ich wohl, dass manch ein Mädchen von fünfzehn oder darunter mit einem fraulicheren Benehmen, größerer Ungezwungenheit und Selbstbeherrschung ausgestattet war als ich.“ (S. 31)

Agnes wird von Mrs Bloomfield frostig empfangen, was ihr den Einstand als Gouvernante erschwert. Der missglückte Beginn ist nur ein Vorbote der kommenden Strapazen. Die vier Kinder, von der Mutter als ehrlich, gelehrsam, brav und sanft geschildert, entpuppen sich als das genaue Gegenteil. Tom, von Agnes „Master Tom“ genannt und sieben Jahre alt, ist der einzige Junge und ein geltungssüchtiges Kind. Er hat eine besondere Vorliebe dafür, Tiere zu quälen. Vor Agnes haben die Kinder keinerlei Respekt: Sie sabotieren den Unterricht. Die vierjährige Fanny fällt in erster Linie durch Wutanfälle auf. Da die Eltern Agnes jede Form von Züchtigung verboten haben, müht sie sich bis zur Erschöpfung mit den verzogenen Kindern ab.

Es wird noch schlimmer

Nach einigen Wochen Aufenthalt bei den Bloomfields lernt Agnes die alte Mrs Bloomfield kennen, die Großmutter väterlicherseits der Kinder. Diese redet hinter Agnes’ Rücken schlecht über sie und stellt auf lächerliche Weise ihre Gottergebenheit zur Schau – ein Verhalten, das die Pfarrerstochter noch mehr abstößt. Agnes zieht sich auch das Misstrauen des Hausherrn Mr Bloomfield zu, der Agnes’ Arbeit jetzt kontrolliert und tadelt. Noch mehr Schwierigkeiten bereitet Agnes der dümmliche und eitle Bruder von Mrs Bloomfield, Onkel Robson. Dieser verführt seinen Neffen Tom zum Alkoholkonsum, unterstützt dessen Tierquälereien und behandelt Bedienstete mit Verachtung. Eines Tages kommt es zum offenen Konflikt zwischen Agnes und Onkel Robson. Er hat Tom ein Nest mit hilflosen Vogeljungen geschenkt. Um zu verhindern, dass Tom seine Folterpläne mit den Tieren in die Tat umsetzt, tötet Agnes die Küken mit einem Stein – widerwillig, aber im Wissen, Schlimmeres verhindert zu haben. Dem anschließenden Einschüchterungsversuch des Onkels hält Agnes stand, die Maßregelung durch Toms Mutter muss sie letztlich aber widerspruchslos über sich ergehen lassen. Nach einer für Agnes anstrengenden Zeit kommt das unerwartete Ende ihrer Anstellung. Sie wird entlassen, weil die Bloomfields mit den Fortschritten der Kinder unzufrieden sind.

Zweiter Versuch und neue Strapazen

In der Hoffnung auf eine bessere Behandlung nimmt Agnes eine neue Stelle bei der adligen Familie Murray an. Der Empfang an ihrer neuen Arbeitsstätte fällt jedoch nicht freundlicher aus als bei den Bloomfields. Agnes’ neue Schützlinge sind älter als die Bloomfield-Kinder und Agnes hofft, das würde ihr den Zugang erleichtern. Sie wird enttäuscht. Rosalie Murray ist 16 Jahre alt, ausgesprochen hübsch und sehr eitel. So wie ihre Erscheinung dienen auch ihre schulischen Fertigkeiten vor allem als Mittel zum Vorzeigen: Alles außer Sprachen, Musik, Zeichnen und Handarbeit findet Agnes vernachlässigt vor. Die kleinere Schwester Matilda ist 14, weist hohe Wissenslücke auf und ist vernünftigen Argumenten nicht zugänglich. Den elfjährigen John erlebt Agnes als lauten und ungelehrigen Grobian. Der jüngste Sohn der Familie, Charles, ist zehn Jahre alt und in Agnes’ Augen feige und selbstsüchtig. Agnes schafft es gegen alle inneren Widerstände, mit ihren Lehrversuchen so lange durchzuhalten, bis die zwei Jungen in eine Schule gegeben werden. Nach Ablauf eines Jahres im Dienst der Familie Murray sieht Agnes erste Anzeichen von Respekt bei ihren Zöglingen.

Gute und schlechte Kirchenmänner

Zu Rosalies 18. Geburtstag veranstalten die Murrays einen Ball, der die junge Frau in große Aufregung versetzt. Agnes reist derweil zu ihrer Familie, um dort Weihnachten zu verbringen und der Hochzeit ihrer Schwester Mary beizuwohnen. Bei der Rückkehr überfällt Rosalie die Gouvernante mit einer ausschweifenden Erzählung ihrer Ballnacht. Voller Stolz berichtet sie von ihrer umwerfenden Wirkung auf die Männerwelt. Nebenbei erwähnt Rosalie den neuen Hilfspfarrer Edward Weston, der ihren Reizen allerdings nicht sofort erlegen sei und folglich nur als dumm und gefühllos gelten könne. Diesen Hilfspfarrer lernt Agnes später als aufrichtigen, ernsten und frommen Redner schätzen. Im Gegensatz zu ihm erweist sich Westons Vorgesetzter, der Rektor Mr Hatfield, als ergebener Diener der Murrays in der Öffentlichkeit. Auf der Kanzel ist er ein erbitterter Eiferer, der Ungehorsam gegen die Kirche verdammt und sich dabei selbstgefällig in einer Mischung aus Faulheit und Hochmut präsentiert.

„Geduld, Festigkeit und Ausdauer waren meine einzigen Waffen, und diese beschloss ich bis zum Äußersten einzusetzen.“ (S. 52)

Bei ihren Besuchen mit Rosalie und Matilda bei den Häuslern, den armen Bewohnern der Ländereien der Murrays, lernt Agnes Nancy Brown, eine augenkranke Witwe, kennen, und liest ihr aus der Bibel vor. Von der frommen Frau erfährt Agnes, dass Mr Weston die armen Häusler der Gemeinde regelmäßig besucht und ihnen Trost spendet. Im Gegensatz zu Rektor Hatfield zeigt sich Weston als interessierter Zuhörer und Ratgeber. Ohne ihn bisher persönlich getroffen zu haben, beginnt Agnes Sympathie für den Hilfspfarrer zu entwickeln. Bei ihrem zweiten Besuch bei Nancy Brown begegnet sie ihm: Sie ist von seiner Güte und Freundlichkeit beeindruckt.

Echte Liebe kontra leichtfertige Spielerei

Agnes begleitet ihre Zöglinge jetzt häufiger auf dem Fußweg von der Kirche oder aus dem Dorf zurück nach Horton Lodge, dem Anwesen der Murrays. Rosalie und auch Matilda unternehmen diese Gänge vor allem, um „Huldigungen entgegenzunehmen“, während Agnes weitgehend ignoriert wird. Doch eines Tages trifft sie auf Mr Weston, der zufällig denselben Weg hat. Er überrascht Agnes mit dem Angebot, Blumen für sie zu pflücken, und es entspinnt sich ein Gespräch. Agnes erfährt, dass Mr Westons keine lebenden Angehörigen mehr hat, aber dennoch nicht mit seinem Schicksal hadert. Er findet Trost und Glück in seiner Aufgabe als Seelsorger. Dass Agnes’ Zuneigung zu Weston stärker wird, merken auch die jungen Damen. Sie necken ihre Gouvernante, Agnes streitet aber ab, Gefühle für Weston entwickelt zu haben. Zurück im Haus der Murrays betet sie inbrünstig für Westons Glück – und für ihr eigenes.

„(...) alle Bemühungen werden von denen, die man unter sich hat, vereitelt und verlacht, und von denen, die man über sich hat, ungerecht kritisiert und falsch beurteilt.“ (über die Bloomfields, S. 67)

Rosalie trifft sich in der Folge heimlich mit Rektor Hatfield und macht sich vor Agnes über ihn lustig. Wissend, dass Hatfield sich in sie verliebt hat, erklärt sie Agnes, er tauge als unterhaltsamer Zeitvertreib. Doch dass er offenbar ernste Absichten hat, obwohl er wenig begütert ist, empfindet sie als Beleidigung. Obwohl sie weiß, dass ihre Mutter sie mit dem reichen Lord Ashby verheiraten will, nimmt Rosalie jede Gelegenheit zum Kokettieren mit dem Rektor wahr. Mrs Murray trägt Agnes nun auf, Rosalie ständig zu begleiten. Unter einem Vorwand schickt Rosalie ihre Gouvernante weg, um sich erneut mit Hatfield zu treffen. Agnes ahnt dies, lässt ihren Schützling aber dennoch gewähren und trifft Mr Weston, der durch seine freundliche, verbindliche Art einmal mehr Agnes’ Zuneigung gewinnt.

„(...) auch fragte ich mich, warum denen so viel Schönheit gegeben ist, die einen so schlechten Gebrauch davon machen, und denen verweigert wird, die sie für sich selbst und auch für andere gewinnbringend nutzen würden.“ (S. 231)

Rosalie erzählt Agnes anschließend, dass Hatfield ihr einen forschen Heiratsantrag gemacht hat. Ausführlich schildert sie die Ehrerbietungen des Rektors und ihren eigenen kühlen Stolz, mit dem sie ihn hat abblitzen lassen. Hatfield, enttäuscht von der Abfuhr, habe ihr das Versprechen abgenommen, niemandem von seinem Antrag und seinen Gefühlen zu erzählen. Agnes ist entsetzt über Rosalies Spielchen und ihren Wortbruch. Der gekränkte Hatfield zieht sich jetzt vollständig von Rosalie zurück. Beleidigt und gelangweilt richtet sich ihr Spieltrieb auf Mr Weston. Agnes muss sich eingestehen, dass sie eifersüchtig auf ihre Schülerin ist.

Verzweiflung und Vergebung, Hoffnung und Trauer

Auf einem Ball macht Lord Ashby Rosalie den erwarteten Heiratsantrag. Schon sechs Wochen später soll die Vermählung stattfinden. Die Zeit bis dahin will sich die angehende Braut mit Mr Westons Gesellschaft vertreiben. Für Agnes beginnen sechs Wochen voller Selbstzweifel und banger Hoffnung. Während die intriganten Murray-Schwestern aus lauter Eigennutz und Spielerei versuchen, Agnes von Mr Weston fernzuhalten, wird der Gouvernante auch noch der einzige Gefährte, ein kleiner Hund, weggenommen. Als Rosalies Hochzeitstag kommt, erlebt Agnes das Mädchen zum ersten Mal sehr emotional und voller Angst vor dem mondänen, endgültig festgelegten Leben, das ihr nun mit dem reichen, aber wenig attraktiven Lord Ashby bevorsteht. In einer zärtlichen Umarmung vergibt Agnes ihrer ehemaligen Schülerin.

„(...) ich hätte Gott zu meinem Freund und die Erfüllung seines Willens zur Freude und Aufgabe meines Lebens machen sollen; allein der Glaube war schwach und die Leidenschaft zu stark.“ (S. 270)

Nun kümmert sich Agnes um ihren verbliebenen Zögling: Matilda. Als die Mutter Druck auf Matilda ausübt, hat Agnes erstmals den Eindruck, dass die Umstände tatsächlich eine ernsthafte Erziehung ermöglichen. Auf einem Gang ins Dorf begegnen Agnes und Matilda Mr Weston. Agnes nutzt die Gelegenheit, mit ihm ein paar Worte zu wechseln, und freut sich darüber, dass Weston sich an ihr tatsächlich interessiert zeigt. Auf einen hoffnungsfrohen Abend folgt ein trauriger Morgen: Agnes erfährt von ihrer Mutter, dass ihr Vater todkrank ist. Die Gouvernante erbittet sich vorgezogene Ferien und reist in die Heimat ab. Am späten Abend trifft sie dort ein – zu spät. Ihr Vater ist bereits gestorben.

Abschied und neue Pläne

Nach der Bestattung des Vaters beschließt Agnes’ Mutter, in einem belebten Ort eine Schule zu eröffnen. Agnes verspricht, mit ihr zu kommen und Horton Lodge endgültig zu verlassen. Da trifft ein Brief von Mrs Greys Vater, Agnes’ wohlhabendem Großvater, ein: Er bietet seiner Tochter die Wiedereinsetzung in alte Rechte an. Die Bedingung, die er daran knüpft: Sie soll eingestehen, dass ihre Ehe mit dem mittellosen Pfarrer ein Irrtum war. Agnes’ Mutter weist das Gesuch empört zurück und verzichtet. Noch einmal kehrt Agnes zu den Murrays zurück. Es folgen sechs Wochen in der ständigen Hoffnung, Mr Weston zu begegnen. Es kommt zu einem einzigen Gespräch, das ihn ihr aber nicht entscheidend näherbringt. Weder hat sie den Mut, sich ihm zu offenbaren, noch gesteht er ihr seine Liebe. Schließlich verabschieden sie sich voneinander.

„Natürlich bedauerte ich sie zutiefst, sowohl wegen ihrer falschen Vorstellungen von Glück und ihrer Pflichtvergessenheit als auch wegen des erbärmlichen Gefährten, an den ihr Schicksal gekettet war.“ (über Rosalie, S. 334)

Gemeinsam mit ihrer Mutter geht Agnes die neue Herausforderung in der Schule an. Dies lenkt sie zunächst davon ab, dass sie Mr Weston verloren hat. Bald aber vermisst sie ihn stark und hadert mit ihrem Schicksal. In den Sommerferien erreicht Agnes ein Brief von Rosalie – jetzt Lady Ashby –, in dem diese sie auf ihren Herrensitz einlädt und sich ihre Gesellschaft als Freundin wünscht. Agnes reist tatsächlich zu Rosalie und findet sie gealtert und unglücklich vor. Rosalie leidet unter ihrem Mann, einem übellaunigen Säufer und Schwätzer, und unter ihrer tyrannischen Schwiegermutter. Rosalie hat inzwischen eine Tochter und fühlt sich, nach anfänglichen Vergnügungen, in Ashby Park wie eine Gefangene. Mehr als ein paar Ratschläge hat Agnes ihrer ehemaligen Schülerin nicht zu bieten. Den Wunsch, bei ihr zu bleiben und irgendwann Gouvernante ihrer Tochter zu werden, lehnt Agnes ab. Traurig, aber entschlossen verlässt sie Ashby Park und reist zurück zu ihrer Mutter.

Mit Agnes’ Hund kommt das Glück

Nach ihrer Rückkehr macht Agnes am frühen Morgen einen Spaziergang am Strand. Wie ein Wunder erscheint es ihr, als plötzlich der verloren geglaubte Hund auftaucht, den sie in Horton Lodge hat weggeben müssen. Noch größer ist ihr Erstaunen, als sie den neuen Herrn des Hundes erkennt: Es ist Mr Weston. Er hat eine Pfarrei unweit des Ortes erhalten und seitdem versucht, Erkundigungen über Agnes einzuholen. Agnes kann ihr Glück kaum fassen. In den folgenden Wochen wird Mr Weston ein häufiger und willkommener Gast im Schulhaus der Greys. Der immer vertraulichere Umgang von Mutter, Tochter und Gast führt schließlich dazu, dass Weston an einem schönen Sommerabend bei Sonnenuntergang Agnes einen Heiratsantrag macht. Wenig später heiraten die beiden und ziehen gemeinsam ins Pfarrhaus. Agnes’ Mutter betreibt die Schule weiter und verbringt ihre Ferien abwechselnd bei ihren Töchtern. Mit den besten Aussichten für Gemeinde, Ehe und die drei gemeinsamen Kinder Edward, Agnes und Mary schließt Agnes ihren Lebensbericht.

Zum Text

Aufbau und Stil

Agnes Grey ist ein Roman des viktorianischen Realismus, der Zeit nach der Thronbesteigung von Königin Viktoria 1837. Er umfasst 25 Kapitel und wird aus der Perspektive der Titelfigur erzählt. Der Text kündigt sich selbst als Lehrstück für Gouvernanten und deren mögliche Arbeitgeber an. Anne Brontë kommentiert und wertet die Romanhandlung streckenweise sehr deutlich. In vielen Fällen wird die Wertung aber auch dem Leser überlassen, etwa wenn sich die Figuren durch ihre Aussagen selbst entlarven. Soziale Klassen werden durch den unterschiedlichen Gebrauch der Sprache charakterisiert: Die Armen sprechen einfach, aber geradeheraus und verbindlich. Die Reichen dagegen reden ausschweifend und blumig, wenn es um die Darstellung eigener Belange und Vorzüge geht, aber kurz und unpersönlich im Umgang mit Untergebenen. Durch kursive Hervorhebungen werden die sprachlichen Betonungen der exzentrischen jungen Damen schriftlich verdeutlicht und der Lächerlichkeit preisgegeben – ein formales Mittel, das für die damalige Zeit noch ungewöhnlich war. Charakteristisch ist auch der Umgang mit den häufigen Zitaten aus dem Neuen Testament: Die im Roman als positiv geltenden Figuren geben sie korrekt wieder, die mit negativen Zügen versehenen zitieren oft falsch.

Interpretationsansätze

  • Der ursprünglich vorgesehene Titel „Passages in the Life of an Individual“ betont den emanzipatorischen Ansatz des Romans: Er zieht die Vormachtstellung der Männer in Zweifel, die Frauen im viktorianischen Zeitalter noch nicht als Individuen wahrnahmen.
  • Der Roman vermittelt eine revolutionäre Haltung. Die Reformen des viktorianischen England, die das wohlhabende Bürgertum politisch so einflussreich machten wie den alten Landadel, waren nicht genug: Die Vertreter der armen Bevölkerung, die die Mehrheit im Land ausmachten, waren weiterhin Sklaven der besitzenden Klassen und immer der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Marxistische Interpretationen verkannten jedoch Anne Brontës zutiefst christliche Begründung der Kritik an den Herrschenden.
  • Die Charakterisierung der Figuren findet zu einem großen Teil über ihr Verhalten gegenüber Tieren statt. Wer sich ihnen gegenüber als gütig erweist, der ist in den Augen der Erzählerin ein guter, gottesfürchtiger Mensch. Umgekehrt zeigt sich das Böse durchweg im brutalen Verhalten gegenüber Tieren. Tiere kündigen zudem Umbrüche in der Handlung an. Der Aufbruch aus dem Elternhaus wird von Agnes’ Katze begleitet, die Desillusionierung in Bezug auf Kinder von der Szene mit den Vögeln, das Happy End schließlich wird durch den Hund eingeleitet.
  • Der Vergleich von Anne Brontës Werken mit jenen ihrer Schwestern brachte ihr den Ruf einer nüchternen, naiven und langweiligen Autorin ein. Man kann den Unterschied aber auch anders formulieren: Im Gegensatz zu ihren romantisierenden Schwestern ging es Anne viel stärker um das Verständnis der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit.
  • Mit der detaillierten Darstellung verwerflichen Verhaltens in den höhergestellten, sogenannten Upper-Class-Familien des viktorianischen England setzte Agnes Grey neue Maßstäbe. Die drastischen Rücksichtslosigkeiten gegenüber den unteren Ständen und die Vernachlässigung der reichen Kinder wurden selten zuvor so ungeschönt erzählt.

Historischer Hintergrund

Der Methodismus in England und seine Folgen

Auf Anne Brontë hatte das Elternhaus ihrer Mutter, die streng methodistische Familie Branwell, großen Einfluss. Der englische Methodismus geht auf drei anglikanische Pfarrer zurück, die Anfang und Mitte des 18. Jahrhunderts ursprünglich die anglikanische Kirche reformieren wollten, schließlich aber eine Ablösung von ihr bewirkten. Die Brüder John und Charles Wesley sowie George Whitefield hatten bereits als junge Theologiestudenten in Oxford einen Zirkel gegründet, der sich der gemeinsamen Lektüre der Evangelien widmete. Die außergewöhnlich frommen Studenten erhielten von ihren Kommilitonen den Spottnamen „Methodisten“, weil sie ihr Leben strengen Regeln unterwarfen: Bibellektüre, Tagebuchschreiben, Gebet, Fasten und vor allem tätige Hilfe für Bedürftige waren feste Bestandteile ihres Alltags. Inhaltlich standen die Mitglieder des Zirkels in Opposition zur englischen Staatskirche. Wahrhaftige Verkündung der Evangelien, tätige Vernunft und offene Augen für die Bedürfnisse der Mitmenschen standen gegen ritualisierte Glaubenszeremonien und die Tatsache, dass Kirchenposten oft nach politischen Erwägungen besetzt wurden.

1787 spalteten sich die Methodisten von den Anglikanern ab, nachdem es ihnen verboten worden war, in deren Kirchen zu predigen. Speziell die arme Bevölkerung, die im 18. Jahrhundert explosionsartig zunahm, fand Gefallen an dem klaren, frommen Zuspruch, der sozialen Unterschieden wenig Beachtung schenkte. In der Folge verbreitete sich der Methodismus in immer mehr Bevölkerungsschichten.

Entstehung

Agnes Grey ist über weite Strecken die Niederschrift tatsächlicher Erlebnisse von Anne Brontë. 1839 arbeitete sie für einige Monate als Gouvernante in Blake Hall, Mirfield, und von 1840 bis 1845 in Thorp Green bei York. Vermutlich nahm sie bereits 1840, nach Abschluss ihrer ersten Stelle, die Arbeit am Roman auf. Sie schloss das Buch wahrscheinlich im Frühling 1846 ab. Auf Betreiben ihrer älteren Schwester Charlotte Brontë wurde das Manuskript als Teil eines Romanbündels verschiedenen Verlagen angeboten. Die beiden anderen Teile des Bündels waren Charlottes Roman Der Professor und Emiliy Brontës später berühmt gewordenes Werk Die Sturmhöhe.

Die drei Romane wurden unter den männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell angeboten, unter denen die drei Schwestern bereits kurz zuvor eine Gedichtsammlung veröffentlicht hatten. Die Sturmhöhe und Agnes Grey wurden vom Verleger Thomas Newby in London angenommen, jedoch sträflich vernachlässigt. Schlechtes Lektorat, Verschiebungen der Veröffentlichung sowie eine verschwindend kleine Auflage vereitelten einen unmittelbaren Erfolg von Agnes Grey.

Wirkungsgeschichte

Die wenigen Rezensionen, die Annes Romandebut besprachen, waren verhalten positiv, aber nicht begeistert. Zudem hatten die Rezensenten gerade erst Charlottes Roman Jane Eyre gefeiert, der nur zwei Monate vor Agnes Grey erschienen war und ebenfalls das Schicksal einer Gouvernante thematisierte. Da erschien der nüchternere und pädagogisch korrekte Gouvernantenroman von Anne wie eine schmucklose Variante der zwar zuerst veröffentlichten, aber später entstandenen Jane Eyre. Die beschriebenen Grausamkeiten der Kinder wurden als Übertreibung gerügt; dabei waren es gemäß Anne Brontë genau diese Szenen, die sie am wenigsten fiktional verfremdet hatte.

Erst nach Annes Tod erschien eine zweite Auflage – herausgegeben von Charlotte –, die sich als eigenständiges und günstigeres Format deutlich besser verkaufte. 1858 erschien eine Neuauflage mit 15 000 Exemplaren. Erst jetzt, im zeitlichen Abstand zu den Büchern ihrer Schwestern und nach dem Erfolg von Annes zweitem Roman Die Herrin von Wildfell Hall, erfuhr Agnes Grey die Aufmerksamkeit, die dem Werk zu Annes Lebzeiten versagt geblieben war.

Der englische Romancier George Moore bescheinigte Anne Brontë im 20. Jahrhundert den Status einer „Art literarischen Aschenputtels“. In der Tat steht Anne bis heute im Schatten ihrer weitaus erfolgreicheren Schwestern Emily und Charlotte. George Moore sagte über Agnes Grey, das Werk sei „schlicht und schön wie ein Musselinkleid“, und zählte es zu den sprachlich vollkommensten Romanen der englischen Literatur. Die drastische Darstellung der Missachtung Untergebener hatte zudem Wirkung auf Teile der Oberschicht Englands. Lady Amberly, Mutter des britischen Philosophen Bertrand Russel, bemerkte 1868, sie wolle Anne Brontës Buch erneut lesen, wenn sie eine Gouvernante verpflichte, „damit es mich daran erinnert, mich menschlich zu verhalten“.

Über den Autor

Anne Brontë wird am 17. Januar 1820 in Thornton, Yorkshire, als Tochter eines protestantischen Pfarrers und seiner methodistischen Frau geboren. Sie ist das jüngste von vier Kindern, zwei weitere Schwestern sterben im Kindesalter. Die Mutter stirbt, als Anne kaum zwei Jahre alt ist. Fortan führt die Schwester der Mutter, Elizabeth Branwell, den Haushalt. Ihr Umgang mit den Kindern hinterlässt deutliche Spuren in Annes Denken: Strenge Frömmigkeit und ein übersteigertes Sündenbewusstsein werden ihr Leben begleiten. Der Vater unterrichtet seine Kinder zunächst selbst, später übernimmt die älteste Schwester Charlotte diese Aufgabe. Alle drei Mädchen und der einzige Junge, Branwell Brontë, zeichnen und schreiben Gedichte, worin sie großes Talent zeigen. Mit 18 entschließt sich Anne, eine Stelle als Gouvernante anzunehmen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen markieren den Beginn der Arbeit am Roman Agnes Grey. Nach einigen Monaten kehrt sie zurück nach Thornton, wo sie sich in den Vikar ihres Vaters, William Weightman, verliebt; sie verlässt aber schon bald ihre Heimat für die nächste Gouvernantenstelle in der Nähe von York. Vier prägende Jahre versorgen sie mit viel Material für Agnes Grey. Anne holt ihren Bruder Branwell als Lehrer ins Haus ihrer Arbeitgeber. Der labile Branwell verliebt sich in die Hausherrin Mrs Robinson. Als die Affäre aufzufliegen droht, lässt Mrs Robinson den jungen Geliebten fallen. Anne kündigt 1845 ihre Stelle, Branwell zerbricht an seiner unerfüllten Liebe und wird opiumsüchtig. Zudem muss Anne den Verlust von William Weightman verschmerzen, der an Cholera gestorben ist. In dieser aufwühlenden Zeit komplettiert Anne die Niederschrift von Agnes Grey und arbeitet an ihrem zweiten Roman The Tenant of Wildfell Hall (Die Herrin von Wildfell Hall, 1848). Während Charlotte, Emily und Anne nun Verkaufserfolge verbuchen und der Familie ein Auskommen sichern können, ist Branwell psychisch und körperlich am Ende. Er stirbt 1848. Emily folgt ihm wenige Monate später. Anne ist mit Tuberkulose infiziert und wünscht sich eine letzte Reise nach Scarborough, wo sie mehrfach als Gouvernante tätig war. Dort stirbt sie am 28. Mai 1849.


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