Zusammenfassung von Alles zerfällt

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Alles zerfällt Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Trauriger Zerfall einer traditionsbewussten Gesellschaft

Chinua Achebes Roman Alles zerfällt gilt als die erste literarische Aufarbeitung kolonialer Traumata durch einen afrikanischen Autor. Die Geschichte des Igbo-Kriegers Okonkwo führt den Leser ins vorkoloniale Nigeria an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Einfühlsam und scharfsinnig schildert Achebe zuerst die alte Kultur der nigerianischen Igbo. Dann beschreibt er das Eindringen der christlich-europäischen Missionare, die auf perfide Art und Weise die Gesellschaft der Igbo von innen heraus zerstören. Okonkwo, der in der Tradition seiner Vorfahren aufwächst, tötet fahrlässig ein Mitglied seines Klans und muss dafür sieben Jahre ins Exil. In dieser Zeit halten die christlichen Missionare Einzug in seinen Teil des Landes. Als Okonkwo zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es war, die traditionelle Kultur der Igbo löst sich unter heftigen Wirren auf – alles zerfällt. Achebes meisterhafte Beschreibung dieser Katastrophe ist ungemein lebendig und zugleich bedrückend. Nicht umsonst gilt der Roman als Beginn der modernen afrikanischen Literatur.

Take-aways

  • Alles zerfällt ist der meistgelesene Roman eines afrikanischen Autors weltweit.
  • Inhalt: Okonkwo ist ein angesehenes Mitglied eines Igbo-Stammes. Durch ein Versehen tötet er einen Jungen und muss ins Exil. Inzwischen halten Missionare Einzug und beginnen Teile der Bevölkerung zu bekehren – unter anderem auch Okonkwos ältesten Sohn. Wieder zurück, rebelliert Okonkwo gegen die Besatzer, erkennt aber die Aussichtslosigkeit seines Kampfes und nimmt sich schließlich das Leben.
  • Achebe wuchs als Kind christlicher Eltern auf, während ein Großteil seiner Verwandtschaft dem Igbo-Glauben angehörte.
  • Er bedient sich oft der Sprache der nigerianischen Igbo und rekurriert auf ihre Sagen und Sprichwörter.
  • Er beschreibt Kultur und Gesellschaft der Igbo mit weitgehend objektivem Blick.
  • Der Roman erlangte schnell Weltruhm und wurde in über 50 Sprachen übersetzt.
  • Er ist eine Antwort auf die verzerrten Darstellungen Afrikas in der westlichen Literatur.
  • Alles zerfällt ist der erste Teil von Achebes sogenannter afrikanischer Trilogie.
  • Der Roman ist Pflichtlektüre in vielen afrikanischen Schulen.
  • Zitat: „Der weiße Mann ist listenreich. Er kam ruhig und in Frieden mit seinem Glauben. Wir haben über seine Dummheit gelacht und ihm gestattet, zu bleiben. Jetzt hat er unsere Brüder für sich gewonnen (...). Er hat ein Messer auf die Dinge gelegt, die uns zusammenhielten, und wir sind zerfallen.“
 

Über den Autor

Albert Chinụalụmọgụ „Chinua“ Achebe wird am 16. November 1930 in Ogidi, Nigeria, als Kind christlicher Eltern geboren. Viele seiner Verwandten hängen noch dem alten Igbo-Glauben an. Achebe besucht eine Missionsschule. 1944 wird er am Elitecollege von Umuahia zum Studium zugelassen und tut sich dort als hochbegabter Schüler hervor. Hier kommt Achebe in Kontakt mit den großen Klassikern der Weltliteratur. Nachdem er das üblicherweise fünfjährige Curriculum in nur vier Jahren absolviert hat, studiert er an der renommierten Universität von Ibada zunächst Medizin, dann Anglistik, Geschichte und Theologie. Sein erster Roman Alles zerfällt (Things Fall Apart) erscheint 1958. Neben zahlreichen Kurzgeschichten und Gedichten veröffentlicht er noch vier weitere Romane, darunter Heimkehr in ein fremdes Land (No Longer at Ease, 1960) und Der Pfeil Gottes (Arrow of God, 1964), die gemeinsam mit Alles zerfällt Achebes sogenannte afrikanische Trilogie bilden. Er arbeitet beim nigerianischen Radiosender NBS, als UN-Sonderbotschafter und als Literaturprofessor. Sein bedeutendster Essay ist Ein Bild von Afrika (An Image of Africa, 1975), in dem er den Roman Herz der Finsternis von Joseph Conrad dafür kritisiert, die afrikanischen Ureinwohner zu entmenschlichen. Zeit seines Lebens engagiert er sich für die Menschenrechte in seiner Heimat und äußert sich kritisch gegenüber dem Missbrauch von Autorität, Korruption und Menschenrechtsverletzungen. 1961 heiratet er seine Arbeitskollegin Christie Okoli, mit der er insgesamt vier Kinder bekommt. 1990 erleidet Achebe einen schweren Autounfall. Von da an ist er querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Wenig später erhält er eine Professur am Bard College in New York, wo er in der Folge 15 Jahre lang unterrichtet. Seine Werke werden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker International Prize. Achebe erhält mehr als 30 Ehrentitel verschiedener Universitäten weltweit. Nach kurzer Krankheit stirbt er am 22. März 2013 in Boston.

 

Zusammenfassung

Reicher Krieger aus einfachen Verhältnissen

Der Igbo-Krieger Okonkwo ist ein schwerer und starker Mann von aufbrausendem Naturell. Er ist zudem sehr streng und wird von seinen Frauen und Kindern gefürchtet. Vor rund 20 Jahren, als er noch ein junger Mann war, gelang es ihm, einen lange unbesiegt gebliebenen Ringer im Kampf zu Fall zu bringen. Dies brachte ihm Ruhm weit über seinen Klan Umuofia hinaus. Daneben brachte ihm auch sein hart erarbeiteter Reichtum große Anerkennung. Schon in jungen Jahren besaß er zwei Speicher voller Yams und drei Ehefrauen, die ihm insgesamt acht Kinder gebaren. Auch trägt er zwei Ehrentitel, die er sich als Kämpfer bei zwei Stammeskriegen verdient hat.

„Okonkwo war weithin bekannt in den neuen Dörfern, und noch darüber hinaus. Sein Ruhm gründete auf handfesten eigenen Verdiensten.“ (S. 21)

Okonkwos Start ins Leben war jedoch nicht einfach. Sein Vater Unoka, das genaue Gegenteil von ihm, scheute nicht nur jegliche körperliche Auseinandersetzung, sondern war auch faul und unbekümmert. Er hatte nichts, was er Okonkwo hätte vererben können. Er feierte gern und machte Schulden, die er nur selten zurückzahlte. Zum Sterben trug man ihn in den „bösen Busch“, ohne ein anständiges Begräbnis. Okonkwo schämte sich für seinen Vater und dessen unmännliches Verhalten. Seine größte Angst ist es, selbst für unmännlich oder ängstlich gehalten zu werden, und diese innere Angst treibt ihn zeit seines Lebens um. Bei einem reichen Bauern aus dem Dorf verdiente er sich seine ersten Saatknollen, und obwohl in seinem ersten Jahr alles Mögliche schiefging, wurde aus Okonkwo schließlich ein wohlhabender Mann. Tag für Tag arbeitet er wie ein Besessener auf seinen Feldern. Sein ältester Sohn Nwoye legt mit seinen zwölf Jahren ähnliche Züge an den Tag wie einst sein Großvater Unoka, weshalb er sich regelmäßig Prügel von Okonkwo einhandelt.

Leben in der traditionellen Stammeskultur

Eines Abends verkündet der Ausrufer, dass sich alle Männer des Umuofia-Klans, zu dem insgesamt neun Dörfer gehören, anderntags auf dem Marktplatz einfinden sollen. Rund 10 000 Männer kommen zusammen. Einer der mächtigsten Redner des Stammes hält eine Ansprache, in der er in Richtung des benachbarten Dorfes Mbaino zeigt und erklärt, dass eine Frau aus Umuofia von Männern des dort wohnhaften Stammes getötet worden sei. Nach altem Brauch beraten die Dorfältesten über die Situation und beschließen endlich, Mbaino ein Ultimatum zu stellen: Entweder das Dorf übergibt zur Wiedergutmachung einen Knaben und eine Jungfrau, oder Umuofia zieht gegen es in den Krieg. Okonkwo wird nach Mbaino geschickt, um dem dortigen Klan das Ultimatum zu unterbreiten, und kehrt zwei Tage später mit einer Jungfrau und einem 15-jährigen Jungen namens Ikemefuna im Schlepptau zurück.

„Unter den Igbo wird die Konversationskunst hoch geschätzt, und Sprichwörter sind das Palmöl, mit dem man seine Worte isst.“ (S. 25)

Das Mädchen geht als Entschädigung an den Mann, dessen Frau getötet wurde. Ikemefunas Schicksal soll zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden, und man gibt ihn erst einmal in Okonkwos Obhut. Ikemefuna hat furchtbare Angst und versteht nicht, wie ihm geschieht. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sein Vater wohl in die Tötung der Frau involviert war. Er lebt sich aber bald gut ein und die Hausgemeinschaft schließt ihn schnell ins Herz. Besonders mit Nwoye verbindet ihn ein starkes Band und sogar Okonkwo empfindet Zuneigung zu ihm – was er allerdings nie zugeben würde. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, schon bald beginnt Ikemefuna ihn „Vater“ zu nennen.

Bedenkliche Ereignisse

Eines Tages kommen die Heuschrecken über Umuofia. Es ist ein äußerst seltenes Ereignis, über das sich alle freuen. Heuschrecken gelten als Delikatesse und werden gesammelt und geröstet. Ezeudu, einer der Stammesältesten, besucht nun Okonkwo, um ihm mitzuteilen, dass man sich über Ikemefunas Schicksal einig geworden ist: Das Orakel hat bestimmt, er solle getötet werden. Da der Junge Okonkwo „Vater“ nennt, soll dieser nichts mit der Vollstreckung des Urteils zu tun haben, doch Okonkwo widersetzt sich und geht trotzdem mit. Als die Männer Ikemefuna töten wollen und sich auf ihn stürzen, sucht der Junge Schutz bei Okonkwo. Aus Angst davor, für schwach gehalten zu werden, zieht dieser sein Messer und vollbringt die Tat selbst. In der Folge leidet er furchtbar und besucht seinen Freund Obierika, der ihm prophezeit, dass seine Tat schlimme Konsequenzen haben wird.

„Zum Glück beurteilten dortzulande die Leute einen Mann nach seinem eigenen Wert, nicht nach dem seines Vaters.“ (S. 26)

Wenig später wird Ezinma krank, Okonkwos Lieblingstochter, die ihn besser als alle anderen zu verstehen scheint. Ihre Mutter Ekwefi holt Okonkwo, der sofort loszieht, um Zutaten für ein Heilmittel zu suchen. Sie haben große Angst, denn Ekwefi hatte immer großes Pech mit ihren Kindern. Sie hat insgesamt zehn Kinder zur Welt gebracht, die alle sehr früh gestorben sind. Ein Heiler hat ihr erklärt, sie werde von einem „bösen Kind“ heimgesucht, einem Dämon, der immer wieder stirbt und dann in den Mutterleib zurückschlüpft, um die Mutter abermals zu quälen. Ein anderer Heiler hat dann einen Versuch unternommen, den bösen Zauber zu brechen. Die damals geborene Ezinma blieb am Leben – und erholt sich auch dieses Mal von ihrer Krankheit.

„Anders als sein Vater konnte er sehr wohl Blut sehen. Aus dem letzten Krieg Umuofias hatte er als Erster einen Menschenkopf zurückgebracht.“ (über Okonkwo, S. 28)

Chielo, die Priesterin des Gottes Agbala, erscheint eines Abends, um Ezinma mitzunehmen und zum Gott Agbala zu bringen. Okonkwo und Ekwefi sind besorgt wegen Ezinmas geschwächter Verfassung, lassen sie dann aber schweren Herzens gehen. Ekwefi folgt den beiden heimlich, obwohl Chielo ihr befohlen hat, das nicht zu tun. Nach langem Marsch gelangt Chielo, Ezinma auf dem Rücken, zur Höhle der Gottheit und geht hinein. Ekwefi wartet vor dem Eingang. Sie erschrickt, als plötzlich ein Mann mit einem Buschmesser in der Hand auftaucht, doch es ist Okonkwo, der auch keine Ruhe findet. Sie warten gemeinsam. Als dann Chielo mit Ezinma aus der Höhle kommt, ignoriert sie deren Eltern und bringt das Mädchen unversehrt ins Dorf zurück.

Versehen mit schweren Folgen

Ezeudu stirbt. Ihm zu Ehren wird eine große Trauerfeier nach altem Brauch ausgerichtet. Bei den Feierlichkeiten kommt es zu einem Unfall: Zu wilden Trommelklängen wird getanzt und es werden Schüsse abgefeuert. Okonkwos Gewehr explodiert dabei und ein Metallsplitter bohrt sich durch das Herz des 16-jährigen Sohnes von Ezeudu. Er stirbt sofort. Diese unwillentliche und somit – nach Igbo-Interpretation – weibliche Tat führt dazu, dass Okonkwo den Klan für die Dauer von sieben Jahren verlassen muss. Sofort packen er und seine Familie ihr Hab und Gut zusammen und begeben sich ins Exil. Andere Männer des Klans kommen und machen Okonkwos Hof dem Erdboden gleich, um sein Verbrechen zu sühnen.

Leben im Exil

Okonkwo und seine Familie gehen nach Mbanta, dem Heimatdorf seiner Mutter. In seinem zweiten Jahr in Mbanta bekommt Okonkwo Besuch von Obierika und dessen Gefolge. Sie erzählen, dass weiße Männer eine weit entfernte Dorfgemeinschaft zerstört haben; nur ein paar Überlebende konnten sich nach Umuofia retten. Als Obierika nach weiteren zwei Jahren wieder zu Besuch kommt, sind die weißen Männer – christliche Missionare – nun auch nach Umuofia gelangt und haben dort eine Kirche errichtet. Obierika ist besonders besorgt, da er Okonkwos Sohn Nwoye unter den Bekehrten gesichtet hat. Als er Nwoye darauf ansprach, sagte der, Okonkwo sei nicht sein Vater. Okonkwo will darüber nicht sprechen, und Obierika kann nur von Nwoyes Mutter ein paar Fakten bekommen: Die Missionare sind auch nach Mbanta gekommen, um dort einen einzigen und wahren Gott zu predigen. Die Götter der Igbo seien Trugbilder, und Ungläubige würden nach ihrem Tod ins Feuer geworfen, während die Gläubigen ins Reich Gottes eingehen dürften. Die meisten der Einwohner von Mbanta lachten und hielten dies für Unfug, aber Nwoye war wie gebannt und spürte, dass die neue Religion viele seiner Fragen beantwortete.

Eine neue Religion

Die Missionare riefen die Würdenträger von Mbanta zusammen und baten sie um ein Stück Land für ihre Kirche. Sie bekamen einen Teil des „bösen Busches“ zugewiesen. Sie nahmen dankend an und bauten dort ihre Kirche. Die Ältesten waren sicher, dass die Christen im „bösen Busch“ bald sterben würden, doch nichts dergleichen geschah. Die Kirchengemeinde gewann langsam ein paar Anhänger, und als die 28 Tage, in denen die Igbo-Götter hätten zuschlagen sollen, ereignislos verstrichen waren, kamen noch mehr Konvertiten hinzu. Als Okonkwo erfuhr, dass sich unter ihnen Nwoye befand, wurde er wütend und schlug seinen Sohn übel zusammen. Daraufhin wandte sich Nwoye von der Familie ab. Er ging zurück nach Umuofia, um dort in die Schule des weißen Mannes zu gehen.

„Der erste Tag verging, der zweite, dritte, vierte, doch niemand starb. Alle wunderten sich. Dann ging die Kunde um, der Fetisch des weißen Mannes besäße unglaubliche Macht.“ (S. 165)

Die Kirchengemeinde Mbantas festigt sich langsam. Sie nimmt Ausgestoßene des Klans auf, rettet Zwillinge, die nach Igbo-Glauben eine Ausgeburt des Bösen sind, und kümmert sich um sie. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit dem Klan, woraufhin dieser die Christen ächtet, um nicht von der Erdgöttin für deren Frevel verantwortlich gemacht zu werden. Als einer der Bekehrten stirbt, nachdem er einen Königspython getötet hat – ein schlimmes Vergehen nach dem Glauben der Igbo –, sehen sich diese bestätigt. Okonkwo schickt etwas Geld an Obierika, damit der seine Rückkehr vorbereiten kann. Zum Abschied hält er ein Fest für die Verwandten seiner Mutter, um sich für die genossene Gastfreundschaft erkenntlich zu zeigen.

Rückkehr ins geliebte Vaterland

Natürlich hat Okonkwo einiges von seinem Status eingebüßt, aber auch Umuofia hat sich in seiner Abwesenheit sehr verändert. Die weißen Männer haben nicht nur eine Kirche gebaut, sondern auch Handelshäuser eingerichtet und ihre eigene Regierung installiert, die die Einheimischen nach den Gesetzen der Weißen verurteilt und bestraft. Okonkwo ist über diese Veränderung schwer verärgert und will in seinem kriegerischen Temperament die weißen Männer verjagen. Obierika muss ihm Einhalt gebieten, denn zu viele Mitglieder des Klans sind schon übergelaufen und verleihen den weißen Männern damit Macht. Der Leiter der Mission, Mr. Brown, ist aber ein toleranter Mann, der von vielen Igbo geachtet wird. Er spricht regelmäßig mit ihnen, in der ehrlichen Absicht, ihren Glauben zu verstehen. Immer mehr Igbo kann er davon überzeugen, in die Schule zu gehen, um lesen und schreiben zu lernen. So entstehen im Umkreis immer mehr Kirchen und Schulen. Doch Mr. Browns Gesundheit leidet und er muss sich von seinen Schäfchen verabschieden.

„,Versteht der weiße Mann unsere Landessitten?‘ ,Wie soll er das, wenn er nicht einmal unsere Sprache spricht?‘“ (Okonkwo und Obierika, S. 192)

Sein Nachfolger, Reverend Smith, hält nicht viel von solcher Sanftmut gegenüber den Igbo. Er richtet streng und ist schockiert über die Wissenslücken der neuen Glaubensanhänger. Die Situation eskaliert, als Reverend Smith Enoch Schutz bietet, der einen der Egwugwu – maskierte Männer, die die Ahnengeister repräsentieren und als Richter agieren – demaskiert hat. Das gilt als furchtbarer Frevel unter den Igbo, denn sie glauben, der Geist eines Ahnen werde so getötet. Die Egwugwu machen Enochs Hof dem Erdboden gleich. Dann gehen sie zur Kirche und legen auch sie in Schutt und Asche. Aus Respekt vor Mr. Brown tun sie aber Reverend Smith nichts an.

Falsche Entscheidungen

Wenig später lädt der District Commissioner sechs Anführer des Klans – unter anderem Okonkwo – zum „Palaver“. Er nimmt sie gefangen und droht, sie hängen zu lassen, es sei denn, sie entrichteten ein Bußgeld. Die Dorfgemeinschaft beschließt, die Strafe zu zahlen. Okonkwo brütet bereits Rachepläne aus, er hofft auf einen Krieg gegen die Weißen. Daher freut er sich, am nächsten Morgen eine große Menschenmenge auf dem Marktplatz versammelt zu sehen. Ein Redner argumentiert für einen Krieg, sowohl gegen die Weißen als auch gegen die eigenen Brüder, die sich auf deren Seite geschlagen haben. Als die Gerichtsdiener der weißen Männer kommen, um die Versammlung zu zerschlagen, verliert Okonkwo die Nerven. Er zieht sein Kampfmesser und köpft einen von ihnen.

„Der weiße Mann ist listenreich. Er kam ruhig und in Frieden mit seinem Glauben. Wir haben über seine Dummheit gelacht und ihm gestattet, zu bleiben. Jetzt hat er unsere Brüder für sich gewonnen (…). Er hat ein Messer auf die Dinge gelegt, die uns zusammenhielten, und wir sind zerfallen.“ (Obierika, S. 192)

Am folgenden Tag erscheint der District Commissioner mit seinen Soldaten auf Okonkwos Hof, doch der ist nicht da. Stattdessen bietet sein Freund Obierika den Männern an, sie zu ihm zu führen. Er bringt sie in den Wald zu einem Baum, an dem Okonkwos Leichnam baumelt, und bittet den Commissioner um Hilfe. Da Okonkwo Selbstmord begangen hat, ist es den Klanmitgliedern untersagt, ihn zu berühren oder gar zu bestatten. Der Commissioner verspricht Hilfe. Selbst will er es zwar nicht tun, um sein Ansehen zu wahren, doch er befiehlt seinen Handlangern, Okonkwos Leiche zu bergen. Im Geheimen plant er, den Zwischenfall mit Okonkwo als kurze Anekdote in ein Buch aufzunehmen, das er zu schreiben gedenkt: Die Befriedung der Eingeborenenstämme am Unteren Niger.

Zum Text

Aufbau und Stil

Alles zerfällt ist ein Roman in 25 Kapiteln. Das Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt, die den Lebensphasen Okonkwos entsprechen: das traditionelle Leben im Stamm, die Zeit im Exil und schließlich die Rückkehr in die veränderte Heimat. Die Geschichte wird chronologisch von einem auktorialen Erzähler erzählt. Allerdings unterbrechen besonders im ersten Teil zahlreiche Rückgriffe in die Vergangenheit sowie allerlei Sagen und Erzählungen aus der Kultur der Igbo den eigentlichen Plot. Im Original ist Alles zerfällt in englischer Sprache verfasst. Indem er zahlreiche Wörter, Redensarten oder Liedtexte in der Sprache der Igbo einstreut, verleiht der Autor dem Roman Lebendigkeit und Authentizität. Im zweiten und dritten Teil beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. Das Tempo zieht an und es findet sich nicht mehr viel Platz für das kulturelle Erbe der Igbo. Dieser Tempowechsel spiegelt die inhaltliche Dynamik: Durch die Ankunft der Europäer mit ihren modernen Technologien und ihren modernen Werten wird die alteingesessene und weit gemächlichere Igbo-Kultur sozusagen aus ihrem Trott gerissen. Die vielen Dialoge und Achebes Liebe zum Detail bringen den Leser außerordentlich nah ans Geschehen.

Interpretationsansätze

  • Der Titel von Alles zerfällt stammt aus dem Gedicht Das zweite Kommen von William Butler Yeats, das den Absturz der Menschheit in die Anarchie im Rahmen gesetzmäßiger historischer Zyklen beschreibt – eine Parallele zur Zerstörung der Igbo-Gesellschaft.
  • Mit seinem Roman wollte Achebe der westlichen Welt zeigen, dass afrikanische Kulturen durchaus nicht primitiv sind, nur weil die Industrialisierung und der technologische Fortschritt bei ihnen noch keinen Einzug gehalten haben.
  • Auch wollte Achebe seinen Landsleuten Mut machen und ihnen ihren Glauben an sich selbst zurückgeben, um sie gegen die westlichen Narrative zu wappnen, in denen die Christen als Erlöser primitiver Völker aus langer dunkler Nacht figurieren.
  • Achebe zeichnet ein objektives Bild der traditionellen Stammesgesellschaften und ihrer Sitten und Bräuche und schildert das Eindringen der Europäer ohne übertriebenes Pathos oder erhobenen Zeigefinger.
  • Achebe unterscheidet in seinem Roman durchaus Grade kolonialistischer Ignoranz: Mit der Figur des Reverend Smith zielt er auf jene Sorte Kolonialherren, die ohne Rücksicht und Willen zum Kompromiss in ein Land einmarschieren, um der Bevölkerung ihre Lebensweise und ihren Moralkodex aufzuzwingen. Dagegen ist die Figur des District Commissioner als Verkörperung eines reflektierteren, aufgeklärteren Typus gezeichnet, der zumindest von sich selbst glaubt, offen und tolerant zu sein: Der District Commissioner meint es gut mit den „armen Wilden“, ist aber eigentlich doch blind und unsensibel.
  • Das eurozentrische Afrikabild der Europäer bringt Achebe am Schluss des Romans auf den Punkt, indem er den District Commissioner über seine Pläne zu einem Buch sinnieren lässt, in dem er der Geschichte Okonkwos einen „ordentlichen Absatz“ widmen will.
  • Dem stellt Achebe seine Beschreibung der vielschichtigen Igbo-Kultur gegenüber, mit reichem Sprach- und Geschichtenfundus, komplexen Gesellschaftsstrukturen mit funktionalen Sitten und Bräuchen sowie einem ausgeklügelten Rechtssystem.

Historischer Hintergrund

Nigerias Weg in die Unabhängigkeit

In Nigeria waren die 1950er-Jahre geprägt von Unabhängigkeitsbestrebungen der indigenen Bevölkerung gegen die englischen Kolonialherren. Viele nigerianische Soldaten hatten im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großbritanniens gekämpft. Das bestärkte Nigeria – wie viele andere afrikanische Länder auch – in seinem Selbstbewusstsein und folglich im Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit. Im Zuge einer Dezentralisierung wurde das Land 1954 in vier autonome Regionen unterteilt, die von gewählten Gouverneuren regiert wurden. Die südwestlichen und südöstlichen Regionen erhielten 1957 eine Selbstverwaltung mit einem parlamentarischen System. Somit verlor die zentrale Regierung immer mehr an Einfluss. 1959 zogen die nördlichen Regionen nach.

Diese Ära des Umschwungs wurde stark vom Wiederaufstieg antikolonialer und nationaler Kräfte beeinflusst. Die Einheimischen besannen sich wieder auf die alten Traditionen, auch wenn diese sich von Region zu Region stark unterschieden. Im Jahr 1960, das als „Afrikanisches Jahr“ bezeichnet wird, wurde Nigeria schließlich, wie auch 17 weitere afrikanische Länder, von den Kolonialmächten in die Unabhängigkeit entlassen. 1961 beschloss der nördliche Teil des Mandatsgebiets Britisch-Kamerun, sich Nigeria anzuschließen, während der südliche Teil für den Verbleib bei Kamerun stimmte. Damit erlangte Nigeria sein heutiges Staatsgebiet.

Entstehung

Ursprünglich plante Achebe, Alles zerfällt als Geschichte über drei Generationen zu erzählen: über einen Mann, der im vorkolonialen Igbo-Land nach alter Stammestradition aufwächst und schließlich gegen die Kolonialherren kämpft; über dessen Sohn, der, durch europäische Missionare bekehrt, zum Christentum übertritt und eine Schule besucht, in der er lesen und schreiben lernt; und schließlich über den Enkel, der bereits in England ausgebildet wird und Teil einer neuen Elite wird. Im Lauf des Schaffensprozesses entschied Achebe dann aber, sich auf die erste Generation zu beschränken und sie umso ausführlicher zu behandeln.

Seine Absicht war es, mit Alles zerfällt eine Innenansicht des traditionellen afrikanischen Stammeslebens zu bieten. Bis dahin waren viele Bücher und Geschichten dazu aus westlicher Sicht erschienen, die aber kein authentisches Bild zeichneten. Sie neigten eher dazu, Afrikaner als primitive Wilde darzustellen. Diese Sicht von außen hatte Achebe in jungen Jahren beeinflusst und dazu geführt, dass er sich mit seinen eigenen Leuten nicht identifizieren konnte, sondern eher für die Europäer Partei ergriff. Erst später, als er selbst erfahrener war und kritischer las und dachte, verstand er, warum er so fühlte. Er begriff, wie groß die Macht desjenigen ist, der die Geschichte erzählt. Achebe vermied es, das Leben und die Gesellschaft der Igbo zu idealisieren, machte aber deutlich, dass sie sehr wohl ein Volk mit einer reichen Kultur waren.

Wirkungsgeschichte

Als das Manuskript von Alles zerfällt 1958 beim William Heinemann Verlag in London einging, war man sich dort nicht sicher, ob man es tatsächlich veröffentlichen sollte. Ein Erfolg schien mehr als zweifelhaft, denn bislang gab es kaum afrikanische Literatur in englischer Sprache. Doch der Roman strafte alle Bedenken Lügen und etablierte sich schnell als Schlüsselwerk moderner afrikanischer und natürlich postkolonialer Literatur. Mit ihm begann sein Verleger auch die bedeutende Reihe African Writers Series, in der auch Werke unter anderem von Wole Soyinka, Nuruddin Farah und Nelson Mandela veröffentlicht wurden.

Alles zerfällt war Achebes Antwort auf die zahlreichen westlichen Schriftsteller, die ihre Erlebnisse und Traumata in den Kolonien literarisch verarbeiteten. Sein Roman eröffnete erstmals eine indigene Perspektive und inspirierte damit eine neue literarische Bewegung in Afrika. Diese beschäftigte sich mit den Überlieferungen der eigenen Kulturen und wagte es endlich, die politischen und kulturellen Schwierigkeiten zwischen Afrikanern und Kolonialherren aufzuarbeiten. Kritische Stimmen bemängelten, dass Achebe gewisse Details seiner eigenen Kultur nicht richtig dargestellt oder gar missverstanden habe. Auch die Darstellung der europäischen Missionare traf teilweise auf Unverständnis. Dennoch ist Alles zerfällt bis heute das international meistgelesene Buch eines afrikanischen Autors. Es wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt, verkaufte sich mehrere Millionen Mal und ist Pflichtlektüre in vielen afrikanischen Schulen. Achebe gilt als Vater des modernen afrikanischen Romans.


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