Zusammenfassung von Arbeit am Mythos

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Arbeit am Mythos Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Die Macht des Mythos

Prometheus, Herakles, Medusa – die großen Namen der griechischen Mythologie sind noch immer vielen geläufig und haben über die Jahrtausende nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Woher stammt diese offenbar zeitlose Bedeutsamkeit der mythischen Stoffe? Welchen Veränderungen waren und sind sie unterworfen? Wie kann man erklären, dass sie laufend angepasst werden und im Kern doch gleich bleiben? Hans Blumenberg geht in seiner detaillierten Studie diesen Fragen nach und erläutert seine Antworten am Beispiel des wohl meistbearbeiteten Mythos: Prometheus. Der Autor setzt seine eindrücklich breit gefächerten Kenntnisse in Philosophiegeschichte, Literatur, Anthropologie und Psychoanalyse ein, um die Wirkungsmacht der Mythen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen darzustellen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, das vom Leser nicht nur umfangreiches Vorwissen verlangt, sondern auch die Bereitschaft, sich auf mitunter verschlungene Gedankengänge einzulassen. Wer hier mithalten kann und will, wird in Blumenberg einen kenntnisreichen Begleiter durch die europäische Geistesgeschichte finden.

Take-aways

  • In Arbeit am Mythos geht der Philosoph Hans Blumenberg der Frage nach, warum Menschen Mythen brauchen.
  • Laut Blumenberg sind wir einer chaotischen Wirklichkeit ausgeliefert, vor der wir uns fürchten.
  • Wissenschaft, Religion und eben auch die Mythen sind Versuche, System in diese Wirklichkeit zu bringen.
  • Der Mythos ist nicht das archaische Gegenteil des Logos (Vernunft), sondern eine durchaus vernünftige Strategie, die Welt weniger bedrohlich zu machen.
  • Mythen haben einen allgemeingültigen Kern, der etwas zeitlos Wichtiges vermittelt.
  • Sie sind „umständlich“: Auch die Götter können nicht einfach agieren, wie sie wollen, sondern müssen sich an Regeln und Prozeduren halten.
  • In der Frühzeit wurden Geschichten bloß mündlich überliefert; nur die prägnantesten überlebten. Deshalb sind die Kerninhalte von Mythen so beständig.
  • Der vielleicht am meisten bearbeitete Mythos ist der des Prometheus.
  • Goethe z. B. setzte sich selbst als Dichter mit dem Menschenschöpfer gleich; später entdeckte er Parallelen zwischen Prometheus und Napoleon.
  • Hans Blumenberg war ein Universalgelehrter. Er lebte sehr zurückgezogen und widmete sich gegen Ende seines Lebens fast ausschließlich dem Schreiben.
  • Arbeit am Mythos ist eine sehr anspruchsvolle Lektüre, die ohne einen hohen Bildungsstand kaum zu bewältigen ist.
  • Heute beschäftigen sich Wissenschaften wie die Hirnforschung oder die Evolutionspsychologie mit der Entstehung von Mythen.
 

Zusammenfassung

Was ist der Mythos?

Den Menschen im Naturzustand kann man sich als ein zutiefst von Angst erfülltes Wesen vorstellen, das sich der Welt und ihren Kräften hilflos ausgeliefert sah. Diese zunächst unspezifische Existenzangst konnte der Mensch überwinden, indem er sie in Furcht vor bestimmten Mächten umwandelte. So entstanden Geschichten, die das Ungeheure fassbar, das Furchtbare verständlich machen sollten und auch konnten: die Mythen. Insofern steht der Mythos nicht der Rationalität, dem Logos, entgegen; er ist vielmehr ein Versuch der Vernunft, das Unbegreifbare begreifbar zu machen. Die Mythen halfen den Menschen, ihr Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit zu verarbeiten.

„Die Angst ist auf den unbesetzten Horizont der Möglichkeiten dessen, was herankommen mag, bezogen.“ (S. 12)

Die Aufgabe des Mythos ist zuallererst, die Welt weniger unheimlich zu machen. Entsprechend sind der Mensch und das glückliche Leben in Mythen kaum je ein Thema. Der Mythos ist in seiner Grundfunktion nicht anthropozentrisch, d. h. der Mensch steht nicht im Mittelpunkt; erst die im Mythos beschriebenen göttlichen Handlungen wirken sich auf den Menschen aus. Dennoch geraten die Götter in den Mythen in höchst menschliche Konflikte und gleichen sich im Lauf der Entwicklung sowohl äußerlich als auch in ihren Handlungen den Menschen an.

„Die Grenzlinie zwischen Mythos und Logos ist imaginär (…). Der Mythos selbst ist ein Stück hochkarätiger Arbeit des Logos.“ (S. 18)

Die bekannte Wendung „vom Mythos zum Logos“ missversteht grundlegend den Zusammenhang zwischen Mythos und Vernunft. Die Entwicklung von Mythen ist eine Verstandesleistung, mit der die Welt weniger bedrohlich gemacht wird. Wie die wissenschaftliche Theorie ist sie ist eine Methode der Welterklärung; entgegen der weitläufigen Meinung muss sie aber nicht unbedingt die schlechtere Methode sein. Letztlich haben alle wissenschaftlichen Theorien, religiösen Anschauungen und mythischen Geschichten ein gemeinsames Ziel: die chaotische Wirklichkeit in ein System von Regeln zu bringen, mit dem sie – zumindest vorgeblich – beherrschbar wird.

Mythen sind „bedeutsam“ und „umständlich“

Allen Mythen ist gemein, dass sie „Bedeutsamkeit“ besitzen: Sie sprechen uns als Subjekte an, haben aber gleichzeitig auch einen objektiven Bezug zur Wirklichkeit, einen allgemeingültigen Kern, der etwas zeitlos Wichtiges vermittelt. Bedeutsamkeit kann entstehen, wenn nackte Tatsachen durch eine Geschichte erläutert werden. Man kann aber auch von Bedeutsamkeit sprechen, wenn etwas Unerträgliches von einer Geschichte abgemildert wird. Eine dritte Möglichkeit, Bedeutsamkeit zu schaffen, besteht in der Darstellung des Konflikts zwischen lebensfeindlicher Wirklichkeit und dem Leben selbst. Ein Beispiel dieser dritten Form ist der Odysseus-Mythos.

„Mythen sind Geschichten hochgradiger Beständigkeit ihres narrativen Kerns und ebenso ausgeprägter marginaler Variationsfähigkeit. Diese beiden Eigenschaften machen Mythen traditionsgängig (…)“ (S. 40)

Ein weiteres wichtiges Merkmal des Mythos ist seine „Umständlichkeit“: Mythen beruhen durchweg auf der Annahme, dass auch göttliche Wesen sich nicht einfach verhalten können, wie sie wollen. Auch sie müssen sich Ritualen und Prozeduren unterziehen, müssen Regeln beachten und haben Macht nur innerhalb des ihnen zugestandenen Bereichs. Das beste Beispiel hierfür ist Poseidon, der über Odysseus’ Schicksal keine Macht mehr hat, sobald sich dieser an Land begibt. Selbst Göttervater Zeus kann nicht ohne Umständlichkeit handeln: Er muss sich verkleiden und seine Gegner überlisten.

Wie entstand der Mythos?

Was am Mythos zuerst ins Auge fällt, ist die eigentümliche Konstanz seiner Kerninhalte. Die Stoffe sind so allgemeingültig und eingängig, dass sie kaum erfunden sein können. Wie lässt sich erklären, dass diese Kerngeschichten über so lange Zeit weitergegeben wurden? Eine – zugegeben wenig befriedigende – Antwort wäre: Die Urtümlichkeit und Prägnanz kommt daher, dass wir alle „angeborene Ideen“ der Mythen haben.

„Auch sehr gutes Wissen über Unsichtbares – wie Strahlungen oder Atome oder Viren oder Gene – macht der Furcht kein Ende.“ (S. 40)

Eine plausiblere Erklärung ergibt sich, wenn man die Ansicht aufgibt, die Mythen seien bereits in ihrer ursprünglichen Form schriftlich festgehalten worden, und annimmt, dass die Verschriftlichung den Schlusspunkt einer heute kaum mehr vorstellbaren Rezeptionsgeschichte darstellt. Die Menschheitsgeschichte lässt sich in eine Phase der Mündlichkeit und eine der Schriftlichkeit aufteilen. In der frühen Phase waren alle Vorträge einer sofortigen Kritik unterworfen: Wenn eine Geschichte nicht gefiel, wurde sie geändert, verbessert – oder schlicht vergessen. Was erhalten blieb, war das absolute Optimum. So ist die Prägnanz der Mythen zu erklären, denn nur die besten Stoffe überlebten. Diese Form der strengen Selektion ist in der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar, eine Phase der reinen Mündlichkeit wird es nicht mehr geben. Darin könnte der Grund liegen, dass alle neuzeitlichen Versuche einer „Remythisierung“ scheitern mussten: Neue Mythen können nicht einfach so erfunden werden.

„Bedeutsamkeit muss also einen eigenen Wirklichkeitsbezug, ein Fundament von Wirklichkeitsrang, haben. Wirklichkeitsrang bedeutet nicht den empirischen Nachweis; an seine Stelle kann Selbstverständlichkeit, Vertrautheit, archaische Weltzugehörigkeit treten.“ (S. 78)

Während es also unmöglich erscheint, aus dem Nichts einen völlig neuen Mythos zu schaffen, so sind dem Spiel mit den vorhandenen Grundfiguren doch kaum Grenzen gesetzt. Immer schon haben Autoren versucht, aus dem Schatz der vorhandenen mythischen Stoffe Grundmythen zu extrahieren und Kunstmythen zu schaffen.

Mythos und Dogma

Der Mythos und das christliche Dogma werden gern als gleichwertige Quellen der europäischen Geistesgeschichte angesehen. Dabei gibt es grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden, was ihre Entstehung und Wirkung betrifft. Der Mythos musste aufgrund seiner Abhängigkeit von der mündlichen Tradition zum einen anschaulich sein, um zu überleben, zum anderen offen für Änderungen bleiben, um immer wieder erzählt zu werden. Das erlaubt selbst parodistische Umformungen und Übersteigerungen.

„Solange nicht geschrieben wird, wird erzählt; und es überlebt nur, was so lange immer wieder erzählt werden kann, bis es aufgeschrieben wird.“ (S. 176)

Demgegenüber besitzt die christliche Buchreligion anstelle der Anschaulichkeit eine abstrakte Begrifflichkeit und ist aufgrund ihrer Festgeschriebenheit unabänderlich. Dass diese Eigenschaften der Verbreitung und Akzeptanz des Christentums nicht eben förderlich waren, kann man u. a. an der Umgehung des Bilderverbots sehen: Der Mensch scheint ein Grundbedürfnis nach Anschaulichkeit zu besitzen, dem die Kirche – entgegen ihren eigenen Geboten – immer und zu allen Zeiten nachkam, etwa mit einprägsamen und bildreichen Heiligengeschichten.

„Alles, was das Dogma erfordert, erlässt der Mythos. Er fordert keine Entscheidungen, keine Bekehrungen, kennt keine Apostaten, keine Reue. Er erlaubt Identität noch in der Verformung zur Unkenntlichkeit, ja noch in der Anstrengung, ihn zu Ende zu bringen.“ (S. 269)

Im Gegensatz zum christlichen Dogma will der Mythos keine ewigen Wahrheiten vermitteln, er moralisiert nicht und gibt auch keine letztgültigen Erklärungen. Stattdessen zeigt er sich tolerant gegenüber allen, die an ihm arbeiten wollen, ja er fordert seine Neuerfindung förmlich heraus. Der Mythos kennt demnach auch keine Anhängerschaft und keine Abweichler: Jede noch so einzigartige, widersprüchliche Figur kann problemlos integriert werden. Diese Kraft musste auch das Christentum immer wieder nutzen, wenn es glaubhaft bleiben wollte: Wo sich im Dogma Widersprüche zeigen, bedarf es eines Mythos, um sie zu vereinen.

Prometheus

Alle genannten Eigenschaften des Mythos lassen sich am Beispiel des Prometheus hervorragend nachweisen. Kaum ein Stoff hat die europäische Geistesgeschichte so bewegt, entzweit und immer neu fasziniert wie der Mythos des Titanen, der den Göttern das Feuer raubt, um es den Menschen zu geben, die er selbst aus Lehm getöpfert hat. Prometheus wird für diesen Frevel von Zeus bestraft, indem man ihn für alle Zeit an einen Felsen kettet, wo der Unsterbliche von einem Adler immer wieder aufs Neue ausgeweidet wird. Der Stoff wurde bereits in der Antike mehrfach neu gestaltet.

„Das Dilemma der christlichen Dogmengeschichte liegt darin, einen trinitarischen Gott zu definieren, aus dessen Pluralität keine mythische Lizenz folgen darf.“ (S. 290)

Schon früh war klar, dass es dem Christentum unmöglich war, die eindrückliche Macht des Mythos vollständig zu zerstören. Die einzige Alternative war die Fruchtbarmachung der mythischen Stoffe für die eigenen Ziele: Wenn Prometheus schon nicht auszulöschen war, musste er eben ins christliche Themenfeld eingearbeitet werden. Diese Nutzung des mythischen Potenzials ging natürlich nicht ohne Verluste ab. Um die Dogmen nicht zu verletzen, musste die Variationsfähigkeit des Mythos aufs Äußerste strapaziert werden. Wenn man z. B. Prometheus mit dem Schöpfer des Menschen, also Gott, gleichsetzt, dann muss die Strafe am Ende der Geschichte notwendigerweise gestrichen werden, denn es darf ja niemanden geben, der noch über Gott stünde und eine solche Bestrafung verhängen könnte.

„Wenn der Name des Prometheus in der christlichen Allegorese und Metaphorik auftauchen durfte, so nur als Prototyp des einen Gottes in beiden Funktionen, als Menschenschöpfer und Menschenerlöser.“ (S. 389)

Weitere Variationen ließen nicht lange auf sich warten: Prometheus habe nicht wirklich die Menschen geschaffen, sondern nur ihre ersten Abbilder, er sei also der Erfinder und Schöpfer der Kunst; oder Prometheus sei Adam, der durch sein Aufbegehren gegen Gott mit dem Verlust des Paradieses bestraft worden sei; Prometheus sei Kain, der das den Eltern geraubte Paradies zurückstehle. Neben diesen Versuchen, den Mythos in die christliche Lehre zu integrieren, wurde er auch schon früh als Allegorie in den Dienst historischer, politischer und philosophischer Argumentation gestellt: Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, Christoph Martin Wieland u. a. machten sich die Eindrücklichkeit des Prometheus-Mythos zunutze.

Goethes Prometheus

Die Vielseitigkeit und Variationsfähigkeit des Prometheus-Mythos wird wohl nirgends deutlicher als in der Biografie und dem Werk Johann Wolfgang von Goethes. Erste Annäherungsversuche und Bearbeitungen des Stoffes lassen sich bei ihm bereits Anfang der 1770er Jahre belegen. In der frühen Schaffensperiode war es vor allem das Bild von Prometheus in seiner Werkstatt, das Goethe faszinierte: Prometheus als Entsprechung des Dichters, der sich gegen den Willen Gottes erhebt und Menschen schafft, wodurch er selbst zum Gott wird. Diese Deutung, die Goethe in einer Ode verarbeitete, löste in der geistigen Elite Deutschlands schon bald heftige Diskussionen und Auseinandersetzungen aus, war sie doch ein eindeutiger Affront gegen das christliche Dogma.

„Die Pointe der frühen Prometheus-Rezeption durch Goethe liegt in der aufs ästhetische Genie beziehbaren Werkstatt-Ikone.“ (S. 440 f.)

Doch diese Phase in Goethes Biografie, die Gleichsetzung der eigenen Person mit der Figur des Schöpfers Prometheus, sollte nicht lange währen. Sie endete mit dem Auftritt Napoleons. Jetzt setzte der Dichter diesen mit Prometheus gleich, und tatsächlich sind die Gemeinsamkeiten der mythischen Figur mit dem französischen Feldherrn zahlreich: Auch Napoleon erschaffte sich eine Welt, indem er die vorhandene unterwarf – das kann nur, wer nicht Mensch, sondern etwas Größeres, ein Titan ist –, er widersetzte sich den Regeln und wurde am Ende bestraft: mit der Verbannung auf einen Felsen, St. Helena.

„Um (…) tun zu können, was Gott nicht will, gibt es nur ein schlüssiges Konzept: selbst ein Gott zu werden. Das hat, wie unausdrücklich auch immer, eine polytheistische Voraussetzung: die des unbestimmten Artikels beim Gottesnamen.“ (S. 441)

Schon vor ihrem persönlichen Treffen im Jahr 1808 übte der französische Imperator auf Goethe eine Faszination aus, die sich nicht allein aus dessen politisch-militärischer Macht erklärt. Napoleon steht für das, was Goethe das „Dämonische“ nennt: Wer es hat, ruht in sich, hinterfragt sich nicht, steht in gewisser Weise über den anderen Menschen, über der Moral, sogar über dem Recht.

Das Ende des Mythos?

Mit Goethe hat die Bearbeitung des Prometheus-Mythos keineswegs ein Ende gefunden, vielmehr lässt sich im 19. Jahrhundert eine neue Welle der Prometheus-Rezeption feststellen. Zu den illustren Interpreten zählen u. a. Karl Marx, der aus einer kulturkritischen Perspektive den Feuerraub untersuchte, Heinrich Heine, der vielfältige Variationen des Mythos schuf – auch er im Zusammenhang mit Napoleon und mit sich selbst –, und nicht zuletzt Friedrich Nietzsche, der den Mythos in jeder seiner Schaffensperioden neu deutete und schließlich sogar das Ende umschrieb: Zeus befreit Prometheus, dafür zerstört dieser seine Geschöpfe und verspricht, sie neuer und besser zu erschaffen. Zum Trost erhalten die Menschen die Musik.

„Es gibt kein Ende des Mythos, obwohl es die ästhetischen Kraftakte des Zuendebringens immer wieder gibt.“ (S. 685)

Am Ende des 19. Jahrhunderts versetzte André Gide Prometheus ins moderne Paris. Gides Version scheint die letzte verbliebene Möglichkeit gewesen zu sein, den Mythos zu variieren. Allerdings wurde schon oft behauptet, dass es nun nichts mehr zu diesem Thema zu sagen gäbe – bis eine neue Sicht, ein neuer Ansatz alles veränderte und die Arbeit am Mythos fortgesetzt wurde.

Zum Text

Aufbau und Stil

Hans Blumenbergs 700-Seiten-Werk ist eine nicht immer systematisch aufgebaute Abhandlung zu verschiedenen Kernfragen rund um das Thema Mythologie. Das Buch ist in fünf größere Kapitel untergliedert, wobei sich die ersten beiden mit den generellen Merkmalen des Mythos, seiner Entstehung und seiner Weitergabe beschäftigen. Die letzten drei Kapitel behandeln den wohl meistrezipierten Mythos, den des Prometheus. Blumenberg verfolgt die Auseinandersetzung mit dem Stoff von der Antike bis zur Moderne; sein besonderes Augenmerk richtet er auf Goethe. Hans Blumenberg gilt als einer der letzten Universalgelehrten. Seine Biografen und Rezensenten haben immer wieder festgestellt, dass er seine Bücher eigentlich für sich selbst, nicht für Leser schrieb. Er verzichtet auf Einleitungen, steigt sofort mitten in die Diskussion ein, springt mitunter willkürlich zwischen verschiedenen Fragen hin und her und lässt immer wieder spitzfindige Anekdoten in die eher theoretischen Ausführungen einfließen. Doch nicht nur inhaltlich verlangt Blumenberg seinen Lesern einiges ab: Sein Stil ist überaus geschliffen und eloquent; der Autor lässt sich nicht dazu herab, einzelne Vokabeln zu erläutern oder gar einzuführen. Wer Geisteswissenschaften mit einigem Fleiß studiert hat, wird an dem Buch seine Freude haben – andere Leser werden sich eher abgeschreckt fühlen.

Interpretationsansätze

  • Blumenberg stellt in Arbeit am Mythos seine eigene Mythentheorie auf. Dabei kämpft er gegen den oft aufgestellten Gegensatz von Logos (Vernunft) und Mythos an. Der Drang, die Wirklichkeit verstehen zu wollen, sie zu strukturieren und ihr einen Sinn zu geben, ist für Blumenberg das entscheidende Moment, das jeder Mythenbildung zugrunde liegt. Mythen widersprechen der Vernunft nicht, sondern gehen im Gegenteil aus ihr hervor.
  • Der Mythos hat für Blumenberg die Funktion einer Lebenshilfe. Der Mensch schafft sich eine Wirklichkeit, die er begreifen und akzeptieren kann.
  • Blumenberg beschreibt die europäische Geistesgeschichte als Mythengeschichte: Er stellt Philosophen, Literaten und Wissenschaftler von der Frühantike bis ins 20. Jahrhundert vor, die sich mit dem Thema Mythos beschäftigt haben. Die Mythenforschung dient ihm als Vehikel, um wichtige Entwicklungen in den verschiedenen Disziplinen aufzuzeigen.
  • Obwohl Blumenberg keinesfalls eine „Remythisierung“ anstrebt und alle diesbezüglichen Anstrengungen für Unsinn hält, schimmert in seinen Ausführungen doch eine gewisse Wissenschaftskritik durch. Insbesondere scheint ihn das Selbstverständnis einer Wissenschaft zu stören, die sich allen anderen Möglichkeiten der Weltdeutung überlegen fühlt. Laut Blumenberg leistet der Mythos etwas, was der Empirie und der Philosophie längst nicht immer gelingt: „Auch sehr gutes Wissen über Unsichtbares – wie Strahlungen oder Atome oder Viren oder Gene – macht der Furcht kein Ende.“
  • Moderne Wissenschaften sind dabei, Blumenbergs Theorie zu revidieren und weiterzutreiben: die Hirnforschung, indem sie ergründet, wo und wie genau im Hirn Mythen gedacht und gespeichert werden, und die Evolutionspsychologie, die erklären will, warum sich das Verhalten der Mythenbildung in den 200 000 Jahren der Existenz des Homo sapiens entwickelt hat.

Historischer Hintergrund

Der Mythos im Wandel der Zeit

Der Begriff „Mythos“ bezeichnet im Griechischen nicht mehr als eine Erzählung, eine Sage. Die Anfänge dieser literarischen Form sind heute nicht mehr zu ergründen. Zu den bekanntesten Niederschriften von Mythen der griechisch-römischen Antike zählen die Theogonie von Hesiod, die Odyssee von Homer und die Metamorphosen von Ovid.

Bereits die vorsokratischen Philosophen bedienten sich der Mythen, um mit ihnen die Wirklichkeit zu erklären. Noch bei Platon entsprechen sich Mythos und Philosophie. Erst Aristoteles machte jene Unterscheidung, die später die Aufklärung prägte: Während der Mythos nur eine theologische Erzählung sei, beruhe die Philosophie auf dem Logos, der Vernunft und dem wissenschaftlichen Vorgehen. In der Renaissance wurden die Mythen den christlichen Lehren gegenübergestellt: Beide erzählten Geschichten, jedoch müssten Letztere ernst genommen werden, während die Mythen Freiraum zur Ausgestaltung und künstlerischen Interpretation ließen.

Die Philosophie der frühen Neuzeit versuchte, die Wirkungsmacht der Mythen zu brechen, indem sie deren Wahrheitsgehalt infrage stellte. Für die Aufklärer war klar: Alle Menschen sollen durch den Gebrauch ihres Verstandes gleich werden und endlich ihrem Irr- und Aberglauben abschwören. Die Opposition dieser Sichtweise wurde zur Kernidee der Romantik: Friedrich Wilhelm Schelling u. a. rehabilitierten den Mythos, in dem sie eine frühzeitliche Erkenntnisform sahen, die den Menschen noch immer etwas Tiefgründiges zu sagen habe. Daher auch die Vorliebe romantischer Dichter für Volksmärchen und Sagen. Friedrich Nietzsche sprach dem Mythos ebenfalls eine wichtige Funktion zu. Diese gehe in der Moderne zunehmend verloren: Mythenlosigkeit führe zu einer Art Identitätsverlust des Menschen, analysierte er.

Im 19. Jahrhundert setzte sich die Auffassung durch, die mythischen Grundkonflikte seien sozusagen unausrottbar, sie würden sich immer wiederholen, ohne dass die Menschheit daraus lerne – Aufklärung hin oder her. Thomas Mann fasste das Wesen des Mythos als „zeitlose Immer-Gegenwart“ auf. Sigmund Freud wiederum entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Theorie, die Mythen seien nichts anderes als Projektionen der menschlichen Konflikte und Probleme auf übermenschliche Wesen. Heute wird weithin davon ausgegangen, dass die Mythen eine Art gemeinsamen Nenner der menschlichen Kultur darstellen, in dem allen Unterschieden zum Trotz etwas Allgemeinmenschliches zum Ausdruck kommt.

Entstehung

Hans Blumenberg war ein Vielleser, der über ein gigantisches Wissen zur europäischen Geistesgeschichte verfügte. Dementsprechend vielfältig sind die Quellen, auf die er in Arbeit am Mythos zurückgreift. Allein im ersten Unterkapitel zitiert er 22 Autoren. Aus dieser Vielzahl von Vordenkern stechen einige heraus, auf deren Schriften und Theorien er immer wieder detailliert eingeht. Die These, dass die Menschen im Naturzustand ihre Angst überwunden hätten, indem sie die unbekannten Mächte der Welt in Geschichten fassten, findet sich bereits bei Giovanni Battista Vico und David Hume und wurde später u. a. von Friedrich Nietzsche weiter ausgearbeitet. Auch die Philosophen des Existenzialismus, insbesondere Martin Heidegger, haben diese Existenz- oder Lebensangst untersucht und werden von Blumenberg zitiert. Die psychoanalytische Fokussierung auf die Funktion des Mythos ist dagegen eindeutig von Sigmund Freud inspiriert.

Wirkungsgeschichte

Wohl nirgendwo ist das Thema Mythos so umfangreich und ergiebig behandelt worden wie in Blumenbergs Arbeit am Mythos. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass aktuelle Schriften zum Mythos, sei es in der Philosophie oder der Literaturwissenschaft, neben den Namen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (Dialektik der Aufklärung, 1969) um Blumenberg nicht herumkommen. Der Autor selbst führte seine Gedanken 1981 in Wirklichkeiten, in denen wir leben fort: Unser Umgang mit der Welt besteht demnach darin, dass wir sie nach eigenen Vorstellungen erfinden.

Außerhalb der akademischen Kreise blieb Blumenbergs Werk weitgehend unbeachtet. Das verwundert nicht: Im Gegensatz zu manchen zeitgenössischen Populärphilosophen wollte Blumenberg nie die breite Masse erreichen. „Seine Texte sind schwer zugänglich, nicht für eine breite Leserschaft bestimmt, eher schon für ein gebildetes, um nicht zu sagen erlesenes Publikum“, sagte der Philosoph und Blumenberg-Kenner Franz Josef Wetz. So wird Arbeit am Mythos wohl auf Dauer ein Standardwerk für Spezialisten bleiben.

Über den Autor

Hans Blumenberg wird am 13. Juli 1920 als Sohn eines Kunstgroßhändlers in Lübeck geboren. Um heiraten zu dürfen, hat die Mutter vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertieren müssen. Seine Herkunft bereitet Blumenberg spätestens bei der Suche nach einem Studienplatz Probleme: Als „Halbjude“ darf er in der damaligen Zeit nicht an regulären deutschen Hochschulen studieren. Deshalb beschließt er, sich als Katholik an theologischen Hochschulen, erst in Paderborn, dann in Frankfurt am Main, zu immatrikulieren. Schließlich wird er jedoch auch dort ausgeschlossen. Nach einem schweren Bombenangriff auf Lübeck im Jahr 1942 baut Blumenberg das Geschäft seinen Vaters wieder auf, anschließend arbeitet er als Einkäufer in der Industrie. Anfang 1945 wird er ins Arbeitslager Zerbst abtransportiert, aus dem er dank der Hilfe seines ehemaligen Vorgesetzten fliehen kann. Er versteckt sich bei seiner späteren Frau Ursula, mit der er vier Kinder haben wird. Nach dem Krieg setzt Blumenberg sein Studium (Philosophie, Germanistik und Philologie) in Hamburg fort und promoviert 1947 in Kiel. In den Jahren 1958–1985 lehrt er an verschiedenen deutschen Universitäten Philosophie und ist engagiertes Mitglied mehrerer Forschungsgemeinschaften. Schon während dieser Zeit zieht er sich immer mehr von der Außenwelt zurück. Für seine Schriften wird er mit bedeutenden Preisen und Ehrenwürden ausgezeichnet. Seine Arbeiten umfassen einen weit gespannten Themenkatalog, der mit der Formel „europäische Geistesgeschichte von der Antike bis heute“ grob abgesteckt werden kann. Ab 1985 wird Blumenberg vollends zum Einsiedler, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er stirbt am 28. März 1996 in Altenberge in der Nähe von Münster.


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    F. K. vor 7 Monaten
    Super Beitrag! Bei einigen Zitaten fehlt jedoch die Seitenzahl. Könnte das nachgereicht werden?
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      Andreas Neisser vor 7 Monaten
      Danke für den Hinweis! Wir haben die Seitenzahlen ergänzt.
  • Avatar
    B. P. vor 8 Jahren
    Ich bräuchte eine längere und genauere /Zusammenfassung / Analyse des Werkes.