Zusammenfassung von Berliner Kindheit um neunzehnhundert

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Berliner Kindheit um neunzehnhundert Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Autobiografie
  • Moderne

Worum es geht

Bruchstücke einer Kindheit

Wenn man sich an seine Kindheit und Jugend erinnert, dann geht das kaum, ohne die eigene Position im Hier und Jetzt mit einzubauen. So richtet auch der deutsche Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin in Berliner Kindheit um neunzehnhundert seinen Blick in die Vergangenheit und verknüpft die Kindheitserinnerungen an mehreren Stellen mit seiner Gegenwart: Anfang der 30er Jahre, schon unter dem Schatten der heraufziehenden Nazidiktatur, zeichnete er in den Miniaturen verklärte Momentaufnahmen einer glücklichen, bürgerlich-sicheren Kindheit, aber er erkannte auch erste Anzeichen für die Saat der Barbarei, die ihm die Gegenwart vergällte. Intime Einblicke in das Schlafzimmer eines kranken Kindes, Odysseen durch Berliner Gärten und Parks, alte Kinderverse, missverstandene Märchen, heimelige Besuche bei Verwandten wechseln sich ab mit Beschreibungen des wilhelminischen Deutschland, wie beispielsweise eines Gangs zur Siegessäule oder der ruckartigen Reise um die Welt in der Bilderschau des "Kaiserpanoramas". Zu Recht gilt diese Sammlung von Momentaufnahmen aus der Kindheit im Kaiserreich als eine der eindrücklichsten deutschsprachigen Autobiografien.

Take-aways

  • Berliner Kindheit um neunzehnhundert ist eine Sammlung schlaglichtartiger Jugenderinnerungen des deutschen Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin.
  • Das Buch besteht aus 30 kleinen Prosastücken, in denen der Autor jeweils ein oder zwei Ereignisse aus seiner Kindheit herausgreift.
  • Die Erinnerung macht sich oft an Kleinigkeiten fest, etwa an dem Blick in Berliner Innenhöfe.
  • In der Bilderschau im "Kaiserpanorama" bricht der junge Betrachter zu einer Weltreise auf, ohne dass er sich vom Fleck bewegen musste.
  • Den Sommer verbringt die Familie Benjamin meist in Wohnungen in Babelsberg oder Potsdam: Hier eröffnet sich dem Kind das Spiel in freier Natur.
  • Aber auch in den Gärten Berlins hat Walter seine Lieblingsplätze, beispielsweise beim Fischotter im Zoo.
  • Er ist häufig krank, was sich in zahlreichen Fehlstunden bemerkbar macht. Immerhin kann er auf dem Krankenlager die Tugend der Geduld lernen.
  • Er wünscht sich, einmal einem Brand oder anderen aufregenden Unglücksfällen beizuwohnen - doch selbst den Einbruch im elterlichen Haus verschläft er.
  • Etwa 1932 begann Benjamin mit der Arbeit an der Erzählsammlung.
  • Mehrere Publikationsversuche scheiterten, sodass das Buch erst 1950, zehn Jahre nach dem Tod des Autors, veröffentlicht wurde.
  • Herausgeber war Benjamins Freund, der Philosoph Theodor W. Adorno.
  • Der jüdischstämmige Walter Benjamin musste in der Nazizeit ins Exil gehen; in einem spanischen Grenzort nahm er sich 1940 das Leben, um der Auslieferung zu entgehen.

Zusammenfassung

Die Lauben von Berlin

Erinnerungen an die Kindheit schlummern oft lange in einem Menschen, um dann irgendwann einmal wieder geweckt zu werden. Der Blick in einen Berliner Innenhof von einer markisenumschatteten Laube ist eine wichtige Erinnerung Walter Benjamins an seine eigene Kindheit. Er malt sich aus, dass die schlanken Säulenfiguren, die die Lauben trugen, damals zu ihm hinabstiegen, um ihm ein Lied zu singen. Das Rascheln der Bäume, der Anblick des Hofes, ja selbst das Hoch- und Herunterlassen von Jalousien sind Fixpunkte der Erinnerung. Den jungen Benjamin beschäftigte vor allem der in das Pflaster eingelassene Baum, den er immer wieder mit den Bäumen verglich, die in ganz ähnlicher Weise an den Haltestellen der Droschken verankert waren. An manchen Vormittagen schien der Sommer eingesperrt in die Höfe, wie es Benjamin später auch von anderer Position, namentlich vom Bahndamm aus, beobachtete. Berlin sieht in der Gegenwart des sich Erinnernden ganz anders aus, die Lauben jedoch haben sich am wenigsten verändert. Sie sind eingegraben in die Erinnerungen, wo sie wie ein Mausoleum erscheinen, in dem das Kind sich befindet.

Kaiserpanorama und Siegessäule

Im so genannten Kaiserpanorama konnte man eine Rundreise um die ganze Welt antreten, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Man saß in einem Rundbau und schaute durch zwei Glasscheiben auf die Bilder, die sich im steten Takt vor einem hinwegbewegten. Das Klingeln, welches das nächste Bild ankündigte, erfüllte den Betrachter jedes Mal mit der Wehmut des Abschieds - ein Gefühl, das der später erfundene Film nicht erzeugen konnte.

„Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit.“ (S. 11)

Die Siegessäule steht in Berlin wie ein Kalenderblatt. Und genau wie ein solches hätte man sie abreißen sollen, als der Sedantag, der offizielle Feiertag zum Gedenken an den Sieg über die Franzosen und die Reichsgründung, nicht mehr begangen wurde. Als Kind jedoch hätte sich Benjamin kein Jahr ohne Sedantag vorstellen können. Er erklomm die Stufen zur Siegesallee und betrachtete voller Bewunderung die Figuren eines Bischofs, der heiligen Katharina und der heiligen Barbara. Dass die Kanonen an der Siegessäule von den Franzosen stammen sollten, konnte der junge Benjamin nicht verstehen: Hatten die Franzosen denn mit goldenen Kanonen geschossen? Den unteren Wandelraum wagte er nicht zu betreten, denn er vermutete hier grausame Darstellungen, wie er sie einmal in einem bebilderten Band von Dantes Göttlicher Komödie gesehen hatte.

Schmetterlinge, Pfauenfedern und Fischotter

Die heiße Jahreszeit verbrachte die Familie in Sommerwohnungen in der Umgebung. Hier konnte sich Walter der Schmetterlingsjagd widmen. Abseits der Wege folgte er den Kohlweißlingen oder Zitronenfaltern, lauerte auf seine Chance, sie beim Abheben von einer Blüte zu fangen und daheim fein säuberlich aufzubewahren. Bei der Jagd wurde er selbst zum flatterhaften Schmetterling und hinterließ nicht selten ein Schlachtfeld auf den Wiesen und in den Gärten, in die ihn das Jagdfieber gelockt hatte. Manchmal hielt sich die Familie in Potsdam auf: Sanssouci, Charlottenhof, Babelsberg, so hießen die benachbarten hohen Häuser. Der kleine Walter Benjamin machte sie sich für einen Sommer zu Königreichen, die er erobern konnte. Den Auftrag, auf der Pfaueninsel Federn der prächtigen Tiere zu sammeln, nahm er sehr ernst - und war enttäuscht, dass keiner der Vögel seine Federn fallen ließ. Im Zoologischen Garten war sein Lieblingstier der Fischotter. Doch nur ganz selten bekam er den geschäftigen Gesellen zu Gesicht, was ihn nicht daran hinderte, immer wieder zu seiner Behausung zu pilgern. Dort liebte er es, dem Regen zuzusehen, wenn er in dicken Strichen zu Boden donnerte. Dann meinte er, dass der ganze Regen sich hier sammeln würde - beim Otter.

Telefon und erste Bücher

Zwischen Wäschetruhe und Gasometer hing das Telefon. Das schrille Läuten des neumodischen Geräts wurde für den Jungen zum Alarmsignal, etwa wenn ihn nachmittags ein Schulkamerad verlangte. Es war ein Kraftakt, die beiden Hörer abzuheben, die schwer waren wie Blei. Den Kopf eingeklemmt zwischen den beiden Schallmuscheln, ergab er sich dann wehrlos jedem Vorschlag, der an ihn erging.

„Sie stand auf dem weiten Platz wie das rote Datum auf dem Abreißkalender.“ (über die Siegessäule, S. 16)

In den unteren Klassen wurden Bücher aus der Schülerbibliothek verteilt, zur großen Freude des jungen Benjamin. Die Bücher waren alt, sie waren durch die Hände vieler Leser gewandert und hatten die etwas schmuddelige Patina angesetzt. Beim Lesen hielt er sich die Ohren zu. Dann sprach das Buch so lautlos zu ihm wie das Schneegestöber, das er an manchem kalten Wintertag in der behaglichen Stube "belauscht" hatte. In den Büchern las er von fremden Ländern - Alaska, Babylon und Bagdad - und sog die Luft, die aus ihnen zu ihm drang, begierig in sich auf: den Duft von Abenteuer und Gefahr.

Wünsche und unsterbliche Omas

Jeder Mensch hat einen Wunsch, den er gerne einer guten Fee erzählen möchte. Auch Benjamin hatte einen. Er entstand wohl eines Wintermorgens, als ihn das Kindermädchen um halb sieben weckte und ihm einen Bratapfel im Ofen briet. Magisch angezogen vom geheimnisvollen Duft des Apfels, verflog seine Müdigkeit - um ihn dann später auf der harten Schulbank umso härter zu treffen. Hier tat er seinen Wunsch: ausschlafen zu können. Als der Wunsch später, als er ohne Anstellung war, in Erfüllung ging, fragte er sich, ob er nicht töricht gewesen sei.

„Auf Tag und Stunde war das Telefon mein Zwillingsbruder.“ (S. 18)

Walters Großmutter mütterlicherseits wohnte im Blumeshof 12. Die alte Dame war viel gereist, und ihre Stube erzählte mit zahlreichen Bildern und Postkarten von den Exkursionen. Die Wohnung war gediegen, strahlte bürgerliche Sicherheit aus. Die Möbel waren aus den 1870er Jahren, solide und haltbar. Die große Stube und der Erker, in dem die Oma mit ihrem Handarbeitszeug zu sitzen pflegte, verwandelten sich zur Weihnachtszeit in einen magischen Ort. Dann schimmerte der glänzende Baum im Erker, die lange Tafel war im Raum aufgestellt und überall lagen Geschenke. Aber der Junge wagte es nicht, sich ihrer zu erfreuen, bevor er sie tatsächlich zugeteilt bekam - zu groß war das Risiko, dass die vermeintlich ihm zugedachten Präsente jemand anderem galten. Die Großmutter starb nicht in dieser Wohnung, sondern anderswo, genauso wie die Großmutter väterlicherseits, die gegenüber wohnte. So wurde der Blumeshof für den kleinen Walter zum Hort unsterblicher Großmütter.

Auf dem Krankenlager

Benjamin war als Kind viel krank. Gelernt hat er daraus Geduld, die Fähigkeit, warten zu können, ja das Warten sogar zu genießen. Wenn der Arzt die beginnende Krankheit erkannte, ihn ins Bett schickte und ihm obendrein das Lesen verbot, begann Walter damit, die Zeit abzuschätzen, in der er vor dem einsetzenden Fieber noch klar denken oder nach der Mutter rufen konnte. Krankheit bedeutete, ein reines Gewissen zu haben: Das für die heimliche Lektüre unter dem Kopfkissen verborgene Buch konnte und wollte er nun nicht hervorholen. Dafür gab es Geschichten von der Mutter. In den Bergen und Tälern seines Kissens kannte sich Benjamin in der Zeit der Bettlägerigkeit bestens aus, er spielte Kaufladen mit seinen Fingern und machte Schattenspiele an der Wand. So unmerklich wie die Krankheit kam, ging sie auch wieder. Sie meldete sich noch einmal zu Wort, als die Schulzeugnisse verteilt wurden: "Gefehlt - einhundertdreiundsiebzig Stunden" stand da zu lesen.

Krumme Straße, krumme Verse

Viele Verlockungen verhieß die Krumme Straße. In ihrem Knick lag die Badeanstalt, an die sich Benjamin ungern erinnert. Als Kind war er immer froh, wenn dort das Wasser gewechselt wurde und dann ein Schild mit der Aufschrift "Geschlossen" den Eintritt verwehrte. In der Straße fanden sich auch noch eine Pfandleihe, vor deren Pforten sich außerdem Trödler niedergelassen hatten, und ein Schreibwarengeschäft. Hier galt es, neben den harmlosen Groschenheften und Kontobüchern die anstößigen Dinge herauszupicken: Broschüren und Postkarten, die offen die Unzucht zur Schau stellten. Nicht weit von dort lag der städtische Lesesaal, den Benjamin zu seinem Revier erklärte und dessen Geruch er liebte.

„Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung.“ (S. 23)

Kinderverse entstellte der kleine Walter. So machte er die "Muhme Rehlen" (Muhme = veraltet für Tante), die in einem Kinderreim vorkam, kurzerhand zur "Mummerehlen", einer Geistergestalt, weil er mit dem Wort "Muhme" nichts anfangen konnte. Die Erinnerungen an "sein" 19. Jahrhundert sind nicht geprägt von Geschützlärm, Musik von Offenbach oder Pferdehufen auf Pflastersteinen. Seine Erinnerung beinhaltet eher die Geräusche des Eisenofens, das Knallen des Glühstrumpfs der Lampe, Klingeln und Scheppern - und die Zeile des alten Kinderverses von der Mummerehlen, dessen Protagonistin er nie kennenlernte.

Ein Gespenst

Die elterliche Wohnung bot Raum für viele Versteckspiele. Walter verbarg sich gerne unter dem Tisch, hüllte sich in die Tischdecke ein und erwartete voller Spannung die Entdeckung, die er zumeist mit einem Schrei quittierte. Einmal im Jahr jedoch fand er die geheimen Orte gespickt mit allerlei Naschwerk - Ostereier. Eines Nachts hatte der sieben- oder achtjährige Knabe einen Traum von einem Gespenst, das sich am Wäscheschrank im Elternschlafzimmer zu schaffen machte. Der Junge behielt den Traum für sich. In der darauf folgenden Nacht nahm er gerade noch wahr, dass seine Eltern zu später Stunde sein Schlafzimmer betraten und sich darin einschlossen. Erst am nächsten Tag wurde klar, warum: Eine Einbrecherbande hatte sich in der Nacht ins Haus geschlichen, und die Eltern hatten versucht, vom Schlafzimmer des Jungen aus Hilferufe auf die Straße hinauszuschicken. War der Traum eine Vorahnung gewesen?

Weihnachtszeit und Unglücksfälle

Weihnachten: So wie sich die Tannenbäume und die Hütten des Weihnachtsmarktes über die Stadt verbreiteten, kam auch die Armut zum Vorschein: Die Armen der Stadt verkauften Lametta und Kerzen und die Freigiebigen schickten ihre Kinder mit Almosen zu den Hungerleidern. Der spannendste Moment kam für den kleinen Walter am Weihnachtstag selbst, an dem er bis sechs Uhr abends in seinem Zimmer ausharrte, um auf die Bescherung zu warten. In der Dunkelheit des Raumes, aus dem er auf die Straße hinaussah, um hinter den anderen Fenstern bereits angezündete Kerzen wahrzunehmen, schien es ihm, als würde sich ihm ein Weihnachtsengel nähern. Wie ein Windhauch war er jedoch schnell wieder verschwunden - und der Weihnachtsabend war da.

„Die Uhr im Schulhof sah beschädigt aus durch meine Schuld. Sie stand auf ‚zu spät’.“ (S. 26)

Der kleine Walter jagte dem Verbrechen und den Unglücksfällen nach: Einbrecher, Feuer, sterbende Tiere, Mord: Die Stadt versprach so viel davon, aber der Junge bekam fast nichts mit. Wie gerne hätte er gesehen, wo die Feuerwehr hinfuhr, wie gerne hätte er einmal beobachtet, wie die Rettungsringe an den Brücken zum Einsatz kommen oder der Hagel die Scheiben der Wohnung durchschlägt. Schließlich erlebte er aber doch noch einen Unglücksfall: Da stand ein fremder Herr im Arbeitszimmer des Vaters und bedrohte ihn. War er zur Tür hereingekommen, weil die Türkette nicht vorgelegt war? Oder war alles nur ein Traum des Jungen, ausgelöst eben durch die väterliche Ermahnung, immer die Türkette vorzulegen?

Der Nähkasten, der Mond und das bucklicht Männlein

Der Nähkasten der Mutter war ein Unikum. Besonders lustig und verlockend war der Fingerhut, ein Teil, das sich jedes Kind gern überstülpt. Ärgerlich war es jedoch, wenn die Mutter kurz vor dem Ausgehen an der Kleidung des Jungen irgendeine Stelle entdeckte, der sie mit Nadel und Faden zu Leibe rücken musste. Dann hieß es: still dastehen und die Näherei über sich ergehen lassen. Vor allem in der Winterzeit wurden auch die Kinder zu fleißigen Nähern, die unterschiedliche Materialien nach Mustern mit Motiven versahen.

„Beim Lesen hielt ich mir die Ohren zu.“ (S. 27)

Nachts erwachte Walter oft und sah, wie der Mond mit bläulichen Strahlen in sein Zimmer schien. Es war, als sei alles, was im Mondlicht stand oder lag, in eine andere Welt entrückt. Der Mond malte Bänder auf den Waschtisch. Stand der Junge auf, erschien es so, als würde er alles zweimal tun, einmal auf der echten und einmal auf der mondbeschienenen Nebenerde.

„Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es für jeden.“ (S. 29)

Manchmal war ihm, als würde er das "bucklicht Männlein" aus den Versen im Kinderbuch leibhaftig vor sich sehen, beispielsweise wenn er durch die Gitter in die Kellerfenster spähte. Das Männlein war ein Gnom, der ihn des Nachts besuchte. Die Mutter klärte Walter darüber auf, dass sich der Vers auf die menschliche Ungeschicklichkeit bezog, aber der Knabe hatte den Eindruck, dass es den Gnom tatsächlich gab. Und dieser begleitete ihn durch seine Kindheit um neunzehnhundert.

Zum Text

Aufbau und Stil

Walter Benjamins Kindheitserinnerungen sind eine Sammlung von 30 Miniaturen oder Prosaskizzen. Mehr oder weniger fragmentarisch werden bestimmte Punkte der eigenen Vergangenheit ans Licht geholt. Der kürzeste Text umfasst eine halbe, der längste fünf Seiten. Benjamins Stil kann man über weite Strecken als gedrängt und knapp bezeichnen. Zu Recht heißt es im Nachwort des Herausgebers: "Das Stilideal des späten Benjamin (...) war die nüchterne Darstellung des Besonderen; ein überaus komplexer Lakonismus". Dies bestätigt sich auch in der Tatsache, dass Benjamin, wie ein nachgelassenes Typoskript zeigt, zahlreiche Straffungen und Kürzungen der Ursprungstexte vorgenommen hat. Die Bilder, die der Autor von seiner Berliner Kindheit zeichnet, sind komplex, verwinkelt, teilweise auch etwas sperrig. An einigen Stellen blitzen die Bezüge zur eigenen Gegenwart - dem Leben im Exil, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten - hervor, und dadurch erscheint das Bild der Vergangenheit umso verklärter. Im Vorwort der letzten, in Paris angefertigten Fassung schreibt der Autor, er habe solche Bilder verwendet, "die im Exil das Heimweh am stärksten zu wecken pflegen". Viele Formulierungen im Text prägen sich aufgrund ihrer Poesie ins Gedächtnis des Lesers ein.

Interpretationsansätze

  • Das Buch ist Benjamins wehmütiger Rückblick auf eine Welt und eine Zeit, die unwiederbringlich vergangen sind, verschüttet unter der Barbarei der Nationalsozialisten. Benjamins Kindheitserinnerungen scheinen den Thesen verpflichtet, die er in der Schrift Über den Begriff der Geschichte (1939) formuliert hat. Dort heißt es: "Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten."
  • Benjamin beschwört mit Vorliebe solche Vergangenheitsbilder, die ihm in der Rückschau als bedeutsam für sein späteres Leben erscheinen - im Positiven wie im Negativen. Da sind z. B. die ersten Begegnungen mit Büchern als Vorausdeutung auf den späteren Schriftsteller, da ist aber auch der kindliche Wunsch nach der Möglichkeit des Ausschlafens, der die schwierige Berufssituation des Erwachsenen gewissermaßen negativ vorwegnimmt.
  • Berlin-Nostalgiker kommen mit diesem Buch kaum auf ihre Kosten: Denn es sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht die großen Plätze und die Landmarken Berlins, die bei Benjamins Erinnerungen eine tragende Rolle spielen. Es ist vielmehr eine Welt aus dem Blickwinkel des Kindes: Erker, Flure, Treppenhäuser, Lauben, das Bett und Schränke stellen seine Erfahrungswelt dar.
  • Erstaunlich ist, dass Benjamins großbürgerliche Eltern in den Erinnerungsfragmenten keine besonders wichtige Rolle spielen. Die Mutter hat nur im Zusammenhang mit der Krankheit des Jungen ihren großen Auftritt, als Geschichten erzählende, streichelnde und tröstende Pflegerin. Der Vater wird als streitender, Donnerworte ausstoßender Patriarch beschrieben.

Historischer Hintergrund

Berlin an der Schwelle zum 20. Jahrhundert

An einigen Stellen in Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert finden sich Bezüge zur Zeitgeschichte, so etwa in dem Text "Die Siegessäule" über ein Berliner Monument, das 1864-1873 gebaut wurde und an Siege der Preußen über Dänemark, Österreich und Frankreich erinnern sollte. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet. Mehrere nationalstaatliche Strömungen des 19. Jahrhunderts waren der Reichsgründung vorangegangen, zustande kam sie aber letztlich nicht "von unten", sondern durch Verträge zwischen dem Norddeutschen Bund und einigen süddeutschen Staaten wie Bayern, Hessen, Baden und Württemberg. An die Spitze dieses Bundes aus insgesamt 25 deutschen Staaten wurde gemäß der Bismarck’schen Reichsverfassung vom 16. April 1871 ein Kaiser gesetzt: Erster Amtsinhaber wurde der König von Preußen, Wilhelm I. Pikanterweise wurde die Proklamation im Spiegelsaal von Versailles noch während des Deutsch-Französischen Krieges durchgeführt - eine Schmach für Frankreich. 1888 kam Kaiser Wilhelm II. auf den Thron, ein machtbewusster 29-Jähriger, dem die deutsche Kaiserwürde weitaus mehr bedeutete als die Tatsache, preußischer König zu sein.

Das Wilhelminische Zeitalter brachte Pomp und Prunk, hatte aber auch seine Schattenseiten, vor allem für die ärmere Bevölkerung. Berlin, die Hauptstadt Preußens und des Reichs, war ein Abbild dieser Widersprüche: Glänzende Prachtbauten gab es dort ebenso wie dunkle, heruntergekommene Mietskasernen. Die Verbesserung der hygienischen Zustände, eine Mitte der 90er Jahre einsetzende Hochkonjunktur, eine bessere Versorgung mit Nahrung und viele Neuerungen wie elektrifizierte Straßenlampen, Straßenbahnen, U-Bahn und Automobile machten Berlin wie auch andere Ballungszentren zunehmend attraktiv. Der Zustrom in die Städte wurde immer größer; zwischen der Reichsgründung und 1910 wuchs die städtische Bevölkerung in Berlin um das Zweieinhalbfache.

Entstehung

Die Entstehungsgeschichte von Benjamins Jugenderinnerungen nachzuvollziehen, ist nicht leicht, zumal sie eng mit der Wirkungsgeschichte verknüpft ist. Vermutlich im Herbst 1932 hat Benjamin damit begonnen, seine Kindheitserinnerungen aufzuzeichnen. Zunächst trugen sie den Titel Berliner Chronik. Bereits ein Jahr später sagte er, er könne den Text "als abgeschlossen ansehen". Das Manuskript umfasste 30 Einzelstücke und wurde dem Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin angeboten, aber nicht gedruckt. Ähnlich ging es der zweiten Fassung, die Benjamin, bereits im Exil, 1934 dem Erich Reiss Verlag anbot. Auf Ibiza hatte er dem Buch vier oder sechs (Genaueres lässt sich nicht sagen) weitere Stücke hinzugefügt. Auch diese zweite Fassung wurde nicht gedruckt, ebenso wenig wie die dritte, die "Fassung letzter Hand", die Benjamin 1938 ausarbeitete. Veröffentlicht wurde das Buch schließlich erst zehn Jahre nach Benjamins Tod, und zwar in einer von Theodor W. Adorno 1950 besorgten Edition, die sich aber nicht auf die letzte von Benjamin erarbeitete Fassung, sondern auf etliche Manuskripte, Typoskripte und Vorabdrucke in Zeitungen stützte, die Adorno aufgetrieben hatte. 1972 wurde das Buch für die Gesammelten Schriften Benjamins neu aufgelegt und um inzwischen aufgefundene Stücke ergänzt. Erst 1981 konnte die Literaturwissenschaft der "Fassung letzter Hand" von 1938 habhaft werden: In der Pariser Nationalbibliothek wurde der Text gefunden. Benjamin hatte ihn 1940 vor seiner Flucht dort verstecken lassen.

Wirkungsgeschichte

"Für jemanden, dessen Schriften so zerstreut sind wie meine und dem die Zeitumstände die Illusion nicht mehr gestatten, sie eines Tages gesammelt zu sehen, ist es eine wahre Bestätigung, hier oder dort einen Leser zu wissen, der in meinen verzettelten Arbeiten sich auf irgendeine Art heimisch zu machen gewusst hat." So bedauerte Benjamin selbst das Neben- und Durcheinander seiner Schriften. Tatsächlich wurde das Gesamtwerk erst nach dem Tod des Autors zusammengetragen. Ähnlich kompliziert wie die Editionsgeschichte von Berliner Kindheit um neunzehnhundert verlief es auch mit den Gesammelten Schriften, von denen die Jugenderinnerungen ein Teil sind. Erst 1999 wurde die 1972 begonnene Werkausgabe von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser vollendet. Die obskuren Wege, die Teile des Nachlasses Benjamins gegangen sind machten immer neue Ergänzungen nötig, um die Gesamtausgabe aktuell zu halten: Sieben Bände, 5200 Druckseiten plus 2600 Seiten wissenschaftlicher Apparat ergaben ein Œuvre, das vor allem ab den 70er Jahren auf wachsendes Interesse in den Kulturwissenschaften stieß. Die Linksintellektuellen der 60er Jahre machten Benjamin zu einem der ihren. Insgesamt kann man festhalten, dass der Einfluss von Benjamins gesellschafts- und kunsttheoretischen Ideen auf verschiedene geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen nach seinem Tod ungleich größer ist als zu seinen Lebzeiten.

Über den Autor

Walter Benjamin wird am 15. Juli 1892 in Berlin geboren. Dort wächst er in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf, besucht das Gymnasium und macht 1912 sein Abitur. Anschließend nimmt er sein Studium der Philosophie, deutschen Literatur und Psychologie auf. Er studiert in Freiburg im Breisgau, München, Berlin und schließlich in Bern. 1915 lernt er den jüdischen Mystiker Gershom Scholem kennen. Mit ihm wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. Zwei Jahre später heiratet er Dora Sophie Pollak, mit der er einen Sohn hat. 1919 schließt Benjamin seine Promotion über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik ab. Dann versucht er sich in Berlin als freier Schriftsteller, kommt aber mehr schlecht als recht über die Runden. Ein eigenes Zeitschriftenprojekt scheitert. In dieser Zeit entsteht u. a. sein Essay über Goethes Wahlverwandtschaften. Benjamin knüpft Kontakte zu Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer. Sein Habilitationsprojekt Ursprung des deutschen Trauerspiels an der Frankfurter Universität zieht er selbst zurück, als eine Ablehnung seitens der Universität absehbar ist. Benjamin sympathisiert mit der Sowjetunion, wird allerdings selbst nie Mitglied einer kommunistischen Partei. 1926 reist er nach Moskau, nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris, wo er mit Franz Hessel an der Übersetzung der Werke von Marcel Proust gearbeitet hat. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flieht Benjamin endgültig nach Paris, arbeitet von hier aus für das Frankfurter Institut für Sozialforschung und an eigenen Projekten. Unter anderem entstehen der viel zitierte Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936), verschiedene Baudelaire-Studien und das so genannte Passagen-Werk, das unvollendet bleibt. 1932 beginnt er damit, seine Kindheitserinnerungen niederzuschreiben. Kurz nach Kriegsausbruch entsteht sein letzter Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Paris flieht er nach Lourdes und versucht im Herbst 1940 nach Spanien zu gelangen. Da ihm die Auslieferung an die Nazis droht, nimmt Benjamin sich am 26. September 1940 im spanischen Grenzort Portbou das Leben, wo heute ein Denkmal an ihn erinnert.

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