Zusammenfassung von Canterbury-Erzählungen

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Canterbury-Erzählungen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Erzählsammlung
  • Mittelalter

Worum es geht

Kurzweilige Pilgerfahrt

Eine Gruppe von Pilgern ist auf dem Weg nach Canterbury. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie sich unterwegs Geschichten – die Canterbury-Erzählungen. Es ist eine bunte Gesellschaft, die sich da zusammengefunden hat: Mönche und Nonnen, ein Ritter, einige Handwerker, ein Ablasshändler, ein Büttel, ein Gutsbesitzer, ein Arzt und viele andere. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Geschichten, die sie einander erzählen: Vom Heldengedicht bis zum deftigen Schwank ist alles dabei. Der Engländer Geoffrey Chaucer entwirft in dieser Sammlung ein einzigartiges Bild der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Es ist in mehrfacher Hinsicht ein revolutionäres Werk: Erstmals zeichnet ein Dichter seine Figuren als Individuen. Zum ersten Mal in der englischen Literaturgeschichte kommen Menschen aus dem einfachen Volk zu Wort und stehen gleichberechtigt neben den Vertretern von Adel und Klerus. Darüber hinaus handelt es sich um eines der ersten Werke, das in der Volkssprache Englisch verfasst ist. Nicht umsonst würdigt man Chaucer noch heute als Begründer der englischen Literatur und sein Werk als zeitlosen Klassiker, der die Leser auch 600 Jahre nach seiner Entstehung noch immer prächtig unterhält.

Take-aways

  • Geoffrey Chaucers Canterbury-Erzählungen gelten als grundlegendes Werk der englischen Literatur.
  • Inhalt: In einer Herberge treffen rund 30 Pilger aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten aufeinander, die alle auf dem Weg nach Canterbury sind. Sie schließen sich zusammen, und um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie sich unterwegs Geschichten.
  • Jede Figur erzählt eine Geschichte, die ihrem Stand und Charakter entspricht. So entsteht eine Sammlung ganz unterschiedlicher Texte.
  • Die Canterbury-Erzählungen sind in ihrer Vielfalt ein Spiegelbild der mittelalterlichen Ständegesellschaft.
  • Der Form nach orientiert sich das Werk an der Geschichtensammlung Das Dekameron von Giovanni Boccaccio.
  • Chaucer hat neben eigenen Erzählungen auch Texte anderer Autoren in das Buch integriert.
  • Als einer der ersten Autoren verwendete er die Volkssprache Englisch und führte etliche formale Neuerungen ein.
  • In der Folge ließen sich zahlreiche Schriftsteller von dem Werk inspirieren oder versuchten, den unvollständig gebliebenen Text zu ergänzen.
  • Geoffrey Chaucer war ein hochstehender Beamter am englischen Königshof.
  • Zitat: „Den langen Weg zu kürzen, soll jeder vier Geschichten uns erzählen; zwei auf dem Weg nach Canterbury hin, zwei andere, wenn wir heimwärts ziehen; Geschichten aus der guten alten Zeit.“
 

Zusammenfassung

Die Pilger

Der Erzähler Chaucer befindet sich auf einer Pilgerfahrt nach Canterbury zum Grab des heiligen Thomas Becket und schließt sich in einer Herberge einer Gruppe von 29 Pilgern an, die dasselbe Ziel haben. Hier haben die unterschiedlichsten Menschen zusammengefunden, vom Ritter über den Handwerker und den Gutsverwalter bis hin zum Ablasshändler. Als sie abends in der Herberge zusammensitzen, macht ihnen der Wirt einen Vorschlag, wie sie sich die Reise unterhaltsamer gestalten können: Jeder von ihnen soll sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg jeweils zwei Geschichten erzählen. Die beste soll mit einem guten Essen belohnt werden. Die Pilger sind von der Idee begeistert. Und um die Geschichten nicht zu verpassen, schließt sich ihnen auch der Wirt an. Das Los entscheidet, wer beginnen soll.

Die Erzählung des Ritters

Zwei junge Männer, Palamon und Arcita, Kriegsgefangene am Hof des Königs Theseus, verliebten sich beide in Emilia, die Schwester der Königin. Darüber gerieten sie so sehr in Streit, dass sie am Ende gegeneinander kämpften. Theseus aber trat dazwischen und bestimmte, dass beide in genau einem Jahr wiederkommen und in einem Turnier um Emilia kämpfen sollten. Sie willigten ein. Ein Jahr später gewann Arcita das Turnier, stürzte aber danach vom Pferd und starb. So bekam Palamon Emilia schließlich doch zur Frau.

Die Erzählung des Müllers

Ein alter Zimmermann hatte eine hübsche junge Frau namens Alison. Er vermietete ein Zimmer an den Astrologie-Studenten Nikolas, der ein Auge auf Alison warf. Sie war ihm auch nicht abgeneigt, und so dachten sich die beiden eine List aus, wie sie den Zimmermann für eine Nacht loswerden könnten. Nikolas erzählte ihm, er habe in den Sternen gelesen, dass am nächsten Tag eine Sintflut kommen werde. Sie könnten sich alle retten, wenn der Zimmermann drei Tröge unter das Dach hängen würde, mit denen sie wegschwimmen könnten, sobald das Wasser käme. Der Zimmermann glaubte ihm, und in der folgenden Nacht saßen die drei auf dem Dachboden und warteten auf die Flut. Bald schlief der Zimmermann ein, und Alison und Nikolas konnten nach unten ins Schlafzimmer entschwinden. Plötzlich tauchte mit Absalon ein weiterer Verehrer von Alison auf, der durchs Fenster einen Kuss von ihr wollte. Alison ging zum Schein darauf ein, streckte ihm aber ihr nacktes Hinterteil entgegen, und Absalon bemerkte den Betrug zu spät. Voller Wut ließ er sich vom Schmied ein glühendes Eisen geben, kehrte zurück und verlangte noch einen Kuss. Nun streckte Nikolas sein Gesäß zum Fenster hinaus, und Absalon drückte das glühende Eisen darauf. Als Nikolas nach Wasser schrie, um die Brandwunden zu kühlen, hörte das der Zimmermann und glaubte, die Flut sei gekommen. Er stieg in einen Trog, kappte das Seil – und stürzte ab, woraufhin sich Nikolas und Alison über ihn lustig machten, weil er ihre Geschichte geglaubt hatte.

Die Erzählung des Rechtsgelehrten

Konstanze, die Tochter des Königs von Rom, war so tugendhaft, dass selbst ein Sultan in Syrien davon gehört hatte und sie heiraten wollte. Dazu empfing er die Taufe, was seiner Mutter gar nicht gefiel. Nach Konstanzes Ankunft ließ sie ihn und alle anderen Christen töten. Nur Konstanze wurde verschont und allein in einem Schiff auf dem Meer ausgesetzt. Weil sie unter Gottes Schutz stand, landete sie nach langer Irrfahrt in England. Sie wurde zu einem Schloss gebracht und war auch dort in kurzer Zeit wegen ihrer Tugend hoch geachtet. Schließlich nahm König Alla sie zur Frau. Konstanze brachte bald einen Sohn zur Welt. Zu der Zeit war Alla gerade auf einem Kriegszug. Man schickte einen Boten zu ihm, doch Allas Mutter, die ihrer Schwiegertochter feindlich gesinnt war, tauschte die Antwort des Königs gegen einen Brief aus, der die Anweisung enthielt, Mutter und Kind wieder mit dem Schiff aufs Meer zu schicken. Als Alla zurückkam und den Betrug aufdeckte, erschlug er seine Mutter. Konstanze und ihr Kind blieben verschwunden. Mit dem Schiff strandete sie irgendwann in Rom und wurde von ihrem Vater aufgenommen. Einige Zeit später pilgerte Alla nach Rom und fand dort seine Frau und seinen Sohn.

Die Erzählung des Mönchs

Das Glück ist wankelmütig, und oft enden gerade die, die erst mächtig und erfolgreich sind, im Elend. Das belegen viele Beispiele aus der Bibel und der Mythologie, aber auch aus der Historie. So kam Alexander der Große, der ein gewaltiges Reich eroberte, schließlich durch feige Giftmischerei zu Tode, und Julius Cäsar, der als erfolgreicher Feldherr nach Rom zurückkehrte und Kaiser wurde, fiel Verrätern zum Opfer.

Die Erzählung des Nonnenpriesters

Eine arme Witwe hatte einen besonders schönen Hahn und mehrere Hennen. Eines Nachts sah der Hahn im Traum einen Fuchs. Das beunruhigte ihn sehr, doch seine Lieblingshenne lachte ihn aus. Also ging der Hahn auch an diesem Morgen hinaus in den Hof. Da sah er tatsächlich einen Fuchs im Gemüsegarten. Er wollte fliehen, doch der Fuchs bat ihn, einmal besonders schön zu krähen. Als der Hahn sich darauf einließ, schnappte ihn der Fuchs und schleppte ihn in den Wald. Die Witwe bemerkte das, rief um Hilfe, und bald wurde der Fuchs von Menschen und Tieren verfolgt. Der Hahn, der um sein Leben kämpfte, gab dem Fuchs den Rat, seinen Verfolgern klar zu sagen, dass seine Beute jetzt ihm gehöre. Der Fuchs öffnete das Maul, um diesen Rat zu befolgen, wodurch sich der Hahn auf den nächsten Baum flüchten konnte. Schmeichelnd bat ihn der Fuchs, doch wieder herunterzukommen, doch diesmal fiel der Hahn nicht darauf herein.

Die Erzählung des Ablasshändlers

In einem Wirtshaus saßen drei Männer zusammen, tranken und spielten Karten. Als sie hörten, dass ein Bekannter von ihnen gestorben war, machten sie sich auf den Weg, um den Tod zu vernichten. Unterwegs begegnete ihnen ein alter Mann. Er zeigte ihnen einen Baum, unter dem sie den Tod finden würden. Aber als sie dort ankamen, stießen sie nur auf eine Menge Goldstücke. Sie beschlossen, das Geld zu bewachen, bis es dunkeln würde, und es dann unter sich aufzuteilen. Zwei blieben vor Ort, der Dritte ging in die Stadt, um für alle etwas zu essen und zu trinken zu holen. Derweil beschlossen die beiden anderen, den Dritten zu töten und das Geld durch zwei zu teilen. Doch der Dritte hatte ähnliche Pläne und mischte Gift in den Wein. Als er zu den anderen zurückkam, töteten sie ihn – dann tranken sie von dem Wein und starben ebenfalls. So hatten sie alle drei unter dem Baum den Tod gefunden.

Die Erzählung der Frau von Bath

Am Hof von König Artus lebte einst ein Ritter, der ein junges Mädchen vergewaltigte, worauf die Todesstrafe stand. Die Königin wollte ihm aber noch eine Chance geben: Wenn er ihr sagen könne, was die Frauen am meisten begehrten, solle er am Leben bleiben. Für die Beantwortung gab sie ihm ein Jahr und einen Tag Zeit. Der Ritter fragte überall herum, bekam aber die unterschiedlichsten Antworten. Schließlich musste er schweren Herzens wieder zurück an den Hof. Da begegnete ihm eine hässliche alte Hexe. Sie bot ihm an, ihm die Antwort verraten, wenn er ihr einen Wunsch erfüllen würde. Der Ritter ging darauf ein, und die alte Hexe löste das Rätsel: Frauen möchten nur die Männer beherrschen. Diese Antwort gab der Ritter der Königin und erhielt darauf die Freiheit, denn weder die Königin selbst noch irgendeine Frau am Hof konnte etwas dagegen sagen. Doch nun äußerte die Hexe ihren Wunsch: Sie wollte den Ritter heiraten. Dieser war entsetzt, musste sich aber fügen. Als die Hexe seine Abneigung bemerkte, fragte sie ihn, was er lieber hätte: eine junge, hübsche Frau, die anderen Männern nachläuft, oder eine hässliche alte, die ihm treu ist. Diese Frage konnte der Ritter nicht beantworten. Er überließ der Hexe die Entscheidung, was für die Beziehung am besten wäre. Daraufhin wählte die Hexe beides: Sie wollte sowohl jung und hübsch als auch treu sein. Von da an waren sie ein glückliches Paar.

Die Erzählung des Studenten

In Italien lebte ein Fürst, der bei seinen Untertanen sehr beliebt war. Doch er war nicht verheiratet und hatte daher keine Nachkommen. Deshalb baten ihn die Bürger eines Tages, zu heiraten, damit kein Fremder über sie herrschen würde. Daraufhin wählte der Fürst Griselda, ein armes, aber sehr tugendhaftes Mädchen. Sie musste ihm versprechen, ihm immer gehorsam zu sein, dann wurde sie seine Frau. Bald brachte sie eine Tochter und einige Jahre später einen Sohn zur Welt. Da der Fürst ihren Gehorsam auf die Probe stellen wollte, ließ er ihr die Kinder wegnehmen. Griselda fügte sich ohne Klage. Schließlich verstieß er sie sogar und gab vor, eine jüngere Frau heiraten zu wollen. Dabei handelte es sich aber um seine Tochter, die er von seiner Schwester hatte erziehen lassen. Auch jetzt lehnte sich Griselda nicht auf. Bei der vermeintlichen Hochzeitsfeier klärte der Fürst alles auf und nahm seine Frau wieder zu sich. Nun war er von ihrem Gehorsam überzeugt, und sie lebten glücklich zusammen.

Die Erzählung des Kaufmanns

Der wohlhabende alte Ritter Januarius heiratete ein junges Mädchen namens Mai. Sie war von ihrem alten Mann nicht besonders begeistert, aber sie fügte sich. Da verliebte sich der junge Page Damian in sie, und bald suchten die beiden eine Gelegenheit, allein zu sein. Inzwischen war Januarius aber erblindet und hielt Mai aus Eifersucht immer an der Hand. Irgendwann fanden die Liebenden dennoch eine Lösung: Als Januarius mit Mai in seinem Garten spazieren ging, schlich sich Damian auch hinein und versteckte sich auf einem Birnbaum. Mai wünschte sich eine Birne, stieg in den Baum und vergnügte sich dort mit Damian. Prompt erhielt Januarius von den Göttern sein Augenlicht wieder, damit er den Seitensprung sehen konnte. Dennoch konnte sich Mai herausreden: Januarius könne noch nicht richtig sehen, sie habe nur mit Damian gerungen. Schließlich war Januarius überzeugt und schloss seine Frau wieder glücklich in die Arme.

Die Erzählung des Gutsherrn

Der Ritter Arviragus und seine Frau Dorigene liebten einander sehr. Selbst als Arviragus lange im Krieg war, wurde Dorigene ihm nicht untreu, sondern dachte die ganze Zeit nur an ihn. Doch sie hatte einen hartnäckigen Verehrer namens Aurelius. Um ihn loszuwerden, stellte sie ihm eine Aufgabe: Sie wolle eine Nacht mit ihm verbringen, wenn er die Felsen vor der Küste beseitige. Das war offensichtlich unmöglich, aber Aurelius holte einen Magier zu Hilfe, dem das Kunststück gelang. Dorigene wollte allerdings lieber sterben, als ihrem Mann untreu zu werden, aber sie hatte ihr Wort gegeben. Schließlich vertraute sie sich Arviragus an. Der entschied, dass Dorigene zu ihrem Wort stehen müsse, und danach wollten sie die Sache vergessen. Als Aurelius davon erfuhr, war er von Arviragus’ Großherzigkeit so beschämt, dass er auf alle Ansprüche verzichtete.

Die Erzählung der Nonne

Die heilige Cäcilie war eine Christin im alten Rom. Sie wollte Jungfrau bleiben, wurde aber verheiratet. Vor der Hochzeitsnacht erzählte sie ihrem Mann Valerian, dass ein Engel über ihre Keuschheit wache. Sollte sich Valerian an ihr vergreifen, würde der Engel ihn töten. Aber wenn sie auch in der Ehe keusch blieben, werde ihm nichts passieren. Valerian wollte erst einmal den Engel sehen, ehe er sich darauf einließ. Auf Geheiß seiner Frau ließ er sich taufen und konnte dann den Engel erkennen. Bald bekehrte sich auch sein Bruder Tiburtius zum Christentum. Da die beiden Brüder sich weigerten, dem Jupiter zu opfern, wurden sie als Märtyrer getötet. Cäcilie wurde von dem Präfekten Almachius verhört, ließ sich aber nicht einschüchtern. Voller Wut über ihre Standhaftigkeit wollte Almachius auch sie köpfen lassen. Dreimal schlug der Henker zu, ohne den Kopf vom Körper trennen zu können. Schwer verletzt überlebte Cäcilie noch drei Tage, in denen sie das Christentum predigte, ehe sie starb.

Die Erzählung des Dieners

Trotz vieler Bemühungen ist es dem Diener und seinem Stiftsherrn bisher nicht gelungen, Gold herzustellen. Einmal machten sie aber einem Priester weis, der Stiftsherr könne Silber herstellen. Der Geistliche bemerkte nicht, dass der Stiftsherr ihn betrog und heimlich Silber in den Tiegel steckte. Als der Priester das Ergebnis sah, war er begeistert und zahlte viel Geld für das Rezept. Da es aber nie funktionierte, deckte er den Betrug schließlich auf. Fazit: Silber und Gold können die Alchimisten nicht herstellen, aber sie verstehen es trefflich, Glück in Verzweiflung zu verwandeln.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Canterbury-Erzählungen bestehen aus 22 in sich geschlossenen Geschichten, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind, die Pilgerfahrt nach Canterbury. In einem Prolog stellt der Erzähler Chaucer alle Mitreisenden vor und der Wirt macht den Vorschlag des Geschichtenerzählens, dann folgen die Erzählungen der Pilger, teilweise verbunden durch Zwischenszenen, in denen die Zuhörer die Geschichten kommentieren. In einem kurzen Epilog wendet sich der Erzähler noch einmal an den Leser. Fast alle Bevölkerungsschichten sind vertreten, und jeder Pilger erzählt eine Geschichte, die seiner Herkunft und seinem Bildungsgrad entspricht. Daher sind die einzelnen Texte sehr unterschiedlich. Sie reichen von der antiken Sage über die Heiligenlegende und die Tierfabel bis hin zum derben Schwank und unterscheiden sich auch im Sprachstil deutlich. Chaucer spielt also in den Canterbury-Erzählungen mit den unterschiedlichsten Formen und Stilen. Das Original in mittelenglischer Sprache ist überwiegend in Versform verfasst. Die deutsche Übersetzung ist dagegen größtenteils ein Prosatext, in dem außerdem zwei unvollendet gebliebene Erzählungen weggelassen und zwei andere nur in einer kurzen Zusammenfassung vom Übersetzer wiedergegeben werden.

Interpretationsansätze

  • Die Pilgerreise ist ein Sinnbild für den Lebensweg des Menschen. Entsprechend umfassen die Canterbury-Erzählungen alle wichtigen Themen des menschlichen Lebens: Liebe und Sexualität, Treue, Tugend, Verrat, Habsucht, Macht und Tod.
  • Da die Pilgergruppe Angehörige aus fast allen Bevölkerungsschichten einschließt, kann sie als Spiegelbild der Gesellschaft zu Chaucers Zeit gesehen werden - eine mittelalterliche Ständegesellschaft im Kleinen.
  • Chaucer hält mit seiner liebevoll-ironischen Darstellung den Menschen aus allen Schichten einen Spiegel vor. Es gibt in dieser Gruppe keine Guten oder Bösen, jeder hat seine Schwächen.
  • Einige Interpreten deuten das Werk als Ständesatire, die im Mittelalter häufigste Form der Satire: Die Komik entsteht aus dem Gegensatz zwischen den verschiedenen Ständen bzw. aus der Übertretung der Ständeordnung.
  • Man kann die Canterbury-Erzählungen jedoch auch allgemein gesellschaftskritisch lesen. Chaucer nimmt offen gesellschaftliche Missstände aufs Korn; vor allem der Klerus kommt in seiner Darstellung nicht gut weg.
  • Im Unterschied zu anderen mittelalterlichen Texten stehen bei Chaucer die Vertreter der einzelnen Stände gleichberechtigt nebeneinander. So wird er zum Vorboten einer neuen Gesellschaftsordnung, in der das Volk immer selbstbewusster auftritt.
  • Abergläubische Praktiken wie Alchimie oder Astrologie, die damals sehr weit verbreitet waren, entlarvt Chaucer als Mittel, andere zu betrügen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
  • Die Rolle der Frauen wird sehr facettenreich abgehandelt: Es gibt die stumme Dulderin Griselda, die alles mit sich geschehen lässt, ebenso wie die gerissene Verführerin, die Frau von Bath, für die die Sexualität an erster Stelle steht.

Historischer Hintergrund

England gegen Ende des 14. Jahrhunderts

Die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts war in England eine unruhige Zeit. Die Kirche hatte großen Einfluss, unterlag aber durch ihren Reichtum und ihre Macht einer zunehmenden Verweltlichung. Das einfache Volk konnte nicht lesen und schreiben, abergläubische Praktiken wie Astrologie und Alchimie waren sehr populär. 1339 hatte König Eduard III. einen Krieg gegen Frankreich begonnen, der als Hundertjähriger Krieg in die Geschichte eingehen sollte und nach ersten militärischen Erfolgen eine starke Belastung für das Land darstellte. Adel und Klerus mussten fortan hohe Steuern zahlen. Da kam es den Vertretern dieser Stände oft gelegen, wenn Leibeigene sich loskaufen wollten. So begann sich die alte Gesellschaftsordnung langsam aufzulösen, die Bürger wurden wohlhabender und strebten nach Macht. Um 1350 wurde England von der Pest heimgesucht. Die Folgen waren eine Wirtschaftskrise und Hungersnöte. 1381 brach ein Bauernaufstand aus, der mit Gewalt niedergeschlagen wurde.

Entstehung

Einige der Canterbury-Erzählungen stammen von Geoffrey Chaucer selbst, die meisten gehen jedoch auf Werke anderer Autoren zurück, die Chaucer neu erzählte oder erweiterte. Dabei griff er auf die unterschiedlichsten Quellen zurück: auf antike Autoren wie Ovid oder Seneca, auf Texte aus der Bibel sowie auf Geschichten zeitgenössischer englischer und französischer Autoren. Die wichtigsten Vorbilder aber waren die italienischen Dichter jener Zeit: Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio. Mit ihren Werken kam Chaucer auf seinen Italienreisen in Kontakt, möglicherweise lernte er die Dichter sogar persönlich kennen. Aus Boccaccios Dekameron entlehnte er nicht nur einige Erzählungen, sondern auch die Struktur, die darauf basiert, dass sich eine Gruppe von Menschen zum Zeitvertreib Geschichten erzählt.

Ursprünglich waren die Canterbury-Erzählungen wesentlich umfangreicher geplant. Wie der Erzähler im Prolog erwähnt, sollte eigentlich jeder der 31 Pilger auf dem Hin- und Rückweg jeweils zwei Geschichten erzählen, sodass insgesamt über 120 zusammenkommen sollten. Chaucer muss diesen Plan aber schon während der Abfassung aufgegeben haben, denn am Ende ist nur noch von einer Geschichte pro Pilger die Rede. Aber auch mit diesem geringeren Umfang ist das Werk nicht abgeschlossen: Es kommen nicht alle Pilger zur Wort, zwei Erzählungen sind Fragmente geblieben, und zwischen den einzelnen Geschichten fehlen etliche Überleitungen. Chaucer hat die Canterbury-Erzählungen vermutlich von 1380 bis 1400 verfasst, den größten Teil wohl nach 1385, als er seinen Posten als Zolleinnehmer aufgeben konnte. Einige Geschichten sind offensichtlich separat entstanden und wurden nachträglich in die Sammlung eingefügt. Die Canterbury-Erzählungen sind in zahlreichen Manuskripten überliefert, die ältesten stammen vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Doch die wenigsten sind vollständig, und die Fassungen weichen erheblich voneinander ab, vor allem in der Anordnung der Geschichten. Daher ist der ursprüngliche Aufbau des Werks nicht mehr eindeutig zu rekonstruieren.

Wirkungsgeschichte

Geoffrey Chaucer gilt als erster großer Dichter der englischen Literatur. In den Canterbury-Erzählungen führte er einige wesentliche Neuerungen ein, die die englische Literaturgeschichte nach ihm maßgeblich prägen sollten: Er gehörte zu den ersten Autoren, die die englische Sprache in literarischen Texten verwendeten und somit wesentlich zur Herausbildung des Englischen als Schriftsprache beitrugen. Chaucer war auch der Erste, der seine Figuren als Individuen zeichnete und Vertreter des einfachen Volkes zu Wort kommen ließ. Und schließlich führte er in den Canterbury-Erzählungen den Endreim als neue Versform in die englische Literatur ein.

Bereits zu Chaucers Lebzeiten war sein Werk sehr populär, und diese Begeisterung hielt auch im 15. Jahrhundert an. So entstanden nach seinem Tod zahlreiche Dichtungen im Stil der Canterbury-Erzählungen, manche Autoren unternahmen gar den Versuch, die fehlenden Geschichten zu ergänzen bzw. Fortsetzungen zu verfassen. Die Canterbury-Erzählungen waren zudem eines der ersten Bücher, die in England gedruckt wurden; die erste Ausgabe stammt aus dem Jahr 1478. Auch William Shakespeare ließ sich von Chaucer inspirieren; sein Drama Zwei edle Vettern greift die Erzählung des Ritters auf. In den nächsten beiden Jahrhunderten ging Chaucers Ruhm etwas zurück, weil das Mittelenglische nicht mehr ohne Weiteres verstanden wurde. Der englische Lyriker John Dryden, der Chaucer den „Vater der englischen Dichtung“ nannte, machte dessen Werk Ende des 17. Jahrhunderts wieder bekannter, indem er einiges davon ins Neuenglische übersetzte. Heute beziehen sich viele große Dichter auf Chaucer, beispielsweise T. S. Eliot, dessen Gedicht Das wüste Land mit einer Referenz an die ersten Worte der Canterbury-Erzählungen beginnt.

Über den Autor

Geoffrey Chaucer wird um das Jahr 1340 als Sohn eines Londoner Weinhändlers geboren. Obwohl man, verglichen mit anderen Autoren seiner Zeit, recht viel über Chaucer weiß, sind seine genauen Lebensdaten nicht bekannt. Der Vater hat offenbar gute Verbindungen zum Königshof, denn er kann seinem Sohn dort eine Anstellung verschaffen. Um 1366 heiratet Chaucer und beginnt zu dieser Zeit auch zu dichten. Seine ersten Werke, wie The Book of the Duchess (Das Buch der Herzogin) zum Tod der Herzogin von Lancaster, orientieren sich an französischen Vorbildern; außerdem übersetzt er literarische Werke aus dem Lateinischen und Französischen ins Englische. Ab 1370 reist Chaucer als Diplomat in verschiedene europäische Länder, u. a. nach Italien, wo er mit der italienischen Literatur in Berührung kommt. Überhaupt ist Chaucer sehr belesen und besitzt für seine Zeit ungewöhnlich viele Bücher. 1374 wird er Zolleinnehmer im Londoner Hafen, eine ebenso angesehene wie gut bezahlte Position, die ihm jedoch zum Dichten nicht mehr viel Zeit lässt. So bittet er schließlich darum, einen Stellvertreter einsetzen zu dürfen, was man ihm 1385 auch gewährt. Noch im selben Jahr wird Chaucer Friedensrichter in Kent und ist 1386 Mitglied des Parlaments. Doch als kurz darauf König Richard II. gestürzt wird, verliert auch Chaucer alle seine Ämter und gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Mit der Rückkehr Richards II. auf den Thron im Jahr 1389 bekommt er wieder einen Posten und wird Aufseher über die königlichen Bauten. Jedoch nicht für lange: Kurz nacheinander wird er mehrfach überfallen und beraubt. Dabei verliert er auch Gelder des Königs. Möglicherweise sind die Überfälle fingiert, weil Chaucer Wege sucht, seine Schulden zu bezahlen. 1399 zieht er wieder nach London und stirbt dort vermutlich im Oktober 1400. Er wird als Erster in der Poets’ Corner in der Westminster Abbey begraben. Zu seinen wichtigsten Werken zählen neben den Canterbury Tales (Canterbury-Erzählungen) die Versdichtungen The Parliament of Fowls (Das Parlament der Vögel) und Troilus and Criseyde (Troilus und Criseyde).


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