Zusammenfassung von Das Passagen-Werk

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Das Passagen-Werk Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Die unvollendete Theorie der Moderne

Das Passagen-Werk ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Fragment, eine riesige Materialsammlung. Ab Mitte der 1920er-Jahre bis zu seinem Tod 1940 hat Walter Benjamin daran gearbeitet. Herausgekommen sind mehr als 1000 Seiten an Ideen, Kommentaren und Zitaten aus historischen Quellen. Doch in welcher Form er diesen enormen Fundus veröffentlichen wollte, ist bis heute unklar. Klar ist nur, dass er einen großen Wurf plante. Das Passagen-Werk sollte eine kulturhistorische Theorie der Moderne liefern. Es sollte die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts analysieren, um die gesellschaftlichen Krisen des 20. Jahrhunderts zu erklären. Für dieses Vorhaben verband Benjamin Anleihen aus Marxismus und Psychoanalyse mit der Traumtheorie des Surrealismus und Forschungsarbeiten aus der Kunst- und Kulturgeschichte. Dieser erfrischend offene und undogmatische Zugang zur Theoriebildung hat in der Geisteswissenschaft Schule gemacht. Außerdem hat Benjamin mit seinem Passagenprojekt die soziologische Analyse von popkulturellen Erscheinungen wie Mode, Wohnen oder Shoppingmalls salonfähig gemacht.

Take-aways

  • Das Passagen-Werk sollte Walter Benjamins Hauptwerk werden.
  • Inhalt: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen in Paris die Passagen, Panoramen und die Weltausstellung. In ihnen kommt ein grundlegender kultureller Wandel der europäischen Gesellschaften zum Ausdruck, nämlich der Aufstieg des Kapitalismus und der modernen Konsumgesellschaft.
  • Das Buch ist ein Fragment und größtenteils eine enorme Materialsammlung geblieben.
  • Benjamin arbeitete etwa ab 1926 bis zu seinem Tod 1940 am Passagen-Werk.
  • Die Aufzeichnungen für das Passagen-Projekt machen ein Sechstel des gesamten Nachlasses von Walter Benjamin aus.
  • Im Passagen-Werk wollte Benjamin eine Theorie der Moderne entwickeln.
  • Theodor Adorno erwartete sich von diesem Buch das wichtigste Philosophiebuch seiner Zeit.
  • Das Manuskript überstand den Zweiten Weltkrieg versteckt in der Pariser Nationalbibliothek.
  • Erst 1982 wurde das ganze Material des Passagen-Werks veröffentlicht.
  • Zitat: „Der Kapitalismus war eine Naturerscheinung, mit der ein neuer Traumschlaf über Europa kam und in ihm eine Reaktivierung der mythischen Kräfte.“

Zusammenfassung

Fourier oder die Passagen

Ab 1822 entstehen in Paris die Vorgänger der heutigen Warenhäuser: die Passagen. Sie sind wahre Luxustempel. In ihnen finden sich erlesene Waren, in kunstvoll dekorierten Auslagen angepriesen. Wände und Fußboden sind mit Marmor gefliest und von den ersten Gaslampen beleuchtet.

„Man staute sich stöhnend über Sandsteinschwellen an Spiegelscheiben entlang, sah künstlichen Regen auf kupferne Eingeweide neuester Autos fallen (…), sah Räder in Öl sich schwingen (…). In diffusem Licht von oben glitt man über Fliesen.“ (S. 1041) 

Die Passagen faszinieren die Bewohner und Besucher von Paris. Ermöglicht werden sie zum einen durch den aufblühenden Textilhandel, zum anderen durch ein neues Baumittel: Eisen. Doch zur Zeit des Empire verkennt die Architektur die Möglichkeiten des Eisens noch vollständig. Stattdessen wird dieser neue Baustoff in den Dienst der Neoklassik gestellt: Alle Eisenträger müssen so aussehen, als wären sie griechische Stelen. Durch den rasanten Ausbau der Eisenbahn gewinnt der Eisenbau immer mehr an Bedeutung. Auch zeichnet sich im Eisenbau erstmals ab, wie die Architektur langsam der Kunst entwächst, wie sie zu einer eigenständigen Ingenieurtechnik wird.

Im Eisenbau jener Zeit wird ein innovativer Baustoff einem völlig veralteten Baustil – dem der Antike – unterstellt. Eine ganz ähnliche Verbindung aus Neu und Alt findet sich auch im kollektiven Bewusstsein, in den gesellschaftlichen Vorstellungen der Utopie, also einer besseren Zukunft.

„In dem Traum, in dem jeder Epoche die ihr folgende in Bildern vor Augen tritt, erscheint die letztere vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt einer klassenlosen Gesellschaft.“ (S. 47) 

In diesen „Wunschbildern“ einer Gesellschaft verbinden sich moderne technische Innovationen mit Erfahrungen aus der Urgeschichte, die im kollektiven Unbewussten der Gesellschaft gespeichert sind. Die unbewusste Erinnerung an den Urzustand der klassenlosen Gesellschaft zeigt das Ungenügen der gegenwärtigen Gesellschaft auf. Ihren Ausdruck finden die utopischen Wunschbilder der Gesellschaft in zahllosen Phänomenen des Alltags: in der Architektur ebenso wie in der Mode. Auch die Utopie Fouriers weist die Vermischung aus Neu und Alt auf. Fourier wird – freilich unbewusst – von der beginnenden Industrialisierung beeinflusst und denkt deshalb das Paradies auf Erden wie eine gigantische Maschine aus Menschen. Die Stadt der Zukunft entwirft Fourier nach dem Vorbild der Passagen.

Daguerre oder die Panoramen

Zur selben Zeit wie die Passagen entstehen die Panoramen. Das sind riesige, zylindrische Leinwände, die historische Ereignisse sowie Stadt- oder Naturansichten darstellen. Der Besucher befindet sich in der Mitte der kreisförmigen Malerei und soll eine täuschend echte Illusion erleben.

„Einrichtung der Panoramen: Blick von einer erhöhten und mit einer Balustrade umgebenen Plattform ringsum auf die gegenüber und darunter liegenden Flächen. Die Malerei läuft an einer zylindrischen Wand entlang, hat ungefähr 100 m Länge und 20 m Höhe.“ (S. 656) 

Die Panoramenmaler versuchen etwa, die Lichtveränderungen im Lauf eines Tages nachzuahmen. Die Natur soll so perfekt wie möglich kopiert werden. Zwischen Kunst und Welt soll kein Unterschied mehr erkennbar sein. Im Panorama entwächst die Malerei der Kunst. Sie nähert sich der Technik an und geht somit dem Film voraus. Niemand verkörpert diesen Wendepunkt besser als Daguerre. Er ist einerseits Schüler des großen Panoramenmalers Prévost, andererseits der Erfinder der Daguerreotypie – des Vorläufers der Fotografie.

1855 wird der Fotografie bei der Pariser Weltausstellung eine Sonderschau gewidmet. Fotos versprechen einen objektiven Blick auf die Welt, der die subjektiven Verzerrungen der Malerei aufhebt und deshalb wissenschaftliche Erkenntnis ermöglicht.

„Wie die Architektur in der Eisenkonstruktion der Kunst zu entwachsen beginnt, so tut das die Malerei ihrerseits in den Panoramen.“ (S. 48) 

Außerdem erlaubt die Fotografie, anders als die Malerei, eine endlose Vervielfältigung und Kopie von Bildern. Der technische Siegeszug der Fotografie beginnt auf dem Feld des Porträts, das bis dahin der Malerei vorbehalten war. In der Folge verliert eine große Berufsgruppe, die Porträtminiaturisten, ihre Lebensgrundlage. Die Malerei reagiert auf diese Bedrohung, indem sie eigene technische Alleinstellungsmerkmale hervorkehrt. Im Impressionismus etwa betont sie die Farbgebung, im Kubismus unrealistische Perspektiven. Doch auch diese Leistungen werden durch den Fortschritt der Fotografie – etwa die Farbfotografie und Montage – eingeholt und übertroffen.

Grandville oder die Weltausstellungen

Die Weltausstellung geht aus nationalen Industriemessen hervor, von denen die erste 1798 stattfindet. Es sind Volksfeste, die die arbeitenden Massen unterhalten sollen. Gleichzeitig sind es aber auch Werbeveranstaltungen, die im neu entstandenen Proletariat ein gigantisches Käuferpotenzial entdecken. Deshalb werden keine Luxuswaren ausgestellt, sondern Güter, die den Bedürfnissen der einfachen Bürger entsprechen. Das Wort „Reklame“ entsteht in dieser Zeit. Im Rahmen der Weltausstellungen nehmen Waren erstmals ihren modernen Charakter der Zerstreuung, des Freizeiterlebnisses an. Zuvor waren Konsumgüter hauptsächlich durch ihre Notwendigkeit, ihren Gebrauchswert definiert. Nun werden sie zur „Phantasmagorie“, in der der Tauschwert und der emotionale Vergnügungswert in den Vordergrund treten.

Am besten wird dieser Aufstieg der Ware in den Illustrationen von Grandville dargestellt. In seinen überspitzten Karikaturen wird die gesamte Natur, sogar der Kosmos, zur Ware. Aus den Ringen des Saturn werden eiserne Balkone. So illustriert Grandville unbewusst den Fetischcharakter der Ware, die Verkehrung zwischen Leblosem und Lebendigem.

„Die Weltausstellungen bauen das Universum der Waren auf. Grandvilles Fantasien übertragen den Warencharakter aufs Universum. (…) Der Saturnring wird ein gusseiserner Balkon, auf dem die Saturnbewohner abends Luft schöpfen.“ (S. 51) 

Die Natur hat ihren organischen, ihren lebendigen Charakter verloren. Auch Marx hat diesen Fetischcharakter beschrieben. Im Rahmen der Weltausstellungen erhält der industrielle Kapitalismus seinen klarsten Ausdruck. Kein Wunder, dass sich in ihrem Schatten auch die Kapitalismuskritik formiert.

Louis-Philippe oder das Interieur

Unter der Herrschaft des Königs Louis-Philippe wird der Bürger, der Geschäfts- und Privatmann zur gesellschaftlich gestaltenden Kraft. Die Demokratie wird zwar ausgebaut, aber auch gleichzeitig untergraben durch die Privilegien und die Korruption des herrschenden Bürgertums. Politische Entscheidungen dienen hauptsächlich der Förderung von geschäftlichen Privatinteressen. Mit dem Bürger tritt das Interieur ins Zentrum der Gesellschaft, also der private Wohnraum, der erstmals einen klaren Gegensatz zum Ort körperlicher Arbeit darstellt. Trotzdem liegt der Schwerpunkt des Lebensraums im Büro. Der Geschäftsmann vertritt nur mehr seine eigenen wirtschaftlichen Interessen, keine gesamtgesellschaftlichen Anliegen. Deshalb kann er sich in sein Interieur zurückziehen, wo er seinen privaten Kosmos errichtet.

„Die Urform allen Wohnens ist das Dasein (…) im Gehäuse. Dieses trägt den Abdruck seines Bewohners. (…) Das neunzehnte Jahrhundert war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als Futteral des Menschen (…)“ (S. 291 ff.)

Die Wohnung soll den Charakter der Bewohner zum Ausdruck bringen. Sie hinterlassen Spuren in ihr: spezifische Möblierung, Dekoration, Bebilderung. Dieser Individualismus wird vom Jugendstil auf die Spitze getrieben. Indem der Jugendstil die neuesten Bauformen seiner Zeit wie Eisen oder Beton mit pflanzenähnlichen, organischen Formen dekoriert, versucht er, die Innerlichkeit gegen die Fortschritte der Technik zu verteidigen.

„Der Sammler ist der wahre Insasse des Interieurs. Er macht die Verklärung der Dinge zu seiner Sache. Ihm fällt die Sisyphosaufgabe zu, durch seinen Besitz an den Dingen den Warencharakter von ihnen abzustreifen.“ (S. 53) 

Am besten drückt die bürgerliche Lebensform des Interieurs der Sammler aus. Er rebelliert gegen den Warencharakter der Dinge – aber nur halb. Durch Hinzufügen zu einer Sammlung verlieren die Dinge ihren Tauschwert. Sie können auch aufhören, ständig funktional und nützlich sein zu müssen. Aber einen Gebrauchswert erhalten sie dadurch nicht zurück, lediglich einen Liebhaberwert.

Baudelaire oder die Straßen von Paris

Baudelaire ist der erste Dichter, der Paris als Stadt thematisiert hat. Und zwar nicht im Sinne einer „Heimatkunst“, sondern aus den Augen des Flaneurs. Der Flaneur streift ziellos durch die Straßen und genießt die Anonymität der Menge.

„Straßen sind die Wohnung des Kollektivs. Das Kollektiv ist ein ewig unruhiges, ewig bewegtes Wesen, das zwischen Häuserwänden so viel erlebt, erfährt, erkennt und ersinnt wie Individuen im Schutze ihrer vier Wände.“ (S. 533)

Er steht dem Großstadtgeschehen entrückt gegenüber, ist ein Bohemien, ein Außenseiter der Gesellschaft: noch kein wohlhabender Bürger und noch kein hoffnungsloser Großstädter. Für ihn durchdringen sich Straße und Wohnung. Die distanzierte Haltung des Flaneurs ermöglicht ihm die Erfahrung, dass sich Großstadt und Interieur traumhaft vermengen. Genau diese Vermischung realisieren später die Warenhäuser. Der Flaneur ist also der Erste, der das Lebensgefühl des modernen Konsumenten erfährt.

Baudelaire beschreibt an Paris die Atmosphäre der Moderne. Diese Modernität schlägt sich in der Erfahrung von Zweideutigkeiten nieder. So wie sich für den Flaneur Stadt und Wohnung vermischen, so verschwimmen in den Passagen Straße und Haus. Baudelaire ist fasziniert von der Prostitution, in der sich Ware und Verkäuferin vermischen. Letztlich sieht man diese Zweideutigkeit zwischen zwei Gegensätzen, diese „Dialektik im Stillstand“ gerade auch in der Ware selbst. In der Moderne zeichnen sich die Konsumgüter durch ihren Neuheitswert aus. Das Neue – und nicht mehr Gebrauchswert oder Nutzen – macht die Ware interessant.

„Das Neue ist eine vom Gebrauchswert der Ware unabhängige Qualität. (…) Es ist die Quintessenz des falschen Bewusstseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist.“ (S. 55)

Deshalb gewinnt die Mode stark an Bedeutung. Aber die Neuheit ist trügerisch, denn sie ist stets auch immer wieder das Gleiche. Die Moderne ist die Erfahrung der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Auch in der Kunst wird die Neuheit zum höchsten Zweck – und im „L’art pour l’art“ zum bloßen Selbstzweck. Damit versucht sich die Kunst gegen die Bedrohung durch die Technik zu schützen. Sie bezahlt diesen Rückzug aber dadurch, dass sie vom „gesellschaftlichen Dasein des Menschen“ wegrückt.

Haussmann oder die Barrikaden

Auch in der Stadtplanung Haussmanns dominiert die für das 19. Jahrhundert typische Suche nach einer Verbindung von technischer Notwendigkeit und künstlerischen Ansprüchen. Die schnurgeraden Ausfallstraßen, die Haussmann quer durch Paris bauen lässt, sollen durch politische und religiöse Prachtbauten eingerahmt werden. Aufgrund dieser tief greifenden städtebaulichen Veränderungen erlebt die Spekulation eine Hochphase. Das Spiel des Finanzkapitals fördert den Betrug und lässt die Mietpreise steigen. Die Verlierer – die ärmeren Teile der Bevölkerung – müssen an den Stadtrand ziehen.

„Die Steigerung der Mietpreise treibt das Proletariat in die faubourgs. Die quartiers von Paris verlieren dadurch ihre Eigenphysiognomie. (…) (Haussmann) entfremdet den Parisern ihre Stadt. Sie fühlen sich in ihr nicht mehr heimisch.“ (S. 57) 

Haussmann verachtet das Proletariat. Ein Ziel seines groß angelegten Umbaus von Paris besteht darin, proletarische Revolten unmöglich zu machen. Die Stichstraßen sollen die Mobilität des Heeres erhöhen und die Breite der neu angelegten Boulevards soll die Errichtung von Straßenbarrikaden verhindern.

Dennoch erlebt die Barrikade in der Pariser Kommune eine Wiederkehr. Die Kommune beendet die Illusion der Arbeiter, sie könnten ihre Emanzipation in Zusammenarbeit mit dem Bürgertum erlangen. Tatsächlich hat das Bürgertum seit der Revolution von 1789 konsequent gegen die Rechte der Arbeiter gearbeitet, entweder verkleidet in der Philanthropie oder ganz offen als Klassenkampf. Die Kommune bildet aber auch den Höhepunkt der frühen Arbeiterbewegung, die noch keine fertige Theorie hat. Gerade diese theoretische Freiheit ermöglicht den ungeheuren praktischen Elan, mit dem die Kommunarden die Verwirklichung einer neuen Gesellschaft umsetzen wollen.

Das Traumkollektiv oder die Dialektik

Während im Lauf des 19. Jahrhunderts der Individualismus stark zugenommen hat, ist das kollektive Bewusstsein in einen tiefen Schlaf verfallen. Die träumende, sich selbst nicht länger bewusste Gesellschaft drückt sich in der zeitgenössischen Mode oder Architektur aus. In diesen alltäglichen, unscheinbaren Phänomenen findet der gesellschaftliche Unterbau, der aufziehende Kapitalismus, seinen Ausdruck.

„Der Kapitalismus war eine Naturerscheinung, mit der ein neuer Traumschlaf über Europa kam und in ihm eine Reaktivierung der mythischen Kräfte.“ (S. 494) 

Im 19. Jahrhundert beginnt der Warencharakter alle Kunst- und Gestaltungsformen zu dominieren. Die Panoramen, Passagen und Ausstellungen zeugen von dieser sozialen Veränderung. Sie sind Trauminhalte und deshalb geprägt von Zweideutigkeiten und mythischen Elementen. Das Passagenprojekt hat zum Ziel, diesen unbewussten Traumausdruck durch Vernunft aufzuklären und zu deuten. Diese Aufklärung soll das Erwachen des Kollektivs ermöglichen. Die Entzauberung der Moderne hat nur eine einzige „Schwellenerfahrung“ intakt gelassen: jene des Einschlafens und Aufwachens.

„Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens.“ (S. 59) 

Und welche Denkform wäre besser geeignet, dieses Ineinander-Umschlagen zweier Gegensätze zu denken, als die Dialektik. Das Erwachen ist die dialektische Negation des Schlafens. Beim Erwachen endet der Traum. Doch indem man sich während des Erwachens an das eben Geträumte erinnert, überführt man den Traum auch in den wachen Zustand. Jeder Traum endet somit in einer Aufhebung im Erwachen. Auch die träumende Gesellschaft drängt zu ihrem eigenen Ende hin. Das Erwachen des 19. Jahrhunderts legt deshalb die „Ruinen der Bourgeoisie“ offen, wie es schon Balzac beschrieben hat. Es zeigt, wie im 19. Jahrhundert die Errungenschaften des Bürgertums durch die Entwicklung des Kapitalismus bereits ausgehöhlt und unterlaufen wurde – noch bevor dies dem Bürgertum selbst bewusst war.

Zum Text

Aufbau und Stil

Anders als der Titel nahelegt, ist das Passagen-Werk kein abgeschlossenes Werk. Es ist ein Fragment, ein gigantisches „work in progress“, das sich über 14 Jahre, mehr als 1000 Seiten und zahllose Themen, Wissensfelder und Literaturgattungen erstreckt. Das Passagen-Werk ist ein Langzeitprojekt, für das Walter Benjamin jahrelang Aufzeichnungen und Materialien in der Pariser Nationalbibliothek gesammelt hat. Diese Materialsammlung macht fast die gesamte Substanz des Passagen-Werks aus. Ein Großteil der aus historischen Quellen entnommenen Zitate verblieb original französisch, manchmal hat Benjamin sie durch knappe deutschsprachige Kommentare ergänzt. Neben den Originalquellen finden sich kurze philosophische Notizen und literarische Aphorismen. Was fehlt, ist eine klare Idee, in welche Form Walter Benjamin diese überbordende Materialfülle gießen wollte. Über die endgültige Gestalt des Buches kann bis heute nur spekuliert werden. Wollte Benjamin die vielen hundert Seiten voller Bruchstücke und Zitate tatsächlich kommentarlos publizieren, wie Theodor W. Adorno meinte? Oder hätte er sein Material völlig überarbeitet und zu Essays geformt? Doch zu welchen Themen, unter welchen Gesichtspunkten, mit welchem Ziel vor Augen? Fertiggestellt hat Benjamin lediglich zwei Exposés. Außerdem hat er in Briefen zahlreiche Andeutungen über die Form des Passagenprojekts gemacht. Sie verändern und widersprechen sich jedoch so sehr, dass die Forschung bis heute darüber streitet, wie das vollendete Passagenprojekt ausgesehen hätte.

Interpretationsansätze

  • Der Marxismus ist im Passagen-Werk sehr präsent. Benjamins Notizen beziehen sich immer wieder auf die Theorien von Karl Marx, insbesondere den Fetischcharakter der Ware, versuchen aber, eine originelle und unorthodoxe Lesart zu entwickeln.
  • Eine zweite wichtige Referenz ist die Traumtheorie der Psychoanalyse. Auch hier beweist Benjamin Eigenwilligkeit, indem er die Freud’schen Ideen der Traumdeutung und des Unbewussten in seine Kulturgeschichte übersetzt.
  • Besondere Erwähnung im Passagenprojekt findet auch der literarische Surrealismus. Bücher von Louis Aragon und André Breton behandeln die Pariser Passagen und haben Benjamin nicht nur tief beeindruckt, sondern auch seinen theoretischen Ansatz stark geprägt.
  • Benjamin vertritt im Passagen-Werk eine aufklärerische Geschichtsphilosophie. Die historische und soziologische Untersuchung des 19. Jahrhunderts soll helfen, die Gegenwart und ihre Krisen besser zu verstehen.
  • In den erhaltenen Materialien und Notizen zeichnet sich eine spezifische Theorie der Moderne ab. Benjamin untersucht die Entstehung des europäischen Industriekapitalismus und seinen Einfluss auf Gesellschaft, Kunst und Kultur.

Historischer Hintergrund

Europa in den 1930er-Jahren

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 setzte sich im Großteil Europas die Staatsform der demokratischen Republik durch. Die Jahrhunderte der absolutistischen Monarchien waren damit zu Ende. Doch die jungen Demokratien hatten einen schweren Start: Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs setzten sie stark unter Druck. Es herrschte Massenarbeitslosigkeit und hohe Inflation. Außerdem lehnten die beiden aufstrebenden politischen Bewegungen der Zeit – Kommunismus und Faschismus – die Demokratie ab. Sie gründeten bewaffnete paramilitärische Verbände und unternahmen Putschversuche gegen den Staat. So errichtete Benito Mussolini nach dem „Marsch auf Rom“ im Oktober 1922 in Italien eine faschistische Diktatur. In Spanien putschte 1936 eine Allianz aus Generälen, Monarchisten und dem faschistischen Falanquismus gegen die zweite Republik. Den folgenden Bürgerkrieg gewannen 1939 die Putschisten und begründeten unter General Francisco Franco eine Diktatur. In Deutschland baute ab 1933 Adolf Hitler die Weimarer Republik zu einem totalitären Staat um, und in Österreich löste Engelbert Dollfuß im selben Jahr das Parlament auf und gründete den autoritären „Ständestaat“.

Entstehung

Die Entstehungszeit des Passagen-Werks ist – wie das Werk selbst – langwierig, schwer zu überblicken und voller Lücken. Ab Mitte der 1920er-Jahre stellte Walter Benjamin das Passagen-Werk ins Zentrum seines Schaffens. Alle nach 1928 entstandenen Texte sind Auskopplungen dieses Projekts. In der ersten Werkphase, zwischen 1926 und 1929, plante Benjamin mit Franz Hessel einen Essay über die Pariser Passagen. Es war eine turbulente Zeit: Benjamins erste Ehe zerbrach, sein Habilitationsprojekt scheiterte ebenso wie seine wilde Affäre mit der kommunistischen Schauspielerin Asja Lācis. Lācis und weitere neue Bekannte wie Bertolt Brecht, Theodor Adorno und Max Horkheimer politisierten Benjamin: Er entdeckte den Marxismus für sich. Benjamin führte ein unstetes Reiseleben, besaß kaum Geld, überlegte, nach Palästina oder Moskau auszuwandern. Nicht zuletzt die Begeisterung von Adorno und Horkheimer half ihm, sich ab 1928 auf das Passagenprojekt zu fokussieren. Horkheimers Institut für Sozialforschung unterstützte die Arbeit durch 500 Francs im Monat. Adorno erwartete sich vom Passagen-Werk das wichtigste Philosophiebuch seiner Zeit.

Nachdem Benjamin 1933 vor den Nazis nach Paris geflohen war, begann die zweite Werkphase. Im Mai 1935 entstand das Exposé Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts. Horkheimers Institut erhöhte die Gage auf 1000 Francs. Nun recherchierte Benjamin fieberhaft in der Pariser Nationalbibliothek nach Originalquellen aus dem 19. Jahrhundert. Er sammelte sie in Konvoluten, die durch Stichworte thematisch grob geordnet waren. Nun nahm das Passagenprojekt eine soziologische und marxistische Ausrichtung an. Zwischen 1937 und 1939 entstand ein zweites, französischsprachiges Exposé. In dieser Zeit konzentrierte sich Benjamin auf Drängen Horkheimers auf ein Buch über Baudelaire. Hiervon erhoffte er sich die finale Klärung über die Stoßrichtung seines Passagen-Werks. Doch daraus wurde nichts mehr. Im Juni 1940 floh Benjamin aus Paris erneut vor den Nazis. Er übergab seine Manuskripte Georges Bataille und Pierre Missac, die sie in der Pariser Nationalbibliothek versteckten.

Wirkungsgeschichte

Das Passagen-Werk hätte zweifellos das Hauptwerk Walter Benjamins werden sollen. Die Aufzeichnungen überdauerten zwar den Zweiten Weltkrieg in ihrem Versteck. Doch ihr Autor konnte nicht fliehen. Am spanischen Grenzübergang wurde er festgehalten, und als die Übergabe an die Nazis drohte, beging Walter Benjamin in der Nacht auf den 26. September 1940 Selbstmord. Seinem letzten Willen gemäß wurden die Manuskripte des Passagen-Werks 1947 zu Adorno in die USA geschickt. Bei seiner Rückkehr nach Europa 1952 nahm er sie nach Frankfurt am Main mit. Die Papiere nehmen ein Sechstel des gesamten schriftlichen Nachlasses von Benjamin ein. Gretel Adorno entzifferte Benjamins Handschrift und fertigte Abschriften an. Adorno selbst versuchte, das Passagenprojekt zu rekonstruieren, gab aber auf. In einigen Artikeln über Benjamin fanden sich in der Nachkriegszeit Hinweise und Andeutungen auf das unvollendete Hauptwerk.

Öffentlich zugänglich wurde das Passagen-Werk erst 1982. Rolf Tiedemann, der Herausgeber der gesammelten Schriften Walter Benjamins, veröffentlichte es als Doppelband im Suhrkamp Verlag. Zahlreiche Geisteswissenschaftler wie Jürgen Habermas oder Winfried Menninghaus haben es in der Folge untersucht. Die amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss hat in ihrem Buch Die Dialektik des Sehens (The Dialectics of Seeing) nachgewiesen, dass Benjamin im Passagen-Werk eine neuartige philosophische Methode entwickelt hat. Benjamins Weggefährte Pierre Missac veröffentlichte 1991 Walter Benjamins Passage (Passage de Walter Benjamin). Seit 2015 gibt es eine von Patricia Bach kuratierte Homepage, die die thematische Verschachtelung des Passagen-Werks grafisch aufbereitet und zugänglich macht. Der 1994 eröffnete Gedenkort in Portbou – wo sich Benjamin 1940 das Leben nahm – trägt ebenfalls den Namen „Passagen“ und wurde von dem Bildhauer Dani Karavan konzipiert. Die Geistes- und Kulturwissenschaften haben Benjamins Methode aufgenommen, möglichst ohne Vorannahmen aus empirischem Material heraus Theorien zu entwickeln. Außerdem hat Benjamin entscheidend dazu beigetragen, Phänomene der Popkultur wie Mode oder Shoppingmalls als seriöse Forschungsgegenstände der Soziologie zu etablieren.

Über den Autor

Walter Benjamin wird am 15. Juli 1892 in Berlin geboren. Dort wächst er in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf, besucht das Gymnasium und macht 1912 sein Abitur. Anschließend nimmt er sein Studium der Philosophie, deutschen Literatur und Psychologie auf. Er studiert in Freiburg im Breisgau, München, Berlin und schließlich in Bern. 1915 lernt er den jüdischen Mystiker Gershom Scholem kennen. Mit ihm wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. Zwei Jahre später heiratet er Dora Sophie Pollak, mit der er einen Sohn hat. 1919 schließt Benjamin seine Promotion über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik ab. Dann versucht er sich in Berlin als freier Schriftsteller, kommt aber mehr schlecht als recht über die Runden. Ein eigenes Zeitschriftenprojekt scheitert. In dieser Zeit entsteht unter anderem sein Essay über Goethes Wahlverwandtschaften. Benjamin knüpft Kontakte zu Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer. Sein Habilitationsprojekt Ursprung des deutschen Trauerspiels an der Frankfurter Universität zieht er selbst zurück, als eine Ablehnung seitens der Universität absehbar ist. Benjamin sympathisiert mit der Sowjetunion, wird allerdings selbst nie Mitglied einer kommunistischen Partei. 1926 reist er nach Moskau, nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris, wo er mit Franz Hessel an der Übersetzung der Werke von Marcel Proust gearbeitet hat. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flieht Benjamin endgültig nach Paris, arbeitet von hier aus für das Frankfurter Institut für Sozialforschung und an eigenen Projekten. Unter anderem entstehen der viel zitierte Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936), verschiedene Baudelaire-Studien und das sogenannte Passagen-Werk, das unvollendet bleibt. 1932 beginnt er damit, seine Kindheitserinnerungen niederzuschreiben. Kurz nach Kriegsausbruch entsteht sein letzter Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Paris flieht er nach Lourdes und versucht im Herbst 1940 nach Spanien zu gelangen. Da ihm die Auslieferung an die Nazis droht, nimmt Benjamin sich am 26. September 1940 im spanischen Grenzort Portbou das Leben, wo heute ein Denkmal an ihn erinnert.

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