Zusammenfassung von Das Unbehagen der Geschlechter

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Das Unbehagen der Geschlechter Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Geschlecht als Konstrukt

Mit ihrem berühmten Satz, man werde nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht, leitete Simone de Beauvoir nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Phase des Feminismus ein. Geschlechtsidentität wurde danach nicht mehr als natürlich gegeben, sondern als Folge von Kultur und Erziehung betrachtet. Judith Butler ging noch einen Schritt weiter. Die amerikanische Philosophin meinte, nicht nur in der Geschlechtsidentität, sondern bereits im anatomischen Geschlecht ein Konstrukt zu erkennen. Was wir für biologische Fakten hielten, sei erst durch wiederholte Praxis, Menschen in männliche und weibliche Subjekte aufzuteilen, zur Realität geworden. Im Dienst der Fortpflanzung seien Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit zur gesellschaftlichen Norm erhoben worden, unter Ausschluss aller anderen Formen sexueller Identität. Das Unbehagen der Geschlechter wurde trotz seiner streckenweise unverständlichen Sprache rasch zum Bestseller, seine Autorin zu einer Art Popstar der Intellektuellenszene. Nicht nur unter Feministinnen entfachte dieses umstrittene Buch eine heftige Debatte, die bis heute anhält.

Take-aways

  • Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter zählt zu den Gründungsschriften der Genderstudies.
  • Inhalt: Nicht nur die Geschlechtsidentität, auch das biologische Geschlecht des Menschen ist ein reines Konstrukt. Die zwanghafte, auf Reproduktion unserer Kultur ausgerichtete Norm heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit lässt keine anderen Geschlechtsidentitäten zu. Der Feminismus muss sich von dieser Binarität befreien und sich anderen Identitäten öffnen.
  • Butler stützt sich wesentlich auf die Diskurstheorie von Michel Foucault.
  • Ebenso bezieht sie sich auf die Sprechakttheorie John L. Austins, wonach Sprechakte Wirklichkeit erzeugen.
  • Im Zentrum ihrer Kritik steht der klassische Feminismus, der unkritisch die Kategorien „Mann“ und „Frau“ übernommen habe.
  • Butlers Sprache ist schwer verständlich und von philosophischem Fachvokabular durchzogen.
  • Dennoch wurde das Buch ein Bestseller und machte die Autorin zum gefeierten Star.
  • Butler wertete den vormals abfälligen Begriff „queer“ zu einem Kampfbegriff der homosexuellen Szene auf.
  • Das Unbehagen der Geschlechter löste vor allem in Deutschland eine heftige Kontroverse aus.
  • Zitat: „Die Geschlechtsidentität erweist sich somit als Konstruktion, die regelmäßig ihre Genese verschleiert.“
 

Über die Autorin

Judith Butler wird am 24. Februar 1956 in Cleveland, Ohio als Tochter einer aus Ungarn stammenden Wirtschaftswissenschaftlerin und eines russischen Zahnarztes geboren. Als Tochter praktizierender Juden besucht sie eine jüdische Schule und lernt Hebräisch. Im Alter von 14 Jahren beginnt sie sich mit jüdischer Ethik, vor allem mit Martin Buber, aber auch mit Spinoza, Kant und Hegel zu beschäftigen. Etwa zur gleichen Zeit entdecken ihre Eltern, dass die Tochter lesbisch ist und schicken sie zum Psychiater. Nach dem Besuch des Bennington-College in Vermont nimmt Judith Butler an der Yale-Universität das Studium der Philosophie auf, das sie 1978 abschließt. 1984 wird sie in Yale mit einer Dissertation über Hegel promoviert. Nach einem Jahr an der Universität Heidelberg unterrichtet sie unter anderem an der George-Washington-Universität in Washington und an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, ehe sie einem Ruf an die kalifornische Berkeley-Universität folgt, wo sie seit 1993 als Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft tätig ist. In den 80er-Jahren engagiert sie sich in der „Act Up“-Bewegung, die sich gegen die Stigmatisierung von HIV-Infizierten und gegen Homophobie einsetzt. Im Anschluss an ihren Bestseller Das Unbehagen der Geschlechter (Gender Trouble, 1990) präzisiert sie ihre Geschlechtertheorie in Körper von Gewicht (Bodies that matter, 1993) und Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen (Undoing Gender, 2004). Ab Mitte der 90er-Jahre wendet sich Butler von der Geschlechterproblematik ab und beschäftigt sich vor allem mit ethischen Fragen, mit Krieg und dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. 2012 wird Butler für ihre Verdienste um die Philosophie in Frankfurt mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis geehrt. Wegen ihrer Kritik an der israelischen Siedlungspolitik und der Einordnung von Hisbollah und Hamas als linke soziale Bewegungen wird sie heftig angegriffen. Zusammen mit ihrer Lebensgefährtin, der Politikwissenschaftlerin Wendy Brown, mit der sie einen Sohn großgezogen hat, lebt Judith Butler in Kalifornien.

 

Zusammenfassung

Geschlechtsidentität als kulturelles Konstrukt

Lange Zeit ist die feministische Theorie davon ausgegangen, dass es so etwas wie „die Frau“ oder „die Frauen“ gebe, deren universale Interessen und politischen Ziele sie vertrete. Erst kürzlich hat man begonnen, „die Frau“ als einheitliche Kategorie infrage zu stellen. Michel Foucault verdanken wir die Erkenntnis, dass Machtsysteme die Subjekte, die sie sprachlich und politisch repräsentieren, zunächst einmal diskursiv produzieren müssen. Die zeitgenössischen Rechtsstrukturen stellen diese Subjekte als „natürliche“ Tatsache hin und verschleiern dadurch, dass es sich dabei letztlich um Konstruktionen handelt. Die Aufgabe eines kritischen Feminismus ist es nun, zu begreifen, dass genau die Machtstrukturen, von denen es sich zu emanzipieren gilt, „die Frau“ als Kategorie überhaupt erst erschaffen haben.

„Die feministische Theorie ist zum größten Teil davon ausgegangen, dass eine vorgegebene Identität existiert, die durch die Kategorie ,Frau(en)‘ bezeichnet wird.“ (S. 15)

Wenn der Feminismus für sich in Anspruch nimmt, Frauen quer durch alle Kulturen zu vertreten, setzt er eine Einheitlichkeit und Universalität der Kategorie „Frau“ voraus, die in Wahrheit nicht existiert. Die Geschlechtsidentität ergibt sich nämlich entgegen allen hartnäckigen Vorurteilen nicht aus dem anatomischen, sozusagen biologischen Geschlecht eines Menschen, sondern sie ist eine rein kulturelle Konstruktion. Es gibt keine „natürliche“, jenseits von Rasse, Ethnie, Klasse und Sexualität gültige universale Geschlechtsidentität. „Männlich“ und „weiblich“ bedeutet je nach historischem, kulturellem und politischem Zusammenhang etwas anderes. Selbst wenn man von zwei biologischen Geschlechtern ausgeht, folgt daraus noch lange nicht, dass es auch zwei Geschlechtsidentitäten gibt. Die Begriffe „Mann“ und „männlich“ können sich auch auf einen weiblichen Körper beziehen, so wie „Frau“ und „weiblich“ auch einen männlichen Körper bezeichnen können.

Die „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit

Simone de Beauvoir hat darauf hingewiesen, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern dazu gemacht wird. Ein Wesen weiblichen Geschlechts nimmt demnach unter gesellschaftlichem Druck die Geschlechtsidentität einer Frau an. Nach Beauvoir ist das universale Subjekt männlich bestimmt, während das weibliche Geschlecht immer das Andere, Besondere, Herausgehobene ist. Die Frau stellt das Negativ des Mannes und damit einen Mangel dar. Wie Beauvoir gehen auch andere feministische Theoretikerinnen von der Grundannahme aus, dass es so etwas wie ein natürliches, anatomisches Geschlecht gibt, auf dessen Basis dann männliche bzw. weibliche Identitäten konstruiert werden. Was aber, wenn auch schon das anatomische Geschlecht eine Konstruktion wäre?

„Die Begriffe Mann und männlich können (…) ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.“ (S. 23)

Gegen Beauvoirs Annahme eines unwandelbaren, faktischen Geschlechts, von dem aus eine Geschlechtsidentität konstruiert wird, stellt sich Monique Wittig. In radikaler Weise verneint sie, dass so etwas wie ein natürliches Geschlecht überhaupt existiert. Ein menschliches Subjekt ist immer schon ein geschlechtlich bestimmtes Subjekt. Erst wenn die Frage beantwortet ist, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, wird das Neugeborene in unserer Kultur zu einem menschlichen Wesen. Tatsächlich aber dient dieses binäre Schema nur einer von ökonomischen Interessen gesteuerten reproduktiven Sexualität, die den Bestand unserer Kultur sichern soll. Durch die wiederholte Praxis, den sexuellen Unterschied sprachlich zu benennen, werden Tatsachen geschaffen und als natürlich hingestellt. Die Sprache drückt dem Körper gewaltsam einen Stempel auf und stellt zwei Geschlechtskategorien her.

„Die feministische Kritik muss einerseits die totalisierenden Ansprüche einer maskulinen Bedeutungsökonomie untersuchen, aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben.“ (S. 33)

Unser Denken ist durch den herrschenden Diskurs von der Binarität des Geschlechts, also der Zweigeschlechtlichkeit geprägt. Schon unsere Sprache ist durch die männliche oder weibliche Bestimmung des Geschlechts von Substantiven gerastert und zwingt unser Denken in eine binäre Ordnung, hinter die wir nicht zurückkönnen. In dem von Heterosexualität und Fortpflanzung bestimmten juristisch-medizinischen Diskurs ist das Subjekt überhaupt nur als ein männliches oder weibliches denkbar. Die intelligible, also denkbare oder vorstellbare Geschlechtsidentität stellt künstlich eine Kontinuität oder sogar Kausalität zwischen dem anatomischen Geschlecht, der kulturell auferlegten Geschlechtsidentität und dem sexuellen Begehren her. Alle Abweichungen von diesem Muster erscheinen als widernatürlich und nicht denkbar.

Psychologische Erklärungen der Zweigeschlechtlichkeit

Wie aber konnte sich die Heterosexualität als scheinbar natürliche „Matrix“ des Begehrens in unserer Kultur etablieren? Durch welchen Mechanismus wird das anatomische Geschlecht zur Geschlechtsidentität? Bei Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan und Sigmund Freud spielt das Tabu gegen den Inzest zwischen Mutter und Sohn bzw. Vater und Tochter eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung der Geschlechtsidentität. Eine Erklärung, warum sich das Begehren des Kindes auf den jeweils gegengeschlechtlichen Elternteil richtet, bieten sie jedoch nicht. Für Lévi-Strauss und Lacan ist das heterosexuelle Inzesttabu eine universelle, unhinterfragte Wahrheit aller Kultur, die die Natur in geordnete Bahnen lenkt. Alle Randformen der Sexualität dagegen sind nicht vorstellbar. Diese Gegenüberstellung von Kultur und einer angeblich vordiskursiven Natur impliziert fälschlicherweise, dass Heterosexualität gegeben und natürlich sei.

„Die binäre Regulierung der Sexualität unterdrückt die subversive Mannigfaltigkeit einer Sexualität, die mit den Hegemonien der Heterosexualität, der Fortpflanzung und des medizinisch-juristischen Diskurses bricht.“ (S. 41)

Freud geht zwar von einer angeborenen Bisexualität aus, doch seine Theorie vom ödipalen Konflikt besagt, dass der kleine Junge das sexuelle Begehren nach der Mutter – nicht nach dem Vater – sublimieren muss, damit sich seine Geschlechtsidentität und seine männlichen Anlagen festigen. Das aber setzt eine geschlechtliche Unterscheidung und heterosexuelles Begehren schon voraus. In Freuds Theorie der angeborenen Bisexualität ist nur von der Anziehung der Gegensätze, nicht von Homosexualität die Rede. Will man nun erklären, wie geschlechtliche Differenzierung und das, was Freud als männliche oder weibliche Anlage bezeichnet, entsteht, muss man einen Schritt zurückgehen und vor dem Inzestverbot ansetzen. Entscheidend für die Identitätsbildung ist nämlich nicht nur das Inzesttabu, sondern auch das vorgelagerte Homosexualitätstabu. Sexuelle Anlagen sind eben nicht natürlich gegeben, sondern immer schon das Ergebnis sexueller Verbote und der Verdrängung eines homosexuellen, auf das gleichgeschlechtliche Elternteil gerichteten Begehrens. Das Tabu gegen Homosexualität geht dem Tabu gegen heterosexuellen Inzest voraus und schafft die Anlagen, die den Ödipuskomplex überhaupt erst möglich machen.

„Diese Disziplinarproduktion der Geschlechtsidentität bewirkt eine falsche Stabilisierung der Geschlechtsidentität im Interesse der heterosexuellen Konstruktion und Regulierung der Sexualität innerhalb des Gebiets der Fortpflanzung.“ (S. 199)

Bei der heterosexuellen Identität verschiebt der Junge sein Begehren von der Mutter auf ein anderes weibliches Objekt und trauert über den Verlust. Bei der homosexuellen Identität dagegen geht nicht nur das Objekt des Begehrens (für den Jungen: der Vater) verloren, sondern das Begehren selbst wird vollständig negiert. Es handelt sich also um eine doppelte Verleugnung sowohl des Objekts als auch des Ziels homosexuellen Begehrens. Das verlorene, zugleich verleugnete Liebesobjekt aber kann nicht betrauert werden, was zu einer Grundstruktur der Melancholie führt. Der Verlust wird melancholisch verinnerlicht und in den Körper eingeschrieben. Erst nachdem sich durch Verbote eine heterosexuelle Identität gefestigt hat, verortet sich die sexuelle Lust in den jeweiligen Körperteilen, die dem normativen Ideal für den Mann (Penis) und die Frau (Brüste, Vagina) entsprechen.

Gibt es eine vordiskursive Sexualität?

In der Nachfolge von Lévi-Strauss und Lacan gehen manche feministische Theoretikerinnen davon aus, dass es eine ursprüngliche libidinöse Vielfalt gibt, die durch die Kultur unserer Gesellschaft verdrängt wurde. Gayle Rubin etwa behauptet, vor der Verwandlung eines biologisch männlichen oder weiblichen Wesens in einen Mann oder eine Frau seien im Kind alle sexuellen Möglichkeiten angelegt. Nach Julia Kristeva gibt es ein primäres weibliches Prinzip, das durch ein unsere gesamte Kultur und Sprache strukturierendes Ordnungsprinzip verdrängt wurde. Der Weg für die Frau, mit diesem verdrängten weiblichen Urprinzip und libidinöser Vielfalt wieder in Kontakt zu treten und die herrschende, männlich definierte Ordnung zu unterlaufen, besteht darin, selbst Mutter zu werden. Der Wunsch, zu gebären, ist Teil eines archaischen, kollektiven weiblichen Triebs. Lesbentum dagegen begreift Kristeva als Selbstverlust, als Psychose und Regression.

„Dass der geschlechtlich bestimmte Körper performativ ist, weist darauf hin, dass er keinen ontologischen Status über die verschiedenen Akte, die seine Realität bilden, hinaus besitzt.“ (S. 200)

Die Annahme einer wahren, ursprünglichen Sexualität jenseits des Diskurses, zu der man zurückkehren könnte, ist eine romantische Illusion. Wie schon Foucault gezeigt hat, kann Repression prohibitiv und zugleich produktiv begriffen werden. Die juridische Macht, die in den Verboten und Tabus einer Kultur Gestalt annimmt, unterdrückt nicht eine ursprüngliche Weiblichkeit, Bisexualität oder andere Formen des Begehrens, sondern sie produziert diese erst. Es gibt keine Sexualität außerhalb der Macht, denn der Diskurs über Sexualität ist immer schon von Machtbeziehungen durchzogen: Sexualität und Macht sind deckungsgleich. Die Vorstellung von einem befreiten Eros ist selbst schon Teil des Machtdiskurses, und der Mutterinstinkt, von dem Kristeva spricht, ist ebenso ein Konstrukt wie Weiblichkeit.

Die Subversion zwanghafter Heterosexualität

Normative Heterosexualität ist laut Wittig ein Instrument zur Festigung der männlichen Herrschaft. Geschlecht ist somit keine natürliche, sondern eine politische Kategorie. Durch das Lesbentum, das jenseits von „männlich“ und „weiblich“ ein drittes Geschlecht darstellt, wird die Norm der Zweigeschlechtlichkeit unterlaufen. Für Wittig stellt Homosexualität also einen Akt der Subversion und des politischen Widerstands dar. Lesbentum versteht sie als grundlegende Zurückweisung der Heterosexualität, und sie lehnt die in der lesbischen Szene verbreiteten Kopien heterosexueller Identitäten, etwa in Form betonter Männlichkeit (die sogenannte Butch-Identität) oder betonter Weiblichkeit (die Femme-Identität), strikt ab. Dabei sind es gerade diese Parodien stereotyper Geschlechtsidentitäten, die die Vielschichtigkeit im Verhältnis von Männlichem und Weiblichem zum Vorschein bringen und die Vorstellung fester, ursprünglicher sexueller Identitäten infrage stellen. Die heterosexuellen Konstrukte verlieren durch die pasticheartige Zurschaustellung in der Lesben- und Schwulenszene ihren Anspruch auf Natürlichkeit und Ursprünglichkeit und werden ihrerseits als Parodie entlarvt. Die sich betont männlich gebende lesbische Frau und der feminine Schwule erzeugen Verwirrung und tragen zur Destabilisierung und Denaturalisierung unserer scheinbar festen Geschlechtskategorien bei. Sie unterlaufen das Ideal einer normativen, kohärenten Heterosexualität und führen die Diskontinuität der Geschlechtsidentität vor Augen.

„Indem die Travestie die Geschlechtsidentität imitiert, offenbart sie implizit die Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher – wie auch ihre Kontingenz.“ (S. 202)

Nicht nur Geschlechtsidentität, auch der Körper mit seiner Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt ist eine Illusion, die zum Zweck der Reproduktion gesellschaftlich aufrechterhalten wird. Körper und Geschlecht besitzen keine ontologische Realität, sondern sie sind performativ und werden durch Sprechakte, Körpergesten und Inszenierung erzeugt. Indem die Psychologie etwas Innerliches, Seelisches als Ursache erotischen Begehrens annimmt, verschleiert sie den performativen Ursprung von Geschlechtsidentität. Lesben, Schwule und Bisexuelle führen uns durch die Praktiken der Travestie und des Kleidertausches vor, dass es sich bei der Geschlechtsidentität um nichts Innerliches, Expressives sondern um austauschbare Attribute handelt: Geschlecht ist nicht etwas, was man hat, sondern was man tut. Die Travestie, die eine Geschlechtsidentität imitiert, zeigt, dass Geschlechtsidentität grundsätzlich eine Imitation ist. Das scheinbar Normale ist immer schon eine Kopie.

Für einen neuen Feminismus

Der Feminismus setzt sich politisch für „die Frauen“ ein und impliziert damit, dass es „die Frau“ gibt. So wie es jedoch keine universal gültige weibliche Identität gibt, so existiert auch keine universale Form des Patriachats oder der männlichen Unterdrückung. Der Feminismus irrt, wenn er den Anspruch vertritt, „die Frau(en)“ zu repräsentieren, und den Feind allein in Gestalt „des Mannes“ sieht. Zum einen übernehmen viele Feministinnen unkritisch die Kategorisierung des Unterdrückers, zum anderen übersehen sie die verschiedenen Formen von Unterdrückung, die sich nicht nur im Geschlechter-, sondern auch in Rassen- und Klassenverhältnissen äußert.

„Die Geschlechtsidentität erweist sich somit als Konstruktion, die regelmäßig ihre Genese verschleiert.“ (S. 205)

Der Feminismus muss begreifen, dass auch das biologische Geschlecht ein Produkt des gesellschaftlichen Diskurses ist, allein dazu bestimmt, die männliche heterosexistische Herrschaft zu festigen. Gewiss ist weltweite Solidarität „der Frau(en)“ eine Waffe im politischen Kampf gegen Unterdrückung. Doch diese zwanghafte Vereinheitlichung der Frauen – gleich welcher Rasse oder Klasse, welchen Alters und welcher sexuellen Orientierung – in einer Kategorie hat etwas Totalitäres. Es würde den Feminismus stärken, wenn er Widersprüche, Brüche und Unterschiede zuließe und sich der Vielfalt von Geschlechtsidentitäten öffnete, statt normativ zu bestimmen, was weibliche Identität ist.

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Aufbau und Stil

Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter besteht aus drei Kapiteln, die ihrerseits in Unterkapitel gegliedert sind. Die Autorin setzt sich mit feministischen und psychologischen Theorien auseinander, deren Kenntnis sie voraussetzt. Mitunter hat man den Eindruck, sie setze eine Debatte mit anderen feministischen Theoretikerinnen in schriftlicher Form fort, wobei sie sich oft in argumentative Details verbeißt und den Faden verliert. Butlers Sprache ist von philosophischem und soziologischem Fachvokabular durchsetzt und streckenweise fast unverständlich. Regelmäßig versucht die Autorin, ihre Thesen mit anderen Worten noch einmal zu formulieren, ohne jedoch so zu mehr Klarheit zu gelangen. Auf Alltagssprache und dem alltäglichen Leben entnommene Beispiele verzichtet sie gänzlich. Butler selbst, die für ihre Ausdrucksweise 1998 von dem Journal Philosophy and Literature den ersten Preis im Bad Writing Contest erhielt, rechtfertigte ihren Stil damit, die Kompliziertheit diene dazu, für selbstverständlich gehaltene Wahrheiten, gängige Ansichten und „Common Sense“-Phrasen infrage zu stellen.

Interpretationsansätze

  • Mit ihrer Auffassung, nicht nur das Geschlecht, sondern auch der Körper mit seinen erogenen Zonen sei ein Produkt des juristisch-medizinischen Diskurses, stützt sich Judith Butler auf Michel Foucaults Diskurstheorie. Danach üben Diskurse als Träger von jeweils gültigem Wissen Macht aus, indem sie die Gegenstände, von denen sie sprechen, selbst hervorbringen. Sprache besitzt somit einen realitätserzeugenden Charakter, schafft soziale Fakten und setzt eine Ordnung der Dinge fest – etwa eine heterosexuell definierte Zwei-Geschlechter-Ordnung, aus der alle abweichenden Identitäten ausgeschlossen sind.
  • Der von Butler im Zusammenhang mit Geschlecht verwendete Begriff „Intelligibilität“ meint in der Philosophie alles durch Vernunft erfassbare – im Gegensatz zum bloß sinnlich Erfassbaren. Was außerhalb des Intelligiblen liegt, kann nicht mit vernünftigen Mitteln hinterfragt werden. Nicht-intelligibel zu sein, bedeutet im Hinblick auf Geschlecht nicht, inexistent zu sein, sondern keine sinnhafte Einheit zu verkörpern.
  • Den Begriff „Performativität“ hat Butler aus der Sprechakttheorie John L. Austins übernommen. Danach sind performative Äußerungen Sprechakte, durch die eine Handlung vollzogen wird, etwa „Ich entschuldige mich“ oder „Ich verspreche“. Sprechakte schaffen nach Austin eine materielle Wirklichkeit und funktionieren, weil sie sich auf Konventionen beziehen. Butler dehnt Austins Idee der Performativität auf Geschlecht und Geschlechtsidentität aus. „Frau“ ist demnach eine normative, auf Konventionen beruhende Setzung, die hervorbringt, was sie bezeichnet.
  • In Das Unbehagen der Geschlechter verneint Judith Butler einen „natürlichen“ Zusammenhang zwischen Biologie, Sozialem und erotischem Begehren. Daraus folgert sie aber weder, dass das Geschlecht beliebig zu wechseln, noch dass es durch den Diskurs für immer festgelegt sei. Vielmehr gesteht sie dem Subjekt Handlungsspielraum zu.
  • Nach heftiger Kritik an ihren Thesen schränkte Butler ein, sie habe weder die Materialität des Körpers infrage stellen noch die Geschlechterkategorien abschaffen, sondern diese nur öffnen wollen. Normen seien notwendig, sie könnten aber enger oder weiter gefasst werden. Sie wolle es Menschen ermöglichen, ohne Zwang und einengende Vorstellungen ein Geschlecht zu leben.

Historischer Hintergrund

Die Entstehung der Genderstudies

Der Feminismus entstand gegen Mitte des 19. Jahrhunderts und führte in Deutschland, den USA und Großbritannien zur Einführung des Frauenwahlrechts. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm er eine neue Wende. 1949 erklärte die französische Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir in Das andere Geschlecht, die Differenzen zwischen den Geschlechtern seien nicht biologisch bedingt, sondern der Effekt von Erziehung und Kultur. Mit ihrem enorm erfolgreichen Buch legte de Beauvoir das Fundament für eine mächtige neue Frauenbewegung und für den sogenannten Gleichheitsfeminismus. Dieser lehnt die Vorstellungen vermeintlich typisch männlicher bzw. typisch weiblicher Eigenschaften und Verhaltensmuster ab, da diese gesellschaftlich und kulturell bedingt seien. Seine Vertreterinnen haben sich Chancengleichheit und die Überwindung von sozialen Geschlechterdifferenzen auf die Fahnen geschrieben.

Dagegen geht der sogenannte Differenzfeminismus von einer grundsätzlichen, angeborenen Verschiedenheit der Geschlechter aus – beispielsweise einer ausgeprägten Fürsorglichkeit und Friedfertigkeit von Frauen – und fordert eine Aufwertung der weiblichen Kultur. Eine der bedeutendsten Vertreterinnen dieser Richtung ist die französische Psychoanalytikerin Luce Irigaray, die in Anlehnung an die poststrukturalistischen Philosophen Jacques Lacan und Jacques Derrida das Besondere hervorhebt, das ihrer Meinung nach Frauen ausmacht. Unsere gesamte Logik und unsere Sprache seien von männlicher Ideologie beherrscht. In unserer patriarchalischen Gesellschaft müssten Frauen diesen sogenannten Phallogozentrismus überwinden, um zu einer eigenen, urweiblichen Identität zurückzufinden.

Im Zuge der neu erstarkten Frauenbewegung entstanden in den späten 1960er-Jahren an einigen amerikanischen Universitäten die Women’s Studies. Feministische Forscherinnen beklagten, die Erforschung weiblicher Lebenswelten sei bislang aus männlicher Perspektive erfolgt, und entwickelten neue Methoden und Theorien. Schon bald aber stieß das neue Forschungsgebiet an seine Grenzen. Kritiker bemängelten, es sei unmöglich, einerseits von der Gleichheit von Männern und Frauen auszugehen und daraus die Forderung nach Gleichberechtigung abzuleiten, andererseits aber auf einer originär weiblichen Kultur und Sicht der Dinge zu bestehen. Aus diesem Konflikt entwickelten sich Mitte der 1970er-Jahre die akademischen Genderstudies mit dem Ziel, die Entstehung von Geschlechtsidentität und Geschlechterrollen im alltäglichen Leben zu untersuchen.

Entstehung

Schon während ihrer Studienzeit an der Universität von Yale beschäftigte sich Judith Butler mit Frauenforschung und trug dazu bei, dass sich die Women’s Studies als Forschungszweig etablierten. Nach ihrer Promotion 1984 hatte sie an verschiedenen amerikanischen Universitäten Assistenzprofessuren inne. Ab 1988 veröffentlichte sie Artikel und Essays zur feministischen Theorie. Das Unbehagen der Geschlechter erschien 1990 beim britischen Verlag Routledge.

Wirkungsgeschichte

Das Unbehagen der Geschlechter machte Judith Butler schlagartig zum Star in der liberal-intellektuellen Szene. Zugleich löste das Buch, das 1991 in deutscher Übersetzung erschien, vor allem in Deutschland eine breite Diskussion aus, in der die Autorin scharf angegriffen wurde. Man warf ihr vor, durch ihre Theorie den Körper zu entmaterialisieren, ihn zu einem Rohstoff für Diskurse zu degradieren und damit alle Lebenswirklichkeit auszublenden. Nach Butler seien Menschen nicht mehr als handlungsfähige Subjekte zu denken. Eine andere Kritik lautete, ihre Thesen stützten narzisstische Tendenzen in unserer Kultur, die auf eine Angleichung natürlicher Körper an Wunschvorstellungen abzielten, und förderten den herrschenden „Machbarkeitswahn“.

Auch unter Feministinnen provozierte Butler viel Widerspruch. Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum etwa kritisierte Butlers Vorschlag, durch Parodien der Geschlechterverhältnisse auf das gesellschaftliche Bewusstsein einzuwirken, und bezeichnete sie spöttisch als „Professor of Parody“. Als fest angestellte Professorin einer liberalen Universität könne sie sich parodistische Performance leisten – zur Verbesserung der sozialen und materiellen Lage unterdrückter Frauen trage sie mit ihren abstrakten, unverständlichen Theorien aber nichts bei. Gegen den Vorwurf, mit ihrer Theorie behindere sie das politische Projekt der Frauenemanzipation, rechtfertigte sich Butler, sie habe nicht den Feminismus an sich infrage stellen wollen, sondern ihn für Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und andere queere Identitäten öffnen wollen. Damit machte sie den Begriff „queer“, der lange Zeit ein Schimpfwort für Homosexuelle war, zu einem positiv besetzten politischen Kampbegriff der Schwulen- und Lesbenbewegung, die ihr Buch mit Begeisterung aufnahm.


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