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Die wundersame Geldvermehrung

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Die wundersame Geldvermehrung

Staatsverschuldung, Negativzinsen, Inflation

Herder,

15 Minuten Lesezeit
7 Take-aways
Audio & Text

Was ist drin?

Eine Versiebenfachung der Geldmenge im Eurosystem seit 2008? Das kann nicht gut gehen. 


Bewertung der Redaktion

9

Qualitäten

  • Analytisch
  • Meinungsstark
  • Brisant

Rezension

Er ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für seine Ideen: der ehemalige ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Seine Grundthesen sind bekannt. Hier führt er aber im Detail aus, was seit der Finanzkrise schiefgelaufen ist in der Eurozone, und plädiert für einen radikalen Kurswechsel. Das macht er extrem kenntnisreich, sowohl die volkswirtschaftliche als auch die juristische und politische Seite betreffend. Ein spannendes, aufrüttelndes, aber auch deprimierendes Buch – für alle, die es genauer wissen wollen.

Take-aways

  • Die Geldmenge in der Eurozone ist explodiert, die Inflationsgefahr groß.
  • Finanzkrise, Euroschuldenkrise und Coronakrise haben die Geldmenge und die Schulden in der Eurozone immer weiter in die Höhe getrieben.
  • Dass es trotz enorm gestiegener Geldmenge lange zu keiner Inflation kam, liegt daran, dass viel Geld gehortet wurde.
  • Die Inflation wird kommen, und die EZB wird zumindest gegen eine moderate Inflation nichts tun.
  • Steigende Immobilien- und Energiepreise oder immer neue Konjunkturprogramme könnten die Inflation endgültig anstoßen.
  • Selbst wenn eine Inflation ausbleibt, drohen düstere Szenarien.
  • Die Euroländer müssen ihre Finanzen ordnen und anstelle einer Schuldenunion die politische Union ins Visier nehmen.

Zusammenfassung

Die Geldmenge in der Eurozone ist explodiert, die Inflationsgefahr groß.

Inflation kannten viele Deutsche nur noch aus den Geschichtsbüchern. Nun sind die Zeiten extrem niedriger Preissteigerungsraten vorbei. Hauptverantwortlich dafür ist die Europäische Zentralbank. Deren Nullzinspolitik und Anleihenkäufe in nie da gewesenem Ausmaß – angestoßen durch immer neue Krisen – haben die Geldmenge explodieren lassen. Die EZB hat damit ihr eigentliches Mandat verletzt. Statt sich ausschließlich der Inflationsbekämpfung zu widmen, ist sie zum Staatsfinanzierer geworden. Zentrale marktwirtschaftliche Mechanismen sind außer Kraft gesetzt, die südeuropäischen Eurostaaten müssen trotz maroder Haushalte kaum Zinsen zahlen.

Die Geldmenge im Euroraum lief seit dem Jahr 2015 derart aus dem Ruder, dass man sich Sorgen um die Stabilität des Geldwertes machen muss.

Vor 100 Jahren erlebte Deutschland schon einmal eine schlimme Inflation. Durch die Politik der EZB droht nun eine neue Inflation – mit all ihren dramatischen Folgen für die Menschen: Enteignung der Sparer, Entwertung von hart erarbeitetem Einkommen, Umverteilung zulasten derer, die solide haushalten. Letztlich könnten die Eurozone und Europa sogar daran zerbrechen. 

Finanzkrise, Euroschuldenkrise und Coronakrise haben die Geldmenge und die Schulden in der Eurozone immer weiter in die Höhe getrieben.

Seit der Finanzkrise 2007/08 befindet sich Europa im Krisenmodus. Auf die Finanzkrise folgte ab 2010 die Euroschuldenkrise, 2020 dann die Coronakrise. Schon jetzt zeichnet sich eine weitere Krise ab: eine Krise der deutschen Industrie, ausgelöst durch die umweltpolitischen Vorgaben aus Brüssel. Diese werden Deutschland in den kommenden Jahren und Jahrzehnten schwer zusetzen und dürften sehr viel Geld kosten.

Die EZB hat es versäumt, die Ursachen all dieser Krisen anzugehen. Stattdessen wurde sie zur Rettungsinstanz. In Reaktion auf die Finanzkrise hätte die EZB zum Beispiel die Eigenkapitalvorschriften für Banken drastisch erhöhen können, um Spekulationen zu verhindern. Viel mehr Banken hätten in die Insolvenz gehen müssen, ähnlich wie in den USA. Doch während dort zwischen 2008 und 2010 322 Banken Konkurs anmeldeten, waren es in Europa lediglich 51.

Auch für die Euroschuldenkrise – letztlich ausgelöst durch fehlende Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Staaten – hätte es Lösungen gegeben. So hätten etwa einzelne Länder temporär austreten und die wiederhergestellte eigene Währung abwerten können. Das hätte zwar vermutlich eine Kapitalflucht zur Folge gehabt, die wäre jedoch mithilfe von Kapitalverkehrskontrollen zu verhindern gewesen. Die „Whatever it takes“-Rede des damaligen EZB-Chefs Mario Draghi, die als Rettungsschlag für die verschuldeten Euroländer gefeiert wurde, förderte hingegen unsolides Haushalten. Spätestens mit dem ersten, 110 Milliarden Euro schweren Rettungspaket für Griechenland vom April 2010 war das Bail-out-Verbot und damit der Kern der Eurozonenstruktur ausgehebelt.

Damit trat genau das ein, was alle Befürworter des Euro verneint hatten: der Euro als Weg für eine Haftungsunion zur Lösung der Staatsschuldenfrage Südeuropas.

Und während die Reaktionen der EZB auf die Finanzkrise mit Blick auf die Geldmenge noch angemessen waren, stieg die Geldmenge mit der Euroschuldenkrise explosionsartig an. SMP, OMT, LTRO, TLTRO – ein Anleihenankaufprogramm folgte auf das nächste. In der Coronakrise fielen dann die letzten Hemmungen.

Während die Geldmenge Mitte 2008 noch bei 876 Milliarden Euro lag, war sie im September 2021 auf 5,99 Billionen Euro, also auf fast das Siebenfache gestiegen.

Gleichzeitig wuchsen die Schulden der Euroländer immer weiter. Schon vor der Coronakrise lagen sie deutlich über dem Niveau von 2000. Ende 2021 dürften etwa die Schuldenquoten von Belgien und Frankreich bei 120 Prozent des BIP liegen, im Fall von Spanien sind es 125 Prozent, in Portugal mehr als 130 Prozent, in Italien weit über 160 Prozent und in Griechenland mehr als 210 Prozent.

Dass es trotz enorm gestiegener Geldmenge lange zu keiner Inflation kam, liegt daran, dass viel Geld gehortet wurde.

Die Versiebenfachung der Geldmenge seit 2008 müsste nach klassischer Wirtschaftstheorie eigentlich zu Inflation führen. Das ist aber nicht geschehen. Der Grund ist, dass das Geld nicht in den Wirtschaftskreislauf floss, sondern gehortet wurde – in Tresoren oder, im Fall von Banken, in Sichteinlagen auf deren Konten bei der Notenbank. Das zusätzliche Geld konnte somit keine Nachfragewirkung entfalten, die Inflation blieb aus. Schon der britische Ökonom John Maynard Keynes hatte auf die wichtige Rolle des Hortens im Wirtschaftskreislauf hingewiesen, vor ihm bereits der deutsche Ökonom Silvio Gesell.

Der Geldüberhang ist ein Pulverfass, von dem man nur hoffen kann, dass es nicht irgendwann einmal gezündet wird.

Eine Gewähr dafür, dass es so bleibt, gibt es aber nicht. Vielmehr besteht jederzeit die Gefahr, dass das gehortete Geld in den Wirtschaftskreislauf fließt. Das Geld könnte dann Nachfrageeffekte auslösen und so die Inflation nach oben schießen lassen.

Die Inflation wird kommen, und die EZB wird zumindest gegen eine moderate Inflation nichts tun.

Sollte die Inflation tatsächlich im größeren Stil steigen, wird die EZB Probleme haben, die expansive Geldpolitik zu beenden. Das gilt insbesondere für die Rückabwicklung der Staatsanleihenkäufe. Die Gründe dafür sind vor allem politisch.

In vielen Ländern der Eurozone lag Stand Juni 2021 ein Drittel bis zur Hälfte der ausgegebenen Staatsanleihen in den Händen der EZB: im Fall von Portugal zum Beispiel 52 Prozent, im Fall von Spanien 39 Prozent, selbst im Fall der Niederlande und Deutschlands 47 bzw. 45 Prozent. Würde die EZB die Staatsanleihen wieder verkaufen und also das Angebot steigen, würden die Kurse fallen und die Zinsen sich erhöhen. Viele Eurostaaten bekämen bei höheren Zinsen massive Probleme, neue Schulden aufzunehmen sowie bestehende Schulden zu bedienen. Banken würden große Verluste erleiden, es könnte zu einer Konkurswelle kommen. 

So rasch und durchschlagend die Programme in der Expansionsphase wirkten, so heftig sind die negativen Reaktionen, die sie in der Kontraktionsphase auslösen können.

Letztlich liegt es nicht im Interesse der EZB, eine Inflation zu verhindern – zumindest nicht eine moderate Inflation. Sonst hätten die Notenbanker wohl kaum die Inflationsobergrenze von unter 2 Prozent abgeschafft. Nun richtet sich die EZB an einem sogenannten symmetrischen Inflationsziel von 2 Prozent aus, das auch kurzzeitige Abweichungen nach oben erlaubt. 

Wohin die Reise geht, zeigt der Vorschlag des Präsidenten des EU-Parlaments David Sassoli vom November 2020: Sassoli forderte, alle Covid-Schulden der EU-Länder zu streichen. Ein ähnlicher Aufruf kam Anfang 2021 von 100 europäischen Politikern, Ökonomen und Aktivisten, darunter auch Frankreichs Starökonom Thomas Piketty.

Steigende Immobilien- und Energiepreise oder immer neue Konjunkturprogramme könnten die Inflation endgültig anstoßen.

Ist die Inflation einmal da, besteht die Gefahr, dass sie sich hochschaukelt: Wenn Inflationserwartungen steigen, schiebt das die Inflation an. Einige potenzielle Anstoßeffekte sind bereits jetzt erkennbar: steigende Immobilienpreise, immer neue staatliche Konjunkturprogramme oder eine drohende Energiekrise, ausgelöst durch den Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Seit 2010 haben sich die Immobilienpreise in Deutschland dramatisch erhöht. Das ist keineswegs normal – in den 20 Jahren davor waren die Preise mehr oder weniger konstant. Grund sind die niedrigen Zinsen. Sie verbilligen den Immobilienkauf, und es fehlen Anlagealternativen. Die hohen Immobilienpreise, die zu Recht nicht in den Verbraucherpreisindex einfließen, werden sich aber über kurz oder lang in höheren Mieten niederschlagen. Diese finden im Index Berücksichtigung und werden somit dazu beitragen, dass die Inflation steigt.

Auch die Konjunktur- und Rettungsprogramme der vergangenen Jahre könnten die Inflationsbremse lösen. 2020 und 2021 hat die deutsche Regierung kreditfinanzierte Ausgabenprogramme aufgelegt, die in ihrer Höhe fast zehn Prozent des deutschen BIP entsprechen. Ein weiterer Anstoßeffekt sind steigende Energiepreise, bislang vor allem pandemiebedingt. Die Klimapolitik könnte diese Entwicklung verschärfen. Wenn Deutschland sich zugleich von fossilen Energien und Atomkraft abwendet, wird das die Preise weiter nach oben treiben.

Der Mehrfachausstieg aus allen nichtgrünen Energieträgern wird ein Mehrfaches der Probleme bedeuten, die Deutschland seinerzeit mit der Ölkrise erlebte.

Hier können Parallelen zum Ölpreisschock der 1970er-Jahre gezogen werden: Zwischen 1970 und 1974 erhöhte die OPEC den Ölpreis um ein Neunfaches. Nach einer kurzen Beruhigung stieg der Preis dann zwischen 1978 und 1980 noch einmal um ein Dreifaches. Das setzte eine Lohn-Preis-Spirale in Gang: Die Arbeitnehmer verlangten zum Ausgleich für höhere Preise höhere Löhne. Die höheren Löhne ließen die Kosten der Unternehmen noch mehr anwachsen, sodass die Preise weiter angehoben werden mussten. Der deutsche Verbraucherpreisindex kletterte in den zehn Jahren von 1970 bis 1980 um insgesamt 65 Prozent nach oben, also durchschnittlich um 5,1 Prozent im Jahr.

Europa könnte heute in einer ähnlichen Stagflationsphase stehen wie in den 1970er-Jahren die gesamte westliche Welt.

In den USA war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Der damalige Notenbankpräsident Paul Volcker sah sich Anfang der 1980er-Jahre gezwungen, radikal gegenzusteuern. Er erhöhte den Leitzins auf zeitweise 20 Prozent. Das löste eine schwere Rezession aus.

Selbst wenn eine Inflation ausbleibt, drohen düstere Szenarien.

Die Inflationsgefahr ist groß – eine Inflation wie in den 1970er-Jahren ist wahrscheinlich. Unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen, ist eine Hyperinflation wie vor 100 Jahren. Denn die grundsätzlichen Defizite des Eurosystems bestehen fort. Die EZB wird zudem von Ländern dominiert, die meinen, von einer Inflation profitieren zu können. Sie unterschätzen die Gefahr, von einer moderaten in eine hohe Inflation zu kippen. Diejenigen, die für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik plädieren, sind im EZB-Rat in der Minderheit.

Es muss nicht zur Inflation kommen. Doch die Alternativen sind auch nicht viel besser. Eine Möglichkeit wäre eine Entwicklung à la Japan mit weiterhin niedrigen Zinsen, immer neuen Rettungsaktionen, steigender Staatsverschuldung und einer Zombifizierung der Wirtschaft. Japan, ehemals Wirtschaftswunderland, siecht schon seit 1990 dahin. Damals platzte eine große Immobilienblase, viele Banken und Unternehmen gerieten ins Straucheln und wurden vom Staat übernommen. Die Notenbank reagierte mit einer Nullzinspolitik, später folgten Anleihekäufe im großen Stil. 1990 hatte die Staatsschuldenquote Japans noch bei 63 Prozent gelegen. 2020 war sie auf 256 Prozent gestiegen. 

Die Euroländer müssen ihre Finanzen ordnen und anstelle einer Schuldenunion die politische Union ins Visier nehmen.

Europa muss zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren, angelehnt an die frühere Politik der Deutschen Bundesbank. Das würde bedeuten, dass die EZB ihre Anleihekäufe beendet und die Zinsen anhebt. Sie darf es nicht mehr als ihre Hauptaufgabe ansehen, Zinsunterschiede innerhalb der Eurozone anzugleichen. Die Zinsen müssen wieder von den Märkten bestimmt werden und Bonitäten widerspiegeln.

Nur die Rückführung der Geldmenge durch einen behutsamen, doch mit fester Hand durchgeführten Rückverkauf der vielen Staatspapiere kann zur Besinnung führen.

Staaten müssen ihre Ausgaben wieder über Steuern finanzieren, nicht über Schulden. Wichtig ist auch, die Stimmrechte im EZB-Rat neu zu verteilen. Jeder Bürger der Eurozone sollte dort die gleiche politische Repräsentanz erhalten.

Europa war lange eine Erfolgsgeschichte. Jetzt steht der Erfolg auf dem Spiel. Stabiles Geld ist die Grundlage für ein stabiles Europa. Die Bürger müssen darauf vertrauen können, dass die Früchte ihrer Arbeit nicht durch Inflation schwinden und anderen zugutekommen, die sich nicht angestrengt haben. Wenn Europa seine aktuelle Politik unverändert fortführt, würde dies das Vertrauen der Bürger in die Währung endgültig zerstören und letztlich viel Unfrieden stiften. Möglicherweise fiele Europa sogar auseinander.

Die EU prosperierte, als sie sich zur Freihandelsunion entwickelte. Sie geriet in eine Dauerkrise, als sie das Gemeinschaftsgeld einführte.

Was nun ansteht, ist Folgendes: Zunächst müsste Europa die Finanzen im Eurosystem konsolidieren. Der nächste Schritt wäre die politische Union, nicht aber die Vergemeinschaftung von Schulden. Eine politische Union beinhaltet eine gemeinsame europäische Regierung, eine gemeinsame Verfassung und eine gemeinsame Außenpolitik sowie ein demokratisches Parlament, und zwar nicht nur für die Euroländer, sondern für alle EU-Mitglieder.

Als Vorbild kann die Schweiz dienen. Sie ist vor allem eine politische Union, keine Schuldenunion und nur sehr bedingt eine Fiskalunion. Das heißt: Die Schulden der einzelnen Kantone werden nicht von der Schweizer Zentralbank oder der Gemeinschaft der Kantone aufgefangen. Die Kantone sind selbstständig und geben das Recht auf Steuereinnahmen nur befristet ab. Gleichzeitig hat die Schweiz eine starke Armee und eine gemeinsame Außenpolitik. Auch sonst ist das Land ein Erfolgsmodell. Die Kultur blüht, die Wirtschaft läuft, das Land ist innovativ, die Währung stabil.  

Über den Autor

Hans-Werner Sinn ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der Universität München und war 17 Jahre lang Präsident des ifo-Instituts.

Dieses Dokument ist für den persönlichen Gebrauch bestimmt.

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