Zusammenfassung von Demian

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Demian Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Bildungsroman
  • Moderne

Worum es geht

Werde, der du bist

Als Hermann Hesse seinen Roman Demian 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlichte, waren Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert. Die Geschichte vom Jungen, der unter dem Einfluss seines Freundes Demian lernt, sich mit all seinen dunklen Seiten zu akzeptieren und seinen Weg zu finden, traf nach den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs den Nerv der Zeit. Auch Jugendliche späterer Jahrzehnte waren von dem Buch, das in fast 30 Sprachen übersetzt wurde, hingerissen – ungeachtet allen Spottes von Kritikern, die Demian als kitschigen Schmachtfetzen abtaten. Von dem zeitlos wirkenden Werk, das sich gegen äußere Ge- und Verbote wendet und Selbstverwirklichung zur heiligen Pflicht des Menschen erklärt, geht bis heute eine große Faszination aus. Mit der an C. G. Jung angelehnten Psychologie des Unbewussten, dem neoromantischen Irrationalismus und dem Hang zum Esoterischen bietet es Menschen bei ihrer Selbstsuche spirituelle Wegweisung. Wer für die Botschaft des Romans weniger empfänglich ist, kann Demian auch als interessantes Psychogramm eines Heranwachsenden vor dem Ersten Weltkrieg lesen.

Take-aways

  • Der Entwicklungsroman Demian ist ein erfolgreiches Werk des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse.
  • Inhalt: Der junge Emil Sinclair ist hin- und hergerissen zwischen der ordentlichen Welt seiner Eltern und seinen Trieben. Unter dem Einfluss seines Freundes Demian lernt er, die Gegensätze zu überwinden und sich mitsamt seiner dunklen Seiten zu akzeptieren. So findet er zu sich selbst.
  • Eine große Rolle bei Sinclairs Selbstfindung spielen Symbole, Träume und Visionen.
  • In Demian verarbeitet Hesse Theorien von C. G. Jung, mit ihrer Unterscheidung zwischen individuellem und kollektivem Unbewussten.
  • Auch Nietzsches Philosophie der Stärke und seine Konzeption eines neuen Menschen klingen im Roman an.
  • Demian ist zudem stark von geistigen Strömungen des späten 19. Jahrhunderts wie der Lebensphilosophie und der Theosophie geprägt.
  • Eines der Vorbilder für die Figur des Demian lieferte der Aussteiger und Naturphilosoph Gustav Gräser.
  • Hesse schrieb Demian unter dem Pseudonym Emil Sinclair.
  • In den 1970er-Jahren erfuhr der Roman durch die Hippiebewegung ein kultisches Revival.
  • Zitat: „Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades.“
 

Über den Autor

Hermann Hesse wird am 2. Juli 1877 im Schwarzwaldstädtchen Calw als Sohn des Missionars Johannes Hesse und der ebenfalls missionarisch tätigen Marie Gundert geboren. 1881 zieht die Familie nach Basel, wo der Vater die Schweizer Staatsangehörigkeit annimmt. Nach der Rückkehr nach Calw im Jahr 1883 besucht Hesse die Lateinschule in Göppingen. 1891 tritt er in das evangelische Klosterseminar in Maulbronn ein. Ein Jahr später flüchtet er jedoch von dort, um Dichter zu werden. Nach einem Selbstmordversuch besteht er 1893 das Einjährig-Freiwilligen-Examen (mittlere Reife) am Gymnasium in Cannstatt. Im gleichen Jahr beginnt er eine Buchhändlerlehre, die er jedoch nach nur drei Tagen hinwirft. Nach einer Ausbildung zum Mechaniker fühlt er sich wieder bereit für Geistiges und beendet die zweite begonnene Buchhändlerlehre erfolgreich. Nach den Gedichtsammlungen Das deutsche Dichterheim und Romantische Lieder bringt der Roman Peter Camenzind (1904) Hesse den Durchbruch als Autor. In diesem Werk und im zwei Jahre später fertiggestellten Unterm Rad (1906) verarbeitet er seine schlechten Erfahrungen aus der Schulzeit. 1911 unternimmt er die einzige große Reise seines Lebens, die ihn nach Ceylon und Sumatra führt. Die dort empfangenen Eindrücke werden für sein weiteres Werk sehr wichtig. 1916 erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Der Grund ist der Tod seines Vaters und die voranschreitende Schizophrenie seiner Frau Maria Bernoulli. Hesse begibt sich in die psychotherapeutische Behandlung eines Schülers von C. G. Jung. Die Beschäftigung mit der Jung’schen Archetypenlehre findet ihren literarischen Niederschlag in der 1919 veröffentlichten Erzählung Demian und im Roman Narziß und Goldmund (1929/30). Hesses Bücher bekommen einen fernöstlich beeinflussten, meditativen Charakter, besonders Siddhartha (1922). 1927, zwischen seiner zweiten und seiner dritten Heirat, erscheint der Roman Der Steppenwolf. Während der NS-Herrschaft werden viele Bücher Hermann Hesses in Deutschland verboten. In dieser Zeit schreibt er sehr lange (1930 bis 1943) an seinem großen Spätwerk Das Glasperlenspiel. 1946 erhält Hesse den Nobelpreis für Literatur, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse in Montagnola in seiner Wahlheimat, der Schweiz.

 

Zusammenfassung

Zwei Welten

Der zehnjährige Emil Sinclair hat das Gefühl, in zwei Welten aufzuwachsen: Die eine Welt – das Elternhaus, die Schule – ist schön und sauber, ordentlich und vertraut. In ihr herrschen Liebe und Strenge, Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte. Die andere Welt – die Welt der Handwerksburschen und Landstreicher, der Totschläger und Betrunkenen – ist laut und derb, düster und grausam. Ihr begegnet Emil in der Küche oder im Stall, wo die Dienstmagd Gruselgeschichten erzählt. Der Junge ist in der richtigen, erlaubten Welt zu Hause, und doch fühlt er sich stärker zu der geheimnisvollen, verbotenen hingezogen.

„Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades.“ (S. 10)

Einmal treibt sich Emil mit zwei Nachbarjungen und dem Halbwüchsigen Franz Kromer herum. Die anderen prahlen mit ihren Schülerstreichen. Als Lateinschüler aus besserem Haus fühlt sich Emil unter ihnen fremd. Um ihre Anerkennung zu gewinnen, erzählt er, er habe einen ganzen Sack Äpfel geklaut und schwört, das sei die Wahrheit. Als Franz ihn mit dieser dummen Lügengeschichte erpresst und zwei Mark für sein Schweigen verlangt, bricht für Emil eine Welt zusammen. Er fühlt sich schmutzig, für immer aus der reinen Welt der Eltern und Geschwister ausgestoßen. Er hat ein Geheimnis, eine Schuld, die er allein tragen muss. Fortan wird er dem Schlechten, Finsteren angehören – ein widriges, aber durchaus reizvolles Gefühl. Seine Kindheit ist zu Ende, und er kann er selbst werden.

Der Pakt mit dem Bösen

Das Geld, das Emil aus seiner Spardose genommen hat, um Kromer zu bezahlen, reicht nicht, und er klaut hier und da kleine Beträge, um der Forderung nachzukommen. Kromer nutzt Emils Abhängigkeit aus und zwingt ihn, für ihn zu arbeiten. Wie ein Schatten lebt Kromer in Emils Träumen, wo er ihn misshandelt und vergewaltigt und ihn sogar zwingt, den eigenen Vater umzubringen. In seiner eigenen Welt fühlt Emil sich nun fremd. Am liebsten würde er alles beichten, doch er ahnt, dass seine verständnisvollen Eltern das Ganze als eine Entgleisung sehen würden, nicht als das, was es ist: sein Verhängnis, das ihn sein Leben tief erleben und erleiden lässt.

„Ich lebte sogar zuzeiten am allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle – so notwendig und gut sie sein mochte – fast wie eine Rückkehr ins weniger Schöne, ins Langweiligere und Ödere.“ (S. 13)

Da taucht Max Demian auf, ein älterer, erwachsen wirkender Schüler, der den anderen mit seiner kühlen, spöttischen Art imponiert. Demian lebt allein mit seiner Mutter; zahlreiche Gerüchte ranken sich um ihn. Mal heißt es, er sei Jude, mal, er sei Heide oder Atheist. Auf einem Spaziergang erzählt Demian Emil seine eigene Version der Geschichte von Kain und Abel: Kain war den anderen Menschen aufgrund seiner Kühnheit und seines Charakters unheimlich. Nachdem er den Feigling Abel erschlagen hatte, fürchteten sie ihn und behaupteten, er trage als Schandmal ein Zeichen Gottes auf der Stirn. Tatsächlich war das Zeichen auf seiner Stirn kein Makel, sondern eine Auszeichnung. Emil erkennt darin seine eigene Geschichte: Wie Kain trägt er wegen seiner Bosheit und seines Unglücks das Zeichen. Stolz verachtet er die Welt der Guten und Frommen – und fühlt sich darin als ein Seelenverwandter des geheimnisvollen, überlegenen Demian, dem er sich in seinen Träumen lustvoll unterwirft.

„Ach, das weiß ich heute: nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“ (S. 50)

Emil ist verzweifelt. Kromer hat ihn in eindeutiger Absicht aufgefordert, beim nächsten Treffen seine Schwester mitzubringen, sonst werde er alles verraten. Wenig später sagt Demian, der sich wie in einem tranceartigen Zustand ganz in sich versenken und anscheinend auch Gedanken lesen kann, seinem Freund Emil auf den Kopf zu, dass dieser sich vor Kromer fürchte. Er müsse seine Furcht loswerden, bevor sie ihn zerstöre. Als Emil Kromer kurz darauf auf der Straße begegnet, weicht dieser ihm ängstlich aus. Sofort ist Emil klar: Demian hat ihn von diesem Teufel befreit. Doch statt seinem Retter zu danken, meidet Emil ihn. Er will nichts mehr mit dieser schmutzigen Geschichte zu tun haben und beichtet alles den Eltern, die den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfangen. Nichts darf diese neu gewonnene Harmonie im Kindheitsparadies stören – auch nicht Demian, der Verführer, der wie Kromer der schlechten Welt angehört. Erst später erkennt Emil rückblickend: Demian hätte ihm auf dem Weg zu sich selbst mehr geholfen als die Eltern.

Das Ende der Kindheit

Emil lebt nun wieder ganz in der lichten Welt der Kindheit. Erst Jahre später gewinnt die dunkle Welt wieder Macht über ihn, diesmal nicht als äußere Bedrohung, sondern in Gestalt verbotener Lüste und Träume. Zugleich erwacht sein Interesse für Demian wieder. Mehr denn je fühlt Emil sich von dem schönen, androgynen Jungen angezogen, der Gerüchten zufolge ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Mutter haben soll. Er erscheint ihm als ein Zauberer, der durch seine Gedanken Einfluss auf die Wirklichkeit und auf andere Menschen ausüben kann. Doch Demian erklärt ihm, allein durch genaue Beobachtung könne er vorhersagen, was jemand im nächsten Augenblick tun werde. Die Existenz eines freien Willens bestreitet er. Allerdings räumt er ein: Wenn der Wunsch nach etwas einen Menschen ganz erfülle, so werde dieser sein Ziel erreichen. Über die Geschichte mit Kromer verlieren die beiden kein Wort.

„Mein Bewußtsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein Bewußtsein leugnete die empordämmernde neue Welt.“ (S. 52)

Auch Emils Haltung zur Religion hat sich durch die Freundschaft mit Demian gewandelt: Er deutet die Erzählungen in der Bibel jetzt freier, persönlicher und fantasievoller. Nach Demians Ansicht ist es verlogen, Gott das Gute und Hohe zuzuschreiben, andere Seiten des Lebens dagegen, wie das Geschlechtliche, als Teufelswerk abzutun oder sie totzuschweigen. Beglückt stellt Emil fest, dass er mit seinem Gefühl von zwei getrennten Welten – einer hellen, guten und einer dunklen, bösen – nicht allein dasteht. Es ist ein Menschheitsproblem, an dem er teilhat und das einen zum Erwachsenwerden zwingt. Statt von außen auferlegten Verboten und Regeln zu folgen, müsse man beide Welten anerkennen und selbst herausfinden, was einem verboten und was erlaubt sei, meint Demian. Damit trifft er Emil, dem der Zauber seiner Kindheitswelt abhandengekommen ist, in seiner Seele. Emil fühlt sich einsam und leer, ist gleichgültig gegenüber der Außenwelt und nur auf sein dunkles Inneres konzentriert.

Auf dem Weg zu sich selbst

Als Schüler der Knabenpension, in die ihn seine Eltern geschickt haben, gerät Emil auf Abwege. Er trinkt, gibt zynische Sprüche von sich und gilt unter den Mitschülern als ganzer Kerl. Innerlich aber hat er eine tiefe Ehrfurcht vor allem, was er durch den Dreck zieht. Er ist einsam und sehnt sich nach Liebe und nach einem Freund. Da begegnet er auf einem Spaziergang einer jungen Dame, die ihn mit ihrem jungenhaften, beseelten Gesicht anzieht. Obwohl sie kein Wort miteinander wechseln, ändert Beatrice – so nennt er sie in Anlehnung an Dante insgeheim – sein Leben: Er meidet Kneipen und nächtliche Saufgelage, er ist wieder mehr allein, liest gern, beginnt zu malen und gibt sich ganz der Anbetung des Mädchens hin. Sein Geschlechtstrieb richtet sich nicht mehr auf Schmutziges, Unzüchtiges; nicht Lust strebt er an, sondern die reine, geistige Liebe.

„Darum muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten – ihm verboten ist.“ (Demian, S. 68)

Aus der reinen Vorstellung versucht er, das Mädchen zu malen. Nach vielen Anläufen bringt er schließlich ein Gesicht aufs Papier, das alterslos, männlich und weiblich, träumerisch und doch willensstark ist: Demians Gesicht. Doch je länger er es betrachtet, desto mehr hat er den Eindruck, es handle sich um sein eigenes Gesicht – um sein Inneres, sein Schicksal. Immer stärker wird seine Sehnsucht nach Demian, und ihm fällt die letzte, für ihn peinliche Begegnung mit dem Freund wieder ein: Emil gab den studentischen Lebemann, doch Demian durchschaute das Theater und meinte nur, aus so manchem Wüstling sei hinterher ein Asket geworden. Vielleicht, denkt Emil, musste er sich tatsächlich erst einmal in Rausch und Schmutz verlieren, um sich wieder nach Reinheit zu sehnen.

Die Wiedergeburt

Eine Zeit lang schlief er traumlos, doch nun träumt Emil wieder sehr heftig. Nach einem Traum, in dem ein Vogel vorkam, erinnert er sich, dass Demian ihn einmal auf das Wappen über seiner Haustür angesprochen hat. Ihm selbst war es vorher nie aufgefallen: ein Vogel, wohl ein Sperber. Er beginnt den Vogel seines Traums zu malen, auf einer Weltkugel, aus der das Tier sich wie aus einem Ei herauskämpft. Ohne Kommentar schickt Emil Demian das Bild. Über seinen inneren Wandel vom geselligen Säufer zum einsamen Heiligen spricht er mit niemandem. Mag es den Eltern und Lehrern auch gefallen – er hat sich nicht auf ihren Wunsch hin, sondern aus eigenem innerem Antrieb gewandelt. Seine gemalten Bilder, seine Träume und der Gedanke an Demian füllen ihn ganz aus – selbst Beatrice ist vergessen.

„Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber.“ (Demian, S. 91)

Zu seiner Überraschung findet Emil zu Beginn einer Unterrichtsstunde einen Zettel in seinem Schulbuch. Darauf steht, der Vogel kämpfe sich aus dem Ei und fliege zu Gott, dessen Name Abraxas sei. Wer geboren werde, müsse eine Welt zerstören. Die Botschaft stammt von Demian – aber wie ist sie in sein Buch gelangt? Dann spricht der Lehrer auch noch von Abraxas und erklärt, das sei eine Gottheit, die das Göttliche mit dem Teuflischen, also die ganze Welt, in sich vereinige. Emils Geschlechtstrieb, den er eine Zeit lang auf die reine Anbetung Beatrices gelenkt hat, regt sich wieder, doch mit den Mädchen aus seiner Umgebung kann er nichts anfangen.

„Vorstellungen, Bilder oder Wünsche, stiegen in mir auf und zogen mich von der äußeren Welt hinweg, so daß ich mit diesen Bildern in mir, mit diesen Träumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter Umgang hatte und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung.“ (S. 98)

Ein immer wiederkehrender Traum beschäftigt Emil: Er kommt in sein Elternhaus, über dessen Tür der Wappenvogel prangt, und will seine Mutter umarmen, doch plötzlich ist da eine andere Gestalt. Sie hat Ähnlichkeit mit Demian und dem gemalten Bild, ist aber zugleich weiblich und begehrenswert. In der Liebesumarmung mit ihr empfindet Emil tiefes Glück, aber auch schlechtes Gewissen. Er begreift, das der Gott Abraxas diesen Widerspruch auflöst: Liebe ist nicht nur dunkler Trieb, aber auch nicht nur vergeistigte Anbetung, sondern sie vereint beides. Sie ist männlich und weiblich, menschlich und tierisch, göttlich und teuflisch, Mutter, Geliebte und Hure. Seinem Traumbild zu folgen und diese Liebe zu leben, darin erkennt Emil sein Schicksal.

„Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauß machen wollen.“ (Pistorius zu Emil, S. 113)

In seiner Einsamkeit lauscht Emil manchmal abends durch die Kirchentür einem Organisten. Er spürt, dass sich in dieser Musik seine Sehnsucht nach tiefer Vereinigung der beiden Welten, nach Hingabe und Rausch, genau ausdrückt. Pistorius, so der Name des Musikers, ist auch ein Abraxas-Jünger. Er zeigt Emil meditative Techniken, um die Grenze zwischen Mensch und Umgebung, Innen und Außen aufzulösen. Er erklärt: Alle Naturgebilde sind Bestandteil unserer Seele. So wie jeder Mensch alle Entwicklungsphasen vom Wurm über den Fisch bis zum Schaf in sich vereint, so trägt er als Anlage auch die Götter und Dämonen, die Verbote und Gebote aller Kulturen in sich. Zugleich lehrt Pistorius den 18-jährigen Emil, sich selbst zu akzeptieren und seine Träume zu leben. Nicht die normalen Menschen, sondern nur wenige Auserwählte seien imstande, den schweren Weg zu gehen und der einsamen Religion des Abraxas zu folgen. Die einzige Pflicht jedes Menschen sei es, sein Schicksal zu finden und zu leben.

Zusammenbruch und Neubeginn

Ein Klassenkamerad, Jakob Knauer, sucht verzweifelt Rat bei Emil. Es falle ihm schwer, enthaltsam zu sein, und wenn er nachts seinen Träumen und Trieben nachgebe, fühle er sich unrein. Nichts nütze dagegen, kein kaltes Wasser, kein Sport. Emil kennt diese Not, kann ihm aber nicht helfen. Ratschläge anderer bringen nichts, jeder muss sich auf sich selbst besinnen und seinen eigenen Weg finden. Aufgewühlt durch die Begegnung malt Emil abermals ein Bild, das Demian und ihm selbst ähnelt. Das Bild leuchtet, es scheint lebendig zu werden, plötzlich strömen Erinnerungen und Visionen auf Emil ein. Als er nachts aufwacht, ist das Bild verschwunden. War alles nur ein Traum? Er streift durch die Gassen und wird von einem verfallenen Haus angezogen, wo er Knauer findet. Dieser stand kurz vor dem Selbstmord, aber Emil hörte innerlich seine Stimme, die ihn rief, und rettete ihn.

„Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, einerlei wohin er führte.“ (S. 131)

Eines Tages nach Abschluss seiner Schulzeit entdeckt Emil eine alte Fotografie von Demians Mutter und ist erschüttert: Diese unnahbare Frauengestalt ist sein Traumbild! Er reist herum und sucht sie – vergebens. Eines Abends trifft er Demian, der gar nicht überrascht ist: Er hat auf ihn gewartet. An seinem Kainszeichen hat er Emil sofort wiedererkannt. Er klagt über den Zustand der Welt, über die Selbstvergessenheit und den Herdentrieb des modernen Menschen. Doch wie glücklich ist Emil, als er endlich Demians jugendlich wirkende Mutter kennenlernt, die er Frau Eva nennen darf. In ihrem Haus verkehren Angehörige einer „höheren Gemeinschaft“, alle Träger des Kainszeichens. Einstweilen ist Emil angekommen. Gerade hat er das Gefühl, seine Liebe zu Frau Eva stehe kurz vor der Erfüllung, da bricht der Krieg aus, und ebenso wie Demian muss er an die Front. Ein letztes Mal sieht er seinen Freund und Führer, als sie beide schwer verletzt nebeneinander im Lazarett liegen. Demian gibt ihm einen Kuss von Frau Eva. Ganz gleich, was passiert, wenn Emil ihn rufe, werde er kommen, denn er sei in ihm selbst. Am nächsten Tag ist er verschwunden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Hermann Hesses Roman Demian ist in acht Kapitel unterteilt, die jeweils eigene Überschriften haben. Vorab erklärt ein Icherzähler kurz, er schreibe seine eigene, nicht eine erfundene Geschichte auf. Sie sei zwar nicht angenehm, aber exemplarisch für die Selbstfindung eines jeden Menschen. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend – so der Untertitel des Buches – ist chronologisch aufgebaut. Erzählt wird sie aus der Sicht eines älter und reifer gewordenen Ich, das auf seine Entwicklung zurückblickt und immer wieder erklärend eingreift. Dabei wird der Ort des Geschehens ebenso wie die Zeit, in der es spielt, nur vage angedeutet, was dem Ganzen einen Anschein von Zeitlosigkeit gibt. Erst am Ende erfährt der Leser, dass die Geschichte unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt. Hesses Sprache ist einfach und klar, häufig reiht er Hauptsätze aneinander, wodurch die Erzählweise ungezwungen wirkt. Bestimmte Symbole wie das Kainszeichen und der Sperber, der sich aus dem Ei kämpft, ziehen sich leitmotivisch durch die gesamte Erzählung.

Interpretationsansätze

  • Hermann Hesses deutlich autobiografischer Roman Demian steht in der Tradition des Bildungs- und Entwicklungsromans. In diesem literarischen Genre, in dem sich zuvor unter anderem Goethe und Wieland hervorgetan hatten, reift ein junger Held in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und findet am Ende zu sich selbst.
  • Hesse verarbeitete die psychologischen Theorien von Carl Gustav Jung, wonach sich die Selbstwerdung des Menschen – bei Jung „Individuation“ genannt – durch die schrittweise Integration des Unbewussten ins Bewusstsein vollzieht. Die Figur Kromers symbolisiert Emil Sinclairs dunkle, verdrängte Seiten. Er ist der Schatten, den nach Jung jeder Mensch in sich trägt und den man kennenlernen muss, um sich selbst zu finden. Der androgyne, alterslose Demian dagegen repräsentiert im Sinne Jungs das ganzheitliche Selbst, das alle Gegensätze vereint hat.
  • Nach Jung sind Symbole, die dem Unbewussten entstammen, Ausdruck von etwas zunächst nur Geahntem, noch Unerkanntem, das über den Weg der Träume allmählich ins Bewusstsein dringt. So erscheint Emil das Symbol des Sperbers zunächst im Traum. Er malt ihn, macht ihn sich bewusst und verinnerlicht seine Bedeutung.
  • Auch Jungs Unterscheidung zwischen individuellem und kollektivem Selbst klingt in Demian an: Während Ersteres die erlebten, aber verdrängten Erfahrungen eines Menschen umfasst, stellt Letzteres in Form von Archetypen die angeborene seelische Grundlage aller Menschen dar, die in Mythen und Träumen ihren Niederschlag findet.
  • Demians Uminterpretation der Bibelgeschichte von Kain und Abel verweist auf Nietzsches Ethik der Stärke Von Nietzsche geprägt sind auch Demians spöttische Äußerungen über Herdenbildung und Menschheit als Masse.
  • Hesses Weltbild zeigt sich in Demian stark von geistigen Strömungen des späten 19. Jahrhunderts wie der Theosophie und der Lebensphilosophie geprägt. Besonders deutlich wird das in Pistorius’ Theorie, alle Wesen von Mineralien über Pflanzen und Tiere bis zum Menschen würden immer wiedergeboren, um zur Vervollkommnung zu gelangen.

Historischer Hintergrund

Wider die Oberflächlichkeit des Rationalismus

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfaltete die sogenannte Lebensphilosophie, die unter anderem auf Friedrich Nietzsche, Henri Bergson und Wilhelm Dilthey zurückging, eine enorme Breitenwirkung. Gegen das rationale, aufklärerische Denken, das ihr als mechanistisch und oberflächlich galt, betonte die Lebensphilosophie Gefühle und Triebe, Irrationales und Seelisches. Der Begriff „Leben“ wurde im frühen 20. Jahrhundert zu einer Art Kampfbegriff gegen jede Art gesellschaftlicher und kultureller Erstarrung. Leben galt als Urkraft, mit der Vitalität und Energie, innere Wahrhaftigkeit und eine neue Körperlichkeit einhergingen. Der Widerstreit zwischen dem Rationalismus und einem Denken, das sich als ganzheitlich definierte, spiegelt sich auch in dem Bruch zwischen dem Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud und seinem Schüler Carl Gustav Jung. Freud kritisierte an Jung eine gewisse Leichtgläubigkeit. Freud hatte für Religion nichts übrig, während Jung sich gegenüber religiösen Erfahrungen, Mythen und Alchemie empfänglich zeigte. Er sah in religiösen Lehren eine wesentliche Bedingung für seelisch-geistige Gesundheit und – neben Märchen, Mythen und Träumen – einen unmittelbaren Ausdruck des kollektiven Unbewussten.

Ein Zentrum fand die Lebensreformbewegung im Schweizer Tessin. Auf dem Monte Verità bei Ascona kamen um 1900 Anarchisten und Nudisten, Sonnenanbeter und Vegetarier zusammen, um ihre Ideale einer neuen Lebensweise in die Wirklichkeit umzusetzen. Einer der Mitgründer dieser utopischen Kommune, der Künstler Gustav Gräser, galt vielen Zeitgenossen als Verkörperung des von Friedrich Nietzsche propagierten neuen Menschen. Seinem asketischen Ideal folgend, zog Gräser nackt durch die Wälder, fastete, meditierte und lebte zeitweise in einer Höhle. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und quer durch alle gesellschaftlichen Schichten euphorisch begrüßt, ja von manchen Intellektuellen gar als Heilmittel gegen die Dekadenz gepriesen wurde, avancierte der Kriegsdienstverweigerer Gräser zum Vorbild für Pazifisten aus ganz Europa.

Entstehung

Hesse war Gustav Gräser, der für ihn zu einem Guru wurde, erstmals 1907 begegnet. Nachdem sie einige Wochen gemeinsam indische Schriften studiert hatten, kehrte Hesse jedoch schon bald ins bürgerliche Leben zurück. Erst in der Folge seines durch eine familiäre Krise ausgelösten Nervenzusammenbruchs suchte er 1916 erneut Zuflucht bei Gräser, der auch das Vorbild für Demian bildete. Auf dem Monte Verità erlebte Hesse in der Gemeinschaft Gleichgesinnter eine seelische Erneuerung. Im gleichen Jahr unterzog er sich in Luzern einer Psychotherapie bei Joseph Bernhard Lang, einem Schüler C. G. Jungs, und begann, sich intensiv mit der Jung’schen Psychologie auseinanderzusetzen. 1917, gegen Ende der Therapie, verfasste er Demian.

Noch im selben Jahr sandte Hesse das Romanmanuskript an seinen Verleger Samuel Fischer mit der Bemerkung, es handle sich hierbei um das Werk eines jungen Mannes, der schwer erkrankt in der Schweiz lebe und dessen Geschäfte er kommissarisch erledige. Der Verlag war begeistert – wobei indes ein Lektor bemerkte, der Stil erinnere stark an Hesse. Das Buch konnte allerdings wegen des kriegsbedingten Papiermangels zunächst noch nicht gedruckt werden. Demian erschien schließlich von Februar bis April 1919 als Vorabdruck in drei Ausgaben der Neuen Rundschau. Als Buch wurde Demian unter dem Pseudonym Emil Sinclair im Juni 1919 veröffentlicht. Hesse begründete sein Versteckspiel später damit, er habe die Jugend nicht durch den Namen eines „alten Onkels“ abschrecken wollen.

Wirkungsgeschichte

Gleich nach seinem Erscheinen löste Demian Begeisterungsstürme bei Publikum und Kritikern aus. Das Werk traf den Nerv der Zeit und wurde vor allem von der Jugend gefeiert, die nach Krieg und Leid ein neues Menschenbild suchte. Thomas Mann pries Demians elektrisierende Wirkung und schrieb, das Buch habe mehr Eindruck auf ihn gemacht als irgendetwas Neues seit Langem; Stefan Zweig lobte die darstellerische Vollendung des Werks. Bereits im Oktober erhielt Emil Sinclair den Fontane-Preis, und Spekulationen über die Identität des Autors setzten ein. 1920 bekannte sich Hesse auf Druck von außen zu seiner Autorschaft, gab den Fontane-Preis zurück und beschloss, das Werk werde künftig unter seinem Namen erscheinen – was ab der 17. Auflage auch geschah. Nachdem die Nationalsozialisten das Buch verboten hatten, war es unter Jugendlichen in der Nachkriegszeit eine beliebte Lektüre. Einige Kritiker allerdings – unter ihnen Gottfried Benn – werteten es als kitschigen Schmachtfetzen ab. Einen neuen Boom erlebte Demian in den 70er-Jahren in den USA, wo das Werk großen Einfluss auf die Hippiebewegung hatte. Heute zählt der in 27 Sprachen übersetzte Text zu den Klassikern der Schullektüre.


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