Zusammenfassung von Der Biberpelz

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Der Biberpelz Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Komödie
  • Naturalismus

Worum es geht

Hauptmanns naturalistische Komödie

Der Biberpelz ist eines der am häufigsten inszenierten Theaterstücke des 19. Jahrhunderts. Wenn man sich die wenig spektakuläre Handlung, den langweiligen Schauplatz und das schlicht gestrickte Personal vor Augen hält, fragt man sich: Warum? Es gibt zwei Antworten. Die eine: Das Stück unterhält. Sprach- und Situationskomik, komödiantisches Personal, das menschliche Schwächen vorführt, derbe Dialoge – das macht Spaß. Die zweite: Das Stück zeigt die Kollision zweier sozialer Welten und ihrer Repräsentanten, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Hier ein so inkompetenter wie blasierter Amtsträger, dort eine so clevere wie sympathische Kleinkriminelle, die sich für nichts zu schade ist, wenn es nur ihrer Familie hilft. Ein ohnmächtiger Machtmensch trifft auf eine mächtige Proletarierin. Diese Verkehrung des traditionellen Rollenverhältnisses war ein Affront gegen die wilhelminische Moral. Dass es dazu noch eine Frau ist, die ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt und dabei ihre eigenen Regeln schafft, war ein weiterer. Ein dritter kommt dadurch hinzu, dass der Zuschauer mit der Bewertung all der Gaunereien allein gelassen wird. Und der wirkt bis heute.

Take-aways

  • Der Biberpelz von 1893 gilt als die einzige regelrechte Komödie des Naturalismus.
  • Inhalt: Die clevere Waschfrau Frau Wolff stiehlt gemeinsam mit ihrem Mann Brennholz und einen Biberpelz vom Rentier Krüger. Der Amtsvorsteher von Wehrhahn ist unterdessen viel zu sehr damit beschäftigt, vermeintliche politische Umtriebe zu verfolgen, und übersieht offensichtliche Hinweise auf die Täter. Frau Wolff kommt ungeschoren davon.
  • Zentrales Thema ist der Gegensatz von borniertem Beamtentum und cleverem Proletariat.
  • Das Stück schließt mit einem offenen Ende. Das Premierenpublikum wartete irritiert auf einen fünften Akt.
  • Fast alle Figuren im Stück haben reale Vorbilder in Hauptmanns zwischenzeitlichem Wohnort Erkner bei Berlin.
  • Hauptmann schrieb 1901 eine Fortsetzung mit dem Titel Der rote Hahn.
  • Die ersten Aufführungen waren Misserfolge. Erst mit der Inszenierung 1897 in Wien begann der Siegeszug des Stücks.
  • Bertolt Brecht inszenierte Der Biberpelz und Der rote Hahn 1951 als ein einziges Stück.
  • Bis heute wird Der Biberpelz oft und in unterschiedlichen Inszenierungen gespielt – vom Staatstheater bis zur Laienspielgruppe.
  • Zitat: „Ich bin immer geradezu, Herr Vorsteher. Wenn ich mit’m Maule nich immer so vorneweg wär’, da hätt’ ich könn schonn viel weiter sein.“
 

Zusammenfassung

Die Familie Wolff und ihre krummen Dinger

Es ist Winter, Ende der 1880er-Jahre in der Nähe von Berlin. In der Küche der Familie Wolff schläft Leontine, die ältere von zwei Töchtern der Familie, als es draußen ans Fenster klopft. Frau Wolff verlangt, dass man ihr die Tür öffne. Leontine erwacht, öffnet und überrascht die Mutter, die mit der Anwesenheit ihrer älteren Tochter gar nicht gerechnet hat. Leontine ist ihrer Herrschaft davongelaufen und jammert, dass man sie schlecht behandelt habe. Frau Wolff zerrt einen Rehbock aus dem Sack, den sie mit hereingebracht hat, und hängt ihn unter Mithilfe ihrer Tochter am Türpfosten auf. Währenddessen jammert Leontine weiter, man habe sie bei ihrem Dienstherrn, Rentier Krüger, spät abends noch gezwungen, zwei Kubikmeter Holz ins Haus zu tragen. Sie hat sich aber geweigert und will nun lieber in Berlin als Näherin arbeiten.

„Un wenn Se all mal wat zu hören kriejen von so wat – ick meen’ all beispielsweise – so’n – beispielsweise so’n Pelz zum Beispiel. So Stücket sechzig – siebzig Daler, die bin ick imstande un lege se an.“ (Wulkow zu Frau Wolff, S. 23)

Frau Wolff nimmt das Gejammer ihrer Tochter nicht ernst und schickt sie zum Ziegenfüttern in den Stall. Julius Wolff, seines Zeichens Schiffszimmermann, kommt herein, begegnet in der Tür seiner Tochter und fragt seine Frau, was Leontine denn zu Hause zu suchen habe. Frau Wolff macht ihrem Mann klar, dass sie sich um die Töchter kümmere, da habe er nicht reinzureden. Zudem werde die hübsche Leontine vielleicht noch einmal das Glück der Familie sein. Nun kommt Adelheid, die etwa 14-jährige Tochter der Wolffs, nach Hause. Eigentlich hat sie nur die Stiefel des Vaters vom Schuster holen sollen, aber sie war seit mehr als zwei Stunden weg. Frau Wolff warnt Adelheid vor dem Schuster. Der habe schon zweimal im Zuchthaus gesessen, und ein Kuppler und Denunziant sei er überdies. Frau Wolff schickt ihren Mann zum Ziegenstall, dass er dort etwas repariere. Wie teuer er den Rehbock verkaufen wolle, fragt sie ihn noch. Julius will 12 Mark – mindestens. Auf Leontines Frage, ob ihr Vater den Bock geschossen habe, reagiert Frau Wolff ungehalten und behauptet, sie hätten das Tier angeschossen gefunden. Dann zeigt sie Interesse an dem Holz, das Leontine nicht ins Haus der Krügers geschafft hat. Trockene Knüppel seien das gewesen, versichert Leontine, und sie lägen unbewacht auf der Straße. Außerdem berichtet sie, Krüger habe seinen Mieter Motes rausgeworfen, weil der sich hochmütig verhalten und mit einem anderen Mieter, Dr. Fleischer, gestritten habe.

Der Plan mit dem Pelz

Es klopft. Der Schiffer Wulkow steht vor der Tür. Nach einer ruppigen Begrüßung beginnt er, mit Frau Wolff um den Rehbock zu feilschen. Frau Wolff zeigt sich erst erstaunt, dann betont desinteressiert, als Wulkow mit 13 Mark eröffnet. Während der Verhandlungen erwähnt Wulkow, dass er sich schon lange aus gesundheitlichen Gründen einen Pelz zulegen möchte. Adelheid greift Wulkows Bemerkung auf und erzählt ihrer Mutter, was Leontine ihr berichtet hat: Frau Krüger habe ihrem Mann unlängst einen Biberpelz zu Weihnachten gekauft. Wulkow wird hellhörig. Falls Frau Wolff irgendwie an einen Pelz kommen sollte, würde er ihn ihr abnehmen und gut dafür zahlen. Die Verhandlungen über den Rehbock gehen währenddessen weiter. Wulkow zahlt schließlich 17 Mark und steckt das Tier in einen Sack. Da ist von draußen eine Männerstimme zu hören. Frau Wolff versteckt alle und schleust Wulkow durch den Gemüsegarten hinaus. Dort bleiben sie, bis der Mann – es ist der Amtsdiener Mitteldorf – unverrichteter Dinge wieder abgezogen ist.

„So fufzig – sechzig Taler uff eemal, wenn ma die uff eemal so hinleg’n kennte. Da wär’ doch d’r Grund und Boden bezahlt. Da könnt’ ma so hundert bis zwee wieder uffnehmen und vielleicht a paar hibsche Stub’n uffbaun.“ (Frau Wolff, S. 31)

Motes und seine Frau treten auf. Unter dem Vorwand, eine Rechnung bezahlen zu wollen, sehen sich beide im Hause Wolff um. Frau Motes zeigt Frau Wolff zwei Drahtschlingen, die sie unweit des Hauses gefunden haben, während Herr Motes indirekt mit Denunziation droht. Frau Wolff bleibt gelassen und erwähnt den Rauswurf der beiden. Motes wird wütend und droht, auch Krüger und dessen „Busenfreund“ Dr. Fleischer beim Amtsvorsteher anzuschwärzen. Frau Motes kauft noch Eier und Brot auf Rechnung und kündigt an, Samstag bezahlen zu wollen. Schließlich sei ihr Mann neuerdings Redakteur. Die Motes gehen.

„Du bist a zu langsamer Mensch, Julian. (…) Ich hab’ ne ganz andere Temperatur. Wenn du bloß meine Temperatur hätt’st …“ (Frau Wolff zu Julius, S. 31 f.)

Frau Wolff rechnet ihrem Mann vor: Mit einem Pelz könne man 60 Taler verdienen. Das reiche, um alle Schulden zu begleichen, neues Geld zu leihen und damit das Haus für die Aufnahme von Feriengästen auszubauen. Sie wirft ihrem Mann geistige Trägheit vor und bringt wieder das Holz ins Spiel. Mit der Behauptung, Krüger habe Leontine geschlagen, bewegt sie Julius dazu, das unbewacht herumliegende Holz stehlen zu wollen – als Rache bzw. Wiedergutmachung. Da erscheint Mitteldorf wieder. Er ist angetrunken und gibt Frau Wolff einen Auftrag der Frau Amtsvorsteher weiter: Frau Wolff soll am nächsten Morgen beim Waschen helfen. Mitteldorf sagt, er sei vom Amtsvorsteher entlassen worden, weil er bei den Leuten nicht hart genug durchgreife. Die Wolffs lassen sich von Mitteldorf helfen, den Schlitten für ihren Holzdiebstahl vorzubereiten.

Von echten und erfundenen Straftaten

Amtsvorsteher von Wehrhahn erkundigt sich bei seinem Schreiber Glasenapp und dem eintretenden Mitteldorf nach Dr. Fleischer. Die beiden wissen nicht viel. Der Privatgelehrte sei vor etwa anderthalb Jahren aus Berlin gekommen. Er beziehe Zeitungen, darunter auch demokratische. Der Amtsvorsteher sagt, er habe gehört, Dr. Fleischer spreche abfällig über hochgestellte Persönlichkeiten. Während nun Mitteldorf den Diebstahl des Holzes aus der letzten Nacht meldet, betritt Motes die Amtsstube. Motes, der sein rechtes Auge bei einem Jagdunfall verlor, kennt den Schwager des Amtsvorstehers, einen Oberförster. Das genügt von Wehrhahn, um Motes als glaubwürdig einzustufen. Dieser behauptet nun, aus freien Stücken aus der Villa Krüger ausgezogen zu sein, weil er die Umtriebe dort nicht mehr ertragen habe: wöchentliche Treffen von Demokraten, „Gespött über hohe Personen“ – darüber könne er, Motes, auch unter Eid aussagen.

„Man hat mit das nämlich hinterbracht. Er führe ungesetzlichen Reden auf alle möglichen hohen Personen.“ (von Wehrhahn über Dr. Fleischer, S. 41)

Krüger kommt nun selbst in die Amtsstube, um den Diebstahl des Holzes anzuzeigen. Von Wehrhahn behandelt Krüger von oben herab und lässt ihn schildern, wie sich Leontine am Vorabend geweigert hat, das Holz ins Haus zu tragen. Krüger will Schadenersatz von der Familie Wolff. Von Wehrhahn schickt Mitteldorf, Frau Wolff zu holen, die sich gerade um die Wäsche kümmert. Als sie erscheint, zeigt Motes von Wehrhahn gerade die Drahtschlingen, die er vor dem Haus der Wolffs gefunden hat. Frau Wolff lässt sich nichts anmerken und schildert ihre Sicht des Streits zwischen Krüger und ihrer Tochter. Sie betont, dass Leontine keine Arbeit scheue, von Krüger aber schlecht behandelt worden sei. Sich selbst inszeniert sie als arbeitsame Frau, die mit allen im Dorf in gutem Einvernehmen stehe. Sie sei am Vorabend mit ihrem Mann noch Gänse kaufen gefahren, Mitteldorf könne das bestätigen. Über den Verbleib des Holzes wisse sie nichts. Auch Mitteldorf ist nichts aufgefallen. Krüger und von Wehrhahn beginnen nun einen Streit, bei dem Krüger dem Amtsvorsteher Schikane vorwirft, während umgekehrt von Wehrhahn dem Rentier droht und ihm eine schriftliche Anzeige empfiehlt. Krüger zieht entrüstet ab, von Wehrhahn schickt Frau Wolff zum Waschen zurück und stellt sich als Pflichtmenschen dar.

Frau Wolff im Schafspelz

In der Küche ihres Hauses zählt Frau Wolff Geld. Julius ist ängstlich und verlangt von seiner Frau, dass sie das Geld versteckt. Sie ärgert sich, dass Wulkow nur 59 statt 60 Taler bezahlt hat, beruhigt aber Julius und lässt ihn den Geldsack im Stall vergraben. Adelheid weiß von Leontine, dass das Holz, das sie gerade aus dem Schuppen geholt hat, Krügers gestohlenes Holz ist. Ihre Mutter bestreitet das. Julius hofft, dass Wulkow nicht mit Krügers Pelz gesehen wird. Frau Wolff tadelt ihren Mann. Er solle nicht über solche Dinge reden, das seien ihre Angelegenheiten, nicht seine. Dafür sei er zu dumm. Julius lässt sie schimpfen.

„Meine Aufgabe hier ist: mustern und säubern. – Was hat sich im Schutze meines Herrn Vorgängers nicht alles für Kehricht hier angesammelt! Dunkle Existenzen, politisch verfemte, reichs- und königsfeindliche Elemente.“ (von Wehrhahn, S. 42)

Dr. Fleischer kommt mit seinem fünfjährigen Sohn Philipp. Er ist überaus vorsichtig mit dem Kind und achtet stets darauf, dass der Junge nicht im Zug steht und warm genug angezogen ist. Frau Wolff begrüßt das Kind überschwänglich. Sie selbst hatte einst einen Sohn, hat ihn aber verloren. Sie warnt nun Dr. Fleischer vor unbedachten Äußerungen und vor dem Denunzianten Motes. Dr. Fleischer wiederum bringt ihr die Neuigkeit vom gestohlenen Pelz. Frau Wolff will erst nichts von Krüger wissen wegen des Streits um das Holz, dann zeigt sie sich aber entrüstet über den Diebstahl. Als Adelheid einen Kahn fertigmacht, um mit Philipp aufs Wasser zu fahren, erscheint Krüger. Er will sich mit Frau Wolff versöhnen. Die Vorwürfe wegen des Holzes zieht er zurück, und er bietet an, Leontine solle wieder bei ihm arbeiten – für deutlich mehr Geld. Er bezeichnet Frau Wolff als ehrliche Frau und beklagt sich über den unfähigen von Wehrhahn sowie über sein eigenes Unglück, zweimal in 14 Tagen bestohlen worden zu sein. Dabei wedelt er mit einem Stück Holz herum, das er auf dem Boden findet und das zum Diebesgut gehört, ohne etwas zu merken.

Offensichtliche Gaunereien und falsche Fährten

In der Amtsstube treffen Frau Wolff und Adelheid auf Mitteldorf. Der berichtet von eifrigen Arbeiten, die der Amtsvorsteher verrichte. Mitteldorf geht ab mit dem Hinweis, es liege etwas in der Luft. Wulkow erscheint. Frau Wolff ist konsterniert, ihn hier zu sehen. Wulkow erklärt, seine Frau habe ein Kind bekommen, und er sei gekommen, die Geburt anzuzeigen. Frau Wolff fürchtet, dass nun alles auffliegt, weil Wulkow den Pelz unvorsichtigerweise am helllichten Tag getragen hat. Von Wehrhahn kommt in die Amtsstube und sieht sich mit Frau Wolff, ihrer Tochter und Wulkow gleichzeitig konfrontiert. Das überfordert ihn: Er springt von einem Fall zum anderen, ist aber vor allem daran interessiert, Motes zu sprechen, auf den er dringend wartet. Adelheid hat ein Paket bei sich, in dem sich eine Weste von Herrn Krüger befindet. Sie gibt an, das Paket bei einem Spaziergang mit ihrer Mutter gefunden zu haben. Frau Wolff kolportiert Krügers Verdacht, der Fund habe mit dem Pelzdiebstahl zu tun. Doch von Wehrhahn ist vor allem an Beweisen dafür interessiert, dass Dr. Fleischer hochstehende Persönlichkeiten beleidigt haben soll. Er wartet auf eine Zeugin, die Motes ihm schicken wollte, und schickt seinerseits Frau Wolff und ihre Tochter nach Hause.

„Ich tu’ meine Pflicht, und damit is’s gutt. Da kann mir keener im Dorfe was nachsagen. Uff’m Koppe rumhampeln lass’ ich mir nich!“ (Frau Wolff, S. 51)

Von Wehrhahn hat schon alles für die Festnahme Dr. Fleischers vorbereitet, als dieser in die Amtsstube kommt. Er will eine Aussage machen, die den Pelzdiebstahl aufklären könnte. Er habe nämlich an der Schleuse einen Schiffer mit Pelz gesehen. Von Wehrhahn schützt Desinteresse vor. Dr. Fleischer bricht unter Prostest seine Aussage ab, geht und kehrt kurz darauf mit dem aufgebrachten Krüger und Frau Wolff zurück. Krüger wirft von Wehrhahn vor, er würde sich nicht um den angezeigten Diebstahl kümmern. Frau Wolff und Dr. Fleischer hätten Aussagen gemacht, die von Wehrhahn schlicht ignoriert habe. Krüger fordert nun sein Recht als „preußischer Staatsbürger“, mit seinem Anliegen ernst genommen zu werden. Doch von Wehrhahn relativiert die Aussagen und macht sie lächerlich. Den anwesenden Wulkow nimmt er als Beispiel, dass viele Schiffer Biberpelze trügen, ohne gleich als Dieb verdächtigt werden zu müssen. Wulkow zuckt verdächtig. Dann macht er nun seinerseits Krüger Vorwürfe. Er solle – mit Blick auf Dr. Fleischer – auf seinen Umgang achten.

Eine ehrliche Haut

Krüger echauffiert sich nun richtig: Von Wehrhahn sei mit Motes einem Gauner aufgesessen. Dr. Fleischer präsentiert ein Papier, auf dem Motesʼ neue Vermieterin Frau Dreier bescheinigt, Motes habe sie zum Meineid verleiten wollen. Alle reden durcheinander, bis von Wehrhahn wieder für Ruhe sorgt und das Paket zur Hand nimmt, das Frau Wolff und ihre Tochter gebracht haben. Adelheid habe das Paket auf dem Weg zum Bahnhof gefunden, berichtet Frau Wolff nochmals. Diese Aussage bringt von Wehrhahn zu der Ansicht, der Dieb sei längst nach Berlin verschwunden und habe den Pelz dort verkauft. Krüger widerspricht. Er hält die Weste im Paket für eine bewusst gelegte falsche Fährte. Der Dieb sei im Dorf zu finden, da sei er sich ganz sicher. Frau Wolff pflichtet ihm bei, doch von Wehrhahn ist sich seiner Sache genauso sicher: Das Diebesgut ist längst in Berlin.

„Ein Kernegroß sind Sie, weiter nichts. Sie wollen sich aufspielen, weiter nichts. Als ob sie der König selber wären …“ (Krüger zu von Wehrhahn, S. 54 f.)

Jetzt erhält Wulkow die Gelegenheit, die Geburt seiner Tochter anzumelden. Krüger verabschiedet sich mit der Ankündigung, am folgenden Tag wiederkommen zu wollen und sich in der Angelegenheit zu erkundigen. Auch Dr. Fleischer geht. Von Wehrhahn schickt jetzt Mitteldorf nach nebenan, wo Motes darauf wartet, auszusagen. Mitteldorf soll Motes nach Hause schicken. Noch immer ist der Amtsvorsteher der festen Überzeugung, in Dr. Fleischer den wahren Verbrecher gefunden zu haben. Frau Wolff versucht, ihm das auszureden, doch von Wehrhahn bleibt unbeeindruckt. Er bescheinigt Frau Wolff, sie sei eine „ehrliche Haut“, aber mit ihrer Beurteilung von Dr. Fleischer liege sie falsch. Da sie die Menschen nach ihrem eigenen Vorbild beurteile, habe sie nur die Oberfläche im Blick. Er, von Wehrhahn aber, sei tieferer Einblicke fähig. Daher könne er zweifelsfrei erkennen, dass Dr. Fleischer ein „lebensgefährlicher Kerl“ sei. Frau Wolff gibt kopfschüttelnd auf.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Biberpelz ist ein Schauspiel in vier Akten. Die Handlung findet innerhalb von etwa 14 Tagen im Winter statt und spielt an zwei Orten: die Akte 1 und 3 in der Küche des Hauses Wolff, die Akte 2 und 4 in der Amtsstube des Vorstehers von Wehrhahn. Die ersten beiden Akte und die letzten beiden sind parallel angeordnet: Auf ein Gaunerstück der Frau Wolff folgt jeweils eine Fehleinschätzung durch von Wehrhahn. Einen fünften Akt, der die Handlung klassischerweise abschließen würde, gibt es nicht, das Ende ist offen. Die Dialoge sind durchweg mundartlich: Dialekte des Berliner Umlands, preußischer Amtsjargon und schlesische Mundart (Frau Wolff) bestimmen den Ton der Komödie. Auffällig sind häufige Wortverdrehungen, Verwechslungen oder Falschschreibungen (zum Beispiel „Tenuntiat“ statt „Denunziant“ oder „Konferenz“ statt „Kompetenz“). Insgesamt ist die Sprache derb, folkloristisch, aber nicht anzüglich. Generell sind alle Dialoge im Sinne des Naturalismus an der gesprochenen Sprache, nicht an der Schriftsprache orientiert. Es gibt ausführliche Regieanweisungen bezüglich des Bühnenbilds, der Kostüme und der Mimik der Figuren.

Interpretationsansätze

  • Zentrales Thema ist der Gegensatz von borniertem Beamtentum und cleverem Proletariat. Die Figur des Amtsvorstehers von Wehrhahn ist die Karikatur des wilhelminischen Beamtentypus. Die vorherrschende Attitüde der Amts- und Würdenträger jener Zeit mit ihrem militärischen Jargon und ihrer Blasiertheit wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Text ist auf dieser Ebene unverhohlene Kritik an der wilhelminischen Moral. Auf der anderen Seite wird durch die positive Darstellung der kriminellen Frau Wolff dem proletarischen Menschen, der sein Schicksal gegen vermeintlich stärkere Kräfte selbst in die Hand nimmt, literarisch ein Denkmal gesetzt.
  • Der Biberpelz durchbricht die Schranken des bis dahin geltenden Komödienverständnisses. Bis zu Hauptmanns Stück war die Grundlage jeder Komödie ein funktionierender, auch vom Publikum geteilter Werte- und Normenkonsens, auf dessen Basis sich die Handlung entfalten konnte. Komödien lösten den komischen Konflikt am Ende stets auf, etwa durch Rückkehr des reuigen Sünders ins tradierte Wertegefüge oder Bestrafung durch übergeordnete Instanzen. So konnten die Zuschauer nach der Vorstellung beruhigt nach Hause gehen. Der Biberpelz verweigert diese Auflösung und damit die Rückkehr in den sicheren Hafen der gelernten Normen. Damit wird er zu einem neuen Komödientypus, der keine Wertegemeinschaft mehr stiftet.
  • Der Text lässt sich als Statement zur Emanzipation der Frau in proletarischen Verhältnissen während der Kaiserzeit lesen: Frau Wolff ist im Grunde die einzige erfolgreiche, aktive Figur. Sie setzt ihre Pläne selbstbestimmt in die Tat um, während die Männer um sie herum zaudern oder versagen. Sowohl ihr devoter Gatte als auch der Patriarch von Wehrhahn lassen sich von Frau Wolff instrumentalisieren und lenken.
  • Das für die Zuschauer irritierende offene Ende ohne Aufklärung oder Bestrafung der Gaunereien ist ein Verweis auf „das echte Leben“: Auch da werden Verbrecher oft nicht zur Rechenschaft gezogen. Dummheit und Borniertheit einerseits und Bauernschläue andererseits verhindern Aufklärung und Bestrafung. Das ungeschönte Abbild der Realität ist ein Merkmal des Naturalismus.

Historischer Hintergrund

Deutschland im späten 19. Jahrhundert

Das Leben der Menschen in Europas Großstädten im späten 19. Jahrhundert war geprägt vom technischen Fortschritt und von Industrialisierung, von einem weitgehend ungebremsten Kapitalismus, fortschreitender Verelendung großer Bevölkerungskreise und der Entwicklung eines proletarischen Selbstbewusstseins. Die „soziale Frage“ war auf dem ganzen Kontinent in aller Munde. Im Deutschen Reich übernahm 1888 Wilhelm II. die Macht und läutete eine Ära des übersteigerten nationalen Selbstbewusstseins ein. Der neue Kaiser machte es mit allem Prunk vor, die kleinen Despoten auf dem Land machten es nach: selbstherrliche Demonstration von Macht und militaristischem Dünkel. Auch die Nichterneuerung der repressiven Sozialistengesetze, die unter Bismarck entstanden waren, änderte nichts an der klaffenden Lücke zwischen selbstverliebter Deutschtümelei hier und brodelndem Arbeitervolk dort. Die anfänglich versöhnlichen Gesten des Kaisers schlugen schnell wieder ins Gegenteil um. Schon bald waren die Sozialdemokraten, deren Verbot 1890 aufgehoben worden war, wieder die „vaterlandslosen Gesellen“.

Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschende philosophische Strömung des Positivismus verordnete allen Wissenschaften mehr Orientierung an der messbaren Welt und weniger Spekulation. Alles, was nicht Teil der erfahrbaren Welt war, spielte nun kaum noch eine Rolle. Auch auf die Kunst färbte diese Denkweise ab. Interessant wurde, was „echt“ im Sinne eines Abbilds der vorgefundenen Welt war. Der Naturalismus als vorherrschende künstlerische Strömung setzte auf präzise Milieustudien und verzichtete auf psychologische Interpretation.

Entstehung

Gerhart Hauptmann lebte von 1885 bis 1889 im Örtchen Erkner in Brandenburg, vor den Toren Berlins. Dort erholte er sich vom Großstadttrubel und betrieb Charakterstudien für einige seiner danach entstandenen Werke, vor allem für den Biberpelz. Fast alle Figuren im Stück haben reale Vorbilder aus Erkner. Mit der Figur des Dr. Fleischer baute Hauptmann zudem sein eigenes Alter Ego in die Handlung ein. Während seines Aufenthalts in Erkner erreichte Hauptmann 1887 eine Vorladung nach Breslau. Im Zuge der Sozialistenverfolgungen sollte Hauptmann dort als Zeuge aussagen. So bekam er einen Eindruck vom Verfolgungswahn der Staatsorgane, der sich – in Verbindung mit dem realen Standesamtsvorsteher von Erkner – später in seiner Figur des Vorstehers von Wehrhahn wiederfinden sollte. 1891 zog Hauptmann nach Schreiberhau in Schlesien. Dort schrieb er den Biberpelz und im Anschluss auch Die Weber. Für den Biberpelz griff Hauptmann unter anderem auf Motive von Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug zurück. Amtsvorsteher von Wehrhahn trägt deutliche Züge von Kleists Dorfrichter Adam.

Wirkungsgeschichte

Als „ödes Machwerk“ bezeichnete der Zensurbeamte, dem Der Biberpelz 1893 zur Genehmigung vorgelegt wurde, das Stück. Er prophezeite, dass man Hauptmanns Komödie schnell absetzen werde. Er behielt Recht: Nach sechs Aufführungen an der Freien Bühne Berlin und überwiegend schlechten Kritiken war zunächst Schluss für den Biberpelz. Das Publikum der Uraufführung im September 1893 war aber weniger gelangweilt als irritiert: Der offene Schluss, die fehlende Aufklärung des Diebstahls, der Abbruch des Stücks ohne Lösung im vierten Akt, das alles war so unerwartet, dass die Zuschauer sitzen blieben und auf den fünften Akt warteten.

Nach seiner Absetzung nahm das Stück 1897 einen neuen Anlauf, mit einer Inszenierung am Deutschen Volkstheater in Wien. Inzwischen hatte Hauptmann mit anderen Stücken, allen voran mit Die Weber, einige Popularität errungen. Die Wiener Aufführungen hatten in Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler prominente Fürsprecher. Von Wien aus begann das Stück seinen Siegeszug im deutschsprachigen Raum. 1898 kam der Biberpelz auch in Berlin wieder zur Aufführung, in einer Inszenierung von Otto Brahm, dem neuen Direktor des Deutschen Theaters, der bereits Die Weber erfolgreich inszeniert hatte. Es folgten Hunderte von Inszenierungen, vom Staatstheater bis zur Laienspielgruppe, darunter 1951 auch eine von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble, bei der Der Biberpelz und Hauptmanns Nachfolgestück um Frau Wolff, Der rote Hahn (1901), zusammengefasst wurden. Brechts Figur Mutter Courage lässt sich zum Teil auch als Reaktion auf Frau Wolff verstehen.

Der Biberpelz wurde mehrfach fürs Kino und fürs Fernsehen verfilmt, unter anderem 1962 mit Inge Meysel als Frau Wolff. Daneben entstanden mehrere Hörspielfassungen. In der Literaturwissenschaft ist das Stück ein beliebter Gegenstand in der Debatte um den Naturalismus. Der Biberpelz gilt als einzige echte Komödie dieser literarischen Strömung.

Über den Autor

Gerhart Hauptmann wird am 15. November 1862 im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdrój, Polen) geboren. Nach dem Schulabschluss beginnt er eine landwirtschaftliche Ausbildung, die er jedoch nach anderthalb Jahren aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Er bereitet sich auf den Militärdienst vor, wird aber für untauglich erklärt. Daraufhin nimmt Hauptmann im Oktober 1880 ein Studium als Bildhauer in Angriff und wird wenig später wegen schlechten Betragens von der Schule geworfen, aber auf Fürsprache eines Lehrers bald wieder aufgenommen. Doch schon 1882 bricht er das Studium ab. Inzwischen hat er die Kaufmannstochter Marie Thienemann kennengelernt, mit der er sich verlobt und die ihn fortan finanziell unterstützt. So kann er 1882 ein Studium der Geschichte und Literatur aufnehmen. Doch auch das hält er nicht lange durch; bereits ein Jahr später bricht er auch dieses Studium ab und lebt als freier Bildhauer in Rom. Mit bescheidenem Erfolg: Eine Statue, an der er arbeitet, fällt in sich zusammen. Hauptmann kehrt frustriert nach Deutschland zurück und beginnt ein Zeichenstudium in Dresden, das er bereits nach einigen Wochen wieder beendet. 1885 heiratet er Marie Thienemann. In den 1880er-Jahren entstehen seine ersten literarischen Werke, unter anderem die Dramen Vor Sonnenaufgang (1889), Die Weber (1892) und Der Biberpelz (1893). 1893 geht er eine Beziehung zu Margarete Marschalk ein, doch von Marie lässt er sich erst 1904 scheiden. Noch im selben Jahr heiratet er Margarete – um schon 1905 eine Beziehung zu einer Schauspielerin zu beginnen, die jedoch bald beendet ist. Hauptmann werden zahlreiche Ehrungen zuteil, 1912 erhält er den Nobelpreis für Literatur. Im Ausland gilt der Dichter als der Repräsentant der deutschen Literatur. Mit zunehmendem Alter distanziert sich Hauptmann immer mehr von den sozialkritischen Tendenzen seiner früheren Werke. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, tritt er zwar nicht aktiv für das Regime ein, distanziert sich aber auch nicht. Er stirbt am 6. Juni 1946 im schlesischen Agnetendorf.


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