Zusammenfassung von Der stille Amerikaner

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Der stille Amerikaner Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Unmöglichkeit der Unschuld

Saigon, Anfang der 50er-Jahre: Frankreich klammert sich mit aller Macht an seine Kolonie Indochina, doch der Krieg gegen die kommunistische Unabhängigkeitsbewegung der Vietminh ist so gut wie verloren. Die USA stehen bereit, um die Stelle Frankreichs einzunehmen und eine geostrategische Schlüsselposition zu besetzen. Vor diesem Hintergrund entfaltet Graham Greene in Der stille Amerikaner die seltsam kühle Dreiecksgeschichte um den ernüchterten britischen Journalisten Fowler, die schöne Phuong und den realitätsblinden Idealisten Pyle. Greene vermengt seine persönlichen Erfahrungen als Kriegsreporter mit dem historischen Kontext und zeitlosen Themen wie Schuld, Treue und Verrat. Obendrein gibt es einen Krimiplot, packend erzählt in der für Greene typischen filmischen Schreibweise. Das Buch hat seinerzeit die Gemüter erhitzt, dem Autor wurden antiamerikanische Tendenzen vorgeworfen, vielleicht nicht einmal zu Unrecht: Greene sah die Einmischungspolitik der USA äußerst kritisch. Angesichts der späteren Entwicklungen in Vietnam wirkt Der stille Amerikaner aber schon fast prophetisch.

Take-aways

  • Der stille Amerikaner ist einer der bedeutendsten Romane des englischen Schriftstellers Graham Greene.
  • Inhalt: Während des Indochinakriegs in Saigon verlieben sich der britische Reporter Fowler und der amerikanische Agent Pyle in die Vietnamesin Phuong. Der verheiratete Fowler hat ältere Ansprüche, doch nur der junge, ledige Pyle kann Phuong eine Zukunft bieten. Fowler findet heraus, dass der Amerikaner in Bombenanschläge verwickelt ist, und lässt ihn auffliegen. Pyle wird ermordet, Phuong kehrt zu Fowler zurück.
  • Ein wichtiges Thema ist das Paradox der Unschuld: Oft ziehen gerade die besten Absichten die schlimmsten Konsequenzen nach sich.
  • Greene selbst erlebte als Reporter für das Magazin Life den Indochinakrieg mit.
  • Er hielt mit seiner Kritik an der Einmischungspolitik der USA nicht hinterm Berg und handelte sich damit selbst von liberalen Rezensenten Schmähungen ein.
  • Eine frühe US-Verfilmung bereinigte den Stoff um die amerikakritische Perspektive und stellte Pyle als aufopferungsvollen Helden dar.
  • Greenes Warnung vor einer amerikanischen Intervention in Indochina erwies sich angesichts des katastrophalen Verlaufs des Vietnamkriegs als prophetisch.
  • Der stille Amerikaner kann wie manche Romane Greenes nicht eindeutig zur Unterhaltungs- oder zur Hochliteratur gerechnet werden.
  • Greene zieht alle sprachlichen Register, von journalistischer Knappheit bis zu poetischer Wortkunst.
  • Greene zieht alle sprachlichen Register, von journalistischer Knappheit bis zu poetischer Wortkunst.
 

Zusammenfassung

Tod unter der Brücke

Der desillusionierte britische Kriegsreporter Thomas Fowler sitzt eines Abends in seiner Wohnung in Saigon und wartet auf einen Bekannten, den Amerikaner Alden Pyle. Dieser arbeitet offiziell für die American Economic Mission in Indochina, mutmaßlich aber für den Geheimdienst. Mit Fowler wartet auch seine ehemalige Geliebte Phuong, die jetzt Pyles Verlobte ist. Da klopft es. Die beiden werden zur französischen Polizei einbestellt, wo sie der melancholische Polizeibeamte Vigot erwartet und nach Pyle ausfragt. Es stellt sich heraus, dass Pyle ermordet wurde. Man hat ihn unter der Brücke nach Dakow gefunden. Fowler hat ein Alibi. Er gibt an, Pyle am Abend seines Todes nicht gesehen zu haben. Anschließend geht er mit Phuong nach Hause. Das Mädchen bleibt über Nacht. Am nächsten Tag zieht sie wieder bei ihm ein.

Die kupplerische Schwester

Rückblende: Fowler lernt Pyle in der Bar des Hotels Continental kennen. Der Amerikaner, frisch in Saigon eingetroffen, bittet ihn um einen Abriss der Lage in Indochina. Sein bisheriges Wissen über den Fernen Osten stammt vorwiegend aus Büchern. Besonders der Autor York Harding hat es ihm angetan. Harding propagiert in seinen Werken das Konzept einer dritten Kraft, die in den Konflikt zwischen Franzosen und Vietminh eingreifen müsse. Fowler hält nicht viel von Experten wie Harding, die ihren Gegenstand vor allem theoretisch kennen. Einer gewissen Sympathie für Pyles Enthusiasmus kann er sich dennoch nicht erwehren, sieht er darin doch genau die Qualität, die ihm über die Jahre verloren gegangen ist.

„Pyle war ein sehr ernsthafter Mensch, und ich hatte unter seinen Vorträgen über den Fernen Osten gelitten, den er ebenso viele Monate kannte, wie ich Jahre dort gelebt hatte. Ein anderes Thema von ihm war die Demokratie – er hatte sehr dezidierte und ärgerliche Ansichten darüber, was die Vereinigten Staaten für die Welt taten.“ (S. 11)

Bei anderer Gelegenheit lernt Pyle auch Fowlers Geliebte kennen, die schöne Phuong. Zu dritt dinieren sie im Restaurant Chalet. Ein Orchester spielt. Pyle fordert Phuong zum Tanzen auf. Er ist ein schlechter Tänzer. Phuong dagegen bewegt sich elegant und sicher. Während Fowler dem Paar zusieht, setzt sich überraschend Phuongs Schwester zu ihm. Fowlers Verhältnis zu ihr ist seit jeher schwierig. Ihr Hauptziel scheint es zu sein, eine lukrative Ehe für Phuong aufzugleisen. Da Fowler weder jung noch reich ist, entspricht er ihren Kriterien nur bedingt. Dafür erkundigt sie sich nun umso interessierter nach Pyle. Als das Tanzpaar an den Tisch zurückkehrt, fragt sie Pyle über seine Verhältnisse aus und preist die Vorzüge ihrer Schwester an. Fowler hat ihrer schamlosen Kuppelei nichts entgegenzusetzen. Er weiß, dass sein Glück mit Phuong nicht von Dauer sein wird, zumal er ihren Wunsch nach Familie und Kindern nicht erfüllen kann. Außerdem wird Helen, seine streng religiöse Gattin in England, einer Scheidung nicht zustimmen, obwohl die Ehe nur noch auf dem Papier besteht.

Seltsames Geständnis

Fowler gelingt es, in die umkämpfte Stadt Phat Diem vorzudringen. Hier erlebt er die Schrecken des Krieges aus unmittelbarer Nähe. Überraschend taucht auch Pyle in Phat Diem auf. Der Grund seiner Anwesenheit: Er hat sich in Phuong verliebt und fühlt sich durch Ehrgefühl und Freundespflicht gezwungen, Fowler davon zu unterrichten. Er will das Mädchen heiraten, hat sie allerdings noch nicht gefragt. Fowler ist über Pyles Optimismus amüsiert, er stellt aber auch klar, dass er Phuong nicht ohne Weiteres aufgeben wird. Auf dem Rückweg nach Saigon macht Fowler in Hanoi Station, wo er ein Telegramm vorfindet: Er soll zurück nach England, wo man ihn zum Auslandsredakteur seiner Zeitung befördern will. Die Nachricht trifft ihn hart. Abgesehen davon, dass er Phuong nicht verlieren will, ist Saigon längst seine eigentliche Heimat geworden.

„Die Blumen auf ihrem Kleid hatte ich an den Kanälen im Norden gesehen, sie war hier so heimisch wie eine Pflanze, und ich wollte nie mehr nach Hause.“ (über Phuong, S. 14)

Dorthin zurückgekehrt, verschweigt er Phuong die schlechte Nachricht. Stattdessen schreibt er nach London mit der Bitte, dass er nicht aus Saigon abgezogen wird. Fowler unterhält sich mit Phuong über Pyle. Sie weiß von seltsamen Gerüchten: Pyle erhält geheimnisvolle Pakete. Einmal wurde ein solches Paket versehentlich geöffnet; es habe Plastik enthalten. Am Abend, als Phuong bei ihrer Schwester ist, kommt Pyle zu Besuch und Fowler spricht ihn auf die Pakete an. Pyle behauptet, die Lieferungen würden einem amerikanischen Hilfsprogramm zugutekommen. Als Phuong zurückkehrt, erklärt Pyle ihr seine Liebe und macht ihr einen Heiratsantrag. Phuong will von Fowler wissen, ob er in Saigon bleibe, und Fowler bejaht es. Jetzt intensiviert Pyle sein Werben. Seine hölzernen Versuche, Phuong eine Verlobung schmackhaft zu machen, reizen Fowler zu sarkastischen Kommentaren, die wiederum Pyle auf die Palme bringen. Dieser sieht sich vollkommen im Recht: Fowler habe Phuong nichts zu bieten und solle ihm aus Rücksicht auf ihre Zukunft den Vortritt lassen. Pyles Siegesgewissheit erhält jedoch einen Dämpfer, als Phuong seinen Antrag kurzerhand ablehnt. Verdattert macht er sich davon. Fowler schreibt nun einen Brief an Helen, in dem er sie um die Scheidung bittet, wohl wissend, wie schlecht die Chancen stehen. Während er eine Opiumpfeife raucht, erzählt er Phuong von seiner drohenden Versetzung. Sie erklärt sich bereit, mit ihm zu kommen, doch dem steht Helen im Weg.

Der Rivale als Lebensretter

Die Sekte der Caodaisten feiert ein Fest an ihrem Hauptsitz in Tanyin. Fowler und Pyle sind auch dort. Der Weg nach Tanyin führt durch Feindesland. Zwar stehen an der Straße Wachtürme, die von vietnamesischen Verbündeten besetzt sind, doch nach Einbruch der Dunkelheit bieten auch die keine Sicherheit mehr. Die Caodaisten sind Alliierte der Franzosen, gelten allerdings nicht als besonders zuverlässig. Fowler beobachtet Pyle im Gespräch mit einem Caodaisten, in dem er einen ehemaligen Gefolgsmann des abtrünnigen Generals Thé erkennt. Er fragt sich, ob Pyle Verbindungen zum General unterhält.

„Wäre es nicht überhaupt besser, wir wären alle tot?, gab das Opium in mir zu bedenken.“ (S. 20)

Nach den Feierlichkeiten geht es wieder nach Saigon. Fowler und Pyle sind die Letzten, die sich auf den Weg machen. Mitten auf der einsamen Straße bleibt der Wagen stehen. Eine heikle Lage, denn es wird bald dunkel. Zum Glück ist der nächste Wachturm nicht weit. Auf einer Leiter steigen sie hinauf. Die Besatzung besteht aus zwei Vietnamesen, die Fowler und Pyle mit unterschwelliger Feindseligkeit begegnen. Fowler gelingt es, sie durch entschlossenes Auftreten einzuschüchtern. Es entspinnt sich ein Gespräch. Pyle präsentiert sich als begeisterter Befürworter einer amerikanischen Intervention in Indochina, gemäß York Hardings Ideen; Fowler versucht, ihn auf den Boden der Realität zurückzuholen. Seine eigene Philosophie ist eine des skeptischen Heraushaltens, persönlich wie politisch. Schließlich geschieht, was sie die ganze Zeit befürchtet haben: Der Wachturm wird angegriffen. Pyle und Fowler suchen ihr Heil in der Flucht. Lautlos lassen sie sich durch die Luke hinab. Beim Sprung in der Dunkelheit bricht sich Fowler ein Bein. Während sie in Richtung der nahe gelegenen Reisfelder laufen, zerstört eine Panzerfaustgranate den Wachturm. Fowler kann nicht weiter, die Schmerzen sind zu stark. Er weigert sich, von Pyle Hilfe anzunehmen. Doch der lässt sich nicht beirren und schleppt ihn in die Reisfelder. Die Vietminh schießen ihnen eine kurze Salve hinterher, lassen aber schließlich von ihnen ab. Pyle lässt Fowler liegen und holt Hilfe vom nächsten französischen Fort.

Geheimnisvolle Machenschaften

Fowler, zurück aus dem Spital, findet zu Hause einen Brief von Helen. Sie erläutert ihm ihren Entschluss, nicht in eine Scheidung einzuwilligen. Fowler bringt es nicht fertig, Phuong die Wahrheit zu sagen. Stattdessen macht er ihr Hoffnung: Helen habe im Prinzip zugestimmt, sie müsse nur noch Details mit ihrem Anwalt klären. Später besucht er seinen Assistenten Dominguez. Der erzählt, Pyle habe einen lokalen Anführer gefunden, der die von Amerika unterstützte „Nationale Demokratie“ führen werde. Genaueres will Dominguez nicht verraten, stattdessen schickt er Fowler zu einem Chinesen namens Chou, der besser informiert sei. Es ist aber nicht der opiumsüchtige Chou, sondern sein Geschäftsführer Heng, von dem Fowler Aufklärung über Pyles Umtriebe erhält: Heng zeigt dem Reporter zwei Kanister mit der Aufschrift „Diolacton“ und eine längliche Pressform. Die Kanister enthalten Plastikpulver und stammen aus dem Besitz des Schwagers von General Thé. Durch einen Zufall sind sie Heng in die Hände gefallen. Eine Verbindung zu Pyle und seinen Paketen liegt nahe. Fowler kehrt in seine Wohnung zurück und macht ein Schläfchen. Ein Klopfen weckt ihn. Es ist Pyle, der ihn zur Rede stellen will. Phuong hat Helens Brief in Fowlers Abwesenheit ihrer Schwester gezeigt, die ihn ihr übersetzt hat. Die Lüge über Helens angebliche Einwilligung ist aufgeflogen. Pyle kündigt an, fortan keine Rücksicht auf Fowler mehr nehmen zu wollen.

Allein

Die Unsicherheit der folgenden Wochen macht Fowler schwer zu schaffen. Zunächst verhält sich Phuong, als wäre nichts passiert. Eines Nachts jedoch wacht Fowler auf und stellt fest, dass sie nicht mehr neben ihm liegt. Sie ist mit Sack und Pack verschwunden. Zur gleichen Zeit löst sich das Rätsel um das Plastikpulver: In Saigon explodieren einige Sprengsätze, die offenbar als Fahrradpumpen getarnt waren. Pulver und Pressform dienten also dem Bombenbau. Die Detonationen sind zum Glück schwach und richten kaum Schaden an. Die Presse macht die Kommunisten für die Anschläge verantwortlich. Fowler, der es besser weiß, spekuliert in einem Artikel über General Thés Täterschaft. Der Artikel wird aber zensiert. Am Tag nach Phuongs Verschwinden will Fowler Pyle zur Rede stellen, er trifft ihn jedoch nicht an seinem Arbeitsplatz in der amerikanischen Gesandtschaft. Der Wirtschaftsattaché versucht den aufgebrachten Reporter zu beruhigen. Fowler reagiert trotzig. Auf der Toilette übermannen ihn dann die Tränen.

Der Bombenanschlag

Fowler unternimmt eine weitere Tour in den Norden, wo er französische Flieger bei ihren Missionen gegen die Vietminh begleitet. Für eine Weile vergisst er seine Sorgen. Bei seiner Rückkehr nach Saigon trifft er Pyle. Fowler erkundigt sich nach Phuong, die jetzt bei Pyle lebt. Als Fowler ihn auf die Fahrradbomben anspricht, gibt sich Pyle ahnungslos. Ein paar Wochen später allerdings erfolgt ein zweiter Anschlag, auf der Place Garnier. Die Folgen sind verheerend. Fowler ist zufällig in einer Bar in der Nähe. Als er auf den Platz hinaustritt, sieht er überall Leichen und Verletzte. Er ist fassungslos. Plötzlich stößt er auf Pyle. Sofort dringt er auf ihn ein, um zu erfahren, ob Phuong verletzt ist. Pyle beruhigt ihn: Er habe sie gewarnt. Jetzt ist für Fowler klar, dass Pyle hinter dem Anschlag steckt. Wütend versucht er ihn aufzurütteln, ihm die Konsequenzen seines Tuns bewusst zu machen. Pyle sucht nach Rechtfertigungen für das Attentat und will zugleich die Schuld von sich auf General Thé abwälzen. Fowler lässt ihn wütend stehen.

Der Entschluss

Fowler trifft sich mit Heng. Sie sind sich einig: Pyle muss gestoppt werden. Es ist aber ebenso klar, dass Pyle offiziell unantastbar ist. Heng weiß, was zu tun ist: Fowler soll Pyle gegen sieben Uhr zu sich bitten und ihm vorschlagen, später zusammen etwas essen zu gehen, zwischen halb neun und halb zehn im Vieux Moulin. Dort werde Heng die Sache in die Hand nehmen. Was er konkret plant, sagt er nicht. Falls Pyle auf die Verabredung eingehe, solle Fowler sich mit einem Buch am Fenster zeigen. Fowler spürt, dass die Zeit reif ist und dass er nun Farbe bekennen muss. Er lässt Pyle ausrichten, er erwarte ihn in seiner Wohnung.

„Er wird immer das Unschuldslamm sein, den Unschuldigen kann man keinen Vorwurf machen, sie sind immer schuldlos. Man kann sie nur unter Kontrolle halten oder eliminieren. Unschuld ist eine Form von Geisteskrankheit.“ (über Pyle, S. 221)

Pyle kommt und erzählt, er habe General Thé getroffen und ihm wegen des Anschlags Vorhaltungen gemacht. Dennoch ist er, wie Fowler entsetzt feststellt, noch immer davon überzeugt, dass seine Sache prinzipiell richtig ist. Fowler gibt es auf, ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Endlich fragt er, ob man später zusammen ins Vieux Moulin wolle. Pyle ist einverstanden. Nun geht Fowler mit dem Buch ans Fenster. Damit ist Hengs Plan in Gang gesetzt. Ein letztes Hintertürchen lässt Fowler dem Amerikaner: Falls Pyle es nicht vor zehn ins Vieux Moulin schaffe, solle er direkt zu ihm nach Hause kommen. Mit diesem Arrangement meint Fowler, dem Schicksal genügend Spielraum gelassen zu haben, um selbst moralisch aus dem Schneider zu sein. Pyle verabschiedet sich. Fowler geht ins Kino, verlässt den Saal jedoch noch vor Ende des Films und macht sich auf den Weg ins Vieux Moulin. Dort bestellt er einen Drink und wartet. Pyle lässt sich nicht blicken. Also geht Fowler wie verabredet nach Hause, um dort auf ihn zu warten. Gegen Mitternacht gesellt sich Phuong zu ihm. Sie warten gemeinsam. Vergeblich.

„Ich dachte an den ersten Tag und wie Pyle im Continental neben mir gesessen hatte, den Blick auf die Milchbar gegenüber gerichtet. Seit seinem Tod hatte sich bei mir alles zum Guten gewendet, doch wie sehr wünschte ich, es gäbe jemanden, zu dem ich hätte sagen können, dass es mir leidtat.“ (S. 254)

Zwei Wochen nach Pyles Tod unterhält sich Fowler bei einem Drink mit Vigot. Der beschuldigt Fowler zwar nicht des Mordes, äußert aber Zweifel an dessen Alibi, das kleinere Lücken aufweist. Ob Pyle nicht etwa doch am Abend seines Todes bei Fowler gewesen sei? Fowler lässt sich nicht in die Karten blicken. Vigots Verdachtsmomente sind ohnehin ziemlich vage, er gibt sich mit Fowlers Erklärungen zufrieden und macht sich wieder auf den Weg. Später kommt Phuong aus dem Kino zurück und bereitet Fowler eine Opiumpfeife vor. Ein Telegramm ist gekommen. Fowler öffnet es und liest: Helen hat es sich anders überlegt und die Scheidung nun doch in die Wege geleitet. Phuong ist außer sich vor Freude. Fowler erkennt, dass sich seit Pyles Tod für ihn alles zum Guten gewendet hat, trotzdem lässt ihm sein Gewissen keine Ruhe.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der stille Amerikaner ist in 13 Kapitel unterteilt, die wiederum zu vier übergreifenden Teilen gruppiert sind. Innerhalb der einzelnen Kapitel findet sich eine weitere Unterteilung in nummerierte Abschnitte. Dieser modulare Aufbau macht es dem Leser leichter, in einer von etlichen Zeitsprüngen unterbrochenen Erzählung den roten Faden nicht zu verlieren. Der Roman beginnt und endet mit den Ereignissen nach Pyles Ermordung, der größte Teil der dazwischenliegenden Handlung wird als Rückblende erzählt und führt auf den Mord zu, der als Verbindungsstück für die beiden Zeitstränge dient. Mithilfe dieses Stilmittels suggeriert Greene dem Leser anfänglich die Unschuld des Icherzählers, des Reporters Thomas Fowler, um diese Annahme dann im weiteren Verlauf des Textes zu unterhöhlen und so eine geradezu thrillerhafte Spannung zu erzeugen. Greene, Autor zahlreicher Krimis und Spionagebestseller, war ein Meister des Spannungsaufbaus. Ebenso deutlich zeigt sich in Der stille Amerikaner seine Meisterschaft des Szenischen: Das Geschehen, die Atmosphäre, die Charaktere sind förmlich mit Händen zu greifen, ohne dass der Autor sich in weitschweifigen Schilderungen verliert. Greenes Geheimnis ist eine enorme stilistische Wandlungsfähigkeit. Sprache ist für ihn kein Selbstzweck; er leitet seinen Stil jeweils aus den Erfordernissen der Situation ab. Wenn Fowler von seiner Exkursion an die Front berichtet, liest sich das knapp und realistisch wie eine Reportage; wenn er sich im Opiumrausch mit dem melancholischen Polizisten Vigot unterhält, weitet sich die Sprache ins Existenzialistische, Philosophische; und mit großer Sparsamkeit wirft Greene an geeigneter Stelle gar poetische Miniaturen ein.

Interpretationsansätze

  • Als politischer Roman gelesen, richtet sich Der stille Amerikaner gegen Kolonialismus im Allgemeinen und gegen dessen seinerzeit neuste Spielart im Speziellen: die Einmischungspolitik der USA im Zeichen von Demokratieexport und Abwehr des internationalen Kommunismus. Ohne den Kommunismus direkt zu befürworten, wirft Greene die Frage auf, ob der Kommunismus der Lebenswirklichkeit eines dekolonialisierten Vietnam nicht besser entspräche als eine westlich-demokratische Ordnung.
  • Wie in jedem von Greenes Romanen finden sich auch in Der stille Amerikaner katholisch-christliche Motive. Besonders die Natur der Sünde und die Verworfenheit des Menschen werden hier untersucht.
  • Ein weiteres Thema ist das Paradox der Unschuld: wie gerade die besten Absichten oft die schlimmsten Konsequenzen nach sich ziehen; wie die Naiven und Wohlmeinenden für ihre hehren Ziele über Leichen gehen.
  • Anhand der Figur des Thomas Fowler und dessen Philosophie der Neutralität zeigt Greene aber auch, dass nicht einmal völlige Passivität den Einzelnen davor bewahren kann, sich zu versündigen.
  • In Fowler steckt viel von seinem Autor: Die Angst, sich einzumischen, die Depressivität, die Todessehnsucht, die Neigung, mithilfe von Alkohol, Opium, Frauen und riskanten Unternehmungen gegen das Grauen existenzieller Langeweile anzukämpfen, das alles hat Greene von sich auf seinen Antihelden übertragen.

Historischer Hintergrund

Auf verlorenem Posten

Der französische Einfluss in Südostasien nahm seinen Anfang bereits im 16. Jahrhundert, mit der Ansiedlung jesuitischer Missionare. Aufgrund seiner günstigen Lage als Korridor für den aufblühenden Chinahandel gewann „Indochina“ (heute: Vietnam, Laos und Kambodscha) zunehmend an Bedeutung. Ende des 19. Jahrhunderts verleibte Frankreich das Gebiet seinem Kolonialreich ein. Doch anders als beispielsweise die Briten in Indien verfolgten die Franzosen in Indochina vor allem kurzfristige monetäre Interessen; die Kolonialverwaltung sollte sich selbst finanzieren, was auf eine Ausbeutung der Bevölkerung bei gleichzeitiger Bereicherung der Kolonialbeamten hinauslief. Entsprechend feindlich standen die Einheimischen den Fremdherrschern gegenüber. In der von Ho Chi Minh 1920 gegründeten Kommunistischen Partei Vietnams, die 1941 in der Vietminh-Bewegung aufging, sammelten sich antikolonialistische Kräfte. Der Gründung einer Demokratischen Republik Vietnam im August 1945 durch Revolutionsführer Ho Chi Minh folgten zunehmend verzweifelte Versuche Frankreichs, die Kolonialherrschaft wiederherzustellen. Doch der sogenannte Indochinakrieg endete 1954 mit der Niederlage und dem vollständigen Rückzug Frankreichs.

Auf einer internationalen Konferenz wurde die Teilung des Landes in einen kommunistischen Nord- und einen „freien“ Südteil beschlossen. Letzterer erhielt im nun eskalierenden Ost-West-Konflikt enorme geostrategische Bedeutung als Bollwerk gegen den Kommunismus. 1949 hatte Mao Zedong die Volksrepublik China ausgerufen, was in der westlichen Welt die Angst vor einem Dominoeffekt auslöste, an dessen Ende ein vollständig kommunistisches Asien stehen würde. Die USA, als Führungsmacht des Westens, reagierten mit verstärkter Einflussnahme in Südvietnam und traten damit gewissermaßen in Frankreichs Fußstapfen.

Entstehung

Ende 1950 flog Graham Greene in die britische Kolonie Malaya, um im Auftrag des Life-Magazins über die dortigen Unruhen zu berichten. Greene war jedoch nicht nur von der Aussicht auf eine Story getrieben, sondern auch von unverhohlener Todessehnsucht. Seine depressive Veranlagung brach sich Bahn, nachdem die Beziehung zu seiner großen Liebe Catherine Walston 1950 beendet schien. In Malaya verbrachte Greene nur wenige Wochen und reiste Anfang 1951 weiter nach Saigon in der französischen Kolonie Indochina. Auch hier herrschte Krieg. Die Franzosen kämpften auf verlorenem Posten gegen eine immer stärker werdende Unabhängigkeitsbewegung. Greene begab sich gezielt in Gefahr, besichtigte die umkämpfte Stadt Phat Diem, begleitete Patrouillen der französischen Fremdenlegion, flog bei Sturzkampfbombereinsätzen mit. Andererseits begeisterte er sich aber auch für Land und Leute. Tropisches Klima, französische Cafés, chinesische Opiumhöhlen, schöne Frauen, starke Drinks – das war ganz nach Greenes Geschmack. Hier konnte er sich von seinem Liebeskummer ablenken. Bei einer Tour durchs Landesinnere unterhielt er sich mit einem amerikanischen Diplomaten über die Rolle der USA im Indochinakonflikt – die Inspiration zu einem neuen Roman. Im März 1952 begann er die Arbeit an Der stille Amerikaner. Dabei ließ er seine eigenen Erlebnisse mit einfließen: Die Schauplätze sind authentisch, die handelnden Personen haben nahezu allesamt reale Vorbilder, selbst die Rahmenhandlung beruht auf wirklichen Begebenheiten. Greene schloss den Roman im Juni 1955 ab.

Wirkungsgeschichte

Der stille Amerikaner erschien im Dezember 1955 und wurde von Presse und Publikum gleichermaßen gefeiert. Greene, der bisher zweigleisig gefahren war und seine Bücher in Unterhaltungs- und Hochliteratur eingeteilt hatte, führte in Der stille Amerikaner beide Aspekte seines Schaffens meisterhaft zusammen. Auf der anderen Seite des Atlantiks jedoch erhob sich ein Sturm der Entrüstung; noch bevor im März 1956 die erste US-amerikanische Ausgabe erschien, gruben Literaturkritiker das Kriegsbeil aus. Ihr Hauptvorwurf: Greene lasse in Der stille Amerikaner seinem Antiamerikanismus freien Lauf, indem er die Einmischungspolitik der USA als kontraproduktiv und blauäugig brandmarke. Außerdem machte man prokommunistische Tendenzen in Greenes neustem Roman aus – ein Vorwurf, der vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges und der antikommunistischen Hysterie der McCarthy-Ära besonders schwer wog. Selbst eine so liberale und kritische Zeitung wie The New Yorker ließ sich zu einer groben Polemik hinreißen.

Eine erste Verfilmung des Romans von 1957 verfälschte dessen Aussage gar derart, dass aus dem Bomben legenden Idealisten Pyle, dem „stillen Amerikaner“, eine Heldenfigur wurde, während sein Gegenspieler Fowler nun offenbar aus niederen Motiven handelte. Die Legende will, dass die Produzenten damit Einflüsterungen der CIA folgten. Erst nachdem sich im Lauf der Jahre die Gemüter etwas beruhigt hatten, fand Der stille Amerikaner auch in den USA Anerkennung als literarisches Meisterwerk. Die spätere Entwicklung in Vietnam infolge des katastrophalen militärischen Engagements der USA bestätigte im Nachhinein Greenes Analyse und ließ auch seine letzten Kritiker verstummen. 2002 wurde Der stille Amerikaner ein zweites Mal – diesmal werkgetreu – verfilmt.

Über den Autor

Graham Greene wird am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted (Hertfordshire) in England geboren. Als Kind ist Greene ein schüchterner Junge, der sich schnell einigelt und von Gleichaltrigen abwendet. Dass sein Vater Schuldirektor ist, macht ihm den Kontakt zu anderen Kindern nicht einfacher. So wird Greene zum Einzelgänger und Außenseiter, der sich immer öfter in die fantastische Welt der Literatur flüchtet. Die Schule wird für ihn zur Qual: Sein Hass darauf wird so stark, dass er sogar Selbstmordversuche unternimmt und seine Eltern mit 15 Jahren mit dem Entschluss konfrontiert, die Schule nicht mehr zu besuchen. Die Eltern schicken ihn zu einem Therapeuten nach London, der Greene dazu ermutigt, zu schreiben. Greene beginnt ein Geschichtsstudium am Balliol College in Oxford, das er nach eigenen Angaben „betrunken und schuldengeplagt“ 1925 beendet. Es folgen mehrere Anstellungen bei unterschiedlichen Redaktionen, unter anderem beim Nottingham Journal, wo er seine spätere Frau Vivien Dayrell-Browning kennenlernt. In diese Zeit fällt auch seine Konversion zur katholischen Kirche, die sein weiteres Werk entscheidend beeinflussen wird. Eine Anstellung bei der Times führt ihn nach London. Sein erster veröffentlichter Roman Zwiespalt der Seele (The Man Within, 1929) wird so erfolgreich, dass sich Greene fortan ganz auf die Schriftstellerei konzentriert. Um neues Material zu finden und seine Abenteuerlust zu befriedigen, begibt er sich auf größere Reisen: Seinen Aufenthalt in Schweden verarbeitet er in dem Buch Ein Sohn Englands (England Made Me, 1935); Der Weg nach Afrika (Journey Without Maps, 1936) resultiert aus seiner Reise durch Liberia; seine Arbeit für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 in Sierra Leone findet Niederschlag in Das Herz aller Dinge (The Heart of the Matter, 1948); und die Erlebnisse in Mexiko fließen in Die Kraft und die Herrlichkeit (The Power and the Glory, 1940) ein. Viele von Greenes Romanen werden verfilmt, Der dritte Mann (The Third Man, 1950) wird sogar direkt für die Verfilmung geschrieben. Greene stirbt am 3. April 1991 in Vevey in der Schweiz.


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