Zusammenfassung von Die Dame mit dem Hündchen

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Die Dame mit dem Hündchen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Liebesroman
  • Realismus

Worum es geht

Wandel durch Liebe

Der alternde Bankier Gurow, der seiner Ehe überdrüssig ist, trifft während eines Kuraufenthalts auf die junge, abenteuerlustige Anna, die dem langweiligen Provinzalltag entfliehen will. In der dekadenten Sommerstimmung Jaltas beginnt Gurow mit ihr eine Affäre – nur eine unter vielen, wie er glaubt. Doch zurück in Moskau kann er Anna nicht mehr vergessen, und sie treffen sich wieder. Was als harmloser Urlaubsflirt begonnen hat, entwickelt sich zu einer ernsten Liebesbeziehung. In seiner 1899 erschienenen Erzählung zeigt sich Tschechow auf der Höhe seines Könnens: Knapp, lakonisch und mit fast naturwissenschaftlicher Nüchternheit skizziert er das Verhältnis zweier ganz gewöhnlicher Menschen mit all ihren Schwächen. Er zeigt, wie sie durch die Erfahrung wirklicher Liebe verwandelt und der Banalität ihres Daseins enthoben werden. Dass der notorische Junggeselle und Frauenheld Tschechow am Ende seines Lebens mit der Schauspielerin Olga Knipper selbst die große Liebe erlebte, muss man gar nicht wissen, um die tiefe Wahrheit dieser Erzählung zu verstehen. In ihrer schlichten, zeitlosen Modernität spricht sie für sich selbst.

Take-aways

  • Die Liebesgeschichte Die Dame mit dem Hündchen gehört zu Tschechows bekanntesten Erzählungen.
  • Inhalt: Während eines Kuraufenthalts geht der verheiratete Bankier Gurow eine Liaison mit der viel jüngeren Anna Sergejewna ein. Zuerst behandelt er sie wie seine üblichen Affären. Doch mit der Zeit erkennt er, dass er zum ersten Mal wirkliche Liebe empfindet. Den beiden gelingt es, im Verborgenen ihr Glück zu finden.
  • Die Erzählung steht in der Tradition von Anna Karenina. Im Unterschied zu Leo Tolstois Heldin geht Tschechows Anna am Ehebruch aber nicht zugrunde.
  • Obwohl Tschechow den Ausgang der Geschichte offen lässt, zeichnet sich ein Triumph der Liebe über die Sinnlosigkeit des Lebens ab.
  • Zu der Zeit, als der sterbenskranke Tschechow die Erzählung schrieb, erlebte er selbst mit der Schauspielerin Olga Knipper seine große Liebe.
  • Tschechow bedient sich in der kurzen Erzählung eines nüchternen, lakonischen Stils.
  • Seinem künstlerischen Ideal gemäß zeichnet er seine Figuren mit all ihren Schwächen, ohne moralische Urteile zu fällen.
  • Vladimir Nabokov hielt die Die Dame mit dem Hündchen für eine der größten Geschichten, die je geschrieben wurden.
  • Die Erzählung regte Nikita Michalkow 1987 zu seinem Film Schwarze Augen an.
  • Zitat: „Und erst jetzt, wo sein Kopf grau wurde, liebte er richtig, ganz so, wie es sein muss – zum ersten Mal in seinem Leben.“
 

Zusammenfassung

Flucht aus der Ehe

Zwei Wochen weilt Dmitri Dmitritsch Gurow nun schon in Jalta, einem für lockere Sitten berüchtigten Ort, zur Kur. Da taucht unter den Kurgästen ein neues Gesicht auf: eine kleine, blonde Frau, die immer allein mit ihrem Spitz die Promenade entlangspaziert und von allen nur „die Dame mit dem Hündchen“ genannt wird. An ihrem Aussehen und Benehmen erkennt Gurow sofort, dass sie aus gutem Haus sein muss, dass sie verheiratet, aber allein hier ist – also bereit für ein amouröses Abenteuer. Seit Langem schon betrügt der angesehene Moskauer Bankier, gegen 40 Jahre alt und Vater dreier inzwischen großer Kinder, seine Ehefrau. Sie ist eine stattliche Matrone mit einem zur Schau getragenen Bildungsdünkel und wirkt viel älter als er. Längst betrachtet er sie als engherzig und beschränkt. Er meidet ihre Nähe und ist stets offen für Begegnungen mit anderen Frauen.

„Man redete, dass auf der Uferpromenade ein neues Gesicht aufgetaucht sei: eine Dame mit einem Hündchen.“ (S. 7)

Die kurzen Affären, die Gurow im Lauf seiner Ehe eingegangen ist, haben einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: Bei jeder Begegnung mit einer Frau, die seine Neugier geweckt hat, erscheint anfangs alles einfach und unkompliziert. Doch nach einiger Zeit verflüchtigt sich die Leidenschaft, ein Gefühl der Kälte und Gleichgültigkeit schleicht sich ein. Man hat sich nichts mehr zu sagen. Eigentlich verachtet Gurow die Frauen, bezeichnet sie gar als „minderwertige Rasse“ – trotzdem kann er nicht von ihnen lassen. Unter Männern langweilt er sich, aber wenn er mit Frauen zusammen ist, blüht der sonst eher verschlossene und kühle Mann auf. So wie Gurow sich stark vom weiblichen Geschlecht angezogen fühlt, wirkt er seinerseits auf Frauen sehr attraktiv – und dessen ist er sich auch bewusst.

Nur eine harmlose Affäre?

Als die Dame mit dem Hündchen beim Abendessen am Nebentisch Platz nimmt, spricht Gurow sie an. Offen gesteht sie ihm ihre Langeweile. Nach dem Essen gehen die beiden am Meer spazieren. Sie kommen ins Plaudern, der Tonfall ist leicht und unbeschwert. Gurow erfährt, dass sie aus Petersburg stammt und seit zwei Jahren als Gattin eines Beamten – was er genau macht, weiß sie selbst nicht – in der kleinen Stadt S. lebt. Mit ihren 22 Jahren erscheint ihm Anna Sergejewna von Diederitz, so ihr Name, noch sehr jung. Fast könnte sie seine Tochter sein. Gurow ist sich sicher, dass sie sich wieder mit ihm treffen wird und dass sie genau weiß, welche Absichten er verfolgt. Er begehrt sie, wie er schon viele Frauen begehrt hat. Anders an ihr ist nur ihre schüchterne Unbeholfenheit, die sein Mitleid erregt.

„Nicht meinen Mann habe ich betrogen, sondern mich selbst.“ (Anna, S. 19)

Während der nächsten Tage verbringen Anna und Gurow viel Zeit miteinander. Eines Abends stehen sie inmitten einer Menschenmasse an der Mole und beobachten die Ankunft eines Dampfers. Nachdem die Menge sich zerstreut hat, stehen die beiden noch schweigend da. Unversehens umarmt Gurow Anna und küsst sie. Sie gehen auf ihr Zimmer und auf einmal erinnert Gurow sich an all die Frauen, mit denen er bisher Affären gehabt hat: die sorglosen und ausgelassenen, die unaufrichtigen und hysterischen, die sehr hübschen und dabei eiskalten Frauen, deren Schönheit seinen Hass weckte, kaum war die erste Leidenschaft verflogen. Anna dagegen wirkt ernst und traurig, nachdem sie sich das erste Mal geliebt haben. Sie sieht sich als eine Gefallene, eine Sünderin. Gurow ist bei allem Befremden, das er spürt, von ihrer Unerfahrenheit und Naivität gerührt.

Reue und Schuldgefühle

Anna ist verzweifelt und bereut, was geschehen ist. Sie fürchtet, ihr Liebhaber werde sie jetzt, nachdem sie sich ihm so leicht hingegeben hat, nicht mehr achten. Nicht ihren Mann, den sie ohnehin nicht liebe, habe sie betrogen, sondern sich selbst, gesteht sie – und das schon seit Längerem. Ihr Mann sei gut und ehrlich, aber ein langweiliger Lakai. Eine unbezähmbare Neugier habe sie angetrieben, die Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Leben. Tatsächlich, gesteht sie Gurow unter Tränen, habe sie ihrem Mann eine Krankheit vorgetäuscht, um hierherzukommen. Sie habe gehofft, ein Abenteuer zu erleben und so ihrem eintönigen Ehealltag zu entfliehen. Gurow ist ein wenig irritiert von ihrem tränenreichen Auftritt, schon beginnt er sich zu langweilen. Doch es gelingt ihm, Anna zu beruhigen und ihre Traurigkeit zu verscheuchen. Sie fahren ans Meer und betrachten den Sonnenaufgang. An der Seite seiner Geliebten und vor der großartigen Naturkulisse fühlt sich Gurow – jenseits von allem menschlichen Streben nach höheren Dingen – vollkommen im Einklang mit der Welt. Alles, was er sieht, erscheint ihm schön und geheimnisvoll.

„Er dachte daran, dass es da jetzt in seinem Leben eine weitere Begebenheit oder Affäre gab, die auch schon zu Ende war, und geblieben war nur die Erinnerung ...“ (über Gurow, S. 26)

Die folgenden Tage verbringen Anna und Gurow gemeinsam. Sie spazieren auf der Promenade oder im Stadtpark, machen Ausflüge in die Umgebung, sitzen am Meer, gehen essen. Anna genießt es zwar, plagt sich aber weiter mit Schuldgefühlen herum. Zugleich hegt sie die Befürchtung, Gurow halte sie nun für eine gewöhnliche Frau. Er dagegen scheint völlig in der eleganten Umgebung, der sommerlichen Hitze und der Atmosphäre trägen Müßiggangs, die in dem Kurort herrscht, aufzugehen. Wenn er sich unbeobachtet wähnt, küsst er Anna auf offener Straße und überschüttet sie mit Komplimenten.

„Anna Sergejewna erschien ihm nicht im Traum, sie ging wie sein Schatten überall mit ihm hin, folgte ihm.“ (über Gurow, S. 29)

Ihre gemeinsame Zeit neigt sich bereits dem Ende zu, da trifft eine Nachricht von Annas Mann ein. Er schreibt, er sei erkrankt, und bittet sie, nach Hause zu kommen. Anna versteht es als einen Wink des Schicksals. Am Bahnhof verabschiedet sie sich traurig von Gurow, für immer, wie sie glaubt. Auch er empfindet nun ein leichtes Gefühl der Reue – nicht wegen der Affäre, er sieht Anna immer noch als eine unter vielen –, sondern weil er seine jüngere, unerfahrene Geliebte nicht glücklich gemacht hat. Bei aller Zuwendung hat er sie stets mit spöttischer Herablassung behandelt und sich nicht ehrlich als derjenige gezeigt, der er ist.

Die Banalität des Alltags

Wieder zurück im winterlichen Moskau wird Gurow rasch vom Alltag eingeholt. Wie vor seinem Kuraufenthalt besucht er Restaurants, Klubs und Diners, verkehrt unter Künstlern, Anwälten und Professoren, isst und trinkt mit ihnen und spielt Karten. Es schmeichelt ihm, dass er ein gern gesehener Gast in den besseren Kreisen ist. Schon bald, davon ist er überzeugt, wird er die kurze Affäre mit Anna vergessen haben, so wie er bisher all seine Affären vergessen hat. Doch die Erinnerung an Anna lebt weiter, ja mit der Zeit gewinnt sie sogar an Intensität. Er beginnt, von einer gemeinsamen Zukunft zu fantasieren. Ihr Bild folgt ihn auf Schritt und Tritt.

„Die unnötigen Geschäfte und Gespräche über immer dasselbe, sie rauben die beste Zeit, die besten Kräfte, und was dir am Ende bleibt, ist ein verstümmeltes, flügellahmes Leben, eine Sinnlosigkeit, der du nicht entgehen, nicht entfliehen kannst, wie wenn du im Irrenhaus säßest oder in der Strafkolonie!“ (S. 32)

Immer stärker wird Gurows Bedürfnis, mit jemandem über seine Bekanntschaft zu sprechen, aber er hat niemand, dem er sich anvertrauen kann. Und was gäbe es überhaupt zu erzählen? Soll er von Liebe reden? Eigentlich handelt es sich doch nur um eine ganz banale Geschichte. Doch sein Mitteilungsbedürfnis wird so stark, dass er schließlich beginnt, vor seiner Frau über die Liebe im Allgemeinen zu sprechen. Sie weist ihn sogleich in seine Schranken: Die Rolle des Liebhabers stehe ihm nicht. Auch sein Versuch, einem Mitspieler aus dem Kartenklub von Anna zu erzählen, misslingt. Gurow ist zunehmend gereizt. Alles in seinem Leben, die Kinder, die Arbeit, der Alltagstrott, geht ihm auf die Nerven. Er fühlt sich von der Leere und dem Stumpfsinn um ihn herum, von den immer gleichen Geschäften, Gesprächen und gesellschaftlichen Vergnügungen abgestoßen.

Wiedersehen in der Provinz

Weihnachten naht, und unaufhaltsam wächst Gurows Sehnsucht nach Anna. Als er es nicht mehr aushält, bricht er mitten in der Festzeit nach S. auf, um seine Geliebte wiederzusehen. In der etwas heruntergekommenen Gaststätte, in der er ein Zimmer findet, erfährt er, dass Annas Ehemann von Diederitz ein reicher, in der Stadt angesehener Mann ist. Nachdem er die Adresse erfragt hat, postiert er sich neben dem stattlichen Haus des Ehepaars und wartet. Er will auf den Zufall hoffen, denn es scheint ihm zu riskant, Anna einen Brief zu schreiben, der in die falschen Hände geraten könnte. Eine alte Frau kommt mit dem weißen Spitz heraus. Gurow will den Hund rufen, aber er erinnert sich nicht einmal mehr an dessen Namen. Düstere Gedanken bedrängen ihn: Was ist, wenn Anna ihn längst vergessen oder inzwischen gar eine neue Affäre begonnen hat?

„Er führte zwei Leben: eines, das offen sichtbar war, das alle sahen und kannten, die es anging, voll der konventionellen Wahrheiten und Täuschungen, eben genau wie das Leben seiner Bekannten und Freunde, und ein anderes, das heimlich verlief.“ (über Gurow, S. 42 f.)

Am Abend geht er ins Theater zu einer Premiere, in der Hoffnung, Anna dort zu treffen. Während das Publikum, darunter eitle Gecken, lächerliche Provinzgrößen und Damen mit Pelzboas, in den Zuschauersaal strömt, wandern Gurows Augen begierig über die Reihen. Da entdeckt er Anna. Sein Herz zieht sich zusammen. Begleitet von den jämmerlichen Klängen des drittklassigen Orchesters begreift er, dass ihm kein Mensch auf der Welt wichtiger ist als diese kleine, blonde Provinzschönheit mit der billigen Lorgnette – eine Frau, die eigentlich gar nichts Besonderes an sich hat. Sie ist der Mittelpunkt seines Lebens, Quelle seiner Freude und seines Kummers und das Einzige, wonach er sich sehnt.

„Sie weinte vor Erregung, vor leidvoller Erkenntnis, dass ihr Leben sich so traurig gefügt hatte; sie konnten sich nur heimlich sehen, versteckten sich vor den Menschen wie Diebe!“ (über Anna, S. 45)

Annas Mann scheint tatsächlich ein Lakai zu sein: Mit zur Schau getragener Bescheidenheit trägt er ein akademisches Abzeichen vor sich her. Als er in der Pause den Saal verlässt, bleibt Anna auf ihrem Platz sitzen. Gurow nutzt die Gelegenheit und geht zu ihr. Bei seinem Anblick gerät sie außer sich, ist der Ohnmacht nahe. Um den Blicken der anderen Zuschauer zu entgehen, verlassen die beiden den Saal und irren ziellos treppauf, treppab, durch die Gänge des Theaters, vorbei an den Honoratioren und ihren aufgetakelten Gattinnen. Vor den Augen zweier Besucher umarmt Gurow Anna und küsst sie – es ist ihm egal, ob sie gesehen werden. Entgeistert stößt sie ihn von sich, aber ihr Blick ist voller Liebe und Angst. Obwohl sie ihn vergessen wollte, habe sie die ganze Zeit nur an ihn gedacht, gesteht sie ihm. Sie sei stets unglücklich gewesen, sei jetzt unglücklich und werde es immer sein. Sie beschwört Gurow, sofort wieder abzureisen. Zugleich verspricht sie ihm, ihn in Moskau zu besuchen.

Täuschung und Wahrheit

Alle zwei, drei Monate fährt Anna nun nach Moskau, mit der Ausrede, sie müsse dort wegen einer Frauenkrankheit einen Spezialisten konsultieren. Ihr Mann nimmt ihr die Geschichte ab, wenn er manchmal auch leise Zweifel hegt. Kaum ist sie in ihrem Hotel angekommen, besucht Gurow sie dort.

„Immer erschien er den Frauen nicht als derjenige, der er war, sie liebten an ihm nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den sich ihre Vorstellung geschaffen hatte und den sie in ihrem Leben so sehnsüchtig gesucht hatten (...). Und nicht eine von ihnen war glücklich mit ihm.“ (über Gurow, S. 46)

Unbemerkt von seiner Umgebung führt er nun eine Art Doppelleben: Nach außen hin lebt er einen ganz normalen Alltag wie seine Bekannten. Heimlich aber bricht er mit allen Konventionen. Er ist selbst erstaunt darüber: Alles, was ihm wichtig ist und worin er sich ehrlich zeigt, findet im Verborgenen statt. Was die Öffentlichkeit dagegen von seinem Leben wahrnimmt – Geschäftstermine, gesellschaftliche Auftritte und dergleichen –, ist nur Fassade und Täuschung. Daraus schließt Gurow, dass es bei anderen wohl genauso sein muss: Das Wichtige, wirklich Interessante im Leben eines Menschen spielt sich immer im Geheimen ab.

„Und erst jetzt, wo sein Kopf grau wurde, liebte er richtig, ganz so, wie es sein muss – zum ersten Mal in seinem Leben.“ (über Gurow, S. 46)

Voller Sehnsucht und Leidenschaft empfängt Anna ihren Geliebten im Hotelzimmer. Sie ist verzweifelt darüber, dass sie ihre Beziehung verborgen halten müssen. Annas Liebe zu Gurow scheint ihm größer denn je, an ein Ende ist gar nicht zu denken. Gurow fragt sich, warum Anna ihn so vergöttert, einen alternden Mann, dessen Haare bereits ergrauen? Alle seine bisherigen Geliebten haben etwas in ihn projiziert, wonach sie sich sehnten, und selbst wenn sie ihren Irrtum bemerkten, hörten sie nicht auf, ihn zu lieben. Glücklich waren sie dabei allerdings nicht, und irgendwann trennten sich die Wege eben wieder.

Späte Liebe

In den vielen Beziehungen, die er zu Frauen hatte, so stellt Gurow fest, hat er nie wirkliche Liebe erlebt. Erst jetzt, wo er langsam alt wird, liebt er zum ersten Mal in seinem Leben. Anna und er stehen sich nahe, sind sich Mann und Frau und beste Freunde, sie sind aufrichtig zueinander und verzeihen sich ihre Fehler und Schwächen. Sie sind, denkt Gurow, schicksalhaft füreinander bestimmt. Und doch müssen sie sich verbergen, mit anderen Ehepartnern verheiratet sein, in verschiedenen Städten leben. Ihre Gespräche kreisen immer um das eine: Wie können sie sich von den gesellschaftlichen Fesseln lösen, die sie zwingen, getrennt voneinander zu leben und sich nur heimlich zu treffen?

„Und es schien, nur noch ein bisschen – und die Lösung würde gefunden, und dann würde ein neues, wunderbares Leben beginnen; und beiden war doch klar, dass es bis zum Ende noch weit, sehr weit war und dass das Komplizierteste und Schwierigste gerade erst begann.“ (S. 47)

Das Schwierigste, dessen sind sich beide bewusst, steht ihnen erst noch bevor. Aber sie sind zuversichtlich, dass sich ein Ausweg finden wird und ihnen ein gemeinsames, schönes Leben bevorsteht.

Zum Text

Aufbau und Stil

Tschechows Erzählung Die Dame mit dem Hündchen gliedert sich in vier kurze Abschnitte. Dem betont schmucklosen Titel entspricht der Stil der Erzählung: Es gibt weder überladene Sätze noch funktionslose Beiwörter. Als Mediziner bedient sich Tschechow eines sachlichen, in seiner Objektivität beinahe naturwissenschaftlichen Stils, der auf Phrasen, Floskeln und schwelgerische Attribute verzichtet. Immer wieder wechselt die Perspektive von einem allwissenden Erzähler zu Gurows inneren Monologen, also zu einer rein personalen Sicht. Der Erzähler beobachtet seine Figuren, die er mit wenigen Strichen charakterisiert, enthält sich jedoch jeglichen Kommentars. Auf präzise und nüchterne, dabei aber doch einfühlsame Weise schildert er ihr Seelenleid und die Trostlosigkeit ihrer Lebensumstände. Ausführliche psychologische Erklärungen oder langatmige Beschreibungen des Seelenzustands sucht man vergeblich. Vielmehr gelingt es Tschechow, die emotionale Verfassung seiner Figuren durch die Handlung verständlich zu machen. Die wenigen, beiläufigen Naturbeschreibungen sind dicht, kompakt und frei von Klischees. Immer wieder zeigt sich Tschechows Gespür für sprechende Details wie etwa Annas billige Lorgnette, mit der ihre Gewöhnlichkeit betont wird.

Interpretationsansätze

  • Die Dame mit dem Hündchen steht in der Tradition großer Ehebruchromane wie Gustave Flauberts Madame Bovary oder Leo Tolstois Anna Karenina. Wie Anna Karenina bereut Tschechows Heldin ihre Tat, doch sie geht an der Untreue nicht zugrunde. Stattdessen findet sie zu einem Leben jenseits vorherrschender Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Konventionen.
  • Das namenlose weiße Hündchen, das im Titel prominent erwähnt wird, spielt in der Erzählung selbst eher eine untergeordnete Rolle. Es dient der Kontaktanbahnung zwischen Anna und Gurow. Doch sobald aus dem harmlosen Urlaubsflirt eine echte Liebesbeziehung geworden ist, hat es seine Funktion in der Handlung verloren. Seit dem Mittelalter symbolisiert der Hund in der bildenden Kunst einerseits Treue, andererseits aber auch Sinneslust und sexuelles Verlangen. Als ausgewiesener Kunstkenner wird Tschechow sich der Doppeldeutigkeit dieses Motivs bewusst gewesen sein.
  • An Anna und Gurow wird Tschechows künstlerischer Anspruch deutlich, vor seinen Figuren nicht als Richter, sondern als Zeuge aufzutreten. Er zeigt die Menschen mit all ihren Schwächen und in ihrer ganzen Banalität, so, wie sie sind.
  • Obwohl der Ausgang von Die Dame mit dem Hündchen bewusst offengehalten ist, endet die Erzählung nicht – wie viele andere Texte Tschechows – in Resignation, sondern deutet einen Triumph der Liebe über die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens an.
  • Gurows Wandel von einem Frauenhelden zu einem liebesfähigen Mann geht mit einem Vitalitätsverlust einher. Obgleich nicht ausgesprochen, ist das Todesmotiv präsent: Am Ende wird Anna als Verblühende beschrieben, sie ist blass, ihre Kleidung grau – ebenso wie Gurows Haar.
  • Bei aller Abneigung, die Tschechow gegen autobiografische Erklärungsmuster hegte, lässt sich doch eine Parallele zwischen Gurows und Annas Verhältnis sowie Tschechows Beziehung zu der Schauspielerin Olga Knipper erkennen.

Historischer Hintergrund

Richtungsstreit in der russischen Literatur

Nach der Ermordung von Zar Alexander II. durch ein Bombenattentat im März 1881 leitete sein Nachfolger Alexander III. sofort eine Politik äußerster Repression ein. Verfassungspläne wurden fallen gelassen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen waren an der Tagesordnung, Studenten wurden polizeilich überwacht und die Zensur verstärkt. Hinter jedem harmlosen Satz wurden subversive Botschaften vermutet, hinter jeder persönlichen Meinung eine Anspielung auf das Staatsoberhaupt, die Religion oder die geheiligten Familientugenden. Der Hüter staatsbürgerlicher Moral war allen voran der Generalprokuror des Heiligen Synods Konstantin Pobedonoszew, ein einflussreicher Berater des Zaren und Hauptvertreter des konservativen Umschwungs. In diesem Klima autoritärer Überwachung und allgemeinen Misstrauens erstarrte das geistige Leben des Landes zunehmend.

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stand die russische Literatur noch ganz im Zeichen von Dichtergrößen wie Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew und Leo Tolstoi. Zwar waren Dostojewski und Turgenjew Anfang der 1880er-Jahre verstorben und Tolstoi hatte sich – zumindest nach außen hin – von der Kunst abgewandt, um sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen. Dennoch beherrschten ihre Vorbilder die Literatur und beeinflussten auch den Nachwuchs.

Entstehung

Tschechow war mit dem älteren Tolstoi wie auch dem jüngeren Maxim Gorki befreundet, unterschied sich in seiner künstlerischen Einstellung jedoch deutlich von beiden. Während für Tolstoi seit seiner religiösen Wende das Heil in einer moralischen Erneuerung und für Gorki in der proletarischen Revolution lag, bewahrte der überzeugte Liberale Tschechow Zeit seines Lebens eine ironisch-skeptische Haltung gegenüber allen politischen Ideologien und metaphysischen Heilsversprechen. Schriftsteller sollten sich seiner Meinung nach nicht in öffentliche Angelegenheiten einmischen. Sie sollten Probleme darstellen, nicht lösen.

Bis in die 80er-Jahre hatte Tschechow als Schreiber humoristischer Skizzen für kleine Blätter sein Einkommen verdient. Er hatte keine moralische oder politische Botschaft und wollte die Leser mit seinen Anekdoten aus dem russischen Alltag einfach nur unterhalten. Die literarische Karriere des Quereinsteigers kam in Fahrt, als er 1883 für das Wochenblatt Oskolki („Splitter“) und 1886 auch für die St. Petersburger Nowoje Wremja („Neue Zeit“) für ein hohes Zeilenhonorar zu schreiben begann. Diese Tätigkeit erlaubte es ihm, sich von der humoristischen Gattung zu verabschieden. Seine ernsten Beiträge erregten fortan nicht nur die Aufmerksamkeit seriöser Kritiker, sondern auch die eines breiteren Publikums. Tschechows zunehmende Popularität hatte zur Folge, dass sich viele Menschen mit der Bitte um Empfehlungen, um finanzielle Hilfe wie auch um Stellungnahmen zu tagespolitischen Ereignissen und um Unterstützung der Streikbewegung im Kampf gegen die autoritäre Regierung an ihn wandten. Politisch wollte er jedoch nicht Stellung beziehen. Nach seiner Meinung spielten sich politische Veränderungen und Fortschritt abseits von großen Volksbewegungen ab. Er setzte seine Hoffnung auf Einzelpersönlichkeiten, nicht auf die gebildete Intelligenzija-Schicht der Staatsanwälte, Gouverneure oder Ingenieure.

Ab 1898 lebte Tschechow, der in jungen Jahren an Tuberkulose erkrankt war, auf Rat seiner Ärzte die meiste Zeit auf der Krim, von deren mildem Klima er sich gesundheitliche Vorteile versprach. Die erste Zeit in Jalta war von bedrückender Langeweile geprägt. Einem Freund schrieb er: „In Jalta schlafen sogar die Bazillen.“ Auch wenn sich der mittlerweile berühmte Dichter philanthropischen Projekten wie Schul- und Krankenhausbauten widmete, litt er unter Jaltas kultureller Öde und Provinzialität. Selbst nachdem er sich dort eine Villa mit Garten gebaut hatte, verließ ihn das Gefühl nicht, in der Verbannung zu leben. Da seine Gefährtin und spätere Ehefrau Olga Knipper als Schauspielerin in Moskau lebte, sahen sie sich nur selten, wechselten aber häufig Briefe. Im Bewusstsein seines nahenden Todes arbeitete Tschechow an einer Gesamtausgabe letzter Hand durch den berühmten Verleger Adolf Marx, der ihm 1899 die Rechte an seinem Werk abgekauft hatte, und verfasste neben den Dramen Drei Schwestern und Der Kirschgarten auch Die Dame mit dem Hündchen. Im Dezember 1899 wurde die Erzählung in der monatlich erscheinenden liberalen Zeitschrift Russkaja Mysl („Russischer Gedanke“) veröffentlicht.

Wirkungsgeschichte

In Russland stieß Die Dame mit dem Hündchen allgemein auf ein positives Echo. Maxim Gorki zeigte sich begeistert und Tolstoi, der Tschechow jedes dramatische Talent absprach, lobte dessen Erzählungen in den höchsten Tönen. Vladimir Nabokov hielt Die Dame mit dem Hündchen gar für „eine der größten Geschichten, die je geschrieben wurden“. Auch im angloamerikanischen Raum mit seiner Short-Story-Tradition wurden Tschechows Erzählungen schon im frühen 20. Jahrhundert populär und beeinflussten die Kurzgeschichten bedeutender Autoren wie Ernest Hemingway, Raymond Carver oder Alice Munro. Die Erzählung wurde mehrfach verfilmt. Zudem regte sie Nikita Michalkow zu seinem Film Schwarze Augen aus dem Jahr 1987 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle an.

Über den Autor

Anton Tschechow wird am 29. Januar 1860 in Taganrog am Asowschen Meer geboren. Sein Vater ist in seiner Kindheit noch ein Leibeigener gewesen. Mit diesem Makel behaftet, wächst Tschechow in einer kleinbürgerlichen Umgebung auf und besucht das Gymnasium. In Moskau studiert er Medizin und praktiziert danach einige Zeit als Arzt. Ab 1880 schreibt er für humoristische Zeitschriften. In den 1890er-Jahren wird der zunächst unpolitische Tschechow durch die Verschärfung der sozialen Widersprüche im Zarismus politisiert. 1890 unternimmt er eine Reise zu der sibirischen Insel Sachalin, um über die Zwangsarbeit der Verbannten zu berichten. Er organisiert Hilfsmaßnahmen für Opfer von Hunger- und Choleraepidemien und übt immer lauter Kritik an den herrschenden Zuständen. Tschechow verfasst Erzählungen und Dramen und entwickelt beide Gattungen maßgeblich weiter. Zu seinen bekannten Novellen zählen Die Steppe (1888), Eine langweilige Geschichte (1889), Das Duell (1891) und Die Dame mit dem Hündchen (1899). Für die Bühne schreibt er zunächst possenartige Einakter, dann lange Zeit gar nichts. Die große Anerkennung als Dramatiker findet er erst mit den Stücken Die Möwe, Onkel Vanja, Drei Schwestern und Der Kirschgarten, die zwischen 1896 und 1904 entstehen. Ab 1884 leidet Tschechow an Lungentuberkulose, weshalb er ab 1898 in Jalta auf der Krim lebt. 1901 heiratet er die Schauspielerin Olga Knipper. Sie begleitet ihn zur Kur ins deutsche Badenweiler, wo er am 15. Juli 1904 stirbt. Beerdigt ist er in Moskau.


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