Zusammenfassung von Die Elenden

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Die Elenden Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Gesellschaftsroman
  • Romantik

Worum es geht

Der große französische Sozialroman

Victor Hugos Die Elenden, nach zahlreichen Unterbrechungen im Jahr 1862 vollendet, ist ein großer Sühne- und Sozialroman. Geschildert wird das Leben des ehemaligen Galeerensträflings Jean Valjean: Der notorische Dieb erfährt aufgrund eines erschütternden Erlebnisses eine Wandlung, er setzt sich in seiner Barmherzigkeit über alle äußeren und inneren Widerstände hinweg und nimmt am Ende gar die Züge eines Heiligen an. Hugo verbindet die spannende, sehr dramatische und teilweise auch recht pathetische Schilderung dieses Lebenswegs mit der Beschreibung prägender historischer Ereignisse des 19. Jahrhunderts: So hat die Schlacht bei Waterloo ebenso ihren Platz im Roman wie die Arbeiteraufstände, die um 1830 Paris erschütterten. Hugos Mammutwerk, ein äußerst figuren- und episodenreicher Roman, ist ein flammender Appell für die Schaffung einer gerechteren Gesellschaft, für die Bekämpfung der Armut und für eine menschliche Reform der Strafjustiz. Damit entlässt Hugo aber nicht den Einzelnen aus seiner Verantwortung für das eigene Leben: Denn Voraussetzung für diese gesellschaftliche Entwicklung ist stets die seelische Läuterung des Individuums, die sein Held Jean Valjean auf beispielhafte Weise vollzieht.

Take-aways

  • Victor Hugos Die Elenden ist der wohl bekannteste Sozialroman der Weltliteratur.
  • Erzählt wird auf über 1300 Seiten die Lebensgeschichte des Jean Valjean vor dem Hintergrund historischer Ereignisse aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts.
  • Inhalt: Der ehemalige Sträfling Valjean vollzieht eine Wandlung zum Guten und nimmt sich des Waisenkinds Cosette an. Er wird aber immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt. Cosette verliebt sich in den jungen Anwalt Marius, der ebenso wie Valjean in den Pariser Barrikadenschlachten von 1832 für mehr soziale Gerechtigkeit kämpft. Durch Güte und Menschlichkeit überwindet Valjean alle äußeren und inneren Widerstände und stirbt am Ende versöhnt mit sich und der Welt.
  • An der Entwicklung von Valjeans Gegenspieler, dem Polizisten Javert, wird gezeigt, dass Nächstenliebe den Prinzipien von Gesetz und Obrigkeit übergeordnet ist.
  • Die Elenden enthält Elemente des Kriminal-, des Abenteuer- und des Trivialromans und ist – bei aller literarischen Qualität – stellenweise pathetisch, ja sogar kitschig.
  • Die Haupthandlung ist mit geschichtsphilosophischen, politischen und psychologischen Erörterungen durchsetzt.
  • Victor Hugo beendete die Arbeit an seinem sozialkritischen Roman 1862, als er auf der Kanalinsel Guernsey im Exil lebte.
  • Auch als Politiker setzte sich der beim Volk sehr beliebte Victor Hugo für mehr Demokratie, für die Abschaffung der Todesstrafe und für eine humane Strafjustiz ein.
  • Unter den zahlreichen Verfilmungen sticht jene aus dem Jahr 2000 wegen des beachtlichen Staraufgebots (Gérard Depardieu, John Malkovich, Jeanne Moreau) hervor.
  • Zitat: „Jean Valjeans eigentümlichster Zug war seine gleichsam doppelte Beschaffenheit. Mit der einen Hälfte seines Wesens war er ein Heiliger, mit der andern ein Sträfling mit all dessen gefährlichen Begabungen.“
 

Zusammenfassung

Die gute Tat des Bischofs

Im Jahr 1815 ist Charles-François-Bienvenu Myriel, genannt Gnaden Bienvenu, Bischof in der französischen Kleinstadt Digne. Er ist ein herzensguter, heiterer alter Mann, der sein bescheidenes Leben den Armen widmet. Als einziger Bürger von Digne erklärt er sich bereit, einem ehemaligen Galeerensträfling in seinem Haus Unterschlupf für die Nacht zu gewähren. Der Fremde namens Jean Valjean ist ein großer, bärenstarker Mann, der einst aus Hunger ein Brot gestohlen hatte und dafür 20 Jahre lang das schreckliche Leben eines Sträflings führen musste. Es kommt, wie es kommen muss: Valjean stiehlt dem Bischof nachts dessen wertvolles Silberbesteck und wird auf der Flucht von der Polizei aufgegriffen. Doch Gnaden Bienvenu behauptet den Gendarmen gegenüber nicht nur, er habe seinem Gast das Silber freiwillig überlassen, sondern schenkt Valjean zusätzlich auch noch zwei wertvolle Leuchter. Sprachlos und wie im Fieberwahn hört der ehemalige Sträfling, wie ihn der Bischof zu einem ehrlichen Leben ermahnt, macht sich auf den Weg – und raubt in seinem delirierenden Zustand einem kleinen Jungen ein Geldstück. Doch plötzlich schüttelt ihn sein Gewissen mächtig durch, er erkennt die unendliche Güte seines Wohltäters und nimmt sich vor, für den Rest seines Lebens diesem leuchtenden Beispiel nachzueifern.

Vom Sträfling zum Industriellen und wieder zum Sträfling

In Paris kämpft die junge, hübsche Fantine gegen den Verlust ihrer Ehre und um die Zukunft ihrer kleinen Tochter Cosette. Nachdem sie der Vater ihres Kindes sitzen gelassen hat, gerät sie in den Strudel der Armut. Sie beschließt, Paris zu verlassen und in ihre Heimatstadt Montreuil-sur-Mer zurückzukehren. Unterwegs überlässt sie die kleine Cosette einem Gastwirte-Ehepaar namens Thénardier, in der Hoffnung, sie später zu sich holen zu können.

„Wirklich? (...) Sie behalten mich? Sie jagen mich nicht fort? Einen Sträfling! Und ‚Herr‘ nennen Sie mich! Sie sagen nicht Du zu mir! ‚Geh, du Hund!‘, sagt man sonst immer zu mir.“ (Valjean zu Bienvenu, S. 98 f.)

Montreuil-sur-Mer ist in den Jahren zuvor dank der unternehmerischen Fähigkeiten eines erfolgreichen Industriellen, der sich Monsieur Madeleine nennt, zu Reichtum gekommen. Madeleine ist derart großzügig und hilfsbereit, dass ihn das Volk sogar zum Bürgermeister ernennt. In Wahrheit ist der Wohltäter niemand anderer als Jean Valjean, der sich in der kleinen nordfranzösischen Stadt unerkannt eine neue Existenz aufgebaut hat. Einzig Inspektor Javert, ein erbarmungsloser, fanatischer Verfechter von Recht und Ordnung, ahnt etwas von der geheimnisvollen Vergangenheit des angesehenen Bürgermeisters.

„Er ahnte, dass die Gnade dieses Priesters der stärkste Ansturm und der heftigste Stoß war, die ihn bisher erschüttert hatten. Wenn er dieser Güte widerstand, blieb er auf immer verhärtet.“ (über Valjean, S. 137)

Fantine verliert nach kurzer Zeit ihre Stelle in einer Fabrik und muss als Prostituierte arbeiten, um den immer unverschämteren Geldforderungen des Ehepaares Thénardier nachzukommen. Als sie sich gegen einen Bürger zur Wehr setzt, der ihr auf offener Straße Schnee auf die nackten Schultern schmiert, wird sie verhaftet und erkrankt schwer. Der gnadenlose Javert will sie zu sechs Monaten Gefängnis verurteilen, ihr flehentliches Bitten lässt ihn kalt. Bürgermeister Madeleine alias Jean Valjean setzt jedoch kraft seiner Autorität durch, dass sie freigelassen wird, was das Misstrauen Javerts gegen den Bürgermeister umso mehr anheizt. Das Einzige, was die kranke Fantine am Leben hält, ist die Hoffnung, der Bürgermeister werde sein Versprechen einlösen und ihre Tochter Cosette herbeiholen. Doch als dies nicht gelingt und Fantine begreifen muss, dass sie ihre Tochter nie wieder sehen wird, stirbt sie.

„Das Wesen dieses Mannes bestimmten zwei äußerst einfache und an sich sehr löbliche Gefühle, die bei ihm aber in ihrer Überspitztheit fast zu schlechten wurden: Achtung vor der Obrigkeit und Hass gegen Auflehnung.“ (über Javert, S. 202)

Valjean gerät in einen schweren Gewissenskonflikt: Er erfährt, dass ein armer Teufel vor Gericht steht, weil einige Zeugen in ihm den Exsträfling und Dieb Valjean erkannt haben wollen. In einem dramatischen Prozess gibt Valjean seine wahre Identität preis. Er wird vom triumphierenden Häscher Javert verhaftet, flieht, gerät abermals in die Fänge der Polizei und landet schließlich wieder im Straflager.

Alles für die kleine Cosette

Kurz nach seiner erneuten Verhaftung rettet Jean Valjean einem Matrosen das Leben. Die durch die kühne Rettungsaktion entstandene Aufregung nutzt er zur Flucht, indem er sich ins Meer stürzt. Offiziell gilt er als tot. Aus seiner Zeit als Industrieller und Bürgermeister besitzt er noch viel Geld, womit er Fantines kleine Tochter Cosette den Fängen des Ehepaars Thénardier entreißen kann. Er hält sich mit Cosette in Paris versteckt, doch der unerbittliche Javert, mittlerweile ein hoher Beamter der Pariser Polizei, heftet sich ihm erneut an die Fersen. In einer dramatischen Aktion gelingt es Valjean, in ein Frauenkloster zu flüchten, wo er unerkannt als Gärtnergehilfe zu arbeiten beginnt, während Cosette die Klosterschule besucht.

„Er hatte in diesem Augenblick jenes fast Göttliche an sich, das die Massen zurückweichen und einem Menschen aus dem Weg gehen lässt.“ (über Valjean, S. 340)

Inzwischen wächst in Paris ein Junge namens Marius heran. Sein bereits verstorbener Vater war ein überzeugter Anhänger Napoleons. Marius lebt bei seinem Großvater, Herrn Gillenormand, der als eingefleischter Royalist die Revolution ebenso verabscheut wie den korsischen Feldherrn. Als Marius selbst zum Anhänger der Revolution wird, kommt es zu einem äußerst heftigen Streit, aufgrund dessen ihn der Großvater verstößt. Fortan lebt der junge Mann in Armut, dennoch bringt er es fertig, sich zum Anwalt ausbilden zu lassen. Er wird Mitglied einer umstürzlerischen studentischen Vereinigung, verbringt aber einen großen Teil seiner Zeit mit Spaziergängen und Tagträumen. Eines Tages trifft er im Jardin du Luxembourg ein junges Mädchen, das in Begleitung eines älteren Mannes auf einer Bank sitzt: Cosette. Der junge Anwalt verliebt sich, zieht bei seinen Spaziergängen jeweils seine vornehmsten Kleider an und beginnt den zwei rätselhaften Gestalten zu folgen und ihnen nachzuspionieren. Doch schon sehr bald sind die beiden zu seiner großen Verzweiflung verschwunden.

Jean Valjean in der Falle

Marius wohnt im selben Haus, in dem Valjean und Cosette zu Beginn ihrer Zeit in Paris Zuflucht gesucht haben. Seine Nachbarn, die Jondrettes, sind bitterarm, und sie missbrauchen ihre Misere dazu, reiche Wohltäter in Mitleid zerfließen zu lassen und ihnen Geld abzuluchsen. Durch ein Loch in der Wand seines Zimmers beobachtet Marius eines Tages, wie zwei Personen die Wohnung der Familie Jondrette betreten. Zu seiner Überraschung sind es der ältere Herr und das schöne junge Mädchen aus dem Park. Valjean gibt den Jondrettes ein Almosen und verspricht, anderntags einen ansehnlichen Geldbetrag zur Linderung ihrer Not zu bringen. Die folgenden Gespräche zwischen dem Ehepaar Jondrette sind für den horchenden Marius ein Rätsel. Valjean und Cosette ahnen nicht, dass es sich bei den Nachbarn um die mittlerweile völlig verarmten Thénardiers handelt. Sie aber haben jenen Mann wiedererkannt, der ihnen vor Jahren das Findelkind Cosette abgekauft hat. Das heruntergekommene Ehepaar beschließt, Valjean eine Falle zu stellen und ihn um einen größeren Betrag zu erpressen. Marius, der sie belauscht, will diesen Plan verhindern und macht die Polizei darauf aufmerksam. So kommt es zu einem dramatischen Showdown: In seiner Großmut tappt Valjean in die Falle und wird von Thénardier und ein paar angeheuerten Spießgesellen festgehalten. Da betritt plötzlich der ewige Spürhund Javert triumphierend den Raum. Er verhaftet Thénardier und seine Bande, erkennt den ehemaligen Galeerensträfling jedoch nicht. Als er sich ihm zuwenden und ihn vernehmen will, stellt er fest, dass der Unbekannte den Tumult genutzt hat, um aus dem Fenster zu entfliehen.

Eine kurze, heftige Liebe

Nach fünfjährigem Aufenthalt im Kloster hat Valjean beschlossen, Cosette die Welt zu zeigen. Er mietet sich wieder eine Wohnung und kehrt zu einem normalen Alltag zurück, denn er ist überzeugt, dass ihn nach so langer Zeit selbst Javert nicht mehr erkennen wird. Cosette indessen verzehrt sich in Sehnsucht nach dem jungen Mann, den sie einst beim Spazieren im Jardin du Luxembourg gesehen hat. Marius gelingt es schließlich, seine Angebetete ausfindig zu machen, er schreibt ihr zuerst einen schmachtenden Liebesbrief und schleicht sich danach in den Garten ihres Hauses. Erlöst fallen sich die beiden in die Arme und geben sich einer ergreifenden, glückseligen Liebe hin. Doch diese ist von kurzer Dauer, denn Jean Valjean fühlt sich plötzlich nicht mehr sicher. Man hat ihm die Nachricht zugespielt, dass er in Gefahr schwebe: Sein Feind Thénardier ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und treibt sich wieder im Viertel herum. Valjean beschließt, gemeinsam mit Cosette nach England zu fliehen, was Marius in tiefste Verzweiflung stürzt und ihn dazu bewegt, nach Jahren seinen Großvater wieder aufzusuchen. Er will den inzwischen 91-Jährigen um die Erlaubnis bitten, Cosette zu heiraten. Der Alte beginnt ihn auszufragen und erfährt, dass die Auserwählte seines Enkels weder aus adliger Familie stammt noch reich ist. Im Glauben, ihm einen hilfreichen und schlauen Vorschlag zu machen, sagt der Großvater: „Mach sie zu deiner Mätresse!“ Marius ist entsetzt und verlässt, aufs Tiefste beleidigt, das Haus. Die verzweifelten Rufe seines Großvaters hört er nicht mehr.

Straßenschlacht in Paris

Im Frühling des Jahres 1832 erschüttern Straßenkämpfe Paris, geführt von verarmten Arbeitern, rebellischen Studenten und enttäuschten Demokraten. Unter den Protestierenden ist auch der Straßenjunge Gavroche, ein verstoßener Sohn der Thénardiers, der sich durch seinen Mut, seinen Witz und seine poetischen Liedzeilen auszeichnet. Während sich die Aufständischen auf die große Straßenschlacht gegen die Staatsgewalt vorbereiten, bemerkt der kleine Gavroche einen Mann, der ihn einmal festgenommen hat und der nun als Spitzel der Polizei agiert: Es ist Javert. Der Gerechtigkeitsfanatiker wird von den Aufständischen gefesselt und soll noch vor dem Ausbruch der Kämpfe erschossen werden. Er bewahrt jedoch Haltung und sieht dem drohenden Tod gelassen ins Auge.

„Jean Valjean war wieder verhaftet worden. Man wird uns dankbar sein, wenn wir über die schmerzlichen Einzelheiten dieses Ereignisses rasch hinweggehen.“ (S. 377)

Die blutige Straßenschlacht beginnt. Auch Marius und Jean Valjean nehmen an den Auseinandersetzungen teil, beide voller Todessehnsucht wegen Cosette: Der junge Mann glaubt, er werde seine Geliebte wegen deren Abreise nach England für immer verlieren. Valjean hingegen hat von Cosettes Liebe zu Marius erfahren und fürchtet, das angebetete Mädchen werde seiner Obhut entgleiten. Er überwindet jedoch seinen Egoismus und wagt sich nicht zuletzt deshalb in den Straßenkampf, weil er den Geliebten seiner Adoptivtochter schützen und diese dadurch vor Kummer bewahren will. Die beiden Männer vollbringen Heldentaten, können aber nicht verhindern, dass der kleine Gavroche wegen seiner unbekümmerten Waghalsigkeit erschossen wird.

„Jean Valjeans eigentümlichster Zug war seine gleichsam doppelte Beschaffenheit. Mit der einen Hälfte seines Wesens war er ein Heiliger, mit der andern ein Sträfling mit all dessen gefährlichen Begabungen.“ (S. 482)

Als Valjean von den Aufständischen den Auftrag erhält, den Gefangenen Javert hinzurichten, führt er ihn in eine Seitengasse und lässt ihn zu dessen großer Überraschung frei – Valjean verrät ihm sogar noch seine Adresse. Danach bringt er den verwundeten Marius zu dessen Großvater in Sicherheit, wobei er den Bewusstlosen in einem beinahe übermenschlichen Kraftakt durch die Pariser Kanalisation schleppt. Zwar fällt Valjean wenig später abermals Javert in die Hände, doch angesichts Valjeans Großmut gerät das ganze Weltbild des Polizisten ins Wanken. Er lässt den ehemaligen Sträfling frei und erkennt in seinem eigenen lebenslangen Gerechtigkeitsfanatismus plötzlich etwas Widernatürliches: Javert stürzt sich verzweifelt in die Seine.

Ein versöhnliches Ende

Vier Monate lang schwebt Marius in Todesgefahr, umsorgt von seinem greisen Großvater und von Valjean. Als er wieder gesund ist, erhält er vom Großvater die Erlaubnis zur Heirat, während Valjean dem überglücklichen Brautpaar einen beträchtlichen Geldbetrag schenkt. Ein letztes Mal gerät Valjean nun in ein moralisches Dilemma: Soll er Marius die Wahrheit über seine Identität und seine Vergangenheit erzählen? Er entscheidet sich abermals für die Aufrichtigkeit. Da er Marius jedoch nur von seiner Verurteilung und seinen langen Jahren auf der Galeere berichtet, ist dieser entsetzt. Marius wünscht jeden persönlichen Kontakt abzubrechen. Außerdem glaubt er, Valjean habe während der Straßenschlachten den Polizisten Javert aus Rache hingerichtet.

„Paris hat ein Kind, und der Wald hat einen Vogel. Der Vogel ist der Spatz; das Kind ist der Gassenjunge.“ (S. 599)

Der mittlerweile gealterte Valjean zieht sich zurück, geht kaum mehr aus dem Haus und erkrankt schließlich schwer. Doch zum Glück erfährt Marius nicht nur von den großherzigen Taten, die Valjean unter dem Namen Madeleine vollbracht hat; er findet auch heraus, dass der unbekannte Retter, der ihn durch die Kanalisation getragen hat, niemand anderer war als Valjean und dass Javert in Wahrheit freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Marius muss erkennen, dass er sich ein vollkommen falsches Bild gemacht hat und dass der vermeintliche Verbrecher in Wirklichkeit fast ein Heiliger ist. Gemeinsam mit Cosette eilt er zur Wohnung des alten Valjean, der im Sterben liegt. Es kommt zur großen, tränenreichen Versöhnung, bei der alle verbleibenden Missverständnisse und Geheimnisse aufgeklärt werden. Jean Valjean stirbt in den Armen von Marius und Cosette, versöhnt und glücklich.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der allein schon durch seinen kolossalen Umfang beeindruckende Roman (er umfasst über 1300 Seiten) ist in fünf große Teile gegliedert, wobei die Lebensgeschichte des Jean Valjean als roter Faden dient. Trotzdem rücken auch immer wieder andere Figuren ins Zentrum des Interesses. Berichtet wird aus der Position eines allwissenden Erzählers, der das gewaltige historische Panorama seines Werks überblickt und kommentiert. In umfangreichen Abschweifungen schildert er häufig Dinge, die nur entfernt mit dem eigentlichen Romangeschehen zu tun haben, etwa die Schlacht von Waterloo, die Abwasserkanäle von Paris oder das Leben in einem Kloster. Damit soll der Roman dem Anspruch geschichtlicher Wahrhaftigkeit gerecht werden. Victor Hugo pflegt in den Elenden einen eingängigen, leicht zu lesenden Stil, der zahlreiche volkstümliche und realitätsnahe Elemente enthält, z. B. das Argot (die Umgangssprache der niederen Schichten in Frankreich) und diverse volkstümliche Lieder. Um den Eindruck von Totalität bemüht, ergeht sich Hugo auch in geschichtsphilosophischen, politischen und psychologischen Erörterungen. Dennoch ist Die Elenden ein spannendes und stellenweise sogar erschütterndes Buch. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Hugo die Mittel des Abenteuer- und Trivialromans in hoher Dosierung einsetzt und immer wieder dem Pathos, schwülstigen Formulierungen und manchmal sogar dem Kitsch verfällt.

Interpretationsansätze

  • Die Elenden ist ein Läuterungsroman, dessen Held Jean Valjean durch die Güte eines Bischofs dem Bösen abschwört und zu einem barmherzigen Wohltäter wird. Indem er selbst die boshaftesten Taten seiner Mitmenschen mit Gutem vergilt, nimmt er im Verlauf des Romans immer deutlicher die Züge eines Heiligen an. Ähnliches gilt auch für andere sich selbstlos aufopfernde Figuren im Roman, wie Fantine, den Bischof und Cosette.
  • Am Beispiel von Javerts schmerzhaftem Erkenntnisprozess zeigt Hugo, dass Humanität und Nächstenliebe den Prinzipien von Gesetz und Obrigkeit übergeordnet sind: Die Großmut Jean Valjeans lässt schließlich selbst das schwarz-weiße Weltbild des Polizisten Javert einstürzen.
  • In den langen geschichtlichen Abschweifungen und Schilderungen politischer Umwälzungen ist Hugos Bemühen erkennbar, die Ereignisse seines Romans als historisch verbürgt darzustellen.
  • Der Roman trägt zugleich sozialistische und romantische Züge. Das soziale Elend wird als Übel dargestellt, das stets neues Elend hervorbringt und die Menschen oft wider ihre eigentliche Natur zu Verbrechern macht. Eine überzeugende intellektuelle Analyse der sozialen Verhältnisse und gesellschaftspolitischen Mechanismen liefert das Buch nicht.
  • Bedingung für die Überwindung des sozialen Elends sind für Hugo nicht nur politische Reformen, es braucht dazu vor allem die seelische Erneuerung des Menschen, wie sie am Beispiel Jean Valjeans gezeigt wird. Der Roman enthält insbesondere gegen Ende Elemente einer religiösen Heilsbotschaft.
  • Mit der Schilderung der unmenschlichen Zustände auf den Galeeren setzt sich Hugo für eine humanere Strafjustiz ein.

Historischer Hintergrund

Revolutionszeit in Frankreich

Die Handlung von Die Elenden spielt vor einem weiten historischen Panorama, das die nachrevolutionäre Restaurationszeit (1815–1830), die Julirevolution, das Bürgerkönigtum sowie die Pariser Arbeiteraufstände der Jahre 1832–1834 umfasst. Nachdem Napoleon Bonaparte 1815 bei Waterloo eine verheerende Niederlage erlitten hatte und auf die Insel St. Helena verbannt worden war, gelangte mit Ludwig XVIII. wieder ein Bourbone und damit ein Verfechter der vorrevolutionären, monarchistischen Gesellschaftsordnung auf den französischen Thron. Während der Restaurationszeit erfreuten sich Adel und Klerus ihrer alten Privilegien, die Pressefreiheit wurde eingeschränkt, die während der Revolution von 1789 vertriebenen Jesuiten kehrten aus dem Ausland zurück, die Schulen kamen wieder unter die Obhut der Kirche.

Als Ludwigs Nachfolger und Bruder Karl X. die Pressezensur weiter verschärfte und im Jahr 1830 das Wahlergebnis für die gesetzgebende Versammlung für nichtig erklärte, kam es zur Julirevolution: Um dem Volkszorn zu entgehen, floh der König nach England. Sein Nachfolger wurde Louis Philippe, Herzog von Orléans. Entgegen dem Willen der unteren Schichten erhielt Frankreich jedoch keine republikanische Verfassung, sondern wurde zur konstitutionellen Monarchie. Der „Bürgerkönig“ Louis Philippe konnte vor allem auf die Unterstützung der liberalen Großbürger zählen. Die von Victor Hugo in den Elenden geschilderten Arbeiteraufstände bewogen den Bürgerkönig allerdings nicht zu Reformen, sondern ließen ihn auf einen zunehmend reaktionären und autoritären Kurs einschwenken, bis auch er – während der Februarrevolution des Jahres 1848 – gestürzt und ins Exil getrieben wurde.

Entstehung

Victor Hugo begann seinen bis heute berühmtesten Roman (neben Der Glöckner von Notre-Dame) im Jahr 1845, zu einer Zeit also, in der er politisch sehr aktiv war und sich seine Sinne für soziale Ungerechtigkeiten und die Leiden des darbenden Volkes schärften. Immer entschiedener trat er als wortmächtiger Anwalt der „cause du peuple“, der Sache des Volks, auf. Hugo musste die Arbeit an den Elenden mehrmals unterbrechen und vollendete sie erst 1862, als er auf der Kanalinsel Guernsey im Exil weilte. Das Werk lässt Einflüsse des großen realistischen Erzählers Honoré de Balzac und der Sozialromane der feministischen Schriftstellerin George Sand erkennen. Außerdem nahm Hugo sozialistische und gesellschaftsutopische Ideen seiner Zeit auf, wie sie etwa in den Schriften Pierre Joseph Proudhons („Eigentum ist Diebstahl!“), Charles Fouriers oder des religiös motivierten Sozialisten Saint-Simon formuliert wurden.

Wirkungsgeschichte

Die Elenden war schon zu Lebzeiten Victor Hugos ein großer Erfolg und gilt bis heute als einer der bedeutendsten und wirkmächtigsten Sozialromane der Weltliteratur. Obwohl er gattungsgeschichtlich zur französischen Romantik gezählt wird, nehmen die Schilderungen sozialen Elends, politischer Unruhen und großstädtischer Wirren eine literarische Entwicklung vorweg, die zu den großen naturalistischen Romanzyklen eines Émile Zola führen sollte. Wegweisend für die späteren Erzähler des französischen Naturalismus war auch die Tatsache, dass sich Victor Hugo um eine realitätsnahe Darstellung der Sprache des Volkes bemühte und selbst vor der damals als sehr gewagt empfundenen Wiedergabe des populären Argots nicht zurückschreckte. Für den großen französischen Lyriker Charles Baudelaire war Die Elenden ein Roman in der Art eines Gedichts, weil die Figuren so episch überhöht dargestellt seien. Allerdings entgingen schon den frühen Kritikern des Werks nicht dessen Anlehnung an die Trivialliteratur und die damit verbundenen Schwarz-Weiß-Malereien, das Pathos und die z. T. unwahrscheinlichen Wendungen. Bei den intellektuell und politisch tonangebenden Schichten galt Victor Hugo nicht zuletzt wegen der Elenden als eher zweitrangiger, sentimentaler und demagogischer Erfolgsautor. Diese Einschätzung wird jedoch der literarischen Qualität des Werks nicht gerecht und ist auch deutlich von der Ablehnung geprägt, mit der die damalige Elite den politischen Ansichten des Schriftstellers begegnete.

Das sozialpolitische Engagement, das der Schriftsteller in seinen Roman einfließen ließ, das er aber auch lebte, rührte und begeisterte die Massen. Nach Hugos Tod wurde sein Leichnam von über einer Million Menschen begleitet. Friedrich Nietzsche hielt diesen Massenauflauf für eine „Orgie des Ungeschmacks“ und sah darin den Beweis, dass das republikanische Frankreich verdummt sei. Für Jean-Paul Sartre hingegen war Victor Hugo „ein erstaunlicher Mensch, halb Poet, halb Anarchist, der unbestreitbare Souverän des Jahrhunderts“. Die Elenden wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, dramatisiert, als Musical adaptiert und mehrmals verfilmt. Die prestigeträchtigste Verfilmung stammt aus dem Jahr 2000 und glänzt mit einem Staraufgebot: Gérard Depardieu in der Rolle von Jean Valjean, außerdem John Malkovich und Jeanne Moreau.

Über den Autor

Victor Hugo wird am 26. Februar 1802 als Sohn eines Generals in Besançon geboren und entdeckt schon in früher Jugend sein schriftstellerisches Talent. Mit nur 17 Jahren gründet er die literarische Zeitschrift Le Conservateur littéraire und erhält erste Preise für seine Lyrik. Revolutionäre Tendenzen in seinem Werk lässt bereits sein Drama Cromwell (1827) erahnen: In dem berühmten Vorwort plädiert er für ein „romantisches Drama“ fernab der klassizistischen Ideale. Das im Februar 1830 in der Comédie Française aufgeführte Drama Hernani ou l’Honneur Castillan (Hernani oder die kastilische Ehre) hat tumultartige Zustände im Zuschauerraum zur Folge, der sich in ein konservatives und ein progressiv-romantisches Lager spaltet. Der Roman Notre-Dame de Paris (Der Glöckner von Notre-Dame, 1831) festigt Hugos Ruhm als romantischer Autor und bringt ihm zehn Jahre später die Aufnahme in die Académie Française ein. Danach wendet sich Hugo dem aktiven politischen Leben zu und vernachlässigt seine Schriftstellerei. Nach der Julirevolution 1830 bezieht er für die Royalisten Partei und wird 1845 von König Louis Philippe in den Adelsstand erhoben. Die Revolution von 1848 lässt Hugo seine Gesinnung ändern, er wird Republikaner. Nach einem missglückten Staatsstreich gegen den späteren Kaiser Napoleon III. muss Hugo zunächst nach Belgien und dann auf die Insel Jersey fliehen. Während seines Exils entsteht Hugos zweites berühmtes Werk, Les Misérables (Die Elenden, 1862), in dem er den Überlebenskampf der untersten Schichten der Gesellschaft beschreibt. 1870 kehrt er nach Paris zurück. Dort stirbt er am 22. Mai 1885. Einer der wichtigsten französischen Literaturpreise (Prix Victor Hugo) ist nach ihm benannt.


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