Zusammenfassung von Die Erziehung des Menschengeschlechts

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Die Erziehung des Menschengeschlechts Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Essay
  • Aufklärung

Worum es geht

Die Bibel im Licht der Aufklärung

Lessing entstammte einer streng lutherischen Pfarrfamilie, schlug aber einen anderen Lebensweg ein als den vom Vater vorgesehenen. Statt der Theologie widmete er sich der Belletristik und dem Theater. Die große geistige Auseinandersetzung mit seiner Herkunft bestritt Lessing erst gegen Ende seines Lebens, während er als Bibliothekar in Wolfenbüttel amtete. Ein publizistischer Streit mit dem orthodoxen Hamburger Hauptpastor Goeze führte zur Entstehung der Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts. Lessing wendet sich darin, wie viele andere Denker der Aufklärung, zwar auch gegen die Buchstabengläubigkeit der theologischen Orthodoxie. Doch im Unterschied zu radikalen Religionskritikern betrachtet er die Lektüre der Bibel und den Gottesglauben als notwendige Entwicklungsstufen zum Vernunftdenken. Er hält die Phasen des Alten und des Neuen Testaments für in der Zeit der Aufklärung und des Vernunftdenkens überwunden: Die Menschen seien nunmehr in der Lage, im Einklang mit der christlichen Moral und aus eigener Überzeugung moralisch richtig zu handeln.

Take-aways

  • Die Erziehung des Menschengeschlechts steht in engstem Zusammenhang mit Lessings spätem Hauptwerk Nathan der Weise.
  • Inhalt: Die biblische Offenbarung ist als ein Lehrbuch der Menschen zu verstehen und Gott als ihr Erzieher. Ziel der Erziehung ist es, auf mehreren Entwicklungsstufen die Vernunft im Sinn des moralisch Guten zu erlernen. Diese Stufen entsprechen dem Alten und dem Neuen Testament sowie dem Zeitalter der Aufklärung.
  • Der Argumentationsaufbau folgt einer klaren geschichtsphilosophischen Linie.
  • Ursprung der Schrift war Lessings Veröffentlichung der religionskritischen Schriften seines Freundes Reimarus, eines wichtigen Vertreters des Deismus in Deutschland.
  • Daran entfachte sich einen Streit mit lutherisch-orthodoxen Theologen, an dem sich Lessing in Auseinandersetzungen mit dem Hamburger Pastor Goeze beteiligte.
  • Lessing wurde daraufhin die Zensurfreiheit entzogen, was einem teilweisen Publikationsverbot gleichkam.
  • Die Schrift besteht aus 100 kurzen Paragrafen, was als ironische Anspielung auf den gelehrten Stil seiner Zeit gemeint war.
  • In den vornehmlich aphoristischen und essayistischen Text baut Lessing Stilmittel wie den Dialog, den inneren Monolog und die direkte Leseransprache ein.
  • Der eigentlich mehr dem Theater als der Theologie zugeneigte Lessing machte diese geistige Auseinandersetzung auch zum Thema des Dramas Nathan der Weise.
  • Zitat: „Was die Erziehung bey dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung bey dem ganzen Menschengeschlechte.“
 

Zusammenfassung

Offenbarung als Erziehung

So wie dem einzelnen Menschen Erziehung zuteilwird, so wirkt die religiöse Offenbarung als Erziehung des Menschengeschlechts. Die Erziehung befördert das, was im Menschen ohnehin schon angelegt ist. Sie hilft ihm, seine natürlichen Anlagen, insbesondere die Vernunft, möglichst schnell und wirksam zu entfalten. Auch die Inhalte der Offenbarung sind in der menschlichen Vernunft bereits veranlagt. Gott sorgte aber dafür, dass sich die Offenbarung den Menschen schrittweise zeigt, damit sie, ähnlich wie lernende Kinder, nicht am Anfang schon überfordert sind.

Beginn und Neubeginn der Erziehung

Die ersten Menschen konnten den ihnen mitgegeben Begriff eines einzigen Gottes noch nicht mit ihrem Verstand aufnehmen. Sie verstanden nicht, dass Gott das Unermessliche ist. Daher teilten sie seine Gesamtheit in für sie fassbare, begrenzte Teile. So entstand die Vielgötterei. Dies war ein früher Irrweg der Vernunft, den Gott änderte, indem er sich ein Volk für einen Neuanfang seiner Erziehung erwählte. Dieses Volk waren die Israeliten.

„Was die Erziehung bey dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung bey dem ganzen Menschengeschlechte.“ (S. 9)

Als wilde, unzivilisierte Sklaven in Ägypten durften sie vielleicht gar nicht an der Religionsausübung teilnehmen und hatten womöglich auch keinen eigenen Gottesbegriff. Verwunderlich wäre dies nicht, denn ja auch die zeitgenössischen Christen hindern ihre Kolonialsklaven an der Religionsausübung. Dem „rohen Volke“ Israel kündigte sich Gott daher vorerst nur als Gott ihrer Väter an, um den Israeliten die Idee näherzubringen, dass auch ihnen ein Gott zusteht.

Gott demonstriert seine Macht

Durch die wundersame Herausführung der Israeliten aus Ägypten nach Kanaan zeigte Gott ihnen sodann seine Macht. Dadurch konnte das Volk ihn als Allmächtigen erkennen und erhielt einen ersten Begriff eines einigen Gottes. Allerdings war dieser abstrakte Gedanke nur für eine Elite verständlich. Dem Volk, das sich gleichsam noch in einer Kindheitsphase befand, demonstrierte Gott seine Allmacht durch die Androhung von Strafen oder die Aussicht auf Belohnungen – denn dies ist die Erziehungsform, die der Kindheit entspricht. Dies waren die ersten Ansätze einer Religion bei den Israeliten, die sich noch keine Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele machen konnten.

Gottes universelle Absichten

Gott unterzog sich der Mühe, den Juden eine Religion zu geben, damit sie ihrerseits zu den künftigen Erziehern anderer Völker werden konnten. Die Sendung des Moses, der dem israelitischen Volk Gottes Gesetze gab, war, dem damaligen Entwicklungsstand entsprechend, völlig ausreichend. Nur vordergründig gesehen waren die von Moses übermittelten Gesetze lediglich an das Volk Israel gerichtet. Denn die im Alten Testament aufgezeichneten Wunder und Prophezeiungen richteten sich von vornherein an das ganze Menschengeschlecht. Ob sich diese Wunder tatsächlich ereignet haben oder nicht, sagt nichts über die Existenz Gottes aus.

„Diesem rohen Volke also ließ sich Gott anfangs blos als den Gott seiner Väter ankündigen, um es nur erst mit der Idee eines auch ihm zustehenden Gottes bekannt und vertraut zu machen.“ (über das jüdische Volk, S. 13)

Nachdem das Volk Israel auf diese Weise in ehrfürchtigem Gottesglauben herangewachsen war, stieß Gott es in die Fremde, damit es verstand, wie gut es ihm im Haus des Vaters ergangen war, und dadurch einen deutlichen Begriff vom Guten an sich bekam.

Unterschiedliche Entwicklungsstufen

Die Völker haben sich in dieser Zeit des Frühstadiums der Erziehung unterschiedlich schnell entwickelt. Dies ist allerdings normal, denn auch bei Kindern vollzieht sich die Entwicklung nicht gleich schnell. Und während einige Völker zunächst vielleicht noch höher entwickelt waren als das israelitische, so holte dieses sie schnell ein, so wie auch ein Kind in der Lage ist, Versäumtes rasch aufzuholen.

„Die Offenbarung hatte seine Vernunft geleitet, und nun erhellte die Vernunft auf einmal seine Offenbarung.“ (über das jüdische Volk, S. 32)

Dass die Unsterblichkeit der Seele im Alten Testament nicht thematisiert wird, spricht nicht gegen die Existenz Gottes. Denn selbst wenn der Mensch kein Leben nach dem Tod hätte, stünde es Gott frei, sich eines Volkes anzunehmen, das seine Lehre dem Menschengeschlecht näherbringt.

Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele

So wie man Kindern in Grundlehrbüchern schwierige Wissensinhalte noch nicht zumutet, durfte Gott auch die schwierige Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele zunächst übergehen. Wichtig war nur, dass der Weg zu dieser Erkenntnis nicht verstellt wurde. Da Tugend und Laster im Leben so ungleich verteilt sind, lassen sich Missetaten entweder durch Strafen wieder ausgleichen oder durch die Vorstellung einer künftigen Vergeltung, des Jüngsten Gerichts. Letzteres setzt aber die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele voraus.

„Das in die Fremde geschickte Kind sahe andere Kinder, die mehr wußten; die anständiger lebten, und fragte sich beschämt: warum weiß ich das nicht auch? warum lebe ich nicht auch so?“ (S. 33)

Solange sich die Menschen damit zufriedengaben, ihr Glück oder Unglück direkt aus dem Befolgen von Gottes Gesetzen oder dem Ungehorsam ihnen gegenüber herzuleiten, hatten sie keine Veranlassung, sich Gedanken über den Tod hinaus zu machen. Doch allmählich entstand der Glaube ans Jenseits. Und selbst wenn Einzelne die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod leugneten, so beweist das nur, dass sich diese Vorstellung unter den Juden ausbreitete und zunehmend Anerkennung fand.

Vertieftes Verständnis des einen Gottes bei den Juden

Bis zur Babylonischen Gefangenschaft lebte das Volk Israel in einem Entwicklungsstadium, in dem es den Gesetzen Gottes vor allem aus Furcht vor Strafen gehorchte. Bei den Chaldäern und Persern lernte Israel eine höher entwickelte Zivilisation kennen, besann sich auf seine eigene, ihm schal gewordene Überlieferung im Alten Testament und begann, dieses Grundlehrbuch mit vertieftem Verständnis neu zu lesen, sich seines eigenen Gottesglaubens zu vergewissern und Gott als universales, allgemeingültiges Prinzip zu begreifen. Mit diesem Erkenntnisgewinn war bei den Juden insgesamt die Gefahr eines Rückfalls in partikulare Gottesvorstellungen wie Nationalgottheiten oder sonstige Abgötter gebannt.

Der nächste Erziehungsschritt

Bisher hatten Gottes Offenbarungen den Erziehungsprozess des Volkes Israel hin zu vernünftigem Handeln und zur Vernunft selbst angeleitet. Doch von nun an verstanden die Juden durch ihre höher entwickelte Vernunft die Offenbarung selbst besser. Eine Vorübung auf die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele war bereits die frühere Androhung Gottes gewesen, eine Missetat bis ins dritte und vierte Glied zu bestrafen. Als Anspielung kann auch die Redensart „zu seinen Vätern versammelt werden“ verstanden werden, was so viel heißt wie „sterben“. Ein Fingerzeig lag zudem in der Benennung „Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs“. Ein gutes Lehrbuch verweist allegorisch auf abstrakte Wahrheiten. So geht die Bibel auch beim Schöpfungsbericht, der Erzählung vom Sündenfall und jener vom Turmbau zu Babel vor. Es sind Bilder, die auch Kinder leicht verstehen.

„Ohne Zweifel waren die Juden unter den Chaldäern und Persern auch mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele bekannter geworden.“ (S. 37)

Wenn ein Kind oder ein Volk eine gewisse Reife erlangt hat, taugt das Grundlehrbuch nicht mehr. Es wird verkannt oder sogar missbraucht, indem man es überinterpretiert, wie es die Rabbiner taten. Für das jüdische Volk war die Zeit gekommen, das moralische Handeln zu erneuern: nicht durch äußeren Zwang, sondern durch innere Überzeugung. Die höhere Schicht der Juden hatte bereits eine Ahnung davon, dass es bessere und vernünftigere Gründe für moralisches Handeln geben müsse als von Gott auferlegte Sanktionen. Den Weg dorthin wies ein neuer Lehrer: Christus.

Ein zweites Lehrbuch der Menschheit

Christus lehrte in zuverlässiger und praktischer Weise die Unsterblichkeit der Seele und damit der inneren Verantwortung vor Gott. Denn über Gut und Böse wird unfehlbar im Jenseits gerichtet. Vor dem Jüngsten Gericht besteht nur, wer reinen Herzens ist. Wie wichtig die innere Überzeugung für moralisches Handeln ist, beglaubigte Christus durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung. Da jeder Mensch eine Seele hat und diese fortlebt, gilt Christi Lehre für alle Menschen. Sie ist universal. Daher ist es folgerichtig, dass Christi Jünger diese Botschaft nicht nur den Juden, sondern mehreren Völkern verkündeten. So wurde das Neue Testament das zweite, bessere Lehrbuch der Menschheit.

Weitere grundlegende Wahrheiten

Da nicht alle Menschen in ihrer Entwicklung gleich schnell vorankommen, sollten die Wissenden und Erkenntnisreichen den anderen, ihren Mitschülern, nicht vorauseilen. Durch die vernunftgemäße Bewältigung der Vorstellung von der Einheit Gottes und der Unsterblichkeit der Seele werden die Menschen imstande sein, weitere Wahrheiten, die bisher bloß offenbart waren, mit dem Verstand selbst zu begreifen. Dazu zählen die Lehre von der Dreieinigkeit, die Lehre von der Erbsünde, die den Menschen befähigt, moralischen Gesetzen zu folgen, sowie die Lehre von der Genugtuung des Sohnes, also die christliche Erlösungslehre, wonach die Sünden der Menschen nur durch den Sühnetod Christi vergeben werden können.

Der Gebrauch des Verstandes

Die Offenbarungen Gottes waren zunächst keine Vernunftwahrheiten, die die Menschen verstehen konnten. Aber sie wurden gesetzt, damit die Menschen an ihnen lernen konnten. Dies lässt sich mit dem Fazit vergleichen, das ein Rechenmeister seinen Schülern vorgibt, damit diese sich beim Rechnen orientieren können und letztlich selbstständig und mit eigenem Verstand zur Lösung finden. Die Menschen bedurften der Anleitung durch Gott selbst, damit sie ihn erkennen konnten. Heute muss spekulatives Nachdenken über Offenbarungen und religiöse Fragen den Menschen erlaubt sein, denn es schärft den Verstand und hat nie geschadet. Sie auf geradezu tyrannische Art von vornherein zu unterdrücken, ist Unsinn.

Das Ziel der Erziehung

Ohne Spekulationen käme das Menschengeschlecht nie an dem Ziel an, die gebotene Reinheit des Herzens aus voller innerer Überzeugung und mit klarem Verstand zu erreichen. Wenn der Mensch die innere Überzeugung gewonnen hat, hat er unter allen Umständen die Pflicht, tugendhaft zu handeln, auch in schwierigen Situationen, etwa wenn sein Wohlstand oder seine gesellschaftliche Stellung gelitten haben. Insofern stehen menschliche und göttliche Erziehung schließlich im Einklang.

„Eine Vorübung auf die Lehre der Unsterblichkeit der Seele, nenne ich z. E. die göttliche Androhung, die Missethat des Vaters an seinen Kindern bis ins dritte und vierte Glied zu strafen.“ (S. 38)

Mittlerweile ist es den Menschen durch ihre Erziehung und durch die Entwicklung ihres Verstandes möglich, das Gute um seiner selbst willen zu tun – aus innerer Überzeugung. Damit ist eine Zeit der Vollendung nahe. Diese Auffassung haben bereits religiöse Schwarmgeister im Hochmittelalter vertreten. Sie wähnten nach dem Zeitalter des Alten Testaments und jenem des Neuen Testaments ein drittes Zeitalter eines neuen Evangeliums nahe. Das war zwar im Prinzip richtig, der Zeitpunkt war jedoch zu früh gewählt. Es bedurfte erst der Aufklärung. Sie machte die Menschen reif für das dritte Stadium. Und es war der Weg der Vorsehung, dass die Menschen bei dieser Entwicklung nur sehr langsam vorankamen und viele Seitenwege einschlugen, nicht zuletzt, um möglichst viele Leute mitzunehmen.

Die Entwicklung jedes Einzelnen

Analog zu dieser langen geschichtlichen Entwicklung verläuft auch die Bahn jedes Einzelnen in seiner Erziehung. Dies muss nicht unbedingt im Verlauf eines einzigen Lebens der Fall sein. Möglich wäre, dass jeder Mensch mehrmals auf die Welt kommt. Diese Vorstellung, eine der ältesten überhaupt, ist keineswegs so abwegig, wie manche Lehrmeinungen behaupten. Die Etappen auf dem Weg der Vervollkommnung könnten auch auf diese Weise durchlaufen werden. Dass man sich nicht an frühere Zustände erinnern kann, widerspräche dem keineswegs und wäre überdies wohl ein Glück.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts beginnt mit einem kurzen „Vorbericht“ eines fiktiven Herausgebers, den Lessing wegen der damals üblichen Zensur vorschiebt. Es folgen exakt 100 kurze Abschnitte, mit Paragrafenzeichen versehen und durchnummeriert. Die Abschnitte bestehen nur aus wenigen Sätzen, einige sogar nur aus einem einzigen. Oft wird ein Gedanke im nachfolgenden Paragrafen unmittelbar fortgeführt. Die Einteilung nach Paragrafen entspricht den Konventionen des strengen, deduktiven Wissenschaftsstils in Lessings Zeit. Der essayhafte, oft redundante Inhalt wird diesen Ansprüchen aber nicht gerecht. Lessing ironisiert den Paragrafenstil.

Lessing zwingt sich nicht zu einem einheitlichen Essaystil, sondern verwendet auch Stilmittel wie den Dialog, den inneren Monolog, die direkte Leseransprache und rhetorische Fragen. Dadurch wird der Text etwas abwechslungsreicher und lebendiger. Lessing bekennt sich ausdrücklich zu dieser Stilmischung zwischen einfacher, bildhafter Sprache einerseits und scharfsinnigem Schlussfolgern andererseits. Dieselbe Kombination, die er für sehr erziehungsgerecht hält, attestiert er auch dem Alten Testament.

Interpretationsansätze

  • Die Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts zieht Verbindungslinien zwischen der Entstehung und Entwicklung des Monotheismus in den Offenbarungsreligionen und der moralischen Vervollkommnung des Menschen. Lessing vergleicht diesen Weg immer wieder mit dem pädagogischen Erziehungsprozess: Die Offenbarung dient der Erziehung des gesamten Menschengeschlechts.
  • Lessing zeichnet diese Entwicklung aus seiner geschichtsphilosophischen Sicht nach, wonach sie ein von Umwegen und Irrtümern gekennzeichneter Weg ist. Deutlich wird dabei auch, dass er die „Abgötterey“ und die „Vielgötterey“ mit dem Durchbruch des Monotheismus für historisch überwunden betrachtet.
  • Lessing beruft sich ausdrücklich auf den italienischen Abt Joachim von Fiore (ca. 1130–1202) und dessen Drei-Zeiten-Lehre: Im dritten Zeitalter, jenem der Aufklärung, hält Lessing die Menschen für ausgereift; nun können sie die Offenbarung des einen Gottes mit den Mitteln der Vernunft begreifen und ohne Zwang, rein aus innerer Überzeugung heraus, moralisch richtig handeln. Den Glauben an den moralischen Reifezustand der Menschen teilte Lessing mit vielen freimaurerischen Strömungen seiner Zeit.
  • Indem Lessing Offenbarungsglaube und Vernunft wechselseitig aufeinander bezieht, wendet er sich gegen die von ihm „Vernünftelei“ genannte radikale Religionskritik mancher Aufklärer wie Hermann S. Reimarus. Sie bestritten vor allem die Vorstellung, Gott habe sich im Alten Testament den Menschen offenbart.
  • Was die transzendentalen Fragen der Religion betrifft, d. h. jene nach der Unsterblichkeit der Seele und einem Leben nach dem Tod, ist Lessing am Ende seiner Schrift dem Reinkarnationsgedanken zugeneigt. Dieser Gedanke, der vor allem im Hinduismus und Buddhismus verbreitet ist, wurde und wird von den meisten christlichen Denkern abgelehnt. Es war Lessings Schrift, die das Thema in intellektuellen Kreisen quasi salonfähig machte.

Historischer Hintergrund

Der Fragmentenstreit

Der Hamburger Theologe Hermann S. Reimarus (1694–1768), ein zu seiner Zeit berühmter Gelehrter, gilt als einer der Hauptvertreter des Deismus in Deutschland. Der Deismus wurde hauptsächlich vom irischen Locke-Schüler John Toland (1670–1722) formuliert. Es war eine typisch aufklärerische Lehre, die einen Gott als Weltschöpfer aus Verstandesgründen anerkannte. Aber die Vorstellung seines weiteren Eingreifens in die Welt, etwa durch Offenbarung oder Wunder, wurde abgelehnt. Die Deisten trennten Gott und die Welt. Die Pantheisten dagegen, die andere nicht kirchliche Strömung der Aufklärung, sahen Gott und die Welt als Einheit, während sie die Natur – statt der Bibel – als Offenbarung verstanden. Unterschiedlich waren bei den Deisten die Einstellungen hinsichtlich der Unsterblichkeit der Seele.

Zu Lessings Zeit hatte man durch die Schriften des jüdisch-holländischen Aufklärungsphilosophen Baruch de Spinoza (1632–1677) bereits eine gewisse Vorstellung davon, dass die Bibeltexte über einen längeren Zeitraum und auf Basis verschiedener Quellen entstanden waren. Entsprechend wurde ihr Offenbarungscharakter infrage gestellt. Reimarus teilte diese offenbarungskritischen Gedanken, wagte es aber zunächst nicht, seine diesbezüglichen umfangreichen Schriften zu veröffentlichen. Er bestritt in seinen etwa 50 Fragmenten ebenfalls vehement die Existenz von Wundern, das Voraussagen der Zukunft durch die biblischen Propheten oder das Erscheinen Jesu als eine Form göttlicher Offenbarung. Er hielt Jesus nicht für einen Gottessohn und unterstellte den Aposteln, dessen Lehre verfälscht zu haben.

Lessing, der Reimarus geistig und persönlich nahestand, veröffentlichte diese Schriften nach und nach in seiner Bibliothekszeitschrift. Insbesondere die letzte Veröffentlichung, die so genannten Fragmente eines Unbekannten (1777), rief starke Proteste und eine Flut von Gegenschriften hervor. Deren Wortführer war der Hamburger Hauptpastor Johann M. Goeze (1717–1786), der an den traditionellen, dogmatischen Positionen der lutherischen Kirche festhielt: dem Glauben an die historische, sozusagen buchstabengetreue Wahrheit der biblischen Überlieferung. Lessing und Goeze überzogen einander mit erwidernden Schriften. Der Fragmentenstreit wogte etwa anderthalb Jahre hin und her. Er wurde erst dadurch beendet, als über Lessing ein Schreibverbot bezüglich religiöser Themen verhängt wurde. Lessing übertrug die geistige Auseinandersetzung daraufhin auf die dramatische Form, nämlich auf sein Stück Nathan der Weise, das 1779 erschien. Im gleichen Zeitraum und natürlich in starkem thematischem Zusammenhang entstand Die Erziehung des Menschengeschlechts.

Entstehung

Die Erziehung des Menschengeschlechts ist aufs Engste mit der Veröffentlichung der Reimarus-Texte verknüpft und muss in diesem Zusammenhang gelesen werden. Lessing war ab 1770 Hofbibliothekar der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Das war kein Ort verstaubter Bücherwälzerei, sondern damals die bedeutendste Bibliothek nördlich der Alpen. Lessing erwog jahrelang die Veröffentlichung der brisanten Reimarus-Texte und erörterte dies im Kreis von Vertrauten. Die meisten rieten ihm davon ab. Entsprechend war auch die Entstehung der Erziehung kein spontaner Akt, sondern das Ergebnis langjähriger Überlegungen. Die Veröffentlichung der ersten Reimarus-Texte, die Lessing als Funde aus der Bibliothek ausgab, stieß nicht auf Widerstand oder Kritik und hätte wohl auch die Zensur passiert. Lessing genoss zu dieser Zeit noch Zensurfreiheit, eine Art vorab erteilter Unbedenklichkeitsbescheinigung. 1777 wagte er sich dann auch an die Veröffentlichung des vierten Teils, der schließlich den Streit provozierte. Im gleichen Jahr erschienen die ersten 53 Paragrafen der Erziehung (bis zur ersten Erwähnung Jesu) in der von Lessing herausgegebenen Bibliothekszeitschrift, in der auch die Reimarus-Texte veröffentlicht worden waren. Die komplette Schrift erschien 1780, also erst im Jahr nach der Niederschrift des Nathan. Beide Male bezeichnete sich Lessing lediglich als Herausgeber.

Wirkungsgeschichte

Die unmittelbaren Reaktionen auf Lessings Schrift waren unterschiedlich. Die Theologen begegneten ihr natürlich kritisch. Von vielen Rezensenten wurde sie geschätzt und mit Vergnügen gelesen, einige befürchten aber auch, dass weitere Schwierigkeiten auf Lessing zukommen würden. Nicht amüsiert war Lessings Freund Moses Mendelssohn: Er teilte weder Lessings geistigen Fortschrittsglauben noch seine Haltung, dass das Alte Testament überholt sei. Den Romantikern sagte seine Vorstellung von einem dritten Zeitalter zu. Möglicherweise wirkten Lessings geschichtsphilosophische Vorstellungen auch auf Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Lessings Andeutungen zur Reinkarnation am Schluss der Erziehung wurden in okkultistischen und theosophischen Kreisen und später vom Anthroposophen Rudolf Steiner wahrgenommen, die darin eine gewisse Bestätigung durch einen berühmten Aufklärer fanden.

Über den Autor

Gotthold Ephraim Lessing wird am 22. Januar 1729 als Sohn eines Pfarrers im sächsischen Kamenz geboren. Er studiert Theologie, Medizin und Philosophie in Leipzig und Wittenberg. Bereits in seiner Jugend verfasst er Dramen: Sein erstes Stück Der junge Gelehrte wird 1748 uraufgeführt. Von 1748 bis 1755 ist er Mitarbeiter der Berlinischen Privilegierten Zeitung. Er entscheidet sich dafür, freier Schriftsteller zu werden. In Wittenberg beendet Lessing sein Studium mit der Magisterwürde, danach betätigt er sich in Berlin als Theater- und Literaturkritiker. Es entstehen mehrere Dramen, darunter die Lustspiele Der Freigeist und Die Juden (beide 1749) sowie das erste bürgerliche Trauerspiel Miss Sara Sampson (1755). Von 1755 bis 1758 lebt Lessing wieder in Leipzig. Zusammen mit Johann Gottfried Winkler macht er sich zu einer Bildungsreise durch Europa auf, die jedoch bei Beginn des Siebenjährigen Krieges abgebrochen werden muss. 1758 kehrt Lessing nach Berlin zurück und gründet dort 1759 zusammen mit dem Philosophen Moses Mendelssohn und dem Schriftsteller Friedrich Nicolai die Zeitschrift Briefe, die neueste Literatur betreffend. Lessing selbst veröffentlicht darin mehrere Essays, in denen er u. a. den französischen Klassizismus kritisiert und William Shakespeare als Vorbild für deutsche Dramatiker hervorhebt. Von 1760 bis 1765 fungiert er als Sekretär des Generals Tauentzien in Breslau. 1767 erscheint das Erfolgsstück Minna von Barnhelm. Im gleichen Jahr folgt Lessing der Einladung, als Dramaturg am Deutschen Nationaltheater in Hamburg zu arbeiten. Hier verfasst er sein Grundsatzwerk der Dramentheorie, die Hamburgische Dramaturgie. Doch bereits ein Jahr später scheitert das Projekt Nationaltheater. Ab 1770 ist Lessing Bibliothekar der herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel. Es erscheinen seine Dramen Emilia Galotti (1772) und Nathan der Weise (1779). 1776 heiratet er Eva König. Ihr gemeinsames Kind wird an Weihnachten 1777 geboren, stirbt aber schon einen Tag später; die Mutter folgt ihm wenige Tage später nach. Am 15. Februar 1781 stirbt Lessing in Braunschweig.


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