Zusammenfassung von Die Familie Schroffenstein

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Die Familie Schroffenstein Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Weimarer Klassik

Worum es geht

Romeo und Julia in Schwaben

Die Anklänge an Shakespeare sind unverkennbar: Zwei unschuldig Liebende, die jedoch verfeindeten Familien angehören, können zusammen nicht kommen und fallen schließlich dem alten Zwist zum Opfer. Auch Hexen gibt es in Die Familie Schroffenstein, die ein bisschen an die unheimlichen Schwestern aus Macbeth erinnern. Und genau wie Shakespeare nutzt auch Kleist Elemente der Groteske und der Komödie, um seine Tragödie umso bedrückender zu machen. Doch im Unterschied zu seinem Vorbild schafft es Kleist nicht – und will es womöglich auch gar nicht schaffen –, die an seinen Protagonisten zerrenden oder sie vorantreibenden Kräfte in Balance zu bringen und dem Stück so die Allgemeingültigkeit eines großen Kunstwerks zu verleihen. Stattdessen spiegelt sich in Die Familie Schroffenstein vor allem Kleists eigenes zerrissenes und getriebenes Wesen. Andererseits: Der Sogwirkung der Handlung, der so pedantischen wie virtuosen Katastrophenanbahnung tut das keinen Abbruch. Kleists eigenwilliges Ritterspiel ist spannend zu lesen und trägt schon den Keim der Sprachgewalt seiner späteren Dramen in sich.

Take-aways

  • Die Familie Schroffenstein// ist das düstere Erstlingswerk des Dramatikers Heinrich von Kleist.
  • Inhalt: Zwei miteinander verfeindete Zweige einer schwäbischen Ritterfamilie steigern sich in eine von Misstrauen und Missverstehen vorangetriebene Eskalation hinein, die schließlich in Mord und Totschlag mündet. Zwei sich liebende junge Leute müssen sterben, worauf die Alten sich schließlich versöhnen.
  • Das auf all das Blutvergießen folgende Happy End wirkt auf den Zuschauer reichlich verstörend.
  • Im Stück finden sich zahlreiche Anklänge an Dramen William Shakespeares, vor allem an Romeo und Julia.
  • Mit Die Familie Schroffenstein trat der 25-jährige Kleist als Dichter hervor, nachdem er für sich die Unmöglichkeit einer bürgerlichen Existenz erkannt hatte.
  • Kleist schrieb das Stück in der Schweiz, wo er eigentlich, von der Welt enttäuscht und angeekelt, ein Leben als Bauer führen wollte.
  • Der Fünfakter ist in reimlosen, fünfhebigen Blankversen verfasst, mit denen Kleist geschickt verschiedene Stimmungen zum Ausdruck bringt.
  • Als Kleist sein Trauerspiel Freunden vortrug, erntete er schallendes Gelächter.
  • Kleist selbst war mit dem Stück nicht zufrieden. Die Kritik nahm es jedoch positiv auf.
  • Zitat: „Die Stämme sind zu nah gepflanzet, sie / Zerschlagen sich die Äste.“
 

Über den Autor

Heinrich von Kleist wird am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren, er stammt aus einer preußischen Offiziersfamilie. Als junger Gefreiter-Korporal nimmt er im ersten Koalitionskrieg gegen Napoleon an der Belagerung von Mainz und am Rheinfeldzug (1793 bis 1795) teil. Bald fühlt er sich vom Offiziersberuf abgestoßen und wendet sich der Wissenschaft zu. Durch seine Kant-Lektüre verliert er jedoch den Glauben an einen objektiven Wahrheitsbegriff und erkennt, dass er nicht zum Gelehrten geschaffen ist. Ebenso wenig fühlt sich der enthusiastische Kleist zum Staatsdiener berufen. 1801 bricht er aus seiner bürgerlichen Existenz aus, reist nach Paris und später in die Schweiz, wo er als Bauer leben will. Doch auch daraus wird nichts. Schon während seiner Zeit in Paris beginnt Kleist zu dichten. Seine Theaterstücke, die heute weltberühmt sind, bleiben zunächst erfolglos. Von 1801 bis 1811 entstehen unter anderem die Tragödien Die Familie Schroffenstein (1803), Robert Guiskard und Penthesilea (beide 1808), außerdem Das Käthchen von Heilbronn (1808), Die Hermannsschlacht (1821 postum erschienen), die Komödien Amphitryon (1807) und Der zerbrochne Krug (1808) sowie die Erzählungen Die Marquise von O.... (1808), Das Bettelweib von Locarno (1810) und Die Verlobung in St. Domingo (1811). 1810 verweigert der preußische Staat Kleist, der nach Stationen in Königsberg und Dresden wieder in Berlin lebt, eine Pension. Auch aus dem Königshaus erhält er keine Anerkennung, obwohl er der Schwägerin des Königs das patriotische Stück Prinz Friedrich von Homburg widmet. Dennoch ist es wohl weniger äußere Bedrängnis als innere Seelennot, die Kleist schließlich in den Freitod treibt. Am 21. November 1811 erschießt er zunächst seine unheilbar kranke Freundin Henriette Vogel und danach sich selbst am Kleinen Wannsee in Berlin.

 

Zusammenfassung

Eine alte Fehde

Die Angehörigen des Rossitzer Zweiges der Familie Schroffenstein tragen Peter, den jüngsten Sohn des Grafen Rupert, zu Grabe. Die Schuld an Peters Tod geben sie Ruperts Bruder Sylvester, dem Oberhaupt der Schroffensteins von Warwand. Reihum schwören die Rossitzer Rache an den Warwandern. Rupert schickt seinen Vasallen Aldöbern nach Warwand, er soll Sylvester den Krieg erklären. Im Anschluss an die Beerdigung unterhalten sich Ottokar, Ruperts älterer Sohn, und Jeronimus, ein Schroffenstein aus dem Haus Wyk. Jeronimus kommt gerade aus Warwand und ergreift für die dortige Seite Partei. Die Rossitzer Rachebestrebungen hält er für ungerecht. Ottokar sagt sich darum von ihm los.

„Seit alten Zeiten / Gibts zwischen unsern beiden Grafenhäusern, / Von Rossitz und von Warwand einen Erbvertrag, / Kraft dessen nach dem gänzlichen Aussterben / Des einen Stamms, der gänzliche Besitztum / Desselben an den andern fallen sollte.“ (Kirchenvogt, S. 10)

Jeronimus lässt sich vom Kirchenvogt die Geschichte der Fehde erzählen: Laut einem alten Vertrag kommt, sollte einer der Familienzweige aussterben, dessen ganzer Besitz dem überlebenden Zweig zu. Sylvester lauere schon lange auf das Ende des Rossitzer Zweiges und habe nun die Geduld verloren und den jüngsten Spross seines Bruders kurzerhand ermorden lassen. Peter ist tot im Gebirge gefunden worden, bei ihm zwei Männer aus Warwand. Einen der Männer hat Rupert gefangen genommen und ihm unter Folter das Geständnis abgepresst, er sei von Sylvester beauftragt worden.

„Das Mißtraun ist die schwarze Sucht der Seele, / Und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht / Fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.“ (Sylvester, S. 23)

Etwas später unterhalten sich Ottokar und Johann, ein unehelicher Sohn Ruperts. Johann erzählt, wie er bei einem wilden Ritt gestürzt und von einem Mädchen gerettet worden sei. Ottokar kennt das Mädchen ebenfalls, nicht jedoch ihren Namen. Auch er ist von ihr bezaubert und fühlt sich mit Johann wegen der gemeinsamen Neigung verbunden. Der gesteht ihm allerdings verzweifelt, dass er das Mädchen für Agnes, Sylvesters Tochter, hält.

Falsche Anschuldigungen mit Folgen

In Warwand spricht Agnes mit ihrem Großvater Sylvius, der den Tod seines Enkels Philipp noch nicht verwunden hat. Er mahnt sie, sie solle die Rossitzer nicht als Feinde sehen. Doch da ist Agnes’ Mutter Gertrude ganz anderer Meinung: Sie glaubt, die Rossitzer hätten Philipp auf dem Gewissen. Nun erscheint Sylvester und wirft seiner Frau vor, sie streue leichtfertigen Verdacht. Ihm ist alles Misstrauen ein Gräuel. Die Ankunft Aldöberns unterbricht das Gespräch. Der Rossitzer klagt Sylvester des Mordes an Peter an, doch Sylvester weist den Vorwurf entsetzt von sich. Er beschließt, nach Rossitz zu reiten und sich selbst von den Anschuldigungen zu überzeugen. Da tritt Jeronimus auf und bezichtigt Sylvester ebenfalls des Mordes. Sylvester fällt in Ohnmacht.

„Nimm diesen Dolch, Geliebte – Denn mit Wollust, / Wie deinem Kusse sich die Lippe reicht, / Reich ich die Brust dem Stoß von deiner Hand.“ (Johann zu Agnes, S. 44)

Agnes sitzt in einer Höhle im Gebirge und flicht Kränze. Ottokar kommt hinzu und sie unterhalten sich. Agnes passt ihm einen Kranz an. Ottokar teilt ihr mit, er wisse, wer sie sei, dass sie aber von ihm nichts zu befürchten habe. Agnes versteht nicht, was er damit sagen will. Als im Hintergrund Johann erscheint, bekommt sie Angst und verlässt Ottokar. Nachdem sie gegangen ist, tritt Johann hinzu und beschuldigt Ottokar, er habe ihm sein Mädchen ausgespannt. Ottokar versucht ihn zu beruhigen, doch Johann ist außer sich. Er will im Kampf mit Ottokar sterben. Dieser weigert sich jedoch, das Schwert gegen Johann zu erheben.

„Ja, dieser Haß, der die zwei Stämme trennt, / Stets grundlos schien er mir, und stets bemüht / War ich, die Männer auszusöhnen – doch / Ein neues Mißtraun trennte sie stets wieder / Auf Jahre, wenn so kaum ich sie vereinigt.“ (Eustache zu Jeronimus, S. 69)

In Warwand erfährt der aus seiner Ohnmacht erwachte Sylvester von seinem Vasallen Theistiner, die Drohung aus Rossitz habe sich herumgesprochen; das Volk habe Aldöbern zu Tode gesteinigt und seinen Kopf „an den Torweg festgenagelt“. Sylvester ist entsetzt. Er befiehlt Theistiner, die übrigen Lehnsmänner im Schloss zu versammeln, um sich gegen Rossitz zu rüsten. Bei Jeronimus entschuldigt sich Sylvester für das Verhalten seiner Untertanen. Er bietet ihm freies Geleit nach Rossitz. Jeronimus ist durch Sylvesters edles Verhalten inzwischen wieder von dessen Unschuld überzeugt und schwört ihm Treue. Als Gertrude ihrem Mann berichtet, dass es tatsächlich den Anschein habe, als sei Peter auf sein Geheiß getötet worden, da ein Mann unter der Folter den Namen Sylvester genannt habe, ist er schockiert. Er will sich mit Rupert treffen, um das Missverständnis aufzuklären.

Ein verhängnisvolles Missverständnis

Vor dem Schloss bedrängt der liebeskranke Johann Agnes. Sie schreit um Hilfe, doch es gelingt ihm, ihr einen Kuss aufzudrücken. Dann bietet er ihr seinen Dolch, damit sie ihn tötet. Als Jeronimus das sieht, denkt er, Johann wolle Agnes erstechen, und haut ihn nieder. Doch Johann ist nur verletzt. Sylvester lässt ihn von Ärzten versorgen. Agnes erzählt von einem Ritter, den sie im Gebirge getroffen habe. Jeronimus erklärt, das müsse Ottokar gewesen sein. Daraufhin ermahnt Gertrude ihre Tochter, sich nicht mit dem Feind einzulassen. Als Jeronimus berichtet, Ottokar habe Agnes den Tod geschworen, kommt Sylvester ein Gedanke: Er fragt, ob auch Johann den Eid abgelegt habe. Jeronimus bejaht. Dann sei es doch klar, so Sylvester: Johann sei im Auftrag Ruperts mit Mordabsichten zu ihnen gekommen. Endlich scheint auch Sylvester von der Niedertracht der Rossitzer überzeugt. Doch als Gertrude, die Gunst der Stunde witternd, gegen die Rossitzer zu hetzen beginnt, geht er nicht darauf ein. Um Klarheit zu erlangen, soll Johann gefoltert werden, schlägt Jeronimus vor. Sylvester will aber lieber mit Rupert sprechen. Er schickt Jeronimus nach Rossitz, um die Lage zu ermitteln.

Das Liebespaar

Im Gebirge treffen sich Agnes und Ottokar. Als dieser erwähnt, dass Johann sein Freund sei, erleidet Agnes einen Schwächeanfall. Von dem Wasser, das Ottokar ihr zur Erfrischung reicht, nippt sie aber nur, da sie ihn verdächtigt, sie vergiften zu wollen. Als sie ihn mit seinem Racheschwur konfrontiert, beteuert er ihr seine Liebe. Auch Agnes schwört ihm darauf ewige Treue. Doch gleich anschließend geraten die beiden wegen ihrer Väter aneinander, da sie jeweils den eigenen für unschuldig und den anderen für schuldig halten. Auch wegen Johann macht Agnes ihrem Geliebten Vorwürfe: Dieser habe sie ermorden wollen. Ottokar beschwört aber, dass Johann nicht von Rupert geschickt worden sei. Letztlich beschließen sie, einander zu glauben. Nun will Ottokar an die Fundstelle von Peters Leiche gehen, um dort zu ergründen, was aus dessen kleinen Fingern geworden ist – diese waren nämlich der Leiche abgeschnitten worden. Agnes will nach Warwand gehen, um den unschuldigen Johann aus dem Kerker zu retten.

Weitere Verwicklungen

In Rossitz erfährt Rupert, dass Aldöbern in Warwand erschlagen wurde. Er schäumt vor Wut. Seine Frau Eustache versucht, ihn zu beruhigen: Vielleicht habe Sylvester die Tat ja gar nicht angeordnet. Ruperts Vasall Santing berichtet von der angeblichen Ermordung Johanns. Um das Gerücht zu bestätigen, schickt Rupert ihn nach Warwand. Nach ihrem Abgang unterhalten sich Eustache und der inzwischen nach Rossitz zurückgekehrte Jeronimus. Er hält ihr vor, dass Rupert Johann als Mörder zu Agnes geschickt habe, doch Eustache lässt sich nicht überzeugen. Jeronimus verrät ihr, dass Agnes und Ottokar ein Paar sind; womöglich könne die Fehde durch ihre Heirat überwunden werden.

„(…) bei / Jeromes Leiche sehen wir uns wieder. / Ich will ihm eine Totenfeier halten, / Und Rossitz soll wie Fackeln sie beleuchten.“ (Sylvester zu Theistiner, S. 86)

Rupert und Santing kommen hinzu. Rupert geht Jeronimus hart an: Hat er etwa einen Auftrag aus Warwand? Jeronimus fragt höflich, ob Rupert bereit sei, mit Sylvester zu sprechen. Der stimmt schließlich tatsächlich zu. Jeronimus ist begeistert und versucht, ihn über die wahren Begebenheiten in Warwand aufzuklären: Johann sei nicht tödlich verwundet. Und Sylvester halte Rupert auch nicht für den Anstifter der Tat. Er biete sogar Genugtuung für Aldöberns Tod. Rupert tut das schroff ab. Seine seltsame Stimmung jagt Jeronimus Angst ein. Er geht. Kurz darauf kommt Eustache von nebenan gelaufen und ruft, das Volk mache Jeronimus nieder. Sie fleht ihren Mann an, dem Pöbel Einhalt zu gebieten – ohne Erfolg. Jeronimus’ Tod lässt Rupert kalt. Als nun Santing hereinkommt und Vollzug meldet, begreift Eustache: Santing hat den Pöbel in Ruperts Auftrag gegen Jeronimus gehetzt. Sie macht ihrem Mann bittere Vorwürfe. Daraufhin befiehlt Rupert Santing, denjenigen zu finden und hinzurichten, der den tödlichen Hieb gegen Jeronimus geführt hat.

Tyrannenwillkür

Etwas später wirft Rupert Santing zunächst übermäßigen Gehorsam, dann, als Eustache dazukommt, Eigenmächtigkeit vor. Dafür soll er zwei Wochen in den Turm – aber hinterher, so flüstert ihm Rupert zu, wird er ein schönes Lehen kriegen. Dann entschuldigt sich Rupert bei Eustache für das Geschehene. Sie verzeiht ihm. Plötzlich kommt eine Kammerzofe hinzu und fleht Eustache an, ihren Mann zu retten, der auf Ruperts Befehl hingerichtet werden soll, weil er, ebenfalls auf Ruperts Befehl, Jeronimus erschlagen hat. Rupert schiebt wieder die Schuld auf Santing. Doch das lässt die Frau nicht gelten: Sie habe mit eigenen Ohren gehört, wie Rupert Santing den Befehl erteilt habe. Rupert bescheidet sie barsch: Die Hinrichtung soll aufgeschoben werden. Als die Frau weg ist, ergeht sich Rupert in Selbsthass. Eustache fühlt sich ihm in diesem Moment nahe. Sie versucht ihn zu überzeugen, seine Reue als Chance zur Umkehr zu sehen. Doch Rupert zeigt sich weiterhin von Rachsucht zerfressen. Zu Eustaches Entsetzen erklärt er, er halte Sylvesters Gesprächsbereitschaft für eine List, um ihn, Rupert, als Scheusal dastehen zu lassen. Er deutet an, Agnes töten zu wollen. Eustache fleht ihn an, das Mädchen zu verschonen; Ottokar und Agnes seien ein Paar. Rupert wird hellhörig, und sofort bereut Eustache ihre Offenbarung. Sie befürchtet das Schlimmste.

„Vor allen Dingen, alles ist gelöset, / Das ganze Rätsel von dem Mord, die Männer, / Die man bei Peters Leiche fand, sie haben / Die Leiche selbst gefunden, ihr die Finger / Aus Vorurteil nur abgeschnitten. – Kurz, / Rein, wie die Sonne, ist Sylvester.“ (Ottokar, S. 97)

Die Nachricht von Jeronimus’ Tod ist nach Warwand gedrungen. Sylvester erkennt, dass die Zeichen auf Krieg stehen. Auf 30 Mann kommen seine Truppen, wie ihm Theistiner mitteilt, der soeben mit den Lehnsmännern eingetroffen ist. Sylvester selbst bringt noch 20 weitere zusammen. Noch diese Nacht soll der Angriff auf Rossitz erfolgen.

Der abgeschnittene Finger

In einer Bauernhütte kocht das Mädchen Barnabe auf Geheiß ihre Mutter Ursula Zauberbrei. Dabei spricht sie Beschwörungsformeln. Da tritt Ottokar in die Hütte. Er fragt sie über den Brei aus. Barnabe erzählt, sie koche einen Finger, den ihre Mutter kürzlich einem toten Kind abgeschnitten habe. Es sei in einem Fluss im Gebirge ertrunken und ans Ufer gespült worden. Kurz darauf seien zwei Männer aus Warwand dazugekommen und hätten – ebenfalls für einen Zaubertrank – den anderen Finger abgeschnitten. Erleichtert schickt Ottokar das Mädchen los, Agnes in die Höhle zu bestellen. Unterwegs trifft Barnabe Rupert und Santing, die auf der Jagd nach Agnes und Ottokar sind. Barnabe gesteht ihnen, dass sie Agnes ins Gebirge bringen soll.

„Ach! Agnes! Agnes! / Welch eine Zukunft öffnet ihre Pforte! / Du wirst mein Weib, mein Weib! weißt du denn auch / Wie groß das Maß von Glück?“ (Ottokar zu Agnes, S. 101 f.)

Ottokar wird auf Ruperts Befehl in einem Turmzimmer gefangen gesetzt. Eustache kommt ihn besuchen und erzählt, dass Jeronimus erschlagen worden sei. Ottokar ist schockiert. Noch viel mehr allerdings davon, dass Rupert nun über ihn und Agnes Bescheid weiß. Als Eustache ihrem Sohn verrät, dass Rupert unterwegs sei, Agnes zu töten, springt Ottokar wild entschlossen aus dem Fenster. Währenddessen warten Barnabe und Agnes in einer Höhle auf Ottokar. Es ist schon dunkel, als er endlich eintrifft. Agnes fragt ihn besorgt über die „beiden Ritter“ aus, von denen ihr Barnabe erzählt hat, doch Ottokar wiegelt ab. Er erzählt ihr, dass sich Sylvesters Unschuld an Peters Tod herausgestellt habe und dass jetzt alles gut werde.

Fataler Rollentausch

Während Barnabe vor der Höhle Wache schiebt, zieht Ottokar Agnes, in erotischer Absicht, Stück für Stück aus. Da schlägt Barnabe Alarm: Draußen schleichen zwei Gestalten herum. Ottokar verhehlt die Gefahr vor Agnes, lässt sie in seinen Mantel schlüpfen und setzt ihr seinen Helm auf. Gerade noch rechtzeitig gelingt es ihm, sich Agnes’ Kleid überzuwerfen, schon stehen Rupert und Santing vor ihnen. Agnes geht als Ottokar unbehelligt aus der Höhle heraus, während Ottokar sich als Agnes ausgibt. Darauf ersticht ihn Rupert. Santing meldet jetzt vom Eingang der Höhle, er sehe Fackelschein, der sich auf Rossitz zubewege. Er mahnt zur schnellen Rückkehr. Rupert macht sich mit Santing davon.

„’s ist abgetan, mein Püppchen. / Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ (Ursula zu Johann, S. 113)

Auch Agnes und Barnabe sehen von unterwegs den Heerzug. Barnabe berichtet Agnes, sie habe die beiden Ritter weggehen sehen. Agnes will sofort zur Höhle zurück, zu Ottokar. Als sie dort eintreffen, liegt Ottokar im Sterben. Er seufzt noch einmal „Agnes!“ und ist tot. Nun kommt Sylvester, der seine Tochter sucht, in die Höhle. Agnes hat sich in Ottokars Kleidern auf dessen Leiche geworfen. Sylvester missversteht die Situation und ersticht Agnes. Inzwischen haben Sylvesters Männer Rupert und Santing festgenommen und bringen sie herbei. Rupert stürzt zu Agnes’ Leiche, in der Annahme, es sei sein Sohn. Jetzt tritt Gertrude auf. Sie hat in Warwand von Agnes’ Tod erfahren. Ihr folgt Eustache, die ihren toten Sohn sehen will. Auch Sylvius und Johann stellen sich ein. Letzterer redet wirres Zeug. Sylvius bemerkt als Erster die Verwechslung der beiden Toten. Alle sind bestürzt. Nun kommt Ursula, von Barnabe informiert, mit Peters Finger und klärt die Versammelten auf. Die letzten verbliebenen Schroffensteins aus Rossitz und Warwand schließen endlich Frieden.

Zum Text

Aufbau und Stil// Als Trauerspiel oder Tragödie ordnete Kleist sein Drama Die Familie Schroffenstein ein. Es ist in fünf Akte unterteilt, die wiederum in zwei bis fünf Szenen gegliedert sind; nur der fünfte Akt besteht aus einer einzigen Szene. Der Text ist in Blankversen verfasst, reimlosen Fünfhebern, die Kleist geschickt für seine Zwecke nutzt, indem er mal starke Sentenzen feierlich auf der letzten Silbe enden lässt („Das Mißtraun ist die schwarze Sucht der Seele“), mal durch Zeilensprünge den Eindruck lebendiger Rede oder sogar Wechselrede erzeugt. Wie es das Genre der Tragödie verlangt, entfaltet sich in Die Familie Schroffenstein// ein unentrinnbares, schicksalhaftes Geschehen. Dessen Logik ist das gegenseitige Misstrauen zweier miteinander verfeindeter Familien, das anfangs noch unbegründet ist, bald aber, in Taten umgesetzt, seine eigene Begründung generiert. Kleist hat das Stück so lange immer wieder umgearbeitet und verdichtet, bis sein Ziel erreicht war: die Eskalation des Konflikts nahezu mit jeder einzelnen Zeile voranzutreiben. Immer wieder schürt er Hoffnung, nur um sie kurz darauf zunichtezumachen. Das Ende ist dann allerdings kein befreiendes, keine Katharsis, sondern ein höchst groteskes, geradezu verstörendes Happy End. Ebenfalls viel Sorgfalt verwandte Kleist auf die symmetrische Konstruktion des Stücks: Die beiden Konfliktparteien, die zunächst abwechselnd auftreten und schließlich im fünften Akt zusammengeführt werden, spiegeln sich formal ineinander.

  • *

Interpretationsansätze**

  • Eines der Hauptmotive des Stücks ist die Unmöglichkeit romantischer Liebe in einer schlechten Welt. Es liegt nahe, hier einen Zusammenhang zu Kleists damals stattfindender Entfremdung von seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge zu sehen. Kleist hatte die Beziehung mit himmelhohen Erwartungen begonnen und war von ihrem Scheitern tief frustriert.
  • Das Stück weist starke Bezüge zur christlichen Idee der Erbsünde auf. Wie ein Fluch lastet der alte Vertrag auf den beiden Zweigen der Familie Schroffenstein. Die Schuld, mit der die Akteure sich im Lauf des Stücks beladen, scheint vorprogrammiert.
  • Kleists Pessimismus, wie er in Die Familie Schroffenstein sichtbar wird, kann als bewusste Gegenposition zu Rousseau und Schiller gelesen werden, die beide annahmen, es sei möglich, die gesellschaftlich bedingte Degeneration einer ehemals im Naturzustand glücklichen Menschheit rückgängig zu machen bzw. ihr nach vorne zu entkommen.
  • Zum ersten Mal zeigt sich hier das Motiv des Krieges, das später so bestimmend für Kleist werden sollte. Kein Wunder, war doch Kleist von seinen eigenen Erfahrungen als 15-jähriger Gefreiter-Korporal bei der blutigen Schlacht um Mainz 1793 schwer traumatisiert.
  • Kleist verfasste das Drama, während er in der Schweiz lebte. Im Bruderzwist des Stücks spiegelt sich die politische Situation der damaligen Helvetischen Republik wider: Das Land war tief gespalten, Anhänger eines modernen, egalitären Einheitsstaats nach französischem Vorbild standen Befürwortern einer Rückkehr zur alten Ordnung unversöhnlich gegenüber.
  • Im Stück finden sich zahlreiche Anklänge an Dramen William Shakespeares: Die unmögliche Liebe von Ottokar und Agnes, inklusive ihres von Verwechslungen begleiteten Todes und der anschließenden Versöhnung der Familien, erinnert an Romeo und Julia, die Hexen an Macbeth und die Szene, in der der alte, blinde Sylvius vom verrückt gewordenen Johann geführt wird, hat große Ähnlichkeit mit einer Passage in König Lear.

Historischer Hintergrund

Importierte Revolution

Das Vorbild des französischen Volkes, das sich 1789 unter dem Banner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen das Ancien Régime erhob, war überall in Europa eine Inspiration für ähnliche Bestrebungen. Die etablierten Mächte reagierten mit Repression. Preußen und Österreich schlossen sich zusammen und versuchten im Ersten Koalitionskrieg die Errungenschaften der Französischen Revolution rückgängig zu machen. Allerdings gerieten sie nach anfänglichen Erfolgen bald ins Hintertreffen und mussten nun zusehen, wie französische Volksheere die Revolution etwa nach Holland oder Italien exportierten. Auch in der Schweizer Eidgenossenschaft wollten liberale Kräfte die alten Strukturen abschütteln und wurden in diesem Streben durch Frankreich unterstützt – zunächst diplomatisch, bald auch militärisch.

1798 führte der anwachsende Druck zur Helvetischen Revolution. Im Auftrag Frankreichs entwarf der liberale Basler Politiker Peter Ochs eine fortschrittliche Verfassung, die zur Basis der am 12. April 1798 ausgerufenen Helvetischen Republik wurde. Die Kantone verloren durch die neue Verfassung zugunsten eines zentralistischen Staates an Eigenständigkeit. Das stieß bei vielen Eidgenossen auf Widerstand. In der Folge kam es zu Spannungen zwischen den radikalen Unitarieren, die einen Einheitsstaat nach französischem Vorbild wollten, und den konservativen Föderalisten, die die alte, dezentrale Kantonsstruktur verteidigten. Schließlich berief Napoleon 1802 in Paris die sogenannte Helvetische Consulta ein, auf der eidgenössische Delegierte endgültig über die künftige Verfassung ihres Landes abstimmen sollten. Ergebnis war die sogenannte Mediationsakte, die auf eine Restauration der alten Verhältnisse hinauslief, wenn auch unter Beibehaltung der Rechtsgleichheit aller Bürger.

Entstehung

Im Frühling 1801 durchlitt Heinrich von Kleist, so die Überlieferung, nach der Lektüre von Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft eine schwere seelische Krise. Kants erkenntniskritische Philosophie durchkreuzte seinen auf Vernunft und Wahrheitsstreben gebauten Lebensplan. Gemeinsam mit seiner Halbschwester Ulrike reiste er nach Paris, um sich selbst zu entkommen, aber auch seiner voreiligen Verlobung mit Wilhelmine von Zenge. Paris entpuppte sich jedoch als Sündenpfuhl; von den hohen Idealen der Aufklärer war weit und breit nichts zu sehen. Seinem Bedürfnis nach Reinheit folgend, reiste Kleist in die Schweiz. Hier wollte er sich als Bauer ansiedeln und seine Seele bei harter Arbeit in ländlicher Idylle beruhigen. Zunächst wohnte er in einem Häuschen auf einer Aare-Insel bei Thun. Aus dem Bauernleben wurde nichts, dafür begann Kleist hier zu schreiben. Mehr oder weniger gleichzeitig arbeitete er an den Dramen Robert Guiskard und Der zerbrochne Krug. Ein weiteres Stück hatte er, unter dem Arbeitstitel Die Familie Thierrez, wohl noch in Paris begonnen. Daraus wurde später Die Familie Ghonorez und schließlich Die Familie Schroffenstein. Die erste Version spielte in Frankreich, die zweite in Spanien. Erst auf Anraten von Freunden verlegte er den Schauplatz nach Schwaben.

Im April 1802 wurde Kleist krank und verließ die Insel, um sich im nahen Bern zu erholen. Hier, in der Wohnung seines Freundes Heinrich Zschokke, wo er Heinrich Gessner kennenlernte, seinen späteren Verleger, deklamierte Kleist launig aus seinem Werk. Im November 1802 wurde Die Familie Schroffenstein anonym und auf 1803 vordatiert in Gessners Verlag gedruckt.

Wirkungsgeschichte

Im März 1803 schrieb Kleist an seine Halbschwester Ulrike nach Frankfurt an der Oder, sie solle das Buch auf keinen Fall lesen: „Ich bitte Euch darum. Es ist eine elende Scharteke. Kurz, tut es nicht. Hört Ihr?“ Zwar strich er die „elende Scharteke“ im Brief wieder durch, doch seine schlechte Meinung über das eigene Werk war wohl authentisch. Teilweise lag das an der schlampigen Ausführung des Drucks, mit zahlreichen Satzfehlern. Vor allem aber war Kleist höchst ehrgeizig. Er meinte, der gelehrten Welt, Preußen und seiner adligen Familie ein Werk von shakespearescher Größe zu schulden. Diesem Ziel stand im Fall der Familie Schroffenstein schon das eher romantische mittelalterliche Sujet im Weg. Auch mochte das schallende Gelächter, in das seine Freunde anlässlich einer Lesung des Stücks ausgebrochen waren, dem hochfliegenden Jungdichter etwas die Flügel gestutzt haben. Immerhin wurde Die Familie Schroffenstein von der Kritik sehr freundlich aufgenommen. Im Journal Der Freimüthige schrieb ein Rezensent: „Eine gute Kunde hat der Freimüthige heute einem jeden zu geben, der die jetzigen Konjunkturen der Deutschen Litteratur beherzigt – die Erscheinung eines neuen Dichters hat er zu melden, eines unbekannten und ungenannten, aber wirklich eines Dichters!“ Damit behielt er Recht. Denn wenn auch Die Familie Schroffenstein bald im Schatten der späteren Dramen verschwand, markierte das Stück den Beginn von Kleists Dichterexistenz. Es wird bis heute regelmäßig aufgeführt und wurde 1983 sogar verfilmt.


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