Zusammenfassung von Die Krankheit zum Tode

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Die Krankheit zum Tode Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Verzweiflung und Glaube

In seinem Hauptwerk Entweder – Oder hatte Kierkegaard es bereits angedeutet: Neben der ästhetischen und ethischen Lebensweise gibt es da noch etwas Drittes: die religiöse Sphäre. Diesem Thema widmet er sich in seiner kurzen, aber recht komplizierten Schrift mit dem bedrohlichen Titel Die Krankheit zum Tode. Wieder geht es um die Nöte im Leben des Einzelnen, also um Existenzphilosophie, diesmal aber mit einem großen christlichen Vorzeichen. Der Buchtitel bezieht sich auf die Verzweiflung, die der dänische Philosoph zur größten Geißel der Menschheit erklärt. Weil der Mensch fortwährend zwischen den Extremen Unendlichkeit und Endlichkeit, Notwendigkeit und Freiheit hin- und herdriftet, bekundet er Mühe, seinen Platz in der Welt zu finden – und verzweifelt. Diese Verzweiflung widerfährt jedem Menschen ganz individuell und nur er selbst kann sich daraus befreien – durch den Glauben an Gott und dessen Allmacht, die ihm Hoffnung stiftet. Kierkegaard richtet sich einmal mehr gegen Hegel und die Nonchalance der dänischen Amtskirche: Glaube lässt sich weder beweisen noch nebenher erledigen, sondern muss ernsthaft und willentlich betrieben werden.

Take-aways

  • Die Krankheit zum Tode ist eine religionsphilosophische Schrift von Sören Kierkegaard.
  • Die Abhandlung erschien 1849 unter dem Pseudonym Anti-Climacus und ist aus einer christlichen Position geschrieben.
  • Der Titel geht auf eine Begebenheit im Johannesevangelium zurück, bei der Jesus den verstorbenen Lazarus von den Toten auferweckt.
  • Die Krankheit zum Tode ist die Verzweiflung des Menschen.
  • Der Mensch ist ein Wesen, das zwischen den Gegensätzen endlich – unendlich, notwendig – frei und zeitlich – ewig existiert.
  • Seine Aufgabe, sich selbst zwischen diesen Alternativen zu bestimmen, führt zu einer existenziellen Not, die Kierkegaard Verzweiflung nennt.
  • Die Verzweiflung ist jedoch eine Sünde, weil Gott dem Menschen ein Heilsversprechen gegeben hat.
  • Das Christentum erscheint vielen absurd, weil sie nicht begreifen können, dass Gott eine persönliche Beziehung zu jedem einzelnen Individuum aufbauen kann.
  • Die christliche Lehre verspricht Rettung vor der Verzweiflung und Hoffnung für das eigene Leben.
  • Die Heilsaussagen Gottes können nicht hergeleitet oder rational erklärt, sondern nur geglaubt werden.
  • Jedes Verharren in der Sünde erzeugt neue Sünden. Daher muss der Mensch aktiv gegen seine Verzweiflung angehen.
  • Kierkegaards Werk gelangte erst Anfang des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und beeinflusste Schriftsteller, Theologen und Existenzphilosophen.
 

Zusammenfassung

Verzweiflung ist die Krankheit zum Tode

Im elften Kapitel des Johannesevangeliums wird davon berichtet, dass Jesus den verstorbenen Lazarus von den Toten erweckt. Er sagt seinen Jüngern und den Trauernden, dass Lazarus’ Krankheit nicht zum Tode sei. Das ist in doppeltem Sinn richtig: Einerseits, weil Christus Lazarus wiedererwecken wird, andererseits, weil die bloße Existenz Jesu und seine Heilsaussage über das Leben nach dem Tod bedeuten, dass selbst der Tod ohne irdische Wiedererweckung nicht der ewige Tod ist.

„Nur der Christ weiß, was unter der Krankheit zum Tode zu verstehen ist.“ (S. 7)

Der Mensch existiert in Gegensätzen: Er ist endlich und unendlich, notwendig und frei, zeitlich und ewig. Er ist eine Synthese. Das bedeutet aber auch, dass er in keiner Dimension vollkommen ist. Das menschliche Selbst ist etwas, das sich zu sich selbst verhält. Genauer: Es ist der Vorgang des Sich-zu-sich-selbst-Verhaltens. Das Verhältnis zu sich selbst kann durch zwei Möglichkeiten entstanden sein: Entweder wurde es durch sich selbst gesetzt oder aber durch einen Dritten (z. B. Gott).

„Das Selbst ist aus Unendlichkeit und Endlichkeit gebildet.“ (S. 26)

Mit der „Krankheit zum Tode“ ist die Verzweiflung gemeint. Zwei Formen hiervon sind denkbar: die Verzweiflung, nicht man selbst sein zu wollen, und die Verzweiflung, man selbst sein zu wollen. So oder so: Eine solche Verzweiflung kann schlimmer als das Verderben sein. Sie ist aber nicht nur schlecht, denn immerhin unterscheidet sich der Mensch darin auch vom Tier, das kein Verhältnis zu sich selbst hat und deshalb nicht verzweifeln kann. Die Verzweiflung ist also Auszeichnung und Fluch zugleich. Und man zieht sie sich nicht wie eine körperliche Krankheit zu, von der man sagen kann: „Ich habe mich letzte Woche angesteckt“ – und dann übersteht man die Krankheit. Verzweiflung zieht man sich quasi permanent zu bzw. man ist permanent dafür verantwortlich, wenn man verzweifelt ist.

Verzweiflung ist eine universelle Krankheit

In der Regel verzweifeln wir über uns selbst. Ein herrschsüchtiger Mann, der Cäsar sein will, diesen Status aber nicht erreicht, verzweifelt über sich selbst, weil er seine Person, sein „Nicht-Cäsar-Sein“ loswerden will. Ebenso ergeht es einem Mädchen, dessen Liebhaber gestorben oder ihr untreu geworden ist: Sie scheint über seinen Verlust verzweifelt zu sein, doch in Wahrheit ist sie über den Verlust des Geliebtwerdens verzweifelt. Verzweiflung ist eine Krankheit, an der nur der Mensch leidet – und von der er sich nur selbst befreien kann.

„Das Entscheidende ist: Für Gott ist alles möglich.“ (S. 36)

Die Verzweiflung ist eine universelle Krankheit. Alle leiden in unterschiedlichem Ausmaß an ihr – außer wahre Christen. Für Christen gibt es eigentlich keine Krankheit zum Tode. Allerdings können sie davon befallen werden, wenn sie sich nicht sicher sind, ob ihnen ewiges Leben vergönnt ist. Kein ewiges Leben zu haben, würde bedeuten, einen ewigen Tod zu sterben, und das treibt einen zur Verzweiflung. Manche leiden an Verzweiflung, ohne es zu wissen. Während normale Krankheiten des Körpers kuriert werden können, besteht bei der Krankheit des Geistes – und das ist die Verzweiflung – immer die Gefahr, dass sie zurückkehrt. Diejenigen, die die Verzweiflung leugnen, riskieren damit, ihr zu erliegen. Wer sie beim Namen nennt, hat den ersten Schritt unternommen, sie zu bekämpfen und sein ewiges Leben zu schützen.

Die Ausprägungen der Krankheit Verzweiflung

Der Mensch ist eine Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit. Seine Bestimmung, sein Selbst, lässt sich nur aus der Dialektik dieser Gegensatzpaare definieren. Zu sich selbst findet er, wenn er die richtige Balance zwischen diesen Punkten erreicht. Um überhaupt ein Selbst zu erlangen, benötigt er Selbstbewusstsein. Ohne Selbst hingegen, also ohne die richtige Form von Unendlichkeit und Endlichkeit, erliegt das Individuum der Verzweiflung. Das kann auf zwei Arten geschehen. Die eine: Der Mensch vernachlässigt seine Endlichkeit und konzentriert sich dafür auf seine Unendlichkeit. Er verliert sich im Fantastischen und verliert die Bodenhaftung. Die andere: Er betont seine Endlichkeit über Gebühr und vernachlässigt seine Unendlichkeit. Er verzweifelt an weltlichen Dingen wie Geldverdienen, gesellschaftlicher Stellung usw. und ignoriert seine spirituelle, unendliche Seite. Auch wenn er ein angesehener Bürger ist, besitzt er möglicherweise kein Selbst für sich und für Gott.

„Der Glaubende sieht und versteht, menschlich gedacht, seinen Untergang (...), aber er glaubt. Deshalb geht er nicht unter.“ (S. 37)

Der Mensch existiert auch noch zwischen den Dimensionen der Möglichkeit und der Notwendigkeit. Auch hier führt das eine oder andere Extrem in die Verzweiflung. Ergeht sich der Mensch in seinen Möglichkeiten, wird er ein Träumer und Fantast, einer, der von seinen Plänen und Zielen fortgetragen wird. Wieder verliert er seine Bodenhaftung, seine Wurzeln, jagt Luftgebilden nach und verliert den Sinn für die Wirklichkeit. Umgekehrt geht es demjenigen, der keine Möglichkeiten, sondern nur Notwendigkeiten kennt: Er erstickt an seiner Erdgebundenheit, wird ein Bedenkenträger und kann sich nichts anderes vorstellen als das, was schon da ist.

Glaube bedeutet Hoffnung auf Möglichkeiten

Gott ist Möglichkeit und für Gott gibt es alle Möglichkeiten. Der Glaube an Gott hilft dabei, die eigene Verzweiflung zu bekämpfen. Auch wenn der einzelne Mensch nicht begreift, wie Gott ihm helfen kann, so kann er doch daran glauben. Und wenn er an Gottes Allmacht glaubt, bleibt ihm immer eine Möglichkeit, immer eine Hoffnung, die seine Verzweiflung verringert. Nicht jeder kann glauben: Der Determinist z. B. erkennt alles nur als Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Für ihn gibt es nur die Notwendigkeit, die Möglichkeiten fehlen ihm und deshalb verzweifelt er. Der Spießbürger wiederum verliert sich in trivialen, alltäglichen Geschäften. Für ihn existieren erst gar keine Möglichkeiten.

Bewusste und unbewusste Verzweiflung

Die Verzweiflung kann dem Menschen bewusst oder unbewusst sein. Absolut bewusste Verzweiflung ist Trotz, wie ihn nur der Teufel selbst haben kann. Das andere Extrem ist eine fast unschuldige Verzweiflung, die von sich selbst nicht weiß, dass sie Verzweiflung ist. Diese Form der Verzweiflung findet sich bei Nichtchristen. Sie sind sich ihrer Verzweiflungsnot gar nicht bewusst und betrachten es dann logischerweise als Belastung, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Sie fassen ihre Fähigkeiten nur als wirkende Kräfte auf und nicht als gottgegeben, und sie sind – bei all ihren wissenschaftlichen und künstlerischen Verdiensten – im Grunde geistlos. So geht ihnen z. B. das Verständnis dafür ab, dass Selbstmord eine Sünde gegen sich selbst und gegen Gott ist. Für sie ist der Freitod Privatsache. Für Christen nicht.

„Also, dass derjenige, der verzweifelt ist, selbst nicht weiß, dass sein Zustand Verzweiflung ist, tut nichts zur Sache, er ist nichtsdestoweniger verzweifelt.“ (S. 42)

Ist man sich seiner Verzweiflung bewusst, lässt sich dieses Bewusstsein noch in unterschiedliche Grade oder Stufen einteilen. Die Verzweiflung, nicht man selbst sein zu wollen, wird auch als Verzweiflung der Schwäche bezeichnet. Hierunter fallen diejenigen Menschen, die sich zu sehr an Weltliches klammern und von diesem Weltlichen enttäuscht sind. Gegenüber dieser Verzweiflung am Irdischen ist die Verzweiflung am Ewigen sich selbst schon deutlich mehr bewusst. Hier klammert sich der Verzweifelte auch an das Irdische, weiß aber, dass es das Unendliche, Spirituelle, also Gott gibt. Allerdings schlägt er den Weg zum Glauben nicht ein und verzweifelt daran, dass er es nicht tut.

„Zuerst kommt die Verzweiflung über das Irdische oder etwas Irdisches, dann die Verzweiflung am Ewigen über sich selbst.“ (S. 69)

Schließlich gibt es die Verzweiflung, man selbst sein zu wollen, die auch als Trotz bezeichnet werden kann. Menschen, die dieser Form der Verzweiflung anheimfallen, wollen vollständig Herr ihres Selbst sein. Doch es fällt ihnen gar nicht auf, dass sie eigentlich Könige ohne Land sind, die gerade deswegen verzweifeln, weil sie Gott verleugnen und damit die Gesamtheit ihres Selbst. Man kann sie mit einem Schreibfehler vergleichen, der plötzlich Bewusstsein erlangt und sich gegen seinen Schreiber auflehnt: Statt sich selbst berichtigen zu lassen, will er lieber dem Schreiber abschwören und als Mahnmal falsch stehen bleiben – um seinem Herrn vor Augen zu führen, welch mittelmäßiger Schriftsteller er sei.

Verzweiflung ist Sünde

Sofern wir die Existenz Gottes und seiner Beziehung zum Menschen in unsere Betrachtung mit einbeziehen, kommen wir zu dem notwendigen Schluss, dass jede Verzweiflung vor Gott Sünde ist. Wir dürfen nicht andere Menschen zum Maßstab nehmen, sondern ihn, Gott, und müssen uns bewusst sein, dass das Gegenteil von Sünde nicht Tugend ist, sondern Glaube. Ja, das Christentum fußt gerade auf jener vermeintlich absurden Vorstellung, dass jeder einzelne Mensch eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen kann. So etwas zu denken, ist derart verrückt, dass man darüber den Verstand verlieren könnte. Und tatsächlich verstehen viele Heiden ja auch nicht, wie diese persönliche Beziehung möglich sein soll. Sie erscheint einem, als ob ein Tagelöhner vom mächtigsten Kaiser aller Zeiten zum Schwiegersohn gemacht würde. Wie befangen und eingeschüchtert müsste ein solcher Tagelöhner sein! Gott verfährt aber mit jedem Menschen genauso. Er lässt sich sogar in diese Welt hineingebären, lässt sich martern, stirbt und fleht dennoch um das Vertrauen jedes einzelnen Menschen. So etwas Unvorstellbares kann nicht jeder begreifen. Und Nichtbegreifen schlägt schnell in Ärger um, statt Bewunderung verspürt man Neid auf etwas, das man nicht begreift. Das Christentum aber ist resistent gegen jede rationale, verstandesmäßige Betrachtung. Verstehen und davon profitieren kann man nur, indem man glaubt.

Sünde ist eine Position

Der antike Philosoph Sokrates hat Sünde mit Unwissenheit gleichgesetzt. Diese Definition ist wegen ihrer Unschärfe nicht ausreichend: Sokrates sagt nichts dazu, ob es sich um eine Unwissenheit von Anfang an oder eher um eine erworbene Unwissenheit handelt. Die Definition übersieht die Möglichkeit, dass jemand weiß, was Sünde ist, aber die Sünde dennoch begeht. Dies ist aber recht häufig der Fall: Jemand kennt ein Moralgesetz und handelt dennoch nicht danach. Die christliche Morallehre unterscheidet sehr wohl zwischen den Zuständen „das Gute kennen“ und „das Gute tun“. Die Menschen sind davon abhängig, dass Christus ihnen enthüllt, was konkret Sünde ist. Dies kann für den Heiden wieder zum Ärgernis werden, denn er mag nicht, dass man ihm sagt, er wisse nicht, was gut und böse ist.

„Sünde ist: vor Gott oder mit der Vorstellung von Gott verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen, oder verzweifelt man selbst sein zu wollen.“ (S. 77)

Sünde ist keine Negation im Sinne von etwas, das man nicht tut. Vielmehr handelt es sich um eine Position. Sünde ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern ein ganz eigener Standpunkt, den der Mensch selbst einnimmt. Gott enthüllt dem Menschen, dass er in Sünde lebt. Dies kann und soll nicht mit Argumenten und dem Verstand erklärt werden, es kann nur geglaubt werden. Würde man von einem Verliebten verlangen, dass er seine Liebe mit Argumenten verteidigt? Das Christentum kann also nicht begriffen, sondern nur geglaubt werden. Glaube oder Ärgernis – zwischen diesen beiden Polen pendelt es hin und her. Leider machen die Geistlichen der Kirche immer wieder den gleichen Fehler und versuchen den christlichen Glauben so zu vermitteln, als sei es eine ganz alltägliche Tätigkeit. Deswegen sind die meisten Christen nur Gläubige dem Namen nach, in ihren Herzen aber weit davon entfernt.

Die Fortsetzung der Sünde

Was ist schlimmer, als neue Sünden zu begehen? In der alten Sünde zu verharren, denn das wäre die Fortsetzung der Sünde. Wer also gegen seinen Sündenzustand nicht aktiv angeht, häuft die Sünde noch und noch an. Das kann er auf dreierlei Art tun:

  • Die Sünde, über die eigene Sünde zu verzweifeln: Was bedeutet es, wenn man über seine eigene Sünde verzweifelt? Man hat erkannt, dass man in Sünde lebt, aber anstatt etwas dagegen zu tun, beklagt man diesen Zustand. Das ist die Potenzierung der Sünde! Klagen statt Glauben ist eine neue Sünde.
  • Die Sünde, an der Vergebung der Sünden zu verzweifeln: Dies ist noch schlimmer, denn man legt sich hierdurch gewissermaßen direkt mit Gott an. Er hat die Vergebung der Sünden versprochen, und die Verzweiflung darüber ist wie ein Schlag in sein Gesicht.
  • Die Sünde, die Lehren des Christentums für unwahr zu erklären und abzulehnen: Dies ist die höchste Potenzierung der Sünde. Der Mensch handelt schon dann in Sünde, wenn er die Paradoxien des Christentums nicht begreift und deshalb den Imperativ, an Christus zu glauben, nicht befolgt. Noch schlimmer ist es, diesen Nichtglauben in voller Absicht zu betreiben.

Zum Text

Aufbau und Stil

In seinem Vorwort kommt Kierkegaard (der hier unter dem Pseudonym „Anti-Climacus“ schreibt) selbst auf Aufbau und Stil seines Werks zu sprechen. Er tut dies in Form eines ironischen Perspektivenwechsels: Kierkegaard nimmt die Argumente möglicher Kritiker vorweg, die seine kleine Schrift als unwissenschaftlich hinstellen könnten – als zu erbaulich, um streng genug zu erscheinen, und zu streng, um erbaulich zu sein. Christliche Literatur müsse aber immer erbaulich sein, meint der Autor. Damit wendet er sich gegen die wissenschaftliche Philosophie, die keinen praktischen Nutzen für den einzelnen Menschen habe. Kierkegaards Text ist eine Absage an den gehobenen Stil zugunsten einer direkten, psychologischen, eben erbaulichen Schreibweise. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass das Büchlein einfach zu lesen und zu verstehen ist. Nicht immer systematisch aufbauend und öfters ironisch und metaphorisch, neigt Kierkegaard überdies zu Wiederholungen: Manche Sätze tauchen mehrmals auf, allerdings mit unterschiedlichen Nuancierungen, sodass man ganz genau hinschauen muss, um die feinen Details herauszulesen. Ein mitunter zähes Vergnügen. Manche Interpreten meinen, dass Kierkegaards Schreibstil eine Art Parodie auf Hegel sein soll und auf dessen Versuch, philosophische Fragestellungen mit präzisem wissenschaftlichem Vokabular zu erfassen.

Interpretationsansätze

  • Für Kierkegaard ist der Mensch ein Wesen zwischen den Extremen, zwischen Gott und dem Nichts. Er schwebt zwischen Allmacht (z. B. im Verhältnis zu den Tieren) und Unwesentlichkeit (im Verhältnis zu Gott). Aus seinem Selbstbewusstsein ergibt sich sein existenzialistisches Dilemma: Er muss seinen Platz in der Welt finden.
  • Kierkegaard übt implizit Kritik an Hegel. Während dieser die Ansicht vertrat, man könne rationale Erkenntnis über ethische und religiöse Themen erlangen (beispielsweise durch die Betrachtung der Geschichte), lehnt Kierkegaard jeden rationalen Erkenntnisgewinn in spirituellen Fragen ab: Gott könne man nur durch den Glauben begreifen oder – das wäre das andere Extrem – an ihm Anstoß nehmen.
  • Die Verzweiflung ist für Kierkegaard eine Sünde und die Sünde ist ein Seinszustand, kein einzelner sündiger Akt. Um ihr zu entgehen, muss der Mensch aktiv dagegen vorgehen.
  • Der Glaube verlangt Anstrengung. Keinesfalls darf der Mensch einfach ignorant durch sein Leben gehen, brav die Kirche besuchen und sich ansonsten um die christliche Lehre foutieren. Kierkegaard spart nicht mit Kritik an oberflächlich Gläubigen und an der Amtskirche. Die Anstrengung besteht auch darin, die eigene Ratio zu überwinden, denn der Glaube entzieht sich jeder verstandesmäßigen Betrachtung.
  • Entgegen der Tendenz, die einzelnen Menschen zur Masse zusammenzufassen, sie zur „Menschheit“ zu aggregieren, betont Kierkegaard in seiner Religionsphilosophie die Individualität. Jeder einzelne Mensch ist für sein Schicksal verantwortlich, und jedes Individuum kann eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen.

Historischer Hintergrund

Dänemarks Modernisierung und die Amtskirche

Dänemark erlebte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit. Die seit den Napoleonischen Kriegen zerrütteten Staatsfinanzen erholten sich ab den 30er Jahren zusehends, das lange im kulturellen Schlummer liegende Kopenhagen wurde zu einer wichtigen Kulturstätte Europas, welche die unterschiedlichsten geistigen und künstlerischen Strömungen gierig aufsaugte. Der berühmteste Bildhauer Dänemarks, Bertel Thorvaldsen, kehrte aus Rom in die Heimat zurück, und Hans Christian Andersen, der Märchenerzähler, erlangte bereits zu Lebzeiten Weltruhm. Die beginnende Industrialisierung Europas, der Durchbruch liberaler politischer Orientierungen, der wachsende Wohlstand, eine lange Friedensphase und das weitgehend sorglose Leben vieler Bürger: All diese Ereignisse schufen das Bedürfnis, die Frage nach der Art und Weise, wie der Einzelne sein Leben führen und welchen Sinn er ihm geben soll, neu zu stellen. Die Kirche gab nach Kierkegaards Ansicht die falschen Antworten. Jeder dänische Bürger war zugleich Mitglied der dänischen lutherischen Kirche und damit Christ. Das Christentum wurde so zu einer profanen Staatsreligion, zu einer Art Klub, in dem man automatisch Mitglied war – ohne sich weiter damit auseinandersetzen zu müssen oder gar Beschwernisse auf sich zu nehmen.

Entstehung

Für Kierkegaard hatte das zeitgenössische dänische Christentum nichts mehr mit jenem des Neuen Testaments zu tun. In seinem Spätwerk ließ er keine Gelegenheit aus, die dänische Amtskirche zu tadeln und zu verunglimpfen. Selbst auf dem Totenbett verweigerte er die Annahme der Kommunion durch einen „Pfaffen, in dessen Kirche Gott gelästert wird“. Seine philosophischen Texte veröffentlichte Kierkegaard unter Pseudonymen: Victor Eremita, Johannes de Silentio, Constantin Constantinus, Hilarius Buchbinder, Johannes Climacus: Auch Die Krankheit zum Tode erschien 1849 unter einem Pseudonym: Anti-Climacus. Im Unterschied zu den distanzierten Texten des eher ästhetisch orientierten Johannes Climacus deutet Kierkegaard mit dem Pseudonym Anti-Climacus eine Kehrtwende in seiner Schreibposition an. Tatsächlich ist Die Krankheit zum Tode ein dezidiert christliches Buch, ein Werk der Erbauungsliteratur und damit gewissermaßen die Antithese zum ästhetisierenden Climacus. Mit diesem Buch knüpfte der Philosoph an sein Hauptwerk Entweder – Oder (1843) und an die Schrift Der Begriff Angst (1844) an. Hier wie dort wird der Mensch in seiner existenziellen Not beschrieben, sich selbst wählen zu müssen. Das Jahr 1848 bezeichnete Kierkegaard selbst als das „reichste und fruchtbarste Jahr meiner gesamten Autorschaft.“ In der Zeit zwischen 1848 und 1851 veröffentlichte er fast ausschließlich unter eigenem Namen bzw. als Herausgeber. Im Fall von Die Krankheit zum Tode wollte er sich allerdings nicht der Vermutung aussetzen, er würde als Autor dem von ihm beschriebenen Idealchristen entsprechen.

Wirkungsgeschichte

Die Krankheit zum Tode gilt heute als eines der wichtigsten Werke des dänischen Philosophen. Philosophiegeschichtlich teilte das Werk jedoch das Schicksal der meisten kleinen Schriften Kierkegaards: In dänischer Sprache verfasst, blieb seine Wirkung lange aufs Ursprungsland beschränkt. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Kierkegaards Werke ins Deutsche und in andere europäische Sprachen übersetzt wurden, begann man sich außerhalb Dänemarks für sein Werk zu interessieren. Im Fall von Die Krankheit zum Tode wurden nicht unbedingt die christlichen und religionspraktischen, wohl aber die individualpsychologischen Aspekte der Schrift von anderen Philosophen und Schriftstellern als wichtig erkannt. Was macht die Subjektivität des Menschen aus? Wie kann man sich selbst wählen? Diese Frage spielte plötzlich eine große Rolle und hierfür ließen sich bei Kierkegaard wichtige Ansatzpunkte entdecken. Schriftsteller wie Franz Kafka, Henrik Ibsen und Rainer Maria Rilke nutzten ihr Kierkegaard-Studium für ihr eigenes Leben und ihre Schriftstellerei. Max Frisch stellte die Möglichkeit der Selbstwahl oder -verleugnung ins Zentrum seines Romans Stiller. Existenzphilosophen wie Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Karl Jaspers und Martin Heidegger knüpften, wenn auch unterschiedlich stark modifiziert, an Kierkegaard an.

Kierkegaard beeinflusste auch die dialektische Theologie, eine Richtung innerhalb der protestantischen Theologie, die sich nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte. Der Hegel’schen Dialektik und Kierkegaards Religionsphilosophie folgend, spürte diese Theologie dem großen Gegensatz zwischen Schöpfung (These) und Neuschöpfung durch Christus (Antithese) nach.

Über den Autor

Sören Kierkegaard wird am 5. Mai 1813 als jüngstes von sieben Kindern eines wohlhabenden Kopenhagener Kaufmanns geboren. Schon früh setzt er sich, inspiriert von seinen religiösen Eltern, mit der Bedeutung der christlichen Lehre im alltäglichen Leben auseinander. 1830 immatrikuliert er sich an der Universität Kopenhagen, um Philosophie und Theologie zu studieren. Zeitlebens fühlt sich Kierkegaard geprägt von der Melancholie eines christlichen Schuldbewusstseins, das er über seinen Vater kennen gelernt hat, der den Tod seiner Frau und fünf seiner Kinder als Strafe Gottes ansah. 1841 bittet Sören Kierkegaard seine Verlobte Regine Olsen, das ein Jahr zuvor eingegangene Eheversprechen wieder zu lösen. Er hat Angst, wegen seiner Tendenz zur Schwermut nicht der richtige Mann für sie zu sein. Er bleibt ihr aber bis zu seinem Tod treu. In einem an Ereignissen armen Leben ist dies ein Vorgang, der auch in seinen Schriften Niederschlag findet. Wenige Wochen nach dem Bruch mit Regine fährt Kierkegaard nach Berlin, um dort Schellings Vorlesungen zu hören und sich mit dem Werk Hegels vertraut zu machen. Später kritisiert er den Hegelianismus in seinem ersten großen Buch Entweder – Oder. 1845 lässt er Stadien auf dem Lebensweg folgen. Zwischen 1843 und 1855 erscheinen unter diversen Pseudonymen alle weiteren Bücher Kierkegaards, deren Publikation er aus dem Vermögen seines 1838 verstorbenen Vaters finanziert, darunter Furcht und Zittern (1843), Die Wiederholung (1843), Philosophische Bissen und Der Begriff Angst (beide 1844). 1848 werden die Christlichen Reden veröffentlicht, die Kierkegaards Auseinandersetzung mit der dänischen Kirche einläuten. Er wirft ihr vor, dass das Christsein nicht mehr das Ergebnis einer bewussten Entscheidung sei, sondern ein von der Kirche unterstützter, geradezu mechanischer und mit keiner Mühe verbundener Vorgang. 1855 hat Kierkegaard, der nie einem Broterwerb nachgegangen ist, das Erbe des Vaters nahezu aufgebraucht und bereitet sich auf ein Leben in Armut vor. Am 2. Oktober des gleichen Jahres erleidet er einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 11. November stirbt.


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