Zusammenfassung von Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus

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Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Soziologie
  • Moderne

Worum es geht

Die Religion als Grundlage des Kapitalismus?

Warum haben gerade Nordamerika und Westeuropa den Kapitalismus hervorgebracht? Der Soziologe Max Weber warf diese Frage auf und beantwortete sie auch gleich: Die protestantische Ethik war die ideale Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus und der modernen Rationalisierungsprozesse. Der Protestantismus hatte die Bestimmung des Menschen neu definiert: Nicht mehr nur die Ausrichtung auf das Jenseits war entscheidend, sondern der tägliche Dienst zu Gottes Ehren, die Erfüllung der Pflichten im Hier und Jetzt. Arbeit wurde so zum Mittel der „innerweltlichen Askese“, mit deren Hilfe man Anfechtungen aller Art wie etwa den menschlichen Trieben zu begegnen hatte: nicht zu viel schlafen, keine Zeit verschwenden, nicht sinnlos daherreden! Reichtum zu besitzen, galt fortan nicht mehr als sündhaft, sofern er nicht dem Müßiggang diente, sondern investiert wurde. Wer seine Arbeit gut und effizient erledigte, diente Gott. Aus dieser kontrollierten Lebensführung entwickelte sich die protestantische Leistungsethik, die Arbeiter wie Unternehmer prägte. Die religiösen Wurzeln traten später zunehmend in den Hintergrund und machten einer rationalen, bürgerlichen Berufsethik Platz. Wenn heute in Feiertagsreden Arbeit als sinnstiftend bezeichnet wird, klingt genau jene Leistungsethik an, die Weber beschrieben hat.

Take-aways

  • Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus ist Max Webers bekanntestes Werk.
  • Die Studie ist als Gegenposition zur Marx’schen Gesellschaftstheorie berühmt geworden.
  • Weber zeichnet detailgenau die religiösen Einflüsse nach, die die Entwicklung des westlichen Kapitalismus seit der Reformation im 16. Jahrhundert bestimmten.
  • Nach Max Weber bildet der Protestantismus, besonders der Calvinismus, eine der Grundlagen des Kapitalismus.
  • Der Calvinismus zeichnete sich u. a. durch innerweltliche Askese, Fleiß und Arbeitseifer aus.
  • Innerweltliche Askese bedeutet eine kontrollierte, rationalistische Lebensführung, wodurch sich der Glaube in der Welt bewähren soll.
  • Den Anfeindungen des Lebens kann man am besten mit Arbeit begegnen. Die Berufsarbeit ist daher das wichtigste Mittel der Askese. Der Beruf wird zum Selbstzweck.
  • Der Calvinismus förderte die Möglichkeit, Kapital zu bilden und zu investieren. Reichtum war nur dann verpönt, wenn er dem Genuss und Konsum diente.
  • Die religiösen Wurzeln gingen zunehmend verloren, aus ihnen entstand die bürgerliche Berufsethik.
  • Die Studie gehört zu Max Webers persönlichsten Aufzeichnungen, weil sie viele Bezüge zu seiner Biografie aufweist.
  • Das Buch war zudem ein politisches Manifest für das deutsche Bürgertum, dem Weber Orientierungsmöglichkeiten aufzeigen wollte.
  • Max Weber ist Mitbegründer der Soziologie. Die protestantische Ethik ist eines der ersten soziologischen Werke.
 

Zusammenfassung

Konfessionen und Wohlstand

Kapitalbesitzer und Unternehmer sind in Deutschland mehrheitlich Protestanten, ebenso die höheren Angestellten in den Unternehmen. Der größere Reichtum der protestantischen Bevölkerung hat historische Ursachen. Ab dem 16. Jahrhundert schlossen sich vor allem die reichen Städte und Gebiete der lutherischen Reformation an. Mit der Anerkennung von Luthers Thesen begaben sich die Menschen in ein noch viel stärkeres religiöses Korsett als die Angehörigen der katholischen Kirche, denn die protestantische Ethik umfasste alle Aspekte des häuslichen Lebens. Da größerer Wohlstand bessere Bildung bedingt, haben Protestanten oft höhere Schulabschlüsse als Katholiken. Katholische Eltern legen im Allgemeinen mehr Wert auf einen humanistischen Abschluss ihrer Kinder, Protestanten auf einen technischen oder naturwissenschaftlichen. Außerdem bleiben die Katholiken eher in ihrem erlernten Beruf, während sich die Protestanten Stellen in Unternehmen suchen, die ihnen als gelernten Arbeitern den Aufstieg ermöglichen.

Die Weltfremdheit der Katholiken

Auch in Zeiten der Unterdrückung haben Katholiken – anders als Juden oder Quäker – ihren Ehrgeiz nicht in das ökonomische Fortkommen gesteckt, wenn ihnen die Teilhabe an anderen Bereichen der Gesellschaft oder des Staates verboten war. Als Argument für die geringere Beteiligung der Katholiken am Erwerbsleben wird öfter ihre größere Weltfremdheit angeführt. Sie seien eher dem Jenseits als dem irdischen Geschehen zugewandt. Dem widerspricht, dass die mindestens ebenso weltfremden Calvinisten wie auch die Quäker und Mennoniten, deren Alltag durch religiöse Vorschriften stark reglementiert wird, besonders geschäftssinnig sind. Ein gutes Beispiel sind die Calvinisten in Frankreich, die einen großen Anteil an der gewerblichen und kapitalistischen Entwicklung des Landes hatten. Der Zusammenhang zwischen dem protestantischen Geist und der modernen kapitalistischen Kultur muss in den religiösen Gedankenwelten selbst gesucht werden.

Der "Geist" des Kapitalismus

Doch was ist der eigentliche Geist des Kapitalismus? Gibt es historische Beispiele, die diesen Begriff veranschaulichen können? In den Schriften des amerikanischen Politikers Benjamin Franklin aus der Mitte des 18. Jahrhunderts findet man die Voraussetzungen dieses kapitalistischen Geistes in Sätzen wie dem berühmten „Zeit ist Geld“. Franklin erklärt, dass ein Ehrenmann ethisch verpflichtet ist, sein Kapital zu vermehren, alles andere wäre grobe Missachtung seiner Pflichten. Das Leitmotiv des Kapitalismus heißt demnach: Erwerb ist der Zweck des Lebens. Daraus entstand die früher nicht selbstverständliche Berufsethik, die Bedingung für den Kapitalismus ist. Heute wird der Mensch allerdings in die Zwänge des kapitalistischen Systems hineingeboren. Das gilt sowohl für Fabrikanten als auch für Arbeiter. Der Kapitalismus schafft sich auf dem Wege der ökonomischen Auslese die Unternehmer und Arbeiter, die er braucht. Der kapitalistische Geist war jedoch schon vor der Entwicklung des kapitalistischen Systems da.

Wie sich die Berufsethik durchsetzte

Die ethischen Voraussetzungen für den Kapitalismus zu schaffen, war nicht einfach. Das Streben nach Gewinn und Reichtum wäre in Altertum und Mittelalter als Geldgier und Geiz interpretiert worden, den Christen war es gar verboten, Geld gegen Zinsen anzulegen. Ein weiteres Hindernis für den Kapitalismus war die Tradition der Bedarfsdeckung durch Arbeit. So produzierten die Arbeiter z. B. in der Landwirtschaft immer nur das, was sie zum Leben brauchten. Höhere Löhne bei der Akkordarbeit verhießen daher nicht unbedingt höhere Produktivität. Und ein niedrigerer Lohn führte oftmals ebenfalls zu schlechten Ergebnissen, vor allem wenn es um qualifizierte Arbeit ging. Warum? Früher war der Bedarf der Zweck und die Arbeit nur das Mittel, um den Bedarf zu decken. Der Kapitalismus fordert dagegen von den Menschen, die Arbeit als Selbstzweck, d. h. als Beruf, zu betreiben. Im Frühkapitalismus konnte man nur schwer Arbeiter in den Industriegebieten rekrutieren. Die meisten Unternehmer waren zwar im 18. Jahrhundert im kaufmännischen Sinn Kapitalisten, aber erst später brachte der kapitalistische Geist Unternehmer neuen Typs hervor, die ihr Kapital vermehrten und investierten und es nicht nur dafür verwendeten, um selbst gut leben zu können.

„In der Tat ist nun schon auffallend – um mit einigen ganz äußerlichen Momenten zu beginnen –, wie groß die Zahl der Vertreter gerade der innerlichsten Formen christlicher Frömmigkeit ist, die aus kaufmännischen Kreisen stammen. Speziell der Pietismus verdankt eine auffallend große Zahl seiner ernstesten Bekenner dieser Abstammung.“ (S. 7)

Der Kapitalismus wird auch noch von anderen Grundmotiven geprägt, etwa der ökonomischen Rationalisierung, wie sie Werner Sombart beschrieben hat. Die Rationalisierung spielt für den wirtschaftlichen Erfolg eine große Rolle. Sie erklärt jedoch nicht das Irrationale des kapitalistischen Geistes, der besagt, dass der Mensch für das Geschäft da sei, nicht umgekehrt. Die Arbeit wird im Kapitalismus als unentbehrlich und als ethischer Wert an sich betrachtet.

Luthers Berufsbegriff

Der Geist des Kapitalismus geht auf Ideen von Martin Luther und Johannes Calvin zurück. Der Begriff „Beruf“, wie er heute verstanden wird, nämlich als abgegrenztes Arbeitsgebiet, wurde zuerst in der Luther’schen Bibelübersetzung verwendet. Dort heißt es an einer Stelle: „Und bleibe in deinem Beruf.“ Lateinisch-katholische Völker kannten das Wort „Beruf“ im Sinne einer von Gott gestellten Aufgabe nicht. Im Unterschied zum Katholizismus machte Luther in seinen Schriften deutlich, dass die mönchische Askese und Entsagung von der Welt nicht notwendig sei, um Gottes Wohlgefallen zu finden. An erster Stelle müssten die Gläubigen ihre Pflichten in der Welt erfüllen. Im Laufe der Zeit wandelte sich Luthers Berufsbegriff. Zu Beginn der Reformation sagte er noch, es sei sinnlos, auf die Art des Berufes Wert zu legen. Später, als er immer mehr in weltliche Geschäfte verwickelt wurde, machte er deutlich, dass es eine Fügung Gottes sei, in welchen Stand und Beruf der Mensch gestellt ist. Bei Calvin lassen sich deutlichere Beziehungen zwischen der Entstehung des kapitalistischen Geistes und der altprotestantischen Ethik herstellen. Die Reformatoren maßen allerdings dem Streben nach Gütern an sich noch keinen ethischen Wert zu. Dennoch haben sich zweifellos religiöse Einflüsse auf die weltliche Kultur ausgewirkt.

Vier Strömungen des Protestantismus

Es gibt vier Träger des Protestantismus:

  1. Calvinismus,
  2. Pietismus,
  3. Methodismus (die englisch-amerikanische Form des Pietismus),
  4. Sekten, die aus der Bewegung der Wiedertäufer entstanden sind.
„Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen.“ (S. 15)

Um den Calvinismus sind im 17. und 18. Jahrhundert in England, Frankreich und den Niederlanden die größten Glaubenskämpfe geführt worden. Die protestantischen Glaubensrichtungen weisen dogmatische Differenzen auf, teilen aber große Gemeinsamkeiten in der Lebensführung. Um den Geist des Kapitalismus zu untersuchen, müssen die psychologischen Antriebe dieser Lebensführung geklärt werden. Diese Antriebe sind zunächst durch religiöse Dogmen bestimmt gewesen. Das wichtigste Dogma des Calvinismus war die Gnadenwahl: Das ewige Schicksal, also Himmel oder Hölle, ist dem Menschen vorbestimmt (Prädestination). Gott ist nicht für den Menschen, sondern der Mensch für Gott da. Alles, was geschieht, geschieht zur Verherrlichung Gottes. Es gibt eine ewige Wahrheit, die aber nur Gott allein kennt, daher ist der Sinn des Lebens ein dunkles Geheimnis. Man weiß nur: Manche sind verdammt, andere kommen in den Himmel. Diese unmenschliche Festlegung führte zur Vereinsamung des Individuums in der Welt. Anders als etwa die Katholiken, denen die Kirche Sakramente als Gnadenmittel zur Verfügung stellte, waren die Protestanten ganz auf sich gestellt: Nichts und niemand – kein Sakrament, kein Priester, keine Kirche – kann dem Menschen helfen. Er ist allein unterwegs; weder kennt er sein Schicksal, noch kann er es ändern.

Verherrlichung Gottes in der Welt

Trotz dieser sehr distanzierten Beziehung der Calvinisten zu Gott ist es die wichtigste Aufgabe des Menschen, Gott in der Welt zu verherrlichen und ihm zu dienen. Daraus entwickelte sich im Calvinismus eine bestimmte soziale Gestaltung des Lebens. Alles, auch die Berufsarbeit, wurde auf das Dienen Gott gegenüber ausgerichtet. Arbeit fördert Gottes Ruhm und ist also gottgewollt. Die alles entscheidende Frage dabei heißt: Bin ich als Gläubiger von Gott erwählt oder nicht? Mit der so genannten Gnadenwahl ging man im Laufe der Zeit unterschiedlich um. Der Reformator Calvin selbst hielt sich für von Gott begnadet, daher kümmerte ihn das Thema kaum, und er gab keine Hinweise, wie die Gläubigen mit dieser Frage umgehen sollten. Seine Nachfolger erteilten später zwei seelsorgerische Ratschläge: Es wurde erstens zur Pflicht, sich für erwählt zu halten, zweitens galt mangelnde Selbstgewissheit in dieser Frage als Anfechtung des Teufels. Um der fehlenden Selbstgewissheit zu begegnen, wurde den Gläubigen rastlose Berufsarbeit vorgeschlagen. Sie sichere den Gnadenstand und räume gleichzeitig die Zweifel aus. Nur das Bewusstsein der Hingabe an den Beruf, nicht etwa der wirtschaftliche Erfolg, sei Beleg für die Auserwählung.

Innerweltliche Askese

Anders als die mittelalterliche katholische ist die calvinistische eine innerweltliche Askese. Das bedeutet: Der Glaube muss sich in der Welt, also auch im Berufsleben, bewähren. Dies setzt eine kontrollierte Lebensführung, d. h. eine Rationalisierung des Lebens, voraus. Ziel der Askese ist es, ein authentisches, bewusstes Leben zu führen. Die Aufgabe ist die Überwindung der Triebe. Die Normen der asketischen Lebensführung sind schon im Alten Testament festgelegt. Fehltritte, Sünden und Fortschritte hielten die reformierten Christen häufig in einer Art Tagebuch fest. Allerdings ist die protestantische Askese unterschiedlich ausgeprägt, am stärksten ist sie im Puritanismus. Bei Luther fehlt diese Selbstkontrolle des Lebens. Im Pietismus dagegen wollten die Gläubigen schon im Diesseits die Gemeinschaft mit Gott kosten, was zu Phänomenen religiöser Verzückung führen konnte.

Arbeit und Berufsgliederung

Die Schriften verschiedener Reformatoren machen deutlich, wie die religiösen Grundvorstellungen des Protestantismus mit den Maximen des ökonomischen Alltagslebens zusammenhängen. Erwähnenswert ist vor allem der englische Pfarrer Richard Baxter, ein Puritaner. Er bezeichnete das Streben nach Reichtum als etwas Verwerfliches, noch schlimmer sei jedoch der Genuss oder das Ausruhen auf dem Besitz. Die schwerste aller Sünden sei die Zeitverschwendung. Wertlos sei auch die Kontemplation, wenn sie auf Kosten der Berufsarbeit gehe. Die Arbeit ist demnach ein asketisches Mittel, um den Menschen vor den Anfechtungen des Lebens zu schützen, und Baxter verschrieb sie gegen religiöse Zweifel, Selbstquälerei und sexuelle Versuchungen. Sie wurde damit zum Selbstzweck. Auch der Reiche sei zur Arbeit verpflichtet: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Die Vorsehung Gottes hält nach dieser Lehre für jeden einen Beruf bereit. Das Phänomen der Arbeitsteilung und der Berufsgliederung der Gesellschaft ist folglich eine Konsequenz des göttlichen Weltplans. Die Berufsausübung wird so zum ethischen Prinzip; nur wer einem festen Beruf nachgeht, erfüllt die Voraussetzungen der innerweltlichen Askese.

Die Entwicklung des Kapitalismus

Der „Selfmademan“, der seine Chance ergreift, wird von der puritanischen Kirche gebilligt, nicht aber der Mensch, der mit seinem Reichtum protzt. Die puritanische Auffassung von Beruf und Askese hatte direkte Auswirkungen auf die Entwicklung des Kapitalismus. Das Genießen des Daseins, Konsum und vor allem Luxus sind verpönt. Geld darf nur für die Lebenszwecke des Einzelnen und der Gesamtheit ausgegeben werden. Das führte in England und Holland auch zu einer Einschränkung von Kultur, Kunst und Musik, die als unnütz galten. Reichtum zu erwerben, durfte zwar nicht Zweck der Berufsarbeit sein, war aber ihre Frucht, also die legale Folge. Durch den asketischen Sparzwang – das Kapital durfte ja nicht für Genuss und Konsum ausgegeben werden – kam es zur Kapitalbildung, die damit gottgewollt war. So wurde die Arbeit als Mittel der Askese für den Geist des Kapitalismus bestimmend. Beim Gelderwerb konnte man nun also ein gutes Gewissen haben. Die spezielle bürgerliche Berufsethik war entstanden. Ihre volle ökonomische Wirkung entfaltete sie aber erst, als die religiösen Wurzeln langsam abstarben und die Suche nach dem Gottesreich sich in eine nüchterne bürgerliche Berufstugend umwandelte. Die protestantische Ethik half so entscheidend beim Aufbau der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit, die in der Gegenwart den Lebensstil vieler Menschen bestimmt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Max Weber hat seine Studie Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus in zwei große Abschnitte eingeteilt: „Das Problem“ und „Die Berufsidee des asketischen Protestantismus“. Das Kapitel „Das Problem“ hat drei Unterpunkte, die der begrifflichen Klärung gelten und in die wissenschaftliche Methode einführen. In den beiden Unterpunkten des zweiten Kapitels „Die Berufsidee des asketischen Protestantismus“ widmet sich der Autor den religiösen Grundlagen der Askese und dem Zusammenhang von Askese und Kapitalismus. Ausführlich beschreibt er, wie unterschiedlich die protestantischen Kirchen vom Calvinismus über den Puritanismus bis zum Wiedertäufertum auf die Entstehung des kapitalistischen Systems gewirkt haben. Webers Stil ist relativ leicht lesbar, allerdings werden viele Begriffe nicht klar definiert, sondern es werden ihnen im Laufe der Analyse immer mehr Facetten hinzugefügt. Vor allem die vielen Beispiele geben der Studie Farbigkeit und Tempo. Zusätzliche Erläuterungen versteckt Weber gerne in umfangreichen Fußnoten. Außerdem untermauert er seine Thesen mit reichlich Zahlenmaterial.

Interpretationsansätze

  • Max Webers Werk wird als Gegenposition zu Marx und dessen materialistischer Geschichtsauffassung und Gesellschaftstheorie angesehen. Nicht der ökonomische Unterbau stützt laut Weber den Kapitalismus, sondern die aus der Religion herrührende Leistungsethik.
  • Weber stützt seine Thesen vorwiegend auf die protestantisch-calvinistische Theologie und Praxis, da Luther die asketische Selbstkontrolle weniger betonte.
  • In diesem Text hat Weber auch seine Familiengeschichte und seine eigene Biografie verarbeitet. Seine Familie hatte sowohl zum Protestantismus wie zum Unternehmertum starke Bindungen.
  • Max Weber hatte ein große Vorliebe für England, dessen wirtschaftlichen Erfolg er bewunderte und dessen puritanische Wurzeln er dafür verantwortlich machte.
  • Der Wissenschaftler wollte auch dem stark verunsicherten Bürgertum eine Orientierungshilfe an die Hand geben, indem er an die glorreiche Zeit des Bürgertums erinnerte und dessen historische Bedeutung aufzeigte.
  • Gegen die Studie wurde eingewendet, Begrifflichkeit und Methode seien zu unklar, um als sozialwissenschaftliche Abhandlung gelten zu können. Auch Historiker kritisierten Max Webers Theorie und ihre geschichtliche Herleitung, die Schwächen und Lücken aufweise. Dennoch gilt Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus als kanonischer Text der Soziologie und Kulturgeschichtsschreibung.
  • Entgegen der manchmal geäußerten Meinung hat Max Weber nicht etwa behauptet, irdischer Reichtum sei für die Protestanten ein Zeichen, in den Himmel zu kommen. Irdischer Reichtum ist für sie bloß ein Nebenprodukt der richtigen Lebensweise.
  • Aus heutiger Sicht kann man Kritik an Webers Theorie üben, indem man darauf verweist, dass z. B. in Deutschland inzwischen der katholische Süden ökonomisch erfolgreicher ist als der protestantische Norden. Auch der Erfolg des Kapitalismus beispielsweise in einigen asiatischen Staaten kann nicht direkt aus der protestantischen Ethik hergeleitet werden, eher noch aus dem Konfuzianismus.

Historischer Hintergrund

Kapitalismus und Soziologie

Die Industrialisierung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch Deutschland mit aller Macht erfasste, brachte eine Umwälzung der Lebensformen vieler Menschen. Große Fabriken entstanden, die Landflucht nahm zu. Heerscharen von verarmten Bauern ließen sich in den stetig wachsenden Städten nieder, lebten und arbeiteten teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen. Gleichzeitig wuchs das zur Verfügung stehende Kapital enorm. Viele Wissenschaftler beschäftigten sich mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus. Vor allem Karl Marx und Friedrich Engels analysierten in ihren Werken dessen Entwicklung und kämpften gleichzeitig für die Überwindung dieses Systems. Dem Sozialwissenschaftler Max Weber ging es dagegen um eine fundierte, anhand von Beispielen belegbare, geisteswissenschaftliche Analyse des Kapitalismus. Die Soziologie war damals noch keine akademische Disziplin, Max Weber hatte keinen soziologischen Lehrstuhl inne, sondern einen für Ökonomie. Aber die Methoden, die in der Soziologie noch heute angewendet werden, wurden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts unter Webers Federführung entwickelt. Es galt, gesellschaftliche und historische Phänomene zu beobachten, zu vergleichen und zu analysieren. Max Weber gehörte neben Georg Simmel, Werner Sombart und Émile Durkheim zu den bedeutendsten Vertretern der neu entstehenden Wissenschaft. Weber mahnte seine Kollegen immer zur wertfreien Betrachtung der Dinge, ein Prinzip, das er auch in seiner Schrift Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus einzuhalten versuchte.

Entstehung

Zu seiner berühmten Protestantismusstudie wurde Max Weber wohl durch die Arbeit eines Schülers, der bedeutende Wirtschaftsunternehmen vornehmlich in protestantisch geprägten Regionen oder unter protestantischer Leitung identifizierte, während Katholiken anscheinend überwiegend im Handwerksbetrieben und Kleinunternehmen beschäftigt waren. Auf diesen Beobachtungen aufbauend legte Weber eines der ersten Werke vor, die nach seiner schweren psychischen Erkrankung entstanden. Die Krankheit hatte es ihm unmöglich gemacht, weiter im universitären Lehrbetrieb tätig zu sein. Sein Versuch, einen Zusammenhang zwischen der protestantischen Ethik und der Entstehung des kapitalistischen Systems herzustellen, war nicht völlig neu. Werner Sombart, auf den sich Weber auch bezog, hatte bereits 1902 eine Studie mit dem Titel Der moderne Kapitalismus veröffentlicht und verwies darin auf die religiösen Ursprünge des Kapitalismus. Webers Protestantismusaufsatz erschien in zwei Teilen 1904 und 1905 in den Bänden 20 und 21 des Archivs für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik. Weber plante noch eine weitere Fortsetzung, die aber nicht zustande kam. 1920 überarbeitete er den Text jedoch gründlich und nahm ihn in erweiterter Form in die Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie auf. Urfassung wie Neubearbeitung sind durch umfangreiche Fußnoten ergänzt, in denen Weber zum einen seine Thesen mit Zitaten untermauert, zum anderen auf die historischen und kulturtheoretischen Fundamente seiner Schrift verweist.

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte von Max Webers berühmter Protestantismusstudie ist schwer zu überschauen. Ihre Ideen und Thesen ebenso wie ihr fachübergreifender Ansatz haben viele Wissenschaftler auf den Plan gerufen: Theologen, Soziologen, Ökonomen und Historiker. Bereits kurz nach ihrem Erscheinen war Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus heftiger Kritik ausgesetzt. Vor allem der Sozialwissenschaftler Lujo Brentano, der aus einer katholischen Perspektive urteilte, setzte dem Werk stark zu, weshalb seine Einwände von Max Weber in der Überarbeitung von 1920 mit einbezogen wurden. Weber hat sich bis zu seinem Lebensende mit der Kritik und der Antikritik auseinandergesetzt. 33 Seiten lang ist die so genannte „Bibliographie zur Kontroversialliteratur“, die alle bis 1978 entstandenen kritischen Texte nachweist. Webers Kritiker monierten vor allem, dass er immer vom Kapitalismus spreche, ohne die verschiedenen Kapitalismusformen zu unterscheiden. Außerdem habe er Geist und Form des Kapitalismus ungenau definiert. Deshalb nahm Weber in der Überarbeitung von 1920 wichtige Präzisierungen der Grundbegriffe vor und stellte sich damit den Gegenargumenten. Auch behandelte er in der Neubearbeitung die Bedeutung der verschiedenen Weltreligionen, um den Protestantismus in einen universalen Kontext zu stellen.

Da Max Weber sich weniger mit dem lutherischen Protestantismus als mit dem Calvinismus und dessen puritanischer Ausprägung in Amerika und England beschäftigte, waren seine Werke in den USA bekannter als in Europa. Schon 1930 wurde das Buch von dem amerikanischen Soziologen Talcott Parsons übersetzt. Jede Generation von Studenten hat ihre eigene Interpretation der Folgen der protestantischen Ethik für den Kapitalismus aus Webers Ausführungen herausgelesen. Noch heute erscheinen jedes Jahr zahlreiche Studien zu Webers Werk, vor allem an amerikanischen Universitäten.

Über den Autor

Max Weber wird am 21. April 1864 in Erfurt als erstes Kind des Juristen Max Weber und dessen Frau Helene geboren. Die Großmutter mütterlicherseits ist strenggläubige Calvinistin. 1869 zieht die Familie nach Berlin, wo sich Max und seine Geschwister allerdings nicht wohlfühlen. Der Vater wird Abgeordneter der Nationalliberalen Partei. Weber studiert Jura, Nationalökonomie, Philosophie und Geschichte. Er wird im Fach Jura promoviert und habilitiert. Früh setzt er sich mit der Situation der Arbeiter auseinander und wird Mitglied verschiedener Vereine. 1893 heiratet er die spätere Frauenrechtlerin Marianne Schnitger. Seine Universitätskarriere beginnt vielversprechend: Weber wird Professor für Nationalökonomie in Freiburg und später in Heidelberg. Doch schon bald treten gesundheitliche Probleme auf. Von 1897 an muss er seine Lehrtätigkeit einschränken und 1903 ganz einstellen, denn er leidet unter einer depressiven Erkrankung. Es folgen mehrere Sanatoriums-Aufenthalte und Erholungsreisen. 1904 erscheinen im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, das er selbst mitherausgibt, gleich zwei bedeutende Schriften: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis und Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. 1909 wird Weber Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Später trägt er immer mehr zur Etablierung der Soziologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin bei. 1913 beginnt er mit seinem Hauptwerk Wirtschaft und Gesellschaft. Weber äußert sich auch zunehmend zu tagespolitischen Fragen und ist 1918 an der Gründung der Deutschen Demokratischen Partei beteiligt. Ab Herbst 1918 geht er – inzwischen Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität – eine heimliche Liebesbeziehung mit Else Jaffé-von Richthofen ein, bleibt aber seiner Frau Marianne eng verbunden. Am 14. Juni 1920, mit erst 56 Jahren, stirbt Max Weber in München an einer Lungenentzündung. Zwei Jahre später wird das Mammutwerk Wirtschaft und Gesellschaft aus dem Nachlass veröffentlicht.


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