Zusammenfassung von Die Ratten

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Die Ratten Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Naturalismus

Worum es geht

Kakofonie der Großstadt

Schon lange hatte Hauptmann den Drang verspürt, über die junge Metropole Berlin zu schreiben. „Dämonen“ sah er hier am Werk, ein „Inferno“, dem er „den Spiegel vorhalten“ wollte. Seine „Berliner Tragikomödie“ lässt sich mit Fug und Recht als dieser Spiegel bezeichnen – ein Hohlspiegel, in dem sich das ganze damalige Elend der Stadt bündelt, so wie sich im realen Berlin sämtliche Tendenzen und Strömungen, Ideen und Ideologien, Krankheiten und Nöte des überlebten wilhelminischen Staatsgebäudes versammelten. Zwischen 1850 und 1900 hatte sich die Einwohnerzahl Berlins vervierfacht. Was heute schicke Altbauwohnungen in angesagten Vierteln sind, waren damals Massenunterkünfte für das recht- und mittellose Industrieproletariat. Die berüchtigten Mietskasernen waren Brutstätten für Seuchen, Ungeziefer und Kriminalität. Berlin war drauf und dran, an seinem Wachstum zugrunde zu gehen. Auch das bürgerliche Lebensmodell geriet ins Wanken. Dem schicksalhaften Strudel ökonomischer und sozialer Zwänge, in dem die einst fein säuberlich getrennten sozialen Milieus blind aneinander vorbei- und dennoch gemeinsam in den Abgrund taumelten, gab Hauptmann in Die Ratten einen literarischen Ausdruck, der wohl nie an Aktualität verlieren wird.

Take-aways

  • Mit Die Ratten schuf der Dramatiker Gerhart Hauptmann ein Meisterwerk des modernen Theaters.
  • Inhalt: In einer Mietskaserne leben mehrere Menschen auf engem Raum. Die kinderlose Maurersfrau Jette John kauft dem Dienstmädchen Pauline das Baby ab und gibt es als ihr eigenes aus. Als die Sache auffliegt, wird Frau John von ihrem Mann verstoßen und nimmt sich das Leben. Derweil streiten sich der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter und der gescheiterte Theologiestudent Spitta über Kunst.
  • Das Stück spielt Ende des 19. Jahrhunderts, als Berlin durch rasantes Bevölkerungswachstum und soziale Verelendung in eine schwere Krise geriet.
  • Das Nebeneinander verschiedener sozialer Milieus in der Mietskaserne steht symbolisch für die wilhelminische Gesellschaft.
  • Das Motiv der Ratten, von denen die Mietskaserne befallen ist, spiegelt die Unterhöhlung der wilhelminischen Gemütlichkeit durch die Moderne wider.
  • Die sozialen Unterschiede der Figuren äußern sich in sprachlichen Eigenheiten.
  • In der komischen Nebenhandlung um Hassenreuter und Spitta verhandelt Hauptmann den Konflikt zwischen klassizistischem und naturalistischem Theater.
  • Hauptmann schrieb das Stück binnen weniger Monate, nahm aber noch bis kurz vor der Uraufführung immer wieder Veränderungen vor.
  • Die Ratten waren kein unmittelbarer Erfolg. Einigen Kritikern war die Vermischung des tragischen mit dem komödiantischen Element zu gewagt.
  • „,Sie meinen also, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, die Frau John besitze kein eigenes Kind, und das, was dafür gegolten hat, wäre das Ihre.‘ – ,Schlag’ Blitz mich nieder, wenn nich so is.‘“ (Hassenreuter und Pauline)
 

Zusammenfassung

Ein unmoralisches Angebot

Jette John wohnt im zweiten Stock einer heruntergekommenen Berliner Mietskaserne. Ihr Mann, der Polier Paul John, ist in Altona auf Montage. Vor drei Jahren starb ihr Sohn Adelbert, erst acht Tage alt. Seitdem leiden Frau und Herr John darunter, keine Kinder zu haben. Frau John entwickelt einen heimlichen Plan: Sie will dem Dienstmädchen Pauline Piperkarcka, die von einem treulosen Liebhaber erst geschwängert und dann verlassen wurde, ihr Kind abkaufen, sobald es geboren ist. Im Dachgeschoss des Hauses hat der ehemalige Theaterdirektor Harro Hassenreuter einen kompletten Theaterfundus untergebracht. Durch den Verleih von Kostümen, Masken und Requisiten bringt er sich nach dem unfreiwilligen Ende seines letzten Engagements über die Runden. Frau John arbeitet für Herrn Hassenreuter als Putzfrau. Sie hat sich in dessen Fundus mit Pauline verabredet, um ihr den Vorschlag zu unterbreiten. Doch Pauline sagt, lieber wolle sie ihr Kind und auch sich selbst umbringen. Frau John lässt nicht locker. 123 Mark bietet sie dem Mädchen, dazu die Gewissheit, dass ihr Kind in geordneten Verhältnissen aufwachsen werde.

Kommen und Gehen

Hassenreuters Tochter Walburga kommt – angeblich ganz zufällig – dazu. Wie sich aber herausstellt, wollte sie sich mit ihrem Hauslehrer Erich Spitta hier treffen. Plötzlich dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Die Frauen verstecken sich. Herr Hassenreuter betritt das Dachgeschoss in Begleitung des Hofschauspielers Nathanael Jettel. Hassenreuter ruft nach Frau John. Die antwortet nicht. Jettel will sich Kostüme leihen, doch der Exdirektor weigert sich, die Sachen eigenhändig herauszusuchen. Dafür hat er ja Frau John, die nur leider nicht auffindbar ist. Jettel muss unverrichteter Dinge abziehen.

„Also, Pauline, wenn et jeboren is, nehm’ ick det Kind, un bei meine in Jott vastorbene Eltern (...): det kleene Wurm soll et madich jut hab’n, wie et besser keen jeborener Prinz und keene jeborene Prinzessin haben tut.“ (Frau John zu Pauline, S. 12)

Kaum ist er fort, klingelt es. Es ist die Schauspielerin Alice Rütterbusch. Hassenreuter kennt sie aus seiner Zeit als Theaterdirektor in Straßburg. Die beiden küssen sich. Eben hat Hassenreuter eine Flasche Wein geköpft, da klingelt es schon wieder. Die Rütterbusch verschwindet im Nebenraum. Spitta tritt ein, ein ehemaliger Theologiestudent. Er will eigentlich zu Walburga. Hassenreuter, teilt ihm mit, diese sei mit ihrer Mutter in der Kirche. Spitta wechselt das Thema: Er will Schauspieler werden und bittet Hassenreuter um seine Meinung. Der lacht ihn aus. Er sei körperlich und stimmlich völlig ungeeignet. Doch Spitta hat viel vor: Ihm geht es um eine ästhetische Revolution. Ein zeitgemäßes Theater soll, nach seiner Ansicht, die soziale Wirklichkeit abbilden, das Elend des kleinen Mannes, statt die Schicksale mythischer Könige. Spitta hat seinem Vater, einem Landpfarrer, in einem langen Brief bereits seinen Studienabbruch gebeichtet und will nun Hassenreuters Schüler werden.

Familie John

Die Johns sind inzwischen zu dritt: In einem Kinderwagen liegt ein Säugling. Paul John, endlich zurück aus Altona, glaubt, Vater geworden zu sein, und ist voller Stolz. Da kommt Selma Knobbe, die Tochter der drogenabhängigen Nachbarin Sidonie Knobbe, mit ihrem kranken Geschwisterchen herein. Frau John, sonst gern bereit, dem überforderten Mädchen auszuhelfen, schickt sie weg, weil sie befürchtet, ihr „Adelbertchen“ könnte sich anstecken. Kaum ist Selma weg, klopft es an der Tür. Es ist Walburga mit ihrer Mutter, Frau Hassenreuter, wenig später kommt Herr Hassenreuter hinzu. Sie bringen den frischgebackenen Eltern einen Apparat zur Milchsterilisation. Mit Hassenreuters Schauspielschülern Dr. Kegel und Herr Käferstein stellen sich weitere Gratulanten ein. Herr John gibt eine Runde Schnaps aus. Dann macht er eine offizielle Mitteilung: Er wird künftig nicht mehr zur Montage nach Altona fahren, sondern sich eine Arbeit in Berlin suchen. Jetzt kommt auch der neue Schüler Spitta hinzu. Hassenreuters Klasse ist komplett.

„Ick habe mir allens ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht, sach’ ick Ihn. Und weder ’n Dokter noch Polizei noch Ihre Wirtin merkt wat von.“ (Frau John zu Pauline, S. 12)

Die Gäste verabschieden sich und auch Herr John macht sich auf, Geschäftliches zu erledigen. Seine Frau geht mit dem Kind nach nebenan. Wenig später bekommt sie Besuch von Pauline, die ihren Sohn sehen will. Frau John schmeißt sie mit Ohrfreigen raus. Pauline schreit um Hilfe; das wirkt: Frau John gibt sich jetzt freundlich. Doch nur mit Mühe kann sie Pauline davon abbringen, zur Polizei zu gehen. Als Pauline ihren Wunsch wiederholt, das Kind zu sehen, rastet Frau John erneut aus. Ihrer Meinung nach hat Pauline das Kind gar nicht verdient. Nur ihr, Frau John, sei es zu verdanken, dass es überhaupt noch lebe. Pauline habe es ja umbringen wollen. Pauline wiederum wirft Frau John vor, sie gegen ihren Willen zum Verkauf des Kindes gebracht zu haben. Der Streit eskaliert. Schließlich erwähnt Pauline, sie habe die Geburt des Kindes auf dem Standesamt gemeldet, aus Angst vor einer Strafe. Außerdem habe sie Frau John als Pflegemutter angegeben. Gleich morgen komme ein Gemeindemitarbeiter, um nach dem Rechten zu sehen. Frau John ist entsetzt.

Unterricht mit Hindernissen

Anderntags gibt Hassenreuter Schauspielunterricht im Dachgeschoss. Zunächst tragen Kegel und Käferstein ihre Rollen vor. Hassenreuter verzweifelt schier angesichts ihrer kläglichen Versuche. Auch der Hausmeister Quaquaro ist anwesend. Ihm erteilt Hassenreuter den Auftrag, Nachforschungen anzustellen über einige Kisten mit Kostümen, die abhandengekommen sind. Außerdem hat man in der Bodenkammer einen unheimlichen Fund gemacht: ein blau kariertes Federbett und eine Scherbe. Kegel und Käferstein mutmaßen, dass ein blutiges Verbrechen stattgefunden hat.

„Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich; (...) was hier an Not, Hunger, Elend existiert und an lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu schreiben.“ (Hassenreuter zu Alice Rütterbusch, S. 26)

Nachdem Quaquaro sich in die Bodenkammer verzogen hat, geht der Unterricht weiter. Spitta ist an der Reihe. Während seine Mitschüler mit überzogenem Pathos und falschen Betonungen den Zorn des Lehrers auf sich gezogen haben, treibt Spitta diesen mit gewollt betonungslosem Vortrag zur Weißglut. Es kommt zu einer erregten Debatte zwischen Hassenreuter und Spitta. Letzterer verachtet den rhetorischen Prunk des Klassizismus. Er postuliert ein neues Theater, beruft sich auf Lessing. Da ertönt die Klingel. Hassenreuter schickt die anderen weg. Vor der Tür steht Spittas Vater, der Pfarrer, der sich in den Sündenpfuhl Berlin begeben hat, um seinen Sohn auf den rechten Weg zurückzubringen. Hassenreuter versucht ihn zu beschwichtigen. Doch als der Pastor ihm ein Foto zeigt, das er eben in der Wohnung seines Sohnes gefunden hat, packt Hassenreuter der Zorn: Es ist ein Porträt Walburgas mit einer zärtlichen Widmung für Spitta. Hassenreuter wimmelt den Pastor ab, ruft Spitta und seine Tochter zu sich und liest ihnen die Leviten. Nachdem er Spitta weggeschickt hat, fordert er Walburga auf, die Beziehung zu beenden.

Skandal im Dachgeschoss

Der Unterricht geht weiter. Doch gleich folgt die nächste Unterbrechung: Pauline und ihre Bekannte Frau Kielbacke erscheinen mit einem kranken Säugling. Es sei das Pflegekind von Frau John, das diese vernachlässigt habe, weshalb sie es aus der Wohnung geholt hätten. Jetzt wollen sie Frau John sprechen. Herr Hassenreuter, der nicht versteht, warum Frau John ein Pflegekind haben soll, sagt, das Ganze sei ein Irrtum und Frau John sei mit ihrem eigenen, übrigens kerngesunden Kind auf Verwandtenbesuch. Pauline aber glaubt fest, dass es sich um ihr eigenes Kind handelt. Sie will zur Polizei gehen.

„‚Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?‘ – ‚Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig?‘“ (Spitta und Hassenreuter, S. 29)

Just die kommt eben die Treppe hinauf, in Gestalt von Schutzmann Schierke. Er will Pauline und Frau John verhören. Pauline beharrt darauf, das Kind auf Frau Kielbackes Arm aus der Wohnung der Johns geholt zu haben. Nun kommt Nachbarin Knobbe dazu, die behauptet, ihr Kind sei gestohlen worden. Sie gibt sich vornehm, doch ist ihr der Alkohol- und Drogenkonsum anzusehen. Wohlwollend lauscht Hassenreuter ihrer tragischen Lebensgeschichte: Sie sei von adliger Herkunft, aber auf die schiefe Bahn geraten. Auch der Vater ihres Säuglings sei von adligem Stand. Er habe sie verführt und sitzen gelassen. Als die Knobbe den Säugling sieht, schwört sie Stein und Bein, dass es sich um ihr Kind handle. Doch Pauline beharrt darauf, dass es ihres sei. Der Streit erledigt sich auf unerwartete Weise: Vor den Augen der Anwesenden stirbt der Säugling.

Der Bruder kommt ins Spiel

Eines Morgens wird Herr John, eben aus Hamburg zurück, von Quaquaro besucht. Frau John ist bei ihrer Schwägerin. Quaquaro berichtet dem Maurerpolier, was sich während seiner Abwesenheit im Haus zugetragen hat. Der aktuelle Ermittlungstand: Selma Knobbe hat ihr krankes Geschwisterchen in die leere Wohnung der Johns gebracht, damit es zur Ruhe kommt. Dann kam Pauline, klaute das Kind, gab es als ihr eigenes aus und behauptete, es bei Frau John in Pflege gegeben zu haben. Jetzt ist Pauline verschwunden. Zuletzt sah man sie in Begleitung von Frau Johns Bruder, dem zwielichtigen Bruno Mechelke. Die Sache mit dem Kind erscheint Herrn John allzu absurd, um auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Die Erwähnung Brunos allerdings bringt ihn auf die Palme; auf ihn ist Herr John gar nicht gut zu sprechen. Jetzt kommt Spitta hinzu. Er braucht dringend Geld, da er sich mit seinem Vater überworfen hat und nun mittellos dasteht. Herr John bietet ihm etwas zu essen an und geht raus. Während der ausgehungerte Spitta sich den Bauch vollschlägt, tritt Walburga ein. Sie hat sich ebenfalls mit ihrem Vater zerstritten. Spitta tröstet sie mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er fühlt Großes in sich schlummern. Da erscheint Frau John mit dem Kind. Sie redet wirr. Befremdet suchen Spitta und Walburga das Weite.

„Wenn es im Leben solche Käuze gibt wie mich, warum soll es nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben?“ (Spitta, S. 30 f.)

Auch Herr John wird aus seiner Frau nicht mehr schlau. Auf Bruno angesprochen, reagiert sie panisch und beschimpft Quaquaro als Spitzel. Herr John versucht sie zu beruhigen. Plötzlich steht Bruno höchstpersönlich in der Wohnung. Er ist bester Dinge, hat die Nacht durchgemacht. Herr John explodiert: Mit vorgehaltener Pistole fordert er Bruno auf, zu gehen. Der gibt sich trotzig. Herr John ist kurz davor abzudrücken, doch seine Frau hält ihn zurück. Herr John lässt widerwillig von seinem Vorhaben ab und verlässt schimpfend die Wohnung. Frau John bleibt mit ihrem Bruder allein zurück. Bruno will Geld von ihr. Er hat, wie er durchblicken lässt, Pauline umgebracht und muss jetzt fliehen. Eigentlich wollte er sie nur einschüchtern, damit sie ihre Ansprüche auf das Kind aufgibt. So hatte es ihm Frau John eingeschärft. Doch als Pauline sich zu Wehr setzte, passierte es. Frau John ist entsetzt.

Ein Haus voll Ratten

Etwas später betreten Walburga und Spitta die Wohnung und finden Frau John schlafend auf dem Sofa. Vor dem Haus steht die Polizei. Da kommt Frau Hassenreuter vorbei. Sie ist gekommen, um sich mit ihrer Tochter zu versöhnen. Walburga und Spitta sollen gleich mitkommen. Walburga ist überglücklich, scheint doch alles eine gute Wendung zu nehmen. Ihr Vater habe seine Stelle als Theaterdirektor in Straßburg zurück, berichtet Frau Hassenreuter, und sei daher gnädig gestimmt.

„Die Augen! Das Näschen! Der ganze Vater! – Das Kerlchen ist Ihnen wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.“ (Frau Hassenreuter, S. 42)

Plötzlich schreckt Frau John aus dem Schlaf hoch. Wieder fabuliert sie wild. Jetzt kommt Herr Hassenreuter hinzu. Er will von Frau John wissen, was es mit der Polizei vor dem Haus auf sich hat. Frau John weiß von nichts. Dafür weiß ihr Mann Bescheid, der sich jetzt dazugesellt: Die Aktion gilt Bruno, der unter Mordverdacht stehe. Frau John verteidigt ihren Bruder, doch ihr Mann lässt nichts mehr gelten. Bei der nächsten Gelegenheit will er Bruno ausliefern. Außerdem hat er in Erfahrung gebracht, dass Frau John gar nicht bei seiner Schwester gewesen ist, sondern sich in Berlin herumgetrieben hat. Auch vom Mord an Pauline weiß er. Er macht seiner Frau bittere Vorwürfe, weil sie immer noch zu Bruno steht, und sagt sich schließlich von ihr los. Außer sich vor Wut sagt er, das ganze Haus sei von Ungeziefer und Ratten befallen und könne jeden Moment zusammenbrechen. Gemeinsam mit dem Kind will er zu seiner Schwester. Selma soll mitkommen und sich um das Baby kümmern.

Böses Erwachen

Frau John verliert die Beherrschung. Unwillkürlich verrät sie in ihren wirren Tiraden einiges von dem, was ihre Abmachung mit Pauline betrifft. Noch sieht aber keiner der Anwesenden das Offensichtliche. Erst durch Selma, die das Kind nach der Geburt von der Bodenkammer in Frau Johns Wohnung gebracht hat, kommt die ganze Geschichte ans Licht. Frau John versucht, sich herauszureden. Als das nicht fruchtet, versucht sie zu fliehen, wird aber von Schutzmann Schierke und Quaquaro aufgehalten, die eben hereinkommen. Schierke hat den Befehl, das Kind ins Waisenhaus zu bringen. Frau John droht, sich und das Kind umzubringen. Diesmal sind es Herr Hassenreuter und Spitta, die sich ihr in den Weg stellen. Das Kind entringen sie ihr, doch Frau John selbst rennt davon. Schierke und Selma setzen ihr nach. Wenig später kommt Selma zurück. Aufgeregt berichtet sie, dass Frau John unten auf der Straße liege. Sie habe sich umgebracht.

Zum Text

Aufbau und Stil

Ursprünglich war das Stück auf vier Akte angelegt, doch Hauptmann entschied sich letztlich für fünf. Damit folgte er der klassischen Dramenstruktur, wie sie spätestens seit der römischen Antike den meisten Theaterstücken zugrunde lag. Mit den drei aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung hingegen nahm er es nicht allzu genau. So wird die Handlung in Die Ratten zwischen den Akten mehrfach von Zeitsprüngen unterbrochen. Was sich während dieser Lücken ereignet hat, muss der Zuschauer aus den nachfolgenden Dialogen schließen. Hauptmann verwebt im Stück zwei unterschiedliche Welten: Auf der einen Seite stehen die Figuren um Frau John, als Repräsentanten der gesellschaftlichen Unterschicht, etwa Herr John, Bruno und Pauline Piperkarcka. Auf der anderen Seite, als Vertreter des Bürgertums, die Charaktere um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter: Spitta, Walburga, Käferstein, Dr. Kegel. Die beiden Gruppen unterscheiden sich besonders durch ihre Sprache: Während die einen Hochdeutsch sprechen, gebrauchen die anderen ihre jeweilige Mundart: Berlinerisch, Bairisch oder, wie in Brunos Fall, eine nahezu unverständliche Gaunersprache. Damit kennzeichnet Hauptmann die beiden Elemente seiner formalen Synthese: die Tragödie um die John-Gruppe und die Komödie um die Hassenreuter-Gruppe. Beide Genres laufen weitgehend selbstständig nebeneinander her und bleiben bis zum Schluss des Stücks getrennt. Dem tragischen Ende der Johns steht das Happy End für die Hassenreuters gegenüber.

  • *

Interpretationsansätze**

  • Das Haus, in dem das Stück spielt, steht stellvertretend für den überlebten wilhelminischen Obrigkeitsstaat. Es ist identifizierbar als eine zum Mietshaus umgewandelte ehemalige Kavalleriekaserne im heutigen Berlin Mitte, die im Volksmund „Wanzenburg“ genannt wurde.
  • Mit den Gesprächen zwischen Hassenreuter und Spitta verhandelt Hauptmann den Konflikt zwischen klassizistischem und naturalistischem Theater. Der Streit ist auch eine Diagnose von Hauptmanns Zeitalter: Die alten Strukturen waren zwar morsch und unbrauchbar geworden, das Neue aber noch unreif und formlos.
  • Das Motiv der Ratten stellt die Unterhöhlung der wilhelminischen Gemütlichkeit durch die Moderne dar. In Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie und Gewerkschaften sah das konservative Establishment gefährliches Ungeziefer, das es um jeden Preis zu vertilgen galt.
  • Mit der ungeschminkten Schilderung großstädtischen Elends verwendet Hauptmann Techniken des Naturalismus, einer künstlerischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts, die den Bruch mit jeglicher Beschönigung der sozialen Realität zum Programm erhoben hatte. Dennoch kann das Stück als Ganzes nicht dem Naturalismus zugerechnet werden, weil Hauptmann mit dem Erzählstrang um Hassenreuter und Spitta eine Metaebene schafft, auf der sich die Figuren über den Naturalismus und seine Bedingungen theoretisch äußern.
  • Die Einsamkeit und Isolation des modernen Menschen ist ein weiteres Thema. In Die Ratten redet alle Welt aneinander vorbei, niemand erreicht den anderen. Jeder verfolgt in erster Linie egoistische Ziele.

Historischer Hintergrund

Wachstumsschmerzen einer Metropole

In der Entwicklung der Stadt Berlin während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spiegelten sich die großen historischen Tendenzen der Moderne: Industrialisierung, Urbanisierung und Proletarisierung. Seit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 durch Otto von Bismarck hatte Berlin eine Doppelrolle zu spielen: als Hauptstadt sowohl des Reiches als auch Preußens. Das neue politische Gewicht der eben noch beschaulichen Residenzstadt wirkte wie ein Magnet. Berlin wuchs mit atemberaubendem Tempo. Die meisten Landflüchtlinge verdingten sich als Fabrikarbeiter. Unternehmen wie Siemens, AEG oder Borsig errichteten am Stadtrand gewaltige Werkhallen, deren Ausstoß an Elektrotechnik, Maschinen und Eisenbahnen den Aufstieg des Deutschen Reichs zur industriellen Weltmacht befeuerte.

Doch das hohe Tempo forderte seinen Tribut: Berlins Infrastruktur war der Bevölkerungsexplosion nicht gewachsen, die Lebensbedingungen der Menschen wurden zunehmend unerträglich. Die mangelnde staatliche Kontrolle des Bausektors bewirkte, dass Investoren durch extrem dichte Bebauung ihre Profite zu maximieren versuchten. Sie bauten dunkle, verschachtelte Mietskasernen als Massenunterkünfte für das Proletariat. Oft hausten mehrere Familien in einer Wohnung und nahmen sogar noch sogenannte Schlafburschen auf: Schichtarbeiter, die sich ein Bett nach dem Rotationsprinzip teilten. Die Folge waren Kriminalität, katastrophale hygienische Zustände, grassierende Krankheiten und eine hohe Kindersterblichkeit. Erst die bismarckschen Sozialgesetze, die ab 1883 in Kraft traten, und mit deren Hilfe der konservative Reichskanzler der aufkommenden Sozialdemokratie das Wasser abzugraben versuchte, brachten etwas Erleichterung.

Entstehung

Hauptmann begann im April 1909 mit der Arbeit an Die Ratten, doch die Geschichte des Werks reicht viel weiter zurück. In einem Prosafragment von 1887, das den Titel Der Buchstabe tötet trägt, streiten sich eine Maurersfrau und ein Dienstmädchen um ein Kind. Aus dieser Zeit stammen auch Hauptmanns Erfahrungen mit der Großstadt Berlin sowie dem Metier der Schauspielerei. Bei Alexander Heßler nahm er Schauspielunterricht, im Dachgeschoss einer ehemaligen Kaserne in der Berliner Alexanderstraße. Heßler wurde zur Grundlage für die Figur des Harro Hassenreuter.

Erst eine Zeitungsnachricht aus dem Jahr 1907 allerdings, die den wahren Fall einer Kindesunterschiebung zum Thema hatte, gab Hauptmann den entscheidenden Impuls. In vermutlich bis zu 16 Arbeitsphasen, im Wesentlichen zwischen April 1909 und Oktober 1910, arbeitete der inzwischen berühmte Dramatiker den Stoff aus. Dabei pendelte er zwischen den italienischen Ferienorten Sestri Levante und Portofino und seinem Gutshaus im schlesischen Agnetendorf. Unermüdlich feilte Hauptmann an dem Stück, schrieb mehrere Fassungen mit verschiedenen Titeln (unter anderem „Der Storch beim Maskenverleiher“ und „Das Rattennest“). Besonders der Schluss bereitete ihm Probleme. Zudem arbeitete er in das fast fertige Stück noch aktuelle Erlebnisse ein, so den Tod seines eigenen neugeborenen Sohnes im Jahr 1910. Im Januar 1911 wurde Die Ratten im Berliner Lessingtheater unter der Regie von Emil Lessing uraufgeführt.

Wirkungsgeschichte

Hauptmanns Tragikomödie wurde zwiespältig aufgenommen. Der Dichter wohnte der Uraufführung persönlich bei und wurde, wie es anderntags im Berliner Tageblatt zu lesen war, von seinen Anhängern mit kräftigem Applaus bedacht und „ein halbes Dutzend Mal“ auf die Bühne zurückgerufen. Doch äußerten sich auch kritische Stimmen: Die großen hauptstädtischen Rezensenten, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn und sogar Alfred Kerr, eigentlich ein ausgesprochener Verehrer Hauptmanns, erklärten Die Ratten für missglückt. Sie bemängelten vor allem die formale Gewagtheit des Stücks, das Nebeneinander des tragischen und des komödiantischen Tons. Damit war ihnen das Innovative an Hauptmanns Mischkomposition entgangen: Sie sahen bloßes Durcheinander, wo in Wirklichkeit sorgfältig gefügte Komplexität herrschte, eine neuartige Ästhetik.

Schon die zweite Inszenierung des Stücks 1916 an der Volksbühne wurde zum Triumph. Sowohl Kerr als auch Jacobsohn revidierten wortreich ihre ersten Einschätzungen und schlossen sich dem allgemeinen Lob an. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich das Stück zu einem Klassiker der deutschen Bühnenliteratur, der vielfach mit großem Erfolg inszeniert und auch verfilmt wurde. Hervorzuheben ist die Inszenierung durch Michael Thalheimer am Deutschen Theater in Berlin von 2007. Thalheimer verweigerte seinen Akteuren den aufrechten Gang; sie mussten gebückt auftreten, eingezwängt in zwei mächtige horizontale Holzelemente. Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer sieht in Die Ratten „Hauptmanns wichtigsten Beitrag zum modernen Welttheater“.

Über den Autor

Gerhart Hauptmann wird am 15. November 1862 im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdrój, Polen) geboren. Nach dem Schulabschluss beginnt er eine landwirtschaftliche Ausbildung, die er jedoch nach anderthalb Jahren aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Er bereitet sich auf den Militärdienst vor, wird aber für untauglich erklärt. Daraufhin nimmt Hauptmann im Oktober 1880 ein Studium als Bildhauer in Angriff und wird wenig später wegen schlechten Betragens von der Schule geworfen, aber auf Fürsprache eines Lehrers bald wieder aufgenommen. Doch schon 1882 bricht er das Studium ab. Inzwischen hat er die Kaufmannstochter Marie Thienemann kennengelernt, mit der er sich verlobt und die ihn fortan finanziell unterstützt. So kann er 1882 ein Studium der Geschichte und Literatur aufnehmen. Doch auch das hält er nicht lange durch; bereits ein Jahr später bricht er auch dieses Studium ab und lebt als freier Bildhauer in Rom. Mit bescheidenem Erfolg: Eine Statue, an der er arbeitet, fällt in sich zusammen. Hauptmann kehrt frustriert nach Deutschland zurück und beginnt ein Zeichenstudium in Dresden, das er bereits nach einigen Wochen wieder beendet. 1885 heiratet er Marie Thienemann. In den 1880er-Jahren entstehen seine ersten literarischen Werke, unter anderem die Dramen Vor Sonnenaufgang (1889), Die Weber (1892) und Der Biberpelz (1893). 1893 geht er eine Beziehung zu Margarete Marschalk ein, doch von Marie lässt er sich erst 1904 scheiden. Noch im selben Jahr heiratet er Margarete – um schon 1905 eine Beziehung zu einer Schauspielerin zu beginnen, die jedoch bald beendet ist. Hauptmann werden zahlreiche Ehrungen zuteil, 1912 erhält er den Nobelpreis für Literatur. Im Ausland gilt der Dichter als der Repräsentant der deutschen Literatur. Mit zunehmendem Alter distanziert sich Hauptmann immer mehr von den sozialkritischen Tendenzen seiner früheren Werke. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, tritt er zwar nicht aktiv für das Regime ein, distanziert sich aber auch nicht. Er stirbt am 6. Juni 1946 im schlesischen Agnetendorf.


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