Zusammenfassung von Die Sonnenstadt

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Die Sonnenstadt Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Utopie
  • Frühe Neuzeit

Worum es geht

Sehnsucht nach dem Licht

Die Sonnenstadt von Tommaso Campanella ist eines der berühmtesten Beispiele utopischer Literatur. Wortwörtlich übersetzt bedeutet „Utopie“ so viel wie „Keinort“ (griechisch „ou-“ = nicht-; „topos“ = Ort). Aus dem Wort spricht Sehnsucht und Enttäuschung zugleich: Eine Utopie ist stets nicht nur eine unerfüllbare Wunschvorstellung, sondern auch eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Wer daraus folgert, der Autor einer Utopie müsse sowohl naiver Schwärmer als auch nüchterner Beobachter sein, findet in Campanella den wohl vollblütigsten Vertreter des Genres. Und einen Utopisten, der eigenhändig versucht hat, seinen Idealstaat zu verwirklichen: eine auf das Vernunftprinzip gegründete Theokratie mit Zuchtwahl und Gütergemeinschaft. Der Versuch brachte ihm Kerker und Folter ein. Der Dominikanermönch, Philosoph und Sozialreformer Campanella überlebte seine Qualen ungebrochen und verarbeitete sie in einer Metaphysik, die Glaube und Vernunft versöhnen sollte und die sich in den höchst vernünftigen, weil gottgegebenen Einrichtungen der Sonnenstadt widerspiegelt.

Take-aways

  • Die Sonnenstadt von Tommaso Campanella ist eine der berühmtesten Utopien der Literaturgeschichte.
  • Inhalt: Ein Seemann berichtet von der Insel Taprobana und der darauf befindlichen Sonnenstadt. Deren Einwohner haben Staat und Lebensweise ganz und gar nach Vernunftkriterien eingerichtet, ohne Privateigentum, ohne Eifersucht und Neid. Durch umfassende Bildung erlangen sie Weisheit und vollkommene Tugend.
  • Die Sonnenstadt ist deutlich von Platons Staat inspiriert.
  • Mit seiner Utopie übte Campanella Kritik an den Verhältnissen in seiner von Glaubenskonflikten, Kleinstaatlichkeit und Fürstenwillkür geprägten Epoche.
  • Als Theologe wandte er sich schon früh von der kirchlich vorgeschriebenen Philosophie Aristoteles’ ab, weil sie ihn geistig nicht befriedigte.
  • Campanella wurde im Zuge der Inquisition wegen Ketzerei verfolgt.
  • Weil er sich an der Planung eines Aufstands gegen die spanische Fremdherrschaft beteiligte, landete er für fast 30 Jahre im Kerker, wo er u. a. Die Sonnenstadt schrieb.
  • Sein Plan war, mittels des Aufstands eine unabhängige Republik nach dem Muster der Sonnenstadt zu errichten.
  • Nach seiner Freilassung suchte er bis an sein Lebensende unter den Fürsten Europas nach möglichen Kandidaten für den Thron einer Sonnenstadt.
  • Zitat: „Sie gehen miteinander um, als wäre ein jeder ein Glied des anderen.“
 

Zusammenfassung

Wie die Sonnenstadt gelegen ist

Ein Mann namens Hospitaliter und ein Seemann aus Genua unterhalten sich. Begierig nach Erzählungen aus fernen Ländern, quetscht Hospitaliter den Genuesen aus, und will etwa wissen, was er auf Taprobana erlebt habe. Der Seemann berichtet, wie er nach einer Weltumseglung auf jener tropischen Insel gelandet ist. Die Einheimischen empfingen ihn freundlich, einige sprachen sogar seine Sprache. Sie waren Einwohner der nahe gelegenen Sonnenstadt. Dorthin nahmen sie ihn mit und erklärten ihm die Art ihres Zusammenlebens sowie ihr Rechtssystem, ihre Regierungsform und ihre Religion.

Die sieben Ringe

Die Sonnenstadt liegt auf einem Hügel, der rundum von Flachland umgeben ist. In sieben Ringen wächst sie empor. Diese Ringe tragen die Namen der sieben Planeten und sind durch je vier Tore erschlossen. Auf Treppen gelangt man von Ebene zu Ebene. Die Stadt ist hervorragend befestigt. Ein möglicher Kriegsgegner müsste Ring für Ring einzeln erobern und sähe sich dabei immer größeren Schwierigkeiten ausgesetzt.

„Alle Dinge sind Gemeingut, liegen jedoch in den Händen der Amtsträger, die sie verteilen. Deshalb ist nicht nur die Verpflegung eine gemeinschaftliche, sondern es gehören auch die Wissenschaften, Ehren und Vergnügungen allen gemeinsam an, und zwar in einer Weise, dass niemand sich einer Sache bemächtigen kann.“ (S. 12)

Die Mauern der Ringe sind üppig bemalt, jedoch nicht, um den Einwohnern eine Augenweide zu bieten, sondern zu ihrer Belehrung. Die Malereien bilden nämlich das gesamte Wissen des Volkes ab. Durch das bloße Betrachten der Bilder werden schon die Kinder umfassend gebildet. Die Mauern des ersten Rings sind auf ihrer Innenseite mit mathematischen Darstellungen bemalt; wo nötig stehen Erklärungen. Außen prangen Landkarten aller Weltgegenden, fremde Länder werden gezeigt, ebenso fremde Völker mitsamt ihren Eigenarten. Der zweite Ring hat in seinem Inneren Abbildungen geologischer Natur: Gesteine, Metalle usw. Außen geht es um Flüssigkeiten: um Getränke ebenso wie um Gewässer. Es folgt der dritte Ring, der inwendig mit Abbildungen aus dem Bereich der Pflanzenkunde sowie außen mit Fischdarstellungen versehen ist. Auch die nächsten beiden Ringe widmen sich den Lebewesen: der vierte den Vögeln und allerlei kriechendem Gewürm, der fünfte den höheren Landtieren. Die Mauern des sechsten Rings schließlich zeigen das Wirken des Menschen: was es an Handwerkskünsten auf der Welt gibt, zudem die großen Religionsstifter, Wissenschaftler und Erfinder. Besonders prominent: Jesus nebst seinen Aposteln, aber auch große Männer der römischen und griechischen Antike.

Ganz oben

Auf dem Gipfel erhebt sich der Tempel der Sonnenstadt. In dessen Mitte steht ein Altar, auf dem zwei riesige Globen zu besichtigen sind – einer, der den Himmel, ein anderer, der die Erde zeigt. Der Tempel wird von etwa 40 Mönchen bewohnt, außerdem versehen hier 24 Priester ihren Dienst. Sie stehen als Bindeglied zwischen Gott und den Menschen. Aus der Beobachtung des Himmelsgeschehens, der Planetenläufe und der Sternenkonstellationen ermitteln sie allerlei wichtige Informationen, z. B. den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte der Feldfrüchte. Ihr Oberhaupt ist zugleich der Regierungschef. Sein Name: Sonne. Er hat das letzte Wort in weltlichen wie geistigen Fragen. Dennoch ist er kein Tyrann. Denn er berät sich über alle Entscheidungen mit den drei ranghöchsten Fürsten: Pon, Sin und Mor. Der Name Pon steht für Macht; Fürst Pon herrscht über das Kriegswesen, beaufsichtigt also das Militär. Sin bedeutet Weisheit; Fürst Sin steht den Wissenschaften vor, dabei stützt er sich auf zehn Beamte, die jeweils für die einzelnen Kenntnisbereiche verantwortlich sind: Astrologie, Geometrie, Rhetorik, Kosmografie, Logik, Grammatik, Medizin, Physik, Politik, Moralkunde. Zur weiteren Erleichterung seiner Arbeit besitzt Fürst Sin ein Buch, in dem alle Kenntnisse sämtlicher Wissenschaften verzeichnet sind. Aus diesem Buch wird dem Volk regelmäßig vorgelesen. Mor schließlich steht für Liebe; Fürst Mor regelt u. a. die Fortpflanzung der Sonnenstädter im Sinne der Optimierung der Rasse.

Gesellschaftssystem

Die Einwohner der Sonnenstadt stammen ursprünglich aus Indien. Auf der Flucht vor den räuberischen Mogoren ließen sie sich auf Taprobana nieder. Schon damals zeichneten sie sich durch ihr philosophisches Naturell aus. Da erstaunt es wenig, dass sie sich ganz dem Aufbau eines in jedem Sinn vernünftigen, ja optimalen Gesellschaftssystems widmeten. Einer der Grundzüge dieses Systems ist die Absage an jegliche Form von Eigentum. Denn dieses gilt ihnen als Ausdruck der Selbstliebe und letztlich als Quelle allen Übels. Also gehört bei ihnen alles jedem. Nahrung, Kleidung, Werkzeuge usw. werden nach Bedarf zugeteilt. Durch die überaus vernünftige Wirtschaftsweise sowie durch Tugend, Weisheit, Fleiß und den ausgeprägten Wettbewerbsgeist der Sonnenstädter gibt es alles im Überfluss. Frei von materiellen Sorgen hat ein jeder Sonnenstädter nur das Wohl des Gemeinwesens im Sinn. Zumal das Bildungsniveau so hoch ist, dass sich ein jeder aufgrund vollkommener Einsicht in alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sonstigen Zusammenhänge automatisch einem tugendhaften Leben verschreibt.

Erziehung

Die Kinder werden in allen Künsten und Wissenschaften unterrichtet. Durch Betrachtung der Wandbilder lernen sie zunächst das Alphabet und die Sprache ihres Volkes. Gleichzeitig widmen sie sich den verschiedenen Handwerkskünsten. Mit dem siebten Lebensjahr beginnt der Unterricht in den Naturwissenschaften, drei Jahre später kommen Mathematik, Medizin und andere Fächer hinzu. Nebenher treiben sie Sport zur Stärkung des Körpers und üben sich im Disputieren. Konkurrenz und Wettkampf werden großgeschrieben – natürlich in aller Freundschaft: Die Bedeutung eines harmonischen Miteinanders für das große Ganze leuchtet allen ein, sodass Gefühle wie Neid, Eifersucht und Missgunst in der Sonnenstadt nahezu unbekannt sind. Vielmehr sind alle Sonnenstädter einander in selbstloser Liebe zugetan und reden sich, je nach Alter, mit Bruder, Vater usw. an. Die Jugend steht außerdem den Älteren zu Diensten. Schließlich achten die Lehrer darauf, in welcher Kunst sich ein Schüler besonders hervortut, damit ihm ein entsprechender Tätigkeitsbereich zugewiesen werden kann. Je nach Talent klettert er in der jeweiligen Hierarchie nach oben, wobei die Wahl der Amtsträger letztlich den vier Oberhäuptern, Pon, Sin, Mor und Sonne obliegt.

Recht und Moral

So wie den Wissenschaften und Künsten die in dem jeweiligen Bereich hervorragenden Individuen vorstehen, gibt es auch im Rechtssystem für jede der zehn Tugenden einen Aufsichtsbeamten: für Freizügigkeit, Großmut, Keuschheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Eifer, Wahrheit, Wohltätigkeit, Dankbarkeit und Barmherzigkeit. In ein solches Amt wird gewählt, wer seinem Wesen nach der einen oder anderen Tugend besonders zugeneigt ist. Handelt jemand einer dieser Tugenden zuwider, etwa indem er sich undankbar oder feige zeigt, wird sein Fall vor Gericht verhandelt. Nach kurzer Verhandlung folgt das Urteil, selbst eine Berufung verzögert die Sache höchstens ein paar Tage. Bei der Rechtsprechung stützen sich die Sonnenstädter auf eine bronzene Gesetzestafel, auf der in knappster Form alle relevanten Definitionen verzeichnet sind. Der Strafbegriff ist ein höchst milder, das Ziel ist meist die Besserung des Täters. Bei einem Vergehen aus Unwissenheit oder Schwäche wird der Täter nur getadelt, höchstens schließt ihn das Urteil für eine bestimmte Frist aus der Gemeinschaft aus. Zwar kommen schwere Verbrechen wie Mord, Diebstahl usw. so gut wie nie vor; wenn aber doch, dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten. Doch selbst im Fall der Todesstrafe legen die Sonnenstädter Wert darauf, den Schuldigen im Vorfeld argumentativ von der Rechtmäßigkeit seines Todes zu überzeugen.

Fortpflanzung

Große Bedeutung messen die Sonnenstädter der Zuchtwahl bei. Die Frauen gehören prinzipiell der Gemeinschaft. Wer aber zu wem passt, d. h. wer sich mit wem fortpflanzen darf, wird von der Obrigkeit festgelegt. Das Ziel: gesunde, intelligente und charakterlich ausgewogene Nachkommen. Neben astrologischen Kriterien richten sich die Aufseher auch nach solchen der Ergänzung: Sie paaren etwa eine dicke Frau mit einem dünnen Mann. Damit nichts dem Zufall überlassen bleibt, müssen die Frauen überdies im Augenblick der Zeugung Bildnisse großer Männer betrachten, was sich positiv auf die Eigenschaften des Kindes auswirken soll. Dieses System wird allgemein akzeptiert, ist doch die Weisheit der Aufseher bloßen Geschmackskriterien der Betroffenen weit überlegen. Auch gibt es ja nur schöne Menschen, durch Sport, Arbeit an der frischen Luft und eben durch Zuchtwahl geformt. Ist die Zeugung vollbracht, das Kind ausgetragen und geboren, wird es noch zwei Jahre lang von der Mutter gestillt und dann in gemeinschaftlichen Einrichtungen aufgezogen.

Kriegswesen

Obwohl vom Wesen her sanft und friedlich, müssen auch die Sonnenstädter bisweilen in den Krieg ziehen, nämlich dann, wenn ihnen benachbarte Völker aus Neid auf ihre perfekte Staatsordnung den Krieg erklären. Dabei gewinnen immer die Sonnenstädter, denn sowohl technologisch als auch strategisch sind sie anderen Streitkräften stets voraus. Nicht einmal im tiefsten Frieden vernachlässigen sie das Kriegswesen. Alle Einwohner, auch die Frauen, können kämpfen. Jedermann ist stets militärisch gekleidet, jeden Tag finden Manöver statt, alle zwei Monate eine Parade. Wenn es zu einem Konflikt kommt, tun die Sonnenstädter ihr Möglichstes, die Sache gütlich beizulegen. Erst nachdem die Diplomatie versagt hat, sprechen die Waffen, und die Sonnenstädter Recken bekommen die Chance, sich auf dem Feld der Ehre auszuzeichnen. Hier werden übrigens auch gewisse Streitfälle zwischen Bürgern entschieden: Wer beim Bekämpfen der Feinde einen Landsmann übertrifft, mit dem er sich zuvor in irgendeiner Sache uneinig war, der bekommt in dieser Sache Recht. Schließlich, nach dem obligatorischen Sieg, wird die feindliche Stadt den Sonnenstädter Gesetzen unterworfen und mit einer Garnison besetzt, um die Einhaltung der Regeln zu überwachen. Zu Hause gibt es dann einen Triumphzug und alle Kämpfer kriegen ein paar Tage frei. Deserteure und Feiglinge indes werden ausgepeitscht oder getötet.

Leben in der Sonnenstadt

Die in der Sonnenstadt anfallende Arbeit ist optimal auf alle Bürger verteilt. Jeder ist ein Meister seiner Kunst und übt diese mit höchster Effizienz aus; auch das beständige Wetteifern untereinander beschleunigt die Arbeit. Deshalb ist das Tagwerk jeweils schnell erledigt – kein Sonnenstädter muss länger als vier Stunden täglich arbeiten. Dennoch gibt es keinen Müßiggang. Wer seinen Teil erledigt hat, vergnügt sich bei Spiel, Sport und Weiterbildung. Gegessen wird in der Gemeinschaft, dabei ertönt Musik, und es wird bei Tisch aus lehrreichen Büchern vorgetragen. Für das Kochen sind die Frauen zuständig, doch dürfen sie durchaus auch andere Tätigkeiten verrichten, besonders solche, bei denen sie sitzen oder stehen. Der Sonnenstädter im Allgemeinen ist sich übrigens für keine Arbeit zu schade, vielmehr versucht er, in allem, was er tut, Ehre zu erlangen. Tatsächlich erwirbt derjenige ein besonders hohes Ansehen, der in möglichst vielen Bereichen geschickt oder bewandert ist. Handel treiben die Sonnenstädter kaum, dennoch ist ihnen Geld nicht unbekannt. Sie prägen es, um ihre Gesandten damit auszustatten, die im Ausland unterwegs sind. Sie legen nämlich großen Wert darauf, Kunde aus fremden Ländern zu erhalten und von nützlichen Ideen und allerlei Neuerungen zu erfahren, um das eigene Gesellschaftssystem weiter und weiter zu optimieren.

Religion und Weltbild

Die Sonnenstädter glauben an Gott und beten ihn in Gestalt der Sonne an. Sie verkörpert für sie das väterliche Prinzip, während sie die Erde als Mutter betrachten. Die Welt als Ganzes stellen sie sich als riesiges Tier vor, in dessen Innerem sich der Kosmos aufspannt. Sie kennen eine Art Hölle und ebenso eine Art Himmel, wohin die unsterblichen Seelen, je nach Verdienst, gelangen. Im Übrigen achten sie auch andere Religionen. Alle höheren Amtsträger sind gleichzeitig Priester; ihnen müssen die Bürger ihre Vergehen beichten, während sie selbst den drei Fürsten die Beichte ablegen. Denen wiederum nimmt ihr Oberhaupt Sonne die Beichte ab. Sonne beichtet dann öffentlich: die eigenen Sünden und die seines Volkes. Die Metaphysik der Sonnenstädter beruht auf der Vorstellung, dass alles Sein auf den drei Prinzipien Macht, Weisheit und Liebe basiert. Gott ist mithin das höchste Sein, da seine Macht, seine Weisheit und seine Liebe vollkommen sind. Der Gegenpol zum Sein ist das Nichtsein, das die Sonnenstädter mit der Sünde identifizieren – zugleich ist es jedoch auch die Bedingung dafür, dass etwas wird. Der Mensch steht irgendwo dazwischen, kann sowohl zum Sein als auch zum Nichtsein und somit zum Guten oder zum Bösen neigen.

„Der höchste Priester ist der Sonne. Alle höheren Amtsträger sind ebenfalls Priester, ihre Aufgabe ist es, die Gewissen zu läutern.“ (S. 52)

Hospitaliter hat der Erzählung des Genuesen aufmerksam gelauscht. Besonders die Ausführungen über den Glauben der Sonnenstädter haben ihm gefallen. In ihm sieht er einen Beweis für die Wahrheit des Christentums, da er völlig unabhängig zu nahezu identischen Glaubenssätzen gelangt sei und ihm nichts als eine eigentliche, göttliche Offenbarung fehle. Gerne würde Hospitaliter noch mehr davon hören, doch der Seemann muss wieder fort.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Sonnenstadt ist, so scheint es zumindest auf den ersten Blick, als Zwiegespräch verfasst. Damit knüpft Campanella an eine alte Tradition an. Schon die Philosophen des antiken Griechenlands präsentierten ihre Lehren in Dialogform. Am bekanntesten sind wohl Platons Dialoge, in denen der Philosoph Sokrates seinen Mitbürgern dialektisch auf den Zahn fühlt. Auch der Platon-Schüler Aristoteles nutzte den Dialog als Schablone für seine Philosophie; doch im Gegensatz zu den platonischen Gesprächen, die sich tatsächlich im ständiger Rede und Antwort entfalten, sind die aristotelischen Dialoge oft nur langatmige Vorträge, hier und da aufgelockert durch Nachfragen des Gesprächspartners. Noch ärger treibt es Campanella: Das Gespräch zwischen Hospitaliter und dem genuesischen Seemann ist bei näherer Betrachtung ein reiner Monolog, woran auch die gekünstelten Einlassungen Hospitaliters nichts ändern. Die kann der Leser ohne Schaden für das Ganze ignorieren. Der Handlungsrahmen, in den Campanella seine Beschreibung der utopischen Gesellschaft einspannt – ein Seefahrer landet auf einer unbekannten Insel und wird vom Inselvolk über das einheimische Staatswesen belehrt –, war schon zu Campanellas Zeiten ein Klischee. All das deutet darauf hin, dass der Autor der Sonnenstadt sich ganz auf die inhaltliche Kraft des Werks verlassen hat und dass ihm dessen Form eine bloße Formalie war. Einen ähnlichen Eindruck erweckt der Stil, in dem Die Sonnenstadt gehalten ist. Campanellas Sprache ist, darin ist sich die Wissenschaft einig, ganz und gar unoriginell, trocken und bar jedes Glanzes, während er sich in seinen anderen Werken, besonders in seinen Gedichten, deutlich verspielter zeigte.

Interpretationsansätze

  • Die Sonnenstadt auf der Insel Taprobana (früherer Name von Sri Lanka) ist die Stadt des Fürsten Sonne. Indem Campanella diesem die geistlich-politische Herrschaft über seinen Idealstaat einräumt, stellt er sein Werk in die Tradition von Platons Staat. Für den griechischen Philosophen bildete sich in der Sonne das höchste Prinzip alles Seins ab, die Idee des Guten.
  • Die Sonnenstadt muss im Zusammenhang mit Campanellas Metaphysik gelesen werden. So stehen z. B. die drei Fürsten Pon, Sin und Mor für die metaphysische Dreiheit Macht, Weisheit und Liebe, aus der alles Sein zusammengesetzt ist. Diese Dreiheit, vereinigt im göttlichen Licht des Fürsten Sonne, entspricht der christlichen Idee von der Dreifaltigkeit Gottes.
  • Durch diese philosophische, rationale Konstruktion des ältesten christlichen Dogmas wollte Campanella den Glauben mit der Vernunft versöhnen. Das wiederum sollte die Gemeinschaft aller Religionen, eine universale Weltgemeinschaft jenseits konfessioneller Unterschiede, ermöglichen.
  • Die Sonnenstadt kann in diesem Sinn als Vorstufe zum Zeitalter des Rationalismus gesehen werden, in dem (formuliert in Descartes’ berühmtem „Ich denke, also bin ich“) der Mensch sich als Vernunftwesen von Gott zu emanzipieren begann.
  • Der Einfluss von Bernardino Telesios Anschauungsphilosophie zeigt sich in den bemalten Mauerringen der Sonnenstadt: Nicht durch Worte sollen die Kinder belehrt werden, sondern durch die Betrachtung von Bildern.

Historischer Hintergrund

Die Morgendämmerung der Moderne

Die europäische Renaissance, jene Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit, die etwa das 15. und 16. Jahrhundert umfasste, war reich an bahnbrechenden Neuerungen. Die Entdeckung Amerikas erschloss eine neue Welt. Die Erfindung des Buchdrucks leitete den Siegeszug des geschriebenen Wortes ein. Auf dem Gebiet der Wissenschaft zeichnete sich die Überwindung der magisch-spekulativen Denkweise der Antike ab. Der rasante Fortschritt bei der Entwicklung von Feuerwaffen revolutionierte das Kriegswesen. Die Beobachtungen und Berechnungen der Astronomen stellten die Sonne ins Zentrum unseres Planetensystems. Durch die Einführung des gregorianischen Kalenders wurde ein exaktes zeitliches Bezugssystem geschaffen. Mit der Erfindung und Verbreitung der Taschenuhr wurde die Pünktlichkeit mobil, was immense Auswirkungen auf Handel und Verwaltung hatte, und der Unabhängigkeit von der Kirchturmuhr folgte, in Gestalt der lutherischen Reformation, die Emanzipation des Christenmenschen von der Kirche.

Der daraus entstehende Konflikt eskalierte gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Ketzerverfolgung, Heidenmission und, besonders im Herrschaftsbereich der katholischen Kirche, in einem allgemein wissenschaftsfeindlichen Klima. Wurde die Gegenreformation zunächst noch vom päpstlichen Rom aus gesteuert, ging die Initiative bald an die spanische Krone über. Die war damals auf dem Zenit ihrer Macht, beherrschte die halbe Welt und verstand sich als Speerspitze des Katholizismus. Auch Süditalien, die Heimat Tommaso Campanellas, war spanisch, ertrug das fremde Joch aber nur noch widerwillig. Ganz Italien war wirtschaftlich im Niedergang begriffen. Im Süden war das Elend besonders groß und der Boden fruchtbar für umstürzlerische Ideen.

Entstehung

Campanella schrieb Die Sonnenstadt vermutlich um 1602, während er in Neapel im Kerker saß. Süditalien stand damals unter spanischer Herrschaft. Campanella war 1599 als Rädelsführer eines Aufstands kalabresischer Rebellen gegen die Fremdherrschaft verhaftet und zum Tod verurteilt worden. Um der Vollstreckung des Urteils zu entgehen, gab er vor, den Verstand verloren zu haben. Da er die Verstellung auch unter schwerer Folter aufrechterhielt, wurde sein Urteil in lebenslängliche Haft umgewandelt. Campanella erlebte also, dass der freie Wille eines Menschen sich noch unter ärgsten Qualen behaupten kann. Diese Erfahrung bestärkte ihn in seiner metaphysischen Auffassung, dass sich der göttliche Wille im Menschen äußere. Er verarbeitete sie in zahlreichen Gedichten wie auch in seiner Utopie Die Sonnenstadt, die er zunächst auf Italienisch verfasste, dann aber ins Lateinische übersetzte, da er auf ein europäisches Publikum zielte. Der lateinische Titel Civitas solis sorgte dann dafür, dass das Werk im Deutschen lange Zeit als Der Sonnenstaat bekannt war.

Wirkungsgeschichte

Die Absicht hinter dieser utopischen Dichtung war, bei aller Metaphysik, deutlich politisch: Campanella ging es um die tatsächliche Umsetzung der Utopie, um die reale Errichtung eines Sonnenstaates. Dieses Ziel hatte er schon mit der Revolte von 1599 verfolgt. Jetzt, in der Dunkelheit des Kerkers, sehnte er sich umso leidenschaftlicher nach der Vernunft, nach dem Licht der göttlichen Ordnung, das über seiner Sonnenstadt schien. Einem deutschen Gelehrten, der ihn besuchte, steckte Campanella seine Manuskripte zu, die jener in den Folgejahren nach und nach editierte und herausgab. Die Sonnenstadt erschien 1623 auf Lateinisch in Frankfurt am Main als Beigabe zu einem weit umfangreicheren philosophischen Werk Campanellas.// // Campanellas Sonnenstadt propagierte indirekt die Idee eines neuen Christentums, das durch eine Versöhnung von Glaube und Vernunft zu einer Art Universalreligion werden und so die von Martin Luther hervorgerufene Spaltung der Christenheit überwinden sollte. 1623 standen die Zeichen für derlei politische Naivität allerdings denkbar schlecht; die grausame Realität des Dreißigjährigen Krieges bot keinen Aufwind für hochfliegende Utopien. Und so verschwand Die Sonnenstadt, kaum erschienen, gleich wieder in der Versenkung und wurde mit dem griffigen, aber auch leicht verächtlichen Etikett „Utopie“ versehen, was sie einerseits zum mit Abstand bekanntesten Werk Campanellas machte, andererseits jedoch ihren politischen und sozialreformerischen Anspruch beiseiteschob. Immerhin überlebten einzelne Motive: Die malerische Darstellung des Wissensschatzes zur Belehrung und Erziehung hat wohl den Humanisten Johann Amos Comenius zu seinem berühmten Bilderbuch Orbis sensualium pictus (1658) inspiriert. Später beriefen sich auch kommunistische und sozialistische Theoretiker auf Die Sonnenstadt.

Campanella selbst suchte nach seiner Entlassung aus der fast drei Jahrzehnte währenden Haft bis zu seinem Tod mit großem Ernst nach Kandidaten für den Sonnenstadt-Thron. Unter anderem dachte er diese Rolle dem eben geborenen Louis XIV. von Frankreich (dem späteren „Sonnenkönig“) zu.

Über den Autor

Tommaso Campanella wird am 5. September 1568 als Sohn eines Schusters im süditalienischen Städtchen Stilo geboren. Früh schlägt er die Gelehrtenlaufbahn ein, was zu dieser Zeit gleichbedeutend mit dem Eintritt ins Kloster ist. Als 14-Jähriger tritt Campanella in den Dominikanerorden ein. Bald jedoch befriedigt ihn dessen streng an Aristoteles ausgerichtete Gelehrsamkeit intellektuell nicht mehr. 1586 lernt er die Schriften Bernardino Telesios kennen. Dessen Forderung, alle Philosophie solle auf Sinneserfahrung gegründet sein, prägt Campanellas Denken. Allerdings macht er sich durch sein Interesse an Telesio in den Augen der Kirchenbehörden verdächtig. Sein Erstlingswerk, eine Telesio-Verteidigung mit dem Titel Philosophia sensibus demonstrata, bringt ihm 1592 ein Verfahren ein. Weitere Prozesse folgen. 1599 wird Campanella gar als geistiger Anführer eines geplanten Aufstands kalabresischer Rebellen gegen die spanische Fremdherrschaft verhaftet und in den Kerker geworfen. Indem er Wahnsinn vortäuscht, entgeht er der Todesstrafe, muss jedoch schwerste Folterungen erleiden. Allen Bedrückungen zum Trotz beginnt nun Campanellas produktivste Phase als Schriftsteller. Im Kerker verfasst er, voll von missionarischem Eifer, Gedichte, philosophische Traktate und politische Schriften, darunter sein heute bekanntestes Werk, La Città del Sole (Die Sonnenstadt, veröffentlicht 1623). Er schafft sich so zwar noch mehr Feinde, doch auch etliche Bewunderer. Als sich gar Papst Urban VIII. für ihn einsetzt, wird Campanella 1629 endlich freigelassen. Aufgrund von Verleumdungen sieht er sich jedoch bald wieder von einer Verhaftung bedroht. Einflussreiche Freunde verhelfen ihm zur Flucht nach Paris, wo er sein Leben als Mönch und Günstling Kardinal Richelieus beendet. Er stirbt am 21. Mai 1639.


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