Zusammenfassung von Doktor Faustus

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Doktor Faustus Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Der Epochenroman der deutschen Katastrophe

Kein anderer Text Thomas Manns ist derart kontrovers diskutiert worden wie Doktor Faustus. Selbst heute, Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung, stellt Manns Neubearbeitung des alten Faust-Stoffes noch eine Herausforderung dar - sowohl für den Leser als auch für die literarische Forschung. Vor dem Hintergrund der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und des zerfallenden Nazi-Deutschlands lässt Mann seinen Erzähler Serenus Zeitblom vom Leben des Komponisten Adrian Leverkühn berichten: von der frühen Syphilis-Erkrankung, dem Pakt mit dem Teufel, den großen kompositorischen Erfolgen, von einem Leben ohne Liebe und dem Ende in geistiger Umnachtung. Unter Verwendung einer virtuosen Montagetechnik baut Mann zahlreiche philosophische und kulturtheoretische Ansätze des frühen 20. Jahrhunderts in seinen Großroman ein, so etwa die Zwölftonmusik Schönbergs und deren Analyse durch Theodor W. Adorno. Doktor Faustus ist zugleich ein Künstler- und ein Epochenroman, eine epische Parabel von der Verstrickung des Genies in die Katastrophe des Nationalsozialismus.

Take-aways

  • Doktor Faustus ist Thomas Manns vielschichtigstes und meistdiskutiertes Werk.
  • Der umfangreiche Roman ist eine Neubearbeitung der altdeutschen Faust-Sage.
  • Hauptfigur ist der Komponist Adrian Leverkühn, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um sich Inspiration und Erfolg zu sichern.
  • Als Student infiziert er sich mit der Syphilis: Die Teufelsvisionen und kreativen Höhenflüge sind womöglich Spätfolgen der Krankheit.
  • Thomas Mann lässt seine Figur im Roman die Zwölftonmusik erfinden, die in Wirklichkeit von Arnold Schönberg stammt.
  • Außerdem ist Leverkühns Leben der Biografie des Philosophen Friedrich Nietzsche nachempfunden.
  • Auf dem Höhepunkt seiner Karriere bricht Leverkühn zusammen, die letzten zehn Jahre seines Lebens verbringt er in geistiger Umnachtung.
  • Erzählt wird der Roman von Serenus Zeitblom, einem lebenslangen Freund des Künstlers.
  • Serenus schreibt die Geschichte Leverkühns gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nieder.
  • Der Roman stellt den vom Teufel verführten Künstler mit dem vom Faschismus verführten Deutschland in Zusammenhang.
  • Der Exilant Thomas Mann empörte die Deutschen mit seiner These von der Kollektivschuld, was ihm neben Verrissen des Romans auch Morddrohungen einbrachte.
  • Heute gilt Doktor Faustus als Meisterwerk des Autors.
 

Zusammenfassung

Die Kindheit des Komponisten

Am 23. Mai 1943 beginnt Dr. phil. Serenus Zeitblom mit der Niederschrift der Lebensgeschichte des drei Jahre zuvor verstorbenen Komponisten Adrian Leverkühn, seines Freundes. Zeitblom selbst beschreibt sich als vernunftorientierten und wenig künstlerisch veranlagten Menschen. Er ist 1883 in der Domstadt Kaisersaschern an der Saale geboren, hat dort gemeinsam mit Adrian Leverkühn das Gymnasium besucht und anschließend, ebenfalls zeitgleich mit seinem Freund, in Halle studiert. Seit 1912 unterrichtet er in Freising an der theologischen Hochschule und am Gymnasium die klassischen Sprachen Griechisch und Latein.

„Dennoch gibt es etwas, was einige von uns in Augenblicken, die ihnen selbst als verbrecherisch erscheinen, andere aber frank und permanent, mehr fürchten als die deutsche Niederlage, und das ist der deutsche Sieg.“ (S. 42)

Adrian Leverkühn wird 1885 in der Dorfgemeinde Oberweiler in der Nähe von Kaisersaschern auf dem Gutshof Buchel geboren. Adrians Vater Jonathan Leverkühn ist als Hobbywissenschaftler fasziniert von allen mysteriösen Naturerscheinungen, etwa von den fantastischen Mustern der Schmetterlingsflügel oder den bizarren winterlichen Eisblumen. In amateurhaftem Rahmen betreibt er zur Belustigung von Adrian und Serenus physikalische Hausexperimente. Adrians Mutter Elsbeth Leverkühn ist eine ruhige und ungekünstelte Frau mit einer allerdings auffallend schönen Stimme. Die Magd Hanne aber ist es, die Adrian an die Musik heranführt, indem sie mit den Kindern unter der alten Linde im Hof Volkslieder singt.

„Ordnungsbeziehungen anzuschauen ist doch schließlich das Beste. Die Ordnung ist alles.“ (Leverkühn, S. 61)

Zu Ostern 1895 zieht Adrian zu seinem Onkel Nikolaus Leverkühn nach Kaisersaschern, um das Gymnasium zu besuchen. Der Onkel ist Musikinstrumentenbauer; für dessen Sammlung interessiert sich Adrian allerdings kaum. Die Schule bewältigt er mit Leichtigkeit und hervorragenden Noten, der Unterrichtsstoff ist ihm allerdings gleichgültig. Im 15. Lebensjahr kristallisieren sich zwei Vorlieben Adrians heraus: die Mathematik und das Klavierspiel.

Einführung in die Musiktheorie

Adrian bekommt Klavierstunden beim Dom-Organisten Wendell Kretzschmar. Der Sohn deutsch-amerikanischer Eltern hält, obwohl mit schwerem Stottern gestraft, musiktheoretische Vorträge im Gemeindesaal von Kaisersaschern. "Warum Beethoven zu der Klaviersonate Opus 111 keinen dritten Satz geschrieben hat" und "Das Elementare in der Musik" sind keine Themen, mit denen Kretzschmar große Zuschauerscharen anlocken kann. Adrian und Serenus sind jedoch fasziniert. Adrian stellt Überlegungen zur "Stallwärme" der Musik an, zur grundsätzlichen Unordnung der Töne, die man durch musiktheoretische Normen "abkühlen" müsse.

„,Ja, lieber Freund’, sagte er, (...) ‚wenn Sie für Gesundheit sind - mit Geist und Kunst hat die denn wohl freilich nicht viel zu tun, sie steht sogar in einem gewissen Kontrast dazu, und jedenfalls hat das eine ums andere sich nie viel gekümmert.’“ (Wendell Kretzschmar, S. 100)

Im Klavierunterricht macht Adrian schnell Fortschritte. Er beschäftigt sich mit ersten kompositorischen Fingerübungen. Nach dem Abitur geht er nach Halle, um Theologie zu studieren, wobei ihm als Berufsziel weniger das Pastorenamt als eine akademische Laufbahn vorschwebt. Serenus folgt ihm nach, um die Entwicklung des Freundes aus der Nähe beobachten zu können. Es scheint ihm bedenklich, dass ausgerechnet ein so kühler, mathematischer Charakter wie Adrian sich der Theologie und damit dem Irrationalen zuwenden will.

Eine teuflische Erkrankung

In Halle werden die beiden Freunde regelmäßig in das Haus des derben Professors Ehrenfried Kumpf eingeladen. Kumpf glaubt an die Existenz des Teufels: Bei einem gemeinsamen Abendessen wirft er ein Brötchen nach dem Satan, den er in einer dunklen Zimmerecke vermutet. Ebenso fasziniert vom Bösen ist der Dozent für Religionspsychologie, Dr. Eberhard Schleppfuß. Seiner Meinung nach hat Gott der Schöpfung die Freiheit gelassen, sich jederzeit der Sünde zuzuwenden.

„Denn die Theologie, in Verbindung gebracht mit dem Geist der Lebensphilosophie, dem Irrationalismus, läuft ihrer Natur nach Gefahr, zur Dämonologie zu werden.“ (S. 125)

Adrian bleibt in den studentischen Kreisen ein Einzelgänger, er hält den Kontakt zu Wendell Kretzschmar. Während Serenus nach Naumburg zum Militär eingezogen wird, bricht Adrian sein Theologiestudium ab und zieht nach Leipzig, wo Kretzschmar inzwischen an einem Konservatorium unterrichtet. Wie Adrian in einem Brief an den Erzähler berichtet, wird er bei seiner ersten Stadtbesichtigung in ein Bordell gelockt. Er verlässt das Etablissement eilig, kann aber eines der Mädchen nicht vergessen, das er Hetaera Esmeralda nennt. Er reist ihr nach Pressburg nach, wo sie ihre Syphilis-Erkrankung zu kurieren versucht, und schläft mit ihr, obwohl sie ihn vor der Krankheit warnt. Zurück in Leipzig will er sich behandeln lassen - der Arzt stirbt jedoch nach der ersten Sprechstunde, sein Nachfolger wird rätselhafterweise verhaftet ...

Symphonische Fantasien und Zwölftonmusik

Die äußeren Anzeichen der Syphilis verschwinden, die Krankheit verweilt unsichtbar im Körper. Adrian widmet sich in Leipzig nun ausschließlich der Musik. Erste kompositorische Versuche haben entweder eine apokalyptische Note oder parodieren die Ernsthaftigkeit anderer Künstler. Adrians bester Freund in Leipzig ist der Übersetzer Rüdiger Schildknapp, dem zu seinem Leidwesen zur Schriftstellerei die nötige Inspiration fehlt. Mit ihm zusammen reist Adrian nach Sylt, wo er die symphonische Fantasie "Meeresleuchten" schreibt. Über Verbindungen Kretzschmars kommt es zu einer Aufführung in Genf, Adrian ist jedoch unzufrieden mit dem Werk.

„Abtrünnigkeit ist ein Akt des Glaubens, und alles ist und geschieht in Gott, besonders auch der Abfall von ihm.“ (Leverkühn, S. 177)

1910 treffen sich Adrian und Serenus zur Hochzeit von Adrians Schwester Ursel auf dem Hof der Eltern in Oberweiler. Auf einem Spaziergang sprechen die beiden über Adrians Plan, Shakespeares Komödie Love’s Labour’s Lost als Oper zu vertonen. Serenus soll das Libretto beisteuern. Adrian erklärt seine Idee der Zwölftonmusik: Musikalische Kompositionen sollen streng strukturiert werden, indem alle zwölf Halbtöne darin in einer festgelegten Reihenfolge auftauchen. Nach der Hochzeitsfeier zieht Adrian nach München und wohnt zur Untermiete bei der bohemehaften Senatorin Rodde.

Der Pakt mit dem Teufel

Im Sommer 1912 fährt Serenus mit seiner jungen Ehefrau Helene zu Besuch in das italienische Bergdorf Palestrina, in dem sich Adrian und Rüdiger Schildknapp aufhalten. Adrian komponiert die Oper "Love’s Labour’s Lost" und spielt den Freunden erste Ausschnitte am Klavier vor. Das Werk ist ironisch und parodistisch, wann immer es von Traurigkeit und Liebe spricht. Um die großen Gefühle macht Adrian weiterhin einen Bogen.

„Warum müssen fast alle Dinge mir als ihre eigene Parodie erscheinen? Warum muss es mir vorkommen, als ob fast alle, nein, alle Mittel und Konvenienzen der Kunst heute nur noch zur Parodie taugten?“ (Leverkühn, S. 181)

Ebenfalls aus der Zeit in Palestrina stammen einige Aufzeichnungen Adrians, die erst nach seinem Tod in den Besitz des Erzählers übergegangen sind. Der Komponist beschreibt darin eine unheimliche Unterhaltung mit einem Unbekannten, die er sich womöglich in einem Anfall von Migräne eingebildet, vielleicht aber auch tatsächlich erlebt hat: Es wird kalt im Raum und ein kleiner rothaariger Mann sitzt auf dem Sofa - der Teufel. Er gibt sich als Zuhälter Esmeraldas aus und beschreibt Adrians Syphilis, die früher oder später sein Gehirn befallen und es zur Kreativität reizen werde, als ersten Teil eines Pakts: Für 24 Jahre verspricht er größte Inspiration und historische Erfolge als Komponist, dafür will er Adrians Seele. Und: Der Komponist muss sein Leben in Kälte verbringen und wird niemals lieben dürfen.

Künstlerleben in München und Kriegsausbruch

Um in Ruhe komponieren zu können, zieht Adrian nach Pfeiffering, ein Dorf in der Nähe von Waldshut. Serenus bekommt zu Ostern 1913 eine Anstellung am Gymnasium in Freising und siedelt sich damit wieder in der Reichweite des Freundes an. Adrians Oper "Love’s Labour’s Lost" wird von Kretzschmar in Lübeck aufgeführt, fällt jedoch bei Kritik und Publikum durch. Adrian komponiert die Symphonie "Die Wunder des Weltalls", die ihr eigenes Pathos verspottet und von Serenus als "virtuos antikünstlerisch" beschrieben wird.

„Ja, wir sind ein gänzlich verschiedenes, dem Nüchtern-Üblichen widersprechendes Volk von mächtig tragischer Seele, und unsere Liebe gehört dem Schicksal, jedem Schicksal, wenn es nur eines ist, sei es auch der den Himmel mit Götterdämmerungsröte entzündende Untergang!“ (S. 233)

Die beiden Freunde treffen sich regelmäßig im Münchner Künstlerkreis um die Senatorin Rodde. Ines Rodde, die Tochter des Hauses, wird von dem Kunsthistoriker Dr. Helmut Institoris umworben. Aus einem bürgerlichen Bedürfnis nach Sicherheit heiratet sie ihn, liebt jedoch den Geiger Rudolf Schwerdtfeger, der bald nach der Hochzeit ihr Liebhaber wird.

„Mein Bedingnis war klar und rechtschaffen, bestimmt vom legitimen Eifer der Hölle. Liebe ist dir verboten, insofern sie wärmt. Dein Leben soll kalt sein - darum darfst du keinen Menschen lieben.“ (der Teufel zu Leverkühn, S. 334)

Der Erste Weltkrieg beginnt und löst in der Bevölkerung patriotische Abenteuerlust und Aufbruchsstimmung aus - auch beim Erzähler, der nach Naumburg ins Regiment eingezogen wird. Adrian steht dem Krieg gleichgültig gegenüber und bleibt in Pfeiffering. Künstlerisch beschäftigt er sich, auf der Suche nach Einfachheit, mit der Vertonung volkstümlicher Possen.

Musikalische Männerfreundschaft

Adrian leidet an starker Migräne, ist unproduktiv und verschanzt sich im dunklen Zimmer. Rudolf Schwerdtfeger ist unglücklich mit seiner heimlichen Beziehung zu Ines Rodde und wünscht sich von Adrian ein Violinkonzert. Nach Kriegsende und der Überwindung seiner Migränephase beschäftigt sich Adrian aber zunächst mit einem neuen Großprojekt: der Vertonung der biblischen Apokalypse. Er schreibt die "Apocalipsis cum figuris" in einem kreativen Höhenflug in wenigen Monaten nieder. Das Chorwerk ist stilistisch von vorzeitlichen Kultmusiken geprägt, zugleich aber hochkomplex und modern. Diese Paradoxie äußert sich auch in der Harmonie: Die dissonanten Klänge stehen in diesem Werk für das Fromme und Geistige, die harmonischen Töne für die Hölle. Von der Kritik wird die Rückkehr zu den musikalischen Urformen als Barbarismus beschimpft, der starke Formalismus hingegen als blutleeres Intellektuellentum.

„Es gibt im Grunde nur ein Problem in der Welt, und es hat diesen Namen: Wie bricht man durch? Wie kommt man ins Freie? Wie sprengt man die Puppe und wird zum Schmetterling?“ (Leverkühn, S. 412)

In den 20er Jahren findet Adrians Werk zunehmend Anhänger. Eine Bewundrerin ist die ungarische Gräfin von Tolna, die Adrian nie persönlich trifft, die ihn aber finanziell unterstützt. Er schreibt das Violinkonzert für Rudi Schwerdtfeger, eine einfache und sinnliche Komposition, die sein bis dahin größter Erfolg wird. Den Aufführungen wohnt er entgegen seiner Gewohnheiten persönlich bei, und bei einem Urlaub auf dem leer stehenden Schloss der Gräfin in Ungarn landen Rudi und Adrian beim gemeinsamen Du - ein Privileg, das bislang nur der Erzähler genossen hat.

Zwei Schicksalsschläge

Nach einer weiteren Aufführung des Violinkonzerts in Zürich lernt Adrian auf einer Abendgesellschaft die Bühnenbildnerin Marie Godeau kennen. Sie ist französische Schweizerin, hübsch und sympathisch, und ihre Stimme erinnert an den ruhigen Ton von Adrians Mutter. Der inzwischen 40-jährige Komponist möchte Marie heiraten, hält jedoch nicht selbst um ihre Hand an - er bittet Rudi Schwerdtfeger, für ihn mit der jungen Frau zu sprechen. Rudi jedoch hat seine Affäre mit Ines Institoris beendet und ist selbst in Marie verliebt. Er kommt Adrians Bitte zunächst nach; als Marie die unpersönliche Art des Antrags jedoch als unhöflich empfindet und ablehnt, hält er selbst um ihre Hand an. Die beiden werden ein Paar, die Heirat in Paris ist geplant. Schwerdtfeger gibt ein letztes Konzert in München - und wird auf dem Nachhauseweg von der eifersüchtigen Ines Institoris erschossen.

„Fluch, Fluch den Verderbern, die eine ursprünglich biedere, rechtlich gesinnte, nur allzu gelehrige, nur allzu gern aus der Theorie lebende Menschenart in die Schule des Bösen nahmen!“ (S. 635)

Nach dem Tod des Freundes erwartet Adrian ein weiterer Schicksalsschlag. Nepomuk, der fünfjährige Sohn seiner Schwester Ursula, kommt nach einer Masernerkrankung für einige Zeit nach Pfeiffering. Adrian ist augenblicklich vernarrt in den engelhaften Knaben. Als Nepomuk jedoch innerhalb von zwei Wochen und unter großen Qualen an einer Hirnhautentzündung stirbt, ist Adrian überzeugt, der Teufel habe auch diese Liebe verhindert. Er stürzt sich in die Arbeit an seinem letzten Großwerk: eine Symphonie der Klage und Reue mit dem Titel "Dr. Fausti Weheklang". Adrian identifiziert sich mit der deutschen Sagenfigur Faust, die ebenfalls einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat und dies vor ihrem Tod bereut.

Höllenfahrt

Um sein neues Werk vorzustellen, lädt Adrian 1930 seinen gesamten Bekanntenkreis nach Pfeiffering ein. Er spielt dann jedoch nicht aus seinem Werk vor, sondern beichtet den Anwesenden von seinem Teufelspakt. Halb irrsinnig, womöglich von den Spätfolgen der Syphilis, spricht er ein mittelalterliches Deutsch und erklärt sich schuldig am Tod Nepomuks. Die Anwesenden halten ihn für verrückt. Adrian setzt sich ans Klavier, schlägt einige dissonante Akkorde an - und bricht zusammen. Den Rest seines Lebens verbringt er in geistiger Umnachtung bei seiner Mutter auf dem Hof in Oberweiler, wo er 1940 stirbt.

„Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft des einen Vertrages, den es zu halten gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. (...) Gott sei euerer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ (S. 672)

Serenus schreibt die letzten Abschnitte seines Berichts 1945 im ausgebombten München, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Den tragischen Fall des Freundes setzt er gleich mit dem Fall Deutschlands. Die unfassbaren Verbrechen der Deutschen sind an die Weltöffentlichkeit gelangt. Nach der Erfahrung des Dritten Reiches erscheint Serenus das Böse als generelle Charaktereigenschaft des deutschen Volkes. Für die Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen als Buch sieht er dementsprechend in Deutschland keine Hoffnung, nachdem jede Kultur im Land zerstört ist.

Zum Text

Aufbau und Stil

Selbst für erfahrene Thomas-Mann-Leser ist die Lektüre des Doktor Faustus keine leichte Sache. Die Geschichte des Adrian Leverkühn wird nur selten als spannende Aneinanderreihung von Ereignissen erzählt, sondern folgt über weite Strecken dem Prinzip einer Art Montagetechnik. Der Autor legt seinem Helden musiktheoretische Überlegungen in den Mund, die eigentlich von dem Frankfurter Philosophen Theodor W. Adorno stammen, er lässt ihn die Zwölftonmusik des avantgardistischen Komponisten Arnold Schönberg erfinden und die geistig-politische Haltung Friedrich Nietzsches einnehmen. Der Roman ist dementsprechend theorielastig und setzt die Bereitschaft des Lesers voraus, den z. T. ausschweifenden gedanklichen Exkursionen zu folgen. Der Ton des Erzählers Serenus Zeitblom ist dazu noch altväterlicher und umständlicher als der auch sonst verschachtelte Satzbaustil Thomas Manns. Nicht zu Unrecht unterbricht sich Serenus selbst mehrfach, um sich für sein kunstloses Erzählen zu entschuldigen: Die Sätze sind zumeist lange, von unzähligen Einschüben und Zwischenbemerkungen unterteilte Gebilde, die dem Textfluss den Schwung nehmen. Von Thomas Mann ist dieser übertrieben oberlehrerhafte Stil ironisch gemeint und nach eigener Auskunft auch als Selbstparodie angelegt, er entbehrt tatsächlich nicht einer gewissen Komik. Zur leichten Lesbarkeit des Textes trägt er jedoch nicht bei.

Interpretationsansätze

  • Doktor Faustus ist Künstler- und Epochenroman zugleich: Der Pakt, den Adrian für seine kompositorischen Höhenflüge mit dem Teufel schließt, ist im Grunde vergleichbar mit dem, den Deutschland mit der Naziherrschaft eingeht. Für die Euphorie und das Überlegenheitsgefühl, vor allem aber für die Verbrechen muss das deutsche Volk mit dem Zerfall seiner Kultur zahlen. Es hat, wie Adrian Leverkühn, seine Seele verloren.
  • Das Leben Adrian Leverkühns ist an die Biografie Friedrich Nietzsches angelehnt. Wie Nietzsche wird Adrian in der Nähe von Weißenfels geboren, auch seine Krankengeschichte ähnelt der des Philosophen: Beide infizieren sich früh mit Syphilis, brechen zusammen, verbringen ihr letztes Lebensjahrzehnt in geistiger Umnachtung. Zitate des Philosophen sind in den Roman hineinmontiert. Nietzsches Philosophie beeinflusste Thomas Mann sehr stark, er sah in ihr aber auch einen geistigen Wegbereiter für den heraufziehenden Faschismus, dessen kulturelle Zusammenhänge er im Roman auszuleuchten versucht.
  • Der Erzähler Serenus Zeitblom wird als gutmütiger und etwas naiver Bildungsbürger dargestellt. Er verurteilt die blinde Gefolgschaft der Deutschen zu Adolf Hitler als hysterische Barbarei, ist jedoch selbst nicht verführungsresistent. Er idealisiert die Künstlerpersönlichkeit seines Freundes Adrian auch dann noch, als dieser dem Wahnsinn nahe ist. Adrians lebenslangen Flirt mit dem Bösen kann er nicht verurteilen und ist in diesem Sinne selbst vom Unheil fasziniert - für Thomas Mann eine typisch deutsche Eigenschaft.
  • Thomas Mann lässt Adrian im Gespräch mit Serenus die Zwölftonmusik als ein strenges Regelkorsett beschreiben, das ihm allerdings die größte Freiheit beim Komponieren gewähre: Wenn vorab festgelegt werde, welche Töne in welcher Reihenfolge zu verwenden seien, müsse er sich bei der Arbeit nicht von Ton zu Ton über weitere musikalische Gesetze Gedanken machen. Freiheit kann für den Komponisten Leverkühn nur innerhalb bestimmter Grenzen stattfinden, totale Freiheit würde ins Chaos führen. Mit dieser Interpretation der Zwölftonmusik folgt Thomas Mann den musiktheoretischen Ansätzen von Theodor W. Adorno, der ihn bei der Arbeit am Doktor Faustus beraten hat.

Historischer Hintergrund

Zerfall des Deutschen Reiches

Als die alliierten Gegnermächte 1943 die Bombardierung der deutschen Städte massiv intensivierten, wurden sich die Deutschen erstmals der Bedrohung durch den von ihnen begonnenen Krieg bewusst. Die Siegesgewissheit und das rauschhafte Selbstgefühl der Nazizeit wichen gegen Ende des Krieges einer Ahnung von der bevorstehenden Katastrophe. Die Rote Armee eroberte 1944 weite Teile Südosteuropas, und am 6. Juni begannen die westlichen Alliierten mit der Invasion der Normandie. Dresden, Nürnberg, Mainz und viele weitere Städte wurden bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 fast vollständig zerstört. Die Regierungsgewalt übernahmen zunächst die Siegermächte USA, Sowjetunion und Großbritannien, die dann gemeinsam mit Frankreich Deutschland in vier Besatzungszonen aufteilten. Die amerikanische, britische und französische Zone wurde mit Inkrafttreten des Grundgesetzes am 24. Mai 1949 zur Bundesrepublik Deutschland, die sowjetische Besatzungszone wurde am 7. Oktober 1949 zur Deutschen Demokratischen Republik.

Hatte ein Teil der Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus die Augen vor den Verbrechen noch verschließen können, gerieten die NS-Gräueltaten mit der Befreiung der Konzentrationslager an die Weltöffentlichkeit und ließen sich nicht mehr leugnen - auch nicht vor sich selbst. Dem Holocaust fielen zwischen 1939 und 1945 etwa sechs Millionen Juden sowie weitere angefeindete Bevölkerungsgruppen und politische Gegner zum Opfer. Mit dieser Schuld mussten die Deutschen von nun an leben, was - zusammen mit dem Wegfall des romantisch-irrationalen, aber identitätsstiftenden Germanentums der vergangenen Jahre - eine starke Verunsicherung des Nationalgefühls zur Folge hatte. Von den Künstlern und politisch Verfolgten, die vor den Nationalsozialisten ins Exil geflüchtet waren, konnten sich einige mit ihrem ehemaligen Heimatland nie wieder versöhnen. Sie blieben, wie Thomas Mann, bis an ihr Lebensende im Ausland.

Entstehung

Bereits 1904 machte sich Thomas Mann erste Notizen zu einem Faust-Roman mit syphilitischer Hauptfigur: "Das Gift wirkt als Rausch, Stimulans, Inspiration; er darf in entzückter Begeisterung geniale, wunderbare Werke schaffen, der Teufel führt ihm die Hand." Die tatsächliche Arbeit an seiner Version der deutschen Volkssage begann der Autor jedoch erst im kalifornischen Exil, vor dem Hintergrund der düsteren politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Wie der Erzähler Serenus Zeitblom im Roman begann auch der Autor selbst am 23. Mai 1943 mit dem Schreiben und beendete die Arbeit am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands. Ausgiebige Recherchen flossen in das Werk ein: zur historischen Figur des Johann Faust, einem wandernden Wahrsager aus dem 15. Jahrhundert, der sich der Sage nach mit dem Teufel eingelassen hatte, zur mittelalterlichen Sprache und Historie, vor allem aber zu den vielen zeitgenössischen Aspekten, die Mann in den Roman hineinmontierte. Er studierte musikwissenschaftliche Lehrbücher und nahm Kontakt zu Komponisten wie Igor Strawinsky, Hanns Eisler und Arnold Schönberg auf. Großen Einfluss auf den Text hatte Theodor W. Adorno, mit dem sich Thomas Mann während der Arbeit regelmäßig besprach. Nach der Fertigstellung seines gewaltigen Romanprojekts war der Autor stolz auf seine Leistung - nicht zuletzt deshalb, weil der damals bereits über 70-Jährige während der Arbeit mit großen gesundheitlichen Problemen (einer Lungenkrebsoperation) und hartnäckigen Phasen des Selbstzweifels zu kämpfen gehabt hatte.

Wirkungsgeschichte

Eine der ersten Rezensionen, die im Deutschland der Nachkriegszeit zum Doktor Faustus erschien, stammte von der prominenten Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger, die bis dahin ein gutes Verhältnis zu Thomas Mann gehabt hatte. Der Dichter bezeichnete ihren Artikel als "das Stumpfeste, Dümmste und Versperrteste" und sprach von einer "persönlichen Anfeindung". Hamburger hatte vor allem die Symbolik des Romans bemängelt: Die alte Sage vom Teufelspakt des Doktor Faust aufzuwärmen und sie auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Nazi-Deutschland zu übertragen, sei ein einfallsloses und zurechtgebogenes Konzept. Die Kritik löste einen langen Streit zwischen dem im Exil lebenden Autor und Vertretern der deutschen Öffentlichkeit aus. In seinem Text Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre äußerte Mann seine Überzeugung von der Kollektivschuld der Deutschen und provozierte damit weitere Verrisse des Doktor Faustus und sogar Morddrohungen.

In späteren Jahren kam es zu einer entspannteren, aber keinesfalls weniger intensiven Beschäftigung mit dem Text, dessen Montageprinzip und Theoriefülle nun gewürdigt wurden. Mit mehr als 80 000 Seiten Sekundärliteratur zählt Doktor Faustus zu den meisterforschten und damit auch zu den meistgelesenen deutschen Büchern der Nachkriegszeit. In zahlreiche Sprachen übersetzt, ist das Buch auch im Ausland erfolgreich und gilt als der Roman, der wie kaum ein anderer die deutsche Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu erklären vermag.

Über den Autor

Thomas Mann wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Er ist der zweite Sohn einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie, sein älterer Bruder Heinrich wird ebenfalls Schriftsteller. Thomas hasst die Schule und verlässt das Gymnasium ohne Abitur. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1894 nach München, dort arbeitet Mann kurzfristig als Volontär bei einer Feuerversicherung. Als er mit 21 Jahren volljährig ist und aus dem Erbe des Vaters genug Geld zum Leben erhält, beschließt er, freier Schriftsteller zu werden. Er reist mit Heinrich nach Italien, arbeitet in der Redaktion der Satirezeitschrift Simplicissimus und schreibt an seinem ersten Roman Buddenbrooks, der 1901 erscheint und ihn sofort berühmt macht. Der Literaturnobelpreis, den er 1929 erhält, beruht vor allem auf diesem ersten Buch – Mann, nicht uneitel, erwartet die Auszeichnung allerdings schon 1927. Trotz seiner homoerotischen Neigungen heiratet er 1905 die reiche Jüdin Katia Pringsheim. Sie haben sechs Kinder, darunter Klaus, Erika und Golo Mann, die ebenfalls als Schriftsteller bekannt werden. Weil Thomas den Ersten Weltkrieg zunächst befürwortet, kommt es zwischen ihm und seinem Bruder Heinrich zum Bruch, der mehrere Jahre andauert. 1912 erscheint die Novelle Der Tod in Venedig, 1924 der Roman Der Zauberberg. In den 1930er Jahren gerät er ins Visier der Nationalsozialisten, gegen die er sich in öffentlichen Reden ausspricht; seine Schriften werden verboten. Nach der Machtergreifung Hitlers kehrt er von einer Vortragsreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Zunächst leben die Manns in der Schweiz, 1938 emigrieren sie in die USA, 1944 nimmt Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1947 erscheint Doktor Faustus, eine literarische Auseinandersetzung mit der Naziherrschaft. Nach dem Krieg besucht Thomas Mann Deutschland nur noch sporadisch; die von ihm vertretene Kollektivschuldthese verschafft ihm nicht nur Anhänger. Als die Manns 1952 nach Europa zurückkehren, gehen sie wieder in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 in Zürich.


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