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Drei Schwestern

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Drei Schwestern

Diogenes Verlag,

15 Minuten Lesezeit
12 Take-aways
Text verfügbar

Was ist drin?

Gepflegte russische Schwermut: Drei Schwestern und ihr vergebliches Streben nach Glück.


Literatur­klassiker

  • Drama
  • Realismus

Worum es geht

Das Glück ist anderswo

Drei Schwestern gehört zu den berühmtesten Theaterstücken überhaupt. Tschechow zeigt das vergebliche Streben nach Glück: Drei Schwestern und ihr Bruder Andrej leben in einer namenlosen russischen Provinzstadt. Sie haben große, aber nicht unrealistische Erwartungen ans Leben, die sie alle mit einem Umzug nach Moskau verbinden. Im Verlauf der vier Akte wird „Moskau“ allerdings immer unwahrscheinlicher. Andrej heiratet eine dümmliche Frau und lässt sich von ihr in den Sumpf der Provinz hinabziehen, ohne freilich seine einstigen Träume von einer wissenschaftlichen Karriere vergessen zu können. Die drei Schwestern Olga, Maša und Irina bemühen sich aktiver um ihr Glück: Irina sucht es in verschiedenen Berufen, Maša in einer außerehelichen Liebe, Olga macht als Lehrerin Karriere. Glücklich werden sie aber alle nicht, und keine von ihnen gelangt nach Moskau. Tschechows Stück ist realistisch und zugleich poetisch, es verhandelt auf fast existenzialistische Weise wichtige Fragen unseres Daseins.

Take-aways

  • Drei Schwestern von Anton Tschechow ist ein Stück über das langsame Verbleichen der Träume und den unbarmherzigen Lauf der Zeit.
  • Die drei Schwestern Olga, Maša und Irina leben mit ihrem Bruder Andrej in einer Provinzstadt. Sie träumen von einer Zukunft in Moskau.
  • Die Hauptfiguren sind Vertreter der Intelligenz, getrieben von der Ahnung, dass das Leben mehr hergeben muss, als es ihnen momentan bietet.
  • Andrej wird von seiner kleingeistigen Frau in den Provinz-Sumpf gezogen. Er schämt sich deshalb vor den drei Schwestern.
  • Der aus Moskau kommende Oberleutnant Veršinin weckt Sehnsüchte: Die verheiratete Maša verliebt sich in ihn.
  • Als er am Ende die Stadt wieder verlässt, hat sich nichts wirklich verändert.
  • Alle drei Schwestern müssen ihren Traum von Moskau begraben und richten sich auf ein Leben in der Provinz ein.
  • Glücklich sind nur die dummen oder stumpfen Menschen: Andrejs Frau Nataša und Mašas Mann Kulygin.
  • Der Ausruf „Nach Moskau!“ ist in der russischen Literatur sprichwörtlich geworden und steht für unerfüllte Sehnsucht.
  • Gedämpfte Schwermut prägt das Stück, und doch sind manche Dialoge – insbesondere wenn die Figuren aneinander vorbeisprechen – von absurder Komik.
  • Grundlegende Fragen werden aufgeworfen: Was ist der Sinn des Lebens? Ist Glück möglich? Hat auch Leid einen Zweck? Gibt es historischen Fortschritt?
  • Der Text gehört bis heute zu den meistgespielten Theaterstücken weltweit.

Zusammenfassung

Drei Schwestern, ein Bruder und ihre Hoffnungen

Es ist der 5. Mai in einer Garnisonsstadt der russischen Provinz, der Namenstag von Irina. Sie befindet sich mit ihren Schwestern Olga und Maša im Haus ihres Vaters, eines Brigadekommandeurs, der just ein Jahr zuvor gestorben ist. Olga erinnert sich an seinen Tod und an ihre glückliche Kindheit in Moskau – vor elf Jahren ist der Vater von dort in die Provinzstadt beordert worden. Jetzt, 28-jährig, fühlt sie sich alt und ausgelaugt und hat Sehnsucht nach der alten Heimat. Sie ist Lehrerin am Gymnasium und ständig überarbeitet. Sie wünscht sich einen Ehemann, den sie lieben kann, und ein Dasein ohne Arbeit.

„Nach Moskau ziehen. Das Haus verkaufen, mit allem hier Schluss machen und – nach Moskau ...“ (Irina, S. 10)

Irina hegt ebenfalls den Wunsch, nach Moskau zurückzugehen. Sie möchte das Haus verkaufen und vom Erlös in Moskau leben. Ihr Bruder Andrej werde ohnehin nicht bleiben, meint sie, weil er wahrscheinlich Professor werde. Er gilt als sehr begabt, auf ihm und seiner erwarteten wissenschaftlichen Karriere ruhen große Hoffnungen der Schwestern. Außerdem soll er verliebt sein, heißt es, in eine schlichte, geschmacklose Frau aus dem Ort. Sie soll am Abend zum Essen kommen.

„Die Zeit ist gekommen, etwas Gewaltiges bewegt sich auf uns alle zu, ein gesunder, starker Sturm zieht auf, der kommen wird, er ist schon nah und wird bald aus unserer Gesellschaft die Trägheit hinwegfegen, die Gleichgültigkeit, das Vorurteil gegen Arbeit, die modrige Langeweile.“ (Tuzenbach, S. 13)

Drei Freunde der Familie, die Offiziere Tuzenbach, Solënyj und Čebutykin, kommen hinzu. Tuzenbach kündigt den Antrittsbesuch des neuen Batteriechefs an. Olga und Irina erkundigen sich interessiert nach ihm – und erfahren, dass er verheiratet ist.

Irina, mit 20 Jahren die Jüngste der Schwestern, ist an ihrem Namenstag in froher Aufbruchsstimmung. Sie hat das Nichtstun satt und brennt darauf, zu arbeiten. Allein darin sieht sie Lebenssinn und das Glück eines jeden Menschen, egal welches seine Tätigkeit ist. Tuzenbach, der, wie er sagt, als Offizier ebenfalls nie gearbeitet hat, teilt diese Sehnsucht. Er prophezeit eine große gesellschaftliche Bewegung hin zur allgemeinen Arbeit. Auch Čebutykin, der Militärarzt, stammt aus Verhältnissen, in denen man nicht arbeitet, aber er bekennt, dies auch niemals tun zu wollen. Er hat zwar Medizin studiert, dann aber nie mehr einen Finger krumm gemacht. Selbst zum Lesen ist er zu faul.

„Sie sagen: das Leben ist schön. Ja, aber wenn es nur so erscheint! Für uns, drei Schwestern, war das Leben noch nicht schön, es hat uns überwuchert wie Unkraut ...“ (Irina zu Tuzenbach, S. 28)

Maša ist traurig und einsilbig. Sie beklagt, dass seit dem Tod des Vaters im Haus nichts mehr los sei, die Scharen von Offizieren blieben aus. Mit 18 Jahren hat sie Kulygin geheiratet, einen Lehrer. Damals, kaum aus der Schule entlassen, hielt sie ihn für den Klügsten; das ist nun nicht mehr der Fall. Kulygin kommt, um Irina zu gratulieren. Er schenkt ihr sein Buch über die 50-jährige Geschichte des Gymnasiums – das hat sie von ihm allerdings schon zu Ostern bekommen. Für den Abend sind er und Irina beim Direktor eingeladen. Maša hasst die Gesellschaft von Lehrern und ist voll von unverhohlenem Widerwillen gegen ihren Mann. Der allerdings ist sehr zufrieden mit sich.

„Arbeiten muss man, arbeiten. Deshalb sind wir so unfroh und sehen das Leben so düster, weil wir die Arbeit nicht kennen. Wir stammen von Menschen ab, die Arbeit verachtet haben ...“ (Irina, S. 28)

Der angekündigte Batteriechef Veršinin trifft ein. Er kommt aus Moskau und steht damit sofort im Mittelpunkt des Interesses der Schwestern. Er hat als Offizier unter ihrem Vater gedient, und Maša erinnert sich an ihn als einen jungen, verliebten Major. Jetzt ist er 42, verheiratet und hat die damalige Lebensfreude verloren: Er äußert schwermütige Gedanken über die Vergänglichkeit und sinniert darüber, wie es wäre, in vollem Bewusstsein das Leben noch einmal neu und ganz anders leben zu können.

„Du sitzt in Moskau, im Riesensaal eines Restaurants, kennst niemanden und niemand kennt dich, und trotzdem fühlst du dich nicht fremd. Hier kennst du jeden und alle kennen dich, aber du bist fremd, fremd ... Fremd und einsam.“ (Andrej, S. 35)

Irina und Tuzenbach sind für einen Augenblick allein. Er gesteht ihr seine Liebe, die er mit dem Arbeitsdurst und Aufbruchsdrang verbindet, den sie beide verspüren. Irina teilt zwar seine Ansichten, erwidert aber seine Gefühle nicht.

Nataša, die Frau, in die Andrej verliebt ist, kommt zum Essen. Sie ist verspätet und trägt einen Gürtel, der ihr nicht steht; Olga weist sie darauf hin. Nataša ist verunsichert und benimmt sich ungeschickt. Sie flieht von der Festtafel. Andrej folgt ihr und macht ihr einen glühenden Heiratsantrag.

Langsame Desillusionierung

Einige Zeit ist vergangen, doch von Moskau träumen immer noch alle vier Geschwister. Andrej allerdings ist inzwischen mit Nataša verheiratet und hat einen Sohn im Säuglingsalter. Er fühlt sich fremd in der Stadt und in seinem Leben, er hat zugenommen, leidet an Atemnot, und er schämt sich vor seinen Schwestern für seine Existenz. Er ist nämlich nicht wie erhofft Professor in Moskau geworden, sondern Angestellter in der Gemeindeverwaltung der Provinzstadt. In seiner Ehe gelangweilt und unverstanden, ist er aus Frustration dem Spiel verfallen. Am Tag zuvor hat er viel Geld verloren, die ganze Stadt redet darüber.

„Auch in tausend Jahren wird der Mensch seufzen: ‚Ach, wie schwer ist es zu leben!‘ – und zugleich wird er, genau wie heute, sich vor dem Tode fürchten und nicht sterben wollen.“ (Tuzenbach, S. 40)

Seine völlig ungeistige Frau Nataša hat inzwischen die Herrschaft im Haus übernommen, in dem immer noch alle zusammenwohnen: Sie sagt eine Abendeinladung eigenmächtig ab, weil das Kind angeblich kränkelt; sie leitet Nachrichten an Andrej nicht weiter; sie fordert Irina auf, ihr schönes Zimmer für das Kind zu räumen und bei Olga zu schlafen.

„In zweihundert, dreihundert, schließlich in tausend Jahren (...) wird ein neues, glückliches Leben anbrechen. An diesem Leben teilnehmen werden wir natürlich nicht, aber wir leben heute dafür, arbeiten, ja leiden, wir erschaffen es – allein darin liegt der Zweck unseres Daseins und, wenn Sie so wollen, unser Glück.“ (Veršinin, S. 40 f.)

Maša und Veršinin bekennen sich gegenseitig ihr Unglück. Sie leidet unter der Grobheit der Menschen im Allgemeinen und ihres Ehemannes im Besonderen. Auch Veršinin ist unglücklich in seiner Ehe: Er hasst seine Frau, die regelmäßig Selbstmordversuche unternimmt oder simuliert. Veršinin macht Maša Komplimente, und bei Maša wächst die Bereitschaft zum Ehebruch.

„So würden auch Sie Moskau gar nicht bemerken, wenn Sie erst dort leben. Wir haben das Glück nicht und können es nicht haben, wir wünschen es uns nur.“ (Veršinin zu Maša, S. 45)

Irina führt jetzt ein tätiges Leben, wie sie es sich vorgenommen hat, aber ihre damit verbundenen Wünsche haben sich nicht erfüllt. Die geistlose Arbeit im Telegrafenamt erschöpft sie, ohne sie zu befriedigen; sie will sich eine andere Stelle suchen. Leutnant Tuzenbach beabsichtigt, die Armee zu verlassen, um Arbeiter zu werden. Er sehnt sich immer noch nach rechtschaffener Erschöpfung am Ende eines Arbeitstages. Irina weicht er nach wie vor nicht von der Seite.

„Ich bin schon dreiundzwanzig, arbeite schon lange, und mein Hirn ist verdorrt, ich bin mager, hässlich, alt geworden, und nichts, nichts, keinerlei Befriedigung, aber die Zeit vergeht, und ständig scheint es, als ginge man fort aus dem wahren schönen Leben, ginge immer weiter und weiter fort, auf einen Abgrund zu.“ (Irina, S. 67)

In einer philosophischen Diskussion über das Leben in ferner Zukunft behauptet Tuzenbach, das menschliche Lebensgefühl werde sich im Grunde nie ändern: Das Leben werde den Menschen immer schwerfallen, die Aussicht auf den Tod allerdings auch. Das menschliche Dasein – es sei absurd. Veršinin hält dagegen, dass in zwei-, dreihundert Jahren ein glücklicheres Zeitalter anbrechen werde. Heutiges Leid sei dazu da, das Glück der Nachfolgenden vorzubereiten. Maša wirft ein, der Mensch müsse einen Glauben haben, einen Lebenssinn, sonst sei alles umsonst. Ihr eigenes Reden langweilt sie aber noch im selben Moment. Als sie wiederholt von Moskau spricht, gibt Veršinin zu bedenken, dass ihr diese Stadt nur deshalb als ein Segen erscheine, weil sie nicht dort sei – das Glück sei eben immer unerreichbar.

„Sie ist eine ehrliche, anständige, ja gute Frau, aber bei alledem hat sie etwas, das sie zu einem kleinen, blinden, so einem struppigen Tier herabwürdigt. Ein Mensch ist sie jedenfalls nicht.“ (Andrej über Nataša, S. 81)

Der schweigsame Solënyj macht Irina überraschend ein Liebesgeständnis. Sie weist ihn zurück. Er verkündet entschlossen, keine Nebenbuhler zu dulden, auch wenn seine Liebe nicht erwidert werde.

Olga kommt spät von einer Lehrerkonferenz nach Hause. Sie ist jetzt die Vertreterin der Direktorin, nach wie vor überfordert und dauernd erschöpft. Ihre Karriere betreibt sie nicht aktiv, sie drängt sich Olga vielmehr auf.

Der Siegeszug des Provinziellen

Unbestimmte Zeit später: Es brennt, ein Viertel der Stadt ist bereits zerstört worden, das Haus der Schwestern aber bleibt verschont. Nataša erweist sich einmal mehr als kalt und egoistisch: Sie will keine durch das Feuer in Not geratenen Menschen im Haus aufnehmen, außerdem will sie die langjährige, alt gewordene Dienstbotin der Familie fortjagen. Deswegen gerät sie mit Olga aneinander, die solche Grobheiten nicht ertragen kann. Nataša ist inzwischen zweifache Mutter und dicker geworden. Sie hat ein Verhältnis mit dem Vorgesetzten ihres Mannes – das weiß jeder außer Andrej selbst.

„Wovon werden wir, kaum dass wir angefangen haben zu leben, so langweilig, grau, uninteressant, träge, gleichgültig, nutzlos, unglücklich ...“ (Andrej, S. 85)

Ohne seine Schwestern zu fragen, hat Andrej das Haus verpfändet, um Spielschulden zu tilgen. In einem Gefühlsausbruch entschuldigt er sich bei den Schwestern dafür, verteidigt aber in einer Art Flucht nach vorn alles andere, wofür er sich in Wirklichkeit im Stillen schämt: seine Frau, seinen Beruf, sein ganzes Leben, das nun so ganz anders aussieht als einst erhofft.

„Wissen Sie, wenn man dem Arbeitswillen Bildung verleihen könnte, und der Bildung Arbeitswillen.“ (Veršinin, S. 89)

Im allgemeinen Chaos während des Brandes wird Čebutykin als Arzt gebraucht, doch der Offizier weiß nichts mehr über seinen Beruf, er hat alles vergessen. Jetzt gerät er deswegen in Selbstzweifel und findet seine Existenz hohl und verlogen.

Tuzenbach hat immer noch nicht angefangen zu arbeiten, aber er hat es schon bis zu einem Vorgespräch in der Ziegelei gebracht. Er ist nach wie vor begeistert von der Idee, Arbeiter zu sein. Und weiterhin wirbt er hartnäckig um Irina.

„Oh, liebe Schwestern, unser Leben ist noch nicht zu Ende. Wir werden leben! Die Musik spielt so fröhlich, so freudig, und bald, scheint mir, werden wir erfahren, wozu wir leben, wozu wir leiden ... Wenn man es nur wüsste, wenn man es nur wüsste!“ (Olga, S. 93)

Diese ist nicht mehr Telegrafistin, sie arbeitet jetzt in der Stadtverwaltung. Aber auch mit dieser Tätigkeit kann sie sich nicht anfreunden. Sie fühlt sich mit ihren 23 Jahren alt, ihre ganze Bildung liegt brach: Sie vergisst langsam die Fremdsprachen, die sie sich angeeignet hat, ebenso wie Maša ihr Klavierspiel verlernt, weil beides in der Provinzstadt kein Gehör findet. Auch Irinas Hoffnungen auf Liebe haben sich nicht erfüllt: Sie hat immer geglaubt, irgendwann in Moskau zu sein und dort dem Richtigen zu begegnen. Olga versteht die Verzweiflung ihrer Schwester; sie rät ihr, Tuzenbachs Werben nachzugeben und ihn zu heiraten, er sei, obschon hässlich, immerhin ein guter Mensch. Olgas Ansichten über die Ehe haben sich geändert, sie selbst würde nun jeden heiraten, der ihr einen Antrag macht, Liebe sei dafür nicht notwendig. Schließlich ringt sich Irina Olga gegenüber dazu durch, den Leutnant Tuzenbach heiraten zu wollen – wenn sie nur nach Moskau gingen.

Maša hat jetzt ein Verhältnis mit Veršinin, sie gesteht ihren Schwestern, ihn zu lieben. Ihr Mann in seiner spießbürgerlichen Selbstzufriedenheit ahnt nichts davon oder tut so, als merke er nichts.

Anlässlich des großen Feuers philosophiert Veršinin wieder über den Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Er bekräftigt seinen Optimismus, dass das Leben von Generation zu Generation besser und kultivierter werde. Zum Beleg führt er an, dass ein solches Feuer, heute ein zufälliges Unglück, in früheren Zeiten noch vom brandschatzenden Feind gelegt worden wäre, und davon sei man inzwischen weit entfernt. Die Abwesenheit von Kriegen und Raubzügen hinterlasse aber auch eine Leere, die die Menschen gegenwärtig noch nicht zu füllen wüssten.

Verluste und ein neuer Anfang

Die Brigade wird aus der Stadt abgezogen, die ohne die Offiziere vollends verödet. Maša ist besonders verzweifelt: Sie verliert mit dem Abzug des Militärs ihren Geliebten Veršinin.

Irina hat das Lehrerinnenexamen abgelegt und wird am übernächsten Tag ihre Arbeit in der Schule beginnen. Zuerst steht aber noch ihre Trauung mit Tuzenbach an. Sie sieht einem neuen Leben entgegen und hat wieder Lust zu arbeiten. Doch sie ist auch beunruhigt, denn es geht das Gerücht um, Tuzenbach und Solënyj hätten sich ihretwegen gestritten. Und tatsächlich: Solënyj hat den Leutnant provoziert und ihn, nachdem er von diesem beleidigt worden ist, zum Duell gefordert. Der Ausgang: Solënyj erschießt Tuzenbach.

Olga ist jetzt Direktorin, obwohl sie das nie wollte, sie wohnt im Gymnasium und arbeitet den ganzen Tag lang.

Alle drei Schwestern haben das Glück nicht gefunden, keine ist nach Moskau gegangen. Und trotzdem versichern sie sich, dass das Leben noch nicht zu Ende sei, dass ein neuer Anfang komme und alles einen Sinn haben müsse.

Zum Text

Aufbau und Stil

Drei Schwestern ist ein Stück in vier Akten. Das Neue an Tschechows Dramenkunst ist, dass es keine dramatische Handlung mehr gibt, die durch die Dialoge vorangetrieben wird: Was geschieht, geschieht eher zufällig und hinter der Bühne, etwa der sinnlose Duelltod Tuzenbachs durch eine unbedeutende Nebenfigur. Die vorhandenen Konfliktpotenziale führen nicht zu Aktionen; so reagieren die beiden betrogenen Ehemänner, Andrej und Kulygin, überhaupt nicht auf die offensichtliche Untreue ihrer Frauen. Und dass die Schwestern langsam von Nataša aus ihrem eigenen Haus vertrieben werden, ist nie Gesprächsgegenstand. Auf der Bühne sieht man stattdessen Alltag und hört folgenlose Dialoge, philosophische Gedanken, die der Langeweile entspringen, ins Leere gesprochene Selbstaussagen der Figuren, Monologe, die sich nur bisweilen kreuzen. Dieses Aneinandervorbeireden hat, bei aller geäußerten Melancholie, absurde und durchaus komische Züge, was erklärt, warum Tschechow sein Drama mal Tragödie, mal Komödie genannt hat. Charakteristisch ist die Regieanweisung „Pause“: Es wird viel geschwiegen in diesem Stück. Tschechow hält eine gewisse ironische Distanz zu seinen Figuren. Es gibt nicht mehr den einen hervorstechenden Helden, alle Hauptfiguren sind von gleicher Wichtigkeit. Auch finden sich keine wirklich bösen Widersacher; Nataša etwa, die eine dumpfe Weibchenhaftigkeit verkörpert, ist nicht bewusst böswillig.

Interpretationsansätze

  • Das Stück handelt von der Sehnsucht nach Glück und der Unmöglichkeit ihrer Erfüllung, von der langsamen Enttäuschung des Menschen durch das Leben. Alle sensiblen, reflektierenden Figuren des Stücks, vor allem die drei Schwestern, sind unglücklich; zufrieden sind allein die Vertreter einer provinziellen, spießbürgerlichen Dumpfheit, Nataša und Kulygin.
  • Die Zeit wirkt eigentümlich verschoben: Die Figuren leben nicht in der Gegenwart, sie schwanken zwischen der Erinnerung an eine glücklichere Vergangenheit und der Sehnsucht nach einer glücklichen Zukunft; was für die drei Schwestern beides mit Moskau verbunden ist: Das Jetzt in der Provinz zählt nicht, das eigentliche Leben findet in einer anderen Zeit an einem anderen Ort statt. Trotzdem tickt merklich die Uhr, spürbar durch die Zeitsprünge zwischen den Akten und der langsamen Verfestigung der Verhältnisse, die „Moskau“ immer illusorischer werden lassen.
  • Drei Schwestern ist dem literarischen Realismus verpflichtet: In umgangssprachlichen Dialogen und detailgenauen Regieanweisungen für Geräusche und Requisiten erscheint das Bühnengeschehen wie aus dem Alltag geschnitten.
  • Durch ein feines Geflecht von Symbolen und Leitmotiven wird dieser Realismus allerdings poetisch überhöht. Das Bild der Zugvögel etwa taucht immer wieder auf; wie auch der unpassende Gürtel, den zu Anfang Olga bei Nataša moniert, am Ende dagegen Nataša bei Irina, womit die umgekehrten Machtverhältnisse verdeutlicht werden.
  • Tschechow zeigt im Stück die Absurdität des Daseins. Falls das Leben doch einen Sinn hat, dann einen, den man nicht kennt oder der erst späteren Generationen enthüllt werden wird. Die drei Schwestern nehmen diese Absurdität am Ende an: Nach dem Zusammenbruch aller Hoffnungen gilt es, wieder neu zu beginnen, das Leben erneut auf sich zu nehmen. Diese Position nimmt den Existenzialismus von Sartre und Camus vorweg. In Drei Schwestern klingt bereits das absurde Theater an; dass die Figuren z. B. immerzu warten, erinnert an Beckett.

Historischer Hintergrund

Das erstarrte Zarenreich

Als der 20-jährige Tschechow 1880 zu publizieren begann, waren die gesellschaftlichen Reformen der 60er Jahre gescheitert. Russland war noch immer eine absolutistische Monarchie und hinkte in der industriellen Entwicklung den anderen europäischen Großmächten weit hinterher. Der verlorene Krimkrieg hatte 1856 diese Rückständigkeit offenbart. Als Reaktion darauf hob Zar Alexander II. 1861 die Leibeigenschaft auf. Nun waren die russischen Bauern zwar auf dem Papier frei, ihre ökonomische Verelendung ging aber weiter – sie erhielten bei der Neuverteilung nur wenig oder nur schlechten Boden.

Die zahlreichen Attentate auf seine Person bremsten den Reformwillen Alexanders beträchtlich. Nach seiner Ermordung 1881 durch die radikale Opposition nahm die Regierung sogar Reformen zurück; sein Sohn Alexander III. praktizierte eine Politik schärfster Unterdrückung. Als Folge machte sich eine Atmosphäre der allgemeinen dumpfen Depression breit – in dieses geistige Klima fiel die Zeit von Tschechows literarischem Schaffen. Es bildete sich die neue Schicht der „Intelligenzija“. Sozial standen diese gebildeten Menschen zwischen Mittelschicht und Arbeiterklasse. Ihre Hoffnungen auf soziale und politische Veränderungen wurden aber enttäuscht. Mit ihrer Unzufriedenheit wurde diese Intelligenz zur treibenden Kraft der weiteren russischen Entwicklung.

Gewaltige ökonomische Umwälzungen ließen in der industriell unterentwickelten russischen Gesellschaft nicht mehr lange auf sich warten. Während der Adel über seine Verhältnisse lebte und wirtschaftlich an Bedeutung verlor, gelangten immer mehr Kaufleute zu Reichtum. Im Zuge der sich noch vergrößernden Ungleichheit breiteten sich sozialistische Ideen aus. 1898 gründete Wladimir I. Lenin die Vorgängerpartei der KPdSU. Unter dem ab 1894 regierenden Zaren Nikolaus II. nahmen Unterdrückung und Polizeiüberwachung weiter zu. Eine erste Revolution zwischen 1905 und 1907 blieb noch weitgehend folgenlos. Erst die Oktoberrevolution von 1917 beendete schließlich die Zarenherrschaft und brachte die Kommunisten an die Macht.

Entstehung

Tschechow schrieb Drei Schwestern zwischen August und Dezember 1900 in Jalta, und zwar für das Moskauer Künstlertheater, wo bereits seine Dramen Die Möwe und Onkel Vanja große Erfolge gefeiert hatten. Dieses Theater ist untrennbar mit Tschechows Bühnenerfolg zu Lebzeiten verknüpft, weil es als erstes überhaupt eine Darstellungsweise für seine modernen, nicht mehr klassisch auf Handlung und Dialog basierenden Stücke fand. Der Chef des Künstlertheaters drängte Tschechow zu einem neuen Stück für die Saison 1900/01; er sei schließlich eine der tragenden Säulen des Theaters. Tschechow wollte erst nichts versprechen, gab dann aber zu, eine Idee zu haben, die von drei Schwestern handle; schließlich versprach er, das Stück zu schreiben, verschätzte sich aber immer wieder mit dem Termin der Fertigstellung.

Er schrieb unter Hochdruck, beeinträchtigt durch seinen nachlassenden Gesundheitszustand und durch viele Besucher – Tribut an seinen gewachsenen Ruhm. Den Winter verbrachte er wegen seiner Krankheit in Frankreich und Italien. In Briefen an den Regisseur und an seine Frau Olga Knipper, die die Rolle der Maša spielte, versuchte er von Ferne auf die Proben Einfluss zu nehmen; so ergaben sich auch noch kleine Änderungen am Text.

Tschechow hatte panische Angst vor einem Misserfolg wie zuletzt bei der Aufführung der Möwe in St. Petersburg und änderte sogar seine Reiseroute, um den Meldungen von der Premiere zu entgehen. Seine Sorge war unbegründet: Die Uraufführung am 31. Januar 1901 war ein grandioser Erfolg. Schon kurz darauf wurde das Stück auch als Text veröffentlicht. Die Zensur passierte es ohne Änderungen.

Wirkungsgeschichte

Drei Schwestern wurde schnell international bekannt und eroberte die Bühnen der Welt. Tschechows Stücke begründeten das moderne russische Theater und stellten ihn in eine Reihe mit den Modernisierern August Strindberg und Henrik Ibsen. Sein wohl glühendster russischer Bewunderer noch zu Lebzeiten war Maxim Gorki.

Die deutsche Erstaufführung des Stücks fand 1926 am Berliner Schillertheater statt; sehr viel früher, nämlich 1902, erschien der Text bereits erstmals auf Deutsch. Der Übersetzer Wladimir Tschumikow konnte nicht recht in Worte fassen, worin die Faszination des Stücks bestand, die er sehr wohl verspürte. Er schrieb an Tschechow: „Ich bin einfach verzweifelt: Ich fühle, dass da etwas ganz ungewöhnlich Reizvolles ist, aber was da eigentlich los ist, worin eigentlich der Reiz besteht, daraus werde ich irgendwie nicht klug.“

Wegen seiner Modernität und der zeitlosen Behandlung existenzieller Themen gehört Drei Schwestern bis heute zu den meistgespielten Stücken weltweit.

Über den Autor

Anton Tschechow wird am 29. Januar 1860 in Taganrog am Asowschen Meer geboren. Sein Vater ist in seiner Kindheit noch ein Leibeigener gewesen. Mit diesem Makel behaftet, wächst Tschechow in einer kleinbürgerlichen Umgebung auf und besucht das Gymnasium. In Moskau studiert er Medizin und praktiziert danach einige Zeit als Arzt. Ab 1880 schreibt er für humoristische Zeitschriften. In den 1890er-Jahren wird der zunächst unpolitische Tschechow durch die Verschärfung der sozialen Widersprüche im Zarismus politisiert. 1890 unternimmt er eine Reise zu der sibirischen Insel Sachalin, um über die Zwangsarbeit der Verbannten zu berichten. Er organisiert Hilfsmaßnahmen für Opfer von Hunger- und Choleraepidemien und übt immer lauter Kritik an den herrschenden Zuständen. Tschechow verfasst Erzählungen und Dramen und entwickelt beide Gattungen maßgeblich weiter. Zu seinen bekannten Novellen zählen Die Steppe (1888), Eine langweilige Geschichte (1889), Das Duell (1891) und Die Dame mit dem Hündchen (1899). Für die Bühne schreibt er zunächst possenartige Einakter, dann lange Zeit gar nichts. Die große Anerkennung als Dramatiker findet er erst mit den Stücken Die Möwe, Onkel Vanja, Drei Schwestern und Der Kirschgarten, die zwischen 1896 und 1904 entstehen. Ab 1884 leidet Tschechow an Lungentuberkulose, weshalb er ab 1898 in Jalta auf der Krim lebt. 1901 heiratet er die Schauspielerin Olga Knipper. Sie begleitet ihn zur Kur ins deutsche Badenweiler, wo er am 15. Juli 1904 stirbt. Beerdigt ist er in Moskau.

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