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Theodor Storm
Ein DoppelgÀnger
Insel Verlag, 2017
Was ist drin?
Storms meisterhafte Komposition aus Sozialkritik und Idylle.
- Novelle
- Realismus
Worum es geht
Ein modernes Drama
Der oft als lĂ€ndlicher Heimatdichter unterschĂ€tzte Theodor Storm nahm sich in dieser spĂ€ten Novelle erstmals eines gegenwartsbezogenen und fĂŒr die damalige Zeit besonders heiklen Stoffes an: der grassierenden Verarmung und Proletarisierung der Landbevölkerung im Zuge der Industrialisierung. Mit nĂŒchternem Realismus beschreibt Storm in Ein DoppelgĂ€nger das bittere Schicksal des Arbeiters John Hansen, der durch eigene Schuld, aber auch durch soziale Ăchtung StĂŒck fĂŒr StĂŒck aus der Gesellschaft fĂ€llt und immer tiefer in eine Spirale aus Armut und Gewalt gerĂ€t. Bezeichnenderweise besiegelt ein Brunnen â Storms Arbeitstitel fĂŒr die Novelle â sein Ende, nachdem er im Streit seine Frau getötet und allen RĂŒckhalt in seiner kleinen Heimatstadt verloren hat. Die starke Sozialkritik, die Thematisierung familiĂ€rer Gewalt sowie Storms pessimistische Darstellung der Macht der Gesellschaft ĂŒber den Einzelnen verleihen diesem packenden Drama zeitlose Brisanz.
Take-aways
- Ein DoppelgÀnger ist das erste Werk Theodor Storms mit sozialkritischem Zeitbezug.
- Inhalt: Angeregt durch eine zufĂ€llige Bekanntschaft erinnert sich ein Advokat an das bittere Schicksal des John Hansen: Der wegen einer GefĂ€ngnisstrafe GeĂ€chtete lebte verarmt mit Frau und Kind. Streit und Gewalt prĂ€gten die Ehe, schlieĂlich tötete er seine Frau im Affekt. Aufopferungsvoll kĂŒmmerte er sich um seine Tochter und starb unglĂŒcklich beim Sturz in einen Brunnen.
- Die Novelle besteht aus einer idyllischen Rahmenhandlung und der realistisch erzÀhlten Geschichte des John Hansen.
- Hintergrund ist die Verelendung der Landarbeiter zur Zeit der Industrialisierung.
- Ein zentrales Thema ist die Macht der Gesellschaft ĂŒber den Einzelnen.
- Ebenso brisant und ungebrochen aktuell ist die Behandlung des Themas familiÀre Gewalt.
- Der namenlose ErzÀhler, ein norddeutscher Advokat mit Hang zur Poesie, erinnert stark an Storm selbst.
- Die Novelle erschien 1886 und sollte ursprĂŒnglich Der Brunnen heiĂen.
- Sie entstand in Storms letzter Schaffensphase und zeigt die Meisterschaft, die Storm in diesem Genre erlangt hatte.
- Zitat: â,Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebĂŒĂt hatte, wurde er, wie gebrĂ€uchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd ĂŒberlassen. Und sie hat ihn nun auch zu Tode gehetzt; denn sie ist ohn Erbarmen.ââ
Zusammenfassung
Der Oberförster von Jena
Eines Sommers in Jena quartiert sich ein Advokat in der Gastwirtschaft zum BĂ€ren ein. In der Gaststube lernt er zufĂ€llig den Oberförster Franz Adolf kennen, einen freundlichen und ausgeglichenen Menschen. Zwischen den MĂ€nnern entspinnt sich eine Unterhaltung. Als der Oberförster abends aufbrechen muss, beschlieĂen sie, ihre Bekanntschaft zu vertiefen. Vor allem Franz Adolf drĂ€ngt förmlich darauf, den neuen Freund in seiner Försterei fĂŒr einige Tage bewirten zu dĂŒrfen. Der Besuch wird gleich fĂŒr den nĂ€chsten Tag festgesetzt.
â(âŠ) es ist seltsam, aber es kommt mir immer wieder: mir ist oftmals, als hĂ€tt ich vorher, bei Lebzeiten meiner Mutter, einen anderen Vater gehabt (âŠ)â (Christine, S. 18 f.)
Als der Oberförster nach Hause gegangen ist, tritt der Wirt zu seinem Gast: Er habe sich schon gedacht, dass sich die beiden gut verstehen wĂŒrden. Auf die Nachfrage des Advokaten erklĂ€rt er ihm, dass die Frau des Oberförsters aus derselben Stadt stamme wie der Besucher. Das wundert den Advokaten, denn keine seiner Kindheitskameradinnen ist so weit in den SĂŒden gezogen. Leider weiĂ der Wirt auch nichts Genaueres, nur, dass die Frau Oberförster bereits mit acht Jahren hierhergezogen sei.
Der Besuch in der Oberförsterei
Am nĂ€chsten Morgen erreicht der Advokat nach einer etwas mehr als einstĂŒndigen Wanderung die im Wald gelegene Oberförsterei. Franz Adolf und seine Frau Christine bereiten ihm einen warmen Empfang. Als er sich allerdings vorstellt, zuckt Christine kurz zusammen. WĂ€hrend des weiteren GesprĂ€chs versucht er unauffĂ€llig, bekannte ZĂŒge im Gesicht der Gastgeberin zu entdecken â ohne Ergebnis. Nach einem Spaziergang mit Franz Adolf zieht er sich schlieĂlich in sein Zimmer zurĂŒck und schlĂ€ft ein.
âEine krĂ€ftige MĂ€nnerstimme fluchte und schalt in sich ĂŒberstĂŒrzenden Worten; dröhnende SchlĂ€ge, das Zerschellen von GefĂ€Ăen wurde hörbar; dazwischen, kaum vernehmbar, das Wimmern einer Frauenstimme, doch nie ein HĂŒlferuf.â (S. 25)
Beim Aufwachen findet er sich allein mit Christine wieder. Der Oberförster musste geschĂ€ftlich weg. Also beschlieĂen die beiden, zum Plaudern in den Wald zu schlendern. Relativ schnell spricht der Gast seine Geburtsstadt an, woraufhin der Försterfrau TrĂ€nen in die Augen treten. Der Advokat entschuldigt sich, er habe sie selbstverstĂ€ndlich nicht verletzen wollen, aber er sei Ă€uĂerst verwundert: Alle Familien seiner Heimatstadt sind ihm bekannt, trotzdem kennt er Christine nicht. Das sei nicht verwunderlich, antwortet sie, denn sie sei die Tochter des Arbeiters John Hansen. Ihre Mutter starb, als sie drei Jahre alt war, und ihr Vater, von dem sie sehr positiv spricht, als sie acht war.
â(âŠ) es tut mir leid um diesen Menschen: das GlĂŒck in seinen Armen mag echt genug sein, ihm wird es nichts nĂŒtzen; denn in seinem tiefsten Innern brĂŒtet er ĂŒber einem RĂ€tsel (âŠ): Wie find ich meine verspielte Ehre wieder?â (der BĂŒrgermeister, S. 38 f.)
Nach einigem Schweigen vertraut sie dem Advokaten an, dass sie oft das GefĂŒhl habe, zwei VĂ€ter gehabt zu haben. Aus der Zeit vor dem Tod ihrer Mutter glaubt sie sich unscharf an einen brutalen WĂŒterich erinnern zu können, der seine Familie schlug. Doch aus ihrer spĂ€teren Kindheit kann sie sich ganz deutlich an einen liebevollen, fĂŒrsorglichen Vater erinnern. Vielleicht bildet sie sich die gewalttĂ€tige Version nur ein? Jedenfalls, erzĂ€hlt sie weiter, wurde sie nach dem Tod des Vaters von den Eltern ihres jetzigen Mannes adoptiert, den besten Pflegeeltern, die man sich wĂŒnschen könne.
âImmer feindlicher stand ihm die Welt entgegen; wo er ihrer bedurfte, wo er sie ansprach, immer hörte er den Vorwurf seiner jungen Schande als die Antwort (âŠ)â (ĂŒber John Hansen, S. 45)
Völlig unbemerkt hat Franz Adolf die beiden eingeholt. Christine bleibt im Wald zurĂŒck, um Blumen fĂŒr einen Kranz zu pflĂŒcken. Die MĂ€nner machen sich auf den RĂŒckweg. Dabei bittet der Förster seinen Gast um ein Versprechen: Er habe, als er sie einholte, einige GesprĂ€chsfetzen gehört und will nicht, dass sie weiter ĂŒber die gemeinsame Vergangenheit sprechen. Christine soll keine weiteren Informationen ĂŒber ihren Vater erhalten, damit sie ihre Verehrung fĂŒr ihn nicht verliert. Sie weiĂ nĂ€mlich nicht, dass dieser als Jugendlicher im Zuchthaus gesessen hat und seither John GlĂŒckstadt genannt wurde. Auch sei der Vater tatsĂ€chlich ein Scheusal gewesen.
John GlĂŒckstadt
Der Bitte des Oberförsters nachzukommen, fĂ€llt dem Advokaten umso leichter, als ihm der Name John Hansen ohnehin nichts sagt. Doch am Abend desselben Tages, als er sich zum Schlafen in sein Zimmer zurĂŒckzieht, fĂ€llt ihm plötzlich doch eine armselige HĂŒtte in den Feldern auĂerhalb seiner Heimatsstadt ein. Er erinnert sich daran, als Kind oft an dieser HĂŒtte vorbeigekommen zu sein. Und daran, dass manchmal lautes GebrĂŒll von drinnen zu hören war. Manchmal blieben Passanten besorgt stehen und lauschten. Eines Tages trat ein junger, dunkelhaariger Mann vor die TĂŒr und verjagte die Umstehenden. Da hat er ihn gesehen: John GlĂŒckstadt, den ehemaligen John Hansen.
â,Ich weiĂ es nun, ich tauge nicht, ich bin doch wieder schlecht gegen dich!â âDu nicht! du nicht, John!â rief sie, âich bin die Böse, ich reizÊŒ dich, ich zerrÊŒ an dir herum!ââ (John und Hanna, S. 52)
John Hansen war ein krĂ€ftiger junger Mann, voller Tatendrang. Nachdem er seinen MilitĂ€rdienst absolviert hatte, suchte er eine Anstellung in der Stadt, irgendetwas, in das er seine ĂŒberbordende Energie lenken konnte. Doch auĂer einer kleinen Absteige, einer Kellerwirtschaft, fand er nichts, mit dem er sich ĂŒber Wasser halten konnte. Er lernte allerlei zwielichtige Gestalten kennen â Trinker, Tagelöhner, Tunichtgute. Einer dieser Ganoven, Wenzel, schwĂ€rmte ihm immer wieder von halsbrecherischen Gaunergeschichten vor, die immer gut ausgegangen waren und letztlich nur SpaĂ gemacht hatten. Das machte John neugierig. Aus Langeweile wollte er auch so einen Nervenkitzel erleben. Kurz darauf begingen sie einen brutalen Einbruchdiebstahl, wurden aber erwischt. John erhielt sechs Jahre Zuchthaus und legte sich anschlieĂend seinen neuen Namen zu.
FamilienglĂŒck mit Hanna
John Hansen kam mit ebenso gutem Zeugnis aus dem GefĂ€ngnis wie zuvor vom MilitĂ€r. Doch er war verbittert und wĂŒtend. Anstellen wollte ihn nun erst recht niemand. Nach langer Suche erhielt er eine Stellung als Aufseher ĂŒber die Arbeiterinnen auf einem Zichorienacker weit auĂerhalb der Stadt. Er machte seine Sache gut. Eine der Arbeiterinnen, die 17-jĂ€hrige Hanna, ein ehemaliges BettelmĂ€dchen, machte ihm schöne Augen. Die Ă€lteren Frauen zogen sie deshalb auf. Eines Tages wehrte Hanna sich und wurde daraufhin von einer der Alten mit der Unkrauthacke gejagt, auf einen alten Brunnen zu. Sie flĂŒchtete sich zu John, worauf ihre Verfolgerin das Weite suchte. In diesem kurzen Moment der Zweisamkeit hielt John um ihre Hand an. Zu seiner groĂen Freude sagte Hanna Ja. Das Einzige, was John nun noch beunruhigte, war der verfallene Brunnen. Aus Angst, seine Geliebte könnte hineinfallen, lieĂ er ihn zunageln.
â(âŠ) endlich, mit jenem Aufschrei vollsten KinderglĂŒckes, flog sie dem von der Arbeit (âŠ) heimkehrenden Vater in die ausgebreiteten Arme. Dann trug er seinen kleinen Trost (âŠ) nach seiner Wohnung, wo schon die Alte mit ihren munteren Augen an der TĂŒre harrte.â (ĂŒber John und Christine, S. 64)
Im September wurde das âZichorienbierâ gefeiert. Der BĂŒrgermeister beobachtete die feiernden Arbeiter, insbesondere das glĂŒckliche junge Paar Hansen. Selbst das LiebesglĂŒck, prophezeite er, werde Johns BrĂŒten nicht beenden. Der Verlust seiner Ehre nage an ihm und er sei unfĂ€hig, diese KrĂ€nkung zu heilen.
â(âŠ) er wollte rasch nach Haus, zu seinem Kinde. Da war etwas vor seinen FĂŒĂen, er kam ins Straucheln, und eh er sich besonnen, tat er einen neuen Schritt; aber sein FuĂ fand keinen Boden â â ein gellender Schrei fuhr durch die Finsternis; dann warâs, als ob die Erde ihn verschluckt habe.â (ĂŒber John, S. 84)
Das Paar zog zu Hannas Mutter, in eine kleine Kate vor der Stadt. John arbeitete gut und fleiĂig, wurde aber wegen seiner Vergangenheit weiterhin von allen gemieden. So lieĂ sich, als Hanna einige Monate spĂ€ter in den Wehen lag, die Hebamme absichtlich und aus Verachtung ĂŒbermĂ€Ăig viel Zeit, bis sie zu Hilfe kam. Diese Feindlichkeit der Welt erhöhte Johns KrĂ€nkung und trug dazu bei, dass das GlĂŒck der jungen Familie langsam zerbrach. Immer hĂ€ufiger kam es zu Streitereien und immer schĂ€rfer wurde der Ton zwischen den Eheleuten. Eines Abends schlug John seine Frau im Streit. Sie flĂŒchtete aus dem Haus, die anderthalbjĂ€hrige Tochter Christine schrie, und John bat seine Frau weinend und voller Reue um Verzeihung. Ăhnliches geschah immer öfter. Auf lautstarken und handfesten Streit folgten stets Versöhnung, LiebesschwĂŒre und Johns Beteuerung, niemals wieder Hand an Hanna oder das Kind zu legen.
Hannas Tod
Als die Kleine drei Jahre alt war, starb Hannas Mutter. Ihr BegrĂ€bnis stĂŒrzte die Familie in Schulden, auch weil Arbeit immer seltener wurde, seit Johns einstiger Arbeitgeber ebenfalls verstorben war. Die Geldsorgen plagten die junge Familie und waren hĂ€ufig Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Als Hanna eines Tages John an den Kopf warf, er könne ihr doch das Spinnen beibringen, dass er sechs Jahre so trefflich gelernt habe, sah er erneut rot und warf sie im Zorn gegen den Ofen. Dabei drang ein Eisenstift in ihren SchĂ€del und Hanna starb â vor den Augen der Tochter â blutĂŒberströmt in den Armen Johns. Das BegrĂ€bnis hielt er allein ab, lediglich ein Nachbar, der ihm den Sarg zimmerte, gab Hanna das letzte Geleit.
â,Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebĂŒĂt hatte, wurde er, wie gebrĂ€uchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd ĂŒberlassen. Und sie hat ihn nun auch zu Tode gehetzt; denn sie ist ohn Erbarmen.ââ (der BĂŒrgermeister, S. 86)
Bald danach kam KĂŒster-Mariken vorbei, eine Bettlerin. John kannte sie gut. Sie war ihres Alters wegen ohne Arbeit, aber stets sauber und ehrbar, und erhielt von ihren ehemaligen Arbeitgebern weiterhin das nötige Essen. Sie bat John um Unterkunft: Sie könne die Stube sauber halten und auf das Kind aufpassen, wĂ€hrend John arbeite. Auch wenn John Verachtung fĂŒr ihr Betteln empfand, nahm er sie bei sich auf, und die drei richteten sich in ihrem neuen Alltag ein. Mariken kĂŒmmerte sich um die kleine Christine, erzĂ€hlte ihr Geschichten und brachte ihr Lesen und Schreiben bei. Auch die Leute hatten etwas Mitleid mit dem kleinen MĂ€dchen, und das verhalf John nach und nach wieder zu mehr Arbeit. Er konnte den Sarg seiner Frau abbezahlen und Christine kleinere Geschenke machen. Doch die Erinnerung an Hanna schmerzte ihn und seine Tochter weiterhin.
Das Ende des John GlĂŒckstadt
Ein auĂergewöhnlich kalter Winter brach herein. Die drei froren fĂŒrchterlich. Als Christine kurz vor Weihnachten fragte, ob es nicht wenigstens am Heiligabend etwas wĂ€rmer sein dĂŒrfte, beschloss John nach langem Gewissenskampf, den Brunnenverschlag an seiner alten ArbeitsstĂ€tte abzureiĂen und zu verfeuern, damit sie es wenigstens einen Tag lang warm hĂ€tten.
â,(âŠ) das Bild des John GlĂŒckstadt trĂ€gt nun einen vollen Rosenkranz; seine Tochter hat jetzt mehr an ihm, nicht nur den Vater, sondern einen ganzen Menschen.ââ (der Oberförster, S. 93)
Endlich kam der FrĂŒhling â und mit ihm kam ein alter Bekannter von John in die Stadt zurĂŒck: Wenzel. Er war gerade aus dem GefĂ€ngnis entlassen worden und suchte den Kontakt zu John. Der tat sein Bestes, um ihm aus dem Weg zu gehen, und lehnte seine Bitte ab, sich bei John einmieten zu dĂŒrfen. Doch es reichte, dass man die beiden zusammen auf der StraĂe sah. Als Wenzel von einem Gendarmen auf die Wache gefĂŒhrt wurde, da er sich bei der Stadtverwaltung nicht gemeldet hatte, berichtete der Beamte sofort, dass es verdĂ€chtig sei, dass John sich mit Wenzel treffe. Der BĂŒrgermeister wies diesen Verdacht zwar zurĂŒck, doch beleidigt ĂŒber diese ZurĂŒckweisung streute der Gendarm trotzdem das GerĂŒcht, Wenzel und John wĂŒrden erneut teuflische PlĂ€ne aushecken. WĂ€hrend Wenzel die Stadt bald wieder verlieĂ, fielen die Konsequenzen dieses Geredes auf John zurĂŒck. Wieder bekam er den ganzen Sommer ĂŒber keine Arbeit. Im SpĂ€tsommer fragte er aus Verzweiflung seine Tochter, ob sie nicht betteln gehen könne. Doch sie erschrak ĂŒber diesen Vorschlag so sehr, dass John seine Bitte schnell zurĂŒcknahm.
Geplagt vom Hunger stahl sich John in tiefster Nacht auf einen nahen Acker und fĂŒllte einen Sack mit Kartoffeln. Nur ein einziges Mal sollten seine Tochter und er sich satt essen können. Dann zog ein Gewitter auf und er eilte nach Hause. Doch die Nacht war so schwarz, dass er kaum etwas sah. Plötzlich trat er ins Leere â und wurde nie mehr gesehen. Johns plötzliche Abwesenheit ĂŒberraschte die Stadt keineswegs. Man munkelte, er habe sich umgebracht oder sei mit Wenzel fortgezogen.
Die Auflösung des DoppelgÀngers
Mitten in der Nacht erwacht der Advokat erschĂŒttert aus seiner Vision. Nun weiĂ er, was mit John Hansen passiert ist! Er erinnert sich, dass ein Freund damals, in seiner Kindheit, eines Tages berichtet hatte, es wĂŒrde in der NĂ€he des Brunnens spuken: Jemand habe seinen Namen, Christian, gerufen. Nun weiĂ er aber, dass es in Wirklichkeit der verunglĂŒckte John war, der mit letzter Kraft nach seiner Tochter Christine gerufen hatte. Auch erinnert er sich an den Bericht eines Arbeiters, dass am Brunnen einmal fast ein Falke gefangen worden sei, weil der Vogel stĂ€ndig in die Tiefe des Brunnens hinab wollte.
Am nĂ€chsten Morgen ist der Advokat kurz allein in der Gaststube und entdeckt an der Wand das PortrĂ€t eines jungen Soldaten, der voller Tatendrang in die Kamera blickt. Das muss John Hansen sein. Der Mann, an den sich Christine als ihren guten Vater erinnert und der hier noch nicht vom UnglĂŒck und der Schuld seines DoppelgĂ€ngers, John GlĂŒckstadt, ĂŒberschattet ist. Nach einem schönen Tag zu dritt erzĂ€hlt der Gast schlieĂlich Franz Adolf, welche Erinnerungen ihm letzte Nacht gekommen sind. Sein Gastgeber tut dies zunĂ€chst als Fantasie ab, doch bald nach der Abreise schreibt er seinem Gast einen Brief, in dem er mitteilt, dass er noch am selben Abend alles seiner Ehefrau erzĂ€hlt habe. Er wollte seiner geliebten Frau nichts verheimlichen und ihr die Möglichkeit geben, ihren ganzen Vater, so wie er war, kennenzulernen.
Zum Text
Aufbau und Stil
Die Novelle Ein DoppelgĂ€nger besteht aus zwei HandlungsstrĂ€ngen, die beide von einem namenlosen Ich-ErzĂ€hler wiedergegeben werden. Der erste schildert die Freundschaft zwischen dem Oberförsterehepaar und dem ErzĂ€hler, die wĂ€hrend des Besuchs des Letzteren in Jena zustande kommt. In der erzĂ€hlten Gegenwart steht der ErzĂ€hler kurz vor seinem zweiten Besuch bei dem Ehepaar. Dieser Handlungsstrang bildet den Rahmen fĂŒr die Geschichte des John Hansen, Christines Vater, die als Kindheitserinnerung des ErzĂ€hlers dargestellt wird und den inhaltlichen Kern der Novelle ausmacht. Storm arbeitet diesen Stoff sehr straff und prĂ€gnant aus. Die Handlungen werden stets konzentriert beschrieben und auf die Darstellung eines zugrunde liegenden Konflikts hin fokussiert. Dies entspricht Storms Vorstellungen von einer guten Novelle, die eine der strengsten Formen der Prosa sei und nur das Wesentliche wiederzugeben habe. Ebenso dominant ist der dramatische Charakter der Novelle, der durch lebendige Dialoge und psychologisierende Stimmungsbilder noch erhöht wird. Trotz einiger sprachlicher Anachronismen und verstreutem norddeutschen Lokalkolorit ist der Text gut zu lesen. Storm setzt das Sujet in einer dynamischen und packenden Sprache um und beweist seine Meisterschaft in der Novellendichtung, die den GroĂteil seines Alterswerks ausmacht.
InterpretationsansÀtze
- Exemplarische FĂ€lle von höchster moralischer Bedeutung zu beschreiben und grundlegende Konflikte des Menschen zu thematisieren, darin sah Storm die Aufgabe der Novelle. Letztlich ist die Novelle fĂŒr ihn eine Form des Dramas.
- Die beide ErzĂ€hlstrĂ€nge in Ein DoppelgĂ€nger bilden einen starken Kontrast: Der realistischen, ungeschönten Darstellung der sozialen RealitĂ€t des Proletariats steht eine versöhnliche und abschwĂ€chende RahmenerzĂ€hlung gegenĂŒber, in der lĂ€ndliche Idylle und GlĂŒck dominieren.
- Das Thema des sozialen Schicksals ist in dieser Novelle besonders dominant. John Hansen ist in einem bestimmten sozialen Milieu gefangen; trotz aller BemĂŒhungen schafft er es nicht, seinen Ruf als Verbrecher und Taugenichts loszuwerden. Hilflos ist er GerĂŒchten und Vorurteilen ausgesetzt, die ihn immer tiefer in eine Spirale aus Armut und Gewalt drĂ€ngen.
- Nicht zuletzt durch die politischen Wirren seiner Zeit entwickelte Storm einen starken Kulturpessimismus. Die Existenz des Menschen sei demnach durch eine auĂergewöhnliche Gewaltbereitschaft bestimmt, die sich immer wieder Bahn breche.
- Mit der Figur des BĂŒrgermeisters hat Storm eine analytische Stimme in die Novelle eingebaut. Er ist der Einzige, der die sozialen und psychologischen Mechanismen hinter John Hansens Schicksal durchschaut und beim Namen nennt.
- Die Figur des namenlosen ErzĂ€hlers lĂ€sst autobiografische EinflĂŒsse erkennen. Er wird als etwas Ă€lterer Advokat beschrieben, der eine Neigung zur Poesie hat und offenbar aus Norddeutschland stammt â genau wie Storm selbst.
- Storm bemĂŒht sich um eine komplexe Darstellung der menschlichen Psyche, die auch WidersprĂŒche zulĂ€sst. Beispiele sind Christines ambivalente Erinnerung an ihren Vater, oder die zwischen Hass und Liebe hin- und hergerissene Beziehung zwischen John und Hanna.
Historischer Hintergrund
Deutschlands Weg zum Einheitsstaat
Aus dem Wiener Kongress von 1814/15 war der Deutsche Bund hervorgegangen, ein völkerrechtlich organisierter Zusammenschluss deutscher FĂŒrsten- und HerzogtĂŒmer, dem auch Ăsterreich, das dĂ€nische Holstein und das GroĂherzogtum Luxemburg angehörten. Den politischen Vorsitz ĂŒbernahm zunĂ€chst Ăsterreich, doch spĂ€testens ab 1862, mit der Bestellung von Otto von Bismarck zum MinisterprĂ€sidenten, entwickelte PreuĂen einen starken Anspruch auf die Vormachtstellung innerhalb des Bundes.
Als PreuĂen 1864 im Deutsch-DĂ€nischen Krieg die von DĂ€nemark verwalteten HerzogtĂŒmer Schleswig, Holstein und Lauenburg annektierte, war Ăsterreich noch ein wichtiger militĂ€rischer Partner. Doch bereits zwei Jahre spĂ€ter kam es im Deutschen Krieg von 1866 zum Ende dieser Partnerschaft. Ăsterreich unterstĂŒtzte nationalistische Bestrebungen in Schleswig und Holstein, wĂ€hrend PreuĂen diese seinem Staatsgebiet einverleiben wollte. 1866 annektierte PreuĂen die beiden HerzogtĂŒmer im Rahmen seines Plans, Ăsterreich als Konkurrenten im innerdeutschen Machtkampf auszuschalten. PreuĂen siegte, Ăsterreich zog sich aus der deutschen Machtpolitik zurĂŒck und konzentrierte seine Bestrebungen auf den Balkan. Damit war das Ende des Deutschen Bundes besiegelt. PreuĂen organisierte jetzt den Norddeutschen Bund, in dem alle deutschen Staaten nördlich des Mains zu einem deutschen Bundesstaat zusammengeschlossen waren.
Infolge des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 schlossen sich die sĂŒddeutschen, nicht vereinten Staaten PreuĂen an. Dies war die Vorbedingung fĂŒr die Ausrufung eines geeinten Deutschen Kaiserreichs, die nach dem Sieg ĂŒber Frankreich im FrĂŒhjahr 1871 erfolgte. Der preuĂische König Wilhelm I. wurde erster Deutscher Kaiser, und Mitteleuropa erhielt zwischen Frankreich und Russland einen dritten starken Machtpol. Die Industrialisierung fasste nun in Deutschland voll FuĂ, drĂ€ngte die Agrarwirtschaft immer stĂ€rker zurĂŒck und fĂŒhrte zu Urbanisierung, Bevölkerungswachstum und dem Aufkommen eines Industrieproletariats.
Entstehung
Mit der Annexion Schleswig-Holsteins durch PreuĂen verlor Storm 1866 seine Stellung als Landvogt und wurde Amtsrichter. Er musste nun fĂŒr Geld schreiben, um seinen Söhnen die Ausbildung finanzieren zu können. Dementsprechend trat die Lyrik in seinem SpĂ€twerk stark in den Hintergrund. Storm konzentrierte sich voll auf die Produktion von Novellen. Er arbeitete wie am FlieĂband und schrieb rund zwei Novellen pro Jahr. Dabei behielt er stets den Buchmarkt und den aktuellen Publikumsgeschmack im Auge und versuchte, sein Schreiben daran anzupassen. Gleichzeitig sah er weiter in der Kunst einen Selbstzweck. Diese Spannung zwischen Lohnarbeit und dichterischer Selbstverwirklichung trug dazu bei, dass Storm selbst vielen seiner spĂ€ten Novellen skeptisch gegenĂŒberstand â eine EinschĂ€tzung, die durch Storms Eigenwahrnehmung, seine poetische Kraft lasse mit dem Alter nach, noch verstĂ€rkt wurde.
Dennoch erfuhr er zu jener Zeit viel WertschĂ€tzung. Die Kritiker zeigten sich meist wohlgesonnen. 1882 erhielt er den bayrischen Maximilian-Orden fĂŒr Kunst und Wissenschaft. Ab 1880 war Storm im Ruhestand und erhielt eine Pension vom preuĂischen Staat. Er zog sich nach Hademarschen zurĂŒck, wo er ein parkĂ€hnliches Gartenidyll genoss und sich weiter durch Novellen zu finanzieren versuchte. Im FrĂŒhjahr 1886 gab der österreichische Publizist Karl Emil Franzos eine Novelle in Auftrag, die zunĂ€chst Der Brunnen heiĂen sollte. SchlieĂlich entschied sich Storm jedoch fĂŒr Ein DoppelgĂ€nger.
Wirkungsgeschichte
Ein DoppelgĂ€nger erschien in sechs Teilen zwischen dem 1. Oktober und dem 15. Dezember 1886 in FranzosÊŒ Halbmonatsschrift fĂŒr deutsche Dichtung und ist eines der letzten Werke Storms. Er verfasste nur zwei weitere Novellen: Ein Bekenntnis und Der Schimmelreiter. Diese Werke der letzten Schaffensperiode haben, wohl aufgrund ihrer chronologischen Stellung, lange um den Titel des definitiven literarischen VermĂ€chtnisses konkurriert. Sie waren auch ein Grund dafĂŒr, dass Storm in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Autoren Deutschlands war. Um 1900 wurde er dann zunehmend in die Ecke der nationalistisch-konservativen Heimatdichtung gedrĂ€ngt, aus der er aber inzwischen wieder herausgeholt wurde.
In diesem Rehabilitationsprozess spielte die gesellschaftskritische und sozial engagierte Novelle Ein DoppelgĂ€nger eine entscheidende Rolle. Bis heute gilt sie als dasjenige Werk Storms, das den meisten Zeitbezug und die stĂ€rkste ethische und politische Komponente aufweist. 1975 erschien der frei nach Ein DoppelgĂ€nger angelegte Film John GlĂŒckstadt. Er wurde mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet und nahm einige Akzentverschiebungen am Inhalt der Novelle vor.
Ăber den Autor
Theodor Storm wird am 14. September 1817 als Spross einer alteingesessenen Husumer Patrizierfamilie geboren. Sein Vater ist Rechtsanwalt. Storm studiert Jura und lĂ€sst sich 1843 ebenfalls als Rechtsanwalt in Husum nieder. Als er sich 1853 gegen die Annektierung Husums durch DĂ€nemark auflehnt, muss er seine Heimatstadt verlassen. Erst 1864 kann er wieder dorthin zurĂŒckkehren. In der Zwischenzeit arbeitet er als Assessor in Potsdam, wo er unter anderem mit Theodor Fontane, Joseph von Eichendorff und Paul Heyse verkehrt. In Husum hat er zwischen 1864 und 1880 zuerst das Amt des Landvogts, dann das des Amtsrichters inne. Storm heiratet zweimal, aus den beiden Ehen gehen insgesamt sieben Kinder hervor. Zu einer einschneidenden Erfahrung wird fĂŒr ihn der Versuch, nach dem Tod der ersten Ehefrau mit der zweiten Frau erneut eine glĂŒckliche Ehe zu fĂŒhren. Die permanente geistige PrĂ€senz der Verstorbenen stellt das neue EheglĂŒck immer wieder infrage. Storm verarbeitet diese Erfahrung in der Novelle Viola Tricolor (1874). Zwischen Immensee (1849), einer Novelle ĂŒber den Widerstreit zwischen bĂŒrgerlichem Leben und KĂŒnstlerexistenz, mit der Storm schlagartig berĂŒhmt wird, und dem Schimmelreiter (1888) publiziert der Autor noch viele weitere Novellen, unter anderem Pole PoppenspĂ€ler (1874), Aquis submersus (1876), Carsten Curator (1878), Hans und Heinz Kirch (1882) sowie Ein DoppelgĂ€nger (1886). Daneben entstehen realistisch-impressionistisch getönte GedichtbĂ€nde. Theodor Storm erkrankt an Magenkrebs und stirbt am 4. Juli 1888.
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