Zusammenfassung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

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Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Politischer Roman
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Eine Handvoll Wahrheit

Eine „erste Handvoll Wahrheit“ nannte Solschenizyn seinen Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, in dem er mit so bescheidenem wie ergreifendem Gestus die Perversion des sowjetischen Lagersystems sichtbar machte. Obwohl im Grunde nichts darin stand, was man sich nicht ohnehin hatte denken können, war das Werk eine beispiellose Sensation: Es war die Tatsache der Veröffentlichung an sich, die einen Funken Hoffnung in die Herzen der Menschen pflanzte. Dass es dazu überhaupt kam, verdankt sich einem historischen Zufall: Chruschtschow ahnte nicht das Mindeste von der Sprengkraft jener Erzählung, die er zum Druck freigab. Ihm ging es um Imagekosmetik für das System und darum, die Verbrechen seines Vorgängers Stalin zuzugeben, um anschließend, nun mit scheinbar weißer Weste, weiterzumachen wie gehabt. Diese Rechnung ging nicht auf. Plötzlich war auferstanden, was durch drei Jahrzehnte des Terrors und der Repression zerstört schien: eine kritische Öffentlichkeit, ein Volk, dessen Leid im kargen Kurzroman eines ehemaligen Lagerhäftlings Ausdruck fand, das diese „Handvoll Wahrheit“ sofort ergriff und nicht mehr losließ – bis den Mächtigen schließlich die Lügen ausgingen.

Take-aways

  • Mit dem regimekritischen Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch brachte Alexander Solschenizyn die Verhältnisse in der Sowjetunion ins Wanken.
  • Inhalt: Der Sträfling Iwan Denissowitsch Schuchow verbringt einen weiteren Tag im Arbeitslager, in sibirischer Kälte. Zwischen Schuften, Essen und Schlafen geht es nur darum, die Strapazen körperlich und vor allem seelisch zu überstehen.
  • Der Roman ist in einfacher, teils deftiger Sprache verfasst und auch in der Struktur äußerst schlicht. Solschenizyn wollte die Geschehnisse für sich sprechen lassen.
  • Der Autor griff für seine Schilderung auf eigene Erfahrungen zurück: 1945 war er wegen eines harmlosen Stalin-Scherzes verhaftet und interniert worden.
  • Der Roman klagt nicht direkt an, sondern packt den Leser durch das verzweifelte Festhalten des Protagonisten an seiner Würde und Menschlichkeit.
  • Gleichzeitig verweist er auf die Bedingungen menschlicher Existenz allgemein, die eine stete Suche nach dem Möglichen im Notwendigen erfordert.
  • Die Veröffentlichung fiel in die sogenannte Tauwetterperiode, als sich, nach dem Tod Stalins, vorübergehend ein Ende des Staatsterrors abzuzeichnen schien.
  • Der Roman ermutigte viele Menschen, Solschenizyn von ihren eigenen Lagererfahrungen zu berichten. Ihre Briefe waren die Grundlage für sein Werk Der Archipel Gulag.
  • Die Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch setzte eine Dynamik mit in Gang, die letztlich in der Auflösung der Sowjetunion mündete.
  • Zitat: „Er fing zu essen an. Erst schlürfte er die wässrige Brühe weg, die oben schwamm. Die Wärme breitete sich durch seinen ganzen Körper aus, und nun zitterte alles in ihm vor Gier, dass jetzt das Dicke kam. Das war eine große Sache. Für diesen einen kleinen Augenblick lebt man als Sträfling.“
 

Zusammenfassung

Der Lagertag beginnt

Fünf Uhr früh in einem Straflager. Draußen ist es noch dunkel. Das Thermometer zeigt knapp 30 Grad unter null. Dem Häftling Iwan Denissowitsch Schuchow ist nicht nach Aufstehen zumute. Er fühlt sich krank. Schuchow ist seit acht Jahren hier. Vorher war er im Lager Ust-Ischma, nachdem er 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war, sich befreien konnte, anschließend aber der Spionage für die Deutschen bezichtigt wurde. Im Lager haust er mit 200 Mann in einer zugigen Baracke. Nun geht das Gerücht um, seine Einheit, die Brigade 104 unter Führung des erfahrenen Tjurin, solle heute an einer ganz neuen Baustelle eingesetzt werden, wo es noch keinerlei Schutz gegen die eisige Kälte gebe; der Einsatz wäre eine Höllentour. Doch Tjurin setzt sich für die 24 Männer seiner Brigade ein und erreicht, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Schuchow bekommt Ärger, weil er nicht pünktlich aufsteht. Ein Aufseher verdonnert ihn zu drei Tagen Bunker. Doch Schuchow hat Glück: Der Aufseher überlegt es sich anders und lässt ihn bloß den Fußboden der Wachstube schrubben.

In der Essbaracke

Als Schuchow endlich zu den anderen stößt, die sich in der Essbaracke um die Tische drängen, ist seine Suppe längst kalt. Ohnehin sind die Portionen klein und wenig gehaltvoll. Es gilt, jedes bisschen Nährwert zu nutzen, alle Fischgräten sorgfältig abzusaugen. Auf die Suppe folgen 300 Gramm Grassamen. Danach geht Schuchow in die Krankenstation, um sich krankschreiben zu lassen. Der diensthabende Sanitäter macht ihm jedoch keine Hoffnungen. Er hat schon zwei Männer krankgeschrieben, womit die Quote für diesen Tag erfüllt ist. Für Schuchow heißt es also: Arbeitsdienst. Zunächst kehrt er aber in seine Baracke zurück. Die Häftlinge nutzen die Zeit bis zum Ausrücken, um ein wenig zu dösen. Der gutmütige Baptist Aljoscha liest laut im Neuen Testament. Schuchow war vorhin bei der Verteilung der Brotrationen nicht dabei. Zum Glück hat der Hilfsbrigadier Pawlo seine 400 Gramm für ihn in Empfang genommen und aufgehoben. Schuchow steckt eine Hälfte in die Jacke und näht die andere in seine Matratze ein.

Antreten!

Es geht zum Zählappell. Anschließend lässt sich Schuchow von einem der Lagermaler den Nummernstreifen auf seiner Jacke nachbessern, um keinen Ärger mit der Lageraufsicht zu bekommen. Dabei sieht er einen Mithäftling, den jungen Zesar Markowitsch, einen ehemaligen Kameramann, eine Zigarette rauchen. Er stellt sich schweigend dazu. Weniger diskret geht der Schnorrer Fetjukow die Sache an: Er starrt Zesar mit unverhohlener Gier auf den Mund. Doch es ist Schuchow, dem Zesar schließlich die letzten Züge überlässt. Nun werden die Häftlinge gefilzt. Erlaubt sind unter Mantel und Jacke lediglich ein Hemd und ein Unterhemd. Die Aufseher werden fündig: Der ehemalige Marinekapitän Bujnowskij hat eine Strickjacke an. Der Kapitän ist ein Lagerneuling und hat sich mit seinem Schicksal noch nicht abgefunden. Empört beschimpft er die Aufseher als Verbrecher. Der gefürchtete Politoffizier Wolkowoj brummt ihm dafür zehn Tage Bunker auf, die er nach Arbeitsschluss anzutreten hat. Dann geht es los. Die Brigaden formieren sich zum Marsch. Ihr Einsatzort ist eine 3 Kilometer entfernte Baustelle. Schwer bewaffnete Wachen kontrollieren die Kolonne.

Auf der Baustelle

Endlich geht die Sonne auf. Die Kolonne erreicht die Baustelle. Zunächst heißt es jedoch vor dem Eingangstor warten. Die Begleitposten müssen erst die Wachtürme bemannen. Schuchow fühlt sich noch immer krank, sein Rücken schmerzt. Die Häftlinge treten in Fünfergruppen zum Zählen an, dann dürfen sie passieren. Tjurin begibt sich ins Büro, um den Einsatzbefehl für seine Brigade entgegenzunehmen. Zesar, der im Büro arbeitet, begleitet ihn. Er erhält oft Pakete mit Lebensmitteln und weiß, wem er davon etwas abzugeben hat, um Privilegien zu genießen. Kaum durchs Tor, zerstreuen sich die Brigaden auf dem Gelände. Es ist ein kurzer, köstlicher Moment der Freizeit. Schuchows Brigade wärmt sich in einer geheizten Werkstatt ein wenig auf, bevor es losgeht. Schuchow isst das mitgebrachte Brot. Nur etwas Rinde lässt er übrig, um später damit die Schüssel auszuwischen. Nun kommt Tjurin mit dem Arbeitsbefehl zurück. Die 104er werden in einem halb fertigen Kraftwerk eingesetzt, um dort im zweiten Stock an einer bereits begonnenen Mauer weiterzuarbeiten. Die Männer gehen los, um Material und Geräte zu besorgen. Schuchow und der Lette Kilgas sollen etwas finden, um die Fensteröffnungen im Kraftwerk abzudichten, damit die Männer sich zwischendurch ein wenig aufwärmen können. Kilgas treibt eine Rolle Dachpappe auf, die er mit Schuchow geschickt an den Kontrolleuren vorbeischleust. Die Fenster werden abgedichtet, Schuchow bringt den Ofen zum Laufen. Ein Laster bringt Ziegelsteine zum Mauern. Jetzt gilt es, die Zutaten für den Mörtel herbeizuschleppen. Pawlo sorgt dafür, dass niemand sich zum Wärmetanken am Ofen ausruht. Und schon ist Mittagspause.

Zwei Extraschüsseln

Es gibt theoretisch 50 Gramm Grütze pro Häftling, tatsächlich aber nicht einmal das. Der Koch lässt die niederen Arbeiten von anderen ausführen. Die Hilfsdienste bezahlt er mit Extrazuteilungen, die von der allgemeinen Ration abgehen. Pawlo und Schuchow sind als Erste in der Essbaracke, um der Brigade ihre Portionen zu sichern. Als der Koch beim Zählen der Schüsseln durcheinanderkommt, nutzt Schuchow die Gelegenheit und redet ihm ein, es seien zwei Portionen zu wenig. So gelangen die 104er an zwei Extraportionen. Eine davon erhält Schuchow, die andere der Kapitän. Nach dem Essen, auf dem Weg zum Kraftwerk, findet Schuchow im Schnee ein abgebrochenes Stück Säge und steckt es ein – so etwas kann man immer gebrauchen. Im Kraftwerk haben sich die Männer um den Ofen versammelt und lauschen den Erzählungen ihres Brigadiers. Eine gute Nachricht: Tjurin hat heute für die 104er günstigere Arbeitsnormen ausgehandelt. Schuchow borgt sich von dem Esten Eino etwas Tabak, um sich eine Zigarette zu drehen. Wieder schielt Fetjukow auf die Kippe, doch Schuchow überlässt sie dem tauben Senka Kljowschin. Noch vor Ende der Mittagspause beginnt Pawlo, den Mörtel anzurühren. So kann das Mauern pünktlich beginnen.

Die Mauer

Schuchow macht sich zusammen mit Kilgas und Senka ans Mauern. Sie finden eine bereits kniehohe Mauer vor, doch ihre Vorgänger haben schlecht gearbeitet: Bevor es losgeht, muss Schuchow ihren Pfusch ausbessern. Pawlo hat den Mörtel fertig, Schuchow spannt die erste Richtschnur. Immer noch ist es eisig kalt. Die Maurer müssen schnell arbeiten, damit der Mörtel nicht auf der Kelle gefriert. Die übrigen Brigadiere verausgaben sich beim Heraufschleppen der Mörtelkübel. Besonders dem Kapitän setzt die schwere Arbeit sichtbar zu. In Schuchow erwacht jetzt der Handwerkerstolz. Er arbeitet konzentriert und präzise, steigert sich in einen regelrechten Arbeitsrausch und zieht auch seine Kameraden mit. Die kommen kaum hinterher mit dem Mörtel. Die Mauer ist schon um drei Steinlagen gewachsen. Nun stattet ihnen der Vorarbeiter Der einen Besuch ab. Er ist ein Wichtigtuer, der den Häftlingen das Leben absichtlich schwer macht. Als er die Dachpappe an den Fensteröffnungen entdeckt, schnauzt er Tjurin an und droht ihm mit Haftverlängerung. Doch der Brigadier lässt sich nicht einschüchtern und bietet Der Paroli. Zusätzlich nehmen Senka und Pawlo eine drohende Haltung ein; Der tritt kleinlaut den Rückzug an. Allerdings nicht ohne vorher noch sein Mütchen an Schuchow zu kühlen und dessen Arbeitsweise zu kritisieren. Die Mauer ist jetzt brusthoch. Der Tag geht zur Neige. Die 104er sind mit ihren Kräften am Ende. Nur Schuchow mauert und mauert. Selbst das Signal zum Feierabend kann ihn nicht stoppen. Das ist riskant, Verspätungen werden bestraft. Schließlich hat Schuchow ein Einsehen.

Wettrennen ins Gefängnis

Am Ausgang herrscht eine aggressive Stimmung. Die Wartenden beschimpfen die Nachzügler, die Temperaturen machen jede Verzögerung zur Qual. Schuchow reiht sich ein. Der allgemeine Unmut eskaliert, als sich beim Zählen herausstellt, dass jemand fehlt. Alle wissen, was das bedeutet: Die Kolonne kann nicht abrücken, bevor der Fehlende gefunden ist. Zesar nutzt die Zeit, um sich mit dem Kapitän über den Film Panzerkreuzer Potjomkin zu unterhalten. Schließlich haben die Wachen den Fehlenden aufgetrieben. Er war auf einem Gerüst eingeschlafen und muss sich nun übelste Beschimpfungen gefallen lassen. Noch mal heißt es durchzählen. Die Männer murren. Erst als die Wachen drohen, sie bis zum Morgen vor dem Tor stehen zu lassen, formieren sie sich widerwillig in Fünfergruppen zum Zählen. Diesmal stimmt die Rechnung. Die Posten kommen von den Wachtürmen und die Kolonne setzt sich schleppend in Bewegung. Die Männer sind völlig entkräftet. Umsonst versuchen die Wachen, ihnen Beine zu machen. Immerhin: Schuchow fühlt sich nicht mehr krank. Plötzlich kommt Leben in die Männer, in einiger Entfernung sehen sie eine weitere Kolonne auf dem Weg ins Lager. Auf keinen Fall darf die vor ihnen am Tor sein! Denn dann müssten sie wieder warten. Wie auf Kommando beginnen sie zu rennen, sogar die Wachen ziehen mit, der Hass auf die andere Kolonne schweißt die Männer für kurze Zeit zusammen. Tatsächlich gelingt es ihnen, das Tor zuerst zu erreichen.

Quid pro quo

Und wieder werden die Häftlinge gefilzt. Um ein Haar hätten die Wachen das Sägestückchen entdeckt, das Schuchow in seinem Handschuh versteckt hat. Kaum im Lager, eilt Schuchow zur Paketausgabe. Er selbst hat keine Hoffnung auf ein Paket. Noch in Ust-Ischma hat er seine Frau angewiesen, ihm nichts mehr zu schicken. Er will seiner Familie nichts wegessen. Vielleicht hat aber Zesar eins bekommen. Schuchow stellt sich für ihn in die Schlange, wobei er auf eine Gegenleistung spekuliert. Nach einer Weile kommt Zesar und nimmt seinen Platz ein. Tatsächlich zeigt er sich großzügig und überlässt Schuchow sein Abendessen. Der läuft gleich los. Zuerst in die Schlafbaracke, um zu prüfen, ob das eingenähte Brot noch da ist, dann zum Essenfassen. Der Einlass wird vom „Hinker“ kontrolliert, einem brutalen Tyrannen, der mit einem Holzknüppel für Ordnung sorgt. Vor der Essbaracke stauen sich die Wartenden. Schuchow gelingt es, sich zu seiner Brigade durchzuschlagen, die als Nächstes an der Reihe ist.

„Das Signal zum Wecken wurde, wie immer, um fünf Uhr morgens gegeben – durch einen Hammerschlag auf ein Stück Eisenbahnschiene, die bei der Kommandanturbarracke hing.“ (S. 17)

Drinnen macht er sich sofort auf die Suche nach leeren Schüsseln und einem Tablett. Dann gesellt er sich zu Pawlo, der an der Durchreiche Schlange steht. Während der Koch die Schüsseln befüllt, gibt Schuchow darauf acht, welche der Portionen etwas feste Substanz enthält und welche nur dünne Brühe. Seine Brotration beträgt 400 Gramm, dank guter Leistung beim Mauern. Schuchow schlingt seine eigene Portion und die von Zesar hingebungsvoll hinunter. Das Brot hebt er sich für später auf. Er ist jetzt geradezu optimistisch gestimmt. Über die Tische hinweg beobachtet er einen einsamen, zahnlosen Alten, von dem es heißt, er habe schon mehrere Lagerstrafen abgesessen, sei aber nie entlassen, sondern immer wieder zu neuer Haft verdonnert worden. Trotzdem scheint er eisern und ungebrochen.

Das Paket

Nach dem Essen macht Schuchow einen Abstecher zur Baracke 7, um dort von einem Letten Tabak zu kaufen. Mit der Ware tritt er den Weg in seine eigene Baracke an. Dort hat Zesar den Inhalt seines Pakets auf dem Bett ausgebreitet und schwelgt in Vorfreude auf Räucherfisch, Wurst, Weißbrot und Butter. Ohne Bedenken überlässt er Schuchow jetzt auch noch seine Brotration vom Abendessen. Der sieht sich nun sein Sägestückchen genauer an, dann versteckt er es unter der Pritsche. Er will daraus ein Schustermesser machen. Der Kapitän ist ebenfalls gut gelaunt: Er hat von Zesar Tee bekommen und sich gleich eine Portion aufgebrüht. Da kommt ein Aufseher in die Baracke, auf der Suche nach dem Kapitän, wegen des Vorfalls am Morgen. Er führt den Kapitän ab. Der verabschiedet sich geknickt von seinen Kameraden. Zehn Tage Bunker, das ist klar, werden ihn ruinieren.

„Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage wie dieser eine, das war seine Strafzeit, vom Frühappell bis zum Lichterlöschen. Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig. Drei Tage mehr, wegen der Schaltjahre ...“ (S. 189)

Die übrigen Häftlinge müssen jetzt zum Nachtappell. Der Barackenälteste, „der größte Schweinehund von allen“, scheucht sie in die Kälte. Schuchow bemerkt, dass Zesar sich um sein Paket sorgt, das er nicht unbeaufsichtigt zurücklassen will. Geistesgegenwärtig drängelt Schuchow sich nach vorn, um auch als Erster wieder in der Baracke zu sein und auf Zesars Paket aufpassen zu können. Der Plan gelingt. Zum Dank schenkt ihm Zesar zwei kleine Kuchen, zwei Stück Zucker und eine Scheibe Wurst. Schuchow legt sich auf seine Pritsche, raucht eine Zigarette und unterhält sich mit seinem Bettnachbarn Aljoscha über Gott. Aljoscha ermahnt ihn zum Glauben und zur Demut. Für den Baptisten ist das Lager keine Strafe, sondern eine Gelegenheit zur spirituellen Einkehr. Schuchow erkennt zwar die Weisheit in seinen Worten, ist aber selbst unfähig zu solchem Glauben. Allerdings weiß er, dass es für ihn, selbst wenn er tatsächlich einmal entlassen wird, keine Rückkehr in sein altes Leben gibt. Das Lager ist sein Zuhause. Immerhin war heute ein guter Tag. Zufrieden schläft Schuchow ein.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman erzählt, wie der Titel verspricht, den Ablauf eines Tages im Leben des Protagonisten Iwan Denissowitsch Schuchow. Das Geschehen wird aus dessen Sicht, jedoch in der dritten Person berichtet, in einer sogenannten personalen Erzählperspektive. Durch die fehlende Einteilung in Kapitel wird die natürliche Struktur der Handlung, die ja eigentlich eine künstliche, vom Lagerregime vorgegebene ist, hervorgehoben: schlafen, essen, arbeiten, dazwischen immer wieder Zählappelle, Durchsuchungen, Kontrollen. Solschenizyn schafft es mit diesem formalen Trick, dass der Leser in diesem einen Tag den gesamten Lageralltag des Iwan Denissowitsch repräsentiert sieht. Dessen Leben ist von einer aufgezwungenen Routine bestimmt und gegen willkürliche Abweichungen gefeit: Der nächste Tag, so der Eindruck beim Lesen, wird eine Kopie des eben vergangenen sein. Gerade weil Solschenizyn also die formale Struktur des Textes quasi dem Diktat der Lagerverwaltung unterwirft, sind es die kleinen, eigentlich unbedeutenden Abweichungen von der Routine (ein paar Gramm Brot mehr, der Fund eines Stück Metalls), die den Text so ergreifend machen. Solschenizyns Stil ist ebenfalls frei von Gestaltungswillen: Der Autor ist sichtlich bemüht, weitestgehend hinter seinem Gegenstand zurückzutreten. Die Dialoge, lebensnah und voller Mundart, sind eher eingestreute, prägnante Kurzsätze als ausführliche Unterhaltungen. Sie lockern die Erzählung auf und machen sie plastisch.

  • *

Interpretationsansätze **//

  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch// ist, so harmlos der Titel daherkommt, eine Kriegserklärung an den Totalitarismus im Allgemeinen und speziell an das menschenverachtende System des Bolschewismus, der den Einzelnen einer technokratischen Massenideologie zu unterwerfen versuchte.
  • Der Lagerhäftling Schuchow demonstriert die potenzielle Unzerstörbarkeit des Menschen. Die offene Auseinandersetzung mit dem System kann er nur verlieren. Indem er aber seine Würde und Menschlichkeit nie ganz aufgibt, schlägt er seinen Unterdrückern ihre stärkste Waffe aus der Hand.
  • Der Atheist Solschenizyn entwirft damit eine Alternative zur „Imitatio Christi“, jenem christlich-mystischen Konzept, das im Roman vom Baptisten Aljoscha verkörpert wird. Aljoscha begreift, nach dem Vorbild Jesu, alles weltliche Leiden als seelische Läuterung. Daher fügt er sich kampflos in sein Schicksal. Im Gegensatz dazu bewahrt sich Schuchow eine kämpferische Haltung.
  • Auf einer anderen Ebene kann das Buch auch als existenzialistische Parabel auf die Conditio humana gelesen werden: Die menschliche Existenz an sich ist, wie das Leben in Gefangenschaft, Faktoren unterworfen, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen.//
  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch// ist Erzählung und Dokumentation zugleich. Solschenizyn ließ seine eigenen Erfahrungen aus einem Sonderlager im kasachischen Ekibastus in den Roman einfließen.

Historischer Hintergrund

Trügerisches Tauwetter

Schon unter Lenin gab es im bolschewistischen Russland, ab 1922 Sowjetunion genannt, Terror gegen vermeintliche und echte Regimegegner. Die ersten Arbeitslager wurden bereits 1918 eingerichtet und unterstanden der Tscheka, der gefürchteten Geheimpolizei. Doch erst nach Lenins Tod 1924 und dem anschließenden Aufstieg Josef Stalins zum allmächtigen Diktator wurde das Prinzip der Vernichtung durch Arbeit in Form des Gulag systematisiert. Zu Millionen verschwanden sogenannte Kulaken (mittelständische Bauern, die der Kollektivierung der Landwirtschaft im Weg standen), Angehörige „unzuverlässiger“ Ethnien, Intellektuelle, Ingenieure oder Geistliche in Lagern, wurden für größenwahnsinnige Bauprojekte verheizt oder unter mörderischen Bedingungen im Bergbau oder in der Holzwirtschaft eingesetzt und damit der geplanten Umwandlung der Sowjetunion von einem rückständigen Agrarstaat in eine moderne Industrienation geopfert. In einer weiteren Säuberungsaktion von 1937 bis 1938 brachte Stalin zudem einige Hunderttausend vermeintliche politische Gegner in die Lager. 1953 starb der Diktator.

Unter seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow setzte die sogenannte Tauwetterperiode ein, eine scheinbare Lockerung der Lebensbedingungen. Chruschtschow distanzierte sich offiziell vom stalinistischen Terror, für kurze Zeit wurde vorsichtige Kritik an den Zuständen im Land zugelassen, einige Lager wurden aufgelöst, ein paar Gefangene entlassen, ehemalige Volksfeinde rehabilitiert. Chruschtschows Politik war jedoch reines Kalkül: Er wollte den aufkeimenden Reformbewegungen in den Vasallenstaaten der Sowjetunion den Wind aus den Segeln nehmen. In Wirklichkeit änderte sich nicht viel. Und spätestens mit der Machtergreifung Leonid Breschnews 1964 sanken die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt.

Entstehung

Schon während seiner Lagerhaft war Solschenizyn zum Schriftsteller geworden. Zur Heimlichkeit gezwungen, verzichtete er auf die Niederschrift seiner Werke, die er, um sich das Memorieren zu vereinfachen, in Versform dichtete und anschließend, mithilfe eines aus Brotkügelchen gebastelten Rosenkranzes, seinem Gedächtnis einprägte. Nach seiner Entlassung aus der Lagerhaft im Februar 1953 wurde Solschenizyn in die kasachische Kleinstadt Kok-Terek verbannt, wo er als Lehrer tätig war. Nach Feierabend arbeitete er weiter an seinen Werken, schriftlich zwar, doch unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen. „Die Zeilen drängten sich von selbst aus der Feder“, beschrieb er später die Wut, mit der er sich in die Arbeit stürzte. 1957 schließlich erreichte er die Aufhebung seiner lebenslangen Verbannung und siedelte nach Rjasan über, einer Stadt etwas südlich von Moskau. Hier begann er mit der Arbeit an Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Eine Veröffentlichung, das wusste er, war unwahrscheinlich. Zwar gab es seit Stalins Tod im März 1953 und der stalinkritischen Rede des neuen Parteichefs Chruschtschow vor dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 Anzeichen für eine Lockerung der Zensur, doch war völlig unklar, ob dem vermeintlichen Liberalisierungskurs der Tauwetterperiode zu trauen war. Nur zögerlich wagten sich Russlands literarische Dissidenten aus der Deckung. 1962 gelang es Solschenizyn, den Chefredakteur der moderat systemkritischen Literaturzeitschrift Nowy Mir („Neue Welt“) für seinen Lagerroman zu begeistern. Sein Dichterkollege Aleksander Twardowskij erreichte dann die Freigabe des Werks durch Chruschtschow persönlich, sodass es noch im selben Jahr in Nowy Mir erscheinen konnte.

Wirkungsgeschichte

Solschenizyns Debüt wurde ein Riesenerfolg, die 95 000 Exemplare der Erstausgabe waren buchstäblich im Augenblick des Erscheinens ausverkauft. Der Autor, eben noch unbekannt, war plötzlich der Urheber eines literarischen Großereignisses. War er schon überrascht, sein regimekritisches Werk überhaupt gedruckt zu sehen, wurde Solschenizyn nun von der explosionsartigen Wirkung desselben richtiggehend überwältigt. Es ging „gleichsam ein Aufstöhnen durch das Land“, beschrieb er die Reaktion seiner Landsleute später, „ein Aufstöhnen, in dem Freude und Schmerz klangen. Und ein Strom von Briefen setzte ein.“ Dabei hatten sich viele noch von der positiven Aufnahme des Romans durch die Staatsmedien abschrecken lassen. Sie vermuteten ein perfides Stück Propaganda unter dem Deckmantel vorgeblicher Kritik und entdeckten erst beim Lesen die tatsächliche Sprengkraft des Textes. Solschenizyn war ein unbeabsichtigter Coup gelungen: Das offizielle Lob verdankte sich der allgemeinen Annahme, er stünde unter Chruschtschows persönlicher Protektion.

Erst nach Aufklärung des Missverständnisses wandten sich die Staatsmedien gegen ihn und sein Werk. In den „Strom von Briefen“ flossen nun die Stimmen derjenigen ein, die den Autor einer verzerrten Darstellung der Lagerrealität bezichtigten und ihn als Verräter, Faulpelz und bourgeoisen Parasiten beschimpften. Dem massenhaften Zuspruch tat dies freilich keinen Abbruch. Ehemalige und aktuelle Häftlinge schrieben ihm ihre Geschichten, aus denen er wiederum Material für sein Lebenswerk Der Archipel Gulag schöpfte. Manche Historiker sehen heute in der Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch den Urkeim zum Fall des Sowjetsystems im Jahr 1991.

Über den Autor

Alexander Solschenizyn wird am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk geboren, einem Kurort im nördlichen Kaukasus. Von den russischen Klassikern angeregt, fühlt er sich früh zum Beruf des Schriftstellers hingezogen. Dennoch studiert er Mathematik und Philosophie in Rostow. Nach seinem Examen meldet er sich, als überzeugter Kommunist, zur Front im Zweiten Weltkrieg. Im Rang eines Hauptmanns nimmt er an der Invasion Deutschlands teil. Kurz vor Kriegsende äußert er sich in einem Brief an einen Freund kritisch über Stalin, wird prompt verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt, mit anschließender lebenslänglicher Verbannung. Zunächst steckt man ihn in ein Sonderlager für Wissenschaftler, später in das Arbeitslager Ekibastus in Kasachstan. Zur Verbannung wird er dann nach Kok-Terek geschickt, ein kleines Nest in der kasachischen Steppe, wo er als Lehrer arbeitet. 1957, im Rahmen der Chruschtschow’schen Entstalinisierung, wird er rehabilitiert. Schon im Lager hat Solschenizyn mit dem Schreiben begonnen. 1962 erscheint sein Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch; er macht ihn auf einen Schlag berühmt. Doch nur wenig später, 1964, dreht der Wind: Chruschtschow wird gestürzt, Solschenizyn zum Staatsfeind erklärt. 1970 erhält er den Nobelpreis für Literatur, kann ihn aber nicht persönlich entgegennehmen, da er fürchtet, dann nicht mehr nach Russland einreisen zu dürfen. 1974, nach der Veröffentlichung von Der Archipel Gulag, weist ihn die Regierung aus. Über Deutschland und die Schweiz emigriert Solschenizyn in die USA. Erst 20 Jahre später kehrt er in seine Heimat zurück. Inzwischen ist der einst glühende Leninist zum orthodoxen Christen geworden. Am 3. August 2008 stirbt Alexander Solschenizyn in Moskau.


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