Zusammenfassung von Eine blassblaue Frauenschrift

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Eine blassblaue Frauenschrift Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Novelle
  • Deutsche Exilliteratur

Worum es geht

Prekäres Glück, prekärer Staat

Dem schönen Leonidas ist ein märchenhafter Aufstieg vom armen Hauslehrer in die Oberschicht Wiens gelungen. Er führt ein glamouröses Leben mit seiner schönen, reichen Ehefrau. Da erhält er einen Brief von seiner einstigen Geliebten Vera, einer Jüdin, der einzigen rauschhaften Liebe seines Lebens. Sie bittet ihn, er solle sich eines 17-Jährigen annehmen – ist das sein Sohn? Leonidas ist in der Bredouille: Muss er jetzt seiner Frau alles gestehen? Muss er gegen die antisemitische Linie seines Ministeriums aufbegehren? Schalheit und Oberflächlichkeit seines Lebens werden plötzlich offenbar, an diesem einen Tag im Oktober 1936, zwei Jahre vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Franz Werfel hat eine packende, poetische Novelle geschrieben, eine Liebes-, Ehe- und Schuldgeschichte und ein ebenso scharf- wie feinsinniges Sittengemälde.

Take-aways

  • Franz Werfels Novelle Eine blassblaue Frauenschrift ist eine Geschichte über verdrängte, unbewältigte Schuld.
  • Inhalt: Der mit einer Millionenerbin verheiratete, erfolgreiche Leonidas erhält einen Brief von seiner ehemaligen Geliebten Vera, einer Jüdin, die ihn bittet, er solle sich für einen jungen Mann einsetzen. Leonidasʼ Welt gerät aus den Fugen: Er folgert, dass das ihr gemeinsamer Sohn ist, dem ist aber nicht so. Am Ende hat er Mühe, seine alte Weltsicht wiederherzustellen.
  • Der Text dreht sich um einen Liebesverrat, der sich mit dem gesellschaftlichen Verrat an den Juden überlagert.
  • Die Handlung spielt im Oktober 1936, anderthalb Jahre vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.
  • Die Hauptfigur Leonidas ist ein schwacher, oberflächlicher Mensch, der mit viel Glück und Anpassung vorankommt.
  • Ein zentrales Thema ist Macht, in den Liebesbeziehungen wie auch im Staat.
  • Franz Werfel war ein in Prag geborener Jude.
  • Werfel schrieb die Novelle 1940 in Frankreich auf der Flucht vor den Nazis.
  • 1984 wurde sie fürs Fernsehen verfilmt.
  • Zitat: „Erst durch ein Kind ist der Mensch unrettbar in die Welt verflochten, in die gnadenlose Kette der Verursachungen und Folgen. Man ist haftbar. Man gibt nicht nur das Leben weiter, sondern den Tod, die Lüge, den Schmerz, die Schuld. Die Schuld vor allem!“
 

Zusammenfassung

Ein Brief

Leonidas ist ein schöner und immer noch jung aussehender Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Vor Kurzem hat er seinen 50. Geburtstag gefeiert. Es kommen immer noch Stöße von Gratulationsbriefen an. An diesem Morgen sticht unter den ansonsten maschinengeschriebenen Briefen einer heraus, der in einer blassblauen Frauenhandschrift verfasst ist. Leonidas erbleicht, als er die Schrift erkennt, und lässt die Briefe in seiner Jackentasche verschwinden, damit seine Frau Amelie nichts bemerkt. Mit Amelie hat Leonidas das große Los gezogen: Sie war vor 20 Jahren das begehrteste Mädchen der Stadt: schön und aus der unfassbar reichen Familie Paradini. Dennoch hat mehr sie ihn als er sie umworben und gegen den Willen ihrer Familie die Heirat mit ihm durchgesetzt. Leonidas ist der Sohn eines mittellosen Gymnasiallehrers und hat sich früher als Hauslehrer durchgeschlagen, bis sein märchenhafter Aufstieg begann – mit einem Frack, den ein jüdischer Studienkollege ihm vererbt hat, nachdem er sich erschossen hatte. Mit dem Frack kamen Einladungen auf Bälle. Leonidas war ein herausragender Tänzer und die Frauenherzen flogen ihm zu, unter anderem das von Amelie. Nun ist er Sektionschef im Ministerium für Kultus und Unterricht und damit einer der wichtigsten Beamten in Österreich, und Amelie ist ihm immer noch vollkommen ergeben. Um schlank und schön für ihn, den zwölf Jahre Älteren, zu bleiben, hungert sie. Ihre Ehe ist kinderlos.

„Du bist unerträglich beliebt, Léon (…). Wieder mindestens zwölf Gratulationen …“ (Amelie, S. 9)

Leonidas schließt sich mit dem Brief auf der Toilette ein. Er starrt auf die Schrift, fest entschlossen, den Brief nicht zu öffnen – ebenso wenig wie den letzten Brief von seiner ehemaligen Geliebten Vera Wormser von vor ungefähr 15 Jahren. Den hatte er ungelesen zerrissen. Damals schrieb sie ihm, nachdem sie drei Jahre lang geschwiegen hatte. Bei ihrem Abschied drei Jahre zuvor hatte er sich schrecklich benommen und damit große Schuld auf sich geladen: Am Zugfenster hatte er sich „bis in zwei Wochen“ verabschiedet – und sich dann nie wieder bei ihr gemeldet. Die Affäre mit ihr – der „einzige echte Liebesrausch seines Lebens“ – hatte nach nur einem Jahr seiner Ehe mit Amelie begonnen. Ansonsten gab es nur ein knappes Dutzend unbedeutender Seitensprünge. Zu seiner eigenen Überraschung öffnet er den Brief schließlich doch: Es ist ein Bittbrief, sehr formell geschrieben. Vera bittet ihn darin, er möge sich eines jungen Mannes annehmen, der „aus den allgemein bekannten Gründen“ seine Gymnasiallaufbahn in Deutschland nicht fortsetzen darf – oberflächlich betrachtet ein harmloser Brief, doch Leonidas findet ihn alles andere als harmlos. Zwischen den Zeilen liest er, dass der junge Mann sein Sohn mit Vera ist.

Vor dem inneren Gericht

Zu Fuß macht Leonidas sich auf den Weg zu seinem Büro im Ministerium. Er hat schon immer geahnt, dass Vera von ihm ein Kind hat. Ihm fällt ein, dass Veras Sohn jüdisch sein muss, wie sie selbst, was die Situation für Leonidas nicht einfacher macht. Er versucht, sich die sechs Wochen ihrer „brennenden Liebe“ so genau wie möglich in Erinnerung zu rufen. Doch es gelingt ihm nicht, das Bild der damaligen Vera aufzurufen. Er weiß, dass sie sehr zierlich war, mit schwarzen Haaren und blauen Augen, aber er sieht sie nicht vor sich. Dennoch rekonstruiert er alles möglichst genau und imaginiert sich dabei als Angeklagter vor Gericht, der den „Tathergang“ schildert.

„Seit einigen Monaten war er Sektionschef im ‚Ministerium für Kultus und Unterricht‘ und gehörte somit zu den vierzig bis fünfzig Beamten, die in Wirklichkeit den Staat regierten.“ (über Leonidas , S. 9 f.)

Amelie musste im 13. Monat ihrer Ehe für einige Zeit nach England, wo ihre Großmutter im Sterben lag. Es ging darum, ihr Erbe zu verteidigen. Das Sterben der Großmutter zog sich volle drei Monate hin, und beide, Leonidas und Amelie, waren verzweifelt ob der langen Trennung – wobei sich bei ihm auch ein wenig Erleichterung hineinmischte, für kurze Zeit wieder frei zu sein von Amelies Launen und Eifersuchtsanfällen. Genau in dieser Zeit wurde Leonidas von seinem Ministerium nach Deutschland geschickt, um dort die Organisation des Hochschulstudiums zu studieren. In Heidelberg widerte ihn der Luxus des Prachthotels, in dem er wohnte, plötzlich an und er mietete sich in einer schlichten Studentenpension ein. Dort sah er Vera Wormser wieder. Er kannte sie aus seiner Zeit als armer Hauslehrer in Wien: Ihr Vater hatte Leonidas engagiert, um ihren Bruder auf das Abitur vorzubereiten. Leonidas war damals 23, bettelarm und ohne Zukunftsaussichten. Er war froh, dass er jeden Tag eine warme Mahlzeit bei Familie Wormser bekam. Er verliebte sich in die 14- oder 15-jährige Vera, die ihn allerdings kaum beachtete. Er versuchte, sie durch Geist und Bildung zu beeindrucken, aber sie hinterfragte alles, was er sagte, und verblüffte ihn damit unendlich. Seine Verliebtheit machte ihn tölpelhaft, ihm geschah ein Missgeschick nach dem anderen: Er ließ eine Vase fallen, verschüttete Rotwein, einmal platzte ihm die Hose. Von seiner Liebe sagte er Vera nichts. Nachdem der Bruder das Abitur bestanden hatte, zog die Familie nach Deutschland.

„Er hält sich mehrmals am Tag für einen ausgemachten Götterliebling.“ (über Leonidas , S. 13)

Als er Vera sieben Jahre später in Heidelberg wiedertraf, waren ihr Vater und ihr Bruder tot und sie war ganz allein auf der Welt. Sie studierte jetzt Philosophie. Leonidasʼ Verliebtheit erwachte sofort wieder, aber sein Selbstbild war jetzt ein anderes und er wusste, dass er sie für sich gewinnen würde. Am meisten gelang ihm das dadurch, dass er ihren radikalen Anschauungen beipflichtete und ihr sagte, nur seine Position zwinge ihn zu einer „mittleren Linie“. Am vierten oder fünften Tag schlief Vera zum ersten Mal mit ihm. Sie verlor dabei ihre Jungfräulichkeit. In den sechs Wochen ihrer Liebe, seiner „wahren Ehe“, besuchten sie unzählige Städtchen und Gaststuben im Taunus, im Schwarzwald und im Rheinland. Die große Zweiflerin Vera vertraute ihm ganz und gar, und seine Schuld besteht darin, dass er diesen Glauben verriet. Er sagte ihr nicht, dass er verheiratet war, ja er malte ihr sogar in den leuchtendsten Farben ihre gemeinsame Zukunft aus und kaufte eine ganze Aussteuer für den gemeinsamen Haushalt in Wien zusammen. Er war glücklich wie nie, und doch bereitete es ihm auch Lust, dass er dieser Gemeinschaft bald den Todesstoß versetzen würde.

Leonidas sammelt Mut

Im Büro angekommen, festigt sich sein Entschluss, Amelie beim Mittagessen die Wahrheit zu sagen. Um elf Uhr geht er zu einer Besprechung mit dem Minister in den roten Salon. Als er eintritt, erzählt der Kabinettschef des Hauses gerade von seinem Urlaub. Leonidas graut vor der kleinbürgerlichen Banalität seiner Kollegen, in die er sich dank seiner reichen Frau und dank ihrer Kinderlosigkeit nie hat hinabbegeben müssen. Bei der Besprechung geht es um die Neubesetzung von sechs Lehrstühlen. Leonidas spult geistesabwesend einen Vortrag zu den Lebensläufen in seiner Mappe ab. Doch als es um den Lehrstuhl für innere Medizin geht, ändert er plötzlich seinen bisherigen Kurs und spricht sich für den jüdischen Nobelpreisträger Bloch und gegen den ungleich provinzielleren Kandidaten Lichtl aus. Er tut es in dem Gefühl, so für seinen Sohn aktiv zu werden. Alle anderen halten den jüdischen Kandidaten wegen der politischen Großwetterlage für unmöglich. Sie starren Leonidas ungläubig an. Einige sehen in seinem Verhalten die Extravaganz eines Privilegierten. Von einem Subalternen schlägt ihm ein Blick voller Hass entgegen. Der Minister schlägt als Ausweg vor, Bloch das goldene Ehrenkreuz sowie den Titel eines Hofrates zu verleihen, Lichtl aber den Lehrstuhl zu geben. Leonidas geht so weit, zu sagen, dass er diesen Ausweg unstatthaft findet, dass er aber den Minister nicht daran hindern könne, einen Fehler zu begehen. Er ist berauscht von seinem Mut – und weiß doch genau, dass es eigentlich nicht um Bloch geht. Jetzt fühlt er sich bereit, Amelie die Wahrheit zu sagen.

Nicht die erwartete Beichte

Zum Mittagessen fährt Leonidas nach Hause. Amelie ist noch nicht da. Er schlendert durch die Räume und betritt das Ankleidezimmer seiner Frau. Dort ist er sonst nie. Plötzlich sehnt er sich danach, in ihren Sachen etwas zu finden, ein Zeichen ihrer Schuld, die seine Unschuld wiederherstellen würde. Er sucht in ihren Briefen nach Hinweisen auf Untreue, findet aber nichts, nur Beweise ihrer Liebe zu ihm. Plötzlich tritt Amelie ein und fragt ihn, was er hier tue. Schmerzmittel suchen, sagt er, dabei liegt eine Tablettenschachtel direkt vor ihm. Der Gong ruft zum Essen. Amelie hält sich bei Tisch zurück, aus Angst, zuzunehmen, und als Leonidas sie fragt, warum sie immer so wenig esse, kommt es zum Streit. Ihr Verdacht ist, dass er in ihrem Zimmer nach Liebesbriefen gesucht hat – oder gar nach wertvolleren Dingen? Es ist das erste Mal, dass sie ihn des Materialismus zeiht, wo er doch immer betont hat, dass ihr Geld nicht sein Geld sei. Leonidas ist empört. Er ruft sie zur Vernunft und fragt dann nach, ob sie einen bestimmten Grund für ihr Misstrauen habe.

„Der Mensch aus Holz starrte durchs Fenster. Er glaubte, nichts zu empfinden als das hohle Verrinnen der Sekunden. Er sah tief in die Erde des Dorfkirchhofs von Sankt Gilgen hinein. (…) Dort lagen auseinandergestreut im schwarzen nassen Moder die Knöchelchen, die aus ihm kamen.“ (über Leonidas, S. 142)

Sie gesteht, dass sie einen ungeheuren Verdacht gegen ihn hegt, seit er am Morgen jenen Brief mit der Frauenschrift bekam. Leonidas holt den Brief aus seiner Tasche und reicht ihn ihr. Für ihn hängt nun alles davon ab, ob sie zwischen den Zeilen des Briefes liest oder nicht. Doch Amelie versteht das formelle Bittgesuch sofort als Entwarnung. Sie lacht und weint gleichzeitig und gesteht dann in ihrer Erleichterung, dass sie, während sie beim Friseur saß, überzeugt davon war, er sei ein Schwindler, der seit 20 Jahren mit seiner Geliebten ein Doppelleben führe, eine Wohnung mit ihr habe und sogar drei Kinder, und dass er nun sie, Amelie, aus dem Weg räumen wolle, um an ihr Vermögen zu kommen. Zu ihrem Begräbnis würde er dann den trauernden Witwer geben und heimlich Vera Wormser zuzwinkern. Und als sie ihn dann in ihrem Zimmer erwischte, glaubte sie ihren Verdacht bestätigt. Leonidas ist verblüfft, wie nah Amelie der Wahrheit gekommen ist. Er verzeiht ihr großmütig und lässt die Gelegenheit zur Beichte ungenutzt.

Das Treffen mit Vera

Leonidas fährt zurück ins Ministerium, voller Bewunderung für Amelies Intuition und für ihren Mut zur Beichte. Er führt diesen Unterschied zwischen ihnen auf Standesunterschiede zurück: Er, der sich sehr dafür anstrengen musste, seine Schüchternheit zu überwinden, und den es immer noch Anstrengung kostet, seine Ehe mit einer Millionenerbin mit scheinbar selbstverständlicher Lässigkeit zu leben, ist nicht wie sie erhaben über alle Scham. Er weiß jetzt auch, dass er eben doch fürchtet, den Reichtum zu verlieren und in das enge Leben seiner Kollegen eingepfercht zu sein. In seinem Büro beginnt er ein Memorandum an den Minister, indem er die Berufung Blochs auf den Lehrstuhl für innere Medizin als Notwendigkeit für den Staat begründet, doch dann steckt er das Papier in seine Mappe und beschließt, Vera zu treffen. Er kauft gelbe Rosen und fährt zu ihrem Hotel. Vera lässt ihn warten. Er findet das nur gerecht und fragt sich, wie lange sie damals auf ihn gewartet hat, vor 18 Jahren. Dann steht sie plötzlich da, eine kleine, zierliche Dame. Die beiden siezen sich, und Leonidas findet seinen eigenen Tonfall unerträglich. Zuerst erkennt er sie nicht wieder, dann aber doch. Noch strahlt sie faszinierende Kompromisslosigkeit und Fremdheit aus. Sie sagt, sie werde nach Montevideo gehen, dort habe man ihr eine Lehrstelle angeboten. Leonidas ist erleichtert und sagt ihr, wie sehr er sie bewundert. Sie lasse niemanden zurück, sagt sie, sie sei nicht verheiratet. Leonidas verspricht ihr, sich um den jungen Mann zu kümmern. Er stellt Fragen zu dem Jungen, was Vera irritiert. Schließlich begreift sie und stellt klar: Emanuel ist der Sohn ihrer besten Freundin, die nur kurz nach dem Vater des Jungen starb. Der Vater wurde in Deutschland zu Tode gequält.

„Während er unter der drückenden Kuppel dieser stets erregten Musik schläft, weiß Leonidas mit unaussprechlicher Klarheit, dass heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, dass er daran gescheitert ist. Er weiß, dass ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird“ (S. 154 f.)

Aus Erleichterung darüber, dass er sein Leben nun doch nicht ändern muss, wird Leonidas fast übermütig. Er fühlt jetzt Zärtlichkeit für Vera und für ihre edle, anspruchslose Haltung. Er fragt sie, ob sie ihm jemals verziehen habe. Sie antwortet, dass sie dieses Wort nicht mag. Am Ende könne doch jeder nur sich selbst verzeihen. Er beteuert, dass er sich nie verziehen habe – doch als er das ausspricht, merkt er, dass er sich in diesem Moment eben doch verziehen hat. Er behauptet, jeden Tag dieser 18 Jahre gelitten zu haben wie ein Hund. Vera wendet sich von ihm ab. Als er bekennt, nah daran gewesen zu sein, von seiner Frau die Scheidung zu verlangen, entgegnet Vera spöttisch, er sei eben zum Glück nur nah daran gewesen. Leonidas gesteht, dass er ihren letzten Brief vor 15 Jahren ungelesen zerrissen hat. Sie sagt, dass sei sehr praktisch von ihm gewesen, ihn nicht zu lesen, sie hätte ihn auch gar nicht schreiben sollen, aber sie sei ganz allein und ohne Hilfe gewesen, als das Kind starb. Ja, sie hatte einen Sohn von Leonidas. Der starb mit zweieinhalb Jahren. Sofort bereut sie, davon gesprochen zu haben. Dann verlässt sie ohne Abschied den Raum, während Leonidas mit brennenden Augen aus dem Fenster starrt.

Zurück zur Normalität

Am Abend sind Leonidas und Amelie in der Oper. Amelie findet das sonst so jugendliche Gesicht ihres Mannes zerknittert und grau. Sie selbst ist strahlend schön und grüßt die Reichen und Berühmten ringsum. Leonidas nickt ebenfalls vorsorglich mit dem Kopf in alle Richtungen. Eigentlich müsste er erleichtert sein über den glimpflichen Ausgang, aber er fühlt keine Erleichterung, sondern bedauert, dass Emanuel nicht sein Sohn ist, dass er einen Sohn verloren hat. Dass in Deutschland Menschen zu Tode gequält werden, nur weil sie Juden sind, hält er für Gräuelmärchen, und er hält es für jüdische Überheblichkeit, dass Vera sagt, sie könne hier nicht mehr atmen. Doch plötzlich kommt es ihm vor, als fiele auch ihm das Atmen schwer. Er nimmt sich vor, sein Herz untersuchen zu lassen und sich im Übrigen wieder in sein bisheriges Leben zu fügen. Zugleich weiß er, dass an diesem Tag ein „Angebot zur Rettung“ an ihn ergangen ist und dass er versagt hat.

Zum Text

Aufbau und Stil

Eine blassblaue Frauenschrift trägt ursprünglich keine Gattungsbezeichnung und wird mal als Novelle, mal als Erzählung, mal als Kurzroman bezeichnet. Der Text ist in sieben Kapitel unterteilt. Die Handlung spielt an einem einzigen Tag im Oktober 1936, es gibt aber zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit. Vor allem das dritte Kapitel erzählt die Geschehnisse in Heidelberg, hier wird die Er-Erzählung zur Ich-Erzählung und Leonidas imaginiert sich als Angeklagter vor Gericht, der einen Tathergang schildert. Doch auch schon vorher erzeugen Andeutungen zur Vergangenheit Spannung, zum Beispiel zur Rolle des geerbten Fracks. Die Sprache ist abwechslungsreich rhythmisiert, es gibt kurze Sätze und lange, ebenso wie atemlose Passagen. Neben Leonidasʼ Geständnis vor dem inneren Gericht sind Amelies Beichte und die Wiederbegegnung von Leonidas und Vera von besonderer Intensität. Der Ton ist mal nüchtern, juristisch, dann wieder überaus poetisch.

Interpretationsansätze

  • Eine blassblaue Frauenschrift ist eine Liebes- und Ehegeschichte. Sowohl seiner Ehefrau als auch seiner Geliebten ist bzw. war Leonidas in Liebe verbunden, wobei er einen „Liebesrausch“ einzig mit Vera erlebt hat. In beiden Beziehungen spielt Macht eine Rolle: In seiner Ehe hat Amelie die Macht des Geldes, in seiner Affäre hatte Leonidas die Macht des Wissens über die ahnungslose Vera.
  • Ein zentrales Motiv ist verdrängte, unbewältigte Schuld. Leonidas hat beide Frauen verraten und muss mit dieser Schuld leben. Doch erst als er damit konfrontiert wird, dass die Schuld sich im vermeintlichen Sohn manifestiert, gerät Leonidas kurzfristig aus der Bahn. Nun muss er sich das Geschehene ins Bewusstsein holen. Er stellt sich seiner Schuld, indem er vor einem inneren Gericht aussagt. Nach außen dagegen bleibt alles, wie es war. Den Mut zu einer Beichte bringt Leonidas nicht auf.
  • Die Hauptfigur Leonidas ist ein schwacher, oberflächlicher Mensch, der ironischerweise nach einem tapferen antiken Helden benannt ist. Bezeichnenderweise wird ein läppischer Frack zum Vehikel seines Aufstiegs. Es geht ihm um nichts Substanzielles – gängige Lehrmeinungen stellt er nicht infrage, und als er sich im Ministerium ausnahmsweise gegen die Mehrheitsmeinung stellt und sich für einen jüdischen Kandidaten einsetzt, geht es ihm nicht um die Sache, sondern um den Mut an sich, als Test für eine Privatangelegenheit.
  • Vera – der Name kann „die Wahre“ bedeuten – ist in allem das Gegenteil von Leonidas: Sie benutzt ihre Intelligenz, um Konventionen infrage zu stellen, und sie ist kompromisslos und zugleich so gereift, dass sie keine Rachegelüste gegen Leonidas hegt, ja nicht einmal Ansprüche an ihn stellt.
  • Das vierte Kapitel, die Besprechung mit dem Minister, ist ein Psychogramm der Macht im sterbenden österreichischen Ständestaat: Hier herrscht eine Mischung aus Verschlagenheit, Unterwürfigkeit und Ressentiment. Hier gedeiht der Opportunismus, der dazu führt, dass Juden schon vor dem Anschluss an Deutschland in vorauseilendem Gehorsam drangsaliert werden.
  • Eine wichtige Rolle spielt die Intuition, die den Kern einer Sache trifft, aber in den Details danebenliegt oder übertreibt. Amelie erfühlt etwa vieles, was hinter der Frauenschrift auf dem Brief steckt; Leonidas errät, dass er einen Sohn hat, doch es ist der falsche.

Historischer Hintergrund

Von der k. u. k. Monarchie bis zum Anschluss

Die 1867 entstandene Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war eine konstitutionelle Monarchie, an deren Spitze Franz Joseph I. als Kaiser von Österreich und König von Ungarn stand. Das große Problem des ansonsten prosperierenden Staatengebildes war die Nationalitätenfrage: Österreich-Ungarn war ein zersplitterter Vielvölkerstaat. Die Deutschnationalen unter Georg Ritter von Schönerer strebten einen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich an. Querelen mit Serbien führten 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nachdem Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo einem Attentat durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip zum Opfer gefallen war.

Aus dem Ersten Weltkrieg ging Österreich destabilisiert hervor: Die Monarchie wurde abgeschafft und die Republik ausgerufen. Wie in anderen Ländern auch versuchten in Österreich extreme politische Kräfte, die junge Republik zu schwächen und die Macht an sich zu reißen. Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen politischen Gruppierungen – unter anderem Nationalsozialisten und Sozialdemokraten – waren an der Tagesordnung. Armut und Arbeitslosigkeit trieben viele Menschen in die Arme radikaler Parteien. Der 1932 gewählte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß plante, Österreich in eine faschistische Diktatur zu verwandeln, fiel aber selbst einem Attentat der Nationalsozialisten zum Opfer.

1933 übernahm der gebürtige Österreicher Adolf Hitler in Deutschland die Macht und setzte alles daran, seine alte Heimat „heim ins Reich“ zu holen. Im März 1938 stellte er Österreich ein Ultimatum und forderte eine Beteiligung nationalsozialistischer Politiker an der Regierung. Der amtierende Kanzler Kurt Schuschnigg trat daraufhin zurück, und Hitler marschierte am 12. März mit seinen Truppen ein. Tags darauf wurde der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland offiziell vollzogen. Tausende Künstler und Wissenschaftler – ein Großteil von ihnen jüdischer Abstammung – flohen ins europäische Ausland, viele anschließend in die USA.

Entstehung

Franz Werfel schrieb Eine blassblaue Frauenschrift 1940 im französischen Exil, größtenteils in Sanary-sur-Mer, einem Hafenstädtchen am Mittelmeer, das zu einer Art Zentrum deutscher, vor den Nazis geflohener Schriftsteller geworden war: Unter anderen verbrachten Thomas Mann, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, Joseph Roth und Bertolt Brecht dort eine Etappe ihrer Flucht.

Er schreibe „eine recht zweischneidige Liebes- und Ehegeschichte“, teilte Werfel seinem Verleger mit. Die Arbeit wurde jedoch von den sich zuspitzenden politischen Ereignissen und der von diesen ausgehenden Gefahr für Leib und Leben erschwert und unterbrochen: Anfang Juni 1940 marschierte Hitler in Frankreich ein, am 14. Juni wurde Paris ohne nennenswerte Gegenwehr erobert. Die deutschen Truppen kamen immer näher, und das Ehepaar Werfel versuchte verzweifelt, Visa zur Ausreise in die USA zu bekommen. Werfel erlitt einen Nervenzusammenbruch und schrieb einem Freund: „Ich habe ununterbrochen eine Tension zwischen 200 und 220. Trotz der wüstesten Medikamentenfresserei ändert sich das nicht.“ Sie flohen weiter in Richtung Spanien. Im Wallfahrtsort Lourdes in den Pyrenäen erarbeitete Werfel dann die Endfassung seiner Novelle.

Diese sollte ursprünglich „Wirrnisse eines Oktobertags“ oder „Die Verwirrungen eines Apriltags“ heißen. Für die Figur des Leonidas könnte ein realer Wiener Sektionschef des Unterrichtsministeriums als Vorbild gedient haben.

Wirkungsgeschichte

Eine blassblaue Frauenschrift wurde 1941 in einem Exilverlag in Buenos Aires veröffentlicht. Der Kurzroman stieß auf positives Echo und gilt bis heute als eine der besten Prosa-Arbeiten Werfels.

Als Werfel ab Ende 1940 in Los Angeles lebte und durch den Wegfall des deutschsprachigen Buchmarktes und durch die kostspielige Flucht zunächst finanzielle Schwierigkeiten hatte, versuchte er, einige seiner Stoffe Hollywood anzubieten. Zum Beispiel verfasste er zur Blassblauen Frauenschrift ein Treatment, das von Filmstudio zu Filmstudio wanderte. Zunächst interessierte sich auch der deutsche, ebenfalls vor den Nazis geflohene Regisseur Robert Siodmak für das Projekt, es wurde dann aber doch stecken .

In Österreich verfilmte Axel Corti die Novelle 1984 fürs Fernsehen, mit Friedrich von Thun in der Hauptrolle. Der TV-Film erhielt unter anderem die Goldene Kamera.

Über den Autor

Franz Werfel wird am 10. September 1890 als Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten in Prag geboren. Wie sein Zeitgenosse Franz Kafka gehört er der Minderheit der deutschsprachigen Juden an. Er studiert in Leipzig und Hamburg kurzzeitig Jura und Philosophie und arbeitet später als Lektor für einen Verlag. Seinen literarischen Durchbruch schafft er 1911 mit dem Lyrikband Der Weltfreund, einer euphorischen Hymne auf Frieden, Völkerverständigung und Brüderlichkeit. Gemeinsam mit seinen Schriftstellerkollegen Walter Hasenclever und Kurt Pinthus veröffentlicht er 1912 die expressionistische Schriftenreihe Der Jüngste Tag. Zwischen 1915 und 1917 kämpft er für die Österreicher an der russischen Front; später wird er in das Wiener Kriegspressequartier versetzt, wo er wegen seiner pazifistischen Überzeugungen in Schwierigkeiten gerät. 1917 lernt er die elf Jahre ältere Alma Mahler kennen, eine berühmte Künstlermuse, die Witwe des Komponisten Gustav Mahler und die Noch-Ehefrau des Architekten Walter Gropius. Noch während ihrer Ehe mit Gropius bringt sie Werfels mutmaßlichen Sohn Martin zur Welt, der jedoch im Alter von nur zehn Monaten stirbt. Unter Almas Regie zieht sich Werfel aus dem öffentlichen Leben zurück, schreibt und reist viel. Auf einer Nahostreise 1930 trifft er in Damaskus auf verkrüppelte armenische Waisenkinder, ein Erlebnis, das ihn zu seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933) inspiriert. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland geht er ins Exil nach Frankreich. 1940 beginnt eine wochenlange Flucht vor der einrückenden Wehrmacht – seine „Tour de France“, wie Werfel sie nennt. Während er sich in Lourdes versteckt, gelobt er, ein Buch über die Ortsheilige zu schreiben – Das Lied von Bernadette (1941). 1940 schafft er es mit Alma sowie mit Heinrich und Golo Mann zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien und emigriert von Portugal aus in die USA, wo er mit seinen Romanen Bestsellererfolge feiert. Am 26. August 1945 stirbt er in Los Angeles an einem Herzinfarkt.


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