Zusammenfassung von Eine Jugend in Deutschland

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Eine Jugend in Deutschland Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Autobiografie
  • Moderne

Worum es geht

Das Dilemma des revolutionären Pazifisten

Erst glühender Kriegsfreiwilliger, dann revolutionärer Pazifist und Sozialist – Ernst Toller wurde stark von den Wirrungen der deutschen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt. Sein Glaube zunächst an Deutschland, dann an den Sozialismus wich einer Ernüchterung: Das Ideal einer Welt ohne Hass und Krieg erwies sich als Illusion, auch wenn Toller immer an die Massen zu appellieren versuchte. Der politisch engagierte Autor, der als einer der herausragenden expressionistischen Schriftsteller der Weimarer Republik gilt, gibt sich in seiner Autobiografie Eine Jugend in Deutschland als Chronist seiner Zeit. Er liefert den lebhaften Augenzeugenbericht eines Revolutionärs zwischen Pathos und Resignation, der die großen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf das Leben eines Einzelnen herunterbricht.

Take-aways

  • Eine Jugend in Deutschland ist die Autobiografie des 1893 geborenen Schriftstellers Ernst Toller, die sein Leben bis zur Bücherverbrennung 1933 rekapituliert.
  • Inhalt: Der Erste Weltkrieg, an dem Toller als Freiwilliger teilnimmt, führt zu seiner Politisierung. Als Sozialist und Pazifist engagiert er sich aktiv in der Münchner Räterepublik. Schließlich wird er verhaftet und zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.
  • Tollers Leben steht in dem Werk repräsentativ für eine ganze Generation und Epoche.
  • Die Themen der Gewaltlegitimation und der Schuld des politisch Handelnden, die sich in seinem Werk widerspiegeln, trieben Toller sein ganzes Leben lang um.
  • Der Widerspruch zwischen der von Not und Hunger getriebenen Masse und dem Individuum, das sittliche Ideen verfolgt, spielt sowohl in seiner Autobiografie als auch in seinen Dramen eine große Rolle.
  • Die Erfahrung, fremd und ausgestoßen zu sein, durchzog Tollers Leben wie ein roter Faden.
  • Die Autobiografie wurde 1933 vom niederländischen Exilverlag Querido in Amsterdam veröffentlicht.
  • Toller war der bekannteste und erfolgreichste Dramatiker der Weimarer Republik und einer der schärfsten Gegner der Nationalsozialisten.
  • Er nahm sich 1939 in New York mit nur 45 Jahren das Leben.
  • Zitat: „Der Krieg ließ mich zum Kriegsgegner werden, ich hatte erkannt, dass der Krieg das Verhängnis Europas, die Pest der Menschheit, die Schande unseres Jahrhunderts ist.“
 

Zusammenfassung

Ein gutbürgerliches Elternhaus

Ernst Toller wird in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Ostpreußen hineingeboren, in der die deutsche Kultur gepflegt wird. Das Judentum lehnt er von Kindheit an ab. Die Freundschaft zu Stanislaus, der aus einer armen polnischen Familie stammt, wird von Differenzen zwischen den unterschiedlichen Schichten beeinträchtigt. Während Tollers Vater Stadtverordneter wird, unternimmt der Junge die ersten Dichtversuche: Aus der Sicht einer erfundenen Figur – eines Schneidermeisters, der Leutnant wird –, verfasst er Liebesbriefe an die Köchin Jule. Auf dem Gymnasium schreibt er Gedichte und ist als Journalist patriotischer Artikel für die Ostdeutsche Rundschau tätig.

„Ich möchte kein Jude sein. Ich möchte nicht, dass die Kinder hinter mir herlaufen und ‚Jude‘ rufen.“ (S. 21)

Sein Gerechtigkeitssinn wird verletzt, als ein epileptischer Freund hilflos stirbt; in einem Zeitungsartikel klagt Toller wütend die mangelnde Betroffenheit der Leute an. Er liebt die Werke von Hauptmann, Ibsen, Strindberg und Wedekind und schreibt Gedichte, Märchen und Dramen. Wiederholt wird Toller zu Unrecht beschuldigt – noch auf dem Totenbett spricht sein Vater im Fieber die Worte: „Du bist schuld.“ Als junger Gymnasiast sehnt Toller sich wie seine Kameraden nach Abenteuern und deshalb auch nach Krieg. Er verliebt sich in die Schauspielerin Maria und zeigt ihr seine Gedichte. Doch Maria ist schon vergeben. Die platonische Beziehung endet unglücklich, als Toller nach bestandenem Abitur ein Studium an der Universität in Grenoble beginnt.

Student in Grenoble

Toller ist von seinem Studium gelangweilt. Er verbringt viel Zeit in Cafés beim Spiel, oft bis in die späte Nacht. Unter zahllosen Deutschen verlernt er fast sein Französisch und versucht darum, die Landsleute zu meiden, was jedoch nicht gelingt. Er beginnt zu zechen. Bei einer Reise nach Südfrankreich überlegt er, Fremdenlegionär zu werden, entscheidet sich dann jedoch dagegen. Toller reflektiert immer stärker die Bedeutung von Geld, Freiheit und Gerechtigkeit. Als in Sarajewo der österreichische Thronfolger ermordet wird und der Erste Weltkrieg ausbricht, wird sich Toller bewusst, wie ernst die Lage ist. Er ist von französischen Soldaten umgeben und Kriegsstimmung macht sich breit. Unter Schwierigkeiten gelangt er nach Genf, wo er und andere Deutsche überglücklich die Nationalhymne singen, während Franzosen die Marseillaise anstimmen. Letztlich betritt er in Lindau wieder deutschen Boden. Es herrscht eine Atmosphäre zwischen Misstrauen – denn es wird vor Spionen gewarnt – und Kriegsjubel.

Kriegsfreiwilliger an der Front

In München angekommen, meldet sich Toller als Freiwilliger und wird in die Artillerie aufgenommen. Im Rausch der Gefühle schwingt er zusammen mit seinen Kameraden die Gewehre. Als er des Wartens und des sinnlosen Drills überdrüssig ist, meldet er sich zum Dienst im Feld und wird an die Front geschickt. Er will dem Feind direkt in die Augen schauen können und lässt sich von der Artillerie in die Infanterie versetzen. Noch stärker als zuvor erkennt Toller unter den kriegslüsternen Frontsoldaten das Ausmaß des Krieges: kaputte Dörfer, Ruinen, grauenvoll hingerichtete Tote. Er muss sich vor Luftangriffen schützen, wird von Granatsplittern getroffen und lässt Demütigungen von Vorgesetzten über sich ergehen. Toller steigt zum Unteroffizier auf, doch das Grauen des Kriegs, die ständige Gefahr, die wimmernden Schreie der Sterbenden plagen ihn. Nach 13 Monaten ist ihm das Frontleben unerträglich geworden und er erkennt seine Verblendung. Schwer erkrankt wird er ins Lazarett gebracht, wo man ihn für kriegsuntauglich erklärt.

Hinwendung zum Sozialismus

An der Universität München studiert er Recht und Literatur und besucht diesmal mit großem Eifer Lehrveranstaltungen. Er trifft mit Schriftstellern wie Thomas Mann und Rainer Maria Rilke zusammen. Die Gräuel des Kriegs kann er nicht vergessen. Er ist zutiefst enttäuscht von der mutlosen Staatsromantik der Intellektuellen, die sich auf der Burg Lauenstein treffen. Er knüpft Freundschaften mit Max Weber und Richard Dehmel und wechselt an die Universität Heidelberg, wo ihm die meisten Studenten Kranke und Krüppel zu sein scheinen. Zwar verurteilen alle den Krieg, sie bleiben jedoch tatenlos. Er organisiert sich im „Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“ und wird aufgrund seiner kriegskritischen Haltung diffamiert. Dann lernt er den Arbeiterführer Kurt Eisner kennen und ist beeindruckt von den Sozialisten und deren Glauben an ihre Sache. Fortan nimmt er an Streikversammlungen teil, auf denen er seine Gedichte und Werkauszüge verteilt. Toller redet auch auf Massenversammlungen und beteiligt sich am Marsch auf das Polizeipräsidium in München. Wegen eines Flugblatts kommt er ins Militärgefängnis und wird auf dem Weg durch die Stadt von einem kleinen Jungen als Mörder beschimpft.

Militärgefängnis und Irrenhaus

In einer Zelle ohne elektrisches Licht liest Toller die Werke von Marx, Engels, Lassalle und Luxemburg. Er wird überzeugter Sozialist, obwohl zunächst allein die ablehnende Haltung dieser Partei zum Krieg sein Interesse geweckt hat. Die immense Ungerechtigkeit und Ungleichheit zwischen Arm und Reich treibt ihn um. Zugleich sind die Zustände im Militärgefängnis desolat, die Brutalität der Unteroffiziere ist ihm zuwider. Er darf keine Besuche und keinen Anwalt empfangen, tritt in den Hungerstreik und weigert sich, ein verfälschtes Protokoll seiner Vernehmungen zu unterzeichnen. Wegen hohen Fiebers kommt er ins Militärlazarett. Bald meldet er sich jedoch wieder gesund, um den entsetzlichen Zuständen dort zu entgehen. Ein freundlich gestimmter Arzt entlässt Toller wegen Haftuntauglichkeit, woraufhin er zum Ersatzbataillon nach Neu-Ulm geschickt wird. Kurz darauf wird er in die Psychiatrieklinik nach München überwiesen, da Tollers Mutter, die seine Hinwendung zum Sozialismus nicht begreifen kann, frühere Atteste bezüglich seiner Nervosität ans Gericht geschickt hat. Von Irren umgeben möchte Toller nur noch fliehen. Die Ärzte werfen ihm vor, er leugne die berechtigten Machtansprüche Deutschlands und verhindere den Frieden. Toller wird nach vier Tagen aus der Psychiatrie entlassen.

Novemberrevolution

Angesichts der katastrophalen Versorgungssituation macht Deutschland im Oktober 1918 ein Friedensangebot. Nur wenig hat sich im Vergleich zur Situation vor dem Krieg verbessert. Zwar ist das Klassenwahlrecht verschwunden, doch die Presse wird unterdrückt und die alten Eliten sind weiter an der Macht. In Kiel beginnt mit der Matrosenmeuterei die Novemberrevolution, die auf andere Städte übergreift. Die ausgemergelten, kriegsmüden Massen begehren auf, Karl Liebknecht verkündet die deutsche sozialistische Republik. Toller spricht auf Massenversammlungen in ganz Deutschland für die Revolution und wird zweiter Vorsitzender des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats. Kurt Eisner wird neuer Ministerpräsident der Münchner Räterepublik. Tollers Begeisterung für die sozialistische Idee schlägt aber mehr und mehr in Enttäuschung um. Selbst die Teilnehmer des Kongresses der Zweiten Internationale in Bern findet er enttäuschend naiv. Auf dem Weg zum bayerischen Landtag wird Eisner erschossen. Im Parlament kommt es zu Tumulten.

Bayerische Räterepublik

In Bayern wird die erste Räterepublik ausgerufen, die jedoch von den Kommunisten nicht unterstützt wird. Zwar ist Toller für die Räte, doch hat er Bedenken. Er muss erleben, wie die Bestrebungen Einzelner das kollektive Projekt ad absurdum führen. Der Dilettantismus hochrangiger Mitglieder der Räteregierung ist eklatant, und die Kommunisten wollen plötzlich nur deshalb mit der Räteregierung paktieren, um ihre eigenen Machtansprüche durchzusetzen. Die Revolution gerät zur Farce.

„Ich beginne, an der Notwendigkeit einer Ordnung zu zweifeln, in der die einen sinnlos Geld verspielen und die anderen Not leiden.“ (S. 47)

Als Kommandant der Roten Armee wird Toller nun gesucht und muss sich bei Freunden verstecken. Als die Kommunisten die Regierung übernehmen, kommt es zum Kampf der Weißen, der Regierungstruppen, gegen die Roten. Obwohl Tollers Truppen Dachau besetzen, wirkt der Sieg auf ihn unwirklich. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als er junge Frauen trifft, die eine Massenvergewaltigung durch Rotgardisten erleiden mussten. Um ihn herum scheint es erneut nur Brutalität und Verwahrlosung zu geben. Selbst innerhalb der roten Truppen bekämpfen sich Parteien; Arbeiter scheuen sich vor verantwortungsvollen Posten, während die Russen blind idealisiert werden. Toller allerdings lehnt eine bloße Nachahmung des sowjetrussischen Modells ab. Er tritt als Truppenkommandant zurück, da die Lage unhaltbar ist und er sowohl sich selbst als auch seine Partei für gescheitert hält. Unterdessen nehmen die Weißen München ein, sie schänden die Leichen der Roten und behandeln Russen wie Freiwild.

Flucht und Verhaftung

Als die Weißen in Schwabing einziehen, wird ein Kopfgeld von 10 000 Mark auf Toller ausgesetzt. Er wechselt ständig seine Verstecke. Rilke trifft ihn kurz, doch er kann Toller nicht aufnehmen, da er selbst von ständigen Hausdurchsuchungen betroffen ist. Mit gefärbten Haaren und verkleidet kommt Toller zuletzt bei einem Maler unter, die Polizei findet aber sein Versteck. Als er abgeführt wird, schreit eine alte Frau, die auf dem Weg zur Messe ist, man möge Toller totschlagen. Obwohl ihm im Stadelheimer Gefängnis Fesseln angelegt werden und er üble Beschimpfungen sowie stundenlange Verhöre ertragen muss, verspürt Toller eine seltsame Heiterkeit. Er erfährt Zuspruch durch einzelne Wächter, die ihm Butter und Zeitungen zustecken. Er findet heraus, dass die Monarchietreuen wieder regieren. Menschliche Rohheiten sind auch hier im Gefängnis omnipräsent; die Soldaten rühmen sich, aus Spartakistenblut Blut- und Leberwurst zu machen. Toller verbringt schlaflose Nächte, da die Soldatenmeute droht, ihn heimlich zu töten. Als er erkrankt und operiert werden muss, tritt eine Nonne jede Nacht an sein Bett und spricht mit ihm. In der letzten Nacht küsst sie ihn gar und schickt ihm bei seiner Entlassung ein Reliquienkreuz, das ihn schützen soll.

Standgericht

Toller wird wegen Hochverrat und Sturz der Verfassung angeklagt. Die Richter scheinen sich jedoch mehr für seine intimen Beziehungen aus der Vergangenheit als für seine politischen Aktionen zu interessieren. Sein Anwalt, der für Freispruch plädiert, wird kurz nach dem Prozess erschossen. Toller erhält fünf Jahre Festungshaft. Seine ehemaligen Weggefährten sind derweil Augenzeugen und Leidtragende unzähliger Gräuel, viele werden ermordet. Weiße Truppen metzeln rote nieder, die Justiz schickt Angeschossene ins Gefängnis. Als Krönung der Ereignisse spricht der Reichswehrminister dem Oberbefehlshaber der Weißen Truppen seinen Dank aus.

Fünfjährige Festungshaft

Als der Zug mit Gefangenen München auf dem Weg zur Festungshaft verlässt und Arbeiter, Beamte, Schaffner und andere Toller zuwinken, spürt er eine eigenartige Wärme. Die Gefangenen hoffen auf eine neue Revolution, berauschen sich an den alten Idealen und kooperieren zunächst brüderlich, doch die Vertrautheit schlägt bald in Überdruss um. Am verhasstesten sind Toller die Intellektuellen, die einen Kult des Proletariats betreiben. Besorgt ist er ebenfalls über Hitlers rassistisches und nationalistisches Programm. Toller darf weder Telegramme schicken noch die englischsprachige Ausgabe seines Buches Masse Mensch erhalten. Als er einen Oberaufseher der Lüge bezichtigt, kommt er in Einzelhaft und tritt in einen Hungerstreik.

„Das Klischeebild, das ich mir vom Proletarier gebildet hatte, zerfällt, ich beginne, ihn zu sehen, wie er ist, jenseits der politischen Demagogie.“ (S. 240)

Nach Walther Rathenaus Ermordung wird für die Republikaner in den Zuchthäusern ein Amnestiegesetz erlassen, Bayern will das Gesetz jedoch nicht durchführen. Über Umwege erfahren die Gefangenen 1923 vom Hitlerputsch in München, der straffrei bleibt, da die Richter mit den Putschisten sympathisieren.

Hoffnung für die Zukunft?

Toller hat Fluchtgedanken, unterlässt jedoch letztlich einen Versuch. Er schreibt an verschiedenen Dramen, die deutschlandweit aufgeführt werden. Der Konflikt zwischen dem von moralisch-sittlichen Ideen geleiteten Individuum und der von Stimmungen und Rednern hingerissenen Masse beschäftigt ihn. Im Gefängnis lernt er Arbeiter kennen, die zum ersten Mal Bücher lesen.

„(...) wenn mich einer fragte, wohin ich gehöre, ich würde antworten: eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt mein Vaterland.“ (S. 244)

Von Kindheit an hat Toller sich fremd und ausgestoßen gefühlt. Als Jude gehört er zu einem Volk, das seit Jahrtausenden verfolgt wird. Er glaubt an den Sozialismus als eine Form des Weltbürgertums, die den Hass der Nationen überwinden wird. Dennoch klagt er alle Stände des Versagens an. Das Volk sieht er auf einen Heiland warten, anstatt dass es selbst Verantwortung übernimmt. Toller hofft, dass die Jugend Europas und die Erben Karl Liebknechts die Furcht überwinden und die Zukunft gestalten werden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Eine Jugend in Deutschland ist eine klassische Autobiografie, in der Ernst Toller aus subjektiver Perspektive sein Leben von seiner Geburt 1893 bis zu seiner Entlassung aus der Festungshaft 1924 beschreibt. Tollers Erinnerungen, die 1933 erschienen, sind deutlich vom Aufstieg der Nationalsozialisten geprägt und fallen entsprechend zynisch und bitter aus. Alles steht unter dem Stern des Niedergangs. Im Zentrum steht die verpasste Novemberrevolution von 1918, in die Toller persönlich involviert war. Oft spiegeln kurze parataktische Sätze wider, wie sich die Ereignisse überstürzen; logische Zusammenhänge von Ursache und Wirkung erschließen sich nicht mehr, es bleiben nur kurze, atemlose Sentenzen. Gleichzeitig schildert Toller sein Leben äußerst distanziert und gibt selten seine Gefühle preis. Sein Kriegstrauma lässt sich nur erahnen, und die Jahre der Festungshaft beschreibt er bisweilen mit einer Distanz, als wäre er nur Besucher gewesen. Die Grausamkeiten des Krieges und die Unmenschlichkeiten der Haft listet er geradezu inventarisch auf. Die Wiedergabe direkter Rede in bayerischer Mundart dient ihm dazu, die Kleingeistigkeit der Revolution zu entlarven. Während er sich über die unfähigen deutschen Revolutionäre mokiert, verliert er über sein literarisches Schaffen nur wenige Worte. Anders als der Großteil des Textes sind die Widmung und das letzte Kapitel mit Pathos aufgeladen: Toller widmet seine Autobiografie „Dem Deutschland von morgen“, und am Schluss wechseln sich Ausrufe und Imperative ab, mit der wiederholten Frage, wo seine noch lebenden sozialistischen Gesinnungsgenossen seien, um das Erbe Karl Liebknechts anzutreten.

Interpretationsansätze

  • Das Werk ist einer der wichtigsten Augenzeugenberichte aus der Zeit der Novemberrevolution. Es schildert eine Gesellschaft zwischen Militarismus und Radikalismus. Toller wirft sich selbst vor, durch die Anwendung von Gewalt Schuld auf sich geladen zu haben, und fragt, welche Legitimation Gewalt haben kann. Unlösbar ist für ihn der Widerspruch zwischen einer pazifistischen Utopie und einer Revolution, die notwendigerweise mit Gewalt einhergeht.
  • In einer Vorbemerkung des Buches bezeichnet Toller seine Autobiografie als repräsentativ für seine Generation und Epoche. Hier findet sich das Individuum als Teil der Masse wieder – für Toller ein Konflikt, denn Wertvorstellungen des Einzelnen werden in der Gruppe umgedeutet.
  • Toller gilt als Vertreter des Expressionismus, der sich vor allem mit den Themen Krieg, Großstadt, Zerfall, Ichverlust und Weltuntergang beschäftigte. Toller benennt die Gräuel des Krieges, die Verstümmelungen der Veteranen, den Wahnsinn der Gefängnisinsassen, die Enthumanisierung des Arbeiters in den Fabriken. Zugleich verströmt seine Autobiografie das Pathos des Aufbruchs, der „neuen Jugend Europas“, die sich von den politischen, sozialen und ästhetischen Fesseln der Vergangenheit befreien muss.
  • Die Erfahrung des Ausgestoßenseins macht Toller schon als Kind einer jüdischen Familie. Im Taumel der Kriegsbegeisterung negiert er später sein jüdisches Erbe und möchte ganz deutsch sein. Den Sozialismus sieht er schließlich als seine Art Weltbürgertum, das den Hass der Nationen überwindet.
  • Toller zeichnet seinen Lebensweg als Leidensweg nach und stilisiert sich mehrfach als Jesus- bzw. Märtyrerfigur, etwa wenn ihn Passanten auf der Straße beschimpfen. Gleichzeitig fehlt ihm jeder Heilsgedanke, da seine Hoffnungen auf einen pazifistischen Sozialismus enttäuscht werden.

Historischer Hintergrund

Von der Kaiserzeit zu Hitlers Machtergreifung

Mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. deutscher Kaiser. Nach seinem Tod 1888 nahm Kaiser Wilhelm II. die Außenpolitik offensiver in Angriff, was zu einer Isolation Deutschlands führte und insbesondere die Beziehungen zu England und Russland verschlechterte. Die Innenpolitik war stark von den gesellschaftlichen Folgen der Industrialisierung geprägt: von der sozialen Frage und der Auseinandersetzung mit den Sozialdemokraten. Als die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste, war die Kriegsbegeisterung zunächst groß. Sie wich jedoch angesichts hoher Verluste und Versorgungsengpässe bald einer Ernüchterung. Aus der Oktoberrevolution 1917 ging in Russland eine Sowjetregierung hervor. In Deutschland spalteten sich die Sozialdemokraten: Neben der SPD bildete sich die USDP, deren linker Flügel vom Spartakusbund gebildet wurde, der wiederum 1919 in der Kommunistischen Partei aufging.

Als sich im Herbst 1918 der Waffenstillstand anbahnte, kam es noch während der Verhandlungen zum Matrosenaufstand in Kiel. Dieser weitete sich zur Novemberrevolution aus. Inmitten der Tumulte entstand im Januar 1919 die Weimarer Republik, die von politischer Instabilität und hohen Reparationspflichten aufgrund des Versailler Vertrags geprägt war. Der New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 löste eine Weltwirtschaftskrise aus, wodurch sich die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland noch verschärfte. Bei den Septemberwahlen 1930 erhielt die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) unerwartet viele Stimmen. Bei den Wahlen 1932 wurde sie stärkste Macht im Reichstag. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Er ebnete den Weg für eine Diktatur, indem er politische Gegner ausschaltete, die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit einschränkte und Notverordnungen erließ. Der Reichstagsbrand 1933 veranlasste Hitler, einen permanenten Ausnahmezustand auszurufen. Am 10. Mai 1933 verbrannten Studenten der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Bücher „wider den undeutschen Geist“ auf dem Opernplatz, darunter auch die Werke Ernst Tollers. Rund 1500 Schriftsteller, die aufgrund ihrer Abstammung oder ihrer Ansichten bedroht waren, flüchteten, zunächst ins europäische Ausland, dann auch in die USA, nach Südamerika, in die Sowjetunion und nach Israel.

Entstehung

Im Mai 1933, am „Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland“, schrieb der knapp 30-jährige Toller das Vorwort zu seiner Autobiografie Eine Jugend in Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits im Schweizer Exil: Während einer Reise Tollers in die Schweiz hatten die Nazis im Februar 1933 seine Wohnung gestürmt und sein Hab und Gut konfisziert. Angesichts der Machtergreifung der Nazis hielt Toller es für entscheidend, sich die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Erinnerung zu rufen.

Die Autobiografie war nach zahlreichen Dramen und Gedichtbänden Tollers erster großer Erzähltext. Er hatte ab den späten 20er-Jahren daran gearbeitet. Manche Kapitel waren in ähnlicher Form bereits in Sammelbänden und Zeitschriften, andere als Vorfassungen in seiner Publikation Justiz-Erlebnisse von 1927 erschienen. Toller übergab das Manuskript im September 1933 Fritz Landshoff, dem Mitinhaber und Geschäftsführer des Gustav-Kiepenheuer-Verlags in Berlin, mit dem er befreundet war. Landshoff schmuggelte das Manuskript quer durch Deutschland nach Amsterdam. Das Buch wurde im November 1933 im Amsterdamer Exilverlag Querido veröffentlicht.

Wirkungsgeschichte

Eine Jugend in Deutschland gilt als eines der wichtigsten Zeitzeugnisse über die Ereignisse von 1918 und 1919: die Wirrungen rund um die Novemberrevolution und die Gründung der Weimarer Republik. Das Werk gehörte mit Texten von Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Joseph Roth und Anna Seghers zum ersten Programm des neuen Exilverlags Querido. Die Autobiografie wurde zu einer der bedeutendsten der Exilliteratur. Toller war bei Erscheinen des Buches bereits ein prominenter Schriftsteller, der auf internationalen Kongressen mutig den nationalsozialistischen Staat angriff. Seine Popularität im Ausland war so groß, dass bereits im Februar 1934 eine englische Übersetzung erschien. Übersetzungen ins Spanische, Niederländische, Russische und in andere Sprachen mit relativ hohen Auflagen schlossen sich an. Auch für Querido war Tollers Autobiografie ein Erfolg, die zweite Auflage erschien bereits 1936.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten Werk und Autor – wie viele linke Autoren der Weimarer Republik – zumindest in der Bundesrepublik weitgehend in Vergessenheit. Der Autor und Regisseur Tankred Dorst widmete dem Dramatiker der Weimarer Republik 1968 sein Theaterstück Toller und leitete damit eine Renaissance ein. In den 1970er-Jahren erschien erstmals die editierte Gesamtausgabe seiner Werke.

Über den Autor

Ernst Toller wird am 1. Dezember 1893 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Samotschin (heute: Szamocin, Polen) in der Provinz Posen geboren. Nach dem Gymnasium studiert er 1914 im französischen Grenoble und meldet sich im August als Kriegsfreiwilliger in München. Bereits als Kind nervös und sensibel erleidet Toller im März 1916 aufgrund seiner Kriegserlebnisse einen physischen und psychischen Zusammenbruch. Er studiert fortan Jura und Philosophie in München und Heidelberg, macht Bekanntschaft mit Autoren wie Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Max Weber. Als Redner beteiligt er sich an der Vorbereitung von Arbeiterstreiks und begegnet Kurt Eisner. 1918 wird er Mitglied der USPD und engagiert sich im Zentralrat der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte. Nach Ausrufung der Räterepublik wird er einer ihrer führenden Köpfe in Bayern. Im April 1919 legt er jedoch sein Kommando nieder, wird verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Während seiner fünfjährigen Festungshaft erscheinen seine ersten Dramen Masse Mensch (1920), Die Maschinenstürmer (1922) und Der deutsche Hinkemann (1923). Nach seiner Entlassung aus der Haft spricht Toller auf Antikriegskundgebungen und schließt sich 1926 der Gruppe revolutionärer Pazifisten an. Er zählt zur literarischen Prominenz und unternimmt zahlreiche Vortragsreisen im In- und Ausland. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 hält sich Toller zunächst im Exil in der Schweiz auf und reist von dort nach London, wo er 1935 die Schauspielerin Christiane Grautoff heiratet. Er gilt als der bekannteste und erfolgreichste Dramatiker der Weimarer Republik und als einer der schärfsten Gegner der Nationalsozialisten. Der Autor unternimmt Vortragsreisen in die USA und nach Kanada und sammelt Hilfsgelder für die hungernde spanische Bevölkerung. Am 22. September 1939 nimmt Toller sich in New York das Leben.


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