Zusammenfassung von Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

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Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Wie es zu Auschwitz kommen konnte

Wie konnten die Juden ins „Sturmzentrum“ des 20. Jahrhunderts geraten? Zur Beantwortung dieser Frage seziert Hannah Arendt nicht nur Dynamik und Funktionsweise der Regime von Hitler und Stalin, sondern rekonstruiert auch die Entstehung von Antisemitismus, Imperialismus und Rassismus, indem sie deren Vertreter buchstäblich beim Wort nimmt. Sie muss feststellen, dass totalitäre Führer in der Lage sind, sich jederzeit jeder Ideologie zu bemächtigen und totale Herrschaft durch entfesselten Terror und Mobilisierung tumber, entfremdeter Massen zu etablieren. Staunend konstatiert sie, dass eine Zivilisation sich innerlich zersetzen und Barbaren gebären kann. Von großer Aktualität ist der recht kurze Teil über das Schicksal von Flüchtlingen und die Widersprüchlichkeiten der Menschenrechte, die allgemeingültig sein wollen, aber ohne staatliche Protektion völlig wirkungslos bleiben. Auf einer anderen Ebene ist Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft eine Geschichte der Juden in der Moderne. Arendt endet auf einer verhalten hoffnungsvollen Note: Ein Neuanfang sei mit jedem neu geborenen Menschen möglich. Trotzdem mahnt sie, sich nicht in Sicherheit zu wiegen: Totalitäre Bewegungen könnten immer wieder ein Einfallstor in die Zivilisation finden.

Take-aways

  • Die historische Analyse Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ist eine Schlüsselschrift des 20. Jahrhunderts.
  • Inhalt: Der politische Antisemitismus fabriziert die Fabel von der jüdischen Weltverschwörung, der Imperialismus eröffnet Perspektiven globaler Machtpolitik und trennt die Welt in Herren- und Sklavenrassen. Diese Ideologien ermöglichen totale Herrschaft, wie von Hitler oder Stalin verwirklicht.
  • Hannah Arendt zeigt, welches Geflecht historischer Bedingungen letztlich zur versuchten „Endlösung der Judenfrage“ geführt hat.
  • Dass ausgerechnet der Antisemitismus zum Kristallisationskern der Naziherrschaft wurde, hält Arendt für einen historischen Zufall.
  • Das Werk sprengt Genregrenzen: Es ist ein Konglomerat aus Analyse, Polemik, biografischer Argumentation, historischer Schilderung und philosophischer Betrachtung.
  • Arendt selbst entkam den Nazis nur knapp: 1933 in Berlin verhaftet, floh sie kurz darauf nach Frankreich und emigrierte 1941 in die USA.
  • Schon vor 1933 hatte Arendt Böses geahnt und mit dem vorsorglichen Sammeln von Quellenmaterial zum Thema Nationalsozialismus begonnen.
  • Sie schrieb das Buch zunächst auf Englisch und besorgte später selbst die Übersetzung ins Deutsche.
  • Auch im Antikommunismus der Nachkriegszeit sah Arendt eine Ideologie mit globalem Machtanspruch.
  • Zitat: „Die Gaskammern des Dritten Reichs und die Konzentrationslager der Sowjetunion haben die Kontinuität abendländischer Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verantwortung für sie übernehmen kann.“
 

Über die Autorin

Hannah Arendt wird am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover geboren. Ihre Eltern sind assimilierte Juden. Nach dem Abitur studiert sie 1924 in Marburg Philosophie bei Martin Heidegger, mit dem sie eine Liebesbeziehung eingeht. Die Affäre zwischen dem 35-jähigen, verheirateten Professor und seiner 18-jährigen Studentin endet mit Arendts Umzug nach Heidelberg, wo sie 1928 bei Karl Jaspers mit einer Arbeit über den Liebesbegriff bei Augustinus promoviert wird. Ein Jahr später zieht sie nach Berlin und heiratet den Philosophen Günter Anders. Nach kurzer Inhaftierung 1933 flieht Hannah Arendt aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Paris. Dort arbeitet sie bei zionistischen Organisationen als Sozialarbeiterin. Sie entkommt nach mehrwöchiger Internierung dem südfranzösischen Lager Gurs und emigriert 1941 mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher – die erste Ehe wurde 1937 geschieden – und ihrer Mutter in die USA. In New York ist Arendt zunächst als Publizistin für die deutschjüdische Wochenzeitschrift Aufbau tätig. Nach einem Zwischenspiel als Lektorin im jüdischen Schocken-Verlag wird sie 1948 Direktorin der Jewish Cultural Reconstruction Corporation, einer Organisation zur Rettung jüdischen Kulturguts. Mit ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (The Origins of Totalitarianism, 1951), das die strukturelle Ähnlichkeit von Faschismus und Stalinismus untersucht, festigt sie ihren Ruf als herausragende Politikwissenschaftlerin. 1953 erhält Arendt, inzwischen amerikanische Staatsbürgerin, eine Professur am Brooklyn College in New York. 1958 erscheint ihr philosophisches Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben (The Human Condition). Als Reporterin für den New Yorker beobachtet sie 1961 in Jerusalem den Prozess gegen den Naziverbrecher Adolf Eichmann. Aus ihren Reportagen geht das Buch Eichmann in Jerusalem (1963) hervor, das kontrovers diskutiert wird. In den folgenden Jahren ist Arendt vor allem essayistisch tätig und erhält viele Preise, darunter 1967 den renommierten Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Hannah Arendt stirbt am 4. Dezember 1975 in New York an einem Herzinfarkt.

 

Zusammenfassung

Spielarten des Antisemitismus

Nachdem sich die Juden jahrhundertelang von den Christen abgesondert hatten, um in ihrer weltweiten Zerstreuung als Gruppe erkennbar zu bleiben, kam es im 19. Jahrhundert zur weitgehenden gesellschaftlichen Anpassung. In Reaktion auf diese Assimilation und das damit einhergehende Streben der Juden nach gesellschaftlicher Teilhabe entstand der politische Antisemitismus, der ebendieses Streben zurückwies. Bald verband er sich mit der Ideologie des Imperialismus und mit ihrer völkisch-rassistischen Unterscheidung von Herren- und Sklavenrassen. Diese Kombination lieferte die Vorbedingungen für das Konzept der „Endlösung der Judenfrage“ im 20. Jahrhundert. In der Dreyfus-Affäre im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts, einer Art Generalprobe für die kommenden Ereignisse, zeigte sich der Antisemitismus zum ersten Mal als Spaltpilz eines Staatswesens, allerdings in einem ohnehin schon verrohten politischen Klima.

„Totalitäre Politik ist keineswegs einfach antisemitisch oder rassistisch oder imperialistisch oder kommunistisch, sie gebraucht und missbraucht vielmehr ihre eigenen ideologischen und politischen Elemente so lange, bis die reale Tatsachenbasis (…) so gut wie verschwunden ist.“ (S. 26)

Die Kolonialmächte Frankreich und England sind vergleichsweise alte Nationen. In Mittel- und Osteuropa gibt es dagegen nationale Spätentwickler, die für ihre jeweiligen Gründungsmythen auf Konzepte der Aufklärung, etwa das der Volkssouveränität, zurückgriffen, sie aber völkisch und romantisch umdeuteten. Damit luden sie den Antisemitismus, der bis dahin politisch und wirtschaftlich wirkte, biologistisch und rassistisch auf und bewirkten so in der neuen Nation gewissermaßen eine Immunreaktion. Die übernationale, rassisch geprägte Form des Antisemitismus bereitete dem Versuch der Ausrottung der Juden als minderwertige Menschen den Boden.

Wenn es darauf ankommt, sind die Menschenrechte wirkungslos

Mit der Erklärung der Menschenrechte im 18. Jahrhundert löste sich der neuzeitliche Mensch aus alten religiösen und traditionellen Bindungen und wurde mündig; nur er selbst sollte fortan der Maßstab von Recht und Unrecht sein. Im Kontext der Französischen Revolution entstanden, wurden die Menschenrechte mit dem neuen Konzept der Volkssouveränität verquickt. Man betrachtete sie als durch den Nationalstaat garantiert. Seine Grenzen hatte der Begriff jedoch im Fall staatenloser, keiner territorial verfassten Nation angehöriger Menschen, die sozusagen durch das Raster fielen und keinerlei Rechte geltend machen konnten. Verfolgte Minderheiten und Staatenlose im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts verloren ihre Heimat, ihren Platz in der Welt und den Schutz ihrer Regierung. Mit Staatenlosen konnte jeder umspringen, wie er wollte; sie waren absolut rechtlos. Die Nazis bereiteten die völlige Entrechtung der Juden von langer Hand vor: Erst wurden sie zu Staatsbürgern zweiter Klasse erklärt, dann wurde ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen. Man kasernierte sie in Gettos und Konzentrationslagern, und als der internationale Aufschrei ausblieb, rottete man sie aus.

Totale Herrschaft braucht die Unterstützung der Massen

Totale Herrschaft ist die einzige Staatsform, in und neben der nichts anderes existieren kann. Darin unterscheidet sich ein totalitärer Staat grundlegend von Diktatur oder Tyrannei. Nur in Hitler und Stalin verkörperte sich der Typus des totalen Herrschers in seiner Gänze: Ihre totalitären Bewegungen hatten kein politisches Ziel, keine Inhalte, keine Argumente. Sie wollten einfach so viele Menschen wie möglich ihren Herrschaftssystemen einverleiben. Die Menschen sollten den Führern, um die ein aufwändiger Personenkult betrieben wurde, bedingungslos folgen.

„Der moderne Terror bedarf keiner Provokation von einer Opposition, und seine Opfer sind auch vom Standpunkt der Gewalthaber aus völlig unschuldig. Dies zeigte sich in Deutschland gerade am Falle der Juden, die verfolgt wurden, ohne dass ein Mensch sich um ihre Meinungen oder Handlungen kümmerte.“ (S. 35)

Eine wichtige Vorbedingung für Massenbewegungen ist eine zerfallende Gesellschaft. Menschen, die sich einer Bewegung anschließen, zeichnen sich stärker durch Bindungs- und Heimatlosigkeit aus als durch Gewaltbereitschaft, Dummheit oder mangelnde Bildung. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Deutschland ein chaotischer Zustand, mit allen Symptomen wie Orientierungslosigkeit, Ohnmachtsgefühlen und Todesverachtung. Die Wirtschaftskrise tat ein Übriges. Stalin musste, anders als Hitler, derartige soziale Vorbedingungen erst gewaltsam schaffen: durch Pogrome, künstliche Hungersnot, Knechtung von Bauern und Arbeitern und Liquidierung der Intelligenz. Diese Maßnahmen waren wirtschaftlich fatal – in der Logik einer totalen Herrschaft hatte dieses Vorgehen jedoch Sinn.

Der Untergang der Klassengesellschaft

Mit dem Begriff der Masse sind all jene Menschen gemeint, die nicht aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen. Massen sind unstrukturiert und unorganisiert. Es gibt sie in jedem Land, zu jeder Zeit. Sie verhalten sich politisch unauffällig, was dazu verführen mag, sie als politisch irrelevant abzutun. Jedoch ist es gerade ihre mangelnde politische Erfahrung, die sie für Propaganda empfänglich macht. Der Massenerfolg totalitärer Bewegungen trägt zwei Illusionen zu Grabe: erstens, dass alle Einwohner eines Landes auch Bürger sind und im Geist der Aufklärung das Gemeinwesen verantwortungsvoll mitgestalten, und zweitens, dass Massen, nur weil sie nicht politisiert sind, kein politisches Gewicht haben. Das Gegenteil ist der Fall: Massenbewegungen höhlen das parlamentarische System von innen aus und nutzen demokratische Freiheiten, um ebendiese zu bekämpfen. Sie haben kein Klassenbewusstsein. Historisch gesehen, bildeten sie die ersten wirklich antibürgerlichen Bewegungen in Europa und machten dem Parteiensystem den Garaus. Die Klassengesellschaft hatte dem Staatswesen eine sozialpolitische Struktur vorgegeben und als Gemeinschaft von Ungleichen dem demokratischen Gleichheitsgrundsatz erst Sinn verliehen – nun brach sie unter dem Druck der Massen zusammen.

„(…) gerade weil rassische Vorstellungen und Weltanschauungen (…) bereits auf eine ansehnliche Tradition zurückblicken konnten, übte der politisch organisierte Rassismus des Hitler-Regimes eine so außerordentlich starke Anziehungskraft in den dreißiger Jahren in Europa, und nicht nur in Europa, aus.“ (S. 351)

Die Intellektuellen fühlten sich von der umstürzlerischen Kraft der Bewegung und der Radikalität des Mobs, der die Fassaden der guten Gesellschaft einriss, angezogen. Was Mob und Elite verband, war ihre soziale und politische Heimatlosigkeit, und so zogen die Massenbewegungen, ihrer Vulgarität zum Trotz, die gebildeten Schichten an. Ihre Führer unterdrückten jedoch geistige Tätigkeit und freie Initiative, weil sie diese Aspekte nicht kontrollieren konnten. Ihnen waren Massen gleichgeschalteter Spießer viel nützlicher, und so indoktrinierten sie diese gezielt.

Der Anspruch auf totale Welterklärung

Totalitäre Propaganda instrumentalisiert Themen, die in der Luft liegen, verbreitet Verschwörungstheorien, erklärt Lügen zur Wahrheit und schafft ein pseudowissenschaftliches System, das zwar einer gewissen inneren Logik folgt, aber mit dem gesunden Menschenverstand kollidieren muss. Am Namen der NSDAP lässt sich die „Originalität“ der Bewegung gut darlegen. Der Name der Partei münzte alte Begriffe um, hob ihre ursprüngliche Bedeutung auf und ermöglichte plötzlich die Verbindung gegensätzlicher, eigentlich unversöhnlicher Prinzipien wie „national“ und „sozial“, „deutsch“ (also „bürgerlich“) und „Arbeiter“. Die Nazis erschufen eine komplett fiktive Welt mit eigenen Regeln: die Volksgemeinschaft. Einer angeblichen drohenden jüdischen Weltherrschaft setzten sie die Utopie der deutschen Weltherrschaft entgegen.

„Die Gaskammern des Dritten Reichs und die Konzentrationslager der Sowjetunion haben die Kontinuität abendländischer Geschichte unterbrochen, weil niemand im Ernst die Verantwortung für sie übernehmen kann.“ (S. 946)

Durch Ideologie koppelt sich eine Bewegung von der Wirklichkeit ab. Das ideologische Beweisverfahren setzt einen Ausgangspunkt fest, der einer empirischen Überprüfung nicht zugänglich ist. Der Totalitarismus spannt dadurch alle ihm unterworfenen Menschen zu seinen Zwecken ein und stürzt sie zugleich in totale Ohnmacht. Ihnen bleibt nur die unerbittliche Logik des Deduzierens aus intransparenten Prämissen, nach dem Muster: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Private Beziehungen werden vom Staat usurpiert und der totalitären Logik unterworfen. Verlassenheit wird so zur Grunderfahrung und bindet die Menschen erst recht in die Bewegung ein. Totale Herrschaft etabliert ein esoterisches Prinzip der Zugehörigkeit: In Deutschland waren es die Juden, die ausgeschlossen wurden; Stalin verfolgte Systemfeinde, Trotzkisten, wohlhabende Bauern, Bürokraten, Russen polnischer Herkunft, Krimtataren, Wolgadeutsche. Diese Gruppen fielen einer Ideologie zum Opfer, die schon vor der Machtergreifung entwickelt worden war; sie wurden von vornherein als Feinde bestimmt und gebrandmarkt, ohne sich in irgendeiner Weise schuldig gemacht zu haben.

Der Terror ist das wahre Wesen totaler Herrschaft

Im Zentrum einer totalitären Bewegung steht der Führer und dirigiert die Massen, die den fiktiven Gesetzen seiner Ideologie folgen. Im innersten Kreis um den Führer stehen Eliteverbände, die er nach Gutdünken strukturiert. So bildeten sich in Deutschland ab 1922 in der Sturmabteilung (SA) und der Schutzstaffel (SS) der Nationalsozialisten immer neue interne Eliten von immer größerer Radikalität. Organisierte Gewalt und Terror halten eine totalitäre Bewegung zusammen. Die Polizei, nicht die Armee, kontrolliert das Territorium, und die Geheimpolizei wird das eigentliche Machtzentrum der Bewegung. In ihr fallen Staats- und Parteiapparat zusammen, sie ist direkt dem Führer unterstellt, der allmächtig über Recht und Unrecht bestimmt – und im Zweifelsfall gegen die Geheimpolizei selbst agiert. Das Recht verändert seine Bedeutung und seinen Bezugsrahmen. Der Staat ist eine Fassade, die Normalität nur noch vortäuscht und Einblicke in das wahre Wesen des Systems verhindert.

„Terror (…) fabriziert dieses Einssein von Menschen, indem er den Lebensraum zwischen Menschen, der der Raum der Freiheit ist, radikal vernichtet.“ (S. 958)

Terror bildet zudem einen Schutzwall, der die Anhänger der Bewegung von der Außenwelt abschirmt und ein Drohszenario erschafft, um sie, nach dem Motto „lieber Täter als Opfer“, von einem Austritt aus der Bewegung abzuhalten. Auch das Wissen um die eigene Schuld hält die Bewegung zusammen. Die totale Fiktion – in Deutschland die Volksgemeinschaft, in der Sowjetunion die klassenlose Gesellschaft – kann umso besser funktionieren, je weniger Störfeuern sie ausgesetzt ist. Deshalb isolieren sich totalitäre Regime gegen die Außenwelt. In Deutschland schaltete zudem der Zweite Weltkrieg alle äußeren Einflüsse aus. Und so wird in dem Moment, in dem die Opposition eliminiert ist, der Terror auch nicht überflüssig, sondern entfaltet sich erst richtig.

Konzentrationslager als konsequenteste Institution totaler Herrschaft

Konzentrationslager sind der Beweis dafür, dass für eine totale Herrschaft alles möglich ist. Sie haben gezeigt, dass Menschen vollkommen beherrschbar sind. Zum einen dienten sie der Ausrottung und Erniedrigung von Menschen, zum anderen waren es Laboratorien, in denen Menschen versuchsweise in Dinge verwandelt wurden. Weil diese Verdinglichung letztlich genau das ist, worauf das totalitäre System zielt, sind Konzentrationslager eine zentrale Einrichtung des Machtapparats. Der industriellen Vernichtung der unerwünschten Menschen muss ihre Entrechtung vorausgehen: Enteignung, Entzug der Staatsbürgerschaft und Verweigerung der Menschenrechte. Lange bevor sie Insassen eines KZ werden, haben diese Menschen ihre Individualität und Handlungsfähigkeit verloren. Die Konzentrationslager zeigen auch: Je monströser die Verbrechen, desto leichter kommt man damit durch. Die Lügen der Täter erscheinen glaubhafter als eine Wahrheit, die jedes Vorstellungsvermögen sprengt.

Am Ende ist es keiner gewesen

Rassismus und Kommunismus waren nicht totalitärer als andere Ideologien des 19. Jahrhunderts. Doch der angebliche Kampf zwischen Rassen um die Weltherrschaft und der angebliche Kampf zwischen ökonomischen Klassen um die politische Macht übertrafen andere Ideologien in Hinblick auf ihre politische Wirkung. Totale Herrschaft, diese Verbindung von Ideologie und Terror, macht das Prinzip des Regierens überflüssig: Einziges Prinzip des Handelns in einer totalen Herrschaft ist Furcht. Terror ist das ultimative Gesetz, er vernichtet Individualität zugunsten des Großen und Ganzen, der Gattung; er vernichtet alle Freiheitsräume und opfert grundsätzlich alle Menschen, nicht nur jene, die zu Tode kommen. Seine Monstrosität stellt einen Kulturbruch dar.

„Die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, ist die Erfahrung der Verlassenheit.“ (S. 975)

Totalitäre Bewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie schnell wieder vergessen werden. Bricht ihre fiktive Welt zusammen, verlieren die Anhänger von heute auf morgen ihren Glauben, und es bleibt am Schluss nicht einmal der „Fanatismus des Aberglaubens“. Das zeigte sich etwa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Alliierten plötzlich keinen einzigen überzeugten Nazi mehr finden konnten: Die Ideologie des Nationalsozialismus war komplett verwirklicht worden, organisatorisch und politisch, sodass sie schlicht nicht mehr separat von der Wirklichkeit existierte. Mit dieser Wirklichkeit wurde auch sie vollständig zerstört. Heute wäre es illusorisch, sich vor dem Totalitarismus sicher zu fühlen. Die Hoffnung eines Neuanfangs wohnt der Geburt eines jeden Menschen inne, wie es bei Augustinus heißt. Allerdings nimmt die Verlassenheit in modernen Gesellschaften immer mehr zu. Da es genau diese Verlassenheit ist, die totalitäre Bewegungen als Einfallstor ausnutzen, besteht weiterhin Grund zur Sorge.

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Aufbau und Stil

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft sprengt Genregrenzen: Weder ist es Geschichtsschreibung im engeren Sinn noch reine politische Theorie. Vielmehr vereint das Buch verschiedenste Textsorten: Analyse, Polemik, biografische Argumentation, historische Begründung, philosophische Betrachtung. Das über 1000 Seiten starke Werk besteht aus drei Teilen: In den ersten beiden Teilen stellt Hannah Arendt die historischen Strömungen etwa ab der Französischen Revolution dar, die im 20. Jahrhundert zu totalitären Systemen zusammenflossen. Inhalt des dritten Teils sind Entstehung und Struktur des Dritten Reichs und des Bolschewismus unter Stalin. Arendt erklärt, dass sie Geschichte verstehen will, und formuliert ihre Gedanken durchaus verständlich. Die Sätze sind ausgreifend, aber klar strukturiert. Ihre Sprache ist schnörkellos und präzis, bisweilen salopp und sarkastisch. Bei der Fülle des Materials sind gewisse Wiederholungen unvermeidlich, allerdings bieten sie auch Leitplanken und helfen dem Leser, den Überblick zu behalten. Arendt arbeitet mit Fallbeispielen, die sie in größere Zusammenhänge setzt und in ihrer Wirkungsgeschichte interpretiert.

Interpretationsansätze

  • In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft versucht Hannah Arendt, die historischen und ideologischen Ursachen totalitärer Systeme zu ergründen. Dazu analysiert sie das nationalsozialistische Deutschland unter Adolf Hitler sowie die Sowjetunion unter Josef Stalin.
  • Die Frage, warum ausgerechnet der Antisemitismus zum Kristallisationskern der nationalsozialistischen Ideologie wurde, beantwortet Arendt mit der Feststellung, dass die gängigen Erklärungsmuster versagen. Vermutlich hätte auch jede andere Fokussierung in solcher Weise für die Errichtung eines totalitären Systems benutzt werden können. Arendt mahnt, auch im westlichen Antikommunismus der Nachkriegszeit den ideologischen Charakter nicht zu übersehen.
  • Im Buch zeigt sich beispielhaft Arendts offenes Denken, in dem sich wie in einem Kaleidoskop die Zusammenhänge immer wieder neu ordnen und erschließen. Dass sich infolgedessen auch Widersprüche ergeben, nimmt Arendt in Kauf. In geschlossenen Denksystemen lauert ihrer Meinung nach bereits die Gefahr des Totalitären.
  • Das Werk hat ein biografisches Motiv. Hannah Arendt lebte als staatenlose deutsche Jüdin in den 1930er-Jahren in Frankreich und emigrierte später in die USA. Aus dieser Erfahrung heraus bewertet sie Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten mit besonderer Eindringlichkeit. Auch ist hierin der entschieden moralische Standpunkt begründet, den sie in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als Historikerin einnimmt.
  • Im Zentrum ihrer Ausführungen steht das Ideal der Menschenwürde. Arendt hofft auf eine bessere Welt auf der Grundlage republikanischer Werte.
  • Das Werk ist stark von europäischer Geistesgeschichte beeinflusst, obwohl Arendt es in den USA verfasste. Die studierte Philosophin zog Denker wie Kant, Hegel, Marx, Montesquieu und Tocqueville heran und wertete Werke der europäischen Literatur aus, unter anderem Marcel Proust und Joseph Conrad. Belletristik kann, meint Arendt, das Grauen von Terrorherrschaft viel besser zum Ausdruck bringen als ein Sachtext.

Historischer Hintergrund

Die Welt im Würgegriff zweier Schreckensherrscher

Hannah Arendt verfasste Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft unter dem Eindruck der alles umwälzenden Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, des Holocaust und des noch andauernden Stalinismus. Europas Juden hatten sich, nach Jahrhunderten bewusster Abschottung, ab dem 18. Jahrhundert assimiliert und sich in Politik, Gesellschaft und Wirtschaftsleben integriert. Die Aufklärung und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 führten allerdings dazu, dass Vorurteile gegenüber Juden nicht etwa verschwanden, sondern neu definiert wurden. So konnte Adolf Hitlers Judenhass auf eine lange Tradition religiös begründeter, rassistischer Verachtung aufbauen und sich mit einer imperialistischen Vorstellung von Weltherrschaft und grenzenloser Macht vermengen. Hitler entzog den Juden ab seiner Machtergreifung 1933 ihre Lebensgrundlage, ja ihr Existenzrecht. Auf Basis der Nürnberger Gesetze von 1935 begannen die Nazis ab 1941 mit der systematischen Verfolgung, Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas. Insgesamt ermordete das deutsche Regime rund 6 Millionen Juden.

Diese monströse Zahl erscheint beinahe gering im Vergleich zu den geschätzt 40 Millionen Toten, die auf das Konto Josef Stalins gehen sollen. Der sowjetische Diktator betrieb ab 1929 die Bolschewisierung Osteuropas und machte sich bis 1938 mithilfe von Staatsterror, Schauprozessen und willkürlichen Morden zum Alleinherrscher. Seine brutale Industrialisierung der bis dahin agrarisch geprägten Sowjetunion führte 1932 zu einer katastrophalen Hungersnot mit vielen Millionen Toten. Von 1934 bis 1939 organisierte er die „große Säuberung“ und schaffte Regimegegner, aber auch mutmaßliche Verräter innerhalb der Partei, des Militärs und der Regierung aus dem Weg. Nur während der Kriegsjahre 1942 bis 1945 schwächte sich seine Terrorherrschaft etwas ab. Mit der Eroberung Berlins 1945 beendete die Sowjetunion de facto den Krieg für die Alliierten und etablierte sich neben den USA als eine von zwei Weltmächten. Stalin, ein alles andere als besonnener Oberbefehlshaber, gebot ab 1949 über die Atombombe – das fatale Wettrüsten des Kalten Krieges begann.

Entstehung

Die hellsichtige Arendt begann schon 1933, Quellenmaterial zu sammeln – sie ahnte zu dieser Zeit bereits, worauf die Welt zusteuerte. Gesellschaft und Wissenschaft dagegen, so der Vorwurf der Philosophin, hatten die Vorboten des Grauens nicht zu deuten gewusst – und behandelten das Thema Totalitarismus auch nach dem Zweiten Weltkrieg stiefmütterlich. Arendt nutzte die Ruhe der Nachkriegszeit, um die entscheidenden Fragen zu stellen: Was war wirklich passiert? Warum und wie hatte es passieren können? Zunächst nahm sie, nicht zuletzt aufgrund ihrer biografischen Nähe, den Nationalsozialismus ins Visier. Ende der 1940er-Jahre wandte sie sich auch dem Stalinismus zu. Für die Abschnitte zu Antisemitismus und Imperialismus verfügte sie bereits über üppige historische und literarische Quellen, während sie sich den dritten Teil ihres Buches darauf aufbauend neu erarbeitete. Das erste, in den USA auf Englisch verfasste Manuskript war 1949 fertig und erschien 1951 unter dem Titel The Origins of Totalitarianism. 1955 erschien die deutsche Ausgabe, von Arendt selbst übersetzt, für die sie zusätzliche Dokumente aus der Zeit des Dritten Reichs hinzuzog. Für eine überarbeitete Neuauflage, die 1958 erschien, nutzte sie weitere Quellen, die sie jedoch nicht zu grundlegenden Änderungen veranlassten.

Wirkungsgeschichte

Mit Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft wurde Hannah Arendt als Autorin der breiten Öffentlichkeit bekannt. Das Werk gilt als eine Schlüsselschrift des 20. Jahrhunderts. Die umfangreichste letzte Edition des Buches erschien 1966. Arendt selbst setzte das Werk in den Kontext der chinesischen Kulturrevolution und des amerikanischen Antikommunismus mit seinem Anspruch auf Weltherrschaft. Für sie zeigte die amerikanische Machtpolitik Parallelen zum Imperialismus, und sie warnte damals schon vor einer unheilvollen Schattenregierung der Geheimdienste. Aufbauend auf diesem Werk wandte sich Arendt der Analyse der totalitären Elemente des Marxismus zu – diese Auseinandersetzung weitete sich zu einer komplexen philosophischen Betrachtung aus und mündete in Arendts philosophisches Hauptwerk Vita activa.

Die Rezeptionsgeschichte der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft verlief sozusagen gegen die narrative Laufrichtung des Buches: Größte Aufmerksamkeit erfuhr in der Hochphase des Kalten Krieges der Teil zur totalen Herrschaft. In den 70er-Jahren, nach Unabhängigkeitskriegen und Dekolonialisierung, erweckte der Abschnitt zum Thema Imperialismus Interesse. In den 80er-Jahren schließlich wurde dem ersten Abschnitt zum Thema Antisemitismus größere Aufmerksamkeit zuteil.


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