Zusammenfassung von Epistulae

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Epistulae Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Römische Antike

Worum es geht

Italien damals und heute

Die spinnen, die Italiener: Bei ihnen kaufen Politik-Clowns Wahlstimmen und Zeugen; Senatoren bestechen und feiern obszöne Partys; junge Menschen können ohne Beziehungen einpacken und die alteingesessene Elite verteidigt mit Zähnen und Klauen ihre Privilegien. Und das alles nicht erst seit gestern: Liest man die 1900 Jahre alten Briefe des römischen Beamten Plinius, merkt man, dass man im Italien der damaligen Zeit mit ähnlichen Verhältnissen zu kämpfen hatte. Plinius’ Selbstverständnis ist das eines sittenstrengen, unkorrumpierbaren Bürgers. In Wahrheit war er ein kinderlos Gebliebener, der Steuererleichterungen für kinderreiche Familien in Anspruch nahm, und ein Patron, der nicht eher ruhte, bis die Söhne all seiner Freunde und Verwandten sicher im Staatsdienst untergebracht waren. Damals wie heute galt offenbar das Motto: „Die Bösen, das sind die anderen.“

Take-aways

  • Die um 100 n. Chr. entstandenen Epistulae zählen zu den wichtigsten Zeitzeugenberichten über den Alltag im antiken Rom.
  • Inhalt: Plinius erzählt von seinem Wirken als Anwalt, Senator und Großgrundbesitzer und liefert Einblicke in die Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur seiner Zeit. Zudem berichtet er von historischen Zäsuren wie dem Vesuvausbruch oder der Entwicklung der christlichen Gemeinschaft.
  • Die Bücher 1 bis 9 enthalten stilistisch ausgefeilte Briefe, die Plinius mit Blick auf seinen Nachruhm selbst veröffentlichte.
  • Der Briefwechsel mit Kaiser Trajan in Buch 10 erschien postum und wirkt weniger kalkuliert.
  • Als Vertreter des römischen Patronats verhalf Plinius seinen Klienten zu Geld und Posten.
  • Er zeichnet von sich selbst das Bild eines wohlwollenden Philanthropen, um sich bei wichtigen Zeitgenossen ins rechte Licht zu rücken.
  • Er war jedoch ein pragmatischer Mitläufer, der sich stets die Gunst der wechselnden Kaiser sichern konnte.
  • Den Christen warf er eine unsoziale und menschenfeindliche Gesinnung vor.
  • Als historische Quelle sind Plinius’ Briefe einzigartig.
  • Zitat: „Viele erhoben die Hände zu den Göttern, noch mehr erklärten, nirgends gebe es mehr Götter, und die ewige und letzte Nacht sei über die Welt gekommen.“ (über den Vesuvausbruch)
 

Zusammenfassung

Homo politicus vor Gericht

Als Anwalt und Richter am römischen Centumviralgericht, Senator und hoher Beamter steht Plinius im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen und Intrigen seiner Zeit. Er vertritt Kläger und Angeklagte in Korruptionsangelegenheiten und Erbstreitigkeiten und hat mit Fällen zu tun, in denen Sklaven vorgeworfen wird, ihre Herren getötet zu haben. Wirkliche Freude bereiten ihm nur die bedeutenden Fälle, bei denen er sich vor Gericht mit seinesgleichen in der Redekunst messen kann. Bei den anderen Fällen sieht er junge Emporkömmlinge am Werk, die sich ihre Zuhörer auf der Straße zusammenkaufen und einander in Niedertracht übertreffen. Er ist empört, dass zwei seiner Sklaven von einem solchen „Unternehmer“ für drei Denare zum Beifallklatschen abgeworben wurden. Und nicht nur die Claqueure sind käuflich: Offiziell ist es Anwälten zwar verboten, für ihre Tätigkeit Geld zu nehmen, doch daran hält sich bei Weitem nicht jeder.

„Aber warum rege ich mich auf in einem Staate, in dem schon längst Gemeinheit und Schlechtigkeit nicht geringeren, nein größeren Lohn bringen als Anstand und Tugend?“ (S. 157)

Plinius bereitet all das Unbehagen. Er bemüht sich um Recht und Gerechtigkeit, ist sich aber auch der gesellschaftlichen und politischen Zwänge bewusst. Als er nach der Ermordung Kaiser Domitians einen mächtigen Mitsenator anklagt, den er für die Hinrichtung eines Freundes während der Terrorherrschaft verantwortlich macht, wird er vor möglichen Racheakten gewarnt. Doch er hat Glück: Die Unterstützer seines Gegners verlieren an politischem Rückhalt. Grundsätzlich hat er gegen den allgegenwärtigen Nepotismus in Rom nichts einzuwenden: Er selbst empfiehlt die verdienten Söhne, Neffen oder Freunde seiner Verwandten für politische Posten, Vergünstigungen oder Erbschaften. Als erfolgreiches Mitglied der römischen Gesellschaft fühlt er sich verpflichtet, anderen zu ähnlichem Glück zu verhelfen, wohl wissend, dass ein junger Mensch ohne Fürsprecher keine Zukunft hat.

Altrömische Tugenden im Blick

Plinius ist stolz darauf, sich gegenüber Schwächeren mild, großzügig und verständnisvoll zu zeigen. Seine Sklaven sind für ihn „meine Leute“. Als zwei von ihnen jung sterben, bedauert er dies zutiefst, und zwar nicht wegen des materiellen, sondern wegen des menschlichen Verlusts. Er erlaubt seinen Sklaven, Testamente zu verfassen und einander innerhalb des Hauses ihr Hab und Gut zu hinterlassen. Dennoch mahnt er seine Freunde zur Vorsicht: Jeder Sklave kann sich gegen seinen Herrn wenden, egal wie milde und großherzig dieser ist. Er selbst hat sein nachgiebiges Verhalten leider mit Autoritätsverlust unter seinen Leuten bezahlen müssen. Die gesellschaftliche Ungleichheit der Sklaven stellt er nicht infrage, wohl aber unterschiedliche Standards innerhalb seiner Klasse. So empört er sich über einen Mann, der seine Freunde je nach Rangstufe unterschiedlich bewirtet.

„(...) sie liebt nicht meine Jugend oder meine Gestalt, die ja allmählich vergeht und altert, sondern meinen Ruhm.“ (über Calpurnia, S. 291)

Habgier, Hinterlist und Geiz sind Plinius verhasst. Er hält altrömische Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Pflichtgefühl und Wohltätigkeit hoch. Die Bürger seiner Heimatstadt Como unterstützt er finanziell bei der Gründung einer Schule, denn es ist ihm ein Dorn im Auge, dass die jungen Menschen für ihr Studium nach Mailand pendeln müssen. Seiner Ansicht nach sind sie unter den wachsamen Augen der Eltern am besten aufgehoben. Das ist sowohl billiger als auch besser für die Moral. Gleichzeitig rät er einem Vater, nicht allzu streng gegenüber seinem Sohn zu sein – schließlich ist er doch selbst einmal jung gewesen. Einen Freund, der sich über das störende Unterhaltungsprogramm der Tänzer und Komödianten bei einem Gastmahl beklagt, ruft er zu mehr Toleranz auf: Wer Verständnis für die eigenen Interessen und Vorlieben erwartet, muss dieses auch anderen entgegenbringen.

Paterfamilias als Gesellschaftsbasis

Die Familie ist für Plinius das höchste Gut. Er ist zum dritten Mal verheiratet. Eine Fehlgeburt seiner um einiges jüngeren Frau Calpurnia nimmt ihn sehr mit, denn er sehnt sich nach eigenen Kindern. Ein Freund hat bereits das Dreikinderrecht für ihn erwirkt, einen Status, der eigentlich nur Familienvätern mit mindestens drei Kindern besondere Privilegien gewährt. Nun bittet Plinius seinerseits Kaiser Trajan, kinderlosen Freunden das Dreikinderrecht zu erteilen. In der Ehe sieht Plinius nicht nur einen Wirtschafts-, sondern auch einen Liebesbund. So ist er froh, dass Calpurnia sich um seinetwillen mit Literatur beschäftigt, sich weiterbildet und seine Interessen teilt. Und er hat Respekt vor den ehrwürdigen Frauen aus seinem Bekanntenkreis, die sich im Extremfall völlig für die Ihren aufopfern – bis hin zum gemeinsamen Freitod mit dem schwer kranken Ehemann. Sich das Leben zu nehmen, hält Plinius für legitim, ja sogar für löblich, sofern ein Weiterleben auf Erden nichts als ein schmerzhaftes Dahinsiechen ist.

Plinius ist Stadt- und Landmensch zugleich

Erholung und Muße zum Schreiben sucht Plinius auf seinen zahlreichen Landgütern. Rom ist ihm ein Inbegriff für politische Ränkespiele und lästige Verpflichtungen. Allerdings scheint er auch auf dem Land nicht immer glücklich zu sein: Hier verderben ihm Missernten und zahlungssäumige Pächter die Laune. Meistens genießt er jedoch das Leben in seinen luxuriösen Anwesen. Das laurentische Landgut, nur etwa 17 Meilen von Rom entfernt, ist eine klimaoptimierte Oase, in der es sich im Sommer und Winter hervorragend leben lässt: Die Fenster des halbkreisförmigen Schlafzimmers folgen dem Lauf der Sonne, und eine Fußbodenheizung sorgt stets für angenehme Temperaturen. Ballspielhalle, Kaltwasserbad, Massageraum und Warmwasserbecken mit Meeresblick halten den Hausherrn gesund und fit.

„Mich (...) reizt nichts so sehr wie die Sehnsucht und das Verlangen nach Unsterblichkeit, ein Verlangen, das dem Menschen sehr angemessen ist, zumal für den, der sich keiner Schuld bewusst ist und das Andenken der Nachwelt nicht zu fürchten braucht.“ (S. 349)

Noch friedlicher und zurückgezogener lebt er auf seinem Sommersitz in Etrurien, am Fuß des Apennins, den er für das gesündeste aller Gebirge hält. Als Beweis gelten ihm die vielen alten Leute, die ihm das Gefühl geben, in einem anderen Jahrhundert geboren zu sein. Die Winter in dieser Gegend sind hart, doch das Land ist üppig und fruchtbar, von unzähligen Bächen bewässert. Vornehme Gartenanlagen mit Springbrunnen aus Marmor umgeben sein Landgut. Eine von Platanen gesäumte Reitbahn und idyllische Spazierwege laden zu Ausflügen ein. Weiter gibt es eine großzügige Säulenhalle und einen prachtvollen Speisesaal. Für Plinius beginnt ein typischer Tag auf dem Land mit Nachdenken. Dann diktiert er seine Gedanken einem Schreiber. Er geht spazieren, auf die Jagd oder fährt mit dem Wagen aus, badet, treibt Gymnastik und lässt sich massieren. Nach dem Essen unterhalten oft Musikanten und Schauspieler die Tischgesellschaft.

Schöne, schreckliche Natur

Am 24. August 79 befindet sich der 18-jährige Plinius mit Plinius dem Älteren, seinem Onkel, in Misenum, unweit von Neapel. Plötzlich meldet seine Mutter, die auch vor Ort ist, aufgeregt eine ungewöhnliche Wolke über den Bergen. Der Onkel ist Kommandant der Kriegsflotte, und er sticht sofort in See: Er will den Bewohnern der dicht besiedelten Küste zu Hilfe eilen, muss aber wegen der vom Vesuv ins Meer geschleuderten Trümmerbrocken am Strand von Stabiae unweit von Pompeji anlegen. Die Erde bebt so stark, dass die Häuser schwanken und Wagen unkontrolliert hin- und herrollen. Die Menschen binden sich zum Schutz gegen den Bimssteinregen Kissen auf den Kopf.

„Frei und mir selbst überlassen folge ich nicht den Augen mit meinen Gedanken, sondern den Gedanken mit meinen Augen, die sehen, was der Geist sieht, wenn sie nichts anderes sehen.“ (S. 697)

Am nächsten Tag bleibt es auch nach Sonnenaufgang stockdunkel, Schwefelgeruch liegt in der Luft. Plinius versucht mit seiner Mutter zu fliehen. Um nicht in der Dunkelheit von der Menschenmasse zertrampelt zu werden, verlassen sie die Hauptstraße. Die Menschen können einander nur an den Stimmen erkennen, Frauen schreien nach ihren Männern und Kinder nach ihren Müttern. Wie Plinius glauben viele, das Ende der Welt sei angebrochen. Regelmäßig muss er die Asche abschütteln, um nicht unter ihr begraben zu werden. Voller Sorge um den Onkel kehrt er mit seiner Mutter nach Misenum zurück, wo er erfährt, dass dieser am Strand gestorben ist.

„Du kennst doch meinen Grundsatz ganz genau: Ich will meinem Namen nicht durch Furcht und Schrecken oder durch Majestätsprozesse Respekt verschaffen.“ (Trajan an Plinius, S. 811)

Andere Naturereignisse, deren Zeuge er wird, verbindet er eher mit positiven Erfahrungen als mit schreckenerregenden Situationen: zum Beispiel die malerische Clitumnus-Quelle mit ihrem glasklaren Wasser, den anmutigen Kapellen und den Inschriften der Anwohner, die dem Gott Clitumnus huldigen. Fasziniert ist er auch von dem heiligen, schwefelhaltigen See Vadimo in Ameria, auf dem mit Schilfrohr und Binsen bewachsene Inseln schwimmen.

„Nicht nur über die Städte, sondern auch über die Dörfer und das flache Land hat sich die Seuche dieses bösen Aberglaubens ausgebreitet. Sie lässt sich aber doch wohl noch eindämmen und beheben.“ (Plinius an Trajan über das Christentum, S. 829)

In der afrikanischen Kolonie Hippo hat sich die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft ereignet: Ein Delphin fasste Zutrauen zu einer Gruppe von Jungen, wurde ihr Spielkamerad und Reittier und entwickelte sich zu einer wahren Touristenattraktion. Leider wuchsen den Anwohnern die Kosten für Unterkunft und Verpflegung der zahlreich anreisenden Beamten über den Kopf, sodass sie das menschenfreundliche Tier kurzerhand töteten.

War früher alles besser?

Plinius blickt wehmütig auf die guten alten Zeiten zurück, als Geld noch nicht die Welt regierte, Erbschleicher kaum Chancen hatten, Richter nicht korrumpierbar waren und als Literatur und Redekunst aufblühten. Die Zeit unter Kaiser Domitian, in der er selbst politisch Karriere gemacht hat, zählt er aber bereits nicht mehr zu diesem Goldenen Zeitalter. Denn diese Epoche hat er als chaotische Schreckenszeit voller Willkür und Unterdrückung in Erinnerung. Er und seine Freunde sind danach auf Jahre hinaus abgestumpft und gelähmt gewesen. Plinius beklagt zwar die Verrohung der Sitten, doch fallen ihm auch löbliche Ausnahmen ein. Einzelne Menschen, zum Beispiel er selbst, stellen sich den schädlichen gesellschaftlichen Strömungen tugendhaft entgegen.

Der Wunsch nach Unsterblichkeit

Plinius möchte sich als Redner und Literat einen Namen machen und für die Nachwelt unsterblich werden. Vorbilder sind sein verstorbener Onkel, aber auch Zeitgenossen wie der Geschichtsschreiber Tacitus und der Kaiserbiograf Sueton. Plinius sucht das Urteil seiner Freunde und fordert sie dazu auf, seine Texte zu verbessern. Das Griechische ist in seinen Augen dem Lateinischen überlegen, und er fühlt sich durch seine Muttersprache entsprechend eingeschränkt. Er zweifelt an seinem Talent, weshalb er mehrere literarische Gattungen ausprobiert, in der Hoffnung, wenigstens in einer herauszustechen. Oft lässt er die eigenen Texte von anderen vortragen, weil er sich selbst für einen schlechten Vorleser hält. Doch nicht für jede Kritik ist er empfänglich. Einem Freund, dem Plinius’ Reden offenbar zu schwülstig, verwegen und übertrieben erscheinen, widerspricht er: Er selbst findet die beanstandeten Passagen erhaben, kühn und maßvoll.

Statthalter unter Trajan

Als Statthalter in der griechischen Provinz Bithynien pflegt Plinius einen intensiven Briefwechsel mit Kaiser Trajan. Er ist offenbar in die Provinz entsandt worden, um in einer von Korruption und Misswirtschaft durchsetzten Verwaltung aufzuräumen. Plinius fragt seinen Kaiser für allerlei Kleinigkeiten um Rat und bittet ihn außerdem, Architekten und Vermessungsfachleute zu schicken, um bereits begonnene Bauvorhaben zu prüfen. Der Kaiser antwortet zunächst geduldig, bleibt aber unnachgiebig: Die Griechen haben selbst genügend Fachleute, da braucht niemand aus Rom zu kommen. Auch den Vorschlag seines Statthalters, in einer von einem Großbrand verwüsteten Stadt eine Feuerwehr einzurichten, schmettert er ab, weil er die Bildung von antirömischen Widerstandsbewegungen fürchtet. Deshalb erlaubt er auch die Gründung von Wohltätigkeitsvereinen nur in Ausnahmefällen. Er ermahnt seinen Statthalter zu mehr Eigenverantwortung und Entscheidungsfreude. Dessen Bitten um fachlichen, finanziellen oder soldatischen Beistand kommt er zwar nur selten nach, doch kleine Gefälligkeiten gewährt er gern, etwa wenn es darum geht, die Karrieren von Plinius’ Freunden, Verwandten und Freigelassenen zu fördern.

Christen – harmlose Irre oder Verbrecher?

Unschlüssig zeigt sich Plinius auch im Umgang mit den zahlreichen Christen in Bithynien. Soll schon bestraft werden, wer sich Christ nennt? Oder nur wer unter Androhung der Todesstrafe hartnäckig darauf besteht? Und wie ist mit anonymen Anklageschriften zu verfahren? Plinius hat nämlich die Erfahrung gemacht, dass viele der anonym Beschuldigten Christus sofort leugnen und Trajan und den Göttern huldigen. Wahre Christen aber, so hat er sich sagen lassen, tun nichts Derartiges. Die Versammlungen und religiösen Praktiken der Christen erscheinen ihm harmlos, solange diese ihren Irrtum rechtzeitig begreifen und sich von ihrem Glauben lossagen. „Starrsinn“ und „trotzige Verstocktheit“ dagegen müssen seiner Ansicht nach bestraft werden. Trajan bestätigt ihn in dieser Haltung. Allerdings soll man die Christen weder aktiv aufspüren noch auf anonyme Anklagen eingehen, denn das widerspräche dem Geist der Zeit.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Epistulae bestehen aus zwei Briefsammlungen, die sich formal stark unterscheiden: In den Büchern 1 bis 9 hat Plinius einen bunten Strauß aus Briefen an über 100 Empfänger zusammengefasst, die er selbst überarbeitete und in loser Folge aneinanderreihte. Das zehnte Buch beinhaltet Plinius’ Korrespondenz mit Trajan, einschließlich einiger überlieferter Antworten des Kaisers. Die Briefe in diesem Buch hatte Plinius wohl nicht zur Publikation vorgesehen. Bei den anderen dagegen handelt es sich um sprachlich ausgefeilte Kunstprodukte, in denen er sich jeweils auf ein einziges Thema konzentriert und kaum auf die Adressaten des Briefes Bezug nimmt. Vielmehr geht es ihm darum, sich selbst und seinen Freunden ein Denkmal zu setzen. Er berichtet über Erfolge als Anwalt und Politiker, preist die eigenen moralischen Werte und vergisst auch nicht, die Leser mit unterhaltsamen Anekdoten, etwa über ein grusliges Geisterhaus, bei Laune zu halten. Offenbar versuchte Plinius, ein möglichst breites Publikum anzusprechen: Sein Schreibstil ist eine Mischung aus dem eher ausschweifenden und ornamentalen Asianismus und dem schlichten, sachlichen Attizismus.

Interpretationsansätze

  • Plinius zeigt sich in seinen Briefen als relativ durchschnittlicher Zeitgenosse: Sein Vermögen war nicht gigantisch, aber komfortabel. Er war weder ein mutiger Rebell noch ein feiger Opportunist, eher ein pragmatischer Mitläufer. Er verabscheute die Prunksucht, genoss aber das Dolce Vita in seinen Villen. Er lebte privilegiert in einem System, an dem er bestenfalls kosmetische Änderungen vornehmen wollte.
  • Plinius sah das Patronat als Grundfeste der Gesellschaft: Patron und Klient stützten einander durch einen gegenseitigen Austausch von Gütern und Gefälligkeiten, nach dem Motto „do ut des“ („Ich gebe, damit du gibst“). Klienten mussten ihrem Patron gehorchen, bei der Ämtervergabe für ihn stimmen und ihm öffentlich Beifall zollen. Der Patron wiederum betrieb Lobbyarbeit für seine Klienten und unterstützte sie ggf. finanziell. Plinius’ Briefe gehören zu den wichtigsten Zeitdokumenten dieses unausgesprochenen Gesetzes.
  • Plinius’ klassisch römisches Gesellschaftsverständnis spiegelt sich auch in seiner Haltung zu den Christen wider: Den Legenden über Kindermorde und kannibalistische Praktiken schenkte er zwar keinen Glauben. Doch er warf den Christen Intoleranz und Menschenhass vor, da sie sich in ihrem fanatischen Beharren auf dem einen Gott bewusst von ihren Mitbürgern abgrenzten. Für diese unsoziale Einstellung verdienten sie seiner Ansicht nach eine harte Bestrafung.
  • Der beim Vesuvausbruch verstorbene Onkel, Plinius der Ältere, war für Plinius das Idealbild des stoischen Weisen, der im Einklang mit der Natur ein tugendhaftes Leben führt und sich nicht von Leidenschaften beherrschen lässt. Plinius der Jüngere stand der stoischen Philosophie zwar nahe, bekannte sich aber nicht ausdrücklich zu ihr, wohl auch weil die Stoiker zu seinen Lebzeiten mehrmals geächtet und verfolgt wurden.
  • In seiner unverhohlenen Sorge um den eigenen Nachruhm wirkt Plinius nicht immer ehrlich: Obwohl er unter Kaiser Domitian eine glänzende Karriere hingelegt hat, stellt er sich nach dessen Sturz als einen seiner Gegner dar. Und die von ihm errichtete Fassade des wohlwollenden, tatkräftigen römischen Patrons erhält durch die postum veröffentlichte Korrespondenz mit Trajan ein paar Risse. Übrig bleibt das Bild eines ziemlich normalen Menschen mit all seinen Vorzügen und Schwächen.

Historischer Hintergrund

Klientelpolitik im Kaiserreich

Das Römische Reich stand um die erste Jahrhundertwende n. Chr. auf dem Zenit seiner Macht: Der unter vielen Senatoren verhasste Kaiser Domitian war ermordet und von den sogenannten Adoptivkaisern abgelöst worden. Trajan, als „bester Princeps“ gefeiert, ließ den Senat zwar weitgehend in Ruhe, gewährte ihm aber auch keinerlei Kompetenzen. Unter seiner Herrschaft dehnte sich das Römische Reich weiter aus als je zuvor, und die Eroberung Dakiens (heute Rumänien und Moldawien) im Jahr 106 erwies sich im wahrsten Sinn des Wortes als Goldmine, weshalb der Kaiser eine 123 Tage dauernde Triumphfeier ausrufen ließ. Doch unter der glanzvollen Oberfläche brodelte es schon seit geraumer Zeit. Während sich die römische Oberschicht in dekadenten Badeorten mit Mineralschlammpackungen, Wimpernfärbungen und Gerichten aus Nachtigallenleber oder Schweinevagina verwöhnen ließ, waren große Teile der Bevölkerung chronisch unterernährt. Die Provinzen ächzten unter der von Rom auferlegten Steuerlast, und die Zahl der Sklaven stieg unaufhörlich. Zwar forderten einige gebildete Römer in der Tradition der stoischen Philosophen Triebverzicht und Selbstbeschränkung und beriefen sich auf altrömische Werte wie Mäßigung und Bescheidenheit. Doch zwischen Wunschbild und Wirklichkeit lagen Welten.

Je größer die durch die Weltherrschaft angehäuften Reichtümer waren, desto erbitterter wurde der Verteilungskampf: Vor allem unter Domitian hatten Delatoren – berufsmäßige Denunzianten – Hass und Misstrauen in der Bevölkerung verbreitet. Sie konnten enorme Reichtümer anhäufen, da sie im Erfolgsfall ein Viertel des Vermögens ihrer Opfer erhielten. Wohlstand schützte nicht vor dem Fall, wenn man sich plötzlich auf der falschen Seite des Machtgefüges wiederfand. Die passenden Beziehungen zur rechten Zeit konnten Leben, Karrieren und Vermögen retten. Kein Wunder, dass viele Römer aus der Oberschicht einen Großteil ihrer Zeit mit dem Aufbau und der Pflege ihres Klientelnetzwerks verbrachten.

Entstehung

Auch Plinius’ Briefe der Bücher 1 bis 9 verfolgten den Zweck, ein solides Netzwerk aufzubauen. Plinius nutzte die Briefe, um sich selbst und andere bei wichtigen Zeitgenossen ins rechte Licht zu rücken und zugleich an seinem Nachruhm zu arbeiten, so wie es seinem Vorbild, dem Rhetoriker Cicero, gelungen war. Und während die ersten, aus den Jahren 96 bis 104 stammenden Briefe noch spontaner und weniger geschliffen erscheinen, so werden die späteren, bis 108 entstandenen Schreiben stilistisch immer anspruchsvoller. Angestachelt vom Erfolg der ersten drei Buchausgaben schrieb Plinius offenbar zunehmend auf die öffentliche Meinung schielend. Vor der Veröffentlichung tilgte er das Absendedatum, vereinheitlichte mit Rücksicht auf die Gefühle seiner Freunde die Grußformeln und brachte die Briefe in eine scheinbar willkürliche, abwechslungsreiche Reihenfolge.

Der im zehnten Buch enthaltene Briefwechsel aus Bithynien stand unter ganz anderen Vorzeichen. Trajan hatte Plinius in die krisengebeutelte Provinz entsandt, um sie vor dem Finanzkollaps zu bewahren. In den Städten war ein Bauboom ausgebrochen, und die griechische Elite gab das Geld mit vollen Händen aus. Plinius musste sich einerseits respektvoll zeigen – immerhin hielten sich die Griechen für die Wiege der menschlichen Kultur – und andererseits hart durchgreifen. Die notwendige Autorität hierfür verschaffte er sich, indem er stets Rat bei seinem Kaiser einholte und sein Handeln von ihm absegnen ließ. Diese Briefe wurden postum unter unbekannten Umständen veröffentlicht.

Wirkungsgeschichte

Von der Spätantike bis zum Mittelalter tauchten vereinzelte handschriftliche Ausgaben der Plinius-Briefe auf, und verschiedene Autoren nahmen Bezug auf sein Werk. Doch den ersten literarischen Durchbruch gab es für den Römer erst zur Zeit der Renaissance, im 15. Jahrhundert. Erasmus von Rotterdam stellte Plinius in seiner Schrift Über das Verfassen von Briefen auf eine Stufe mit Cicero und dem Humanisten Angelo Poliziano. Plinius’ Episteln erlangten Modellcharakter: Sie galten als fein geschnittene Briefschablonen für jede Gelegenheit, egal ob Einladungs- oder Empfehlungsschreiben, Erlebnisbericht, Trost-, Glückwünsch- oder Liebesbrief. Seine berühmte Beschreibung des Vesuvausbruchs führte sogar dazu, dass der Ausdruck „plinianische Eruption“ in den Wortschatz der Vulkanologen einging. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrten sich Zweifel an der Authentizität: Die Briefe seien literarische Kunstprodukte, die nie abgeschickt wurden, argumentierten die Anhänger dieser These, und ihr Verfasser habe die Leser bewusst hinters Licht geführt. Die jüngere Forschung hat dieses Urteil revidiert. Unabhängig von dieser Frage erwecken die Epistulae in Marmor gemeißelte Gesichter mit all ihren Tugenden und Lastern zum Leben, sie führen uns durch antike Villen, die verblüffend modern als Niedrigenergiehäuser konzipiert sind, und verleiten zu der Erkenntnis, dass manche heutige Eigenheiten der italienischen Gesellschaft schon eine sehr lange Geschichte haben.

Über den Autor

Plinius der Jüngere wird 61 oder 62 n. Chr. im norditalienischen Como als Sohn eines reichen Ritters geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters adoptiert ihn sein Onkel, der berühmte Gelehrte und Naturforscher Plinius der Ältere. Als dieser beim Vesuvausbruch im Jahr 79 ums Leben kommt, erbt der Neffe Namen, Vermögen und Beziehungen des Onkels zu wichtigen Persönlichkeiten im Römischen Reich. Plinius, der von dem berühmten Rhetoriker Quintilian unterrichtet wird, feiert bereits als 18-Jähriger erste Erfolge als Gerichtsredner. Von nun an geht es mit seiner Karriere stetig bergauf: Um 82 wird er unter Kaiser Domitian Militärtribun in Syrien und beginnt 88 mit dem Amt des Quästors den „Cursus honorum“, die senatorische Beamtenlaufbahn. Während der Terrorherrschaft Domitians werden viele seiner Freunde, die der stoischen Opposition im Senat angehören, verbannt und hingerichtet. Plinius wird sich später als stillen Widerständler darstellen – eine Version, deren Wahrheitsgehalt bis heute umstritten ist. Unter Kaiser Nerva kann er als Verwalter der Staatskasse sein Geschick in der Finanzverwaltung beweisen. Damit überzeugt er ab 98 auch den neuen Kaiser Trajan, der ihn im Jahr 100 zum Konsul ernennt. Plinius hat den Gipfel seiner politischen Karriere erreicht. In den Jahren danach arbeitet er aktiv an seinem Nachruhm: Er veröffentlicht Gerichtsreden, Gedichte, den Panegyrikus (eine Lobrede auf Trajan) sowie die ersten neun Bücher seiner Epistulae. Noch zu Lebzeiten wird er zum berühmten Autor, der außerdem wichtige Ämter wie das des Augurs und Wasserbauinspektors übernimmt. Mit über 40 heiratet er die 14-jährige Calpurnia. Es ist seine dritte Ehe, und sie bleibt wie die vorherigen kinderlos. 111 ernennt Trajan ihn zum außerordentlichen Statthalter der griechischen Krisenprovinz Bithynien und Pontus (heutige Türkei). Plinius soll dort die desolaten öffentlichen Finanzen in Ordnung bringen. Während dieser Zeit pflegt er eine intensive Korrespondenz mit dem Kaiser, die nach zwei Jahren abbricht. Es ist anzunehmen, dass er gegen Ende seiner Amtszeit in Bithynien stirbt.


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