Zusammenfassung von Geschichte des Judäischen Krieges

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Geschichte des Judäischen Krieges Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Römische Antike

Worum es geht

Die Schrecken des Krieges

Als der Judäische Krieg 66 n. Chr. begann, kämpfte Flavius Josephus noch auf der Seite der Juden gegen die Römer. Nach seiner Gefangennahme wechselte er die Fronten und versuchte im Auftrag des Feldherrn Titus, zwischen den Römern und seinen Landsleuten zu vermitteln. Vergeblich: Die Zerstörung seiner Heimatstadt Jerusalem konnte er nicht verhindern. Im Vorwort zu seiner Geschichte des Judäischen Krieges betont Josephus seine Neutralität als Geschichtsschreiber, tatsächlich aber nimmt er Partei für die Römer und gegen die radikalen Juden, die er für den Kriegsausbruch verantwortlich macht. In dem verlustreichen Sieg, den die Römer nach vier Jahren schließlich erfochten, erkennt er ein Zeichen Gottes, der die Juden für ihre Abkehr vom wahren Glauben habe strafen wollen. Auch wenn Historiker manche seiner Darstellungen später revidierten, verdanken wir dieser nüchternen, dabei lebendigen und mitreißenden Schilderung Einblicke in einen der blutigsten Kriege der Antike. Morde und Hinrichtungen, Hunger und Elend, Leichenberge und Flüchtlingsströme – Flavius Josephus führt uns die Schrecken des Krieges eindringlich vor Augen.

Take-aways

  • Flavius Josephus’ Geschichte des Judäischen Krieges ist die Hauptquelle für den Krieg zwischen Römern und Juden in den Jahren 66 bis 70 n. Chr.
  • Inhalt: Die Aufstände der jüdischen Bevölkerung gegen die römische Fremdherrschaft münden in einen Krieg. Die blutigen Kämpfe fordern auf beiden Seiten Zehntausende Opfer. Nach der langen, zermürbenden Belagerung Jerusalems gelingt es den Römern unter ihrem Feldherrn Titus schließlich, die aufständischen Juden zu besiegen. Jerusalem wird zerstört.
  • Flavius Josephus nahm erst auf jüdischer, dann auf römischer Seite am Krieg teil.
  • Im Vorwort zu seinem Buch betont er die Neutralität seines Augenzeugenberichts.
  • Tatsächlich aber nimmt er deutlich Position für die Römer und gegen die radikalen Juden ein, die er für den Krieg verantwortlich macht.
  • Detailliert schildert er Mord und Totschlag, Hungersnot und Massensterben.
  • Seine Darstellung ist geradlinig und nüchtern, dabei aber nicht gefühllos oder kalt.
  • In der Zerstörung Jerusalems sieht er die Strafe des jüdischen Gottes für die Verfehlungen der Juden.
  • Die römischen Zeitgenossen schätzten sein Werk, bei den Juden galt Flavius Josephus als Verräter.
  • Zitat: „Noch ehe die Römer heranzogen, hatte Jerusalem bereits das Ansehen einer dem Untergang geweihten Stadt.“
 

Zusammenfassung

Historische Faktentreue

Über den Judäischen Krieg haben schon manche geschrieben. Doch entweder waren diese Schriftsteller nicht dabei und kennen die Ereignisse nur vom Hörensagen, oder sie verfälschen die Fakten, um sich den Römern anzubiedern, und scheuen sich nicht, das Ergebnis dann „Geschichte“ zu nennen. Der Autor der folgenden Darstellung hat den Krieg am eigenen Leib miterlebt – zunächst als Kämpfer, später als Augenzeuge. Auch wenn er voller Trauer über die Zerstörung seiner Heimatstadt Jerusalem ist, hat er doch kein Interesse daran, nun seinerseits die Leistungen seiner Landsleute, der Judäer, übertrieben darzustellen. Er will nur auf lebendige Weise erzählen, was wirklich geschah.

Der Beginn des Krieges

Judäa ist seit langer Zeit ein Ort von Unruhen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Gerade unter der Herrschaft Kaiser Neros treiben dort Räuberhorden ihr Unwesen und verbreiten Angst und Schrecken. Sie plündern und morden und verleiten viele Judäer dazu, sich gegen die römische Obrigkeit aufzulehnen. In dieser Zeit entbrennt in der Stadt Kaisareia ein Streit zwischen judäischen und syrischen Einwohnern: Die Syrer behaupten, die Stadt sei Eigentum der Griechen, die Judäer verweisen darauf, dass König Herodes, ein Judäer, sie für ihr Volk erbaut habe. Zunächst sind die Judäer überlegen, bis sich Felix, der römische Prokurator von Judäa und Galiläa, einmischt und die Anführer beider Parteien zu Nero schickt. Der entscheidet, die Griechen seien Herren der Stadt.

„Auf besonderes Lob kann (…) nur derjenige Anspruch erheben, der die genau den Tatsachen entsprechende Geschichte seiner eigenen Zeit der Vergessenheit entreißt und sie für die Nachwelt aufzeichnet.“ (S. 23)

Die anhaltenden Streitigkeiten in Kaisareia kommen noch Jahre später dem geldgierigen und tyrannischen römischen Prokurator Gessius Florus entgegen, denn sie lenken von seinen Grausamkeiten und persönlichen Bereicherungen ab. Er heizt die Situation zusätzlich auf, indem er Geld aus dem Jerusalemer Tempelschatz rauben lässt, und hetzt seine Soldaten gegen die aufgebrachten Bürger, die er töten, geißeln und kreuzigen lässt. Als Agrippa II., König von Judäa, die Jerusalemer zur Vernunft aufruft und vor einem ohnehin aussichtslosen Aufstand gegen das Römische Reich warnt, tritt zunächst Ruhe ein. Doch der Aufruf des Königs an das Volk, Florus Gehorsam zu leisten und Steuern zu zahlen, löst neue Unruhen aus. Unter den Judäern gibt es solche, die um jeden Preis Krieg wollen. Gegen den Widerstand der Vornehmen, der Hohepriester und des friedliebenden Volkes bewerfen sie die königlichen Truppen mit Steinen, stecken Paläste und Gebäude in Brand, vernichten Steuerunterlagen und wiegeln die Armen gegen die Vermögenden auf.

„Noch ehe die Römer heranzogen, hatte Jerusalem bereits das Ansehen einer dem Untergang geweihten Stadt.“ (S. 230)

Der Schriftgelehrte Menahem bewaffnet einige aufständische Judäer und dahergelaufene Räuber und stellt sich an die Spitze der Bewegung, die grausam in Jerusalem wütet. Nach der Ermordung des Hohepriesters Ananias sind sich die Anhänger von dessen Sohn Eleazar, ebenfalls ein Rebell, einig: Da man sich aus Freiheitsdrang gegen die Römer aufgelehnt habe, dürfe man sich nicht anschließend der Tyrannei eines Landsmanns, zudem eines Plebejers, unterwerfen. Mit Unterstützung des Volkes gelingt es ihnen, Menahems Leute aus Jerusalem zu vertreiben. Doch statt sich mit den Römern friedlich zu einigen, ermorden Eleazars Anhänger römische Soldaten hinterrücks und vernichten damit alle Hoffnungen der Gemäßigten auf ein Ende des Krieges.

Kämpfe und Aufstände in Galiläa

Darauf bricht in der ganzen Provinz ein fürchterliches Gemetzel unter Syrern und Judäern aus. Überall im Land werden judäische Bürger verfolgt und massenweise ermordet. Römische Truppen sollen der Gewalt ein Ende setzen, doch erleiden sie bei Jerusalem unter Gallus Cestius eine schwere Niederlage: Das Volk will den Belagerern zwar die Tore öffnen, doch Cestius zögert zu lange, und seine Truppen werden von den Aufständischen in dem bergigen Gelände beschossen und in die Flucht geschlagen. Auf einer Versammlung im Tempel wählen die Judäer Josephus zum Feldherrn. Er baut ein 100 000 Mann starkes Heer nach römischem Vorbild auf. Gleichzeitig sammelt Joannes, ein hinterlistiger, mittelloser, aber starker Mann aus Gischala, immer mehr Aufständische hinter sich und will selbst den Oberbefehl über das Heer übernehmen, was ihm jedoch nicht gelingt. Derweil verstärken die Aufständischen zum Verdruss des friedlichen Teils der Bevölkerung die Stadtmauern, schmieden Waffen und bereiten sich auf den Kampf vor. Jerusalem, so scheint es, ist dem Untergang geweiht.

„Übrigens hängt der Ausgang der Schlachten nicht von der Menschenmenge ab, selbst wenn diese aus lauter kampftüchtigen Soldaten besteht, sondern von der Tapferkeit, auch wenn sie kleinen Scharen innewohnt.“ (S. 280)

Um den Aufstand in den Griff zu bekommen, schickt Nero den erfahrenen Feldherrn Vespasian und dessen Sohn Titus nach Galiläa, wo sie erfolgreich gegen die Judäer unter Josephus kämpfen. Nach einer Reihe von Niederlagen fliehen viele Judäer, unter ihnen auch Josephus, in die Stadt Jotapata. Anfangs halten sie den Angriffen der Römer noch stand. Während die Römer von ihrem Ehrgeiz angespornt werden, treibt die Judäer schiere Verzweiflung an. Die Römer haben mehr Erfahrung und mit ihren Wurfmaschinen und Lanzen auch die besseren Waffen, die Judäer aber sind listig und tollkühn. Tagelang liefern sie einander erbitterte Kämpfe. Nach fast 50-tägiger Belagerung gelingt es den Römern, in die Stadt einzudringen. Erbarmungslos töten sie alle, die ihnen über den Weg laufen. In ihrem unterirdischen Versteck wollen sich Josephus’ Leute umbringen, um dem Tod durch römische Schwerter zu entgehen; der aber lehnt Selbstmord strikt ab. Als ehemaliger Priester, der in seinen Träumen den Sieg der Römer vorhergesehen hat, erkennt er darin den göttlichen Willen und ergibt sich dem Gegner. Er prophezeit Vespasian und Titus, sie würden eines Tages selbst Kaiser werden und die Welt beherrschen, woraufhin sie den Kriegsgefangenen verschonen und freundlich behandeln.

„Sie retteten sich dadurch, dass sie sich während der Erstürmung der Stadt vor der Wut der Römer versteckten; denn diese schonten selbst Säuglinge nicht, von denen sie viele ergriffen und von der Burg hinabschleuderten.“ (über die Überlebenden von Gamala, S. 295)

Die Römer erobern in Galiläa eine Stadt nach der anderen – mit Ausnahme von Gischala und der am Berg gelegenen, unzugänglichen Stadt Gamala, in die sich viele Flüchtlinge zurückgezogen haben. Während Vespasian die Belagerung der Stadt vorbereitet, versucht Agrippa nochmals zu vermitteln, wird aber von seinen Landsleuten attackiert, was die Römer in Wut versetzt. Sie dringen in die Stadt ein, ermorden die Bewohner, sogar Frauen und Säuglinge, müssen aber auch selbst große Verluste hinnehmen. Viele der Belagerten stürzen sich in den Abgrund, um dem Tod durch die Hand der Römer zu entgehen. Bleibt noch das Städtchen Gischala: Dessen Bewohner sind friedlich und wollen sich den Römern unterwerfen. Auch Titus ist des Mordens satt. Der brutale judäische Anführer Joannes will dagegen Krieg um jeden Preis. Vor der Übermacht der Römer flieht er indes mit seinen Leuten nach Jerusalem.

Der Kampf um Jerusalem

In der Stadt finden derweil Flüchtlinge aber auch Räuber aus der ganzen Region Unterschlupf. Besonders die Zeloten, junge und zum Widerstand gegen die Römer wild entschlossene Banditen, rauben und plündern, besetzen den Tempel und tyrannisieren die Jerusalemer. Das Volk unter dem Hohepriester Ananos will sich zur Wehr setzen, doch der Verräter Joannes hinterbringt den Zeloten alle Pläne und verbreitet das falsche Gerücht, Ananos wolle die Römer zu Hilfe rufen. Darauf bitten die Zeloten die Idumäer um Beistand, die massenweise herbeieilen und vor der Stadt lagern. In der Nacht bebt die Erde unter schweren Gewittern – ein Zeichen, dass die Weltordnung zum Unglück der Menschen durcheinandergeraten ist und großes Unglück bevorsteht. Und tatsächlich richten Zeloten und Idumäer ein Blutbad an, foltern und morden aufs Grausamste, machen Jagd auf die Hohepriester und werfen ihre Leichen den Hunden zum Fraß vor. Die Toten dürfen nicht bestattet werden – ein Frevel gegen menschliches wie göttliches Recht. Als die Idumäer merken, dass die Zeloten sie unter falschem Vorwand zu Hilfe gerufen haben, sagen sie sich von ihnen los.

„Hast du, unseligste der Städte, so etwas von den Römern dulden müssen? Nein, sie kamen, um die Gräuel mit Feuer zu sühnen! Denn des Gottes Stadt warst du nicht mehr und konntest es nicht bleiben, nachdem du das Grab deiner eigenen Bewohner geworden warst und den Tempel zum Begräbnisplatz für die Opfer des Bürgerkrieges gemacht hattest.“ (über Jerusalem, S. 357)

Die Zwietracht unter den Judäern und der Widerstand gegen die von den Zeloten unter Joannes errichtete Tyrannei kommen den Römern gelegen. Vespasian hofft, die durch den Parteienstreit geschwächte Stadt kampflos einnehmen zu können. Auch in Italien tobt derweil Bürgerkrieg. Mit Unterstützung seines Heeres und der Statthalter Ägyptens und Syriens, die anstelle eines verweichlichten Intriganten aus Rom endlich einen tapferen Kämpfer an der Spitze des Römischen Reiches sehen wollen, wird Vespasian zum Imperator gekürt. Er erinnert sich nun an die Prophezeiung des Josephus und entlässt ihn ehrenvoll aus der Kriegsgefangenschaft. Mit der Eroberung Jerusalems, dessen Bevölkerung sich in einem mörderischen Bürgerkrieg zerfleischt und auf Rettung durch die Römer hofft, betraut er seinen Sohn Titus. Der erweist sich als kühner Feldherr, der seine Legionen ein ums andere Mal persönlich aus misslichen Lagen rettet.

„Auf Haufen von Toten stehend, kämpften die Empörer und gebärdeten sich, als saugten sie Wahnsinn aus den Leichen zu ihren Füßen.“ (S. 358)

Von hohen Belagerungstürmen bombardieren die Römer die Judäer über die Stadtmauer hinweg mit ihren Geschossen. Doch der äußere Feind schweißt die Parteien wieder zusammen, und die Judäer bringen Titus’ Truppen eine empfindliche Niederlage bei. Nach einer eindringlichen Rede des Titus sammeln sich die Soldaten allerdings wieder und greifen unter einem Hagel feindlicher Geschosse mit Sturmböcken die Stadtmauer an. Gegen die tollkühnen, von Verzweiflung getriebenen Judäer kommen jedoch selbst die Römer mit ihrer Disziplin und Erfahrung nur schwer an. Nach 15 Tagen gelingt es ihnen, die äußere Mauer zu überwinden und die Judäer hinter die zweite und dritte Mauer zurückzudrängen.

Die belagerte Stadt

Titus setzt auf Josephus als Vermittler zwischen Judäern und Römern. Der ermahnt seine Landsleute, aus Rücksicht auf das Volk, auf ihre Vaterstadt und auf ihre Tempel die Kämpfe zu beenden. Die Macht der Römer sei zu groß, und wenn sie sich gegen deren nun schon lange währende Herrschaft wendeten, erreichten sie nicht Freiheit, sondern nur den Tod. Gott stehe klar aufseiten der Römer. Wie im Tierreich gelte auch bei den Menschen das Gesetz: Der Stärkere ist der Sieger, dem man sich fügen muss. Doch die Judäer haben kein Einsehen: Sie verspotten Josephus von der Mauer herab und verletzen ihn durch Steinwürfe.

„Die Soldaten nagelten in ihrer Erbitterung die Gefangenen zum Hohn in den verschiedensten Körperlagen an, und da ihrer so viele waren, fehlte es bald an Raum für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber.“ (S. 403)

Wie von Josephus vorhergesagt, bricht in der belagerten Stadt eine furchtbare Hungersnot aus. Die Menschen prügeln sich um ein Stück Brot; völlig entkräftet wanken sie herum, pflücken Kräuter, durchstöbern alten Kuhmist nach etwas Essbarem. In den Gassen türmen sich die Leichen der Verhungerten, die Häuser werden ausgeraubt. Wer es schafft zu fliehen, dem droht die Gefangennahme durch die Römer. Täglich werden 500 Menschen aufgegriffen. Titus behandelt sie als Kriegsgefangene und lässt sie direkt vor der Mauer kreuzigen. Er fürchtet, die Massen der Flüchtlinge sonst nicht mehr unter Kontrolle zu haben, und will den Belagerten zugleich zeigen, was mit den Geflohenen passiert. Die wiederum zwingen die Angehörigen der Geflohenen, das grausige Schauspiel anzusehen, damit sie wissen, welches Schicksal Überläufern droht. Andere Flüchtlinge werden von Arabern und Syrern aufgeschlitzt, denn es hat sich herumgesprochen, dass viele ihr Gold herunterschlucken, um es aus der Stadt zu retten.

Der Triumph der Römer

Der Kampfeswille der Aufständischen ist ungebrochen. Nachdem die Judäer mithilfe unterirdischer Gänge die ersten römischen Wälle zerstört haben – ein herber Rückschlag für die Römer –, errichten diese neue Wälle, die sie scharf bewachen. Joannes, der sich mit seinen Leuten in die Burg Antonia zurückgezogen hat, gelingt es diesmal nicht, die Befestigungsanlagen der Feinde in Brand zu stecken. Titus stärkt die Kampfesfreude seiner Soldaten mit einer Rede, in der er an ihre Todesverachtung appelliert: Wer friedlich auf dem Krankenbett sterbe, dessen Seele sterbe zugleich mit dem Körper und gerate in Vergessenheit. Wer aber in der Schlacht falle, dessen Seele gelange zu den Sternen, von wo die gefallenen Helden ihren Nachkommen erschienen. Durch seine Worte ermutigt, bringen die Römer die Mauern der Burg Antonia zum Einsturz und dringen zu den Tempeln vor. In der Stadt herrscht schrecklicher Hunger, die Belagerten essen Gürtel, Schuhe, Heu. Eine verzweifelte Mutter brät ihr Kind. Titus hat Mitleid, ist aber auch entsetzt. So eine gottlose Stadt verdiene es, in Trümmer gelegt zu werden, meint er, und lässt die Tempel anzünden.

„Bedenkt man dies alles, so findet man, dass der Gott sich um die Menschen sorgt und ihnen durch manche Vorzeichen zu erkennen gibt, was zu ihrem Heile dient, dass aber Torheit und selbst verschuldetes Elend sie ins Verderben stürzt.“ (S. 449)

Nun bricht ein Kampf aus, bei dem beide Seiten kein Erbarmen zeigen. Kinder, Frauen, Greise werden hingeschlachtet, Leichenberge bedecken die Erde, ganze Stadtteile brennen. Schließlich gelingt es den Römern, die Aufständischen zu vertreiben. Titus befiehlt, nur Bewaffnete zu töten, die Übrigen aber zu verschonen. Doch die Soldaten töten auch die Alten und Schwachen, der Rest wird für Bergwerksarbeit oder für Kämpfe in der Arena versklavt; Joannes erwartet lebenslange Kerkerhaft. Die Zahl der Gefangenen beträgt 97 000, die der Toten 1 100 000. Jerusalem wird in Brand gesteckt und dem Erdboden gleichgemacht. In Rom bereitet man Vespasian und Titus einen prachtvollen Triumphzug.

Zum Text

Aufbau und Stil

Flavius Josephus’ Geschichte des Judäischen Krieges ist in sieben Bücher unterteilt, die ihrerseits in weitere Unterkapitel gegliedert sind. Der formalen Übersichtlichkeit entspricht die inhaltliche Klarheit: Nach einem Vorwort und einer knappen Zusammenfassung der Vorgeschichte erzählt Josephus geradlinig von den Ereignissen, die er selbst miterlebt hat. Von sich selbst spricht er dabei stets in der dritten Person. Sprachlich ist der Einfluss klassischer antiker Geschichtswerke zu erkennen, vor allem seiner großen Vorbilder Thukydides, Polybios und Xenophon. Dabei versteht es Josephus, die Kriegsszenen auf sehr lebendige Weise vor den Augen des Lesers erscheinen zu lassen. Detailliert berichtet er von den vielen Schlachten, lässt Köpfe rollen und Blutströme fließen. Nüchtern, aber nicht gefühllos zeichnet er erschütternd realistische Bilder von verzweifelten Menschen, Hungernden und Sterbenden, ohne je sensationslustig zu wirken.

Interpretationsansätze

  • Der Judäische Krieg, der von 66 bis 70 n. Chr. währte, erscheint bei Flavius Josephus nicht als eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen, sondern als Konflikt zwischen Gut und Böse: hier die Römer unter Vespasian und Titus sowie die gemäßigten Juden und König Agrippa, dort einzelne, unfähige römische Statthalter und die radikalen jüdischen Aufwiegler.
  • Die Handlung gipfelt in der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer, die von den Juden als Katastrophe erlebt wurde. Josephus reiht dabei nicht nur Fakten aneinander, sondern versucht auch zu erklären, wie es zu diesem Desaster – nach seiner Version übrigens gegen den Willen Titus’ – kommen konnte: durch die Hartnäckigkeit der radikalen Juden.
  • Josephus’ Darstellung seiner eigenen Rolle in dem Krieg widerspricht dem, was er später in seiner Autobiografie Vita schreibt. In der Vita-Version versucht Josephus in friedlicher Absicht, die Aufständischen dazu zu bringen, die Waffen ruhen zu lassen; im Judäischen Krieg dagegen führt er als General zunächst die Judäer in den Kampf gegen die Römer, ist allerdings schon früh von deren Übermacht überzeugt. Vermutlich wollte Josephus nachträglich unangenehme Einzelheiten aus diesem Lebensabschnitt vor seinen römischen Lesern vertuschen.
  • Zwar betont Josephus im Vorwort seine Sachlichkeit als unparteiischer Chronist. Tatsächlich aber nimmt der von der kaiserlichen Gunst abhängige Autor deutlich Partei für die Römer. Die vom messianischen Glauben getragene Freiheitsbewegung der Zeloten besteht für ihn nur aus Räubern und Banditen – ein tendenziöses moralisches Urteil, das im Nachhinein von Historikern bestritten wurde.
  • Auch sein Porträt des Titus als milder Feldherr, der die Juden eigentlich hatte schonen wollen, aber durch das Vorgehen der Aufständischen zur Härte gezwungen wurde, hat vor der Forschung keinen Bestand. Der antike Historiker Sueton verglich Titus in Bezug auf seine Grausamkeit und Habgier sogar mit Nero.
  • Immer wieder hebt Josephus den göttlichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen hervor, allerdings nicht in dem Sinn, dass die römischen Götter sich dem jüdischen Gott überlegen gezeigt hätten. Vielmehr habe der jüdische Gott die Römer als Mittel eingesetzt, um die Aufständischen aus dem heiligen Tempel zu vertreiben und über das vom wahren Glauben abgekommene jüdische Volk zu richten.

Historischer Hintergrund

Die Juden im Römischen Reich

Das Imperium Romanum der frühen Kaiserzeit stellte ein Gemisch aus verschiedensten Ethnien, Kulturen, Sprachen und Religionen dar. Das riesige Reich, das sich von Spanien über Germanien bis nach Kleinasien erstreckte, war in Provinzen aufgeteilt, in denen aus Rom entsandte Statthalter für die Aufrechterhaltung der Ordnung, für Steuern, Rechtsprechung und die Verteidigung der Grenzen zuständig waren. In den Städten herrschte das Prinzip der Selbstverwaltung: Die Regelung aller Alltagsfragen lag – natürlich immer unter römischer Oberhoheit – in den Händen der einheimischen Elite. Während in den aus römischer Sicht barbarischen nördlichen und westlichen Provinzen gezielt die Romanisierung, also die Verbreitung römischer Denk- und Lebensgewohnheiten, vorangetrieben wurde, blieb im südöstlichen Mittelmeerraum die bereits hoch entwickelte hellenistisch-orientalische Kultur vorherrschend.

Auch in religiöser Hinsicht existierte eine bunte Mischung aus römischen und regionalen Kulten und Religionsformen, zu denen im Lauf des ersten Jahrhunderts n. Chr. der Kaiserkult hinzukam. Mochten die Römer auch nicht von religiösem Sendungsbewusstsein getrieben sein, so hatte ihre Toleranz doch Grenzen. Die Götterwelt der Griechen war der eigenen sehr ähnlich, und die beiden Religionen ließen sich gut miteinander vereinbaren. Die monotheistischen Glaubensvorstellungen der Juden dagegen waren den Römern stets ein Dorn im Auge. Mit der Eroberung Jerusalems durch Pompeius 63 v. Chr. und der Einsetzung des Klientelkönigs Herodes 39 v. Chr. erhöhte sich das Konfliktpotenzial. Da sich nach Herodes’ Tod kein Verbündeter für die kommunale Selbstverwaltung mehr fand, wurde die Provinz Judäa zur Zeit des Augustus direkt einem römischen Prokurator unterstellt.

Innerhalb des Reiches besaßen die Juden einige Privilegien: vom Recht auf Beschneidung und auf Ausübung des Sabbats über eine Befreiung vom Militärdienst bis zur Befreiung vom Kaiserkult, der sich mit dem Monotheismus nicht vereinbaren ließ. Gerade die Ablehnung des Kaiserkults und die nach außen propagierte Überlegenheit der jüdischen Religion stießen indes auf große Skepsis und führten dazu, dass die Juden in der hellenisch-römischen Lebenswelt stets als Außenseiter und sozial niedrig stehende Randgruppe galten. Die Römer waren enttäuscht, dass trotz gewährter Vorrechte die Integration der jüdischen Bevölkerung – mit Ausnahme einer dünnen Oberschicht von aristokratischen Familien – scheiterte. Die Juden ihrerseits zettelten immer wieder Aufstände gegen die römische Fremdherrschaft an. Dabei spielte vor allem in der Unterschicht, die besonders unter der römischen Besteuerung litt, die Erwartung der Ankunft des Messias, der die Verhältnisse endlich ändern würde, eine große Rolle. Diese ständigen Konflikte und Aufstände mündeten 66 n. Chr. schließlich in den Judäischen Krieg.

Entstehung

Wann genau Flavius Josephus seine Geschichte des Judäischen Krieges schrieb, ist nicht bekannt, doch aufgrund im Text erwähnter Ereignisse lässt sich der Zeitraum auf 75 bis 79 n. Chr. Eingrenzen. Der Autor lebte zu dieser Zeit in Rom. Viel wurde über eine im Vorwort erwähnte, in Josephus’ aramäischer Muttersprache geschriebene erste Fassung des Werkes spekuliert, die allerdings nicht mehr erhalten ist. Die erhaltene Fassung verfasste Flavius Josephus mithilfe sprachkundiger Mitarbeiter auf Griechisch. In seinen autobiografischen Aufzeichnungen Vita erwähnt er zudem als Quelle Schriften Vespasians, die dieser zur Dokumentation und als Kommentar des Krieges verfasst hatte.

Wirkungsgeschichte

Geschichte des Judäischen Krieges fand im zeitgenössischen Rom große Verbreitung und wurde in den Rang eines offiziellen Geschichtswerks erhoben, führte der Bericht doch die militärische Überlegenheit der Römer vor und zeigte die Kaiser Vespasian und Titus in günstigem Licht. Schon Tacitus urteilte aber, die Historiker aus der Zeit der Flavier, jener Dynastie, der Vespasian und Titus entstammten, hätten den Herrschern nur nach dem Mund geredet.

Während die Juden Josephus als Verräter und Schmeichler der Römer betrachteten und dem Werk kaum Beachtung schenkten, zeigte die frühe christliche Kirche großes Interesse an der Geschichte des Judäischen Krieges, insbesondere an Josephus’ Schilderung der Zerstörung Jerusalems und seiner heiligen Stätten, in der sie eine Prophezeiung Jesu erfüllt sahen. In der Renaissance wurde das Werk in lateinischer Sprache neu aufgelegt, erreichte aber nie die Verbreitung und Popularität von Werken anderer antiker Geschichtsschreiber wie Tacitus oder Thukydides. Bis heute ist Flavius Josephus’ Buch die Hauptquelle für die historische Rekonstruktion der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Juden.

Über den Autor

Flavius Josephus wird 37 oder 38 n. Chr. als Joseph ben Mathitjahu in Jerusalem geboren. Väterlicherseits stammt er von einer ehrwürdigen Priesterfamilie, mütterlicherseits von einer adligen Familie ab. In einer stark stilisierten Autobiografie betont er nicht nur seine hohe Herkunft, sondern auch seine ausgeprägte Intelligenz und Bildung. Im Alter von 16 Jahren durchläuft er die Schulen der drei großen Religionsparteien seiner Zeit, der Pharisäer, der Sadduzäer und der Essener. Anschließend lebt er drei Jahre bei einem Einsiedler in der Wüste. Im Alter von 19 Jahren kehrt er nach Jerusalem zurück, wo er sich der konservativen und streng religiösen Gruppe der Pharisäer anschließt und Mitglied des Rates der Obersten Priester wird. Im Jahr 64 reist Josephus erstmals nach Rom und setzt sich erfolgreich für die Freilassung inhaftierter jüdischer Priester ein. Während des Judäischen Krieges kämpft er zunächst aufseiten der Juden, wechselt aber nach seiner Gefangennahme die Fronten. Aufgrund seiner im Jahr 69 tatsächlich in Erfüllung gegangenen Prophezeiung, Vespasian werde der nächste Kaiser in Rom sein, wird er freigelassen. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet Josephus in zweiter Ehe eine jüdische Mitgefangene, von der er sich indes schon bald trennt, als er mit Vespasian nach Alexandria zieht. Dort heiratet er erneut; aus dieser dritten Ehe gehen drei Söhne hervor. Nach der Eroberung Jerusalems begleitet Josephus im Jahr 71 den siegreichen Titus nach Rom, wo er bis zu seinem Lebensende bleiben wird. Von Kaiser Vespasian erhält er finanzielle Unterstützung und das römische Bürgerrecht, und er darf fortan den kaiserlichen Familiennamen Flavius tragen. Er heiratet zum vierten Mal, eine reiche Jüdin aus Kreta, und bekommt mit ihr noch einmal zwei Söhne. In seiner späten Lebensphase widmet er sich ganz dem Schreiben und veröffentlicht zu Beginn der 90er-Jahre seine Jüdischen Altertümer (Iudaïke Archaiologia) mit der angehängten Vita, in der er sein Leben schildert. Noch kurz vor seinem Tod verfasst er unter dem Titel Gegen Apion (Contra Apionem) eine Verteidigung des Judentums. Flavius Josephus stirbt vermutlich um das Jahr 100 n. Chr. in Rom.


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