Zusammenfassung von Gorgias

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Gorgias Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Griechische Antike

Worum es geht

Der Weg zum Glück

Seit Jahrtausenden beschäftigt die Menschen eine Frage: Wie soll man leben, um glücklich zu werden? Soll man möglichst viel Macht und Reichtum anhäufen, damit man sich jeden Wunsch erfüllen kann und keine Angst haben muss, für Vergehen bestraft zu werden? Wahrscheinlich sehen damals wie heute viele darin das Patentrezept zum Glücklichsein. Platon zufolge ist jedoch genau das der sichere Weg ins Unglück. In seinem dramatisch starken Dialog Gorgias lässt er Sokrates, lange vor Christentum, Humanismus oder modernen Lebensratgebern, für ein besonnenen Lebensstil und einen gerechten Umgang mit den Mitmenschen argumentieren. Bei der Abwägung des Für und Wider in dieser Frage kann die Dialogform ihr ganzes Potenzial entfalten, indem sie zur aktiven Teilnahme am philosophischen Gedankengang einlädt. Auch deshalb gilt Gorgias als der modernste unter Platons Dialogen – ein philosophisches Lehrstück, das anschaulich und mitreißend so vielfältige Themenfelder wie Politik, Redekunst, Ethik und Strafrecht behandelt und dabei zu Schlüssen kommt, die bis heute überzeugen.

Take-aways

  • Gorgias gilt als Platons modernster Dialog, da er auf hochdramatische Weise der Frage nachgeht, wie man ein gutes Leben führt.
  • Inhalt: Sokrates erörtert mit seinen Gesprächspartnern Fragen der Rhetorik und der Ethik. Seine Gegner sind die Sophisten Gorgias, Polos und Kallikles, die den Nutzen der Rhetorik zur Demagogie und das Recht des Stärkeren verteidigen. Sokrates hält an seinem ethischen Standpunkt fest und widerlegt ihre Ansichten.
  • Der Dialog gibt eine fiktive Szene mit mindestens zwei historischen Figuren (Sokrates und Gorgias) wieder.
  • Dabei treffen die beiden vorherrschenden philosophischen Methoden der Zeit – die rhetorische Sophistik und die sokratische Dialektik – aufeinander.
  • Die beiden Hauptthemen, Rhetorik und Ethik, hängen zusammen: Wenn man weiß, wie man leben soll, weiß man auch, wie man reden soll.
  • Eine eingefügte Geschichte am Ende des Dialogs wird von manchen als direkter Bezug auf den Prozess gegen Sokrates gesehen, in dem dieser zum Tod verurteilt wurde.
  • Mit der „Hebammenmethode“ bringt Sokrates seine Gegner durch geschickte Fragen dazu, sich in Widersprüche zu verwickeln, damit sie von allein die Wahrheit erkennen.
  • Wahrscheinlich entstand die Schrift zwischen 387 und 385 v. Chr., in Platons mittlerer Schaffensperiode.
  • Das Werk beeinflusste so unterschiedliche Denker wie Cicero, John Stuart Mill und Friedrich Nietzsche.
  • Zitat: „Du siehst nämlich, dass wir über ein Thema diskutieren, das wohl jeder Mensch, der auch nur ein wenig Verstand hat, sehr ernst nehmen wird, nämlich die Frage, wie man leben soll (…)“
 

Zusammenfassung

Was ist Rhetorik?

Sokrates und sein Freund Chairephon werden von Kallikles eingeladen, den berühmten Redner Gorgias kennenzulernen, der bei Kallikles wohnt und der zuvor schon andere mit seiner Kunst unterhalten hat. Zugegen ist auch Polos, der die Rhetorik für eine der größten Künste hält. Sokrates will Genaueres darüber erfahren, was der Redner besser kann als andere. Gorgias ist bereit, Sokrates Auskunft zu geben. Er sei nicht nur Redner, sondern könne auch andere in dieser Kunst ausbilden und Wissen darüber vermitteln. Sokrates wendet ein, dass auch andere Berufsgruppen, etwa Ärzte, reden müssten. Die Redekunst sei also bei ihnen Teil ihrer Fertigkeiten. Was, so fragt er, unterscheidet nun die Redekunst an sich von diesen anderen Künsten, die das Reden auch beinhalten? Was ist ihr spezifischer Inhalt? Gorgias antwortet, das Ziel der Rhetorik sei die Fähigkeit, Richter und Ratsherren zu den eigenen Gunsten zu überzeugen. Sokrates fasst ihre Aufgabe noch präziser: Die Redekunst soll die Menschen davon überzeugen, was ungerecht und was gerecht ist, und zwar ohne ihnen Wissen darüber zu vermitteln, wie man zwischen beidem unterscheidet, sondern lediglich, indem sie überredet werden. Die Macht der Redekunst ist so groß, dass sie den Rat von kompetenten Fachleuten überstimmen kann.

Die Macht der Rhetorik

Weil die Redekunst so mächtig sei, müsse sie mit Bedacht eingesetzt werden, stellt Gorgias klar. Wie ein Lehrer, der in der Kampfkunst ausbildet, müssten die Rhetoriklehrer sich darum bemühen, ihren Schülern zu vermitteln, dass sie ihre Fähigkeiten für gute Zwecke einsetzen. Wenn die Schüler jedoch die Rhetorik für Schlechtes nutzten, dürfe man den Lehrer nicht dafür verantwortlich machen. Sokrates ist anderer Meinung. Nachdem er sich bei den Zuhörern versichert hat, dass diese gern den Ausgang des Gesprächs hören würden, führt er seine Gedanken aus: Da es bei der Redekunst im Kern um die Unterscheidung zwischen Gerechtem und Ungerechtem geht, muss jeder Schüler der Rhetorik genau dies von seinen Lehrern lernen, und damit wird er automatisch gerecht sein.

Die Schmeichelkünste

Polos mischt sich in das Gespräch ein und wirft Sokrates vor, Gorgias eine Falle gestellt zu haben. Deswegen soll Sokrates nun selbst erklären, was die Redekunst seiner Meinung nach ist. Sokrates sagt: Die Rhetorik ist keine wirkliche Kunst, sondern eine Routine und Erfahrung, die Gefälligkeit und Lust erzeugt – eine Schmeichelkunst. Er unterscheidet vier für den Menschen zentrale Künste: die Medizin und die Gymnastik, die sich um den Körper kümmern, sowie die Gerechtigkeit und die Gesetzgebung, die sich um die Seele kümmern. Allen vier Bereichen steht jeweils eine Schattenkunst gegenüber, die nur vorgibt, auf das Beste aus zu sein, sich aber mit Schmeichelei begnügt und kein echtes Wissen enthält. Der Medizin steht die Kochkunst, der Gymnastik die Kosmetik, der Gesetzgebung die Sophistik und schließlich der Gerechtigkeit die Rhetorik gegenüber.

Die armen Tyrannen

Polos glaubt trotz Sokrates’ Ausführungen, dass die Rhetorik ein erstrebenswertes Gut sein könnte, weil man sie einsetzen könne, um große Macht zu erlangen und zu tun, was man wolle. Sokrates widerspricht gleich mehrfach: Seiner Meinung nach ist große Macht kein Erstrebenswertes. Außerdem bezweifelt er, dass Tyrannen wirklich das tun, was sie wollen. Er stellt fest, dass die Menschen nie wegen der Tat an sich handeln, sondern vielmehr um des Ziels, des Ergebnisses willen. Dieses Ziel ist immer das langfristig Nützliche und Gute. Wenn also ein Tyrann etwas Böses tut, weil er meint, es sei gut für ihn, sich darin aber täuscht, dann tut er nur scheinbar das, was er will – denn er will ja wie alle Menschen das Gute. Wenn ein solches Vorgehen bedeutet, dass man Macht hat, dann, so Sokrates, ist das kein erstrebenswerter Zustand. Die Menschen, die so handeln, sind bemitleidenswert.

Unrecht tun und Unrecht erleiden

Aus dem Gesagten stellt sich für Sokrates und Polos die Frage, was schlimmer ist: Unrecht tun oder Unrecht erleiden. Wer ist bemitleidenswerter: wer ungerechterweise getötet wird oder wer ungerechtfertigt tötet? Sokrates führt aus, dass er lieber Unrecht erleiden würde, als es zu tun, und stößt damit bei Polos auf Unverständnis. Der hält es für eine gute Sache, wenn man Macht hat und bei einem Verbrechen keine Bestrafung fürchten muss. Als Beispiele führt er berühmte Tyrannen wie Archelaos an, den jeder Athener um seine Macht beneide. Für Sokrates dagegen steht fest, dass wer ungerecht ist, notwendig auch unglücklich ist. Tue man dagegen Gutes, sei man auch glücklich. Er argumentiert so: Alle schönen Dinge werden entweder wegen ihres Nutzens oder wegen der Lust, die sie bereiten, so genannt. Schändliches dagegen ist entweder wegen des Schmerzes, den es bereitet, oder wegen des Schlechten an ihm schändlich. Beim Unrecht scheint es nun so zu sein, dass es schändlicher ist, Unrecht zu tun, aber schlechter, Unrecht zu leiden. Daraus ergibt sich allerdings ein Widerspruch: Unrecht tun kann nur schändlicher sein, wenn es entweder mehr Schmerz verursacht als Unrecht erleiden oder wenn es tatsächlich auch schlechter ist. Weil es also schlechter und schändlicher ist, kann kein Mensch das Unrechttun dem Unrechtleiden vorziehen.

Bestrafung

Alle schönen Dinge, so Sokrates weiter, sind gerecht, und umgekehrt. Wenn jemand gerecht straft, widerfährt dem Bestraften Gerechtes und damit Schönes. Da von den drei großen Übeln – Armut, Krankheit und Ungerechtigkeit – die Ungerechtigkeit das schlimmste ist, tut man seinen Mitmenschen etwas Gutes, wenn man ihre Seele durch Bestrafung und Buße von der Ungerechtigkeit befreit. Wenn also in so einem Fall das Recht von der Ungerechtigkeit befreit, ist das zwar nicht angenehm – genauso wie die meisten Behandlungen beim Arzt nicht angenehm sind. Die Bestrafung verspricht jedoch ein höheres Gut – nämlich die Gesundheit der Seele –, das es wert ist, Schmerzen auszuhalten. Am besten lebt demnach der, der nicht ungerecht ist und eine gesunde Seele hat, danach kommt der, der durch Strafe geheilt wurde, und am bemitleidenswertesten ist der, der ungerecht ist und nicht bestraft wird. Wie früher festgestellt wurde, hilft die Redekunst dabei, einer Bestrafung zu entgehen, indem die Richter überredet werden. Nun kann sich nach dem eben Gesagten aber niemand wünschen, einer gerechten Strafe zu entgehen. Was, fragt Sokrates, ist also der Nutzen der Rhetorik? Die einzige Anwendung bestünde darin, dafür zu sorgen, dass ein Feind nicht bestraft wird, was ja für seine Seele am schlimmsten wäre.

Das Recht des Stärkeren

Kallikles erkundigt sich, ob Sokrates all das ernst meint. Denn sie alle würden ja im Alltag genau entgegengesetzt handeln. Er wirft Sokrates vor, den Unterschied zwischen Natur und Konvention unbeachtet zu lassen. Seiner Meinung nach sagt die Natur, dass Unrecht leiden schlechter sei, die Konvention lehre aber, dass Unrecht tun schändlicher sei. Wer lieber Unrecht leide, sei der Natur nach schwach und rede den Stärkeren auf der Ebene der Konvention nur ein, es sei schändlich, Unrecht zu tun. Die Natur sei aber nun einmal so angelegt, dass die Besseren und Fähigen mehr hätten als die Schwachen und Feigen. Kallikles wirft Sokrates außerdem vor, die Beschäftigung mit der Philosophie selbst sei eines erwachsenen Mannes unwürdig und Sokrates mache sich lächerlich, indem er sich mit diesen Fragen beschäftige. Lieber solle er sich in der Redekunst üben, damit er, sollte er von einem anderen angegriffen oder zu Unrecht beschuldigt werden, sich vor Gericht verteidigen und so vielleicht sein Leben retten könne. Sokrates dankt Kallikles für seine Offenheit, die klugen Worte und sein freundschaftliches Wohlwollen und möchte nun mit ihm zusammen herausfinden, wie man am besten leben soll.

Guter und schlechter Genuss

Kallikles meint, um glücklich zu sein, müsse man seinen Begierden nachgeben und sie so groß wie möglich werden lassen. Weil die Masse diese Möglichkeit aber nicht habe, behaupte sie, es sei schlecht, sich jeden Wunsch zu erfüllen. Nur weil die meisten Menschen zu feige seien, sich zu nehmen, was sie wollen, würden sie gegen die Zügellosigkeit argumentieren. Sokrates will der Frage, was ein gutes Leben ist, genauer nachgehen. Ein berühmter Denker, erzählt er, habe gesagt, die Seelen der Zügellosen seien wie undichte Fässer: Je mehr sie hineingössen, desto mehr fließe heraus. Wer jedoch besonnen und genügsam sei, dessen Seele habe keine Löcher und er könne sich an dem, was er habe, erfreuen. Gutes und Angenehmes, so Sokrates weiter, sind nicht immer identisch. Vielmehr scheint es so zu sein, dass unangenehme Dinge gut und nützlich sein können, zum Beispiel Schmerzen. Umgekehrt können angenehme, lustvolle Dinge schädlich bzw. schlecht sein, Ersteres ist etwa bei ungesundem Essen, Letzteres zum Beispiel bei Missbrauch der Fall. Die Unterscheidung, welche Genüsse gut und welche schlecht sind, sollte man einem Fachmann überlassen, etwa einem Arzt – und nicht einem Koch, der nur auf den Genuss spezialisiert ist.

Die Ordnung der Seele

Jede Disziplin wird erst dadurch zur Kunst, dass sie ihrem Objekt eine gewisse Ordnung verleiht. Ärzte, Handwerker und Künstler sind gleichermaßen auf diese Ordnung angewiesen, wenn sie etwas Nützliches hervorbringen wollen. Also muss dasselbe auch für die Seele gelten, die durch Gesetze geordnet, gerecht und besonnen wird. Wenn der Körper seiner Ordnung entspricht, ist er gesund. Wenn er jedoch krank ist, müssen Ärzte die Ordnung wiederherstellen – und das tun sie nicht, indem sie dem Kranken erlauben, jeder Begierde nachzugeben, sondern indem sie ihm Einschränkung verordnen. Ebenso müssen zügellose und ungerechte Seelen davon abgehalten werden, sich jeden Wunsch zu erfüllen – zu ihrem eigenen Besten. Aus dem Gesagten lässt sich ableiten, dass der besonnene Mensch gut, gerecht, tapfer, fromm und glücklich ist. Wer also ein glückliches Leben führen will, sollte besonnen sein und alles Zügellose meiden, und wenn er Unrecht begangen hat, sollte er schnellstmöglich um eine gerechte Strafe bitten. Es zeigt sich wieder, dass Unrecht tun schlechter ist als Unrecht erleiden. Mit welchen Mitteln kann man beides abwenden? Um das Unrechterleiden zu vermeiden, hilft Macht. Um aber kein Unrecht zu tun, benötigt man einen festen Willen und Kenntnisse darüber, was gerecht und ungerecht ist.

Die Aufgabe des Politikers

Politiker verbessern laut Sokrates das Leben der Bürger in keinem der bekannten Fälle, sie schmeicheln ihnen nur. Ihre Befähigung und ihr Wert müsste aber daran gemessen werden, ob sie die Seelen der Bürger heilen und sie von Zügellosigkeit und Ungerechtigkeit befreien können. Auch einen hochgelobten Staatsmann wie Perikles muss man an diesem Maßstab messen: Hat er die Athener zu besseren Menschen gemacht? Wenn nicht, so verdient er auch kein Lob als Politiker. Sokrates meint, wenn ihn einmal jemand zu Unrecht vor Gericht bringe, werde derjenige entweder dafür bestraft oder ein unglückliches Leben führen. Also hat er, Sokrates, keinen Grund, sich in der schmeichelnden Rede zu üben. Er sieht sich als den einzigen wahren Politiker der Stadt, der wie ein Arzt zusammen mit dem Volk daran arbeitet, dieses besser zu machen. Er hilft sich selbst, indem er den anderen Menschen gegenüber und nach Meinung der Götter ein gutes Leben geführt hat – weil er lieber stirbt, als Unrecht zu tun.

Vom Leben nach dem Tod

Sokrates erzählt zur Illustration eine Geschichte: Nach dem Tod erwartet die guten Menschen das ewige Leben auf der Insel der Seligen, die gottlosen und schlechten kommen ins Gefängnis Tartaros. Anfangs wurde darüber noch zu Lebzeiten der Betroffenen entschieden. Irgendwann stellte sich heraus, dass die Menschen sich gegenseitig falsch beurteilten. Daraufhin beschloss Zeus, dass die Seelen erst nach dem Tod, sozusagen nackt, ohne Fürsprecher, ohne Ansehen von irdischer Macht oder Reichtum, beurteilt werden sollten. Die Richter sollten ebenfalls tot sein, um ein unabhängiges Urteil gewährleisten zu können. Bei diesem Verfahren erst sollte entschieden werden, wer zur Insel der Seligen weiterreisen durfte und wer im Gefängnis Buße tun musste.

„Denn es gibt nichts, worüber ein Redner nicht überzeugender vor einer Menge sprechen kann als irgendeiner der Fachleute. So groß und so beschaffen ist die Macht der Redekunst.“ (Gorgias, S. 35)

Im Tod, so Sokrates weiter, werden Körper und Seele getrennt. Wie der Leichnam zeigt auch die Seele Spuren vom Leben des Verstorbenen, sodass die Richter sofort erkennen können, ob jemand ein gutes oder ein schlechtes Leben geführt hat. Manche der schlechten Seelen können noch durch Strafe gerettet werden, andere sind verloren und dienen nur noch als mahnendes Beispiel. Bei diesen handelt es sich meistens um Tyrannen oder andere Herrscher, denn größere Macht vergrößert auch die Schwere der Verbrechen. Um also zur Insel der Seligen zu gelangen, hält Sokrates seine Seele gesund und lädt Kallikles ein, es ihm gleichzutun.

Zum Text

Aufbau und Stil

Platons Dialog Gorgias besteht aus drei Gesprächen, die von einer Einleitung und dem sogenannten Mythos, der am Schluss steht und sich mit der Frage nach dem Leben nach dem Tod beschäftigt, eingerahmt werden. Im ersten Gespräch zwischen Sokrates und dem Redner Gorgias geht es um die Redekunst. Im zweiten unterhält sich Sokrates mit Gorgias’ Schüler Polos über die Frage, ob es besser ist, Unrecht zu tun oder Unrecht zu erleiden. Im dritten Gespräch mit Kallikles schließlich geht es im Kern darum, ob man sich jeden Wunsch erfüllen oder ein besonnenes Leben führen sollte. Der dritte Dialog nimmt bei Weitem den größten Raum ein. Platons Stil ist flüssig zu lesen, und die Dialogform ermöglicht es auch philosophisch wenig vorgebildeten Lesern, der Argumentation zu folgen. Lediglich die Argumente, die sich auf die Definition von Begriffen wie etwa „schändlich“ stützen, erfordern gewisse logische Fähigkeiten. Das schmälert jedoch kaum die literarische und argumentative Kraft des Dialogs.

Interpretationsansätze

  • Zu Beginn des Gorgias scheint, schon aufgrund des titelgebenden Protagonisten, die Rhetorik das Hauptthema des Werks zu sein. Im weiteren Verlauf erweitert sich die Grundfrage des Dialogs jedoch zu einer der Grundfragen der Philosophie: Wie soll ich leben? Damit rückt das Werk in den Bereich der praktischen Ethik.
  • Die beiden Hauptthemen, Rhetorik und Ethik, hängen grundsätzlich zusammen: Die Beantwortung der Frage, wie man leben soll, gibt auch Antwort auf die Frage, wie man reden soll.
  • Aus den Überlegungen zu Rhetorik und Ethik lassen sich auch die Aufgaben der Politik und die Grundhaltung des guten Politikers ableiten. Die zentrale Analogie im Dialog ist die zwischen Arzt und Politiker. Der Politiker muss – auch mit unbeliebten Maßnahmen – die Gesundheit der Seelen seiner Schutzbefohlenen gewährleisten.
  • Ein weiteres wichtiges Thema ist die erlösende Wirkung von Strafe, die deutliche Parallelen zur christlichen Buße zeigt.
  • Roter Faden des Dialogs ist der Begriff der Scham, eines allgemeinen, sehr moralischen Empfindens. Er spielt in der Argumentation mehrfach eine zentrale Rolle.
  • Der Mythos am Ende des Dialogs, der die zuvor gefundenen Wahrheiten veranschaulicht, wird von vielen Autoren als direkter Bezug auf den Prozess gegen Sokrates gesehen, in dem dieser zum Tod verurteilt wurde.
  • Sokrates wendet seine berühmte „Hebammenmethode“ an, bei der er dem Gegenüber quasi zur Geburt eines Gedankens verhilft: Er bringt seine Gegner mit geschickten Fragen dazu, sich in Widersprüche zu verwickeln, damit sie von allein die Wahrheit erkennen.
  • Die argumentative Methode und auch die Grundhaltung des Dialogs ist die Bereitschaft, sich widerlegen zu lassen. Diese Grundhaltung sehen manche als Parallele zum Strafbegriff: Wenn man falsch liegt, sollte man die Verbesserung ohne Scham und Groll hinnehmen.
  • Immer wieder werden im Dialog die philosophischen Schulen bzw. Methoden Sophistik und Dialektik einander gegenübergestellt. Sokrates verurteilt zahlreiche sophistische Methoden und Einstellungen scharf und erkennt allein die Dialektik als wahre philosophische Methode an.

Historischer Hintergrund

Athen im fünften und vierten Jahrhundert v. Chr.

Als Folge der erfolgreichen Behauptung der griechischen Staaten gegen die Perser in den Perserkriegen (500 bis 494 und 480 bis 447 v. Chr.) und der damit einhergehenden Gründung des attischen Seebunds (447 v. Chr.), dem Athen vorstand, entwickelte sich in Athen die erste demokratische Staatsordnung. Die entscheidende Macht im Staat blieb jedoch der Stratege Perikles (etwa 490 bis 429 v. Chr.), der die Harmonie im Inneren vor allem durch die Ausschaltung seiner Gegner sicherstellte.

Auf den Friedensschluss mit dem persischen Reich im Jahr 449 v. Chr. folgte für Athen eine Phase des äußeren Friedens, der ab 443 v. Chr. einen bisher nicht gekannten Aufschwung im wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bereich ermöglichte. In dieser Zeit erblühten insbesondere die Dichtkunst (Sophokles), die Geschichtsschreibung (Herodot), die bildende Kunst, die Medizin (Hippokrates von Kos) und die Philosophie (Sophistik, unter anderem Anaxagoras, Protagoras, Gorgias).

Der Beginn des Peloponnesischen Krieges im Jahr 431 v. Chr. markierte den langsamen Niedergang der Vormachtstellung Athens. 30 Tyrannen übernahmen die Macht. Nach dem Ende des ersten Kriegs gegen Sparta wurde die Demokratie 403 v. Chr. wiederhergestellt. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Athen und Sparta, die erst mit dem Frieden von Sparta im Jahr 371 v. Chr. ein Ende fanden.

Im Inneren setzte sich die kulturelle Blüte fort, vor allem im Bereich der Philosophie, und auch gegen die Interventionen der Obrigkeit. 399 v. Chr. wurde Sokrates zum Tod verurteilt, weil er die Jugend und die Religion verderbe. Sein Schüler Platon begann daraufhin mit der Darstellung des sokratischen Denkens in seinen Dialogen und gründete, wie andere Verehrer Sokrates’, eine eigene philosophische Schule. Neben dieser Entwicklung der Philosophie erlebten vor allem die Rhetorik und die Prosa einen Aufschwung, der in den Werken Isokrates’, Aischines’ und Demosthenes’ seinen Höhepunkt fand. Athen wurde im kulturellen Bereich zum Vorbild für ganz Griechenland und bleib bis zum Aufstieg Roms das bedeutendste geistige Zentrum der bekannten Welt.

Entstehung

Wie bei vielen antiken Schriften kann der Entstehungszeitraum des Gorgias heute nicht mehr genau angegeben werden. Friedrich Schleiermacher ordnete das Werk direkt nach Platons Sizilienreise in die Jahre 387 bis 385 v. Chr. ein. Damit stünde die Schrift am Übergang zwischen Frühphase und Spätwerk. Was das Verhältnis zu Platons anderen Werken betrifft, herrscht die Meinung vor, dass der Gorgias auf den Protagoras folgte und inhaltlich die meisten Bezüge zur Politeia aufweist: Beide behandeln vor allem die Frage nach dem guten und glücklichen Leben. Die Handlung selbst spielt in einer fiktiven Vergangenheit – vor Sokrates’ Tod (399 v. Chr.) und nach dem Tod von Perikles (429 v. Chr.). Die weiteren historischen Bezüge im Text lassen auf keinen eindeutigen Zeitpunkt der Textentstehung schließen.

Ein überaus wichtiger Einfluss für das Werk war die Sophistik, von der sich Platon deutlich distanziert. Vertreten wird diese Richtung im Text durch die historische Figur Gorgias. Platons Kritik an der Sophistik zieht sich durch sein Gesamtwerk. Im Gorgias wird vor allem die zentrale Methode der sophistischen Schule, die Rhetorik, kritisiert.

Wirkungsgeschichte

Platons Gorgias beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrhunderten. Neben der Verdeutlichung der Gedankengänge mithilfe der Logik stand vor allem der dramaturgische Aufbau des Dialogs immer wieder im Fokus der Forschung. Schon in der Antike wurde der Gorgias rege rezipiert – unter anderem beziehen sich Cicero und Marc Aurel auf das Werk. Früh wurde Platons Schrift jedoch auch kritisiert, vor allem im Hinblick auf seine Verurteilung der Rhetorik. In der Spätantike wurden zahlreiche Kommentare zum Gorgias verfasst, von denen allerdings nur wenige erhalten sind. Im neuplatonischen Lehrprogramm der Spätantike, das sich gleichermaßen auf aristotelische und platonische Texte stützte, wurde der Gorgias zur Vermittlung der politischen Tugenden eingesetzt.

Im Mittelalter in Vergessenheit geraten, setzte in Europa erst im 15. Jahrhundert wieder eine Beschäftigung mit dem Werk ein, nachdem es von Leonardo Bruni ins Lateinische übersetzt worden war. Nachgewiesenen Einfluss hatte der Gorgias auf das Werk John Stuart Mills, der sich jedoch in einzelnen Fragen auch deutlich von Platons Argumentation distanzierte. Die Gegenposition des Kallikles wurde als prägender Einfluss für die Philosophie Friedrich Nietzsches gesehen.

Über den Autor

Platon gilt als einer der größten philosophischen Denker aller Zeiten. Zusammen mit seinem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Aristoteles bildet er das Dreigestirn am Morgenhimmel der westlichen Philosophie. Platon wird 427 v. Chr. in Athen geboren, als Sohn des Ariston, eines Nachfahren des letzten Königs von Athen. Da Platon aus aristokratischen Kreisen stammt, scheint eine politische Laufbahn vorgezeichnet. Doch die Politik verliert für ihn schnell an Reiz, als er sieht, wie die oligarchische Herrschaft der Dreißig im Jahr 404 v. Chr. Athen unterjocht. Platon betrachtet die Politik von nun an mit einem gewissen Abscheu, sie lässt ihn aber nie ganz los. Er wird ein Schüler des Sokrates, dessen ungerechte Hinrichtung im Jahr 399 v. Chr. ihn stark prägen wird. Fortan tritt Sokrates als Hauptdarsteller seiner philosophischen Schriften auf: 13 Briefe und 41 philosophische Dialoge sind überliefert. Nach der Verurteilung des Sokrates flüchtet Platon zu Euklid nach Megara (30 Kilometer westlich von Athen). Er reist weiter in die griechischen Kolonien von Kyrene (im heutigen Libyen), nach Ägypten und Italien. 387 v. Chr. kehrt er nach Athen zurück und gründet hier eine Schule: die Akademie. Deren Studienplan umfasst die Wissensgebiete Astronomie, Biologie, Mathematik, politische Theorie und Philosophie. Ihr berühmtester Schüler wird Aristoteles. 367 v. Chr. ergibt sich für Platon die einmalige Möglichkeit, sein in seinem Hauptwerk Der Staat entworfenes Politikideal in die Praxis umzusetzen: Er wird als politischer Berater an den Hof von Dionysios II., dem Herrscher von Syrakus, gerufen. Seine Hoffnungen, diesen in der Kunst des Regierens zu unterweisen, zerschlagen sich jedoch. Platon stirbt um 347 v. Chr. in Athen.


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