Zusammenfassung von Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft

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Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Sprache & Kommunikation
  • Moderne

Worum es geht

Grundlagenwerk der Linguistik

Unsere Sprache ist wirklich erstaunlich: Sie ist ein Erbstück unserer Vorfahren und doch außerordentlich flexibel. Man kann sie hören, sprechen, aufschreiben, lernen, erweitern. Jeder hat seine eigene Sprache und muss zugleich die der anderen verstehen, um sich in der Gemeinschaft zurechtzufinden. Das seltsame Phänomen Sprache erörtert Ferdinand de Saussure in seinen Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. In seinen Vorlesungen suchte er nach möglichen Zielen, Gegenständen und Methoden einer Disziplin, der Linguistik, die damals noch in den Kinderschuhen steckte und sich allein mit der Sprache beschäftigte: Wie entstehen Dialekte? Warum sind Sprachen immer eine Mischung aus Chaos und wohlgeordnetem System? Woher kommen Begriffe wie „Karfunkel“? Was hat unser Deutsch mit Indien zu tun? Ferdinand de Saussure nimmt uns mit auf eine Reise durch die verschiedenen Gebiete der Sprachwissenschaft und liefert zum Teil bis heute gültige Antworten auf einige hoch spannende Fragen.

Take-aways

  • Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft ist eines der bedeutendsten Werke der Linguistik, als deren Begründer Ferdinand de Saussure gilt.
  • Inhalt: Die allgemeine Sprachwissenschaft geht synchronisch (sie untersucht den Sprachzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt) oder diachronisch (sie untersucht die Sprache in ihrer historischen Entwicklung) vor. Beide Richtungen haben jeweils ihre eigenen Methoden und Begriffe, über die man sich im Klaren sein muss, bevor man Sprache wissenschaftlich erforschen kann.
  • Das Werk beruht auf Vorlesungen, die der Indogermanist de Saussure zwischen 1906 und 1911 in Genf hielt.
  • Er hatte sich schon Jahre zuvor intensiv mit dem Thema beschäftigt, jedoch nie Schriften dazu veröffentlicht.
  • Zwei seiner Schüler rekonstruierten den Inhalt der Vorlesungen aus den Mitschriften anderer Studenten; de Saussure selbst hinterließ keine Aufzeichnungen.
  • Manche von de Saussures Grundfragen haben seit der Antike Denker beschäftigt.
  • De Saussures Theorie wurde zur Grundlage des Strukturalismus.
  • Die Forschung setzt sich noch immer intensiv mit de Saussures Werk auseinander.
  • Manche Autoren sprechen von dem „saussureschen Schnitt“, der die Geschichte der Linguistik in zwei Hälften teilt.
  • Zitat: „Die Sprache an und für sich selbst betrachtet ist der einzige wirkliche Gegenstand der Sprachwissenschaft.“
 

Zusammenfassung

Was ist Sprachwissenschaft?

Ehe die Sprachwissenschaft zu dem wurde, was sie heute ist, durchlief sie drei Phasen: die der Grammatik, die sich mit Regeln des richtigen und des falschen Ausdrucks beschäftigte; die der Philologie, die Texte aus verschiedenen Epochen miteinander verglich; und die der vergleichenden Grammatik. In dieser dritten Phase, die Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, verglichen die sogenannten Junggrammatiker verschiedene Sprachen vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Entwicklung, vor allem die romanischen und die germanischen Sprachen. Dabei blieben jedoch viele Grundfragen ungeklärt.

„Der konkrete Gegenstand unserer Wissenschaft ist (…) das im Gehirn eines jeden Einzelnen niedergelegte soziale Produkt, das heißt die Sprache.“ (S. 27 f.)

Die Sprachwissenschaft hat die tatsächlich gesprochenen Sprachen zum Gegenstand. Sie untersucht die Sprachfamilien und findet heraus, welche Grundsprache deren Mitglieder gemein haben. Sie sucht nach allgemeinen Gesetzen in der Sprachgeschichte. Vor allem muss sie aber ihr eigenes Aufgabengebiet definieren. Sprache muss unterschieden werden vom physischen Vorgang des Sprechens, hat also zunächst einmal nichts mit Schallwellen zu tun oder mit unserer Fähigkeit, Laute zu bilden und zu hören. Sprache umfasst vielmehr die Zusammenhänge zwischen Lauten und Vorstellungen, die sogenannten Wortbilder, die eine soziale Gruppe jeweils „gespeichert“ hat und die sich durch geschriebene Zeichen festhalten lassen. Sprachwissenschaft hat an ihren Rändern Kontakt zu vielen anderen Wissenschaften, zum Beispiel zur Ethnologie, zur politischen Geschichte oder zur Literaturwissenschaft. In ihrem Innern ist sie jedoch eine klar abgegrenzte und für sich zu betreibende Wissenschaft, die sich mit dem System der Sprache und seinen Spielregeln beschäftigt.

Schrift und Sprache

Aus früheren Epochen liegen uns nur schriftliche Sprachzeugnisse vor. Diese muss man untersuchen, um etwas über die Sprache jener Zeit in Erfahrung zu bringen. Die Schrift ist dabei nur ein Hilfsmittel, und es ist ein Fehler, ihr den Vorrang vor der Sprache einzuräumen. Wichtig ist es festzuhalten, dass sich Schrift und Sprache selten komplett parallel entwickeln. Wenn sich Laute schneller verändern als die Zeichen, die für sie stehen, oder wenn ein Volk ein Alphabet von einem anderen Volk übernimmt, kommt es zu Ungenauigkeiten. Dann können etwa mehrere Zeichen den gleichen Laut ausdrücken oder es gelten keine klaren Regeln für Schreibweisen.

„Das sprachliche Zeichen vereinigt in sich nicht einen Namen und eine Sache, sondern eine Vorstellung und ein Lautbild.“ (S. 77)

Die genannten Probleme können dank der Hilfswissenschaft der Phonetik gelöst werden. Sie ermöglicht eine eindeutige Zuordnung von Lauten zu Schriftzeichen. Die Elemente, aus denen gesprochene Lautreihen zusammengesetzt sind, sind die Phoneme. Sie lassen sich klassifizieren hinsichtlich der Art, wie die Laute entstehen, zum Beispiel anhand des Grads der Mundöffnung (von den sogenannten Verschlusslauten mit dem Öffnungsgrad 0 bis zum Vokal a mit dem Öffnungsgrad 6). Die Sprachforschung untersucht, wie Phoneme miteinander kombiniert werden. Bei der sogenannten Implosion etwa hat das zweite Phonem einer Lautkombination einen geringeren Öffnungsgrad als das erste; bei der Explosion ist es umgekehrt. Implosion und Explosion können in unterschiedlichen Variationen aneinandergereiht sein. Silben trennen wir dort, wo auf eine Implosion eine Explosion folgt.

Das sprachliche Zeichen

Ein Lautbild und eine Vorstellung ergeben zusammen ein sprachliches Zeichen. Beide Bestandteile sind psychischer Natur. Das Lautbild besteht unabhängig davon, ob es tatsächlich ausgesprochen wird. Der Begriff „Zeichen“ umfasst also eine Kombination aus einem Bezeichneten (Vorstellung) und einem Bezeichnenden (Lautbild). Sprachliche Zeichen haben mehrere bemerkenswerte Eigenschaften: Erstens sind sie beliebig; die gleiche Vorstellung kann mit den unterschiedlichsten Lautbildern verbunden sein – zum Beispiel in verschiedenen Sprachen. Zweitens sind sie linear; sie werden zeitlich in einer Kette angeordnet und stehen nicht, wie Sichtzeichen, gleichzeitig nebeneinander.

„Die Sprache ist von allen sozialen Einrichtungen diejenige, welche am wenigsten zur Initiative Gelegenheit gibt. Sie gehört unmittelbar mit dem sozialen Leben der Masse zusammen, und diese ist natürlicherweise schwerfällig und hat vor allem eine konservierende Wirkung.“ (S. 86)

Aus der Beliebigkeit folgt nicht, dass man frei wählen kann, welches Wort man benutzt – man muss sich an die Regeln seiner Sprachgemeinschaft halten, die über die Epochen vererbt wurden. Zugleich ändert sich die Sprache ständig. Die Verbindungen zwischen Lautbild und Vorstellung verschieben sich, und dieser Verschiebung sind – weil das Zeichen beliebig ist – kaum Grenzen gesetzt.

Zwei Arten von Sprachwissenschaft

Man kann den Stängel einer Pflanze entweder längs oder quer aufschneiden; je nach Schnitt bietet sich ein anderes Bild, an dem jeweils verschiedene Dinge über den Aufbau des Stängels abgelesen werden können. Genauso verhält es sich mit der Sprache. Deshalb gibt es zwei Arten von Sprachwissenschaft, die verschiedene Methoden und Ziele haben. Die synchronische Sprachwissenschaft untersucht sprachliche Phänomene zu einem bestimmten Zeitpunkt, quasi als aktuellen Querschnitt. Die diachronische Sprachwissenschaft beschäftigt sich hingegen mit dem Längsschnitt, also mit der Entwicklung von Sprache entlang eines Zeitpfeils. Nach dieser Aufteilung gibt es synchronische Tatsachen („Gäste“ ist der Plural von „Gast“) und diachronische Tatsachen („Gäste“ hat sich aus dem althochdeutschen „gasti“ entwickelt).

Synchronische Sprachwissenschaft

Die synchronische oder statische Form der Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit einem Zustand, also einem festen zeitlichen Ausschnitt einer Sprache. Sie beinhaltet die allgemeine Grammatik und bezieht sich meist auf ein festes räumliches Gebiet. Die konkreten sprachlichen Tatsachen, die sie erforscht, sind abgegrenzte Einheiten, die sich aber nur sehr schwer klar definieren lassen. Der Einfachheit halber kann man sagen, dass es die Wörter sind.

„Keine Sprache kann sich der Einflüsse erwehren, welche auf Schritt und Tritt das Verhältnis von Bezeichnetem und Bezeichnendem verrücken. Das ist eine Folge der Beliebigkeit des Zeichens.“ (S. 89)

Wir nutzen Zeichen, um unser Denken zu ordnen und Vorstellungen voneinander abzugrenzen. Die Sprache verbindet Laute und Vorstellungen zu Einheiten, den Zeichen, und erlaubt damit eine präzise Gliederung. In der Sprache hängt alles von den Beziehungen der Elemente zueinander ab. Es gibt zwei Arten von Beziehungen: syntagmatische und assoziative. Im ersten Fall reihen sich Wörter aneinander und erhalten durch die vorhergehenden und folgenden ihren Wert oder ihre Geltung. Die Art und Weise, wie Wörter oder Wortbestandteile aneinandergereiht werden, ist durch Regeln festgelegt. Im zweiten Fall ruft ein Wort Assoziationen zu anderen Wörtern hervor, die im geäußerten Satz nicht vorkommen, die aber unser Gedächtnis hinzufügt. Beide Arten von Abhängigkeiten sind beim Gebrauch von Sprache durchweg aktiv.

„Die synchronische Sprachwissenschaft befasst sich mit logischen und psychologischen Verhältnissen, welche zwischen gleichzeitigen Gliedern, die ein System bilden, bestehen, so wie sie von einem und demselben Kollektivbewusstsein wahrgenommen werden.“ (S. 119)

Manche Wörter sind völlig beliebig (zum Beispiel das Wort „elf“), andere relativ motiviert, das heißt, sie sind Anreihungen (etwa das Wort „drei-zehn“) und sie lassen Assoziationen zu anderen, ähnlichen Wörtern zu („vier-zehn“). Mit diesen beiden Mechanismen bringt unser Geist Ordnung in das System beliebiger Zeichen. Jede Sprache bewegt sich zwischen den beiden Extremen der völligen Motiviertheit und der völligen Unmotiviertheit. Die Sprachen, die dem ersten Extrem näher sind, nennt man grammatikalisch (zum Beispiel Sanskrit), diejenigen, die sich eher dem zweiten Extrem nähern, lexikologisch (zum Beispiel Chinesisch).

Diachronische Sprachwissenschaft

Die diachronische Sprachwissenschaft untersucht, wie sich ein Zeichen von einem Zeitpunkt zum anderen verändert. Im Lauf der Zeit können sich einerseits die Laute, andererseits auch die Bedeutungen der Wörter ändern. Wenn sich ein Laut ändert, ist dies zunächst ein einzelnes Ereignis – in der Folge wird die Veränderung jedoch auf alle Wörter übertragen, in denen der Laut vorkommt. So wurde aus dem Niederhochdeutschen ī ein ei, und zwar überall. Die Lautveränderung ist entweder spontan und unabhängig von anderen Faktoren oder kombinatorisch: Dann sind auch andere Buchstaben oder Phoneme beteiligt (aus a wurde e, wenn in der nächsten Silbe ein i steht). Grundsätzlich sind Lautveränderungen unvorhersehbar.

„Die Sprache hat (…) die merkwürdige und überraschende Eigenschaft, keine im ersten Augenblick greifbaren Tatsachen darzubieten, und doch kann man nicht daran zweifeln, dass solche bestehen und dass es bei der Sprache gerade auf ihr Zusammenspiel ankommt.“ (S. 127)

Hat sich ein Laut verändert, setzt er eine Entwicklung in Gang. Die Verbindung zwischen Laut und Vorstellung und jene zu anderen Elementen wird gelockert. So kann man zum Beispiel nicht mehr erkennen, dass zwei Wörter den gleichen Ursprung haben (wie im Französischen „dix“ und „onze“, die auf „decem“ und „undecim“ zurückgehen). Oder die ehemals unterscheidbaren Teile fließen zusammen und sind nicht mehr erkennbar („Dritt-teil“ wird zu „Drittel“). Die Lautveränderung kann auch ganze Gruppen von Wörtern und sehr regelmäßig einen Teil in diesen Wörtern betreffen: „beißen – biss“, „leiden – litt“ usw. Diesen Vorgang nennt man Alternation.

„In der Tat beruht das ganze System der Sprache auf dem irrationalen Prinzip der Beliebigkeit des Zeichens, das ohne Einschränkung angewendet, zur äußersten Kompliziertheit führen würde (…).“ (S. 158)

Lauter zufällige Lautveränderungen würden die Sprache kompliziert und chaotisch werden lassen. Deswegen gibt es die Gegenbewegung, dass per Analogie neue Formen gebildet werden. So haben sich im Deutschen im Begriffspaar „Gast – Gäste“ die Laute verändert. Per Analogie wurde dieses Verhältnis auf „Kranz – Kränze“ übertragen. Daneben sind vollständige Neuschöpfungen möglich: Ein neues Wort wird in Analogie zu bestehenden Begriffen gebildet. Im Gegensatz zur unbewussten Lautveränderung beruht die Umgestaltung per Analogie auf einer Interpretation des vorhandenen Materials im Sprachschatz. Nur die wenigsten solchen Schöpfungen werden fest in die Sprache aufgenommen, doch sind es genug, um einer sprachlichen Epoche ein ganz eigenes Gesicht zu geben.

„Die Sprache ist ein Kleid, das besetzt ist mit lauter Flicken, die aus seinem eigenen Stoff genommen sind. (…) Die überwiegende Mehrzahl der Wörter sind auf die eine oder andere Weise neue Kombinationen von Lautbestandteilen, die von älteren Formen losgerissen wurden.“ (S. 205)

Von der Analogie zu unterscheiden ist die sogenannte Volksetymologie, die Wörter auf der Grundlage einer falschen Auslegung entstellt (aus „carbunculus“ wurde „Karfunkel“, weil man es fälschlicherweise mit „funkeln“ in Verbindung gebracht hat). Eine weitere Art der Veränderung ist die Agglutination: Zwei Ausdrücke, die häufig zusammen benutzt werden, verschmelzen zu einer neuen Einheit (aus „jeder Mann“ wird „jedermann“). Im Gegensatz zur Analogie bezieht sie sich immer auf ein einzelnes Wortpaar und verläuft unbeabsichtigt.

Geografische Sprachwissenschaft

Sprachen sind immer an geografische Gebiete gebunden und lassen sich sowohl auf ihre Verschiedenheiten als auch auf ihre Ähnlichkeiten hin untersuchen. Ähnlichkeiten stammen fast immer daher, dass die betreffenden Sprachen der gleichen Sprachfamilie angehören und sich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen lassen. Hat man es mit eher geringen Abweichungen zu tun, spricht man von Dialekten.

„Die Abgrenzungen der Sprachen sind, ebenso wie die der Dialekte, unscharf, da sie von den Übergangserscheinungen, die sich in verschiedenartigen Neuerungswellen ausgebreitet haben, bald von dieser, bald von jener Seite her, gewissermaßen überspült sind.“ (S. 244)

Unter normalen Bedingungen breiten sich sprachliche Änderungen in Wellen aus, die unterschiedlich weit reichen. Das führt dazu, dass sich Gruppen, die im gleichen Sprachraum weit voneinander entfernt leben, nach einigen Hundert Jahren nicht mehr verstehen, während die benachbarten Gebiete sich weiterhin im Dialekt ähneln. Es gibt also für Dialekte keine klaren Grenzen – lediglich die Verbreitung einer bestimmten Veränderung (etwa: aus u wird ü) lässt sich geografisch nachverfolgen. Dasselbe gilt für Sprachen insgesamt: In Grenzgebieten gibt es immer Misch- und Übergangsformen. Gegenseitige Beeinflussung von Sprachgruppen wird durch zwei entgegengesetzte Bewegungen reguliert: den Austausch durch Verkehr und Handel auf der einen und den Heimatsinn, der die eigene Sprache bewahren will, auf der anderen Seite. So kann es vorkommen, dass sich eine sprachliche Neuerung von ihrer Quelle aus rasend schnell verbreitet, während andere sofort von den Nachbarn erstickt werden.

Retrospektive Sprachwissenschaft

Der diachronischen Sprachwissenschaft stehen zwei Methoden zur Verfügung: Sie kann in der Geschichte vorwärtsgehen und untersuchen, wie sich zum Beispiel einzelne Ausdrücke verändern, oder sie kann zurückgehen und über Gemeinsamkeiten in zwei verwandten Sprachen einen gemeinsamen Ursprung rekonstruieren. Dieses retrospektive Verfahren haben Forscher auf das Urgermanische angewendet, indem sie die Gemeinsamkeiten zwischen dem Sanskrit und den europäischen Sprachen untersucht und die gemeinsame Wurzel rekonstruiert haben. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen nicht darauf abzielen, eine Sprache so zu rekonstruieren, dass man sie wieder sprechen könnte. Vielmehr ist und bleibt Ziel und Hauptgegenstand der Sprachwissenschaft genau das, was ihr Name sagt: die Erforschung der Sprache.

Zum Text

Aufbau und Stil

Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft beruht auf Vorlesungen de Saussures und richtet sich somit an Leser, die gewisse Vorkenntnisse in der Linguistik besitzen. Da der Autor aber im Wesentlichen eine Einführung in ein noch neues Forschungsgebiet bietet, nimmt er, unter anderem durch Definitionen, auch Leser mit geringen Vorkenntnissen mit. Die wissenschaftliche Sprache mit zahlreichen Fachbegriffen erfordert eine konzentrierte Lektüre. Viele Beispiele und detaillierte Erklärungen helfen dem interessierten Laien, das spannende Feld der modernen Sprachwissenschaft kennenzulernen. Die klare und verständliche Form, in die de Saussure die komplexen Grundlagen der Linguistik bringt, gilt bis heute als die große Stärke des Werks. Bei aller strukturierten Vorgehensweise bleibt jedoch immer auch Raum für kleine Seitenhiebe gegen Vordenker und Fachkollegen: „Wenn man Bopp und seine Schüler liest, könnte man glauben, dass die Griechen seit unvordenklichen Zeiten eine Last von Wurzeln und Suffixen mit sich herumgeschleppt hätten.“ Diese Äußerungen lockern die ansonsten eher trockene Abhandlung auf.

Interpretationsansätze

  • Ferdinand de Saussures Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft gilt als Gründungsschrift der Linguistik als eigenständiger Wissenschaft, die sich erstmals klare Ziele setzt und sich deutlich von anderen Disziplinen abgrenzt. Ihre Aufgabe ist es demnach, alle bekannten Sprachen und deren Geschichte zu erforschen und die innerhalb dieser Sprachen wirksamen Gesetze abzuleiten.
  • Da Sprache ein soziales Phänomen ist, berührt die Sprachwissenschaft andere Felder wie Psychologie, Soziologie oder Philologie. De Saussure betont aber, dass es die Sprachwissenschaft als eigenständige Disziplin braucht, damit kursierende Missverständnisse bezüglich der Sprache ausgemerzt werden können.
  • Sprachen sind ständig in Bewegung und der Sprachforscher hat gemäß de Saussure den aktuellen Stand ohne Vorurteile zu untersuchen. Diesem Anspruch wird de Saussure selbst nicht immer gerecht – etwa wenn er bestimmte volksetymologische Veränderungen als „Verunstaltungen“ bezeichnet.
  • Es bestehen Parallelen zwischen de Saussures Theorie und der zu seiner Zeit populären Gestaltpsychologie. Grundannahme dieser Theorie ist, dass der Kontrast zwischen den Teilen und dem Ganzen, etwa der Figur vor einem Hintergrund, menschliche Erkenntnis erst möglich macht. Dieser Ansatz findet sich auch in de Saussures synchronischer Sprachwissenschaft.
  • Die Sprachwissenschaft ist für de Saussure der Semiologie untergeordnet – der Wissenschaft von den Zeichen, heute Semiotik genannt. In den Grundfragen wird erläutert, dass diese Wissenschaft erst noch begründet werden muss. Andere Gebiete wie die Phonetik, die Grammatik oder die Lexikologie sind dagegen der Sprachwissenschaft untergeordnete Hilfswissenschaften.
  • Einige von de Saussures Überlegungen sind schon seit der Antike ein Thema: So unterschied bereits Aristoteles die Dinge von den Vorstellungen und den Lauten, die sie bezeichnen. Platon beschäftigte sich mit der Frage, ob es von Natur aus Bezeichnungen gibt oder ob die Menschen diese per Übereinkunft festlegen.

Historischer Hintergrund

 

  • *Die Schweiz zur Jahrhundertwende

**Wie in vielen anderen europäischen Staaten war das 19. Jahrhundert auch in der Schweiz von zunehmender Industrialisierung geprägt. Mit der Bundesverfassung von 1848 erklärte sich die Schweiz zum parlamentarischen Bundesstaat. Damit wurde aus dem bisherigen Staatenbund ein einheitlicher Wirtschaftsraum ohne Binnenzölle. Neben radikalen und konservativen Kräften entstand die sogenannte demokratische Bewegung, die sich für die Einführung der direkten Demokratie einsetzte und infolge der Industrialisierung und der damit einhergehenden sozialen Frage regen Zulauf erhielt. 1874 wurde die Bundesverfassung überarbeitet und um direktdemokratische Elemente erweitert.

In Auseinandersetzung mit dem Katholizismus („Kulturkampf“) wurde in dieser Zeit auch die Rolle der Kirche in einem säkularen Staat zum Thema: Eine neue, christkatholische Kirche wurde gegründet, der Jesuitenorden verboten und die vollständige Glaubensfreiheit gewährt.

Unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung kam es zur Neugründung von Parteien, unter anderem der heutigen Sozialdemokratischen Partei. Mit dem Ausbau der Eisenbahn wurde die Industrialisierung weiter vorangetrieben, vor allem die Textilindustrie. Dennoch verarmten große Teile der Bevölkerung und sahen sich zur Auswanderung gezwungen. Aufgrund der Landflucht wuchsen die Städte rasant. Internationale Bedeutung erhielt die Schweiz mit der Formulierung der Genfer Konvention 1868 und der Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

Entstehung

Ferdinand de Saussure hielt im Rahmen seiner Lehrtätigkeit als Indogermanist an der Genfer Universität von 1906 bis 1911 drei Vorlesungsreihen als Einführung in die Sprachwissenschaft. Angeblich tat er dies unwillig und nur, weil die Veranstaltung in seinem Vertrag vorgeschrieben war.

Nach seinem Tod beschlossen seine Schüler Charles Bally und Albert Sechehaye, dass unbedingt auch andere in den Genuss von de Saussures Ausführungen kommen sollten. De Saussure hatte allerdings keine Aufzeichnungen hinterlassen, sodass die beiden in mühevoller Detailarbeit die Vorlesungen aus den Mitschriften anderer Studenten rekonstruieren mussten. Die Herausgeber waren sich der daraus erwachsenden Probleme durchaus bewusst, nahmen eventuelle Ungenauigkeiten aber in Kauf.

De Saussure hat zwar vor und nach seiner Vorlesungsreihe keine Schriften zum Thema Sprachwissenschaft veröffentlicht, doch aus Briefen ist bekannt, dass er sich seit mindestens Mitte der 1890er-Jahre intensiv mit den Grundlagen einer allgemeinen Sprachwissenschaft beschäftigte. 1996 wurde ein Manuskript gefunden, das bereits 1891 entstanden sein soll und sich mit sprachwissenschaftlicher Methodik beschäftigt.

Ende des 19. Jahrhunderts waren solche Fragen ein Trendthema. Daher ist kaum genau anzugeben, welche Einflüsse auf de Saussure gewirkt haben. Exemplarisch zu nennen sind Vertreter der sogenannten vergleichenden Grammatik wie Franz Bopp und Max Müller, die Linguisten William Dwight Whitney, Jan Baudouin de Courtenay und Georg von der Gabelentz sowie der Gesellschaftswissenschaftler Émile Durkheim.

Wirkungsgeschichte

Ferdinand de Saussure gilt heute als Vordenker des Strukturalismus und seine Grundfragen als eine der einflussreichsten Schriften der modernen Sprachwissenschaft. Sein Einfluss ist so weitreichend, dass manche Autoren vom „saussureschen Schnitt“ sprechen, der die Geschichte der Linguistik in zwei Hälften teilt. Auch die Tatsache, dass sich nach seinem Tod gleich zwei Saussure-Schulen (in Paris und Genf) gebildet haben, zeigt seine ungeheure Wirkung.

Die neuen Zentren der Linguistik wurden zwar bald Kopenhagen und Prag, doch auch dort war de Saussures Einfluss spürbar: Während in der Prager Schule um Roman Jakobson die Phonologie und die Verbindung der Sprachforschung mit der Gestaltpsychologie im Vordergrund standen, entwickelte der Kopenhagener Kreis um Louis Hjelmslev eine umfassende Sprachtheorie, die Glossematik.

Der Begriff „Strukturalismus“ wurde erst Jahre nach de Saussure von Roman Jakobson geprägt und dann als Gedankenmodell auf ganz verschiedene Bereiche übertragen. Claude Lévi-Strauss übertrug den strukturalistischen Grundgedanken auf die Ethnologie. In den 1960er-Jahren griffen Denker wie Gilles Deleuze, Michel Foucault und Jacques Derrida diese Ideen auf und entwickelten sie weiter.

De Saussures immenser Einfluss wurde von dem amerikanischen Linguisten Leonard Bloomfield 1923 auf den Punkt gebracht: „Er hat uns die theoretische Grundlage für eine Wissenschaft von der menschlichen Sprache gegeben.“

Über den Autor

Ferdinand de Saussure wird am 26. November 1857 in Genf geboren. Sein Vater Henri de Saussure ist Geologe und setzt damit die Familientradition fort: Auch der Großvater und Urgroßvater waren Naturforscher. Ferdinand de Saussure interessiert sich schon als Schüler für linguistische Fragen. Er studiert in Paris, in Genf und schließlich in Leipzig. Dort konzentriert er sich auf die Indogermanistik – ein Gebiet, auf dem er sich bald Verdienste erwirbt und dem er bereits als 21-jähriger Student eine Schrift widmet: In Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européennes (1879) postuliert er die Existenz sogenannter Laryngale und schafft damit die Grundlage für viele weitere indogermanistische Forschungen, vor allem zum Hethitischen, das vier Jahre nach de Saussures Tod entdeckt wird. 1882 heiratet er Marie Faesch, die aus einer wohlhabenden Familie stammt und das Schloss Vufflens mit in die Ehe bringt. De Saussure lehrt im Anschluss an seine Promotion in Paris, wo spätere bekannte Sprachforscher wie Antoine Meillet seine Vorlesungen hören. 1891 geht er nach Genf. Dort hat er bis zu seinem Tod eine Professur für Geschichte und Sprachen inne. In den Jahren von 1906 bis 1911 hält er hier seine berühmten Vorlesungen, die nach seinem Tod als Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (Cours de linguistique générale, 1916) veröffentlicht werden. De Saussure stirbt am 22. Februar 1913 auf Schloss Vufflens.


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