Zusammenfassung von Italienische Reise

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Italienische Reise Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Reiseliteratur
  • Weimarer Klassik

Worum es geht

Reise an einen Sehnsuchtsort

Das Missverständnis liegt nahe. Wie auch sollte man ein Buch mit dem Titel Italienische Reise nicht für eine Reisebeschreibung halten? Oder für ein Buch über Italien? Doch beides trifft nur begrenzt zu: Die Italienische Reise ist vor allem ein Buch über Goethe. In der Erstausgabe firmierte jene bunte Mischung aus Tagebucheinträgen, Briefen und Berichten ja auch noch unter dem Übertitel „Aus meinem Leben“, machte also keinen Hehl aus ihrer autobiografischen Natur. Goethes Italien ist ein Sehnsuchtsort, die Heimat alles Schönen. Das klassizistische Ideal lässt sich ein Goethe durch nichts verderben. Man mag sich daher versucht fühlen, das Werk als Negativschablone dessen zu lesen, was darin großzügig ausgelassen wird: die Menschen, denen er auf seiner Reise doch begegnet sein muss, ihr Alltag, ihre Sorgen und Nöte, die politische und soziale Wirklichkeit also. Stattdessen: hehre Kunstbetrachtung, geologische Studien, viel Zeichnen, Dichten und Sinnen eines Unerreichten, Unerreichbaren.

Take-aways

  • Goethes Italienische Reise ist eine der berühmtesten Reisebeschreibungen der Literaturgeschichte.
  • Inhalt: Der 37-jährige Goethe reist inkognito nach Italien, wo er fast zwei Jahre lang bei geologischen und botanischen Studien, bei Kunst- und Antikenbetrachtung, zeichnend, forschend, dichtend und philosophierend das süße Leben genießt und dabei zu sich selbst findet.
  • Die Aufzeichnungen gehen auf eine Reise zurück, die Goethe von 1786 bis 1788 unternahm.
  • In den folgenden 30 Jahren fügte er Tagebucheinträge, Briefe und weitere Dokumente zu einem großen Ganzen zusammen.
  • Die Reise nach Italien markiert die Entscheidung des vielseitig Begabten, sich auf die Dichtkunst zu konzentrieren.
  • Das im Buch erwähnte, von seinem Gefährten Tischbein erstellte Bildnis des Dichters gilt heute als das Goetheporträt schlechthin.
  • In Italien stellte Goethe seine später von ihm verworfene Theorie einer Urpflanze auf, von der alle anderen Pflanzen abstammen.
  • Bildungsreisen nach Italien waren damals eine regelrechte Mode. Schon Goethes Vater hatte sie als 30-Jähriger unternommen.
  • Goethe zeichnet im Buch ein idealisiertes Italienbild und vernachlässigt die soziale Realität.
  • Zitat: „Wenn ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an, wie neu erzogen zu sein."
 

Zusammenfassung

Abreise

Am 3. September 1786, kurz nachdem Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe in Karlsbad mit Freunden seinen 37. Geburtstag gefeiert hat, stiehlt er sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion davon. Es ist drei Uhr früh, als er die Postkutsche gen Süden besteigt, getrieben von einer Sehnsucht nach Italien, die sich jahrelang aufgestaut hat. Über Zwota und Regensburg geht’s zunächst nach München, wo es neblig und kühl ist. Goethe besucht das Museum, sieht einiges an Antiken und bedeutender Kunst – ein Vorgeschmack. Doch noch fremdelt er; sein Kunstsinn muss sich erst weiten. Bei Tagesanbruch macht er sich auf den Weg Richtung Innsbruck. Die Sonne zeigt sich und es wird allmählich bergig. Unterwegs treibt Goethe immer wieder geologische Studien. Zwar hat er sich vorgenommen, keine Gesteinsproben mitzuschleppen, doch es kostet ihn Überwindung, sich an den Vorsatz zu halten. Er erreicht Tirol und in rasanter Fahrt geht es hinunter ins Inntal; der Kutscher hat es eilig, er will pünktlich zur Abendmesse in Innsbruck sein.

Über den Brenner, das Tor zum Süden

In alpinen Gegenden bestimmt Goethe allerlei Gewächse am Wegrand: Enzian, Zirbelkiefern, Lärchen. Den Brenner hinab geht’s dann im Mondschein. Der Kutscher ist eingeschlafen, zum Glück kennen die Pferde den Weg. An der Stadt Brixen zieht man vorbei, erst in Bozen macht man Station. Dort ist Messe. Goethe erfreut sich am bunten Treiben der Kaufleute. Gerne würde er verweilen, doch fühlt er sich vorangetrieben, der Erfüllung seiner Sehnsucht entgegen. Von Bozen aus wird Trient angesteuert. Unterwegs frohlockt Goethe: Die ersten Weinberge künden unmissverständlich von wärmerem Klima, die Sonne scheint, Obstbäume sind in voller Frucht, die Männer tragen das Hemd offen, Grillengesang verzaubert das Gemüt. Goethe wird heimatlich zumute, als wäre er ein verlorenes Kind des Südens.

Verona

Am 11. September ist es so weit: Goethe betritt italienischen Boden. Ab Rovereto ist die Amtssprache Italienisch. Goethes Sprachkenntnisse werden bald auf die Probe gestellt: Bei Malcesine nutzt er eine Pause dazu, das dortige Schloss zu zeichnen, die Grenzfeste zur Republik Venedig. Damit erregt er Verdacht, man hält ihn für einen österreichischen Spion. Nach langem Palaver kann er wieder seiner Wege gehen. Ab Bardolino reist man auf Maultieren weiter und erste Zitronenbäume tauchen auf. Am 14. September erreicht Goethe Verona. Er ist inzwischen seinem Vorsatz untreu geworden: Zahlreiche Gesteinsproben, u. a. Marmor vom Brennerpass, belasten sein Reisegepäck. In Verona sieht er zum ersten Mal ein echtes antikes Monument: ein römisches Amphitheater. Er ist aber etwas enttäuscht und meint, so völlig leer, ohne Volksmassen, habe es seine Wirkung verloren.

Venedig

In der Gegend von Verona hat der Architekt Andrea Palladio gewirkt. Goethe bekommt etliche Exempel seiner Baukunst zu Gesicht und ist hellauf begeistert. Sogleich kauft er sich den vierbändigen Architekturführer des Meisters. Prägend ist auch der Besuch im botanischen Garten zu Padua. Dort staunt der Geheimrat über die vielen exotischen Gewächse und stellt philosophische Betrachtungen an. Schließlich gelangt er zu der kühnen Hypothese, dass möglicherweise alle heutigen Pflanzen von einer einzigen Urpflanze abstammen. Der Gedanke lässt ihn nicht mehr los. Auf dem Turm des Paduaner Observatoriums stehend, erblickt er am Horizont sein nächstes Ziel: Venedig.

„Früh drei Uhr stahl ich mich aus Carlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte (...) Ich warf mich, ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Post-Chaise und gelangte halb acht Uhr nach Zwota, an einem schönen stillen Nebelmorgen.“ (S. 11)

In der Lagunenstadt bringt er fast drei Wochen zu, genießt Architektur, Kunst, Musik und Theater, lauscht dem nächtlichen Wechselgesang der Gondolieri und erblickt schließlich am Lido zum ersten Mal in seinem Leben das Meer. Das Herz geht ihm auf: Welche Farben! Welches Licht! Einst hat ihm sein Vater von eigenen Venedig-Erfahrungen berichtet und ihm gar eine Miniatur-Gondola mitgebracht, ein lieb gewonnenes Spielzeug. Goethe wähnt sich in seine Kindheit zurückversetzt. Nun stürzt er sich ins Getümmel, verirrt sich im Gassenlabyrinth, kauft sich einen Stadtplan, lässt sich mit der Gondel umherfahren und wandelt auf den Spuren seines neuen Lieblingsarchitekten. Er bestaunt das prächtige Staatsschiff des Dogen, lauscht einem Märchenerzähler, wohnt einer öffentlichen Gerichtsverhandlung bei und sieht im Theater ein Maskenstück. Im italienischen Gemüt, so bemerkt er, gehen Theater und Leben fließend ineinander über.

Rom

Doch Venedig ist bloß ein Zwischenhalt auf dem Weg nach Rom. In Windeseile hakt Goethe die restlichen Stationen ab: Ferrara, Cento, Bologna, Logano, Giredo, Perugia, Florenz ... In Bologna sieht er immerhin seinen ersten Raffael, ein Bild der Heiligen Cäcilie, und ist völlig begeistert. Auch ein altrömisches Aquädukt bei Perugia beeindruckt ihn. Am 29. Oktober durchfährt Goethe die Porta del Popolo und erreicht damit die Ewige Stadt. Jetzt erst schreibt er nach Hause und lüftet das Geheimnis seines Verbleibs. Dann macht er sich daran, sich die Stadt anzuschauen. Er will aber inkognito bleiben und stellt sich daher unter falschem Namen vor. Relativ unverbindlich schließt er sich der deutschen Künstlergemeinde an.

„Es ist mir wirklich auch jetzt nicht etwa zu Mute, als wenn ich die Sachen zum erstenmal sähe, sondern als ob ich sie wiedersähe.“ (S. 105 f.)

Besonders mit dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein versteht er sich gut. Außerdem freundet er sich mit der Malerin Angelika Kauffmann, dem Kunsthistoriker Heinrich Meyer, dem Kunstliebhaber und Hofrat Johann Friedrich Reiffenstein und dem Schriftsteller Karl Philipp Moritz an. Sie alle sind verrückt nach Kunst. Gemeinsam besichtigen sie den Petersdom, die Sixtinische Kapelle, den Apollo von Belvedere, das Kolosseum, die Via Appia, das Pantheon, die Aqua Claudia. Die Überfülle bedeutender Kunstwerke und Gebäude aus zwei Jahrtausenden ist beinahe erdrückend. Goethe gerät in einen regelrechten Rausch. Dabei hat er sich auch noch Arbeit vorgenommen: Eine Goethe-Werkausgabe soll erscheinen; es gilt, ältere Stücke umzuarbeiten, von Prosa in Verse zu übertragen, Liegengebliebenes zu vollenden. Den Anfang macht Goethe mit dem Drama Iphigenie auf Tauris. Es wird Anfang Januar fertiggestellt.

Vorstoß in die bildende Kunst

So vergeht die Zeit über Kunstbetrachtungen und antiken Studien. Inzwischen hat Goethe einen Ehrgeiz als bildender Künstler entwickelt: Er will das Zeichnen lernen. Einmal begibt sich die ganze Gesellschaft für ein paar Tage aufs Land, nach Frascati, wo unter Reiffensteins Leitung gemeinsam gezeichnet, aquarelliert und gefachsimpelt wird. Freund Tischbein, der hinsichtlich Goethes Identität zu den Eingeweihten gehört, fasst das Projekt ins Auge, ein lebensgroßes Goetheporträt zu malen. Er beginnt sogleich mit dem Entwurf. Goethe hält aber kaum still: Rastlos erwandert er sich Rom, guckt sich alles doppelt und dreifach an, nimmt mit, was er kriegen kann; alles andere wird abgezeichnet oder in Gips abgeformt, etwa die Spitze eines ägyptischen Obelisken, der umgestürzt hinter einem Bretterzaun liegt. Ganz umgehen kann Goethe das römische Gesellschaftsleben nicht, obwohl er es manchmal möchte: Intrigen, Cliquenwirtschaft und Konkurrenzgehabe sind der Grundakkord. Auch beginnt sein Inkognito zu bröckeln; als Autor des Götz von Berlichingen und der Leiden des jungen Werther ist Goethe eine Berühmtheit. Bald sieht er sich genötigt, die umgearbeitete Iphigenie im kleinen Kreis vorzutragen. Mit mäßigem Erfolg übrigens, da das Publikum sich Derberes, Deutscheres und dem Götz Ähnlicheres erwartet hat.

Neapel

Der Frühling naht. Goethe will Neapel sehen. Am 22. Februar macht er sich auf den Weg, zusammen mit Tischbein, der unterwegs bedeutende Ansichten zu Papier bringen soll. Drei Tage dauert die Reise über Velletri, Fondi und durch die Pontinischen Sümpfe. Die Natur ist üppig, Goethe bestaunt Olivenhaine und Opuntien; über die Mauern am Weg ragen fruchtreiche Orangenzweige; zwischen den Bäumen sind Weinreben wie Girlanden aufgehängt. Am 25. Februar erreichen Goethe und Tischbein Neapel und staunen über eine fremde Welt. Das hiesige Leben spielt sich auf der Straße ab, alles ist geschäftig, dabei unbeschwert und sinnenfroh. Zudem sind sie von der Lage der Stadt, am Golf mit dem Vesuv im Rücken, überwältigt. Goethe und Tischbein besichtigen die Posillipo-Grotten und den Vesuv, wo Goethe die Dämpfe und die erkaltete Lava bestaunt. Außerdem besuchen sie die antiken Stätten Pompeji, Herculaneum und Paestum, die Kunstsammlung im Palazzo Reale di Capodimonte und Unzähliges mehr. Auch machen sie Bekanntschaft mit der lokalen Prominenz, allen voran mit dem Hofmaler Philipp Hackert, der einen ganzen Flügel des königlichen Schlosses bewohnt. Bei ihm nimmt Goethe Zeichenstunden.

Sizilien

Einen ganzen Monat bringen die beiden so zu. Dann zieht es Goethe weiter, nach Sizilien. Tischbein bleibt in Neapel, an seiner Stelle nimmt Goethe den Landschaftsmaler Christoph Heinrich Kniep in Dienst. Am 29. März schiffen sie sich ein. Die Überfahrt dauert fünf Tage. Goethe verbringt sie zum Großteil seekrank unter Deck. Kniep zeigt sich resistent und skizziert fleißig. Am 2. April erreichen sie Palermo. Wieder widmet sich Goethe Besichtigungen und geologischen Studien. Doch er ist nicht immer ganz bei der Sache: Im paradiesischen Park in der Nähe des Hafens träumt er sich in homerische Gefilde. Er ist inspiriert, entwirft Pläne für eine Dramatisierung der Odyssee. Der Gedanke verfolgt ihn eine Zeit lang. Auch über die Urpflanze denkt er wieder nach.

„Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch tun, und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen.“ (S. 139 f.)

Insgesamt wirkt Sizilien weniger stark auf ihn als Rom und Neapel. Doch immerhin erlebt er ein kleines Abenteuer: Der Schwindler Cagliostro nämlich, über den gerade ganz Europa spricht, ist, so munkelt man, in Wirklichkeit ein gewisser Giuseppe Balsamo, ein armer Schlucker aus Palermo, der sich vor einiger Zeit aus Sizilien abgesetzt hat. Goethe wird neugierig, ermittelt die Familie des Betrügers und stattet ihr sogar einen Besuch ab, indem er sich für einen Kameraden des Vermissten ausgibt. Die Leute sind herzlich und Goethe ist ein wenig beschämt wegen seines falschen Spiels. Am Ende einer mehrwöchigen Tour durch das Landesinnere, nachdem er u. a. die griechischen Tempel von Agrigent und das in den Fels gehauene Amphitheater von Taormina besichtigt hat, fahren Goethe und Kniep von Messina aus zurück. Wieder bekommt der Seegang dem Geheimrat nicht gut, kurz vor Neapel entgehen sie sogar nur knapp dem Schiffbruch.

Rom zum Zweiten

Zwei Wochen noch weilt Goethe in Neapel, dann kehrt er nach Rom zurück. Kniep verspricht beim Abschied, ihm bald die ausgeführten Skizzen zu schicken. Goethe seinerseits will den treuen Maler am Hof von Gotha empfehlen. In Rom warten die alten Bekannten: Tischbein, dessen Goetheporträt inzwischen vollendet ist, Angelika, die auch eines malt, das zwar hübsch ist, aber Goethe nicht ähnlich sieht, und Moritz, mit dem Goethe nun regen Austausch pflegt. Goethes Tage teilen sich in drei Hauptbeschäftigungen: zeichnen, Rom erkunden und vor allem dichten; der Egmont muss noch in Verse übertragen werden, Anfang September ist er fertig. Nebenbei unternimmt Goethe diverse gesellschaftliche Aktivitäten, etwa einen Kurzurlaub in Castel Gandolfo, wo es fast zu einer Liebelei mit einer hübschen und blutjungen, doch leider verlobten Mailänderin kommt.

„Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder, und dann ist man Abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.“ (S. 140)

Auch die naturwissenschaftlichen Studien wollen vorangetrieben werden; der Geheimrat wird zum Gärtner und lässt allerlei Samen aufkeimen, um die Formbildung im Pflanzenreich zu untersuchen. Ein Jahr ist inzwischen seit Goethes heimlicher Abreise aus Karlsbad vergangen, Zeit für eine Zwischenbilanz: Rom ist für Goethe das Größte, er fühlt sich verjüngt, gekräftigt, zum Mann gereift. Sein künftiger Lebensweg hat sich ihm hier gezeigt: Der eines bildenden Künstlers ist es nicht, wie er feststellt, denn als Zeichner bliebe er wohl immer Dilettant. Dafür ist ihm das Dichten gegeben, das wird sein Schicksal. Faust, Torquato Tasso, Wilhelm Meister – das sind kühne, aber unfertige und korrekturbedürftige Entwürfe aus seiner Jugendzeit. Seine Lebenszeit und -kraft wird allein dafür kaum hinreichen.

Abschied

Das neue Jahr ist angebrochen. Bis Ostern will Goethe noch bleiben. Das Ende seines Aufenthalts vor Augen, steigert er sich noch einmal in einen Besichtigungsrausch, will alles so stark wie möglich in der Erinnerung verankern. Schließlich wird der Haushalt aufgelöst: Sein Zimmer in der Künstler-Wohngemeinschaft ist inzwischen angefüllt mit Gipsabgüssen, Steinen, Bildern – die in Aquarell ausgeführten Skizzen des treuen Kniep sind angekommen – und gekeimten Pflanzen. Dann geht es ans Abschiednehmen. Einmal noch sieht Goethe die junge Mailänderin, jetzt in Angelikas Obhut. Man redet vernünftig, beim Lebewohl wird es dann doch noch gefühlvoll. Die letzte Runde durch die Stadt macht Goethe im Mondschein, mit wenigen Freunden. Vom Kapitol aus übersieht er Rom, seinen Wirklichkeit gewordenen Sehnsuchtsort, den Nabel der abendländischen Geschichte, die Ewige Stadt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der formale Aufbau der Italienischen Reise ist nicht einheitlich, weshalb es auch schwierig ist, hier von einem in sich geschlossenen Werk zu sprechen. Die Grundstruktur ist dreiteilig angelegt: Im ersten werden die Reise nach Rom und der erste Aufenthalt in der Ewigen Stadt geschildert. Der zweite umfasst die Weiterfahrt nach Neapel und die Zeit in Sizilien. Der dritte Teil widmet sich der Rückkehr nach Rom. Die weitere Untergliederung allerdings scheint recht willkürlich: Auf Tagebucheinträge oder Berichte, in denen der Autor seine Erlebnisse aus der Ich-Perspektive schildert, folgen wörtlich übernommene Briefe an die Freunde daheim. Einiges stammt aus der Zeit der Reise, anderes wurde erst später verfasst; hier spricht Goethe persönlich, da lässt er andere zu Wort kommen; mal wendet er sich an eine abstrakte Leserschaft, mal spricht er konkrete Personen an. Im Ganzen ist das Werk eine so üppige wie vielgestaltige Materialsammlung, zusammengehalten durch den roten Faden der Reise. Zudem steckt es voller Widersprüchlichkeiten, was freilich nicht verwundert, stammen doch die ältesten Teile des Werks aus der Feder des knapp 40-jährigen, die jüngsten aber aus der des 80-jährigen Goethe. Die Uneinheitlichkeit in der Form gilt auch für die Sprache: Die ist zwar durchweg Goethe-typisch, leicht, klar und von großer Natürlichkeit, indes, je nach Art des Versatzstücks, mal kurz und stichwortartig, mal sorgfältig ausgearbeitet und in kunstvollen Perioden angeordnet, mal lebendig, ja geradezu schwärmerisch, dann wieder von der sachlichen Nüchternheit eines Buchhalters.

Interpretationsansätze

  • Die Italienische Reise zeigt den vielseitig talentierten Goethe am Scheideweg der Musen: Soll er sich ganz den bildenden Künsten ergeben? Steckt vielleicht ein großer Naturforscher in ihm? Oder soll er sich doch auf die gute alte Dichtkunst konzentrieren, die ihm schon immer leichtgefallen ist? Alles scheint möglich. Gegen Ende der Reise durch Italien entscheidet Goethe sich für die dritte Option.
  • Einige Male erwähnt Goethe seine fixe Idee der Urpflanze, aus der nach seiner Theorie alle heutigen Pflanzen hervorgegangen sein sollen. Sein größter Ehrgeiz ist es, diese Pflanze in Italien tatsächlich zu finden. Hier zeigt sich Goethes naiver Wissenschaftsbegriff und seine Vorliebe für wunschgesteuerte Analogieschlüsse. Immerhin zeugt es von Ehrlichkeit, dass er die Urpflanzen-Passagen überhaupt im Werk belassen hat. Denn zu der Zeit, als er seine alten Aufzeichnungen zur Italienische Reise zusammenfasste, war Goethe längst zu dem Schluss gekommen, die Urpflanze als immaterielle Idee und die Suche nach ihr in der realen Welt als Jugendsünde anzusehen.
  • Goethes Kunstbetrachtungen in der Italienischen Reise wird oft Naivität vorgeworfen. In der Tat sieht er die Kunstschätze und Antiken Italiens durch seine ganz persönliche Brille, ohne Sorgen um eine Einordnung der Werke in geschichtliche oder kulturelle Zusammenhänge. Als Reiseführer ist das Buch daher nur sehr eingeschränkt zu empfehlen.
  • Mit dem vorangestellten Motto „Auch ich in Arcadien!“ verlegt Goethe nicht nur den eigentlich in Griechenland angesiedelten mythischen Ort der Sehnsucht nach Italien, er verändert auch die Bedeutung des im Original lateinischen Spruchs. Denn dieser wird gewöhnlich dem Tod in den Mund gelegt, womit gezeigt werden soll, dass selbst ein lieblicher Ort wie Arkadien nicht von ihm verschont bleibt.

Historischer Hintergrund

Edle Einfalt, stille Größe

Zwischen Goethes Aufenthalt im „Land, wo die Zitronen blüh’n“ und der eigentlichen Entstehung des Werks etwa 30 Jahre später liegen historisch gesehen Welten: Glanz und Grauen der Französischen Revolution, die Verwüstung Europas durch die Napoleonischen Kriege, schließlich der Wiener Kongress mit der politischen und geografischen Neuordnung Europas. Wenn auch das aufklärerische und freiheitliche Moment der Revolution vorerst zum Stehen gekommen war, begann mit diesen Ereignissen eine neue Epoche der Weltgeschichte.

In diesem Sinn kann man sagen, dass 1786, während Goethe in Italien seine zweite Jugend genoss, ein in die Jahre gekommenes Zeitalter die letzten Atemzüge tat: das Zeitalter der Erbmonarchien, der Ständegesellschaft mit dem Herrschaftsanspruch des Adels und der kirchlichen Würdenträger, das Zeitalter des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, von dessen einstigem Glanz kaum noch etwas übrig war. Vielleicht lag in dieser Überalterung der Gegenwart die Ursache für die Rückbesinnung auf eine weiter zurückliegende Vergangenheit, wie sie in der Ästhetik des Klassizismus zutage trat. Als künstlerisches Ideal galt da die „edle Einfalt“, die „stille Größe“ der Antike, wie sie der von Goethe bewunderte Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann beschrieb. Auf dessen Spuren zog es zahlreiche Künstler aus den nördlicheren Regionen Europas nach Italien, wo nicht nur Zeugnisse der Antike, sondern auch Meisterwerke der Renaissance, etwa von Raffael, Michelangelo und Leonardo da Vinci zu besichtigen waren.

Entstehung

Als Goethe sich 1786 mitten in der Nacht aus Karlsbad davonmachte, folgte er sowohl einem seit seiner Kindheit gehegten Wunsch als auch dem Zeitgeist. Schon im Mittelalter hatten die Deutschen sehnsuchtsvoll gen Süden geblickt und jenseits der Alpen einen Garten Eden vermutet. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert erreichte die sprichwörtliche „Italiensehnsucht“ ihren vorläufigen Höhepunkt. Maler wie Jakob Philipp Hackert oder Franz Kobell, Architekten wie Karl Friedrich Schinkel, Musiker wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Dichter wie Gotthold Ephraim Lessing oder Johann Gottfried Seume suchten inmitten antiker Monumente, antikisierender Renaissancekunst und lichtdurchfluteter Landschaften Inspiration für ihr Schaffen. Auch Goethes Vater hatte als 30-Jähriger eine solche Reise unternommen; eine Erfahrung, von der er ein Leben lang zehrte. Seine schwärmerischen Erzählungen werden ihren Teil dazu beigetragen haben, die Italiensehnsucht im Sohn zu wecken.

Fast zwei Jahrzehnte sollte es dauern, bis Goethe seiner italienischen Jahre literarisch gedachte. Dies geschah im Rahmen seiner Autobiografie Aus meinem Leben, deren „Erste Abteilung“, Dichtung und Wahrheit, 1811 erschienen war. Die „Zweite Abteilung“ sollte die Italienreise behandeln. Statt wie in Dichtung und Wahrheit einen ganz neuen Text zu schreiben, griff Goethe für dieses Werk hauptsächlich auf fertige Versatzstücke zurück: Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe, die er nur unwesentlich veränderte. Das gilt vor allem für die ersten beiden Teile, die 1816 bzw. 1817 erschienen; der dritte Teil, der „Zweite Römische Aufenthalt“, den Goethe erst zwölf Jahre später verfasste, ist dagegen in höherem Maß als eigenständige Dichtung anzusehen.

Wirkungsgeschichte

Wie bei vielen Werken Goethes ist es auch bei der Italienischen Reise schwierig zu entscheiden, ob Goethe einen Trend auslöste oder ob er nicht vielmehr auf einen solchen Trend aufsprang und erst rückwirkend zu dessen Symbolfigur erklärt wurde. Zu den Talenten des Geheimrats gehörte eben auch die Eigenschaft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – und dann das richtige Buch zu schreiben. Die Tradition der Bildungswallfahrt über die Alpen nach Italien gab es jedenfalls schon vor Goethe. Auch dem Italienbild der Deutschen wurde durch Goethes Beschreibungen kaum Neues hinzugefügt, zumal dessen idealisierender Blick vor allem in die Vergangenheit gerichtet war und etwa die soziale Realität Italiens gar nicht erfasste. Ein Schlüsselwerk ist das Buch aber insofern, als es der Gattung des Reiseberichts eine neue Wendung gab: Bildungsreisen wurden nicht mehr im Sinne von Sightseeing und zur Vermittlung von Faktenwissen gesehen, sondern als existenzielle, die Persönlichkeit formende Erfahrung. In diese Tradition stellten sich später die großen Italienfahrer, wie Friedrich Nietzsche, Richard Wagner oder Thomas Mann – und die kleinen, wie der Held des 1992 entstandenen Kinofilms Go, Trabi, Go, der sich nach dem Fall der Mauer einen Traum erfüllt und mit seinem Trabant auf Goethes Spuren nach Neapel reist.

Jedenfalls ist die Verknüpfung von Goethe und Italien heute tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Jeder kennt das Porträt von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, das Goethe mit weißem Mantel und Schlapphut inmitten einer italienischen Landschaft zeigt. Zu den Pflichtstationen einer Romreise gehört ein Besuch in der Casa di Goethe, dem Haus in der Via del Corso, das der Dichter seinerzeit bewohnt hat und das inzwischen zum Goethe-Museum umgestaltet worden ist.

Über den Autor

Johann Wolfgang von Goethe wird am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und wächst in einer gesellschaftlich angesehenen und wohlhabenden Familie auf. Nach dem Privatunterricht im Elternhaus nimmt der inzwischen 16-Jährige auf Wunsch seines Vaters ein Jurastudium in Leipzig auf, das er 1770 in Straßburg mit dem Lizentiat beendet. Dort macht er die Bekanntschaft von Johann Gottfried Herder und verfasst erste Gedichte. In Frankfurt eröffnet Goethe eine Kanzlei, widmet sich aber vermehrt seiner Dichtung. 1774 veröffentlicht er Die Leiden des jungen Werther; einige Dramen folgen. 1775 bittet ihn der Herzog Karl August nach Weimar; Goethe macht dort eine schnelle Karriere als Staatsbeamter. Nach zehn Jahren Pflichterfüllung am Hof reist er 1786 nach Italien. Diese „italienische Reise“ markiert einen Neuanfang für sein Werk. 1788 kehrt Goethe nach Weimar zurück und lernt Christiane Vulpius kennen, mit der er bis zur Heirat 1806 in „wilder Ehe“ zusammenlebt. Nach anfänglichen Differenzen freundet sich Goethe 1794 mit Friedrich Schiller an, in dessen Zeitschrift Die Horen Goethe mehrere Gedichte veröffentlicht. Die beiden Dichter verbindet fortan eine enge Freundschaft, auf der die Weimarer Klassik und ihr an der griechischen Antike orientiertes Welt- und Menschenbild aufbaut. Als „Universalgenie“ zeigt sich Goethe an vielen Wissenschaften interessiert: Er ist Maler, entwickelt eine Farbenlehre, stellt zoologische, mineralogische und botanische Forschungen an, wobei er die Theorie einer „Urpflanze“ entwickelt. 1796 erscheint der Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1808 das Drama Faust I und 1809 der Roman Die Wahlverwandtschaften. Ab 1811 arbeitet Goethe an seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit. Kurz vor seinem Tod vollendet er Faust II. Am 22. März 1832 stirbt Goethe im Alter von 83 Jahren in Weimar. Er gilt bis zum heutigen Tag als der wichtigste Dichter der deutschen Literatur. Seine lyrischen Werke, Dramen und Romane liegen als Übersetzungen in allen Weltsprachen vor.


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