Rezension von Jäger, Hirten, Kritiker

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Jäger, Hirten, Kritiker Buchzusammenfassung
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Bewertung

8

Qualitäten

  • Analytisch
  • Meinungsstark
  • Eloquent

Rezension

Der Philosoph Richard David Precht tritt an, um die digitale Revolution vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der erste Teil seines Buches enthält eine radikale, scharfsinnige und eloquent formulierte Kritik am gegenwärtigen Verlauf der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Dem konstatierten Mangel einer umfassenden humanistischen Utopie begegnet er im zweiten Teil. Im Kommunismus, wie ihn Marx und Engels erdacht haben, ist der Mensch befreit von der Lohnarbeit und lebt ganz nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Daran knüpft Precht an und präsentiert eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie die Entwicklung in die richtigen Bahnen zu lenken sei, fußend auf einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle und einer digitalen Grundversorgung, frei von Manipulation und Überwachung durch Tech-Giganten. Prechts Idee einer derart selbstbestimmten Zukunft klingt verlockend und, wie er selbst zugibt, utopisch. Aber wenn die Alternative die Dystopie ist, in die die Technikgläubigkeit uns führt, dann ist Prechts Gegenentwurf umso verdienstvoller.

Über den Autor

Richard David Precht ist Philosoph, Bestsellerautor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Seine Bücher zu philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen wurden in 40 Sprachen übersetzt.

 

Das inhumane Fortschrittsversprechen des Silicon Valley

Richard David Precht schlägt zu Beginn seines Buches die Brücke in die Vergangenheit, ins Zeitalter der Renaissance: Das für die Moderne typische Effizienzdenken hatten die italienischen Kaufleute des 14. und 15. Jahrhunderts zur Leitkultur erhoben. War das Mittelalter noch von einem statischen Ordnungssystem mit Zünften und festen Preisen geprägt, legte das explodierende Kreditwesen im 15. Jahrhundert die Grundlage für das kapitalistische Wirtschaften. Es ging darum, das Geld zu mehren. Der Hebel dafür war die Effizienzsteigerung in der Produktion. Die vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung, hebt nun laut Precht das Effizienzstreben auf eine neue Stufe. Der Optimierungsdruck betrifft nun auch den Menschen: Er soll besser, smarter, glücklicher und letztlich maschinenähnlicher werden. Das Fortschrittsversprechen des Silicon Valley hält Precht jedoch für zutiefst inhuman, denn es bedeutet ein Weniger an Freiheit, die Plünderung persönlicher Daten, Überwachung durch Unternehmen und Geheimdienste und permanenten Anpassungsdruck. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht in erster Linie die Arbeitswelt, konstatiert der Autor. Während das eine Lager von Vollbeschäftigung schwärmt, sieht das andere den millionenfachen Verlust von Arbeitsplätzen als Folge der digitalen Revolution voraus.

Die Digitalisierung überfordert die Politik

Die Politik, wie wir sie heute in Europa erleben, kritisiert Precht als taktisch orientiert und ethisch flexibel. Im Hinblick auf die Auswirkungen der Digitalisierung erwecken alle Parteien den Eindruck völliger Überforderung und ausgeprägter Handlungsschwäche. Über eine gestalterische Utopie oder eine langfristige Umsetzungsstrategie verfügt keiner der politischen Akteure. Denn die Gesellschaftsutopie „ist ein Genre, das in der Wirtschaft und der Politik kaum jemand ernst nimmt“. Über die essenzielle Frage, wie wir in Zukunft leben werden, entscheiden in erster Linie die großen Digitalfirmen wie Google, Facebook, Amazon oder Apple. Sie sind die eigentlichen strategischen Supermächte, auch wenn ihnen jegliche demokratische Legitimation fehlt. Konsequent wäre es, wenn sich nicht Politiker zur Wahl stellten, sondern über die Führungsriege von Google und Facebook abgestimmt würde. Denn es ist deren Handeln, das unser Leben radikal verändert. Die Buchpublikationen zur Digitalisierung teilt Precht in zwei Strömungen ein: Zum einen sind das die Mutmacherbücher, die immer wieder vom Mooreʼschen Gesetz und unendlichen Chancen berichten. Die zweite Strömung repräsentieren Autoren wie Evgeny Morozov, die die Folgen der Digitalisierung für das Individuum, die Gesellschaft und die Zukunft der Demokratie in deutlich düstereren Farben malen.


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