Zusammenfassung von Julie oder Die neue Héloïse

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Julie oder Die neue Héloïse Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Briefroman
  • Aufklärung

Worum es geht

Liebe in Zeiten der Standesregeln

Rousseaus Julie oder Die neue Héloïse ist einer der einflussreichsten Romane der Weltliteratur. Seine Thematik und die literaturhistorische Bedeutung des Romans sind mit Goethes Die Leiden des jungen Werther vergleichbar – ebenfalls ein Briefroman, der rund ein Jahrzehnt später erschien und dem französischen Vorbild viel verdankte. Im Mittelpunkt von Rousseaus Roman steht die romantisch-tragische Beziehung zwischen der jungen Julie und ihrem Hauslehrer St. Preux. Die beiden verlieben sich, können jedoch aus gesellschaftlichen Gründen nicht heiraten, weil die Ehe zwischen einem bürgerlichen Mann und einer adligen Frau als anstößig gilt. So sind sie ein Leben lang hin- und hergerissen zwischen Sinnlichkeit, Liebe, Verzicht und Tugend. Eine eheliche Verbindung der beiden ist ebenso undenkbar wie eine endgültige Trennung. Auf Phasen des keuschen Glücks und der spirituellen Harmonie folgen immer wieder Krisen, ausgelöst von einer letztlich unüberwindbaren Leidenschaft. Gegenüber der Vernunftkultur der Aufklärung betont Rousseau, dass auch Gefühl und Intuition ihre Berechtigung haben. Daneben enthält der Roman zahlreiche philosophische Passagen über Religion, Erziehung, den Urgrund des Bösen und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wer das sentimentale Werk heutzutage lesen will, braucht sicher einen langen Atem.

Take-aways

  • Julie oder Die neue Héloïse war das erfolgreichste literarische Werk im Frankreich des 18. Jahrhunderts.
  • Der Titel ist eine Anspielung auf den mittelalterlichen Briefwechsel zwischen der Äbtissin Héloïse und dem Theologen Abaelard, die eine unglückliche Liebe verband.
  • Im Mittelpunkt von Rousseaus umfangreichem Briefroman steht die Liebesgeschichte zwischen Julie und ihrem Hauslehrer St. Preux.
  • Obwohl sich die beiden aufrichtig lieben, verbieten Standesschranken eine Heirat: Julie ist adliger, St. Preux bürgerlicher Herkunft.
  • Julie wird von ihrem Vater zur Ehe mit Herrn Wolmar gezwungen, was St. Preux in tiefste Verzweiflung stürzt und ihn beinahe in den Selbstmord treibt.
  • In einem mystischen Erlebnis während der Hochzeitsmesse erkennt Julie, dass sie die Verbindung mit Wolmar in tugendhafter Gelassenheit hinnehmen muss.
  • Danach lebt St. Preux zeitweise an der Seite des Ehepaares in einer ländlichen Idylle, die jedoch immer wieder vom Aufflammen der alten Leidenschaft bedroht wird.
  • Am Ende fällt Julie einer tödlichen Krankheit zum Opfer. In ihrem Abschiedsbrief ersehnt sie den Tod als den einzigen Zustand, in dem sie schuldlos lieben kann.
  • Der Roman entstand 1756–1758, fällt also in die Epoche der Aufklärung.
  • Mit der starken Betonung von Gefühl und Intuition und mit seiner stellenweise sehr pathetischen Sprache ist Rousseau jedoch auch ein Vorläufer der Romantik.
  • Rousseau war nicht nur ein bedeutender Schriftsteller, sondern auch ein einflussreicher Philosoph, der u. a. Goethe, Schiller und Kant geprägt hat.
  • Der 1712 in Genf geborene Autor führte ein unstetes Leben, in dem sich Momente des Ruhms und der Anerkennung mit Phasen der Verzweiflung abwechselten.
 

Zusammenfassung

Leiden unter der Keuschheit

Die adlige Julie d’Étange lebt mit ihren Eltern in Vevey am Genfer See und erhält gemeinsam mit ihrer Cousine Claire Privatstunden beim jungen Hauslehrer St. Preux. Dieser gesteht Julie in flammenden Briefen seine Liebe. Nach einigem Zögern antwortet Julie: Sie erwidert seine Gefühle und schlägt ihm einen Pakt reiner Liebe vor. St. Preux ist überglücklich und verspricht, Julie immer zu respektieren. Als die junge Frau ihrer Cousine von der Beziehung zum Hauslehrer schreibt, antwortet diese mit einer Warnung: Nie und nimmer werde ihr Vater, der Baron d’Étange, die Verbindung mit einem Nichtadligen zulassen. Julies Liebe sei ohne jede Hoffnung. Gleichzeitig versichert Claire, das Geheimnis zu wahren und Julie moralischen Beistand zu leisten.

„Ich fühle, mein Freund, dass ich mich zu Ihnen täglich mehr hingezogen fühle; ich kann mich nicht mehr von Ihnen trennen; die kürzeste Abwesenheit ist mir unerträglich, und, um mich stets mit Ihnen zu beschäftigen, muss ich Sie entweder sehen oder an Sie schreiben.“ (Julie an St. Preux, S. 54)

Zwei Monate später leidet St. Preux unter der keuschen Beziehung zu Julie, während diese eingesteht, dass ihr Herz zwar Liebe benötigt, ihre Sinne jedoch keinen Liebhaber. Der Hauslehrer offenbart der jungen Frau seine Zerrissenheit: Einerseits bewundert er ihre Reinheit, andererseits verzehren ihn die sinnlichen Gelüste. Er verspricht jedoch gehorsame Zurückhaltung. Zur Belohnung lädt ihn Julie zu einem von Claire überwachten Rendezvous in ein Wäldchen ein. Dabei kommt es zu einem zärtlichen Kuss, der St. Preux in noch größere Verwirrung stürzt und der nun auch bei Julie das sinnliche Verlangen weckt. Nachdem der Hauslehrer auf Julies Wunsch eine Reise ins Wallis unternommen hat, kehrt er nach Vevey zurück. Julies Vater will ihn für seinen Unterricht bezahlen, doch St. Preux lehnt aus Ehrgefühl und Liebe zu seiner Schülerin ab, zieht sich zurück und beteuert Julie brieflich, er sei zum Selbstmord aus Liebe bereit. Die Qualen der beiden steigern sich, als Julies Vater seine Tochter mit einem seiner Freunde verheiraten will.

Der Vater sagt Nein

Aus Kummer und Angst um das Leben des Geliebten wird die junge Frau krank. Kurze Zeit später gibt sie sich dem Hauslehrer hin, um jedoch danach von schrecklichen Gewissensbissen gepeinigt zu werden. Dennoch kommen die beiden ein zweites Mal zu einem intimen Treffen zusammen, diesmal in Julies Kammer. Die junge Frau wird schwanger und hofft, ihr Vater werde deshalb einer Heirat zustimmen. Doch sie täuscht sich: Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung, bei der Julie von ihrem Vater aufs Gröbste misshandelt wird. Obwohl sich die beiden danach wieder versöhnen, ist der Schock für die junge Frau so groß, dass sie das Kind verliert. Dies wiederum stürzt St. Preux in tiefste Verzweiflung. Trost findet er bei seinem Freund Mylord Eduard Bomston, der einst ebenfalls in Julie verliebt war und sich deshalb beinahe ein Duell mit St. Preux geliefert hätte. Nun jedoch verhält er sich wie ein wahrer Ehrenmann und schlägt dem Paar vor, nach England zu fliehen und dort zu heiraten. Er ist sogar bereit, ihnen ein großes Landgut zu überlassen. Obwohl Julie in Versuchung gerät, lehnt sie schließlich ab, um ihren Eltern keinen weiteren Kummer zu bereiten. Gleichzeitig fordert sie ihren Geliebten zu mehr Standhaftigkeit auf. St. Preux lässt sich dazu überreden, nach Paris zu ziehen, in der Hoffnung, er werde es dort zu Reichtum bringen und danach Julies Vater umstimmen können. Die Geliebte fordert ihn auf, von seinen Talenten Gebrauch zu machen. Er schwört ihr ewige Treue.

Besuch im Bordell

In Paris eilt St. Preux zwar von einem Dinner zum anderen, lehnt das mondäne Leben, den aristokratischen Dünkel, die Oberflächlichkeit des großstädtischen Daseins, die schnell geschlossenen Freundschaften und die häufigen Theateraufführungen jedoch entschieden ab. Von einigen Freunden lässt er sich zu einem Bordellbesuch verführen, und er betrinkt sich dermaßen, dass er am nächsten Morgen in den Armen einer Prostituierten erwacht. Voller Scham gesteht er Julie seinen Fehltritt; die Geliebte macht ihm zwar Vorwürfe und fordert ihn auf, sich seine Freundschaften sorgfältiger auszusuchen, ist jedoch bereit, ihm zu verzeihen. Sie hat ohnehin größere Probleme: Zu ihrem Schreck stellt sie fest, dass der Briefwechsel zwischen ihr und St. Preux ihrer Mutter in die Hände gefallen ist, die daraufhin erkrankt ist.

„Meine Sinne sind erschüttert; alle meine Kräfte hat der tödliche Kuss in Verwirrung gebracht. Du wolltest mein Übel lindern? Grausame, Du verbitterst es.“ (St. Preux an Julie, S. 63)

Nun überschlagen sich die Ereignisse: Claire bittet St. Preux, die Beziehung zu ihrer Cousine abzubrechen, denn diese verzehre sich in Selbstvorwürfen. Als er einwilligt, ist Julies Mutter von seiner selbstlosen Geste derart gerührt, dass sie sich vornimmt, ihren unbeugsamen Ehemann umzustimmen. Sie stirbt jedoch, bevor sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen kann. Nun wird Julie von Schuldgefühlen geradezu überwältigt, sodass sie beschließt, für immer mit ihrem ehemaligen Hauslehrer zu brechen, was wiederum diesen in tiefste Verzweiflung stürzt. In einem wahren Aufschrei bekräftigt er, nie und nimmer auf Julies Liebe verzichten zu können. Claire versucht ihn zu beruhigen, während sich der treue Freund Mylord Eduard alle Mühe gibt, ihn vom Selbstmord abzuhalten. Als sich schließlich auch der Vater einschaltet, gibt St. Preux nach. Doch nun ist es Julie, die erkrankt: Sie wird von den Pocken niedergeworfen und glaubt, ihren Geliebten im Fieberwahn gesehen zu haben. Doch Claire hat diesen aus Mitleid tatsächlich für einen Moment ans Krankenbett gelassen, wobei er sich aus Sehnsucht nach einem gemeinsamen Tod absichtlich ebenfalls mit den Pocken infiziert hat. Zwar werden die beiden wieder gesund, doch ihr Unglück schreitet voran: Julie wird gezwungen, einen Mann namens Wolmar zu heiraten. Im systematischen Ehebruch sieht sie den einzigen Ausweg, um die Verbindung mit ihrem Geliebten aufrechtzuerhalten. Diese Lösung lehnt St. Preux jedoch ab. Er flieht nach England, wo er von Claire erfährt, dass Julie tatsächlich geheiratet hat.

Julies Bekehrung

Bis kurz vor ihrer Vermählung mit Wolmar fühlt sich Julie noch als hilfloses Opfer. Doch während der Hochzeitsmesse widerfährt ihr ein spirituelles Erweckungserlebnis: Fortan erkennt sie in Gott den Wegweiser ihres Lebens. Die erzwungene Ehe mit Wolmar nimmt sie hin und gelobt ihm ewige Treue, während sie den Kontakt zum Geliebten einmal mehr abbrechen will. Als dieser davon erfährt, weicht seine anfängliche Bewunderung schnell einer abgrundtiefen Verzweiflung, die ihn erneut in Selbstmordgedanken schwelgen lässt. Der treue Mylord Eduard fordert St. Preux energisch auf, endlich ein aktives Leben zu führen, was St. Preux schließlich tut: Er tritt eine mehrjährige Weltreise an, während der er als Ingenieur arbeiten will. Zuvor schreibt er jedoch einen wehmütigen Abschiedsbrief an Claire, da er ja mit Julie selbst keinen Kontakt mehr aufnehmen darf.

Ein ländliches Idyll

Vier Jahre später hat sich Julie mit ihrem Gatten und ihren beiden Kindern in Clarens in der Nähe von Montreux am Genfer See niedergelassen. Sie fordert ihre Cousine Claire auf, sich mit deren Kind der Familie anzuschließen, um ein perfektes, harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen. Claire träumt davon, ihre Tochter dereinst mit Julies ältestem Sohn zu verheiraten. Als St. Preux in einem Brief an Claire seine Rückkehr nach Europa ankündigt, zeigt sich Julies Gatte Wolmar äußerst großzügig. Obwohl er von der Vergangenheit seiner Ehefrau weiß, lädt er St. Preux ebenfalls ein, in der Hoffnung, den ehemaligen Geliebten seiner Frau von seiner Liebeskrankheit heilen zu können. St. Preux behauptet, auf seiner Weltreise innere Ruhe gefunden zu haben; vergessen könne er seine ehemalige Geliebte aber nicht. Er wird mit offenen Armen empfangen, schließt sich der Familie an und erlebt eine ländliche Idylle voller Harmonie, Frieden und Selbstgenügsamkeit. Ein geheimer, verwunschener Garten, in den sich Julie manchmal sinnend und träumend zurückzieht und der für andere unzugänglich bleibt, ist von der durchorganisierten Effizienz des landwirtschaftlichen Betriebs Wolmars ausgeschlossen. Julie ist von der Großzügigkeit und Gelassenheit ihres Gatten beeindruckt. Sie glaubt, ihre Gefühle für St. Preux unter Kontrolle zu haben. Allerdings ist sie auch von einer zarten Melancholie befallen, die von Gedanken an die Vergänglichkeit der Jugend und das Vorüberziehen der glücklichen Jahre genährt wird.

Die Leidenschaft auf dem See

Claire ist sich sicher, dass die beiden ehemaligen Liebenden im Zusammenleben zu innerer Harmonie finden werden. Sie fordert ihre Cousine auf, ein Tagebuch zu führen und darin aufrichtig all ihre Gedanken und Gefühle festzuhalten. Julies Gatte Wolmar hingegen ist überzeugt, dass die endgültige Heilung des Paares durch eine „Entweihung“ zu erreichen ist. Er führt sie in das Wäldchen, in dem sie einst ihren ersten Kuss austauschten, und zwingt sie, dies vor seinen Augen zu wiederholen. Wolmar glaubt, dass sich die beiden nun bewusst werden, wie sehr sich die Umstände geändert haben, und dass von der alten romantischen Hingabe nichts mehr übrig ist. Trotz Julies Einwänden ist er sogar bereit, die beiden einige Tage allein zu lassen. St. Preux gesteht seinem Freund Mylord Eduard, dass er die Schrecken eines nahenden Verbrechens spürt. Doch sowohl der Liebhaber als auch der Gatte täuschen sich: Während einer Bootsfahrt auf dem Genfer See werden Julie und St. Preux von einem Gewitter überrascht. Durch die Gefahr und die Erinnerungen an jene Zeit, als sie sich einander noch hingeben konnten, packt sie die Leidenschaft stärker denn je: Julie durchlebt einen inneren Kampf ihrer widerstreitenden Gefühle, doch am Ende siegt die Tugendhaftigkeit, verbunden mit der Einsicht, dass die wirklich erfüllte Liebe zu ihrem Hauslehrer eine Illusion ist, die der Vergangenheit angehört. Nach dieser Krise geht das idyllische, von Arbeit, Verzicht, Rechtschaffenheit und keuscher Tugend geprägte Landleben weiter. Zwischen den ehemaligen Geliebten sind nun phasenweise fast keine Worte mehr nötig, weil sie eine gemeinsame innere Harmonie erreicht haben. Julies Kinder sind derart gut erzogen, dass sich St. Preux von ihrer Mutter über die Prinzipien der richtigen Erziehung belehren lässt. Das stille Glück der kleinen Gemeinschaft, die im Einklang mit der Natur lebt, wird noch dadurch gesteigert, dass sich auch Claire mit ihrer Tochter definitiv in Clarens ansiedelt.

„Ich bin in einen Abgrund von Schande gestürzt, aus dem kein Mädchen sich wieder erheben kann; und lebe ich, so lebe ich, um nur noch unglücklicher zu sein.“ (Julie an Claire, S. 95)

Doch einmal mehr erweist sich das Glück als flüchtig: Als sich St. Preux mit Mylord Eduard auf eine Reise nach Italien macht, übernachtet er in Sion, und zwar ausgerechnet in dem Zimmer jener Herberge, in dem er schon bei seiner ersten Reise ins Wallis logierte. Mit den Erinnerungen kommt zugleich die amouröse Leidenschaft wieder hoch. St. Preux verfällt einem Fieberdelirium und träumt, Julie liege tot und mit verschleiertem Gesicht da. Mylord Eduard muss ihn nach Clarens zurückführen, damit er sich vom Gegenteil überzeugen kann. Allerdings begnügt sich St. Preux damit, Julies und Claires Stimmen aus dem verwunschenen Garten zu hören, ohne einen Blick auf die die Geliebte zu werfen. Claire wird ihm später vorwerfen, dass er mit seinem Freund wieder abgereist ist, ohne sich den beiden Frauen zu zeigen. Als die Cousine von dem unheilvollen Traum erfährt, überfällt sie große Angst, weil sie in der Vision der toten, von einem Schleier bedeckten Julie ein Vorzeichen sieht: Fortan glaubt sie, im Gesicht ihrer Cousine bereits die Blässe des Todes zu erkennen.

Tragisches Ende

Der Grund für die Italienreise des Mylord Eduard ist ebenfalls eine unglückliche Liebesbeziehung, nämlich zu der ehemaligen Prostituierten Lauretta Pisana. Der reiche Edelmann will sie heiraten, doch im Namen ihrer neu gefundenen Tugend verzichtet sie darauf. In einem Abschiedsbrief teilt sie ihrem Verehrer mit, dass sie lieber aus der Ferne an seinem Ruhm teilhabe, als ihn durch eine Heirat zu entehren. Auch ein zweiter Hochzeitsplan ist zum Scheitern verurteilt: Als sich die verwitwete Claire in St. Preux verliebt und Julie ihre Gefühle gesteht, schlägt diese den beiden die Heirat vor – dies nicht zuletzt in der Hoffnung, St. Preux auf eine unverfängliche Art in ihre Familie aufnehmen zu können. Doch der ehemalige Hauslehrer lehnt ab: Sein Herz gehöre Julie, und er würde Claire durch eine Heirat Unrecht tun. Außerdem fürchtet er, seine auf Verzicht gegründete innere Ruhe zu verlieren, wenn er Claires Ehemann würde.

„Zum ersten Male in meinem Leben bekam ich eine Ohrfeige, und es blieb nicht bei dieser einen; indem er sich mit der Heftigkeit, die ihn dieselbe gekostet hatte, seiner Erregung überließ, misshandelte er mich schonungslos, obgleich meine Mutter sich zwischen uns beide geworfen, mich mit ihrem Leibe geschützt und einige von den mir zugedachten Schlägen aufgefangen hatte.“ (Julie an Claire, S. 176)

Im Bewusstsein, dass ihr die Liebe niemals das volle Glück und die wirkliche Erfüllung bringen wird, sucht Julie immer entschiedener in der Frömmigkeit Zuflucht. Sie hofft, durch das Beispiel ihrer Tugendhaftigkeit auch ihren Ehemann Wolmar, der als aufgeklärter Mensch dem Atheismus anhängt, zum Glauben zu bekehren. Doch ein Unfall setzt Julies Leben ein vorzeitiges Ende: Als bei einem Spaziergang ihr Sohn in den See fällt, gelingt es Julie zwar, ihm das Leben zu retten, doch zieht sie sich dabei eine tödliche Krankheit zu. In einem letzten Brief an St. Preux, die Liebe ihres Lebens, gesteht Julie, dass sie den Kampf gegen die Leidenschaft niemals wirklich gewonnen habe und dass sie den Tod gelassen erwarte – in der Hoffnung, im Jenseits endlich lieben zu können, ohne dabei Schuld auf sich zu laden. Claire fordert St. Preux auf, sich endgültig in Clarens niederzulassen, um sich um die Erziehung von Julies Kindern zu bemühen und der verstorbenen Geliebten ein ewiges Andenken zu bewahren.

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Aufbau und Stil

Julie oder Die neue Héloïse ist ein umfangreicher, sechsteiliger Briefroman, dem die erläuternde und verteidigende Einleitung eines fiktiven Herausgebers vorangestellt ist. Die erste Hälfte des Werks besteht fast ausschließlich aus den leidenschaftlichen Briefen der beiden Liebenden, während sich im zweiten Teil die Zahl der Briefschreiber und -empfänger vergrößert – das geschieht quasi notgedrungen, weil zwischen Julie und St. Preux eine siebenjährige „Funkstille“ herrscht.

Die Unterschiede in Temperament und Persönlichkeit der Briefschreiber schlagen sich in den verschiedenen Stilebenen des Werks nieder: Die Briefe von Julie und St. Preux sind von einem leidenschaftlichen, überschwänglichen Pathos, voller Seufzer und Ausrufe („O lass uns sterben, meine süße Freundin! Lass uns sterben, o Geliebte meines Herzens! Was sollen wir nun mit einer fade gewordenen Jugend anfangen, deren ganze Wollust wir ausgeschöpft haben?“). Trotz der Kraft und rhythmischen Schönheit von Rousseaus Stil wirken die Briefe der Verliebten auf heutige Leser stellenweise übertrieben, ja manchmal geradezu unfreiwillig komisch. Sachlicher und nüchterner ist die Sprache der meisten anderen Figuren, von denen einige durch die analytische Schärfe bestechen, mit der sie soziale Entwicklungen anprangern („Daher kommt es, dass die Genfer, die, um zu Reichtum zu gelangen, in Europa zerstreut sind, das großartige Gebaren der Fremden nachahmen und, nachdem sie die Laster des Landes, wo sie sich aufhielten, angenommen haben, dieselben samt ihren Schätzen im Triumph mit sich zurückbringen.“, Claire an Julie).

Interpretationsansätze

  • In seinem Briefroman Julie oder Die neue Héloïse verteidigt Jean-Jacques Rousseau das Gefühl, die Spontaneität und die natürlichen Regungen der Seele gegen die Verstandeskultur der damals herrschenden Aufklärung.
  • Die Natur erscheint im Roman als Erzeugerin und zugleich als Spiegel menschlicher Seelenregungen, so etwa der geheime Garten Julies, der zwar künstlich angelegt ist, aber urwüchsig aussieht, oder die Naturgewalt des Gewitters.
  • Der Briefroman ist die ideale Form, um die Figuren ihre Gefühle und Leidenschaften offen aussprechen zu lassen. Er weist voraus auf den für die literarische Epoche der Romantik typischen Konflikt zwischen den Gefühlen des Einzelnen und dem starren Regelwerk der Gesellschaft.
  • Echte Tugend besteht nach Rousseau darin, die eigene Leidenschaft zu überwinden, wodurch diese erhöht und gereinigt wird. Die wirklich schuldlose, reine Liebe scheint allerdings nur in der Erinnerung und im Tod möglich.
  • Rousseau entwirft mit der Beschreibung der ländlichen Idylle, in welcher der kleine Kreis um Julie zurückgezogen lebt, eine auf Gleichheit, Gerechtigkeit, Naturverbundenheit und Glück begründete Sozialutopie: Die fortschreitende Intellektualisierung der bürgerlichen Schichten ist für ihn nicht Mittel der Behebung, sondern eine der Ursachen für soziale Ungleichheit.

Historischer Hintergrund

Rousseau als Querdenker der Aufklärung

Jean-Jacques Rousseaus Denken entfaltete sich vor dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der Aufklärung, einer vor allem in England, Frankreich und Deutschland wirksamen philosophischen Strömung, welche die Vernunft als maßgebende Kraft der menschlichen Existenz betrachtete. Rousseau war insofern Aufklärer, als auch er die absolute Monarchie und die Kirche kritisierte. Im Unterschied zu anderen Aufklärern, etwa Voltaire, betonte Rousseau jedoch stets auch die Bedeutung von Gefühl und Intuition, was ihn zusätzlich zu einem wichtigen Vorläufer der Romantik macht. Das berühmte Motto „Zurück zur Natur!“ allerdings, auf das sich ganze Generationen von den Romantikern bis zur Hippiebewegung beriefen, wird Rousseau zu Unrecht zugeschrieben, denn wörtlich findet es sich in seinem umfangreichen Werk nirgends. Richtig ist allerdings, dass der französische Schriftsteller und Philosoph im urwüchsigen, jeder Zivilisation vorangehenden Naturzustand ein Ideal sah, das es beispielsweise bei der Erziehung der Kinder zu beachten gelte und das auch in Julie oder Die neue Héloïse modellhaft gestaltet wird. In seinem bedeutenden staatsphilosophischen Werk Vom Gesellschaftsvertrag entwarf Rousseau das Idealbild eines Staates, dessen Regeln sich der einzelne Bürger in einem Vertrag mit der Gesellschaft freiwillig unterwirft. Mit diesen Ideen stand Rousseau in Opposition zu einigen zentralen Gedanken der Aufklärung: der Freiheit des Individuums, dem unbedingten Fortschrittsglauben und der Beherrschung der Natur durch den Menschen. Entstehung Die Entstehung des Romans Julie oder Die neue Héloïse fiel in die Jahre 1756–1758. Dies war Rousseaus produktivste Zeit, während der auch die großen Werke Emile und Vom Gesellschaftsvertrag entstanden. Nachdem sich der Autor mit der französischen Intellektuellenszene – u. a. mit Voltaire – überworfen hatte, zog er sich ins ländliche Montmorency zurück, um in einem Gartenhäuschen zu philosophieren und zu schreiben. Rousseau ließ zahlreiche eigene Erlebnisse in seinen Briefroman einfließen, die er idealistisch überhöht darstellte. Als besonders prägend für ihn erwies sich seine Beziehung zur Comtesse d’Houdetot, die den Schriftsteller bei ihren häufigen Besuchen zu pathetischen Schwärmereien inspirierte und die in seiner Fantasie schließlich zu einer realen Verkörperung seiner Julie wurde. Ein wichtiges literarisches Vorbild für Julie oder Die neue Héloïse war der 1748 erschienene bürgerlich-sentimentale Briefroman Clarissa des Engländers Samuel Richardson. Der Titel von Rousseaus Briefroman ist eine Anspielung auf den (wahrscheinlich fingierten) mittelalterlichen Briefwechsel zwischen dem Theologen Petrus Abaelard und der Äbtissin Héloïse, der die tragische Geschichte des Paares enthüllt, das heimlich geheiratet haben soll. Wirkungsgeschichte Rousseaus Roman Julie oder Die neue Héloïse war schon in seinem Erscheinungsjahr 1761 ein durchschlagender Publikumserfolg, wie die zahlreichen Raubdrucke, die über 70 Neuauflagen und die vielen Übersetzungen belegen, die noch vor Ende des 18. Jahrhunderts auf den Markt geworfen wurden. Es gab sogar Buchhändler, die den Roman gegen Bezahlung verliehen, wobei sie angesichts der enormen Nachfrage die Lesezeit pro Band auf 60 Minuten beschränkten. Damit ist Rousseaus Briefroman das erfolgreichste französischsprachige literarische Werk des 18. Jahrhunderts. Die Beurteilung in den zeitgenössischen Intellektuellenzirkeln war allerdings vernichtend. Zum einen spielte dabei sicherlich der Neid auf den überwältigenden Erfolg des Außenseiters eine Rolle, zum anderen widersprach der Roman mit seinem sentimentalen Pathos dem höfisch-aristokratischen Literaturbegriff der Elite. Besonders boshaft äußerte sich Voltaire in den Briefen über die Neue Héloïse, während in Deutschland der Philosoph Moses Mendelssohn dem Autor schlicht mangelnde Handwerkskunst vorwarf: Ihm fehle erzählerisches Talent und Schöpfungskraft sowie die Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen und Dialoge zu gestalten. Rousseaus Werk sollte jedoch, nicht zuletzt wegen seiner philosophischen Passagen, den bürgerlich-sentimentalen Roman auch innerhalb der aristokratischen Oberschicht hoffähig machen. Für die Dichter der Romantik war Julie oder Die neue Héloïse mit seiner überschwänglichen Beschreibung von individueller Leidenschaft, Natur und Gefühl geradezu ein literarisches Manifest. Das von Rousseau dichterisch gestaltete Auseinanderklaffen von Illusion und Wirklichkeit prägte außerdem den Pessimismus so bedeutender Autoren wie Stendhal, Gustave Flaubert und Charles Baudelaire. Einen großen Einfluss übte der Briefroman schließlich auf den jungen Johann Wolfgang von Goethe aus, der mit Die Leiden des jungen Werther ein Buch mit ähnlicher Thematik, ebenso durchschlagendem Erfolg und später auch literaturhistorischem Einfluss schrieb. Auch das Denken von Philosophen und Dichtern wie Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller und Immanuel Kant wurde stark von Rousseau beeinflusst.

Über den Autor

Jean-Jacques Rousseau wird am 28. Juni 1712 als Sohn einer protestantischen Familie französischer Herkunft in Genf geboren. Die Mutter stirbt kurz nach der Geburt; der in Fantastereien befangene Vater, ein Uhrmacher, kümmert sich wenig um seinen Sohn und vertraut ihn schließlich einem Pfarrer an. Obwohl Jean-Jacques nicht zur Schule geht, lernt er sehr früh lesen und wird zunächst Lehrling bei einem Graveur, später bei einem Gerichtsschreiber. Mit 16 Jahren geht er auf Wanderschaft, wobei er in Savoyen bei der frommen Madame de Warens unterkommt, die einen prägenden Einfluss auf ihn ausübt und ihn zum Katholizismus bekehrt. Rousseau beginnt Ausbildungen in einem Priesterseminar und bei einem Musiklehrer, bricht jedoch beide ab. Später geht er nach Paris, wo er ein karges Leben als Hauslehrer und Kopist von Partituren fristet. Er verkehrt in Intellektuellenkreisen und liiert sich mit der Dienstmagd Thérèse Levasseur, die er allerdings erst 23 Jahre später heiratet. Die fünf gemeinsamen Kinder gibt das Paar in einem Waisenhaus ab. Während eines kurzen Aufenthalts in Genf nimmt Rousseau die zuvor verlorene Bürgerschaft der Stadt wieder an. Gleichzeitig schwört er dem Katholizismus ab. Rousseau macht sich durch seine gesellschaftstheoretischen Schriften einen Namen und schreibt zwischen 1756 und 1762 seine erfolgreichsten und wirkmächtigsten Werke, darunter Julie oder Die neue Héloïse (Julie ou la Nouvelle Héloïse, 1761), Emile oder über die Erziehung (Émile ou De l’éducation, 1762) und das staatsphilosophische Werk Vom Gesellschaftsvertrag (Du Contract Social, 1762). Das Pariser Parlament verbietet Emile wegen ketzerischer Ansichten, in Genf wird das Buch gemeinsam mit Vom Gesellschaftsvertrag öffentlich verbrannt. Rousseau, der mit der Pariser Intellektuellenszene endgültig gebrochen hat und zunehmend an Verfolgungswahn leidet, geht wieder auf Wanderschaft. Er hält sich in der Schweiz, in Preußen und auf Einladung von David Hume in London auf, um schließlich unter dem Decknamen Renou nach Paris zurückzukehren. 1778 ist er Gast des Marquis de Girardin auf Schloss Ermenonville, wo er am 2. Juli stirbt. 1794 werden seine Gebeine ins Pariser Panthéon übergeführt.


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