Zusammenfassung von Kinder der Nacht

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Kinder der Nacht Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

Qualitäten


Worum es geht

Die geheimnisvolle Welt der Kindheit

Das Zimmer der Geschwister Paul und Elisabeth ist voll magischer Gegenstände, mystischer Geschichten und Riten, die für Außenstehende nicht zu entschlüsseln sind. Zusammen mit ihren Freunden Gérard und Agathe führen sie ein Leben wie ein Theaterstück, doch sind sie sich ihres Rollenspiels nicht bewusst. Geld, Arbeit, Verantwortung oder die Tatsache, dass ihr Tun Folgen hat – all diese Dinge, die es in der Welt draußen gibt, haben für die Geschwister keine Bedeutung. Im Versuch, die Bewusstseinsebene der Kindheit und Jugend nachzuempfinden, entwickelt Jean Cocteau eine surreale Gegenwelt. Den Hauptfiguren, die auch als Erwachsene diese Welt nicht verlassen wollen, bleibt nur ein Ausweg: der Selbstmord. Wie Paul und Elisabeth, die kaum zur Selbstreflexion fähig sind, bleiben auch die meisten Themen des Romans unter der Oberfläche. Der Geschwisterinzest, das Trauma der Kinder aufgrund des frühen Verlustes der Eltern und der Alkoholkrankheit des Vaters, liegen offen da, bleiben jedoch unreflektiert. Wie ein halb vergessener Traum entführt Cocteaus Roman in die fremd-vertraute Gedanken- und Gefühlswelt seiner Hauptfiguren. 

Take-aways

  • Kinder der Nacht zählt zu den bekanntesten Romanen des französischen Universalkünstlers Jean Cocteau.
  • Inhalt: Ihr Vater ist tot, die Mutter ans Bett gefesselt – Elisabeth und Paul verbringen ihre Kindheit und Jugend in einer selbstgeschaffenen Welt, abgeschottet von der Wirklichkeit. Nach dem Tod der Mutter dringt die Realität in diese Welt ein: Es entstehen zarte Beziehungsbande zu den Jugendlichen Gérard und Agathe, doch die aufeinander fixierten Geschwister lassen beide Lieben scheitern und bringen sich schließlich um.
  • Das gemeinsame Zimmer der Geschwister ist räumlicher Ausdruck ihrer Gegenwelt, die Paul und Elisabeth mit fantastischem Leben füllen.
  • Cocteau war opiumsüchtig und verarbeitet dieses Motiv auch im Roman.
  • Das Seelenleben der Protagonisten wird im Roman nur beschrieben, nie analysiert.
  • Mit ihrem kindlich-schöpferischen Tun symbolisieren sie künstlerisches Schaffen allgemein.
  • Cocteau war mit vielen berühmten Schriftstellern seiner Zeit eng befreundet, unter anderem mit Marcel Proust.
  • Cocteau machte sich nicht nur als Literat, sondern auch als Maler und Filmregisseur einen Namen.
  • Jean-Pierre Melville verfilmte den Stoff 1950 unter Mitwirkung Cocteaus.
  • Zitat: „Dieses ansaugende, dieses verschlingende Zimmer, das sie zu verabscheuen glaubten, durchtränkten sie mit dem Element der Träume.“ 
 

Zusammenfassung

Die Schneeballschlacht

Die Schüler des Lycée Condorcet liefern sich im Winter unerbittliche Schneeballschlachten auf einem kleinen Hinterhof. Paul geht hinaus auf den Platz, um Dargelos zu suchen, und fragt seinen Freund Gérard, ob der ihn gesehen habe. Gérard kann es ihm nicht sagen, und Paul bahnt sich seinen Weg über das Schlachtfeld zum Anführer der Truppen, Dargelos, den Paul liebt und bewundert. Als er sich nähert, trifft ihn ein Schneeball im Gesicht. Dargelos sieht ihn und feuert einen weiteren Ball auf Pauls Brust ab. Der Junge sinkt bewusstlos zu Boden. Die Schüler zerstreuen sich, doch Dargelos bleibt. Gérard, der den Vorfall von Ferne gesehen hat, informiert den Inspektor. Der lässt Paul ins Haus bringen. Gérard beschuldigt Dargelos, einen Stein in den Schneeball gepackt zu haben, doch Paul widerspricht. Gérard bietet an, Paul nach Hause zu begleiten. Man lässt einen Wagen für sie rufen.

„Er suchte Dargelos. Er liebte ihn. Diese Liebe wütete umso heftiger in ihm, als sie der Kenntnis der Liebe vorausging. Es war ein unbestimmbares Leiden, eine heftige Qual, gegen die es kein Heilmittel gibt, eine keusche Begierde, geschlechtslos, absichtlos.“ (über Paul, S. 9)

Im Wagen ist Paul kaum ansprechbar. Gérard versucht sich klarzumachen, dass sein Freund hätte sterben können, doch das Konzept des Todes kann er noch nicht voll begreifen. Er liebt Paul und sieht es als seine Aufgabe an, über ihn zu wachen. Er hat Dargelos angeklagt, ohne zu wissen, ob tatsächlich ein Stein in dem Geschoss war. Während er Pauls Hand hält, beginnt er „das Spiel“ zu spielen – er lässt sich in eine Traumwelt sinken, einen Zustand, in dem Fiktion und Wirklichkeit sich vermischen. Er fragt sich, ob Paul es auch gerade spielt.

Das Zimmer

Sie kommen am Zielort an. Gérard hilft seinem Freund die Treppe zur Wohnung hinauf. Er läutet an der Tür. Elisabeth, Pauls Schwester, weigert sich zunächst, die Tür zu öffnen. Gérard beteuert, Paul sei krank, woraufhin sie dann doch aufmacht. Elisabeth ist 16, zwei Jahre älter als Paul. Sie weist Gérard zurecht, weil er so laut spricht – ob er denn wolle, dass die Mutter ihn höre. Dann führt Elisabeth die Jungs in das Zimmer, das sie sich mit Paul teilt. Es sieht aus wie eine Rumpelkammer: voller Krimskrams, Schachteln, Zeitungen und dreckiger Kleidung. Sie räumt das Bett frei, während sie auf ihren Bruder schimpft, der offenbar nichts Besseres zu tun hat, als sich Schneeballschlachten zu liefern, während sie sich um die Mutter kümmern muss. Gérard ist schon an Elisabeths aufbrausende Art gewöhnt und bleibt still, schlägt dann jedoch vor, einen Arzt zu holen. Elisabeth erklärt ihm, dass der Arzt später ohnehin kommen werde, um nach der Mutter zu sehen. Gérard verlässt die Wohnung. Auf der Heimfahrt wird ihm wieder bewusst, dass Paul und Elisabeth ihn nie so lieben werden wie er sie.

„Es kam vor, dass Paul und sie sich von Malzbonbons ernährten, die sie jeder in seinem Bett verzehrten, während sie Schimpfreden und Bücher austauschten; denn sie lasen nur wenige Bücher, und stets dieselben, an denen sie sich überfraßen bis zum Ekel.“ (über Paul und Elisabeth, S. 26)

Elisabeth geht zu ihrer Mutter, die seit einem Anfall vor vier Monaten gelähmt ist und allen Lebensmut verloren hat. Ihr Mann hatte ein Alkoholproblem und war kaum zu Hause, sondern meist bei seiner Geliebten. Irgendwann kam er vorbei, begann einen Streit und starb. Seitdem kümmert sich die Mutter kaum noch um die Kinder.

„Dieses ansaugende, dieses verschlingende Zimmer, das sie zu verabscheuen glaubten, durchtränkten sie mit dem Element der Träume.“ (über Paul und Elisabeth, S. 40)

Zurück im Zimmer zieht Elisabeth Paul aus, während sie sich erneut beschwert, sie müsse sich immer um alles kümmern. Sie leert Pauls Taschen und legt einige Stücke daraus in die Schublade, in der die Geschwister ihren „Schatz“ aufbewahren – eine Sammlung scheinbar wertloser Gegenstände, denen sie durch ihre Spiele eine neue, geheime Bedeutung gegeben haben. Kurz darauf trifft der Arzt ein. Er untersucht Paul und rät, er solle vorerst nicht mehr zur Schule gehen. Ab morgen sollen sich Krankenschwestern um die Mutter und um Paul kümmern. Als Elisabeth Paul mitteilt, dass er nicht in die Schule gehen soll, kann der nur an eines denken – dass er Dargelos nicht mehr sehen wird. Er weint und wird von Elisabeth getröstet. Gérard kommt zu Besuch und berichtet, Dargelos sei der Schule verwiesen worden. Paul betrachtet zwei Fotos, die er von Dargelos besitzt, und bittet Elisabeth, eines davon zum Schatz zu legen. In den Geschichten, die sich die Geschwister erzählen, wird der Junge mit der Zeit zu einer unwirklichen Gestalt.

Der Tod der Mutter

Die Krankenschwester versucht erfolglos, die Kinder zum Aufräumen ihres Zimmers zu bewegen. Der Raum verwahrlost immer mehr und ist nur noch auf engen Pfaden zu durchqueren. Gérard besucht die Geschwister täglich und lässt ihre Tiraden gutmütig über sich ergehen. Paul und Elisabeth malen sich aus, wie wunderbar es sein wird, wenn sie irgendwann endlich jeder ein eigenes Zimmer haben.

„Gérard liebte Elisabeth. Elisabeth und Paul vergötterten und zerfleischten einander. Alle 14 Tage, nach einer nächtlichen Szene, packte Elisabeth einen Koffer und verkündete, dass sie von nun an im Hotel wohnen werde.“ (S. 59)

Eines Tages, als sie sich gerade streiten, stirbt die Mutter an einem Schlaganfall. Pauls Zustand verschlechtert sich erneut. Bald nach der Trauerfeier verklären die Kinder den Vorfall – sie erinnern sich an die lebende Mutter und weigern sich, eine Verbindung zu der fremden Toten herzustellen, die sie im Zimmer der Mutter gefunden haben. Der Arzt verordnet Paul Ruhe und weist die Pflegerin Marietta an, den Jungen gut zu versorgen. Marietta schafft es mit ihrer stillen Ergebenheit, Elisabeths Widerstand zu überwinden. Paul findet sich in die Rolle des Kranken und lässt sich von Marietta und Elisabeth bemuttern. Elisabeth geht so in der Aufgabe auf, dass sie den Plan fasst, Krankenschwester zu werden. Im April steht Paul wieder von seinem Bett auf. Er durchschaut Elisabeths aufopfernde Haltung als Variation ihres gemeinsamen Spiels.

Reise an die See

Der Arzt hat Krankenbesuche untersagt. Gérard, der Elisabeth noch mehr als Paul vermisst, überzeugt seinen reichen Onkel, eine gemeinsame Reise für die drei zu bezahlen. Sie fahren zusammen ans Meer. Gérard ist überrascht, statt der beiden wilden Geschwister vorbildlich brave Kinder vorzufinden, durchschaut aber schnell, dass dies nur eine neue Phase im ewigen Wettstreit zwischen Paul und Elisabeth ist. Elisabeth inszeniert sich als Heilige, während Paul voll in der Rolle des still Leidenden aufgeht. Der Scheinfrieden findet ein Ende, als klar wird, dass sich die Geschwister im Hotel ein Zimmer teilen müssen. Sie treten einander unter dem Tisch und schreien sich an. Im Speisesaal erfinden sie ein neues Spiel, bei dem sie anderen Kindern Grimassen schneiden, bis diese zu weinen beginnen. Gérard bittet die Geschwister, sich zu benehmen, doch seine Bitten stoßen auf taube Ohren. Paul und Elisabeth stiften ihn an, in einem Laden eine Gießkanne zu stehlen. Als sie schließlich aus dem Urlaub zurückkehren, haben die Kinder neue Kraft. Paul geht es deutlich besser und er findet zu alter Form zurück.

„Agathe genoss es, das Opfer zu sein, denn sie fühlte, dass dieses Zimmer mit einer Elektrizität der Liebe geladen war, deren heftigste Schläge unschädlich blieben und deren Ozonduft belebend wirkte.“ (S. 68)

Immer wenn Gérards Onkel auf Reisen ist, übernachtet Gérard bei Paul und Elisabeth. Jeden Abend wird er Zeuge der theatralischen Streitereien zwischen den Geschwistern. Elisabeth erkennt die Wirkung, die sie auf Gérard hat, und nutzt das für ihre Intrigen aus. Paul zieht nachts um die Häuser und treibt Elisabeth mit den Geschichten von seinen Erlebnissen zur Weißglut. Die Kinder gehen spät nachts zu Bett und stehen am Mittag auf, dämmern den Nachmittag vor sich hin und regen sich erst abends wieder. Marietta kocht für sie und putzt das Zimmer, ohne die gewachsene Unordnung durcheinanderzubringen. Der Arzt zahlt für ihren Unterhalt. Drei Jahre vergehen so.

Das Mannequin

Paul und Elisabeth treiben dahin, ohne klare Ziele oder Wünsche. Eines Tages verkündet Elisabeth jedoch, dass sie – jetzt 19 Jahre alt – arbeiten gehen will. Dank Gérards Vermittlung findet sie eine Anstellung als Mannequin in einem Modehaus. Dort freundet sie sich mit der Waise Agathe an. Diese wird wie Gérard zum Stammgast im Zimmer und fügt sich den unausgesprochenen Regeln. Eines Tages findet sie das Bild von Dargelos und erkennt sich selbst darin wieder. Die anderen müssen zugeben, dass die Ähnlichkeit verblüffend ist.

„Eine Galerie, wie geschaffen für die Ängste der Kindheit, wo man gewisse Korridore nicht zu durchschreiten wagte, wo man aufwachte und lauschte, wie die Möbel krachten und wie die Türgriffe leise niedergedrückt wurden.“ (S. 82)

Agathe zieht bei den Geschwistern ein, in das ehemalige Zimmer der Mutter. Ihre Gegenwart verschiebt die Dynamik zwischen den Jugendlichen: Paul verhält sich gemein gegenüber Agathe, sodass Elisabeth sie verteidigt. Gérard wird zum Zuschauer, während sich Agathe in der Rolle des Opfers gefällt. Ihre Eltern waren drogenabhängig und haben Selbstmord begangen – die verwahrloste Wohnung und die nächtlichen Streitigkeiten können sie nicht schockieren. Im Vergleich zu ihrem früheren Leben fühlt sie sich hier gut aufgehoben. Sie weiß: Paul und Elisabeth werden nie drogenabhängig werden, da sie bereits unter dem Einfluss einer „eifersüchtigen, natürlichen Droge“ stehen.

Die Ehe

Gérard stellt Agathe und Elisabeth einem Bekannten seines Onkels vor, dem reichen Amerikaner Michael. Als Paul davon erfährt, ist er außer sich vor Wut, bezeichnet die Mädchen als Nutten und Michael als „widerwärtigen Juden“. Elisabeth erklärt ihm, dass Michael sie heiraten will. Sie genießt Pauls Eifersucht und stachelt sie noch an. Am nächsten Tag bereut Paul seine harten Worte und sagt sich, dass Elisabeth heiraten kann, wen sie möchte. Michael lädt sie alle zu einer Ausfahrt in seinem Rennwagen ein und gewinnt Pauls Wohlwollen. Der erfolgreiche Geschäftsmann bleibt jedoch ein Außenseiter. Die Geschwister spüren: Er würde die Welt des Zimmers nie verstehen.

„Wie Gérard Elisabeth, so stellte Agathe Paul über alles Irdische. Beide liebten, klaglos, und hätten nie gewagt, ihre Liebe in Worte zu fassen. Erhobenen Angesichts sahen sie von unten bewundernd zu ihrer Gottheit auf; Agathe zu dem jungen Schneemann, Gérard zu der eisernen Jungfrau.“ (S. 85)

Gérard ist ebenfalls eifersüchtig, akzeptiert aber, dass er der „geweihten Jungfrau“ Elisabeth nicht würdig ist. Die Hochzeit wird geplant, Elisabeth richtet sich in Michaels großem Haus ein eigenes Zimmer ein, und auch Agathe wird dort eine Wohnung bekommen. Michael lädt Paul ein, zu ihnen zu ziehen, doch der lehnt ab. Kurz nach der Hochzeit verunglückt Michael tödlich. Elisabeth erbt sein Haus und sein Vermögen. Paul ist einsam ohne seine Schwester und zieht bald darauf zu ihr. Sie richten sich im neuen Haus wieder ein gemeinsames Zimmer ein, in dem nun auch Michael, als verklärte Gestalt der Erinnerung, Zutritt hat.

Liebesgeständnisse

In Michaels Haus gibt es eine Galerie, die architektonisch keinen Sinn ergibt und die die Kinder fasziniert. An diesen geheimnisvollen Ort flieht Paul eines Nachts nach einem Streit. Er ist unruhig, weil er das Gefühl hat, keine Macht mehr über Agathe zu haben. Am nächsten Tag baut er sich dort eine Art Separée aus Wandschirmen und Möbeln, einen „nach oben offenen Bezirk“. Bald siedeln auch Elisabeth, Gérard und Agathe hierhin über. Gérard und Agathe verbringen derweil mehr Zeit miteinander. Beide sind unglücklich verliebt – Gérard in Elisabeth, Agathe in Paul. Eines Tages jedoch entdeckt auch Paul seine Liebe für Agathe. Er schreibt ihr einen Brief, in dem er seine Gefühle gesteht, und gibt ihn in die Rohrpost des Hauses.

„Da Elisabeth, wenn sie sich hierüber befragte, keine Antwort fand, so beruhigte sie sich wieder. Sie liebte diese Unglücklichen. Aus Anteilnahme, aus leidenschaftlicher Zuneigung hatte sie sie zu ihren Opfern erkoren.“ (S. 101)

Kurz darauf findet Elisabeth Agathe weinend im Bett liegen. Unter Tränen gesteht Agathe ihr, sie sei verliebt. Elisabeth nimmt an, die Rede sei von Gérard, und spricht Agathe Mut zu. Umso entsetzter ist sie, als Agathe deutlich macht, dass sie Paul meint. Sie bietet ihr an, mit Paul zu sprechen. Der wartet derweil verzweifelt auf eine Antwort von Agathe und befürchtet, der Brief habe sie gar nicht erreicht. Als Elisabeth zu ihm kommt, fragt er sie danach. Sie geht in die Eingangshalle, wo sie den Brief findet. Paul hatte ihn versehentlich an sich selbst adressiert. Elisabeth zerreißt ihn und geht zurück zu ihrem Bruder. Sie berichtet ihm, sie habe den Brief in Agathes Zimmer geöffnet herumliegen gesehen. Übrigens habe Agathe ihr im Vertrauen gestanden, dass sie und Gérard einander lieben und dass sie heiraten wollen. Paul ist am Boden zerstört.

„Erschöpft ließ Paul seinen Kopf zur Seite rollen. Elisabeth glaubte, dies sei das Ende, setzte die Mündung des Revolvers an ihre Schläfe und drückte ab.“ (S. 118)

Elisabeth redet Paul ein, er müsse Agathe vergessen. Gérard und Agathe seien füreinander geschaffen und würden gemeinsam glücklich werden. Paul solle sich nicht aus einer Laune heraus zwischen sie stellen. Als Paul seiner Schwester schließlich zustimmt, macht die sich auf, den nächsten Teil ihres Plans umzusetzen: Sie geht zu Gérard und erzählt ihm, dass Agathe auf einen Antrag von ihm wartet. Völlig überrumpelt stimmt Gérard allem zu, was Elisabeth ihm sagt. Diese sucht nun Agathe auf, die mehr Widerstand leistet, sich am Ende aber auch Elisabeths Drängen beugt. Bald darauf findet die Hochzeit statt. Elisabeth hat in der Folge immer wieder Zweifel, ob sie das Richtige getan oder ob sie vielleicht aus bösem Willen gehandelt hat. Doch letztlich ist sie überzeugt: Es musste sein. Ihr Motiv war Anteilnahme, ja Liebe. Sie musste die Unglücklichen vor sich selbst retten, auch gegen ihren Willen. Gérard und Agathe treten ihre Hochzeitsreise an. Paul wird krank und Elisabeth pflegt ihn.

Von der Vergangenheit eingeholt

Gérard und Agathe ziehen aus, kommen aber oft zu Besuch. Eines Tages berichtet Gérard, er habe Dargelos getroffen, der jetzt für eine Automobilfirma arbeite. Dargelos ist seit seiner Kindheit von Giften fasziniert und hat Gérard ein Päckchen mit einer unbekannten Substanz gegeben, das er Paul geben soll. Elisabeth legt das Päckchen zum Schatz.

Elisabeth träumt, Paul sei gestorben. Die Türklingel weckt sie. Es ist Agathe, die einen Brief von Paul erhalten hat, in dem er ankündigt, er wolle sich mit dem Gift das Leben nehmen. Sie finden Paul auf der Galerie. Er hat tatsächlich Gift genommen, lebt aber noch. Während Elisabeth fortläuft, Kaffee als Gegenmittel zu holen, wirft Paul Agathe vor, das alles sei ihre Schuld. Jetzt kommt Elisabeths Intrige ans Licht. Paul und Agathe stellen Elisabeth zur Rede, die alles gesteht: Sie habe aus Eifersucht gehandelt. Sie nimmt den Revolver an sich, der neben Paul auf der Kommode liegt. Agathe befürchtet, dass Elisabeth sie umbringen will, doch Elisabeth beachtet Agathe gar nicht und konzentriert sich ganz auf ihren Bruder. Während sie Paul betrachtet, verliert sie langsam den Verstand. Agathes Schreie nimmt sie kaum noch wahr. Paul sinkt zusammen, und Elisabeth, sicher, dass er gestorben ist, richtet die Pistole gegen sich selbst. Paul sieht noch einmal die Szene der Schneeballschlacht vor sich, doch er kann Dargelos nicht finden. Er stirbt.

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Aufbau und Stil

In zwei Teilen und auf rund 120 Seiten erzählt Jean Cocteau die Geschichte der Geschwister Elisabeth und Paul, die nach dem Tod ihrer Eltern in ihrer eigenen Welt leben. Der allwissende Erzähler ist mal nah an der einen, dann wieder an einer anderen der vier Hauptfiguren. Zu Beginn des Romans ist Elisabeth 16, Paul 14. Die erzählte Zeit umfasst die Jahre vom Zeitpunkt der Schneeballschlacht und dem Tod der Mutter bis zum Tod der Geschwister, wobei kurz vor dem zweiten Teil ein Zeitsprung von drei Jahren stattfindet. Während es den beiden Geschwistern im ersten Teil noch gelingt, die Außenwelt weitgehend aus ihrem Zimmer herauszuhalten, macht sich diese im zweiten Teil unnachgiebig bemerkbar und zerstört das Gleichgewicht: Elisabeths Job, ihre Hochzeit, die plötzlich sehr reale, erwachsene Liebe zwischen Paul und Agathe – all dem kann die Gegenwelt der Kindheit nicht standhalten. Das Zimmer, und mit ihm alle mehr gefühlten als gedachten Wahrheiten, bringt die Sprache an ihre Grenzen. Das „Spiel“ der Geschwister kann nur in Metaphern eingefangen werden. Andernorts dagegen, vor allem, wenn es um den Tod geht, wird Cocteaus Sprache nahezu beklemmend nüchtern.

Interpretationsansätze

  • Die kindlich-schöpferische Psyche der Protagonisten steht stellvertretend für künstlerisches Schaffen allgemein. Dessen Freiheitsversprechen übte in der Zeit nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs einen großen Reiz auf utopische Gemüter aus, erwies sich aber angesichts einer krisenhaften Wirklichkeit als bloßer Schein.
  • Die Erzählung ist ein Anti-Entwicklungsroman. Anstatt den Weg der Hauptfiguren von der Kindheit zum Erwachsenenalter nachzuzeichnen, ihre Entwicklung hin zu einem reiferen Zustand, wird beschrieben, wie sie sich der realen Welt und dem Erwachsensein verweigern. Der Konflikt führt am Ende in die Katastrophe.
  • Kinder der Nacht kann als Hymne an die Mysterien der Kindheit gelesen werden. Wiewohl Cocteau deutlich macht, dass die Wirklichkeitsflucht der Geschwister eine Bewältigungsstrategie ist und somit letztlich eine unhaltbare Position, gelingt es ihm, jene Eigenwelt in ihrer vollen Würde darzustellen und im Leser Sympathie für den letztlich vergeblichen Versuch zu wecken, den Zustand des kindlichen Lebens bar jeder Verantwortung zu fixieren.
  • Cocteaus visuelle Begabung ist überall im Roman spürbar. Schon auf den ersten Seiten gibt er die Szenerie durch die Augen der Maler wieder, die in der Nähe der Schule wohnen. Einzelne Räume, wie das Zimmer oder die Galerie, gestaltet er mit der Vorstellungskraft und Detailgenauigkeit eines Bühnenbildners nach.
  • Das Seelenleben der Hauptfiguren steht immer im Zentrum des Geschehens, wird jedoch nie analysiert, nur beschrieben. Cocteau bezeichnet die Figuren explizit als Schauspieler, die sich ihrer Rolle nicht bewusst sind. Erst am Ende beginnt Elisabeth, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen. Damit verliert sie den Bezug zu ihrer Kindheit. Um wieder mit Paul eins zu werden, sieht sie nur einen Ausweg: den Tod.

Historischer Hintergrund

Frankreich im frühen 20. Jahrhundert

Frankreich gehörte im Ersten Weltkrieg zu den Siegermächten. Ökonomisch zahlte das Land dafür jedoch einen hohen Preis und ging geschwächt aus dem Krieg hervor. 1919 setzte sich in den Parlamentswahlen eine Mitte-rechts-Koalition gegen ein Linksbündnis durch. Bis 1924 führte ein Kabinett unter Ministerpräsident Raymond Poincaré die Geschicke des Landes; es verfolgte eine scharfe Linie gegen Deutschland, unter anderem mit der Besetzung des Ruhrgebiets 1923. Die Länder näherten sich erst 1925 mit dem Vertrag von Locarno langsam wieder an. 1924 gewannen die Linken unter Édouard Herriot die Wahl. Im Jahr darauf kam es zu Aufständen Einheimischer im französischen Protektorat Marokko und im Libanon, der französisches Mandatsgebiet war. Das Kabinett wurde, nur für ein Jahr, von Aristide Briand übernommen, bis Poincaré 1926 erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde.

In den folgenden Jahren kam es, auch unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise und einem Finanzskandal 1934, zu häufigen Regierungswechseln. Es kam zu Unruhen, die jedoch niedergeschlagen wurden. Im Land formierte sich nun eine breite sozialistische Bewegung, die mit den Kommunisten die sogenannte Volksfront bildete und 1936 die Parlamentswahlen gewann. Die neue Regierung unterstützte in Spanien den Widerstand gegen Franco, führte die 40-Stunden-Woche ein und verstaatlichte Banken und Rüstungsindustrie – mit der Folge, dass die Inflation rasant zunahm und allgemein die Wirtschaft geschwächt wurde. 1938 entzweite sich Ministerpräsident Édouard Daladier mit der Volksfront und versuchte, die Wirtschaftskraft des Landes widerherzustellen. Am 1. September 1939 erklärte Frankreich Deutschland den Krieg.

In Kunst und Literatur erlebte Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Blütezeit. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts gingen Lyriker wie Charles Baudelaire und Romanciers wie Gustave Flaubert und Émile Zola neue Wege und beeinflussten Schriftsteller wie André Gide, Marcel Proust und Paul Valéry.

Entstehung

Jean Cocteau stand in Kontakt mit berühmten Autoren und Künstlern seiner Zeit. Marcel Proust, André Gide und Jean Marais zählten zu seinen Freunden. Letzterer, ein Schauspieler und Bildhauer, war lange sein Lebensgefährte. 1900 bis 1935 herrschten die Strömungen des Expressionismus und Surrealismus in Frankreich vor, nachdem das späte 19. Jahrhundert in Frankreich vor allem im Bereich des naturalistischen und realistischen Romans wichtige Werke hervorgebracht hatte. Die neuen Literaten spielten mit den Elementen dieser Strömungen und brachen mit formalen und stilistischen Konventionen. Der Film als neues Medium befeuerte die Experimentierfreude. Dies war das Klima, in dem Cocteau seine Romane schrieb.

Angeblich verfasste Cocteau Kinder der Nacht innerhalb von knapp drei Wochen, während er sich im Hospital Saint-Cloud zum Drogenentzug aufhielt. Hier schrieb er auch die Studie Opium (Opium: Journal d’une désintoxication), die er übrigens eigenhändig illustrierte. Darin findet sich die Notiz: „Kinder der Nacht, geboren in 17 Tagen, mit Stil- und Rechtschreibfehlern, die ich nicht anzurühren wage“. Cocteaus Opiumsucht ist eines von vielen autobiografischen Motiven in seinem Roman: Das Gift, mit dem sich Paul schließlich das Leben nimmt, ist relativ deutlich als Opium zu identifizieren. Daneben ist auch der frühe Selbstmord seines Vater eingeflossen. Er spiegelt sich im Schicksal Agathes, deren Eltern – wiederum drogensüchtig – sich durch Gas selbst töteten. Außerdem besuchte auch Cocteau – wie Paul – das berühmte Lycée Condorcet in Paris. Hier verliebte er sich in den 13-jährigen Pierre Dargelos, der schließlich zum Vorbild für die Figur des Dargelos in seinem Roman wurde.

Wirkungsgeschichte

Der Roman erschien 1929. Das Scheitern der Geschwister Paul und Elisabeth an der Wirklichkeit wurde für viele Kritiker zum Symbol für den Untergang der Goldenen Zwanziger. Einer Zeit, in der Fantasie und Wirklichkeit oft kaum zu unterscheiden waren und deren zunächst utopische Verheißungen letztlich – auf individueller Ebene – oft an übermäßigem Drogenkonsum bzw. – auf gesellschaftlicher Ebene – an der harschen Realität der Wirtschaftskrise zerschellten. Kinder der Nacht wurde mehrfach für Leinwand und Bühne adaptiert – 1950 von Cocteau selbst, der zusammen mit Regisseur Jean-Pierre Melville den Film Die schrecklichen Kinder produzierte. Im Film wird die inzestuöse Unterströmung in der Beziehung zwischen Elisabeth und Paul deutlicher ausbuchstabiert. Die Kritik reagierte wenig begeistert. Das Lexikon des internationalen Films urteilt: „Leider wird der sensible Roman von Jean Cocteau in Melvilles Verfilmung zum geschmäcklerischen Kunstgewerbe, das der mythenreichen Fantasie des Autors nicht gerecht wird und die Vorlage zum ,Hörspiel‘ degradiert.“

Ein weiteres Werk, das von Cocteaus Text inspiriert wurde, ist Gilbert Adairs Roman Träumer von 1988, der wiederum die Grundlage für Bernado Bertoluccis Film Die Träumer von 2003 bildete.

Über den Autor

Der französische Schriftsteller, Regisseur und Maler Jean Cocteau wird am 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte in der Nähe von Paris geboren. Als er zehn ist, nimmt sich sein Vater, ein erfolgreicher Anwalt, das Leben. Cocteau ist der jüngere von zwei Brüdern. Er besucht das berühmte Lycée Condorcet und beginnt früh mit dem Schreiben. Mit 17 veröffentlicht er erste Gedichte. Seine Gedichtbände Lampe d’Aladin und Le Prince Frivole von 1909 bringen ihm die Anerkennung anderer Literaten ein. Er freundet sich mit Schriftstellern wie André Gide, Marcel Proust und Edmond Rostand an, die sein Schaffen nachhaltig beeinflussen. 1919 erscheint sein Debütroman Potomac (Le Potomak). Im Ersten Weltkrieg meldet sich Cocteau freiwillig, wird jedoch für untauglich erklärt. Er organisiert private Verwundetentransporte. Zurück von der Front schreibt er ein Libretto für ein Ballett, mehrere Theaterstücke und veröffentlicht weitere Gedichtbände und Romane. Als Universalkünstler beweist er sein Talent in diversen Disziplinen, er malt, dreht Spielfilme, entwirft Kostüme und Bühnenbilder und spielt selbst in mehreren Filmen mit. Er gilt als Entdecker und Förderer von Jean Marais, der für eine Weile sein Lebensgefährte ist. Weitere Liebesbeziehungen führt Cocteau unter anderem mit der Romanow-Prinzessin Natalia Pawlowna Paley und angeblich auch mit Édith Piaf. 1947 zieht Cocteau aufs Land nach Milly-la-Forêt. 1955 wird er Mitglied der Académie française. 1960 erhält er den Titel des französischen Dichterfürsten. Er stirbt am 11. Oktober 1963 in seinem Landhaus, das heute als Museum genutzt wird. Auf seinen Wunsch hin wird sein Tagebuch erst nach seinem Tod veröffentlicht. Es erscheint 1989.


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