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Der Judenstaat

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Der Judenstaat

Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage

Manesse,

15 Minuten Lesezeit
10 Take-aways
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Was ist drin?

Zwischen Gründlichkeit und Größenwahn: Herzls Manifest legte den Grundstein für den Staat Israel.


Literatur­klassiker

  • Politik
  • Moderne

Worum es geht

Die Vision eines jüdischen Staates

Die Idee war nicht neu: Schon seit den 1860er Jahren hatten Anhänger des Zionismus angesichts judenfeindlicher Pogrome in Osteuropa einen eigenständigen jüdischen Staat gefordert. Was Theodor Herzls 1896 erschienenes Manifest Der Judenstaat von den vorausgehenden Entwürfen unterscheidet, ist seine visionäre Kraft, gepaart mit einer gesunden Portion Pragmatismus. Niemand sollte behaupten, die Idee eines modernen, liberalen und toleranten jüdischen Musterstaats, der dem Antisemitismus ein Ende bereiten und der ganzen Menschheit als Vorbild dienen würde, sei bloß ein Hirngespinst. Mit pedantischer Detailversessenheit widmet sich der Wiener Journalist Fragen der Provinzverwaltung und der Arbeitszeit, des Handels und des alltäglichen Zusammenlebens im neuen Staat – ohne dabei je den grandiosen Traum aus dem Blick zu verlieren. Herzl, der manchen als Spinner, anderen als neuer Messias galt, setzte sich leidenschaftlich für seine Idee ein. Langfristig mit Erfolg: Die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948, die der früh Verstorbene selbst nicht mehr erlebte, geht wesentlich auf diese schmale Schrift zurück.

Take-aways

  • Theodor Herzls Der Judenstaat gilt als Gründungsmanifest des Zionismus.
  • Inhalt: Ende des 19. Jahrhunderts kann die Emanzipation und Integration der Juden in Europa als gescheitert angesehen werden. Nur ein eigener jüdischer Staat kann dem Antisemitismus ein Ende setzen. Mit der Unterstützung europäischer Regierungen werden die Juden in ihrer neuen Heimat einen toleranten, liberalen Musterstaat aufbauen, der der Menschheit als Vorbild dienen soll.
  • Das Buch erschien 1896, zu einer Zeit, in der die antisemitische Polemik grassierte.
  • Herzl war stärker vom Nationalstaatsdenken des 19. Jahrhunderts als von jüdisch-religiösen Traditionen beeinflusst.
  • Er sah in den Juden eine durch Anfeindungen zusammengeschweißte Gemeinschaft.
  • Das Territorium des Judenstaates sollte in Palästina oder Argentinien liegen.
  • Herzls Verfassungsentwurf ist betont liberal und sieht neben Religionsfreiheit und einem Wahlrecht für Männer und Frauen auch sozialstaatliche Elemente vor.
  • Der Judenstaat trug maßgeblich zur Entstehung des Staates Israel im Jahr 1948 bei.
  • Bei allem Realismus sah Herzl die Konflikte zwischen den jüdischen Siedlern und der einheimischen arabischen Bevölkerung nicht voraus.
  • Zitat: „Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben, und sie werden ihn verdienen.“

Zusammenfassung

Ein eigener Staat ist nötig

Bei dem hier vorgelegten Entwurf eines Judenstaates handelt es sich nicht um ein Hirngespinst oder eine Utopie, sondern um einen realistischen Vorschlag zur Lösung der Judenfrage. Der Antisemitismus und die gegenwärtige schwierige Lage der Juden in der ganzen Welt drängen zum Handeln. Ein Einzelner wäre mit einer solchen Aufgabe sicher überfordert, aber wenn viele sich für diese Idee einsetzen, könnte die Verwirklichung eines Judenstaates gelingen.

„Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates.“ (S. 5)

In unserer modernen, technisierten Welt ist der Antisemitismus immer noch allgegenwärtig. Die Zeit der Aufklärung hat zwar einen gewissen geistigen und kulturellen Fortschritt gebracht, aber die Masse der Menschen verharrt weiter in Mittelmaß und Vorurteilen. Wo immer Juden hinziehen, werden sie verfolgt, selbst wenn sie formal gleichberechtigt sind. Seit Jahrhunderten versuchen sie vergeblich, sich ihrem jeweiligen Vaterland anzupassen. Doch obwohl sie als gute Patrioten die gleichen Steuern zahlen und Opfer bringen wie ihre nichtjüdischen Landsleute und obwohl sie einen hervorragenden Beitrag im Handel und in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in den Künsten leisten, gelten sie stets als Fremde. Lediglich in den oberen Gesellschaftsschichten hat durch Heiraten zwischen reichen Juden und Altadligen eine gewisse Assimilation stattgefunden. Antisemitismus ist kein religiöses oder soziales, sondern ein nationales Problem, und deshalb kann er nur auf politischem Weg beseitigt werden. Die Juden müssen als ein einheitliches Volk anerkannt werden – und einen eigenen Staat erhalten.

Spielarten des Antisemitismus

Der Antisemitismus ist ein weltweites Phänomen, das von Land zu Land unterschiedliche Formen angenommen hat. Während in Russland ganze Judendörfer verbrannt werden, verprügelt man in Deutschland einzelne Juden, und in Frankreich wird ihnen der Zutritt zu wichtigen Ämtern oder zu gehobenen Gesellschaftskreisen verweigert. Ob Ärzte, Anwälte oder Arbeiter, ob Arme oder Reiche, überall stehen die Juden unter erheblichem Leidensdruck. Das einfache Volk verachtet sie, weil sie oft mit Geld zu tun haben. Dabei wurden sie schon seit dem Mittelalter ins Geldgeschäft gedrängt, indem man ihnen den Zugang zu anderen Berufen verwehrte. So entwickelten sie eine bedeutende wirtschaftliche Kraft, und als sie im Zuge der Emanzipation anderen Bürgern gesetzlich gleichgestellt wurden, empfand vor allem die Bourgeoisie die Juden als Konkurrenz und Bedrohung. Angesichts der allgegenwärtigen Anfeindungen ist eine Assimilierung der Juden nur begrenzt möglich. Sie ist aber auch gar nicht erstrebenswert, denn sie würde die Verschmelzung der Juden mit anderen Völkern und damit die Auslöschung ihrer Besonderheiten bedeuten. Gerade der Hass ihrer Umwelt eint die Juden, er stärkt ihre Kraft und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl.

Der Plan

Zunächst müssten die Juden ein ausreichend großes Staatsgebiet und die Souveränität darüber erhalten. Der Abzug der Juden in das neue Land sollte sich nicht fluchtartig, sondern über einen längeren Zeitraum, in rechtlich festgesetztem Rahmen und unter Mitwirkung aller beteiligten Regierungen vollziehen. Die ausgewanderten Juden müssen in ihrer neuen Heimat bessere Lebensbedingungen vorfinden als in den Herkunftsländern. Zunächst werden die armen und verzweifelten Juden dorthin ziehen, um unter Anleitung der jüdischen mittelständischen Intelligenz mit modernsten Mitteln die nötige Infrastruktur zu schaffen, Häuser, Straßen und Brücken zu bauen und das Land zu bewirtschaften. Die wohlhabenderen und reichen Juden werden später ganz von selbst folgen.

„Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben, und sie werden ihn verdienen.“ (S. 9)

Als Staatsgebiet kommt Land in Argentinien oder in Palästina infrage. Palästina als historische Heimat der Juden eignet sich besonders. Für Europa wäre ein moderner Judenstaat an der Grenze zu Asien, sozusagen als Vorposten der Kultur gegen die Barbarei, vorteilhaft. Ob nun Palästina oder Argentinien: Voraussetzung ist in jedem Fall die uneingeschränkte Souveränität des Judenstaates, dessen Existenz Europa garantieren muss. Die Erfahrung zeigt, dass eine allmähliche Zuwanderung in fremdes Gebiet, also eine Infiltration der dort schon ansässigen Bevölkerung, nur zu weiterem Antisemitismus führt.

Die Rolle der Jewish Company

Zwei neu zu schaffende Organe sollten die Leitung dieser schwierigen Aufgabe übernehmen: die Society of Jews, die sich um die wissenschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen kümmert, und die Jewish Company, die nach dem Vorbild großer Kolonialgesellschaften den wirtschaftlichen Verkehr im Land organisiert. Als Aktiengesellschaft mit Hauptsitz in London und vielen Zweigstellen ist sie auch für die Abwicklung der Immobiliengeschäfte auswandernder Juden zuständig. Für ein abzugebendes Haus oder Gut in der alten Heimat sollen diese ein höherwertiges Haus oder Grundstück in der neuen Heimat erhalten.

„Wir sind ein Volk, ein Volk.“ (S. 14)

Die Jewish Company sollte auch den Bau kostengünstiger, aber dennoch ansprechend gestalteter Arbeitersiedlungen mit modernen, hellen Wohnungen und Schulen leiten. Die Bauarbeiten werden ungelernte Arbeiter aus Russland und Rumänien übernehmen, in einem festgeschriebenen Arbeitsrhythmus und unter strenger Kontrolle der Jewish Company. Dadurch wird sichergestellt, dass diese Leute nicht wieder in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen, sich als Hausierer durchschlagen, trinken und faulenzen. Mit dem Zuzug jüdischer Unternehmer und höherer Beamter samt ihren Familienangehörigen werden sich im ganzen Land allmählich ein verfeinerter Lebensstil und neue Märkte ausbreiten.

Wirtschaftliche Vorteile der Auswanderung

Die Herkunftsländer tragen durch den Wegzug der steuerkräftigen, fleißigen Juden einen finanziellen Schaden davon. Doch die jüdischen Geschäfte und Güter, die im Land verbleiben und von den jeweiligen Regierungen zu günstigen Bedingungen erworben werden können, bieten dafür ausreichend Entschädigung. In die leer gewordenen Positionen werden schon bald christliche Bürger nachrücken. Wie die Französische Revolution wird der Abzug der Juden in den Herkunftsländern zu einer Umwälzung der Besitzverhältnisse führen, allerdings mit friedlichen Mitteln und ohne Blutvergießen.

„Ganze Äste des Judentums können absterben, abfallen; der Baum lebt.“ (S. 19)

Der schwierige Aufbau eines neuen Staates erfordert kollektives Handeln, das aber keineswegs die Rechte und die Freiheit des Individuums einschränken darf. Privateigentum und Unternehmergeist müssen sich frei entwickeln können. Eine zentrale Behörde wird den Unternehmern Arbeitskräfte vermitteln, die sich streng an die vorgegebene Arbeitszeit von sieben Stunden am Tag halten müssen. Das Gleiche gilt für selbstständige Handwerker, die mit ihren Familien dorthin ziehen, wo sie gerade gebraucht werden. Auf diese Weise werden Konkurrenzdruck und die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte verhindert.

„Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt.“ (S. 22)

Das erforderliche Geld für die Aufbauarbeit können mächtige jüdische Finanzmagnaten durch Kredite aufbringen. Dazu sind sie in gewisser Weise den armen Juden, die unter dem allgemeinen Vorurteil der jüdischen Geldmacht und Habsucht zu leiden haben, ohne wirtschaftlich davon zu profitieren, moralisch verpflichtet. Eine andere Möglichkeit der Geldbeschaffung besteht in einer bedingten Subskription, bei der auch die ärmeren Juden und sogar Christen, die die Juden loswerden wollen, ihren Beitrag zur Finanzierung eines Judenstaates leisten könnten. Jeder leistet eine Anzahlung, und erst wenn der Vollbetrag durch die Menge der Anzahlungen gesichert ist, wird der Rest zahlungsfällig.

Alltagsgewohnheiten, Religion und Tradition

Obwohl der Judenstaat in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht einen Neuanfang bedeutet, gilt es dennoch, an alten Traditionen und Gebräuchen festzuhalten. Um kein Heimweh aufkommen zu lassen, sollten die Auswanderer möglichst gruppenweise ihre Wohnorte und Bezirke verlassen, wobei natürlich kein Zwang besteht, sich anzuschließen. Auf diese Weise können persönliche Beziehungen unter Juden, die ja in ihrer alten Heimat meistens isoliert und ohne Kontakt zu Christen leben, in der neuen Heimat fortbestehen. Die Auswanderer können ihre kleinen Alltagsgewohnheiten mitnehmen und sie in die neue Heimat verpflanzen.

„Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreißen. Nein, indem wir sie mit ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden übersetzen.“ (S. 72 f.)

Jede Gruppe wird von einem Rabbiner begleitet, der von Beginn an eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der Idee des Judenstaates spielt. Bei allen sprachlichen und nationalen Unterschieden ist es nämlich der religiöse Glaube, der die Juden zusammenhält. Die Ortsgruppen unter Vorsitz einer Kommission sind für alle praktischen, alltäglichen Belange der Menschen in der neuen Heimat zuständig. Im Unterschied zur Verwaltung, die zentralistisch ausgerichtet ist, herrscht hier weitgehende Autonomie.

„Politik muss von oben herab gemacht werden.“ (S. 98)

Aufgrund weltweiter Anfeindung und Unterdrückung gibt es unter den Juden grundsätzlich eine große Bereitschaft, auszuwandern, nicht nur bei den Ärmsten, sondern auch bei den Wohlhabenden und Reichen. Die Aussicht auf Freiheit und auf eine Heimat, die zugleich – ähnlich wie Mekka – der religiöse Mittelpunkt ist, wird gläubige Juden aus aller Welt anziehen und eine lawinenartige Wanderungsbewegung auslösen. Allerdings sollte die Frage des religiösen Glaubens im Staat jedem Einzelnen überlassen sein.

„Denn wir sind ein modernes Volk und wollen das modernste werden.“ (S. 99)

Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil haben die Juden keine natürliche Vorliebe für Handelsberufe. Im Gegenteil: Sobald ein jüdischer Kaufmann zu Geld gekommen ist, lässt er seine Söhne studieren. Unter Anleitung der Society of Jews werden all die jüdischen Hausierer, die nur aus Not im Kleinhandel ihr Geld verdienen, zu Handwerkern und Arbeitern mit einem Siebenstundentag umerzogen. Die Kinder werden von Beginn an im Sinne der Gemeinschaft gefördert. Auch Wohltätigkeit wird künftig stärker an die moralische Erziehung der Armen gekoppelt. Niemand darf nutzlos sein, jeder Einzelne wird gebraucht.

Rechtliche Grundlagen des neuen Staates

Die Gründung eines Judenstaates auf einem noch näher zu bestimmenden Territorium stellt ein Novum in der Verfassungs- und Staatsgeschichte dar. Ältere Vorstellungen vom göttlichen oder patriarchalen Ursprung des Staates taugen zur Begründung in diesem Fall ebenso wenig wie die Patrimonial- oder die Vertragstheorie. Nicht Gott oder die Menschen erteilen den Auftrag zur Staatsbildung, sondern eine höhere Notwendigkeit. Der Kampf eines Volkes um seine Existenz rechtfertigt die Gründung des Staates. Der Einzelne, der diese höhere Notwendigkeit erkennt, braucht daher nicht die Zustimmung oder den Auftrag seiner Mitbürger. Er muss handeln, und zwar sofort, denn sonst gerät das ganze Unternehmen durch Auseinandersetzungen und Parteiungen in Gefahr.

„Wir können doch nicht hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen?“ (S. 99)

Die Juden sind gegenwärtig zu schwach und leben zu verstreut, um ihre politischen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Es bedarf darum eines so genannten Gestors, der als eine Art Geschäftsführer agiert und sich ihrer Sache annimmt. Dieser Gestor ist nicht eine einzelne Person, sondern eine moralische Instanz: die Jewish Society. Als Zentralstelle der jüdischen Volksbewegung und Keimzelle des neuen Staates übernimmt sie wissenschaftliche und soziale Aufgaben. Die Auswanderung der Juden kann nicht naiv und eher zufällig stattfinden wie in älteren Zeiten, sondern muss sich nach modernen wissenschaftlichen Grundsätzen vollziehen. Die Jewish Society muss Äußerungen mehr oder weniger prominenter Juden sammeln und statistische Erhebungen in der ganzen Welt durchführen, um Aufschluss darüber zu erhalten, wie hoch die Bereitschaft für einen Umzug in die neue Heimat ist. Erst dann wird sie das neue Land erschließen und konkrete Pläne zur Auswanderung und Ansiedlung, zur Gesetzgebung und Verwaltung erarbeiten.

Ein Vorbild für die ganze Menschheit

Die Verfassung des Judenstaates sollte Elemente aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie verknüpfen. Die Monarchie gewährt Beständigkeit und beschränkt die Auswüchse einer reinen Demokratie, die bei den Bürgern ein gewisses Maß an politischer Tugend voraussetzen würde. Als ideale Staatsform erscheint eine aristokratische Republik, in der jeder die gleiche Chance zum Aufstieg hat. Im neuen Staat gibt es keine einheitliche Sprache oder Staatsreligion. Jeder behält die Sprache seines Herkunftslandes bei und kann seinen Glauben frei ausüben. Der neue Staat soll Experimentierfeld und Vorbild für eine moderne, menschenfreundliche Form des Arbeitens und Zusammenlebens sein. Von besonderer Bedeutung ist die Einführung des Siebenstundentags, der auf der Staatsflagge durch sieben goldene Sterne symbolisiert werden soll. Die Schaffung eines Judenstaates ist ein erster Schritt, das Elend in der Welt zu beseitigen. Und der Antisemitismus wird damit für immer ein Ende finden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Theodor Herzls Plädoyer für die Schaffung eines jüdischen Staates umfasst gut hundert Seiten und teilt sich in sechs kurze Kapitel. Diese sind ihrerseits wieder in Unterabschnitte gegliedert, die oft nicht einmal eine halbe Seite füllen, was auf den durchdachten und gut strukturierten Aufbau hinweist. Bereits in der Vorrede hebt Herzl den realistischen Charakter der Schrift hervor, die keine fantastische Utopie entwerfe, sondern einen konkreten, in naher Zukunft ausführbaren Plan. Dieser pragmatische Ansatz drückt sich auch in der Sprache des Büchleins aus: Streckenweise liest es sich fast wie eine Gebrauchsanweisung. Ab und zu lässt sich Herzl zu einem emotionalen Aufruf hinreißen, aber größtenteils appelliert er an die Vernunft seiner Leser. Trotzdem ist Der Judenstaat alles andere als eine trockene Lektüre. Nicht nur die zahlreichen rhetorischen Fragen, auch die fantasievollen Vergleiche und manche ironische Seitenhiebe zeugen von der Leidenschaft des Autors für seine Idee. Selbst wenn er sich in der Planung kleinster Details wie etwa der Fahrtkosten für die Übersiedlung der Juden ergeht, bleibt das Visionäre seines Entwurfs spürbar.

Interpretationsansätze

  • Der Judenstaat ist dem Geist der Aufklärung verpflichtet: Theodor Herzl entwirft die Vision eines modernen, toleranten, säkularen Staates, in dem jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll. Herzl glaubt an die Erziehbarkeit des Menschen – aber auch an die Trägheit der Masse, die einen Anführer brauche.
  • Trat Herzl anfangs noch für eine Anpassung der Juden an ihre nichtjüdische Umwelt ein, so verurteilt er in dieser Schrift die Assimilation als Irrweg. Antisemitismus erscheint ihm nun nicht mehr bloß als ein Relikt vormoderner Zeiten, sondern als unmittelbare Folge der Emanzipation. Diese habe zwar die äußeren Ghettomauern zum Einsturz gebracht, dafür aber unüberwindliche innere Mauern geschaffen.
  • Für den politischen Zionismus Theodor Herzls, der mehr vom Nationalstaatsdenken des 19. Jahrhunderts als von jüdisch-religiöser Tradition geprägt ist, stehen Fragen der Souveränität sowie der wirtschaftlichen und politischen Organisation im Vordergrund. Als Ort des neuen Staates bot sich die biblische Heimat Palästina zwar an, ein Territorium in Südamerika sollte aber Herzls Meinung zufolge dieselben Funktionen erfüllen können.
  • Mit seiner Betonung des Volksgedankens (die Juden seien ein Volk, nicht nur eine Religionsgemeinschaft) löste Herzl Empörung unter jüdischen Orthodoxen aus: Die nun schon 2000 Jahre währende Diaspora, also die Zerstreuung der Juden in alle Welt, sei kein politischer Zustand, der aus eigener Kraft überwunden werden könne, sondern göttlicher Wille, den es zu erdulden gelte.
  • Herzl unterschätzte das Konfliktpotenzial eines jüdischen Staates in Palästina. Sein ungebrochener Fortschrittsglaube verführte ihn zu der Annahme, ein moderner, sauberer und hochtechnisierter Sozialstaat mit geregelter Arbeitszeit, Gleichberechtigung und allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen würde auch auf die arabische Bevölkerung attraktiv wirken.

Historischer Hintergrund

Der Zionismus am Ende des 19. Jahrhunderts

In Frankreich war die Emanzipation der Juden um die Mitte des 19. Jahrhunderts am weitesten fortgeschritten. Im Zuge der Französischen Revolution hatten sie 1791 die volle Gleichberechtigung als Staatsbürger erhalten. Mit der Benennung von drei jüdischen Ministern 1848 und des ersten jüdischen Generals in Frankreich im Jahr 1860 gelangten Juden gar in die höchsten Positionen des Staates. Zugleich mehrten sich unter jüdischen Intellektuellen die Stimmen, die für eine Abkehr von der Assimilation und für ein stärkeres nationales und religiöses Selbstbewusstsein warben. Unter dem Eindruck antijüdischer Hetze und Pogrome in Russland, Ungarn und Polen, die Tausende in die Flucht trieben, gewann die nationaljüdische Bewegung ab den 1880er Jahren in Osteuropa, aber auch in Frankreich und Deutschland immer stärkeren Zulauf.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Antisemitismus in Westeuropa mit der Dreyfus-Affäre 1895. Die Verurteilung des elsässisch-jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats spaltete die französische Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager. In der leidenschaftlich geführten öffentlichen Debatte gewannen antisemitische Kreise zunächst die Oberhand. Liberale wie konservative Zeitungen heizten mit ihrer Berichterstattung alte Ressentiments gegen die Juden an. In den Straßen von Paris wurden antijüdische Pamphlete und Karikaturen verteilt, Menschen rotteten sich zusammen und forderten in öffentlichen Kundgebungen lautstark den Tod nicht nur von Dreyfus, sondern aller Juden.

Entstehung

Als Pariser Korrespondent der Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse berichtete Herzl ausführlich über die Dreyfus-Affäre. Die öffentliche Hetze gegen Juden erschreckte ihn und bestärkte ihn in seiner Überzeugung von Dreyfus’ Unschuld. Angesichts des fanatischen Antisemitismus wandelte sich seine Einstellung zur Judenfrage. Hatte Herzl noch zu Beginn der 1890er Jahre eine Assimilation und Integration der Juden befürwortet, so glaubte er jetzt die Zwecklosigkeit solcher Anpassungsbestrebungen zu erkennen. Wenn schon im Geburtsland der Menschenrechte ein friedliches, auf Toleranz beruhendes Zusammenleben von Juden und Nichtjuden unmöglich war, wie sollte es dann anderswo gelingen? Der Antisemitismus war offenbar ein politisches Problem, das eine radikale politische Lösung erforderte.

Im Mai 1895 wandte sich Herzl an den jüdischen Bankier Baron Maurice de Hirsch, einen der reichsten Männer seiner Zeit, um ihm die Idee einer Auswanderung der Juden vorzustellen. Statt mit ihren Wohltaten Bettler und Schnorrer heranzuzüchten, sollten die reichen Juden ihr Geld lieber in den Kauf von Land investieren, wo Juden aus aller Welt angesiedelt werden könnten. Hirsch tat Herzls Ausführungen als fantastischen, nicht realisierbaren Einfall ab, doch Herzl gab nicht nach. In einem Brief an den Baron führte er die Einzelheiten seines Plans aus, der nun Gestalt annahm. Wie im Rausch schrieb er Berge von Notizzetteln voll. Gleichzeitig verfasste er eine Rede an die Rothschilds, von denen er sich Unterstützung erhoffte. Ermutigt durch den Zuspruch, den er von Freunden und einigen wichtigen jüdischen Persönlichkeiten erfuhr, überarbeitete er die Rede und fügte einen schwungvollen Schluss an. Unter dem Titel Der Judenstaat veröffentlichte er die Schrift Anfang 1896 in einer Auflage von 3000 Exemplaren.

Wirkungsgeschichte

Schon seit den 1860er Jahren hatten Leon Pinsker und Moses Hess Entwürfe zur Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina veröffentlicht. Doch es war Herzls Buch, das als erstes für heftige Reaktionen sorgte. Während Strenggläubige wie der Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann dem Autor Ketzerei vorwarfen, weil er sich die Rolle eines Messias anmaße, äußerten sich viele assimilierte, reiche Juden skeptisch über die Realisierbarkeit seiner Pläne. Andere lehnten nationaljüdische Bestrebungen rundweg ab, unter ihnen der österreichische Schriftsteller Karl Kraus, der sich der deutschen Kultur näher fühlte als der jüdischen Tradition und in seinen satirischen Angriffen den Zionismus mit mittelalterlicher Ghettoisierung verglich. Nachdem Herzl nicht mehr mit der Unterstützung der reichen Juden rechnete, beschloss er, die Massen zu mobilisieren. Insbesondere unter den osteuropäischen Juden fand er zahlreiche Anhänger. Viele sahen in dem eleganten, hochgewachsenen Mann mit dem schwarzen Vollbart einen modernen Moses. Auf dem ersten Weltkongress der Zionisten in Basel 1897 gelang es dem Präsidenten Herzl, die unterschiedlichen Strömungen hinter sich zu vereinen und konkrete Schritte für eine Kolonisierung in Palästina einzuleiten. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts kam es so zu ersten größeren Auswanderungen von Juden nach Palästina. Doch erst unter dem Eindruck des Holocaust wurde Herzls Traum eines eigenen jüdischen Staates Wirklichkeit. Unter einem Bild von Theodor Herzl verlas David Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Erklärung zur Staatsgründung Israels.

Über den Autor

Theodor Herzl wird am 2. Mai 1860 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Budapest geboren. In seinem assimilierten Elternhaus herrscht größeres Interesse an der deutschen Kultur als an religiösen Fragen. Schon in der Schule zeigt Herzl literarische Ambitionen, schreibt Gedichte und Erzählungen im Stil Heinrich Heines. Nach seinem Abitur 1878 studiert er in Wien Jura, allerdings eher halbherzig. Sein eigentlicher Berufswunsch ist Schriftsteller. Wegen judenfeindlicher Stimmung tritt er 1883 aus der Studentenvereinigung aus. Nach dem Staatsexamen und der Promotion 1884 arbeitet er am Landgericht Wien, doch schon nach einem Jahr quittiert er den Staatsdienst, der Juden kaum Aufstiegschancen bietet, und geht seinen literarischen Neigungen nach. Herzls Bühnenstücken bleibt der Erfolg zwar verwehrt, aber es gelingt ihm, Reisefeuilletons und kurze satirische Texte bei angesehenen Zeitungen unterzubringen. Nach seiner Hochzeit 1889 geht er als Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse nach Paris. Von 1891 bis 1895 berichtet er aus der französischen Hauptstadt über Theater und Kunst ebenso wie über das Tagesgeschehen. Er interessiert sich für politische und soziale Probleme und setzt sich in vielen Artikeln wie auch in dem Theaterstück Das neue Ghetto (1897) mit dem wachsenden Antisemitismus auseinander. Unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre schreibt er Der Judenstaat (1896) und widmet sich anschließend ganz der Ausführung der darin entworfenen Idee. Unermüdlich reist er umher und führt Verhandlungen, u. a. mit Kaiser Wilhelm II., dem türkischen Sultan Abdülhamid II. und Papst Pius X. Nebenbei organisiert er zionistische Kongresse und schreibt an seinem Roman Altneuland (1902). Unter dem rastlosen Einsatz für die zionistische Bewegung leidet seine Gesundheit. Von den Strapazen körperlich und seelisch erschöpft stirbt der dreifache Vater am 3. Juli 1904 im österreichischen Edlach an Herzversagen. 1949 werden seine sterblichen Überreste nach Jerusalem überführt und auf dem nach ihm benannten Herzlberg beigesetzt.

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