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Jules Verne
Der Kurier des Zaren
Reclam, 2015
Was ist drin?
Sentimentaler Superheld rettet Russland vor tumben Tataren.
Worum es geht
Abenteuerliche Jagd durch Sibirien
Das Szenario scheint in Zeiten globaler Hyperkommunikation völlig aus der Zeit gefallen: Im fernen Sibirien ist ein Aufstand ausgebrochen, die Telegrafenleitungen sind gekappt. Die letzte Hoffnung auf Rettung der russischen Zivilisation ruht auf einem heldenhaften Kurier, der sich zu Pferd und zu FuĂ, durch Gebirge und eisige FlĂŒsse, ĂŒber BĂ€ren-, Wolfs- und Tatarenkadaver hinweg nach Irkutsk durchschlĂ€gt. Ein halbes Jahrhundert vor der goldenen Ăra des Hollywood-Westerns nahm Jules Verne dessen Erfolgsformel vorweg: Ein Bleichgesicht schieĂt seelenlose Schlitzaugen wie Pappfiguren nieder, und zum Abspann reitet der siegreiche Held mit seiner Angebeteten dem Sonnenuntergang entgegen. Von der Tendenz vieler Kritiker, das Werk durch die politisch korrekte Brille von heute zu betrachten, lassen sich Fans des Romans nicht anfechten. Doch genau diese Perspektive macht das Werk so faszinierend: Als Zeitzeuge vermittelt Jules Verne uns einen wertvollen Einblick in die UrsprĂŒnge vieler Konflikte, mit deren Folgen wir bis heute zu kĂ€mpfen haben.
Take-aways
- Der Kurier des Zaren gilt vielen heute als Jules Vernes bestes Werk.
- Inhalt: Sibirien wird von Tatarenhorden bedroht. Der Zar schickt seinen Kurier Michael Strogoff mit einem Brief ins ferne Irkutsk, um seinen Bruder vor einem VerrĂ€ter zu warnen. Auf dem abenteuerlichen Ritt ĂŒbersteht der Held gefĂ€hrliche PrĂŒfungen und entkommt tödlichen Gefahren. SchlieĂlich rettet ihn die Liebe zu seiner Mutter.
- Die Geschichte spielt um 1860 wÀhrend der Regentschaft Zar Alexanders II.
- Der Autor kehrt die historischen Tatsachen um: TatsĂ€chlich wurde Russland nicht von asiatischen Völkern bedroht, sondern ĂŒberrannte zwischen 1852 und 1884 Zentralasien.
- Das Buch ist ein Sammelsurium von ethnischen, kulturellen und nationalen Stereotypen.
- In ihnen spiegelt sich der Glaube an die Ăberlegenheit der europĂ€isch-christlichen Zivilisation gegenĂŒber den asiatisch-muslimischen Barbaren.
- Obwohl Verne nie vor Ort war, gelangen ihm atemberaubend schöne Beschreibungen der sibirischen Landschaft.
- Das Buch war ein Riesenerfolg. Es wurde fĂŒr die BĂŒhne adaptiert und mehrfach verfilmt.
- Jules Verne ist nach Agatha Christie der am zweithĂ€ufigsten ĂŒbersetzte Autor der Welt.
- Zitat: âNoch immer sind mir diejenigen lieber, die mit der Eroberung auch die Zivilisation bringen. Und das kann man von den Tataren beim besten Willen nicht behaupten.â
Zusammenfassung
Gekappte Verbindungen und eine neue IdentitÀt
Den Zaren erreichen dĂŒstere Nachrichten: AufstĂ€ndische Tataren haben Russland in den sibirischen Provinzen angegriffen und die Telegrafenleitungen nach Irkutsk zerstört. Der Zar kann nun seinen Bruder, den GroĂfĂŒrsten und Gouverneur Ostsibiriens, nicht mehr vor dem VerrĂ€ter Iwan Ogareff warnen, der die Tataren gegen die Russen aufgewiegelt hat. Ogareff will sich am GroĂfĂŒrsten dafĂŒr rĂ€chen, dass der ihn einst degradiert und nach Sibirien verbannt hat. Der Zar weiĂ, dass der VerrĂ€ter sich unter falscher IdentitĂ€t beim GroĂfĂŒrsten einschleichen will, um ihn dann zu ermorden und Sibirien dem tatarischen Emir Feofar-Khan auszuliefern. Nur ein Nachrichtenkurier kann das jetzt noch verhindern. Der Zar vertraut die geheime Mission dem 30-jĂ€hrigen Michael Strogoff an, einem heldenhaften Sibirier. Der tarnt sich als Kaufmann Nikolaus Korpanoff. Bevor der Kurier die lange Reise von Moskau nach Irkutsk antritt, verspricht er, sein Inkognito unter allen UmstĂ€nden zu wahren. Nicht einmal seine geliebte Mutter will er unterwegs besuchen.
â,Es gab einmal eine Zeit, da war die Reise nach Sibirien eine Reise ohne Wiederkehr.â ,Mag sein. Aber solange ich lebe, ist und wird Sibirien ein Land sein, aus dem man wiederkehrt.ââ (Polizeichef und Zar, S. 16)
Am 16. Juli nimmt er die Eisenbahn nach Nischni Nowgorod. Der Zug ist voll besetzt mit Kaufleuten auf dem Weg zur berĂŒhmten Handelsmesse der Stadt. Auch zwei neugierige auslĂ€ndische Journalisten befinden sich darunter: Alcide Jolivet, ein jovialer Franzose, und der steife EnglĂ€nder Harry Blount, die einander bei ihrer Arbeit stets in die Quere kommen. Unterwegs steigt eine junge, auffallend schöne LivlĂ€nderin zu, die auch die entbehrungsreiche Reise nach Irkutsk antreten will â sehr zur Verwunderung des Kuriers.
Zwielichtige Zigeuner
Im Gouvernement Nischni Nowgorod trifft der Kurier nachts ein seltsames Zigeunerpaar. Die beiden scheinen bestens informiert, der Mann sagt voraus, was am nĂ€chsten Morgen offiziell verkĂŒndet wird: Kein Russe darf mehr aus dem Gouvernement, doch alle Asiaten mĂŒssen es binnen 24 Stunden verlassen. In der PrĂ€fektur der Stadt trifft der Kurier auf die verzweifelte LivlĂ€nderin, der als Russin nun die Weiterreise verwehrt ist. Er selbst ist als Kurier des Zaren von der Regelung ausgenommen, und so geht er kurzerhand auf sie zu, gibt sie vor den Augen der Polizeibeamten als seine Schwester aus und geht mit ihr davon.
âEr war ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, dessen wohlgeformter Kopf die besten Merkmale der kaukasischen Rasse zeigte.â (ĂŒber Michael Strogoff, S. 23)
Gemeinsam nehmen sie einen Wolgadampfer nach Perm, und jetzt erst vertraut sich das schöne MĂ€dchen namens Nadja Feodor ihrem WohltĂ€ter an: Sie ist nach dem Tod ihrer Mutter unterwegs zu ihrem Vater, einem angesehenen Rigaer Arzt, der zwei Jahre zuvor aus politischen GrĂŒnden nach Irkutsk verbannt worden ist. In der dritten Klasse belauscht Strogoff zufĂ€llig erneut ein GesprĂ€ch des Zigeunerpaares: Ein Kurier sei nach Irkutsk unterwegs, warnt die Zigeunerin Sangarra. Ja, antwortet ihr GefĂ€hrte, aber der werde sein Ziel gar nicht oder zu spĂ€t erreichen.
Abenteuerlicher Ural
In Perm mietet der Kurier einen Pferdewagen, um damit den Ural zu durchqueren. Strogoff und Nadja legen zwölf bis vierzehn Kilometer in der Stunde zurĂŒck, doch sie geraten mitten in ein furchtbares Unwetter hinein. Einmal droht ihr GefĂ€hrt von einem ins Tal donnernden Felsblock zermalmt zu werden, doch Strogoff bringt es im allerletzten Moment in Sicherheit.
âEs ist zwecklos, mit russischen Polizeibeamten, die fĂŒr ihre RĂŒcksichtslosigkeit bekannt sind, verhandeln zu wollen.â (S. 36)
Sie finden Schutz hinter einem Felsvorsprung. Plötzlich hört Nadja Stimmen. Strogoff macht sich auf, der Sache auf den Grund zu gehen. Er findet Jolivet und Blount, die in einem pferde- und fĂŒhrerlosen Karren im Schlamm hocken â der EnglĂ€nder auĂer sich vor Zorn, der Franzose auĂer sich vor Lachen. Offenbar ist ihr Kutscher mit dem Vorderteil davongefahren, ohne das Fehlen der Passagiere zu bemerken. Strogoff bietet ihnen Hilfe an. Da fallen SchĂŒsse. Abgefeuert hat sie Nadja, die sich gegen einen riesigen BĂ€ren zur Wehr setzt. Strogoff springt dazwischen und schlitzt dem Biest den Bauch auf. Die beiden Journalisten staunen nicht schlecht.
Tödliche Beleidigung
Von Jekaterinburg geht es durch die monotone westsibirische Steppe. An der nĂ€chsten Poststation sichert sich der Kurier die einzigen ausgeruhten Pferde und möchte sofort weiterfahren, als ein Mann, den sie unterwegs ĂŒberholt haben, hereintritt und in herrischem Ton Strogoffs Pferde verlangt. Die Situation eskaliert so weit, dass der Mann ihm einen Peitschenhieb versetzt und sich die Pferde schnappt. Strogoff ertrĂ€gt die Beleidigung ohne ein Wimpernzucken. Nadja ahnt, dass er gute GrĂŒnde dafĂŒr haben muss.
âVor ihnen lag nun die reine sibirische Steppe, eine unendlich weite grasbewachsene FlĂ€che, die am Horizont in einer reinen Bogenlinie mit dem Himmel verschmolz.â (S. 107)
Erst am nĂ€chsten Tag können sie weiterreisen. Die jĂŒngsten Nachrichten sind beunruhigend: Offenbar bedrohen die Tataren jetzt schon Strogoffs Heimatstadt Omsk. Als Nadja und Strogoff 25 Kilometer vor der Stadt den Fluss Irtysch ĂŒberqueren, wird ihre FĂ€hre von einem Tatarentrupp ĂŒberfallen. Der Kurier will von Bord springen, wird aber von einer Lanze am Kopf getroffen und stĂŒrzt ins Wasser. Die Tataren nehmen Nadja gefangen.
Fatales Wiedersehen
Drei Tage spĂ€ter kommt Michael Strogoff in einer HĂŒtte zu sich. Ein Bauer hat ihn gesundgepflegt. Auf dem Weg in seine Heimatstadt erkennt der Kurier in einem vorbeireitenden Offizier den alten Zigeuner und zugleich den Fremden, der ihn wenige Tage zuvor herausgefordert hat. Der Bauer, der Strogoff begleitet, verrĂ€t ihm: Es ist Iwan Ogareff. In der Poststation trifft Strogoff auf seine Mutter Marfa, die ihn freudig begrĂŒĂt. Er verleugnet sie jedoch, um nicht erkannt zu werden. Dann macht er sich davon. Der Vorfall ist jedoch nicht unbemerkt geblieben und Ogareff befragt Marfa. Die gibt sie vor, sich geirrt zu haben â vergeblich. Er befiehlt, sie zu verhaften und den Kurier des Zaren zu verfolgen.
âVon seiner Mutter her hatte er ein wenig mongolisches Blut. Er liebte die List und schreckte vor keinem Mittel zurĂŒck, wenn es galt, Geheimnisse auszukundschaften oder dem Gegner eine Falle zu stellen.â (ĂŒber Iwan Ogareff, S. 122)
Dieser hat inzwischen auf einem Pferd die von Stechinsekten verseuchten Baraba-SĂŒmpfe erreicht, wo arme Bauern zum Schutz Gesichtsmasken aus Pech tragen. Jenseits der SĂŒmpfe sieht Strogoff menschenleere Landstriche und verkohlte Dörfer. Am Abend belauscht er heimlich Offiziere einer tatarischen Reitertruppe. Er erfĂ€hrt, dass auf seinen Kopf eine Belohnung ausgesetzt ist. Als er sich davonschleichen will, verrĂ€t ihn das Wiehern eines Pferdes. Im Nu sind ihm die Tataren auf den Fersen. Aus dem Galopp erschieĂt Michael Strogoff mehrere von ihnen, wĂ€hrend die Kugeln der Verfolger an ihm vorbeizischen. Am Fluss Ob stĂŒrzt er sich in die Fluten. Ein Schuss fĂ€llt, sein Pferd versinkt im Wasser. Der Kurier taucht unter und erreicht das rettende Ufer.
Gefangene der Tataren
In einer Telegrafenstation vor der Stadt Kolywan, in der sich Russen und Tataren schwere Gefechte liefern, trifft Strogoff auf alte Bekannte: Blount und Jolivet streiten um den Platz am Schalter, um jeweils als Erster die Nachricht von der Niederlage der Russen in die Heimat durchzugeben. Nach einer heftigen Gewehrsalve schweigt die Leitung, die Tataren stĂŒrmen das GebĂ€ude und nehmen die Reporter und Strogoff gefangen. In einem Gefangenentross werden sie ins Feldlager Feofar-Khans getrieben und dort eingepfercht. Nach vier Tagen hĂ€lt Iwan Ogareff mit seinem Heer und weiteren Gefangenen Einzug. Die Reporter werden freigelassen, wĂ€hrend die ĂŒbrigen Gefangenen 150 Kilometer nach Tomsk marschieren mĂŒssen. Noch ahnt der Kurier nicht, dass sich auch Nadja und seine Mutter in dem Zug befinden. Die beiden Frauen haben sich angefreundet, und als Nadja voller Bewunderung und Trauer von ihrem verstorben geglaubten ReisegefĂ€hrten Nikolaus Korpanoff erzĂ€hlt, begreift die Mutter instinktiv, dass es sich um ihren Sohn handelt.
Ein liebender Sohn wird entlarvt
Hunderte Gefangene sterben. Die Sonne brennt auf sie nieder, und erst am Abend dĂŒrfen sie aus dem Fluss Tom trinken. Nadja und Marfa wollen das Ufer gerade verlassen, als das MĂ€dchen einen Schrei ausstöĂt: Dort steht er, ihr ReisegefĂ€hrte! Die alte Frau hĂ€lt sie zurĂŒck, doch Sangarra hat die Szene beobachtet und berichtet Iwan Ogareff davon. Vor den Augen aller Gefangenen versuchen sie, Marfa zum Reden zu bringen â ohne Erfolg. Erst als die alte Frau zu Tode gepeitscht werden soll, kann Michael Strogoff sich nicht mehr beherrschen. Er reiĂt den Folterern die Peitsche aus der Hand und schlĂ€gt damit Ogareff ins Gesicht. Dieser befiehlt daraufhin, Feofar-Khan solle nach tatarischem Brauch ĂŒber Strogoff richten. Triumphierend nimmt er diesem den Brief des Zaren ab, lĂ€sst ihn fesseln und abfĂŒhren.
Die Blendung
In Tomsk feiert der Emir ein rauschendes Siegesfest. Als Marfa sich nicht schnell genug vor Feofar-Khan in den Staub wirft, stöĂt ein Soldat sie zu Boden. Der Kurier reiĂt sich los und schaut dem Emir offen in die Augen, bis dieser befiehlt, ihn blenden zu lassen. Der letzte Blick des Sohnes gilt seiner verzweifelten Mutter â dann fĂŒhrt der Scharfrichter die glĂŒhende Klinge an seinen Augen vorbei. Ogareff hĂ€lt ihm höhnisch den Brief des Zaren vor die erloschenen Augen und verkĂŒndet, dass er nun in die Rolle des Kuriers schlĂŒpfen werde. Dann verlĂ€sst er die RichtstĂ€tte mit seinem Gefolge. Strogoff bleibt allein zurĂŒck. Etwas abseits wartet Nadja auf ihn und verspricht, ihn nach Irkutsk zu fĂŒhren.
Lebendig begraben
Auf blutigen FĂŒĂen quĂ€len sie sich weiter. SchlieĂlich hĂ€lt ein Mann in einem klapprigen Pferdewagen neben ihnen und nimmt sie mit. Es ist Nikolaus Pigassoff, der Postmeister aus Kolywan. Sie kommen gut voran, bis sie den Fluss Jenissei mit seinen gefĂ€hrlichen Stromschnellen erreichen. Weit und breit sind weder FĂ€hre noch FĂ€hrmann zu sehen, doch mithilfe aufgeblasener GetrĂ€nkeschlĂ€uche kommen sie mit Pferd und Wagen hinĂŒber.
âAngesichts der Gefahr wuchsen ihm neue KrĂ€fte und neuer Mut. Es ging jetzt um sein Leben, seinen Auftrag, das Schicksal seines Landes und vielleicht auch um das Heil seiner Mutter.â (ĂŒber Michael Strogoff, S. 146)
Bald darauf werden sie von einer tatarischen Reiterhorde gefangen genommen. Als einer der Reiter Nadja belĂ€stigt, schieĂt Nikolaus dem Soldaten durch die Brust. Daraufhin wird er gefesselt und an ein Pferd gebunden. Im Tumult gelingt Michael und Nadja die Flucht. Wieder sind sie zu FuĂ unterwegs, und Nadja ist so erschöpft, dass der Kurier sie immer wieder auf seinen Armen trĂ€gt. Plötzlich hören sie verzweifelte Schreie: Sie stammen von Nikolaus, den die Tataren drei Tage zuvor an den HĂ€nden gefesselt bis zum Kopf eingegraben haben, den Wölfen und Geiern zur Beute. FĂŒr ihn kommt jede Hilfe zu spĂ€t. Verzweifelt begraben Nadja und Michael ihren treuen Freund.
Der falsche Kurier
Anfang Oktober erreichen sie den Baikalsee: 6000 Kilometer von Moskau und nur 150 Kilometer vom Ziel entfernt schlieĂen sie sich einer Gruppe russischer FlĂŒchtlinge an, die auf einem selbst gebautem FloĂ ĂŒber den Angara-Fluss nach Irkutsk gelangen möchten. Eisschollen und Angriffe durch ausgehungerte Wölfe machen den Passagieren zu schaffen. Kurz vor Irkutsk wird das FloĂ vom Eis eingeschlossen. Vom Ufer aus schieĂen Tataren auf die wehrlosen Menschen. Michael Strogoff und Nadja klettern ĂŒber die sich tĂŒrmenden Eismassen und brechen am Rand eine Eisscholle ab, auf der sie zum Ufer treiben. Wenige Meter vorm Ziel schreit Nadja auf: Der Fluss brennt!
âVergeblich hatten die Tataren mehrere Kugeln auf Michael Strogoff abgefeuert, aber nach jedem seiner eigenen SchĂŒsse stĂŒrzte ein Usbeke unter dem Wutgeheul seiner Kameraden schwer verletzt zu Boden.â (S. 148)
Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Einige Tage zuvor hat Iwan Ogareff Irkutsk erreicht, sich als Michael Strogoff ausgegeben und das Vertrauen des GroĂfĂŒrsten gewonnen. Die Stadt hat sich bis dahin gut gegen die drohende tatarische Invasion gerĂŒstet. Der GroĂfĂŒrst hat den in der Stadt lebenden Verbannten die Freiheit geschenkt, darunter auch Wassilij Feodor, Nadjas Vater, der die Verteidigung der Stadt organisiert. Doch Ogareff will diese PlĂ€ne vereiteln. Er hat veranlasst, aus den Naphta-Lagern nahe Irkutsk Erdöl in die Angara laufen zu lassen. In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober wirft er eine brennende Fackel auf das Wasser â das Signal zum Angriff. Zufrieden kehrt er in den Gouverneurspalast zurĂŒck, als plötzlich Nadja und Michael Strogoff vor ihm stehen: Sie sind der Feuersbrunst auf dem Fluss im letzten Moment entkommen. Iwan Ogareff bleibt gelassen, schlieĂlich geht er davon aus, dass sein Gegner blind ist. Dann erkennt er seinen Irrtum: Der Kurier kann sehen! Schon sticht Michael Strogoff ihm mit seinem Jagdmesser ins Herz.
Ende gut, alles gut
Jetzt erst offenbart der Kurier sein Geheimnis: Als er kurz vor der Urteilsvollstreckung seine verzweifelte Mutter vor sich sah, musste er weinen. Die TrĂ€nen waren es, die ihn vor dem Erblinden schĂŒtzten. Im Kampf um Irkutsk bringt Ogareffs Tod den Wendepunkt. Es gelingt den Verteidigern, die Tataren zurĂŒckzuschlagen und die Feuer zu löschen. Kurze Zeit spĂ€ter erreicht das russische Entsatzheer den Kriegsschauplatz. Die Tataren werden vernichtend geschlagen und ziehen sich unter groĂen Verlusten in ihre Heimat zurĂŒck. Michael Strogoff und Nadja heiraten. Auf der RĂŒckfahrt durch das winterliche Sibirien besuchen sie die ĂŒberglĂŒckliche Marfa, um sich danach in Petersburg niederzulassen.
Zum Text
Aufbau und Stil
Der Kurier des Zaren ist ein klassischer Abenteuerroman. Im ersten Teil fĂŒhrt der Autor die wichtigsten Charaktere ein, lĂ€sst seinen Helden fantastische Abenteuer bestehen und ihn schlieĂlich â nach dem dramatisch-komischen Höhepunkt im Telegrafenamt â von den Tataren gefangen nehmen. Im zweiten Teil schaltet Jules Verne auf der Actionskala noch einen Gang nach oben: Die Strapazen der Helden und die Grausamkeit ihrer Gegner nehmen zu, und die Bereitschaft des Lesers, der Geschichte Glauben zu schenken, wird auf eine harte Probe gestellt. Denn die Romanfiguren haben so gut wie keine psychologische Tiefe, der Held weicht jeder Kugel aus und hat das GlĂŒck auch sonst stets auf seiner Seite. Es wimmelt nur so von nationalen, ethnischen und religiösen Klischees. Gleichzeitig gruppiert der Autor diese vor beeindruckender Kulisse. Exakte Zeit- und Entfernungsangaben, wunderschöne Landschaftsbeschreibungen und ein dokumentarischer ErzĂ€hlstil geben dem Leser das GefĂŒhl, mit den ersten National-Geographic-Reportern auf Reisen zu gehen.
InterpretationsansÀtze
- Der Roman ist eine einzige Feier des tapferen, einfallsreichen und pflichtbewussten Helden: Michael Strogoff bezwingt aus LoyalitĂ€t zum Zaren seine tiefsten GefĂŒhle, nimmt Ehrverletzungen und den Schmerz seiner Mutter in Kauf, um am Ende fĂŒr seine Entbehrungen geradezu mĂ€rchenhaft belohnt zu werden.
- Das Buch liest sich wie eine Fibel der kulturellen Stereotype gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Der Franzose ist raffiniert, der EnglĂ€nder stur, der Sibirier bĂ€renstark, der russische Bauer einfĂ€ltig und die Zigeunerin verschlagen. Dabei bedient sich der Autor der zu seiner Zeit populĂ€ren Physiognomik, die besagt, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen an seinem ĂuĂeren ablesen lĂ€sst.
- Verne betreibt eine geradezu karikaturhafte SchwarzweiĂmalerei: So flieĂt in den Adern Iwan Ogareffs, des einzigen russischen Bösewichts, mongolisches Blut â natĂŒrlich von seiner Mutter geerbt. Die westliche Kultur wird der östlichen als in jeder Hinsicht ĂŒberlegen dargestellt: intellektuell, moralisch, wirtschaftlich und militĂ€risch.
- Das Buch beschönigt Imperialismus und Kolonialismus als zivilisatorischen Akt, den die ĂŒberlegene Macht zugunsten der unterlegenen auf sich nimmt. Der englische Schriftsteller Rudyard Kipling nannte das spĂ€ter die âBĂŒrde des weiĂen Mannesâ. Vernes Figur Alcide Jolivet bringt diese Haltung im Buch auf den Punkt: âNoch immer sind mir diejenigen lieber, die mit der Eroberung auch die Zivilisation bringen.â
- Die Handlung ist von den Idealen des nationalistischen Zeitalters geprĂ€gt: Der Zar und das russische Vaterland gehen ĂŒber alles. Selbst politische Gegner, die nach Sibirien verbannt wurden, versammeln sich angesichts der Bedrohung von auĂen treu hinter ihrem âVĂ€terchenâ, dem Zaren. TatsĂ€chlich passierte im Russland der 1860er- und 1870er-Jahre genau das Gegenteil: WĂ€hrend die Armee Zentralasien im Handstreich eroberte, hatte der Reformzar Alexander II. im Innern gegen enorme WiderstĂ€nde zu kĂ€mpfen.
- Der technikbegeisterte Jules Verne bemĂŒht fĂŒr den Clou des Romans, das wunderbar erhaltene Augenlicht des Helden, ein naturwissenschaftliches PhĂ€nomen, den sogenannten Leidenfrost-Effekt. Dieser besagt, dass eine FlĂŒssigkeit im Kontakt mit einer deutlich heiĂeren OberflĂ€che eine schĂŒtzende Dampfschicht bildet.
Historischer Hintergrund
Ein Platz an der aufgehenden Sonne
Die Region Zentralasien, mit den heutigen unabhĂ€ngigen Staaten Usbekistan, Kirgisistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kasachstan, war fĂŒr das russische Kaiserreich von zentraler Bedeutung: Hier lieferte es sich im 19. Jahrhundert den imperialistischen Machtkampf mit GroĂbritannien. Die Russen wollten den politischen Zerfall im islamischen Asien nutzen, um ihr Territorium nach SĂŒdosten hin weiter auszudehnen und einen Hafen am Indischen Ozean zu erlangen â sehr zum Unwillen der Briten.
In der direkten Konfrontation mit seinen Rivalen unterlag Russland allerdings: Als Zar Alexander II. 1855 den Thron bestieg, war die Niederlage im Krimkrieg (1853 bis 1856) â ursprĂŒnglich ein rein russisch-tĂŒrkischer Konflikt â bereits abzusehen. Frankreich und GroĂbritannien hatten sich auf die Seite des Osmanischen Reichs geschlagen. In diesem ersten modernen Krieg hatte die rĂŒckstĂ€ndige Armee des Zaren keine Chance. Der Zar setzte daraufhin liberale Reformen durch. 1861 schaffte er die Leibeigenschaft ab und verordnete den Umbau von MilitĂ€r und Verwaltung. Doch der erhoffte Modernisierungsschub blieb aus.
Die Expansion nach Osten verlief erfolgreicher: Zwischen 1852 und 1884 wurden die wichtigsten regionalen FĂŒrsten in Zentralasien unterworfen. In den eroberten Gebieten entstanden das Generalgouvernement Turkestan sowie die Vasallenstaaten Buchara und Chiwa. Eine Politik der gezielten Russifizierung folgte: Hunderttausende russische Bauern wurden dorthin umgesiedelt. Das MilitĂ€r regierte mit harter Hand, russische Beamte machten gemeinsame Sache mit korrupten Ortsvorstehern und religiösen Eliten, wenn es darum ging, die einfache Bevölkerung auszubeuten.
Entstehung
Jules Verne wollte keine wahrhaftige Geschichte erzĂ€hlen. Der im Roman beschriebene Aufstand der Tataren ist pure Erfindung. MilitĂ€risch waren die Völker Zentralasiens den Russen damals hoffnungslos unterlegen: Der Emir von Buchara â Vorbild fĂŒr den fiktiven Feofar-Khan â war 1868 vernichtend geschlagen worden und stand unter russischer Oberherrschaft. RealitĂ€tsnĂ€her sind die Beschreibungen der sibirischen Landschaften und LebensumstĂ€nde: Verne war zwar nie vor Ort gewesen, lieĂ sich aber wohl von dem sibirischen GeschĂ€ftsmann Mikhail Sidorov inspirieren, der 1873 auf der Weltausstellung in Wien geologische Proben und Fotografien prĂ€sentierte. Der Schriftsteller Iwan Turgenjew fand bei einer Durchsicht von Vernes Manuskripts jedenfalls keinen Grund zu Beanstandungen.
Bleibt die Frage, warum Verne, ein ĂŒberzeugter Republikaner und langjĂ€hriger Kritiker der VerhĂ€ltnisse im feudalen Zarenreich, ein so uneingeschrĂ€nkt russlandfreundliches und asienfeindliches Buch schrieb. TatsĂ€chlich spiegelt sich sein Gesinnungswandel in der französischen Politik seiner Zeit wider: Frankreich suchte nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) neue VerbĂŒndete und glaubte, in Russland einen solchen finden zu können. Zudem begann die Angst vor der âgelben Gefahrâ umzugehen: EuropĂ€ische KolonialmĂ€chte schĂŒrten die Furcht, dass asiatische Horden den Westen ĂŒberrennen und ihn seiner Vormachtstellung berauben könnten. Wie viele seiner Landsleute begrĂŒĂte auch Verne die sozialpolitischen Reformen des Zaren. Um diesem nicht zu nahe zu treten, tilgte er alle direkten Verweise auf dessen Person und Ă€nderte den Arbeitstitel Le Courrier du Czar in Michel Strogoff um. Vor der Veröffentlichung bekam der russische Botschafter eine Kopie, um sicherzugehen, dass der Zar keine EinwĂ€nde erheben wĂŒrde.
Wirkungsgeschichte
Der Kurier des Zaren erschien 1876 in Paris, zunĂ€chst als Fortsetzungsroman in einer Literaturzeitschrift fĂŒr junge Leser. Er wurde noch im selben Jahr als Buch veröffentlicht und in der Folge in viele Sprachen ĂŒbersetzt. Der Erfolg war gewaltig. Die BĂŒhnenfassung, an der Verne selbst mitarbeitete, hatte 1880 in Paris Premiere und wurde bis ins 20. Jahrhundert mehrere Tausend Mal aufgefĂŒhrt. 1914 entstand die erste Verfilmung, bis heute folgten ein Dutzend weitere. Viele Franzosen halten den Roman fĂŒr Vernes gröĂtes Werk. Unter den Fans sind so unterschiedliche Personen wie Roland Barthes oder Nicolas Sarkozy.
Jules Verne ist heute der am zweithĂ€ufigsten ĂŒbersetzte Autor der Weltliteratur â nach Agatha Christie und noch vor William Shakespeare. Aufgrund seiner technisch visionĂ€ren Werke wie Reise zum Mittelpunkt der Erde und Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer gilt er manchen als Vater der Science-Fiction-Literatur. Nachdem er lange als trivialer Unterhaltungsautor abgetan wurde, kam es gegen Ende der 1960er-Jahre zu einer Aufwertung. Arno Schmidt sagte einmal, Jules Verne habe als Erster gezeigt, wie die Wissenschaften ânicht nur nicht poesie-zerstörend wirkten; sondern vielmehr unerhört neu-reiche Gebiete dem Dichter eröffneten.â
Ăber den Autor
Jules Verne wird am 8. Februar 1828 im französischen Nantes geboren. Sein Vater ist Rechtsanwalt und verlangt von seinem Sohn, nach der Schulausbildung ebenfalls Jura zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt verliert sich der junge Verne bereits in seiner abenteuerlichen Fantasie, sehr zum Ărgernis des ernsten Vaters. Nach dem Wechsel von der UniversitĂ€t in Nantes nach Paris 1848 knĂŒpft Verne Kontakte zu kĂŒnstlerischen Kreisen. Er schreibt ein TheaterstĂŒck, das sogar zur AuffĂŒhrung kommt und zum Entsetzen des Vaters von der Treulosigkeit flatterhafter Frauen handelt. SpĂ€testens als er 1857 die Witwe Honorine Morel heiratet, die zwei Töchter mit in die Ehe bringt, muss ein soliderer Broterwerb her: Verne wird Börsenmakler. Nebenher schreibt er weiter und unternimmt gröĂere Reisen durch Europa. Als aufmerksamer Beobachter der Erfindungen seiner Zeit â er fĂŒhrt eine Kartei mit Tausenden Notizen ĂŒber neueste Entwicklungen â weiĂ Verne genau, was seine Zeitgenossen umtreibt und fasziniert. Er ist ein groĂer AnhĂ€nger der Luftschifffahrt und verarbeitet dies in dem Roman FĂŒnf Wochen im Ballon (Cinq semaines en ballon, 1863). Das Buch löst eine Sensation aus. Verleger Hetzel konzipiert eine ganze Serie von âabenteuerlichen Reisenâ und gibt Verne einen festen Vertrag. In rascher Folge erscheinen Reise zum Mittelpunkt der Erde (Voyage au centre de la terre, 1864), Von der Erde zum Mond (De la terre Ă la lune, 1865) und Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (Vingt mille lieues sous les mers, 1869/70). 1871 zieht Verne mit seiner Familie nach Amiens, wird Vorsitzender der dortigen AcadĂ©mie, kauft sich Jachten und frönt seiner Reiselust. Weitere Erfolgsromane erscheinen, unter anderem Reise um die Erde in achtzig Tagen (Le tour du monde en quatre-vingts jours, 1873) und Die geheimnisvolle Insel (LâIle mystĂ©rieuse, 1874). Mit Auszeichnungen ĂŒberhĂ€uft und ein riesiges Werk hinterlassend, stirbt Verne am 24. MĂ€rz 1905.
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