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Die Jungfrau von Orleans

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Die Jungfrau von Orleans

Eine romantische Tragödie

Reclam,

15 Minuten Lesezeit
10 Take-aways
Text verfügbar

Was ist drin?

Hirtenmädchen, Amazone oder unglücklich Liebende? Schillers Johanna ist ebenso seltsam wie faszinierend.


Literatur­klassiker

  • Tragödie
  • Weimarer Klassik

Worum es geht

Eine menschliche Heldin in göttlicher Mission

Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans ist keine leichte Lektüre, und aus heutiger Sicht hat der schwäbische Großschriftsteller ohne Zweifel packendere Stücke geschrieben. Das zeitgenössische Publikum aber war von der Jungfrau begeistert. Das Drama spielt vor dem Hintergrund des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England. Als der französische König den Kampf bereits verloren gibt, ereignet sich ein Wunder: Das arme Bauernmädchen Johanna (besser bekannt als Jeanne d’Arc) eilt ihm, einer göttlichen Mission folgend, zu Hilfe und führt das französische Heer von Sieg zu Sieg – um dann allerdings kurzzeitig vor der Kraft der Liebe zu kapitulieren und schließlich im Kampf zu fallen. Schon dieses von der geschichtlichen Wahrheit abweichende Ende zeigt, dass das Stück kein Historiendrama ist, sondern ein Werk, das den geistig-religiösen Weg der Hauptfigur nachzeichnen will und ihre Erhöhung ins Übergeschichtliche beabsichtigt. Die Sprache ist pathetisch, die Handlung voll religiöser Mysterien und schwer nachvollziehbarer Wandlungen, aber auch reich an theatralischen Effekten wie Blitzen, Donnergrollen und einem schwarzen Ritter, der sich in nichts auflöst. Es geht um die gewaltige Spannung zwischen Göttlichem und Menschlichem – und die bleibt bis heute faszinierend.

Take-aways

  • Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans war lange Zeit eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bühnenwerke.
  • Inhalt: Während des Hundertjährigen Krieges erhält das Bauernmädchen Johanna die göttliche Mission, Frankreich vor der Niederlage gegen die Engländer zu bewahren. Unter Johannas Führung erringt das französische Heer glänzende Siege; sie selber gibt jedoch ihrer Menschlichkeit nach, indem sie sich in einen feindlichen Soldaten verliebt statt ihn zu töten. Schließlich fällt sie auf dem Schlachtfeld.
  • Die Jungfrau von Orleans ist kein realistisches Historiendrama, sondern ein religiös-idealistisches Werk.
  • Johanna gerät in einen Konflikt zwischen göttlichem Auftrag und menschlichen Neigungen, den sie aus eigener Kraft überwinden muss.
  • Schiller geht mit der geschichtlichen Wahrheit sehr frei um, z. B. indem er Johanna nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern auf dem Schlachtfeld sterben lässt.
  • Im Hundertjährigen Krieg (1337–1453) rangen Frankreich und England um den französischen Thron, wobei die Franzosen schließlich siegten.
  • Mit seinen fünf Akten folgt das Stück dem Schema des klassischen Dramas.
  • Kritiker bemängelten das übersteigerte Pathos und die geringe innere Plausibilität des Stücks.
  • Außer Schiller haben auch William Shakespeare, George Bernard Shaw, Bertolt Brecht und Jean Anouilh die historische Figur der Jeanne d’Arc in Dramen behandelt.
  • Zitat: „Wie wird mir – Leichte Wolken heben mich – / Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide. / Hinauf – hinauf – Die Erde flieht zurück – / Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude.“

Zusammenfassung

Ein Vater grollt seiner Tochter

Der Bauer Thibaut d’Arc hat drei Töchter, und mit zweien von ihnen ist er zufrieden, denn sie akzeptieren ohne Murren die Männer, mit denen er sie verheiraten will. Die jüngste hingegen, Johanna, bereitet ihm nichts als Kummer. Einen ehrlichen, fleißigen jungen Mann namens Raimond lehnt sie hartnäckig ab, obwohl er seit Jahren um sie wirbt. Lieber zieht sie sich schweigend, betend und sinnierend in die Natur zurück. Ausgerechnet Raimond aber verteidigt ihr Verhalten und behauptet, Johanna sei für ein normales Leben unter dem Dach einer kleinen Hütte viel zu außergewöhnlich. Der Vater schüttelt den Kopf und entgegnet, er habe in letzter Zeit dreimal dasselbe geträumt: wie seine 18-jährige Tochter auf einem Thron sitze, mit einem Zepter in der Hand und einem Diadem auf dem Kopf, verehrt von Adligen und selbst vom König. Raimond reagiert verständnislos: Es gebe doch weit und breit kein bescheideneres Mädchen als Johanna, und außerdem sei sie tüchtig wie keine zweite.

Nachricht von der Front

In diesem Moment kommt der Bauer Bertrand aus der Stadt zurück. Er erzählt, wie ihn eine Zigeunerin bedrängt habe, ihr einen Helm abzukaufen. Als Johanna diesen Helm sieht, reißt sie ihn förmlich an sich. Ihr Vater ist entrüstet, doch Raimond verteidigt sie abermals: Er erinnert daran, wie das Mädchen einst einen Wolf tötete, der unzählige Schafe gerissen hatte. Johanna habe es dank ihrer Tapferkeit verdient, den Helm zu tragen, meint Raimond. Bei seinem Gang in die Stadt hat der Bauer auch erfahren, wie schlimm es um das französische Heer und um die Stadt Orleans steht. Die Engländer und die mit ihnen verbündeten Burgunder seien so zahlreich, dass die Stadt ihnen früher oder später in die Hände fallen werde. Da ergreift Johanna das Wort: In einer flammenden Rede entwirft sie eine Vision des unerschrockenen Widerstands und der Befreiung – die anwesenden Männer können nur staunen. Kaum ist Johanna allein, wendet sie sich an die Natur und an ihre Schafe, um sich von ihnen zu verabschieden. Sie habe jetzt eine größere Aufgabe vor sich.

Der König resigniert

Die Lage des französischen Königs Karl VII. ist verzweifelt: Die Engländer und Burgunder haben bereits weite Teile des Landes erobert und belagern gegenwärtig das strategisch wichtige Orleans. Ihr Ziel ist es, dem englischen König die französische Krone zu sichern, denn dieser erhebt aus dynastischen Gründen Ansprüche darauf. Die französischen Soldaten und Heerführer beginnen bereits zu desertieren, weil sie seit Monaten keinen Sold mehr erhalten haben. Als Gesandte am Hof vorsprechen, will ihnen Karl eine Kette als Geschenk überreichen, muss sich jedoch von seinen Offizieren belehren lassen, dass nichts mehr an Schmuckstücken vorhanden sei.

„Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte? / O das bedeutet einen tiefen Fall!“ (Thibaut, S. 9)

Es kommt noch schlimmer: Aus Orleans wird gemeldet, dass die Stadt ohne militärische Unterstützung unweigerlich in die Hände der Feinde fallen werde. Der König befiehlt, zusätzliche Ländereien und Reichtümer zu verpfänden, um an Geld zu gelangen; er muss aber erfahren, dass er so gut wie nichts mehr besitzt. Selbst seine eigene Mutter Isabeau hat sich gegen ihren Sohn gestellt und steht nun auf der Seite der Feinde. Von so vielen schlechten Nachrichten bedrängt, entschließt sich der König schweren Herzens, Orleans preiszugeben und auf die Milde des Gegners zu hoffen. Seine Geliebte Agnes Sorel fleht ihn an, die Hoffnung nicht aufzugeben und keine derartige Schande auf sich zu laden. Auch Graf Dunois ist außer sich vor Entsetzen und meint, diese Feigheit sei eines Königs unwürdig. Doch Karl VII. bleibt bei seinem Entschluss. Er schlägt seiner Geliebten vor, gemeinsam in die Verbannung zu gehen.

Eine wundersame Jungfrau

In diesem Moment erscheint der Ritter Raoul und erzählt, es habe sich ein Wunder ereignet: Unter den französischen Soldaten sei plötzlich eine behelmte Jungfrau aufgetaucht, die das feindliche Heer mit ihrem unglaublichen Mut und ihrer Tapferkeit nahezu allein in die Flucht geschlagen habe. Die Heldin behaupte, eine von Gott gesandte Seherin und Prophetin zu sein, und befinde sich bereits auf dem Weg zu Karl, um sich ihm zu offenbaren. Der König befiehlt, Graf Dunois solle sich an seiner statt auf den Thron setzen – denn wenn das rätselhafte Mädchen tatsächlich über wundersame Kräfte verfüge, müsse es diese List durchschauen. In der Tat fordert die eintretende Johanna den falschen König sogleich auf, sich vom Thron zu entfernen. Zum Erstaunen der Anwesenden geht sie ohne zu zögern auf den richtigen Herrscher zu und fällt auf die Knie. Außerdem kann sie ihm haargenau sagen, welche drei Gebete er während der vergangenen Nacht gesprochen hat. Daraufhin wird sie als göttliche Gesandte anerkannt, und Karl überträgt ihr die Führung seines Heers.

Das Blatt wendet sich

Wenig später fügt Johanna den Feinden vor Orleans eine derart vernichtende Niederlage zu, dass deren Heerführer in heftigen Streit geraten: Sie werfen sich gegenseitig vor, an der militärischen Katastrophe schuld zu sein, weshalb die Koalition zwischen Engländern und Burgundern beinahe auseinanderbricht. Königin Isabeau, die Mutter des französischen Königs, muss die Feldherren strengstens zur Disziplin rufen. Sie hasst ihren eigenen Sohn, weil er einst ihren liederlichen Lebenswandel kritisiert und sie in die Verbannung geschickt hat.

„Gott helfe / Dem König und erbarme sich des Landes! / Geschlagen sind wir in zwei großen Schlachten, / Mitten in Frankreich steht der Feind, verloren / Sind alle Länder bis an die Loire – / Jetzt hat er seine ganze Macht zusammen / Geführt, womit er Orleans belagert.“ (Bertrand, S. 11)

Kurz darauf gelingt es den Franzosen unter der Führung von Johanna sogar, bis ins feindliche Heerlager vorzustoßen. Dabei trifft sie auf Montgomery, den Angehörigen eines walisischen Adelsgeschlechtes. Obwohl er die Waffen von sich wirft und um sein Leben fleht, zeigt sich die Jungfrau erbarmungslos: Sie besteht darauf, zu kämpfen, und tötet ihn. Als Nächstes stößt Johanna auf den Herzog von Burgund. Sie hält eine derart ergreifende patriotische Rede, dass der Herzog Johannas göttliche Kraft spürt und sich spontan dazu entschließt, das Lager zu wechseln. Aus Dankbarkeit für den Sieg erhebt König Karl die Bauerntochter in den Adelsstand.

Heiratspläne

Johanna weckt bei ihren Streitgefährten mehr als Bewunderung. Sowohl Graf Dunois als auch der Heerführer La Hire wollen um ihre Hand anhalten. Die beiden Männer kommen überein, ihre lange Freundschaft daran nicht zerbrechen zu lassen, sondern die Entscheidung der Umworbenen selber zu überlassen. Während der Versöhnungsfeier zwischen den Franzosen und den Burgundern bitten die beiden Männer um Johannas Gunst, doch sie werden zurückgewiesen: Zwar fühle sie sich äußerst geehrt, sagt Johanna, doch als Kriegerin Gottes könne sie nicht an Heirat denken, bevor ihr Werk vollendet sei. Weder die Worte des Erzbischofs noch des Königs vermögen sie auch nur im Geringsten von ihrer Haltung abzubringen. Stattdessen ruft sie dazu auf, den Kampf um Frankreichs Freiheit fortzuführen. In diesem Moment wird gemeldet, dass sich der Feind wieder gesammelt hat.

Die Liebe ist stärker

Wieder siegen die Franzosen unter Johannas Führung. In der Schlacht von Reims fällt sogar der englische Oberbefehlshaber Talbot. Da trifft die Jungfrau auf einen schwarzen Ritter, der sie davor warnt, mit ihrem kriegerischen Handwerk fortzufahren. Als Johanna ihn angreifen will, löst er sich plötzlich in nichts auf. Sie glaubt, es handle sich um einen Geist, der aus der Hölle aufgestiegen sei, um ihre Selbstsicherheit zu erschüttern. Genau dies jedoch geschieht bei einer anderen Begegnung: Johanna trifft auf den Engländer Lionel, der sie verflucht und schwört, er werde all die edlen Landsleute rächen, die die Jungfrau hinweggerafft habe. Die beiden ringen miteinander, wobei Johanna ihrem Gegner den Helm hinunterreißt und ihm ins Gesicht sieht. Von plötzlicher Liebe überwältigt, ist sie außerstande, Lionel zu töten – obwohl dieser die Gnade von sich weist und fordert, genauso getötet zu werden wie seine Gefährten. Als er Johannas Erschütterung bemerkt, ist er jedoch ebenso ergriffen. Er will die Jungfrau unbedingt wiedersehen, muss aber fliehen, da sich die Feinde nähern. Johanna bleibt völlig verwirrt zurück.

Johanna fällt in Ungnade

Während die Franzosen und Burgunder ein prachtvolles Versöhnungsfest feiern, überhäuft Johanna sich mit Selbstvorwürfen. Dass sie Lionel nicht nur verschont hat, sondern auch pausenlos an ihn denken muss, versteht sie als Verrat an ihrer göttlichen Mission. Agnes Sorel, die Geliebte des Königs, fordert die Jungfrau auf, ihre Rüstung abzulegen und sich der Liebe zu öffnen. Doch Johanna bezeichnet sich als schändliche Verräterin, womit sie bei Agnes auf blankes Unverständnis stößt. Als sie erfährt, dass sie während des Triumphzugs die Fahne vor dem König hertragen soll, lehnt sie zunächst ab, um das Banner schließlich mit äußerstem Widerwillen zu ergreifen.

„Dies Reich soll fallen? Dieses Land des Ruhms, / Das schönste, das die ew’ge Sonne sieht / In ihrem Lauf, das Paradies der Länder, / Das Gott liebt, wie den Apfel seines Auges, / Die Fesseln tragen eines fremden Volks!“ (Johanna, S. 15)

An den Feierlichkeiten nimmt auch Johannas Familie teil. Ihr Vater bezichtigt seine Tochter vor versammelter Menschenmenge, nicht mit Gott, sondern mit dem Teufel einen Pakt geschlossen zu haben. Schreckliches Donnergrollen begleitet seine Worte. Die Adligen fordern Johanna eindringlich auf, die Vorwürfe ihres Vaters zu widerlegen und sich zu ihrer Rolle als gottgesandter Retterin des Vaterlands zu bekennen. Doch die Jungfrau bleibt stumm. Allmählich macht sich Entsetzen breit: Sollte der Vater tatsächlich Recht haben? Der ganze königliche Hof zieht sich zurück. Graf Dunois beteuert, er glaube an Johannas Unschuld, doch als er ihr die Hand reichen will, wendet sie sich ab. Schließlich lässt Karl VII. ausrichten, die gefallene Heldin möge die Stadt verlassen. Er werde ihr freien Abzug gewähren.

Die Heldin in Ketten

Einzig Raimond, der Johanna schon immer gegen alle Anwürfe ihres Vaters verteidigt hat, hält an seiner Treue zu ihr fest. Gemeinsam suchen die beiden während eines Gewitters Zuflucht in der Hütte eines Köhlers und seiner Frau. Das Ehepaar nimmt sie freundlich auf, doch als ihr Junge dazustößt, Johanna erkennt und sie als Hexe von Orleans bezeichnet, fliehen die armen Leute voller Schrecken. Gegenüber Raimond bekräftigt Johanna, nicht mit dem Teufel, sondern mit Gott im Bunde zu stehen. Dass sie auf die Anschuldigungen geschwiegen habe, liege daran, dass ihr der Allmächtige eine Prüfung auferlegt habe, der sie sich nicht entziehen wollte. Plötzlich nähern sich englische Soldaten. Während Raimond fliehen kann, wird Johanna gefangen genommen. Auf Befehl von Königin Isabeau wird sie in Ketten gelegt.

„Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? / Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? / Reißt mich in Stücken, reißt das Herz mir aus, / Und münzet es statt Goldes! Blut hab ich / Für euch, nicht Silber hab ich, noch Soldaten!“ (Karl, S. 24)

Inzwischen bereuen die Franzosen, ihre tapferste Kämpferin in die Verbannung geschickt zu haben, denn sogleich hat sich das Kriegsglück wieder zu ihren Ungunsten gewendet. Als die Nachricht von Johannas Gefangennahme eintrifft, ruft Graf Dunois die anderen Adligen dazu auf, sie zu befreien.

Tod und Verklärung

Im englischen Lager kommt es zur Wiederbegegnung zwischen Johanna und Lionel. Dieser fordert seine vermeintliche Liebhaberin auf, sich auf die Seite der Engländer zu schlagen. Doch diesmal widersteht sie allen amourösen Verlockungen. Es kommt erneut zur Schlacht zwischen den beiden Heeren. Isabeau droht, die Gefangene zu töten, sobald die Franzosen die Oberhand gewinnen sollten. Dann gelingt es den Engländern, Karl VII. vom Pferd zu stürzen und ihn zu umringen. Jetzt solle sie zeigen, wozu sie als Retterin tauge, verhöhnt Isabeau die sich in Qualen windende Jungfrau. Johannas Gebete sind jedoch so inbrünstig, dass sie tatsächlich ihre Ketten zu sprengen vermag. Sie entreißt einem Soldaten das Schwert und stürzt sich aufs Schlachtfeld, worauf die Franzosen einen glänzenden Sieg erringen und Isabeau gefangen nehmen. Die Jungfrau von Orleans aber ist im Gefecht schwer verwundet worden. Mit verzücktem Lächeln erhebt sie sich ein letztes Mal, verlangt nach ihrer Fahne – und sinkt tot darauf nieder. Auf einen Wink des Königs werden alle anderen Fahnen sanft auf den leblosen Körper niedergelassen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Jungfrau von Orleans hält formal an der klassischen Tragödienform mit fünf Akten fest. Jedem Akt ist eine bestimmte Funktion zugeordnet, sodass sich eine Abfolge aus Exposition, Komplikation, Wendepunkt, Verzögerung und Katastrophe ergibt. Auch verwendet Schiller überwiegend den für das klassische Drama typischen Blankvers – einen reimlosen fünfhebigen Vers, in dem auf eine unbetonte Silbe eine betonte folgt. Die Sprache ist über weite Strecken gehoben und pathetisch, was die Lektüre des Stücks für heutige Leser nicht einfach macht. Allerdings geht Schiller recht frei und kreativ mit den Vorgaben des klassischen Dramas um. So sind z. B. die einzelnen Handlungselemente relativ lose miteinander verknüpft, womit Schiller die strenge Einheit und Geschlossenheit des traditionellen Dramas aufbricht. Außerdem erlaubt er sich, an mehreren Stellen vom Blankvers abzuweichen und die dramatische Sprache mit lyrischen, stimmungsvollen Elementen anzureichern. Neben der formalen Gliederung in fünf Akte ist eine inhaltliche Einteilung in drei Abschnitte zu erkennen: Johanna tritt aus der ländlichen Idylle heraus, stellt sich den Wirren der Geschichte und geht schließlich in eine höhere, göttliche Ordnung ein.

Interpretationsansätze

  • Der Gegensatz zwischen Menschlichkeit und göttlichem Auftrag bildet den Grundkonflikt des Dramas: Im Interesse der Nation soll Johanna jedem Mitgefühl sowie der Liebe zum anderen Geschlecht entsagen. Zunächst widersteht sie allen Versuchungen, tötet mitleidlos zahllose Feinde und weist mehrere Heiratsanträge zurück. Es scheint, als habe sie sich ganz ihrer von Gott inspirierten kriegerischen Mission verschrieben. Dann jedoch verstößt sie gegen ihr eigenes Gebot, weil sie aus plötzlicher Liebe einen Feind verschont. Sie erweist sich damit als Mensch, verliert gleichzeitig ihre göttliche Aura und macht sich schuldig.
  • Indem die Heldin ins Wanken gerät, erhält sie Gelegenheit, persönliche Größe und Opferbereitschaft zu beweisen. Ihre Aufgabe besteht nun darin, den Einklang mit dem göttlichen Willen aus eigener Kraft wiederherzustellen. Dies gelingt ihr, indem sie als Gefangene den Verlockungen der Liebe widersteht, sich mithilfe der Eindringlichkeit ihres Gebets befreit und Frankreich erneut zum Sieg führt. Durch den Tod auf dem Schlachtfeld wird Johanna endgültig zur Märtyrerin, der sich das Paradies öffnet.
  • Der ideelle Weg der Jungfrau von Orleans führt von einer ländlich-naiven Schäferidylle über die geschichtliche Realität mit ihren kriegerischen Wirren in eine höhere, über der Geschichte stehende Idylle. Der religiöse Glaube triumphiert über die historische Wirklichkeit.
  • Obwohl das Stück historische Ereignisse und Personen behandelt, ist Schillers Die Jungfrau von Orleans kein Geschichtsdrama, sondern eine „reine Tragödie“ (Schiller), die mit dem historischen Material sehr frei umgeht, teilweise auch völlig von der Wahrheit abweicht und hauptsächlich an den inneren Konflikten der Hauptfigur interessiert ist.

Historischer Hintergrund

Der Hundertjährige Krieg

Als Hundertjährigen Krieg bezeichnet man die kriegerischen Auseinandersetzungen, die zwischen 1337 und 1453 in Frankreich stattfanden. Historiker weisen allerdings darauf hin, dass dieser zeitliche Rahmen willkürlich gesetzt ist und es mehrere, zeitlich voneinander getrennte Kriegsphasen gab. Im Jahr 1328 starb mit dem französischen König Karl IV. der letzte Herrscher aus dem Geschlecht der Kapetinger. Da er keine direkten Nachkommen hinterließ, übernahm sein Cousin Philipp VI. aus dem Haus Valois die Macht. Gleichzeitig erhob aber auch der König von England, Edward III., Ansprüche auf den französischen Thron, da seine Mutter die Schwester des verstorbenen Karl gewesen war. Nachdem sich Edward 1340 zum französischen König ernannt hatte, fiel er mit seinem Heer in Frankreich ein. Obwohl die Engländer zahlenmäßig stark unterlegen waren, blieben sie siegreich. Edward verzichtete 1360 auf seine Thronansprüche, nicht aber auf einige eroberte Gebiete in Frankreich.

Die Auseinandersetzungen um die französische Krone setzten sich unter den nachfolgenden Regenten fort; zudem verbündeten sich die Burgunder mit den Engländern. Besonders kritisch war die Lage aus französischer Sicht im Jahr 1428, als die Engländer mit der Belagerung von Orleans begannen. Zuvor hatten sie weite Teile Nordfrankreichs erobert, während Paris in die Hände der Burgunder gefallen war. In dieser verzweifelten Situation eilte dem französischen König Karl VII. die junge Bauerntochter Jeanne d’Arc zu Hilfe, die angeblich in göttlichen Visionen zur Befreiung Frankreichs aufgefordert worden war. Nachdem sie mehrere glänzende Siege errungen hatte, wandte sich Karl von ihr ab. 1430 nahmen die Burgunder sie gefangen, um sie gegen ein hohes Lösegeld an die Engländer auszuliefern. Ein Jahr später verbrannte man sie auf dem Marktplatz der Stadt Rouen als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen. Trotz ihres Todes ging Frankreich Mitte des 15. Jahrhunderts als Sieger aus dem hundertjährigen Ringen hervor.

Entstehung

Vermutlich kannte Schiller die Geschichte der Johanna von Orleans aus Heinrich VI., einem Drama William Shakespeares. Außerdem hatte er wohl die wichtigsten zeitgenössischen Quellen zum Hundertjährigen Krieg studiert, arbeitete er doch u. a. als Geschichtsprofessor an der Universität Jena. Dennoch ging er im Stück frei mit der historischen Wahrheit um, was ihm sogar den Vorwurf der Geschichtsfälschung eintrug. So ist etwa Agnes Sorel bei Schiller bereits die Geliebte des Königs, während sie dies in Wahrheit erst nach Johannas Tod wurde. Allerdings ging es dem Dramatiker nicht darum, ein so genanntes Historiendrama zu schreiben und die geschichtlichen Ereignisse möglichst realistisch wiederzugeben. Er verwendete die Geschichte vielmehr als Hintergrund, vor dem sich das Schicksal seiner Hauptfigur abspielt. Bei der Niederschrift des Stücks hatte er die politische Realität seiner eigenen Zeit im Auge. So betrachtete er den Patriotismus seiner Heldin als vorbildhaft für das in zahlreiche Staaten und Kleinstaaten zersplitterte Deutschland, das darüber hinaus von der Expansionspolitik des französischen Herrschers Napoleon Bonaparte bedroht war. Neben den historischen Schilderungen diente Schiller Voltaires heroisch-komisches Versepos La Pucelle (Die Jungfrau) als wichtige literarische Quelle und zugleich als Gegenentwurf. Denn der französische Aufklärer hatte Johanna als dümmliche Bauernmagd gezeichnet; in seinem Stück kämpfen die verfeindeten Heere weniger um die Vorherrschaft über Frankreich als vielmehr um die Jungfräulichkeit der Hauptfigur.

Wirkungsgeschichte

Die Jungfrau von Orleans wurde am 11. September 1801 in Leipzig uraufgeführt. Das zeitgenössische Publikum nahm das Stück mit großer Begeisterung auf. Bis 1885 war Schillers „romantische Tragödie“ das meistgespielte Drama an deutschen Bühnen überhaupt. Seither ist die Zahl der Inszenierungen allerdings rapide gesunken. In einem Brief an seinen Freund Christian Gottfried Körner schrieb Schiller: „Goethe meint, dass es mein bestes Werk sei.“ Allerdings gab es schon zu Schillers Lebzeiten ablehnende Reaktionen. So kritisierte etwa der Schauspieler und Theaterdirektor Friedrich Ludwig Schröder das übertrieben Wundersame und Traumhafte des Werkes. Ähnlich äußerte sich auch der romantische Autor Clemens Brentano.

Bei späteren Kritikern ist das Befremden über das Pathos des Stücks vorherrschend. Mit einer gewissen Irritation wird auch häufig zur Kenntnis genommen, wie unbekümmert Schiller mit der historischen Wahrheit umgeht. So sah etwa der bekannte Schweizer Germanist Emil Staiger Die Jungfrau von Orleans in erster Linie als Ausdruck von Schillers Spielfreude und Fabulierlust. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es immer wieder zu nationalistisch inspirierten Vereinnahmungsversuchen. Heute wird das Stück nur noch selten gespielt, was u. a. daran liegen mag, dass es modernere Bearbeitungen des Johanna-Stoffs von George Bernard Shaw, Bertolt Brecht und Jean Anouilh gibt.

Über den Autor

Friedrich Schiller wird am 10. November 1759 in Marbach am Neckar als Sohn eines Offiziers geboren. Auf Befehl des württembergischen Landesherrn Karl Eugen wird er in dessen Eliteschule in Stuttgart aufgenommen. Schiller behagt der militärische Drill im Internat überhaupt nicht, wenngleich die Lehrkräfte und die Ausbildung hervorragend sind. Er studiert zunächst Jura und dann Medizin. Viel stärker lockt den jungen Mann aber die Schriftstellerei. Mehr oder weniger heimlich schreibt er sein erstes Drama Die Räuber, das 1782 in Mannheim uraufgeführt wird. Als er gegen den Willen Karl Eugens die Landesgrenzen überschreitet, wird er mit Haft und Schreibverbot bestraft. Schiller entzieht sich dem Zwang durch neuerliche Flucht und setzt seine schriftstellerische Arbeit fort. Die frühen Dramen erscheinen: Die Verschwörung des Fiesko zu Genua (1783) und Kabale und Liebe (1784). Unter ständiger Geldnot leidend, zieht er 1785 zu seinem Freund und Gönner Christian Gottfried Körner nach Sachsen, wo er u. a. die durch Beethovens Vertonung bekannt gewordene Ode An die Freude sowie den Dom Karlos (1787) schreibt. Aufgrund seiner viel beachteten Studie Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande schlägt Goethe ihn 1788 für den Lehrstuhl für Geschichte in Jena vor. Hier verfasst Schiller seine ästhetischen und historischen Schriften und heiratet 1790 Charlotte von Lengefeld. Nach seinem Umzug nach Weimar im Jahr 1799 schließt Schiller Freundschaft mit Goethe. Daraus ergibt sich eine der fruchtbarsten Dichterbekanntschaften aller Zeiten: In der Nähe Goethes beendet Schiller sein erstes klassisches Geschichtsdrama, die Wallenstein-Trilogie. Es folgen Maria Stuart und Die Jungfrau von Orleans (beide 1801), Die Braut von Messina (1803) und Wilhelm Tell (1804), aber auch ein umfangreiches lyrisches Werk. 1802 erhält er den Adelstitel. Seine schlechte körperliche Konstitution zwingt ihn immer wieder aufs Krankenlager. Am 9. Mai 1805 stirbt Schiller in Weimar.

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