Zusammenfassung von Kleiner Mann – was nun?

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Kleiner Mann – was nun? Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Neue Sachlichkeit

Worum es geht

Abstieg eines Angestellten

In der Verlagsankündigung von 1932 stand: Johannes Pinneberg ist „ein kleiner Angestellter, ein Garnichts, aber ein Garnichts voll Sorgen und Wünschen.“ Genau das ist es, was Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? so lesenswert macht: die Sorgen und Wünsche dieses einen kleinen Mannes, der einem im Lauf der Lektüre ebenso ans Herz wächst wie seine patente Frau Lämmchen und der Murkel, das Kind der beiden – ein Kind zur Unzeit, mitten in den Wirren der Weltwirtschaftskrise. Hans Fallada beschreibt eindrücklich und in geradezu dokumentarischer Manier den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abstieg eines kleinen Angestellten innerhalb weniger Jahre. Meisterlich kombiniert er soziale Beobachtung mit der Schilderung von Familienleben und Intimität, mit den Sorgen und Wünschen der Individuen. Er prangert kapitalistische Machtmechanismen an und verleiht seinen Figuren genug Würde, dass sie auch in der allergrößten Not versuchen, anständig zu bleiben. Damals wie heute kam es auf die Startposition im Leben an: Groß bleibt groß und klein bleibt klein. Im Angesicht von Banken- und Wirtschaftskrise, von Effizienzdenken und Leistungsdruck, von prekären Minijobs und demografischer Katastrophe ist dieses fast 100 Jahre alte Werk beklemmend aktuell.

Take-aways

  • Kleiner Mann – was nun? ist der berühmteste und erfolgreichste Roman des Schriftstellers Hans Fallada.
  • Inhalt: Johannes Pinneberg, frisch verheiratet und werdender Vater, gerät unter die Räder der Wirtschaftskrise der 1920er-Jahre. Er bangt und ringt um Jobs, in denen er dann gnadenlos ausgenutzt wird. Der Druck des prekären Arbeitslebens höhlt ihn vollkommen aus. Seine Rettung ist der Rückzug ins Private.
  • Das Buch erschien 1932, am Vorabend von Hitlers Machtergreifung, um rund ein Viertel gekürzt. Erst 2016 wurde es komplett und unzensiert aufgelegt.
  • Von dem Roman gingen in Deutschland bis Kriegsende 188 000 Exemplare über den Ladentisch.
  • Autorenkollegen waren voll des Lobes: Fallada habe „aus Straßendreck Schönheit geformt“.
  • Fallada schöpfte für den Roman aus eigenen Erfahrungen, was den dokumentarischen Charakter des Werks im Stil der Neuen Sachlichkeit prägte.
  • Der weltweite Erfolg erlaubte Fallada, ab 1932 als freier Schriftsteller zu leben.
  • Fallada war zeitlebens psychisch labil, alkohol- und drogenabhängig.
  • Die Figur Lämmchen ist eine Hommage an Falladas erste Frau.
  • Zitat: „Solidarität der Angestellten, Appell an das deutsche Volk, Volksgemeinschaft, es gibt nur eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Mikroben, verreck schon, was kommt es auf dich an, es gibt Millionen wie dich.“
 

Zusammenfassung

Ein Schuss, ein Treffer

Vor der Praxis eines Gynäkologen wartet Johannes Pinneberg ungeduldig auf seine Freundin Emma, genannt Lämmchen. Sie wollen von dem Arzt eine zuverlässige Verhütungsmethode wissen – doch ihr Ansinnen kommt zu spät: Lämmchen ist schwanger. So ist aus einer Zufallsbegegnung am Strand ein folgenschweres Zusammentreffen geworden. Pinneberg schlägt spontan die Heirat vor – weniger aus Verantwortung für das ungeborene Kind als vielmehr aus reiner Verliebtheit. Lämmchen nimmt den Antrag an und stellt Pinneberg ihrer Familie vor. Bei den Mörschels, einer raubeinigen und klassenbewussten Arbeiterfamilie, macht Pinneberg nicht viel Eindruck. Vater Mörschel urteilt abfällig über Angestellte und erklärt Pinneberg unverblümt, dass die Proletarier als organisierte Klasse weit besser dran sind als die angestellten Einzelkämpfer. Genau dies führen die Arbeiter im Betrieb für Getreide, Futter- und Düngemittel in Ducherow, wo Pinneberg in der Buchhaltung arbeitet, vor: Sie lassen sich, im Gegensatz zu den duckmäuserischen Angestellten, vom Chef die Vesperpause nicht verbieten.

Hochzeit und Jobverlust

Bald nach der Heirat zeigt sich, aus welchem Holz Pinnebergs Frau geschnitzt ist: Sie ist patent und lebenstüchtig und vor allem, ganz anders als Pinneberg, von unerschütterlichem Optimismus. Schon jetzt ist klar: Das Geld, von dem Pinneberg als Junggeselle gut leben konnte, wird für zwei niemals reichen, geschweige für ein Kind. Trotzdem ist Lämmchen überzeugt, dass es ihnen beiden niemals wirklich schlecht gehen kann, da sie sich doch lieben und immer bemüht sind, anständig zu bleiben. Die beiden beziehen eine gemeinsame Wohnung, doch der Hausfrieden ist vom ersten Tag an getrübt: Es handelt sich um ein mit Scheußlichkeiten zugestelltes möbliertes Zimmer am äußersten Rand der Stadt, die Vermieterin ist schrullig. Lämmchen weiß nicht hauszuhalten, und Pinneberg verhält sich auf einmal komisch: So verlangt er von Lämmchen, in der Öffentlichkeit so zu tun, als kenne sie ihn nicht. Er wähnt sich nämlich gegenüber der bindungswilligen Tochter seines Arbeitgebers im Wort und fürchtet, seine Stelle zu verlieren, wenn herauskommt, dass er bereits verheiratet ist. Angesichts der prekären Lage der Angestellten kann sich der Chef verhalten wie ein Feudalherr: ausnutzen, unterdrücken, taktieren, gegeneinander ausspielen.

„Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen meinen klassenbewussten Proleten und euch: Mein Karl kriegt seine Überstunden bezahlt. (…) Weil kein Zusammenhang ist bei euch, keine Solidarität. Darum machen sie mit euch, was sie wollen.“ (Lämmchens Vater zu Pinneberg, S. 22)

Nachdem Pinneberg auf seinem Anspruch auf einen freien Tag besteht, um einen Ausflug mit Lämmchen machen zu können, und dabei ausgerechnet dem Chef begegnet, verliert er seinen Job. Die Rettung folgt jedoch auf dem Fuß, zumindest scheint es so: Lämmchen hat einen Brief an Pinnebergs Mutter Mia in Berlin geschrieben, und deren Antwort auf lila Briefpapier verspricht Erlösung. Die beiden sollen zu ihr nach Berlin kommen, sie können bei ihr wohnen, und eine Stellung im renommierten Konfektionshaus Mandel mit 350 Mark Monatsgehalt gibt es noch obendrein. Doch die Begegnung mit Mia Pinneberg ist ernüchternd. Sie ist alles andere als mütterlich, setzt Lämmchen gleich mal als unbezahlte Kraft im Haushalt ein und verlangt eine horrende Miete für ein „fürstliches“ Zimmer, das mit seiner rotseidenen Ausstattung doch sehr an einen Puff erinnert. Und die Stelle bei Mandel ist auch noch nicht in trockenen Tüchern.

Die Kommode

Die Stelle soll Mia Pinnebergs Freund Holger Jachmann einfädeln, doch mehr als einen Kontakt zum Personalchef von Mandel herzustellen, vermag dieser auch nicht. Pinneberg muss also selbst als Bittsteller vorsprechen. Dieses Kriechen beraubt ihn aller Illusionen: Leistung oder Fähigkeit, Anstand oder Aussehen bewirken nichts – es kommt nur auf die Beziehungen an, man braucht einen Jachmann an seiner Seite, um nicht unterzugehen. Immerhin bekommt Pinneberg seine Stellung, sie erfüllt die hochgesteckten Erwartungen jedoch nicht, das Gehalt beläuft sich schließlich auf nur 170 Mark, weit weniger, als sich die Eheleute im schlechtesten Fall erhofft haben. Auch werden Pinneberg gleich 3 Mark als Strafe für ein paar Minuten Verspätung abgezogen.

„Fleißig sind wir, sparsam sind wir, schlechte Menschen sind wir auch nicht, den Murkel wollen wir auch (…) – warum soll es uns da eigentlich schlechtgehen? Das hat doch gar keinen Sinn!“ (Lämmchen, S. 92)

Am Zahltag, völlig verzweifelt ob des geringen Gehalts, baut Pinneberg Mist: Er kauft für Lämmchen eine teure Frisierkommode, um die die zwei Liebenden lange herumgeschlichen sind. Lämmchen ist innerlich schon längst von der Kommode abgekommen und denkt über die Babyausstattung nach. Der Kauf ist ein finanzielles Desaster, doch Lämmchen erkennt in dieser Geste Pinnebergs Liebe, und die Kommode wird bis zum Schluss das einzige eigene Möbelstück des Paares bleiben. Überstürzt ziehen die beiden – mitsamt Kommode – bei Mia Pinneberg aus, als sie verstehen, dass die geselligen und feuchtfröhlichen Abende in deren Wohnung nichts anderes sind als organisierte Stelldicheins zwischen älteren Herren und jungen Mädchen.

Pinnebergs Traum: Robinson ohne Freitag

Lämmchen findet eine Unterkunft beim Handwerker Puttbreese in einem Hinterhof, ein Domizil, das man nur über eine Leiter und das Dach eines Kinos erreicht. Trotz seiner Stelle fühlt Pinneberg sich den Arbeitslosen viel näher als den Verdienern – er lebt ständig im Bewusstsein, dass es mit der Arbeit von heute auf morgen wieder aus sein kann. Das lässt ihn auch die Durchhalteparolen der Politiker als hohle Phrasen durchschauen.

„Zeugnisse nützen nichts, Tüchtigkeit nützt nichts, anständig aussehen nützt nichts, Demut nützt nichts – aber so ein Kerl wie der Jachmann – der nützt.“ (S. 166)

Pinneberg wünscht sich weg auf eine einsame Insel, wie Robinson Crusoe. Er hat das Buch als Kind gelesen und es hörte just in dem Augenblick auf ihn zu interessieren, als Freitag – sprich: die Gesellschaft – ins Spiel kam. Immer wenn ihm das Alltagsleben unerträglich wird, träumt er davon, Robinson zu sein. Und weil die Mitmenschen so unerträglich sind, muss Pinneberg den Traum immer weitertreiben: Nicht bloß auf einer Insel will er leben, sondern auf einer einsamen Insel mit Riffen, darauf ein Blockhaus, um dieses herum ein Felsenkessel mit einem Tunnel, doch zum Schutz gegen Flieger muss es schließlich eine Erdhöhle sein, um wirklich sicher zu sein vor den Menschen. Nur in dieser gebärmutterartigen Höhle kann Pinneberg wirklich frei sein von Angst. In der Wirklichkeit kann Pinneberg natürlich nicht in den Mutterschoß zurückkriechen, vielmehr muss er sich der Tatsache stellen, dass nun Horst Pinneberg, der Murkel, auf die Welt kommt.

Der Murkel ist Fluch und Segen zugleich

Pinneberg leidet unter der erzwungenen sexuellen Enthaltsamkeit und entdeckt zugleich, dass er – beinahe wider Erwarten – seine Frau tief und aufrichtig liebt. Während er auf die Geburt seines Sohnes wartet und Tausend Ängste um Lämmchen aussteht, besucht er seinen Arbeitskollegen Heilbutt, einen selbstsicheren Mann, auf den Pinneberg große Stücke hält. Bei diesem Besuch entdeckt er Heilbutts Faible für Aktfotografien und Freikörperkultur. Pinneberg begleitet Heilbutt in eine Badeanstalt zum Nacktbaden und findet das alles sehr befremdlich.

„Solidarität der Angestellten, Appell an das deutsche Volk, Volksgemeinschaft, es gibt nur eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Mikroben, verreck schon, was kommt es auf dich an, es gibt Millionen wie dich.“ (S. 171)

Die Entbindung geht glatt, und Lämmchen erweist sich als gute Mutter. Pinneberg versucht, in die Vaterrolle hineinzuwachsen, was vor allem einen ewigen Kampf ums Geld und das Ringen mit einer absurden Bürokratie bedeutet. Er muss Verantwortung für dieses Kind übernehmen, das ihm eine große Sorge ist und zugleich – wie sich bald abzeichnet – sein größtes Glück.

Pinneberg hat es immer schwerer

Bei Mandel wird rationalisiert. Ein eigens eingestellter Unternehmensberater, der ein Vielfaches mehr verdient als die Angestellten, führt Verkaufsziele und Erfolgsquoten ein, woraufhin unter den Angestellten ein Schwarzmarkt für den Handel mit Quoten entsteht. Solidarität unter den Angestellten ist eine Illusion: Die Großen fressen die Kleinen und die Kleinen zerfleischen sich gegenseitig. Pinneberg steht unter permanenter Anspannung und wird von der Situation immer stärker ausgehöhlt. Zu Hause bei Lämmchen ist er gereizt und gibt sich unwirsch. Er fühlt sich vollkommen ausgeliefert und wünscht sich wiederholt, arbeitslos zu sein, nur damit der unerträgliche Stress endlich aufhört. In einem immer hitzigeren gesellschaftlichen Klima zwischen Nazis und Antisemiten einerseits und Kommunisten andererseits versuchen Lämmchen und Pinneberg anständig zu bleiben. Während Pinneberg angepasst ist und immer duckmäuserischer wird, hat Lämmchen klare politische Ansichten und äußert ihre Meinung – man muss kommunistisch wählen! – auch offen.

Der Abend mit Jachmann und das Ende

Immer wieder ist es Jachmann, der den beiden mit einer Finanzspritze oder einer freundlichen Geste unter die Arme greift. Lämmchens Wunsch ist es, einmal so richtig auszugehen, und Jachmann, der Gönner, verhilft ihr dazu. Erst gehen sie ins Kino nebenan, wo ein Film über einen kleinen Mann läuft, der von seiner Frau zum Stehlen verführt wird. Bei den Pinnebergs hinterlässt der Film einen schalen Nachgeschmack. Nachdem der Murkel gestillt und wieder schlafen gelegt ist, zieht die Gesellschaft weiter, in verschiedene Varietés, deren sexuell aufgeladene Stimmung den keineswegs prüden, jedoch alles andere als frivol gestimmten Pinnebergs auch nicht zusagt. Im Ballhaus Resi mit seinen Tischtelefonen und Springbrunnen fühlen sie sich besser aufgehoben, sie tanzen miteinander, doch im Ganzen überwiegt an diesem Abend der Eindruck von Trostlosigkeit.

„Pinneberg ist ein erwachsener, normaler Mensch, normal ruhig, normal ängstlich. Aber nicht umsonst haben Jahre und Jahre auf ihn mit Geldnot und Kündigungsfurcht, würdeloser Behandlung und der Lebenssattheit der Großen eingewirkt: In seinen Wunschträumen kriecht er in die Erde zurück (…)“ (S. 172)

Bei Mandel werden die Begründungen, mit denen die Leute vor die Tür gesetzt werden, immer abstruser. Pinneberg bekommt nochmals eine Gnadenfrist – aber 100 Mark Umsatzvorgabe extra. Schließlich aber kommt die Kündigung doch. Ausgerechnet der Schauspieler, der in jenem Kinofilm den armen kleinen Mann gespielt hatte, bringt das Fass zum Überlaufen, indem er sich von Pinneberg ausführlichst das gesamte Sortiment zeigen lässt, dann aber nichts kauft. Kollege Heilbutt wurde schon vorher wegen seiner Aktbilder entlassen und ist verschollen. Auch Jachmann wurde nach dem Abend im Varieté nicht mehr gesehen – doch solche wie die beiden, der eine redlich, der andere unredlich, fallen die Treppe immer wieder hoch. Ein kleiner Mann wie Pinneberg fällt einfach nur runter.

Lämmchen ernährt die Familie

Pinneberg macht den verschollenen Heilbutt wieder ausfindig. Der hat sich mit dem kommerziellen Vertrieb von Aktbildern ein auskömmliches Unternehmen aufgebaut. Er bietet Pinneberg einen Job als Bilderverkäufer an, den dieser zwar zunächst annimmt, nach zwei Tagen jedoch aus Pietätsgründen – trotz aller Not – wieder an den Nagel hängt. Zumindest bringt Heilbutt die kleine Familie in seiner Gartenlaube unter; die 10 Mark Miete sind eher symbolisch, und Heilbutt findet immer wieder Wege, sie an Pinneberg zurückfließen zu lassen. Heilbutt verrät Pinneberg den wahren Grund für die Kündigung bei Mandel: Jemand hat ihn als Nazi angeschwärzt.

„Sie machen einem ja alles kaputt, denkt es trübe in ihm, es bleibt ja nichts heil in einem, wenn es schneller käme, bliebe vielleicht etwas heil.“ (über Pinneberg, S. 417)

Lämmchen arbeitet nun für die Familie, sie stopft und näht für Geld, während Pinneberg sich um Haushalt und Kind kümmert. In der Krise sind, wie im Krieg, plötzlich vielerorts die Frauen für das Familieneinkommen zuständig. Sie stottern ihre Schulden ab und versuchen anständig zu bleiben – das sei ihr einziger Luxus, und den lasse sie sich nicht nehmen, sagt Lämmchen zu dem wieder aufgetauchten Jachmann. Den hatte Mia Pinneberg aus Eifersucht ins Gefängnis gebracht. Trotzdem kehrt er zu ihr zurück. Er bewundert ihre Stärke und ihre Gier.

Das kleine Glück daheim

Auf der Friedrichstraße in Berlin fallen Pinneberg die vielen offensichtlich nicht professionellen Prostituierten auf – es sind Arbeiterfrauen, die sich so ein Zubrot oder überhaupt ein Stück Brot zu verdienen versuchen. Ebenso fallen ihm die überaus wohlgenährten und ausgesprochen selbstgefälligen Schutzpolizisten auf. Ein solcher nimmt Pinneberg rüde in die Zange, als dieser – verarmt und abgerissen, wie er inzwischen aussieht – vor einem Schaufenster stehen bleibt. Er behandelt ihn wie Abschaum, und die anderen Passanten sehen nur zu. Der Schupo schubst Pinneberg herum wie einen Obdachlosen, zwingt ihn in eine Straße, in die er gar nicht will, zwingt ihn vom Trottoir auf die Straße, in die Gosse. So aus der Gesellschaft verstoßen, traut sich Pinneberg zu Hause gar nicht mehr in seine Wohnung und unter die Augen von Jachmann. Lämmchen findet ihn schließlich spät nachts zwischen den Fliederbüschen. Einen Moment lang herrscht völlige Entfremdung zwischen den beiden; Lämmchen will schon allein ins Haus zurückgehen, als Pinneberg ihr endlich von der Demütigung durch den Schupo erzählt. Sie tröstet ihn. Gemeinsam betreten sie ihr Heim, wo der kleine Murkel schlafend im Bett liegt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman Kleiner Mann – was nun? ist in vier große Abschnitte unterteilt: Einem Vorspiel namens „Die Sorglosen“, in dem Lämmchen und Pinneberg von der Schwangerschaft Lämmchens erfahren, folgt der erste Teil: „Die kleine Stadt“. Dieser öffnet das Panorama auf die allgemeine Situation, die Handlung beginnt im Sommer 1930. Der Hauptteil, „Berlin“, reicht vom Umzug Pinnebergs und Lämmchens bis zu Pinnebergs Arbeitslosigkeit. Das Nachspiel „Alles geht weiter“ schließlich spielt 14 Monate später und löst die noch offenen Fragen auf. Jedem der 52 kleineren Kapitel sind kurze Inhaltsangaben vorangestellt. Fallada erzählt im Präsens, ist meist nahe an seinen Figuren. Gelegentlich nimmt er jedoch auch Abstand, wird zu einer Art teilnehmendem Beobachter, der die Chronik eines sozialen Abstiegs liefert, kommentiert oder bewertet. Nur selten ist diese Chronik durch Zeitsprünge unterbrochen. Der Roman ist ausgesprochen gut lesbar, Dialoge und Schilderungen halten sich die Waage. Fallada schreibt klar und unkompliziert, er gibt die Umgangssprache der Berliner und ihre großstädtische Lebenswelt treffend wieder.

Interpretationsansätze

  • Fallada zeichnet ein Sittenbild der Weimarer Republik: Kommunisten und Nazis stehen sich feindlich gegenüber, die Mehrheit der kleinen Leute fristet jedoch angepasst und gleichgültig, verängstigt und überfordert ihren Alltag. Ihre Passivität beschleunigt das Ende der ohnehin fragilen Demokratie. Ein Jahr nach Erscheinen des Romans übernahm Hitler die Macht und die Massen jubelten ihm zu.
  • Die zermürbenden Auswirkungen von Existenzangst und Arbeitslosigkeit waren das große Thema jener Zeit und wurden zeitgleich auch von der Soziologin Marie Jahoda in ihrem Werk Die Arbeitslosen von Marienthal von 1933 behandelt. Die Geldnöte sind nicht das Hauptübel – der „kleine Mann“ verliert mit der Arbeit auch Sinn, Würde und Lebensmut.
  • Es geht um Moral in unmoralischen Zeiten. Fallada prangert die mangelnde Solidarität unter den Angestellten ebenso an wie Korruption, Gewinnlertum und Ausbeutung. Aufrichtig und sauber zu bleiben, ist ein Luxus geworden. Lämmchen will zu den Anständigen gehören, obwohl sie und Pinneberg sich so viel Moral schon längst nicht mehr leisten können.
  • Pinneberg fühlt sich von der Welt bedrängt. Unter Menschen zu sein, wird ihm immer unerträglicher. Lämmchen ist in ihrer zupackenden Art seine Rettung, ein echter Glückstreffer. Fallada selbst sagte, dass die Moral von der Geschicht’ „etwas unbedeutend“ sei: die Erlösung von der unmenschlichen (Arbeits-)Welt durch den Rückzug ins Private.
  • Vieles im Roman hat Fallada selbst erlebt, als er nach dem Bankrott von Rowohlt als junger Familienvater arbeitslos wurde. Die Figur der patenten, liebevollen und optimistischen Lämmchen ist eine hinreißende Hommage an Falladas erste Frau.
  • Falladas Roman verkörpert par excellence die Prinzipien der Neuen Sachlichkeit. Diese literarische Strömung, zu der auch Erich Kästner, Anna Seghers und Kurt Tucholsky gezählt werden, zielte auf eine quasi dokumentarische Darstellung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Der hohe Wiedererkennungseffekt und das große Identifikationspotenzial für den Leser trugen zweifellos zum umgehenden großen Erfolg von Kleiner Mann – was nun? bei.

Historischer Hintergrund

Weimarer Republik und Wirtschaftskrise

Die aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Soldaten erkannten Deutschland kaum wieder: Das Land war finanziell ruiniert, die Bevölkerung stand unter Schock wegen der demütigenden Friedensverträge. Die Weimarer Republik, ausgerufen als parlamentarische Demokratie im November 1918, gab dem Deutschen Reich eine fortschrittliche Verfassung als Föderation, doch sie war von Anfang an eine einzige Krise. Die Kriegsfolgen, politische Instabilität und eine galoppierende Inflation ab 1923 vernichteten den Wohlstand des Bürgertums und verschlimmerten die Lage des Proletariats. Eine desillusionierte Jugend forderte radikale Reformen, während die Zeitungen antisemitische Hetzartikel publizierten. Rund ein Drittel aller deutschen Juden lebte in Berlin, und im vom ärmlichen Ostjudentum geprägten Berliner Scheunenviertel nahe den gediegenen Hackeschen Höfen kam es 1923 zu einem antisemitischen Pogrom.

Von 1924 bis 1929 war die Lage stabiler, doch die Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsencrash 1929 machte alle Fortschritte wieder zunichte. Es kam zu massiven Produktionsrückgängen und damit zur Beschäftigungskrise. Von 1929 bis 1932 verdoppelte sich die Zahl der Arbeitslosen: Auf einen Arbeitslosen kamen schließlich nur noch zwei regulär Beschäftigte. Die sozialen Sicherungssysteme brachen zusammen, der Einzelne blieb sich selbst überlassen. Prostitution aus Not, Wärmehallen und Suppenkanonen zur Armenspeisung prägten das Bild auf den Straßen. Die Gemengelage wirtschaftlicher Not und radikaler Nationalgesinnung in Verbindung mit einer judenfeindlichen Grundhaltung schufen jenen sozialen Humus, auf dem der Nationalsozialismus gedeihen konnte. Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 gab der Weimarer Republik den Todesstoß.

Die verschiedenen Phasen der Weimarer Republik spiegelten sich auch in Kunst und Kultur: Unmittelbar nach dem Weltkrieg und der Novemberrevolution dominierte das utopisch-revolutionäre Pathos des Expressionismus, Käthe Kollwitz fing das Kriegstrauma ein, Otto Dix malte mitleidslos die kriegsversehrten Stadtbewohner. Die Neue Sachlichkeit erblühte während der Phase der Stabilität mit nüchtern-realistischen Werken wie Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin oder Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque.

Entstehung

Hans Fallada wurde selbst 1931 arbeitslos und ließ seine Erfahrungen direkt in seinen Roman über die Mühen und Nöte des kleinen Mannes einfließen. Die renommierte Vossische Zeitung brachte Kleiner Mann – was nun? als Vorabdruck, was vor allem wegen des üppigen Vorschusses von 7000 Mark ein interessanter Deal für den verschuldeten Autor war. Dafür, so stellte sich rund 80 Jahre später heraus, strich er sein Originalmanuskript um rund ein Viertel zusammen. Fallada und der Rowohlt Verlag passten das Werk dem Massengeschmack an, indem sie politische Aussagen vereinfachten und abschwächten, erotische Anspielungen tilgten und Schilderungen des Berliner Nachtlebens während der Wilden Zwanziger strichen. Die Robinson-Episode, die wichtige Einblicke in die Psychologie der Hauptfigur bietet, fehlte in der Erstausgabe ganz. Im Juni 1932 kam das Buch in den Handel und lief, trotz seines stolzen Preises von 4,50 Mark fürs Hardcover und 5,50 Mark für die Leinenausgabe, vom ersten Tag an überraschend gut. Unmittelbar vor der Machtergreifung Hitlers, in einer Zeit sozialer Umwälzungen und politischer Unsicherheit, wurde das Buch zum Welterfolg und verkaufte sich in Deutschland bis zum Ende der Nazizeit 188 000-mal.

Wirkungsgeschichte

Schon während des Vorabdrucks reagierten die Leser begeistert. Nach Erscheinen des Buches priesen auch renommierte Autoren wie Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Robert Musil, Siegfried Kracauer oder Alfred Kantorowicz den Roman. Thomas Mann lobte die rührende und zugleich bittere „Lebenswahrheit“ und die „Reinheit des dichterischen Klanges“. Der Herausgeber Paul Elbogen rühmte, dass es Fallada gelungen sei, „aus Straßendreck Schönheit zu formen“. Ab Januar 1933 kamen Autor und Verlag mit neuerlichen Kürzungen einer Zensur durch die Nazis zuvor. Aus einer ersten deutschen Verfilmung von 1933 mussten alle Szenen mit dem Vokalensemble Comedian Harmonists geschnitten werden (drei der sechs Sänger waren „Nichtarier“), und auch die Universal Studios, die das Werk 1934 in den USA verfilmten, beschränkten sich auf eine zahme Version des Stoffes, um keine Konfrontation mit den Nazis zu riskieren. 1950, drei Jahre nach Falladas Tod, startete Rowohlt seine rororo-Taschenbuchreihe mit der gekürzten Fassung des Romans als Band Nummer eins. Der Roman wurde in 20 Sprachen übersetzt, wiederholt für Kino und TV verfilmt und in zahlreichen Inszenierungen auf die Bühne gebracht. 2016 brachte der Aufbau-Verlag die ungekürzte Originalfassung von Kleiner Mann – was nun? heraus, die alle unterschlagenen Stellen nachliefert und so Falladas genaue Schilderungen der Weimarer Republik wiederherstellt.

Über den Autor

Hans Fallada kommt am 21. Juli 1893 in Greifswald als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen zur Welt. Sein Künstlername kombiniert die Grimm’schen Märchenfiguren Hans im Glück und Falada, das sprechende Pferd. Der Sohn einer gutbürgerlichen Familie ist zeitlebens psychisch labil, als Jugendlicher versucht er einen als Duell getarnten Doppelsuizid, den er schwer verletzt überlebt. Er wird kriminell, um seine Alkohol- und Morphiumsucht zu finanzieren. Eine Haftstrafe wegen Unterschlagung nutzt er 1926 zum Entzug. Wieder in Freiheit, beginnt er 1929 noch einmal von vorn, tritt in die SPD und bei den Guttemplern ein, wo er seine Frau Anna Margarete Issel kennenlernt. Das Paar bekommt zwei Söhne und zwei Töchter, von denen die eine jedoch bei der Geburt stirbt. Die Ehe wird 1944 geschieden. Fallada arbeitet zunächst als Provinzjournalist und ab 1930 halbtags für den Verleger Ernst Rowohlt. Mit Bauern, Bonzen und Bomben erringt er 1931 einen ersten Erfolg als Romancier. Nach dem zwischenzeitlichen Konkurs des Rowohlt Verlags schriftstellert Fallada, arbeitslos und hoch verschuldet, notgedrungen weiter. 1932 erscheint Kleiner Mann – was nun? und wird ein internationaler Erfolg. Quasi im Alleingang rettet Fallada mit seinem Bestseller den angeschlagenen Verlag. Er kauft sich ein Haus mit Seezugang in Mecklenburg, wo er die Nazi- und Kriegsjahre zurückgezogen in „innerer Emigration“ verbringt. Die Nazis lassen seine Werke als Kritik an der Weimarer Republik durchgehen. Fallada verlegt sich auf Seichteres und entgeht der Verfolgung. 1945 heiratet er die wesentlich jüngere, morphiumsüchtige Ulla Losch. Erneut suchtkrank und nur drei Monate nach der kräftezehrenden Niederschrift der Romane Der Alpdruck und Jeder stirbt für sich allein stirbt Hans Fallada am 5. Februar 1947 in Berlin, offiziell an Herzversagen.


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