Zusammenfassung von Kompendium für das Studium der Philosophie

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Kompendium für das Studium der Philosophie Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Mittelalter

Worum es geht

Erstaunlich modern und ermüdend kleinlich

Bacons Kompendium ist eine mutige Streitschrift und ein fast schon aufklärerischer Appell. Die Botschaft: Der Mensch soll sich auf seine Vernunft und seine Erfahrung verlassen, nicht auf die anerkannten Autoritäten. Das klingt nach Emanzipation aus der geistigen Unmündigkeit – ein Gedanke, der erst Jahrhunderte später zum zentralen Gedanken der Aufklärung wurde. Bacons Text zeigt uns heute, was alles im späten Mittelalter bereits gedacht und ausgesprochen werden konnte, ohne dabei allerdings die Wahrheit der Bibel oder die Vormachtstellung der Kirche in Zweifel zu ziehen. Hier wird kein Umsturz gepredigt, hier werden Reformen mit den Mitteln der Logik gefordert und begründet. Der Umfang und der Anspruch von Bacons Vorhaben sind beeindruckend. Die Lektüre ist allerdings für den heutigen Leser kein reines Vergnügen. Der Text ist auch ein besserwisserisches Pamphlet und ein detailversessenes Wörterbuch, das die sprachlichen Kenntnisse des Autors vorführt. Das mag Altphilologen interessieren, für den Laien erschließt sich der Charme des mittelalterlichen Griechischunterrichts eher nicht.

Take-aways

  • Das Kompendium für das Studium der Philosophie ist eine Streitschrift des mittelalterlichen Philosophen Roger Bacon gegen Autoritäten und für das Studium der alten Sprachen.
  • Inhalt: Das Studium der alten Sprachen – Griechisch, Hebräisch, Arabisch und Chaldäisch – ist die Voraussetzung für das Erlangen von Weisheit. Die lateinischen Übersetzungen aus diesen Sprachen sind fehlerhaft. Man muss zu den Originaltexten zurück und die Übersetzungen selbst prüfen. Nur so wird die Wahrheit der Bibel greifbar und der durchweg verdorbene Lehrbetrieb wird auf ein solides Fundament gestellt.
  • Der Text ist nur als Fragment in einer Abschrift aus dem 14. Jahrhundert erhalten.
  • Roger Bacon verfasste das Werk nach dem Scheitern seines Versuchs, mithilfe von Papst Clemens IV. den Wissenschaftsbetrieb zu reformieren.
  • Infolge von Zensur und durch eine zwischenzeitliche Inhaftierung Bacons konnte die Schrift sich nie weit verbreiten.
  • Das Buch ist eine Polemik gegen kirchliche Autoritäten.
  • Es ruft zur Emanzipation der Vernunft gegen die Autorität und die Gewohnheit auf.
  • Im Text zeigen sich frühe Anklänge an den Humanismus der Renaissance.
  • Das Buch stellt einen Versuch dar, aus den sich zunehmend differenzierenden Einzelwissenschaften wieder ein systematisches Ganzes zu machen.
  • Zitat: „Vieles von dem, was uns noch unbekannt ist, werden die Menschen eines späteren Zeitalters wissen. Es wird eine Zeit kommen, in der sich unsere Nachfolger darüber wundern, dass wir so offensichtliche Dinge nicht wussten.“
 

Zusammenfassung

Der Weg zur Weisheit

Wer Weisheit erlangen will, muss sich vier Punkte klarmachen:

  1. Warum muss ich mich für die Weisheit frei machen?
  2. Wie kann ich Vollständigkeit der Weisheit erreichen?
  3. Welche Methode führt zur Weisheit?
  4. Welche Hindernisse stehen der Weisheit im Weg?
„(…) es regieren mehr Sünden in unserer Zeit als in irgendeinem vorhergehenden Zeitalter. Aber die Sünde kann nicht mit der Weisheit einhergehen.“ (S. 21 )

Die Menschen vernachlässigen diese vier grundsätzlichen Überlegungen – weshalb sie auch nicht zur Weisheit gelangen können. Die Weisheit ist von ihrem Wesen her schön und nützlich. Jeder Mensch fühlt sich von ihr angezogen, jeder möchte ihr nahe sein. Das ist auch der Grund dafür, dass selbst dumme Menschen sich den Anschein geben wollen, weise zu sein. Denn die Weisheit ist der Schlüssel zu allem, was dem Menschen wichtig und teuer ist. Sie erweist sich vor allem in fünf Bereichen als wirksam: im Studium, in der Kirche, im Gemeinwesen, in der Bekehrung der Ungläubigen und in der Kriegsführung. Ihre größte Kraft zeigt die Weisheit im Studium. Sie hat zwei Seiten: eine spekulative – mit Grammatik, Logik, Naturphilosophie, Metaphysik und fünf Gebieten der Mathematik – und eine praktische – mit Alchemie, Medizin, Theologie, Moralphilosophie, weltlichem und kirchlichem Recht sowie vier weiteren Gebieten der Mathematik.

„Aber jetzt, da die Bosheit der Menschen ihr Höchstmaß erreicht hat, muss sie durch den besten Papst und den besten Fürsten mit dem weltlichen und dem geistlichen Schwert gleichermaßen gesäubert werden. Sonst geschieht dies durch den Antichrist (…)“ (S. 27)

Der Weg zur Weisheit führt von den kleinen zu den großen, von den leichten zu den schweren und von den allgemeinen zu den speziellen Dingen. Man muss zunächst die Grundlagen erlernen, bevor man sich an die komplexen Sachverhalte macht. Das Wissen erschließt sich uns auf drei Arten: durch Autorität, mittels der Vernunft und über die Erfahrung. Autorität ist kein Instrument des Verstehens, sondern eines, an das wir lediglich glauben können – und auch das nur, wenn ihr Vernunft vorausgeht. Die Vernunft allein reicht ebenfalls nicht aus. So ist die Erfahrung das wichtigste Mittel, um Erkenntnisse zu gewinnen.

„Denn wir sehen das Menschengeschlecht in nahezu allem irren, nicht nur in der heiligen Wissenschaft, sondern auch in der Philosophie, wie dem Weisen leicht ersichtlich ist.“ (S. 41)

Gegenwärtig ist es um die Weisheit sehr schlecht bestellt. Die Sünde regiert, die Vernunft kann nicht gedeihen. Der ganze Klerus ist von Habgier, Neid und Verschwendungssucht verdorben. Auch die weltlichen Herrscher und das einfache Volk sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Weisheit aber gedeiht nur in vollkommen tugendhafter Umgebung. Der Glaube an das Sakrament ist dafür notwendig, doch die heutigen Menschen ignorieren den Glauben. Selbst die alten Philosophen waren – obwohl sie nie der Gnade des ewigen Lebens teilhaftig geworden sind – aufrichtiger und tugendhafter als der heutige Mensch. Seit etwa 40 Jahren ist das Studium durch die Verdorbenheit der Sitten fruchtlos. Viele weise Männer sagen, dass die Zeit des Antichrists nah sei. Die Welt steht vor ihrem Ende, wenn es uns nicht gelingt, Kirche und Gesellschaft von ihrer Verdorbenheit zu befreien. Ein großer Papst und ein großer Fürst müssen Kirche und Staat säubern, sonst tut dies der Antichrist.

Hindernisse auf dem Weg zur Weisheit

Der Mensch ist aufgrund der Erbsünde ein unvollkommenes Wesen. Sein Leben ist dadurch voller Irrtümer und Fehler, an die er jedoch von klein auf gewöhnt ist; wenn man sie ihm nicht aufzeigt, sieht er sie nicht. Doch noch mehr als die kollektive Sünde ist die Sünde des Einzelnen ein Hindernis auf dem Weg zur Weisheit. Die drei Teile der Seele – Vernunft, Wille und Tatkraft – sind durch die sieben Todsünden ihrer positiven Kraft beraubt. Sokrates, der „Vater der Philosophen“, meinte, dass Weisheit nur über den Weg der Tugend zu erlangen sei. Doch in der Gegenwart ist die Tugend durch Hochmut, Neid, Zorn, Geiz, Trägheit, Maßlosigkeit und Wollust korrumpiert. Der Mensch verdankt es einzig Gottes Gnade, dass er nicht vernichtet wird, wie er es verdient hätte. Die Genusssucht ist das größte Übel. Sie zerstört die Würde des Menschen, und er unterscheidet sich nicht mehr vom Tier. Die heutigen Gelehrten sind zum großen Teil wie Papageien, die den Großen der Vorzeit nachplappern, ohne sie verstehen zu können. Ihnen fehlt die Tugend und damit eine Grundvoraussetzung für Weisheit.

„Denn noch nie ist eine Wissenschaft in einem einzigen Zeitalter erfunden worden, sondern sie ist seit Beginn der Welt bis heute langsam gewachsen.“ (S. 57)

Vier weitere Hindernisse auf dem Weg zur Erkenntnis gibt es: die schlechten Vorbilder der Autoritäten, die Meinung der breiten Masse, die Gewohnheit und den „Starrsinn der menschlichen Seele“. Besonders die Meinung der Masse ist problematisch. Schon immer haben die Weisen die breite Öffentlichkeit gemieden, denn die dumme Mehrheit ist nicht bereit für die Weisheit. Und doch gebärdet sich auch der Dumme als wissend, um sich den Schein der Klugheit zu geben.

„Die erste Wissenschaft behandelt die Sprachen der Weisheit, aus denen durch Übersetzung den Lateinern alle Weisheit überliefert ist. Diese Sprachen sind Griechisch, Hebräisch, Arabisch und Chaldäisch.“ (S. 63)

Der universitäre Betrieb in den letzten 40 Jahren ist ein Hauptgrund dafür, dass Studium, Kirche und Gemeinwesen zerstört werden. Schuld sind vor allem die Juristen, genauer die Anwälte und Lehrer des italienischen bürgerlichen Rechts. Sie manipulieren den Klerus und die Fürsten. Sie erhalten all das Geld der Gönner, sodass für die Studien der Weisheit die Mittel fehlen. Daher studieren immer mehr Studenten Recht und nicht Philosophie. Die Juristen sind im Vergleich mit den Philosophen nur simple Mechaniker, da sie die Grundlagen nicht kennen, nach denen die Gesetze entstehen. Kleriker sollten sich generell vom weltlichen Recht fernhalten und die Gesetze der Philosophie studieren. Diese Gesetze lassen sich auch durch Beobachtung der Planetenkonstellationen ableiten. Zudem hat uns bereits Aristoteles alles, was man über Gesetze wissen muss, gelehrt. Die Schriften des Aristoteles und das christliche Gesetz haben so viele Gemeinsamkeiten, weil Gott den Philosophen bereits die Wahrheit offenbart hat. Schon die Dreieinigkeit Gottes war Aristoteles bekannt. Daher muss die Philosophie, nicht das Recht, das Studienfach der Kleriker sein.

Der Einfluss der Orden

Seit etwa 40 Jahren haben sich an den Universitäten Unwissende zu Lehrern aufgeschwungen. Junge Männer, die gerade erst ihr Gelübde bei den Orden abgelegt haben, beginnen mit dem Studium der Theologie, ohne das nötige Grundwissen in Griechisch und Hebräisch und in der Philosophie zu haben. So werden sie Lehrer, ohne je Schüler der grundlegenden Fächer gewesen zu sein. Beispiele sind etwa Thomas von Aquin oder Albertus Magnus. Die vermeintliche Heiligkeit der Orden vermittelt den Anschein, dass deren Vertreter gute Lehrer seien, doch sie können es gar nicht sein. Die andauernde Vernachlässigung des Studiums der Philosophie und Theologie durch die Magister führt dazu, dass den Orden immer mehr das Feld überlassen wird. Nur eine Handvoll Lehrer um Robert Grosseteste und Adam Marsh bilden Ausnahmen. Die Folgen: Das Studium verkommt, die Ordenslehrer sind hochmütig, weltliche Magister und Ordenslehrer beschimpfen einander als Abtrünnige vom wahren Glauben. Dem leuchtenden Beispiel von Robert Grosseteste folgten nur wenige Magister. Daher ist heute – obwohl es mehr Studenten und Doktoren als je zuvor gibt – das Niveau der Lehre fast durchweg schlecht.

Das Studium der alten Sprachen

Die Sprachen der Weisheit sind Griechisch, Hebräisch, Arabisch und Chaldäisch. Drei Stufen der Sprachkenntnis sind möglich: Beherrschung ähnlich der Muttersprache, Fähigkeit zur Übersetzung und Verständnis des Sinns. Die dritte Stufe ist für das Studium ausreichend. Doch die Leute glauben, sie müssten jene Sprachen mindestens bis zur Fähigkeit zur Übersetzung treiben, weshalb sie es aus Überforderung gleich ganz sein lassen. Die Gründe für die Notwendigkeit des Sprachenstudiums sind vielfältig. Die wichtigsten vier sind:

  1. Alle früheren Gelehrten kannten die Sprachen und haben mit ihnen gearbeitet.
  2. Die alten Schriften sind in diesen Sprachen geschrieben. Um sie zu verstehen, ist ein Verständnis dieser Sprachen notwendig. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man gängige Begriffe, beispielsweise den Namen des Patriarchen Jakob, „Israel“, was je nach Lesart „Fürst mit Gott“ oder „Mann, der Gott sieht“ heißen kann, in Unkenntnis der hebräischen Schreibweise falsch interpretiert.
  3. Die alten lateinischen Autoren setzen die Kenntnis der älteren Sprachen voraus und erklären daher nicht alle Begriffe.
  4. Die Autoren des Altertums waren nicht unfehlbar. Viele haben ihre eigenen Texte im Nachhinein verbessert. Mithilfe der entsprechenden Sprachkenntnisse kann der Gelehrte von heute offensichtliche Irrtümer der Alten erkennen und korrigieren. Beispiele finden sich etwa bei Hieronymus oder Augustinus. Zudem besteht das Lateinische zu großen Teilen aus griechischen und hebräischen Vokabeln, die man weder richtig auslegen noch in der richtigen Weise anwenden kann.

Sprachlicher Dilettantismus zerstört die Lehre

Die Herleitung von Begriffen in den Sprachen Griechisch, Hebräisch und Latein krankt vielfach an drei Umständen:

  1. Der jeweilige Wortursprung wird in der falschen Sprache angenommen.
  2. Es werden falsche Herkunftsverläufe konstruiert.
  3. Die Wörter werden falsch geschrieben bzw. ausgesprochen.
„Vieles von dem, was uns noch unbekannt ist, werden die Menschen eines späteren Zeitalters wissen. Es wird eine Zeit kommen, in der sich unsere Nachfolger darüber wundern werden, dass wir so offensichtliche Dinge nicht wussten.“ (S. 70 f.)

Oft sind es die jeweils ersten Übersetzer ins Lateinische, die diese Fehler machen. Papias, Hugutio und Briton sind üble Beispiele. Hugutio hat absurderweise behauptet, das Lateinische sei sicherer als das Griechische und Hebräische, wo doch das Lateinische aus den Ursprungssprachen hervorgegangen ist. Jeder weiß: Die Sicherheit nimmt immer mehr ab, je weiter man sich vom Original entfernt. Ebenso unwissend zeigt sich Briton, der beispielsweise das hebräische Wort „Gehenna“ für „Hölle“ unzulässig aus dem Griechischen herleitet. Auch lateinische Wörter werden irrtümlich aus anderen Sprachen hergeleitet.

„Und gerade diejenigen, die immer die ersten in der Erklärung der lateinischen Wörter sind, wie zum Beispiel Papias, Hugutio und Briton, sind die größten Lügner, durch deren Lügen die lateinischsprachige Menge ständig in die Irre geführt wird.“ (S. 80)

Ein weiterer Grund für das Studium der älteren Sprachen ist, dass neben Wörtern auch die lateinische Grammatik auf den älteren Sprachen aufbaut. Zudem ist generell jede Übersetzung ein Verlust an sprachlicher Schönheit und Klarheit. Schließlich wurden unzählige Fachwörter aus den alten Sprachen in wissenschaftliche Texte übernommen. Wer diese komplett verstehen will, muss ihre Bedeutung kennen. Es kursieren unzählige miserable Übersetzungen, Aristoteles ist das beste Beispiel. Alle Übersetzer vor Hieronymus haben wertlose Texte produziert. Selbst der heilige Hieronymus gestattete es sich, einige Fehler seiner Vorgänger stehen zu lassen, um nicht allzu viel Verwirrung zu stiften. So bleiben Fehler unhinterfragt bestehen und werden weiter gelehrt.

Fehlerquellen beim Übersetzen

Noch immer fehlen Übersetzungen wichtiger Texte der Bibel und der Bibelinterpreten. Zudem sind die Bibeltexte, die in Übersetzung vorliegen, im Lauf der Zeit durch wiederholte mangelhafte Übertragungen noch fehlerhafter geworden. Für die richtige Lesart der Bibel muss man also auf die Originaltexte zurückgreifen und folgende Fehlerquellen beachten:

  1. Länge und Betonung der Silben,
  2. Mehrdeutigkeit von Wörtern, die sich durch Varianten in der Aussprache ergibt,
  3. Mehrdeutigkeit von Satzteilen,
  4. Mehrdeutigkeit aufgrund eines ähnlichen Schriftbilds bestimmter Wörter,
  5. mögliche Interpolationen oder Ausschmückungen durch den Übersetzer,
  6. Interpunktion und
  7. Eigennamen, etwa von Tieren oder Monaten.
„Daher ist es unmöglich, dass etwas, was in einer Sprache gemäß der ihr eigenen Eigenschaften gemacht worden ist, in einer anderen richtig und wahrhaftig erklärt wird.“ (S. 105 f.)

Die zeitliche Abfolge in den Geschichten der Bibel – von der Erschaffung der Welt über die Sintflut bis zu den jüdischen Festen – ist nur zu verstehen, wenn man die hebräischen und griechischen Monate richtig interpretiert. Im Grunde müsste die gesamte fehlerhafte Zeitrechnung der lateinischen Bibel korrigiert werden.

„Und müssten diese ganzen falschen und zweifelhaften Passagen nicht gestrichen werden, sodass die Bibel nur noch halb so umfangreich wäre, wenn wir eine sichere Methode des Beweises einführten, wie es die Vernunft des richtigen Korrigierens verlangen würde?“ (S. 115)

Der Name jedes lateinischen Buchstabens entspricht seinem Laut, die griechischen hingegen haben eigene Namen, die den Laut lediglich enthalten. Ein Buchstabe hat drei Aspekte: Laut, Name und schriftliches Erscheinungsbild. Der Laut ist sein substanzielles Merkmal. Konsonanten, Vokale und Diphthonge des Griechischen unterscheiden sich zum Teil wesentlich vom Latein. In der Aussprache verfügt das Griechische über zehn Akzente, durch die die Silben konturiert werden. Da die Lateiner diese Akzente zum Teil nicht haben, ergeben sich bei der Übertragung aus dem Griechischen oft Irrtümer, wie man an vielen Beispielen erkennen kann.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Kompendium für das Studium der Philosophie ist eine fragmentarische Streitschrift, die im zwölften Kapitel mitten im Satz abbricht. Der Text ist überaus systematisch gegliedert. Besonders auffallend sind die nummerierten und logisch aufeinander aufbauenden Argumente, die eins nach dem anderen zunächst vorgestellt und dann ausgeführt werden. Den weitaus größten Teil nimmt die Begründung für die Notwendigkeit eines Studiums der alten Sprachen ein. Über weite Teile durchdringt ein recht polemischer Ton die Schrift. Bacon stellt viele Gelehrte bloß, beschimpft sie als Lügner, Betrüger und Blender. Er diffamiert ganze Stände und rechnet mit der gesamten Gesellschaft ab. Durch diese Zuspitzung betont er die Dringlichkeit seines Anliegens. Auch wirbt er um die Zustimmung seiner Leser, stellt rhetorische Fragen und nutzt immer wieder allgemeine und endgültige Wendungen wie „man muss“ oder „alle Übersetzer“, „das ist falsch“ oder „die einzige Ausnahme“. Insgesamt ist der Text relativ leicht verständlich. Die Sätze sind nur wenig verschachtelt, die Aussagen weitgehend klar und gut strukturiert. Die zweite Hälfte des Textes enthält viele Aufzählungen im Stil eines Wörterbuchs und Erläuterungen im Stil einer Grammatik.

Interpretationsansätze

  • Das Buch kann als Versuch einer systematischen Vereinigung aller Wissenschaften gelesen werden. Zu Bacons Lebzeiten war die Ausdifferenzierung der antiken Philosophie in verschiedene Einzelwissenschaften so weit vorangeschritten, dass sie gänzlich auseinanderzudriften drohten. Bacon wollte dieser Tendenz mit seinem Entwurf eines methodischen Gesamtkonzepts unter dem Dach der Theologie entgegenwirken.
  • Dabei ist Bacons Reformversuch weniger Innovation als vielmehr Rückbesinnung auf die Erkenntnisse, die gemäß dem Autor von Anbeginn der Zeit da waren: Gott hat die Weisheit den Propheten und den Philosophen verliehen. Im Lauf der Zeit ging sie mehr und mehr verloren. Durch das Studium der alten Sprachen kommen wir der Weisheit näher, weil wir dann auch eine Zeitreise in die (bessere) Vergangenheit machen.
  • Bacons Schrift ist ein Statement gegen den Elfenbeinturm der Wissenschaften. Es geht nicht um abgehobenes Gelehrtenwissen, sondern um die Nutzbarmachung des Wissens für Kirche, Staat und Gesellschaft im Interesse einer besseren Welt. Allerdings äußert Bacon auch die Überzeugung, dass man die breite Masse nicht mit der Weisheit konfrontieren dürfe, da sie zu dumm dafür sei.
  • Bei aller Modernität steckt in den Äußerungen Bacons die mittelalterliche Überzeugung, dass die unanfechtbare Wahrheit im Text der Bibel zu finden ist. Es geht nicht um eine sprachkritische Untersuchung der biblischen Wahrheiten, es geht um die Offenlegung biblischer Wahrheiten durch Beseitigung der Übersetzerfehler.
  • Der Text markiert einen Bruch mit den Autoritäten: Nicht die Heiligen verdienen die Anerkennung des Klerus und der Laien, sondern die Weisen. Hier zeigt sich die Tendenz einer Aufwertung der Philosophie gegenüber der Theologie.
  • In der Betonung der Wichtigkeit profaner Wissenschaften als Vorbereitung und Voraussetzung für die Theologie verschiebt sich der Akzent des Studiums von der jenseitigen und zukünftigen auf die diesseitige und gegenwärtige Welt. Hier deutet sich bereits ein frühhumanistischer Zugang zur Welt an, denn der Humanismus stellt den Menschen und seine Möglichkeiten ins Zentrum, nicht mehr den Willen Gottes.

Historischer Hintergrund

Aristoteles und die Scholastik

Als christliche Heere Mitte des 13. Jahrhunderts den größten Teil Spaniens von den muslimischen Mauren zurückerobert hatten, fielen ihnen große Mengen antiker Schriften in die Hände. Besonders Übersetzungen von Werken des Aristoteles samt der dazugehörigen Kommentare, etwa von Avicenna, Averroës und Maimonides, führten zu einem Paradigmenwechsel in der europäischen Theologie. Bis dahin hatten ein mystisches Glaubensverständnis und eine Ausrichtung auf die göttliche Offenbarung die christliche Welt dominiert. Jetzt fand mehr und mehr auch die antike Logik und das Primat der Vernunft aus den aristotelischen Schriften Einzug in die christlichen Lehren. Neues Ziel der Theologie wurde nun die vernünftige Begründung der biblischen Wahrheiten mithilfe der Philosophie. Prominente Vertreter dieser Verknüpfung von Theologie und Philosophie waren Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von Aquin. Die schulmäßige Theologie oder auch Scholastik, die sich jetzt entwickelte, wurde anfangs von konservativen Strömungen innerhalb der Kirche vehement bekämpft, setzte sich aber mit dem Aufkommen der ersten Universitäten in Bologna, Paris und Oxford und dem Bekanntwerden weiterer Schriften des Aristoteles immer mehr durch.

Als Thomas von Aquin 1274 starb, war der Aristotelismus in die christliche Lehre integriert – trotz zahlreicher Versuche von Kirchenvertretern, die Schriften des griechischen Philosophen verbieten zu lassen. Mit der Etablierung der Mönchsorden der Franziskaner und Dominikaner, die trotz des Verbots von Ordensneugründungen aus dem Jahr 1215 eine ungeheure Anziehungskraft entwickelten, verfestigte sich der scholastische Betrieb in den Universitäten. Doch die Ordensgelehrten waren sich untereinander nicht immer einig: Während etwa der Franziskaner Bonaventura den Aristotelismus als heidnische Beschmutzung der reinen christlichen Lehre empfand, kämpfte der Franziskaner Thomas von Aquin leidenschaftlich für seine (aristotelische) Überzeugung, dass Gott dem Menschen den Verstand gegeben habe, damit dieser ihn im Glauben bestärke. Das Grundprinzip der Scholastik war die logische Entwicklung von Gedankengängen, ausgehend von allgemein für richtig befundenen Prinzipien. Die Festlegung dieser Prinzipien oblag den kirchlichen Autoritäten. Mit dem allmählichen Aufkommen experimenteller Naturwissenschaften gerieten diese Prinzipien – und damit das gesamte Gebäude der Scholastik mitsamt seiner Autoritäten – zunehmend unter Druck. Petrus Peregrinus de Maricourt und Roger Bacon waren prominente Vertreter der empirischen Ausrichtung der Wissenschaften.

Entstehung

Als Roger Bacon in den frühen 1270er-Jahren sein Kompendium für das Studium der Philosophie in lateinischer Sprache verfasste, war er tief enttäuscht. Sein großer Gönner, Papst Clemens IV., war 1268 gestorben, und das für diesen eigens angefertigte Hauptwerk Bacons, seine Trilogie aus Opus maius, Opus minus und Opus tertium, war somit wirkungslos verpufft. Er musste davon ausgehen, dass man seine Vorschläge für eine neue Grundlage des Studiums totschweigen würde und dass die Ordensoberen seine abweichenden Ansichten nicht gutheißen würden. So kam es, dass, wo die drei Teile seiner Trilogie noch um Unterstützung geworben hatten, das Kompendium zu einer teils bitteren Polemik geriet – Bacon hatte nichts mehr zu verlieren. Er konnte seine Kritik daher völlig unverblümt und ohne Rücksicht auf den gängigen Kanon formulieren. Ursprünglich sollte sich das Kompendium auf die Bereiche Sprachen der Weisheit, Mathematik, Perspektivik, Alchemie und Erfahrungswissenschaft erstrecken. Erhalten ist nur der erste Teil über die Sprachen und auch hier nur die Abschnitte über das Griechische und zum Teil über das Hebräische. Der Text ist lediglich durch eine Abschrift aus dem 14. Jahrhundert überliefert. Vermutlich hat dabei der Kopist den Titel eigenmächtig hinzugefügt.

Wirkungsgeschichte

Eine unmittelbare Wirkung hatte Bacons Kompendium nicht, denn es wurde nicht mehrfach vervielfältigt, wodurch ihm ein breiteres Lesepublikum verwehrt blieb. Im Gegenteil: Es war Ziel des Franziskanerordens und der kirchlichen Autoritäten, Bacons missliebige Schrift unter Verschluss zu halten. Bacon wurde sogar von seinem Orden nicht lange nach Veröffentlichung des Kompendiums unter Arrest gestellt. Aus den fast 20 Jahren bis 1292 sind keine weiteren Texte Bacons überliefert. Aufgrund der rigiden Zensur des Franziskanerordens und durch den Tod des päpstlichen Fürsprechers Bacons hatte das Kompendium keine Chance auf eine breite Rezeption. Überhaupt wurde der Autor erst im 18. Jahrhundert entdeckt. Schwerpunkt waren allerdings zunächst die naturwissenschaftlichen Schriften. Bacon erhielt den Ruf des Alchemisten und des experimentellen Wissenschaftlers, der seiner Zeit weit voraus war. Seine wissenschaftstheoretischen Schriften, zu denen auch das Kompendium gehört, wurden erst im 20. Jahrhundert gewürdigt.

Über den Autor

Roger Bacon wird um das Jahr 1220 im Südwesten Englands geboren. Seine wohlhabende Familie ermöglicht ihm eine Ausbildung in Oxford. Schwerpunkt seiner Studien sind die aristotelischen Schriften. Nach der Erlangung des Magistertitels unterrichtet er dort noch einige Jahre und geht danach an die Universität Paris, wo er als Experte für Aristoteles Vorlesungen hält. In Paris macht er die Bekanntschaft des Naturwissenschaftlers Petrus Peregrinus, der großen Einfluss auf ihn hat. Um 1247 kehrt Bacon nach Oxford zurück und beschäftigt sich ausgiebig mit Mathematik, Geometrie und Optik. Er gilt als Erfinder der Brille und Vordenker für Erfindungen wie Teleskop und Mikroskop. Bacon lernt Griechisch, Hebräisch und Arabisch, um wissenschaftliche und geistliche Schriften im Original studieren zu können. In den 1250er-Jahren tritt er dem Franziskanerorden bei. Hier forscht er weiter, bis ein Wechsel in der Ordensführung ihn zwingt, seine Studien zu beenden. Bacon wird in ein französisches Kloster versetzt, wo er den Kardinal Guy de Foulques, den späteren Papst Clemens IV., kennenlernt. In ihm gewinnt er einen mächtigen Fürsprecher. Bacon verfasst seine drei Hauptwerke Opus maius, Opus minus und Opus tertium, doch bevor die darin vorgetragenen Vorschläge für eine neue Wissenschaft zur Entfaltung kommen können, stirbt Clemens. 1271/72 verfasst Bacon das Kompendium für das Studium der Philosophie (Compendium studii philosophiae), das ihm wegen polemischer Kritik an der vorherrschenden Scholastik viel Missgunst einbringt. Angeblich wird er von seinem Orden 1278 unter Arrest gestellt. Erst um 1290 gewinnt er im Zuge einer allgemeinen Amnestie seine Freiheit zurück. In Oxford schreibt er 1292 sein letztes, unvollendetes Werk Compendium studii theologiae und stirbt im selben Jahr.


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