Zusammenfassung von Kritik und Krise

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Kritik und Krise Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Moderne

Worum es geht

Die Macht der bürgerlichen Utopien

Von den Gutachtern erhielt Reinhart Koselleck für seine 1954 eingereichte Dissertation Kritik und Krise nicht „summa“, sondern nur „magna cum laude“. Dafür wurde die Schrift, die 1959 als Buch erschien, schon bald zu einem wissenschaftlichen Bestseller. In seinem glänzenden, von der Kritik hochgelobten Debütwerk beschreibt Koselleck, wie sich in der Zeit der Aufklärung im privaten, vom Bereich des Staatlichen und Politischen ausgesparten Raum eine kritische Öffentlichkeit etablierte, die dem absolutistischen Staat den Prozess machte und ihn schließlich zerstörte. Anhand der Analyse klassischer philosophischer Texte von Hobbes, Locke oder Rousseau zeigt Koselleck, wie die sich moralisch über jeden Zweifel erhaben glaubenden, scheinbar unpolitischen Utopien der bürgerlichen Elite ihre Macht entfalteten. Gerade in ihrem apolitischen, überparteilichen, universalistischen Anspruch aber liegt nach Koselleck ihre ungeheure politische Sprengkraft. Sein Werk hat in den Jahrzehnten seit seinem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt. Es erklärt uns, warum moralische Kritik – ob von links oder rechts – noch immer das Zeug dazu hat, eine politische Krise auszulösen.

Take-aways

  • Reinhart Kosellecks Dissertation Kritik und Krise wurde zum Klassiker der Geschichtsschreibung.
  • Inhalt: Um in Zeiten religiöser Auseinandersetzungen das Leben der Bürger zu schützen, verbannte der absolutistische Staat Gewissen und Moral in den Bereich des Privaten. In diesem von der Politik ausgeklammerten Raum entstand eine bürgerliche, scheinbar apolitische Öffentlichkeit, die den Staat im Namen der Aufklärung moralisch kritisierte und letztlich zerstörte.
  • Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges stellt Koselleck die Frage nach dem Ursprung der zeitgenössischen, sich feindlich gegenüberstehenden Utopien.
  • Er analysiert die Ideen bedeutender Denker von Hobbes über Locke bis Rousseau.
  • In der aufklärerischen Philosophie erkennt er die Voraussetzung für die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts.
  • Koselleck wendet sich gegen den Fortschrittsgedanken in der Geschichtsphilosophie.
  • Der Ton des Buches ist kulturkritisch, pessimistisch, teilweise gar apokalyptisch.
  • Im Vorwort dankt der Autor seinem geistigen Mentor Carl Schmitt.
  • Jürgen Habermas kritisierte Kosellecks negative Darstellung der öffentlichen Meinung.
  • Zitat: „Direkt unpolitisch, will die Gesellschaft indirekt, durch eine Moralisierung der Politik dennoch herrschen.“
 

Zusammenfassung

Die bürgerliche Utopie

Die Welt befindet sich in einer andauernden Krise, deren Wurzeln im 18. Jahrhundert und in der Philosophie der Aufklärung liegen. Damals wandte sich das europäische Bürgertum im Namen von Vernunft und Fortschritt gegen den Herrschaftsanspruch des absolutistischen Staates und zerstörte schließlich 1789 in der Französischen Revolution dessen Grundlage. Die rationalistische Kritik galt aber nicht nur dem Staat und der Politik. Sie erfasste alle Bereiche, von der Theologie über das Recht und die Geschichte bis hin zu Kunst und Literatur. Einen der Hauptangriffspunkte bildete die Religion. Doch die neue säkulare, bürgerliche Geschichtsphilosophie war nicht weniger heilsorientiert als das religiöse Denken. An die Stelle der christlichen Eschatologie trat nun die Utopie einer moralisch gerechten und vernunftgemäßen Zukunft.

Die Trennung von Moral und Politik

Die Entstehung des absolutistischen Staates in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geht zurück auf die religiösen Bürgerkriege: Die verschiedenen religiösen Parteien und Kirchen bekämpften sich erbittert. Es herrschten Chaos und Anarchie. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor Gewalt und Tod. Die Monarchen standen vor der großen Herausforderung, Frieden und Ordnung zu schaffen. Dies konnte nur gelingen, indem sie die absolute Verantwortung übernahmen, die verschiedenen Parteien ihrer Rechte beraubten und der staatlichen Autorität unterwarfen. Alle Untertanen – egal welchem Stand, welcher Institution oder Religion sie angehörten – mussten sich in gleicher Weise der absoluten Herrschaft des Fürsten unterordnen, um überleben zu können.

„Die gegenwärtige Weltkrise, bestimmt durch die polare Spannung der Weltmächte Amerika und Rußland, ist – historisch gesehen – Ergebnis der europäischen Geschichte.“ (S. 1)

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelte Thomas Hobbes seine Staatstheorie. Hobbes sieht im Gewissen, das in den blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte, nur noch eine subjektive Gesinnung, die keinerlei politische Auswirkungen hat. Was richtig oder falsch ist, entscheidet allein der Souverän, der den Untertanen Schutz und Sicherheit bieten muss. Er bildet die Quelle allen Rechts, ist zugleich Richter und Gesetzgeber. Der Untertan muss den Gesetzen unabhängig von ihrem Inhalt gehorchen. Politik und Moral sind fortan getrennte Bereiche. Moral wird zur Privatsache und der Mensch spaltet sich auf: in Staatsbürger und Mensch. Äußerlich unterwirft er sich mit seinen Handlungen und Taten dem Souverän, im Innern aber bleibt er frei.

Die Entstehung der öffentlichen Meinung

Durch die Beendigung der religiösen Bürgerkriege und die Befriedung des Staates im Innern wurde der Krieg nach außen verlagert. Nicht mehr religiöse Gruppierungen und Parteien bekämpften sich, sondern souveräne Staaten. Innerhalb ihrer jeweiligen Staaten fühlten sich die Bürger sicher und geschützt. In einer Zeit des inneren Friedens und der politischen Stabilität geriet die Ursache für die Trennung von Politik und Moral in Vergessenheit. Die aufgeklärten Denker stellten das staatliche Neutralitätsgebot des absolutistischen Staates und die Spaltung in Mensch und Bürger zunehmend infrage. Das Moralische sollte politisch werden, der Mensch sich im Staat als Mensch verwirklichen können.

„Durch die Spaltung von Moral und Politik muß sich die Moral zwangsläufig der politischen Wirklichkeit entfremden.“ (S. 8)

In der Zeit der Aufklärung weitete sich der vom staatlichen Machtbereich ausgeklammerte private Raum des Gewissens auf die Öffentlichkeit aus. John Locke, der geistige Vater der Aufklärung, unterscheidet neben dem staatlichen und dem göttlichen Gesetz das Gesetz der öffentlichen Meinung: Die Bürger haben zwar keine politische Macht, aber sie besitzen die Macht des moralischen Urteils. Sie erheben ihre privaten Ansichten zum Gesetz und sich selbst zur richterlichen Instanz, die darüber urteilt, was moralisch richtig und falsch, was gut und böse ist. Der Staat übt die direkte politische Macht aus, die moralische Gesetzgebung dagegen wirkt indirekt, durch Lob und Tadel der Bürger, ist aber umso mächtiger. Sie zwingt den Staat, sich in seinem Handeln dem Druck der öffentlichen Meinung zu beugen. Die aber ändert sich ständig – was von den Bürgern als Fortschritt ausgelegt wird.

Freimaurerlogen und Gelehrtenzirkel

Die öffentliche Meinung entstand zunächst in den Freimaurerlogen und Gelehrtenzirkeln, den Kaffeehäusern, Clubs und Salons. Hier trafen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der vom absolutistischen Fürsten entmachtete Adel und das neue finanzkräftige Bürgertum, Schriftsteller und Philosophen zusammen. Der Staat erkannte in dieser neu entstehenden geistigen Elite, die – wenn auch zunächst nur auf indirekte Weise – Kritik an seinen Handlungen übte, eine Bedrohung und drängte sie in den Untergrund.

„Die Aufklärung baut alle Tabus ab, indem sie die Privilegien zerstört. Dadurch wird alles und jedes in den Strudel der Öffentlichkeit gezogen. Es gibt nichts, was nicht von dieser Öffentlichkeit erfaßt würde.“ (S. 97)

Die Freimaurer machten aus dem Zwang zur Verschwiegenheit eine Tugend, indem sie sich bewusst mit einem Schleier des Geheimnisvollen umgaben. Aus ihrer politischen Machtlosigkeit bezogen sie ihre Stärke, indem sie Politik ablehnten und sich zu einer Art überstaatlichem moralischen Weltgewissen aufschwangen. Sie hatten zwar nicht direkt etwas mit Politik zu tun; indem sie jedoch allgemeine Glückseligkeit forderten und sich zu moralischen Richtern über das politische Handeln aufschwangen, bedrohten sie die Souveränität des Staates auf indirekte Art und Weise.

„Die alles erfassende Kritik weitete sich zwar auf die Politik aus, verzichtete aber nicht auf ihren eigenen unpolitischen, d. h. auf ihren vernünftigen, natürlichen oder moralischen, das Vorrecht der Wahrheit garantierenden Anspruch.“ (S. 97)

Wie die Freimaurerlogen übten auch die Gelehrtenzirkel keine direkte, sondern nur indirekte Gewalt auf den Staat aus. Auch sie sparten die Politik scheinbar aus ihrer Kritik aus, indem sie sie zunächst auf Kunst ausrichteten. So nutzten sie die Theaterbühne als eine Art moralisches Gericht über die herrschende Politik, indem sie einen vermeintlichen Dualismus aufzeigten: dort der unmoralische, lasterhafte und rückwärtsgewandte, aber politisch mächtige Staat, hier die moralische, tugendhafte und fortschrittsgewandte, aber machtlose Kunst. Die moralische Kritik war allerdings zutiefst politisch – nicht, weil sie sich indirekt gegen die Politik richtete, sondern gerade weil sie sich als eine gleichsam neutrale Instanz fernab des politischen Bereichs inszenierte. Wie die Freimauer nutzten auch die aufklärerischen Gelehrten die vom absolutistischen Staat zum Schutz der Untertanen vollzogene strikte Trennung von Politik und Moral, indem sie sich betont unpolitisch gaben und die Unmoral des staatlichen Handelns von einem scheinbar neutralen Standpunkt aus kritisierten.

Die Kritik als neuer Souverän

Im Zuge des Fortschreitens der Aufklärung wurde die Kritik, die sich ursprünglich aus der philologischen Auseinandersetzung mit Bibeltexten herausbildete und sich allmählich auf Kunst und Wissenschaft sowie schließlich auf den Staat ausweitete, zu der vernunftbestimmten Tätigkeit schlechthin. Ihrem Selbstverständnis nach stand die Kritik über den politischen Parteien und hatte nur ein Interesse: durch das vernünftige Abwägen von Pro und Contra die Wahrheit zu ermitteln. In der Republik der Gelehrten, der unter anderem Aufklärer wie Simon und Bayle, Voltaire und Diderot, Lessing und Schiller angehörten, kritisierten die Kritiker einander und gelangten durch permanente Kritik in einem fortschreitenden Prozess schließlich zur Wahrheit.

„Die Kritik übersteigt bei weitem ihren Anlaß, sie wird zum Motor der Selbstgerechtigkeit. Sie produziert ihre eigene Verblendung.“ (S. 99)

Auf diese Weise etablierte sich die aufklärerische Kritik, die allmählich selbst zu einem scheinbar überparteilichen, unpolitischen, tatsächlich aber höchst politischen und mächtigen Souverän wurde. Als Verkünderin der öffentlichen Meinung kannte sie keine Tabus und Privilegien, vor ihr waren alle gleich, selbst der König. Sie brachte alles ans Licht der Öffentlichkeit, demaskierte und entlarvte die Mächtigen, die von vornherein als Tyrannen und Usurpatoren galten. Sie lud jede Lebensäußerung politisch und polemisch auf und gab sich dabei neutral. Darin aber liegt die Selbstgerechtigkeit und die Hypokrisie, die prinzipielle Verlogenheit dieser Kritik.

Der Staat in der Krise

Im 18. Jahrhundert trat die Geschichtsphilosophie an die Stelle der Theologie. Der göttliche Heilsplan der Christen wurde abgelöst durch den rationalen, vom Fortschritt bestimmten Plan der Geschichte. Am Ende dieses gewaltlosen, auf indirekte Weise stattfindenden Prozesses standen nach Auffassung der Aufklärer Freiheit, Gleichheit und der Sieg der Moral; ein Sieg, der jede Herrschaft und damit auch den Staat überflüssig machte. Eine Revolution war dazu nicht nötig, da die Auflösung der bestehenden staatlichen Ordnung von vornherein feststand. Der Umsturz wurde also vorhergesagt und zugleich durch die Geschichtsphilosophie verdeckt, wodurch sich die Krise, vor allem in Frankreich, verschärfte.

„Die Hypokrisie war der Schleier, den die Aufklärung ständig webend vor sich hertrug und den zu zerreißen sie niemals imstande war.“ (S. 102)

Einer der Aufklärer, die den Staat auf indirekte Weise beseitigen und dadurch die Revolte verhindern wollten, war der französische Reformminister Turgot. In den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts trat er für die Abschaffung der Privilegien und Stände und die rechtliche Gleichheit aller Bürger ein. Die Souveränität sollte beim Monarchen liegen, der sich allerdings dem Gewissen des Volkes und der herrschenden Moral zu unterwerfen hatte. Erst das machte ihn zum legitimen Herrscher. Handlungen, die nicht den Moralregeln entsprachen, stellten in Turgots Augen einen Rechtsbruch dar und das rechtfertigte die Revolte und letztlich den Bürgerkrieg. Die Gesellschaft sollte zwar nicht direkte politische Macht haben, aber indirekt, auf unsichtbare Weise herrschte sie doch, da ihre Moral über Recht und Unrecht entschied. Der Fürst mochte rein formal noch im Sinne Hobbesʼ der Träger der staatlichen Souveränität sein, tatsächlich aber entschied ein anonymes „Man“, also im Grunde Lockes öffentliche Meinung, im Namen von Vernunft und Moral über die Politik. Dem Staat wurde auf verdeckte Art die Herrschaftsgrundlage entzogen.

Die permanente Revolution

Rousseau war unter den aufklärerischen Philosophen derjenige, der die Revolution voraussah und den Begriff der „Krise“ einführte. Während die anderen Aufklärer Revolution als gewaltlose, in den Fortschrittsprozess eingebettete Umwälzung sahen, betonte er erstmals das Krisenhafte, rational nicht Steuerbare, Zerstörerische der Revolte. In seiner Vorstellung vom Gesellschaftsvertrag unterwirft sich das Volk nicht − wie noch bei Hobbes − dem absoluten Herrscher, sondern dem absolut herrschenden Allgemeinwillen, der volonté générale. Rousseau überwindet damit die Trennung von Untertan und Mensch, Staat und Gesellschaft. Der Träger der Souveränität und die Gesamtheit aller Bürger sind bei ihm identisch. Der Wille aller, nicht zu verwechseln mit der Summe der Einzelwillen, ist der Souverän.

„Direkt unpolitisch, will die Gesellschaft indirekt, durch eine Moralisierung der Politik dennoch herrschen.“ (S. 123)

Rousseau strebte zwar die Freiheit der Bürger an, aber in seinem Contrat social entwarf er den totalen Staat, in dem gesellschaftliche Moral und staatlicher Souverän eins sind. Der Staat vereinnahmt die Individuen und macht sie zum Kollektiv. Der Bürger wird dadurch frei, dass er im Kollektiv aufgeht, so wie sein Wille im Allgemeinwillen aufgeht. Trotzdem weiß er nie, ob sein Wille tatsächlich der volonté générale entspricht. Ein Führer muss dem Volk also zeigen, welche Gesinnung gut ist und was es zu wollen hat. Zugleich muss er seine Herrschaft hinter dem allgemeinen Konformitätsdruck verstecken und den Eindruck erwecken, in Wahrheit herrsche der Allgemeinwillen. Dieser aber muss durch Gleichschaltung aller Bürger, durch Terror und Ideologie ständig neu hergestellt werden. Es herrscht eine permanente Revolution, aus der schließlich eine permanente Diktatur hervorgeht.

Die Utopie als Antwort auf den Absolutismus

Das Krisenbewusstsein des aufgeklärten Bürgertums gründete auf verschiedenen Aspekten. So forderte es den Staat nicht direkt, sondern indirekt heraus; dabei begriff es diesen scheinbar unpolitischen, tatsächlich aber höchst politischen Prozess als moralisches Gericht, dessen Urteil die künftige politische Entwicklung vorwegnahm. Die Krise wurde verschleiert und dadurch weiter verschärft. Die utopische Geschichtsphilosophie hatte die Aufgabe, die Verschleierung zu verschleiern und auf die Zwangsläufigkeit der geschichtlichen Entwicklung hinzuweisen, an deren Ende der Sieg der Moral stehen sollte. Sie sah im Umsturz das natürliche Ergebnis des geschichtlichen Prozesses, der von Vernunft, Fortschritt und Moral gesteuert wurde. Selbstkritik war ihr vollkommen fremd.

„An den Gesetzen der moralischen Welt gemessen, ist die soziale und politische Wirklichkeit nicht nur unvollkommen, beschränkt oder veränderlich, sondern zugleich unmoralisch, unnatürlich oder unvernünftig.“ (S. 127)

Voraussetzung dafür war die im absolutistischen Staat angelegte Trennung von Staat und Gewissen, die die Aufklärung dazu nutzte, um unter Berufung auf eine weltweite überstaatliche Moral ihr Urteil über die Politik zu fällen. Durch die Trennung von Politik und Moral hatte sich die Moral von der politischen Realität entfremdet. Der zum unpolitischen Dasein verurteilte Bürger flüchtete sich in die Utopie. Die neue bürgerliche Elite wiegte sich in der Sicherheit, die Moral auf ihrer Seite und damit von vornherein Recht zu haben. Sie stellte ihre Kritik und den daraus entspringenden Umsturz als natürliche Reaktion auf die Unmoralität des absolutistischen Staates dar. Gerade in ihrem scheinbar apolitischen und überparteilichen Anspruch lag die enorme politische Sprengkraft, die den absolutistischen Staat schließlich von innen heraus zerstörte. In der Französischen Revolution wurde erstmals versucht, die Forderungen der Utopie zu verwirklichen, unter deren Herrschaft wir noch heute leben.

Zum Text

Aufbau und Stil

Reinhart Kosellecks Kritik und Krise umfasst rund 150 Seiten mit zusätzlichen rund 80 Seiten teilweise sehr ausführlicher Fußnoten. Das Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt, in denen in chronologischer Abfolge die Zeit des absolutistischen Staates, der Aufklärung und der Französischen Revolution behandelt werden. Diese Abschnitte sind in verschiedene Unterkapitel aufgeteilt, in deren Zentrum oft ein Philosoph steht. Immer wieder flicht Koselleck Zitate aus den Schriften der aufklärerischen Denker ein, die ihm als Beleg für seine These von der Zerstörung des absolutistischen Staates durch die Philosophie der Aufklärung dienen. Kosellecks Stil ist – anders als man es bei einer Dissertation erwarten könnte – elegant, mitunter bildhaft und streckenweise nicht frei von Polemik. Seine Sätze sind mal lang und verschlungen, dann wieder kurz und pointiert. Der Autor versteht es, den Leser trotz der Abstraktheit des Gegenstandes in seinen Bann zu ziehen. In immer neuen Anläufen nähert er sich seiner These, schweift wieder ab, um am Ende erneut auf den Kerngedanken zurückzukommen.

Interpretationsansätze

  • In der Einleitung schlägt Koselleck einen pessimistischen, beinahe apokalyptischen Ton an. Ausgangspunkt für seine Untersuchung sei die gegenwärtige Weltkrise, die durch Spannungen zwischen den Weltmächten Amerika und Russland mit ihren jeweiligen Utopien bestimmt sei. Die Welt sei im „Zustand einer permanenten Krise“, der Mensch „überall und nirgends zu Hause“. In kulturkritischer Manier wendet sich Koselleck gegen den ungebrochenen Fortschrittsglauben, der unseren Geschichtsbegriff bis heute bestimmt, und legt den Ursprung und zerstörerischen Kern aller aufklärerischen Utopien offen.
  • Koselleck greift Argumente gegen die Französische Revolution auf, die schon zeitgenössische Kritiker und gegenrevolutionäre Pamphletisten vorbrachten. Er wiederholt jedoch nicht einfach deren Vorwürfe von der bewussten moralischen und metaphysischen Aushöhlung des Staates durch die Aufklärer. Er zeigt sie stattdessen als gefangen in einer Rolle, in die sie durch die strikte Trennung von Politik und Moral geraten sind. Zugleich liefert er das wissenschaftliche Fundament für ältere Verschwörungstheorien, indem er das geheime Wirken der Freimaurer offenlegt.
  • Der medizinische Begriff „Pathogenese“ im Untertitel verweist auf das Leiden der bürgerlichen Welt. Die Kritik der bürgerlichen Elite löst nach Koselleck nicht nur eine Krise des Staates aus, sondern sie selbst existiert in einem permanenten Zustand der Krise. Ständig muss sie ihre Urteile kritisieren, abwerten und revidieren. Die bürgerliche Welt leidet letztlich an sich selbst, an dem kritischen Denken, das sie hervorgebracht hat.
  • Die Begriffspaare Vernunft und Offenbarung, Freiheit und Despotie, Natur und Zivilisation, Handel und Krieg, Moral und Politik, Dekadenz und Fortschritt, Licht und Finsternis stehen laut Koselleck für das dualistische Denken, das der Aufklärung und schließlich auch der Revolution den Boden bereitete. Er selbst steht aber durchaus in der Tradition dieses dualistischen, dialektischen Denkens: Indem er die Verlogenheit der aufklärerischen Weltverbesserer entlarvt, wirkt er selbst aufklärerisch.
  • Koselleck sieht die Aufklärung als Wegbereiterin der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Aus dem universalistischen Absolutheitsanspruch der Moral ergibt sich die Tendenz, sie mit Gewalt durchzusetzen. Mit dem Begriff der „Gleichschaltung“ führt er die NS-Diktatur letztlich auf die Aufklärung zurück.
  • Kosellecks Kritik und Krise hat eine ähnliche Stoßrichtung wie Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno. Beide Werke analysieren, wie Aufklärung im Verlauf der Geschichte in ihr Gegenteil,  Terror und Diktatur, umschlägt. Doch es gibt auch deutliche Unterschiede: Die Autoren der Frankfurter Schule betonen viel stärker auch die fortschrittliche Seite der Aufklärung und sehen sich selbst in ihrer Tradition, während Koselleck die Aufklärung von konservativer Seite angreift.

Historischer Hintergrund

Nachkriegszeit und Kalter Krieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Etablierung des parlamentarischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland herrschte in den 50er-Jahren eine große Sehnsucht nach einer Rückkehr zu Normalität. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren von sozialer Unübersichtlichkeit, von Armut, Hunger und Flucht geprägt gewesen. Um 1950 bildeten sich erstmals wieder stabile Sozialstrukturen aus, die Besitzverhältnisse glichen sich an, und der Mittelstand wuchs. Unter der Regierungszeit des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der eine Koalition aus CDU/CSU und FDP und kleineren konservativen Parteien anführte, stiegen Wohlstand und Konsum stetig an. Das Lebensgefühl der Menschen war vom Streben nach Besitz, Freizeit, Mobilität und Komfort geprägt. Im Alltag nahmen die neuen Medien, das Radio und das Fernsehen, einen immer größeren Raum ein.

Trotz der breiten Akzeptanz des neuen Massenkonsums in der Gesellschaft verstummte die Kulturkritik in den 50er-Jahren nicht. Klagen über Vermassung, Konsum und Amerikanisierung wurden immer lauter. Die Kritiker beklagten die allzu oberflächlichen Genüsse und Vergnügungen der Mehrheit. Zugleich herrschte die Befürchtung, man lebe nur in einer kurzen Ruhephase zwischen dem Zweiten und einem Dritten Weltkrieg.

Tatsächlich nahmen die Spannungen zwischen dem westlichen Lager unter Führung der USA und dem östlichen Lager unter Führung der Sowjetunion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich zu. Während der Westen den Kommunismus sowjetischer Prägung eindämmen wollte, wandte sich der Ostblock gegen den Kapitalismus und Imperialismus der westlichen Staaten. Beide Blöcke waren bestrebt, ihre jeweiligen Einflusssphären zu erweitern. Dieser sogenannte Kalte Krieg, dem ein Wettstreit zweier Systeme und Ideologien zugrunde lag, wurde sowohl mit Mitteln der Propaganda und des Geheimdienstes als auch mit atomarer Aufrüstung geführt. Zwar kam es nicht zu einer direkten militärischen Konfrontation der beiden Großmächte. Dennoch lebten die Menschen im Bewusstsein, dass die Lage jederzeit eskalieren und aus dem Kalten Krieg ein wirklicher Krieg werden konnte.

Entstehung

Reinhart Koselleck wurde durch seinen Patenonkel und Doktorvater Johannes Kühn, der seit 1949 Professor für neuere Geschichte in Heidelberg war, angeregt, sich mit dem Thema neuzeitlicher Utopien zu befassen. Daraus entstand 1953/54 die Dissertation Kritik und Krise. Angeblich wollte Koselleck sie zunächst „Dialektik der Aufklärung“ nennen; 1947 war allerdings schon ein Buch von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer mit diesem Titel erschienen, also verzichtete er darauf. Da er im Oktober 1953 eine Stelle an der Universität Bristol antreten wollte, für die er den Doktortitel benötigte, reichte Koselleck seine Dissertation ohne Fußnoten ein. Die Fakultät nahm die „halbe Fassung“ ab, die Fußnoten wurden später nachgeliefert.

Während er seine Arbeit verfasste, stand Koselleck in regem Austausch mit einigen Intellektuellen seiner Zeit, unter anderem mit dem rechtskonservativen, zeitweise offen nationalsozialistischen Staatsrechtler Carl Schmitt, dem er im Vorwort zu dem Buch dankt und dessen 1938 erschienenes Buch über Hobbesʼ Staatstheorie die Grundlage seiner Arbeit bildete. Großen Einfluss auf die Entstehung der Dissertation übte auch der unter den Nationalsozialisten emigrierte Heidelberger Philosoph Karl Löwith aus.

Kritik und Krise wurde 1954 von der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg angenommen. Fünf Jahre später erschien die Dissertation als Buch im Münchner Karl Alber Verlag und 1973 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag. Zum Untertitel „Zur Pathogenese der bürgerlichen Welt“, den er der ersten Buchausgabe hinzufügte, wurde Koselleck durch eine Vorlesung Viktor von Weizsäckers über medizinische Anthropologie angeregt.

Wirkungsgeschichte

Kritik und Krise gilt bis heute als die erfolgreichste Dissertation eines deutschen Geisteswissenschaftlers des 20. Jahrhunderts und machte ihren Verfasser zum Star der Intellektuellenszene. Sie wurde schon bald nach Erscheinen zum Geheimtipp, auch wenn sie nicht mit „summa“, sondern nur mit „magna cum laude“ bewertet wurde. Nach dem Erscheinen der Druckfassung erhielt das Buch, das schon bald neu aufgelegt und unter anderem ins Englische und Chinesische übersetzt wurde, viel Lob. Einige Rezensenten, etwa der Philosoph Helmut Kuhn, hoben den Gegenwartsbezug von Kritik und Krise hervor. Schon bald nach Erscheinen des Werkes meldeten sich aber auch Kritiker zu Wort. So wandte sich Jürgen Habermas, der aus Kosellecks Werk zahlreiche Anregungen für seine 1962 erschienene Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit bezog, gegen die Auffassung von öffentlicher Meinung als einem zerstörerischen Element und betonte dagegen deren konstruktiven, demokratiefördernden Charakter.

Über den Autor

Reinhart Koselleck wird am 23. April 1923 in Görlitz als zweiter von drei Söhnen des Historikers und liberalen Bildungsreformers Arno Koselleck und seiner Frau Elisabeth geboren. Mit elf Jahren wird er in die Hitlerjugend aufgenommen. 1941 meldet er sich freiwillig als Artillerist an die Ostfront, um einer Einziehung zur Infanterie, bei der die meisten Gefallenen gezählt werden, zu entkommen. Durch eine Verletzung entgeht er der Einkesselung von Stalingrad, während sein älterer Bruder im Krieg fällt und der jüngere bei einem Bombenangriff getötet wird. Koselleck gerät in russische Kriegsgefangenschaft und wird zu Aufräumarbeiten nach Auschwitz geschickt, wo er vom Massenmord des nationalsozialistischen Deutschlands an Juden und anderen Menschengruppen erfährt. Während seines einjährigen Aufenthalts in einem Kriegsgefangenenlager in Kasachstan erlebt er die Entwürdigung und die brutalen Umerziehungsmaßnahmen der Sowjets. Nach seiner Rückkehr nimmt er 1947 ein Studium der Geschichte, Theologie, Medizin, des Staatsrechts und der Soziologie an der Universität Heidelberg und später auch in Bristol auf. Zugleich studiert er Philosophie bei Hans-Georg Gadamer. Nach seiner Promotion mit der Dissertation Kritik und Krise im Jahr 1954 habilitiert Koselleck sich 1965 mit seiner Arbeit Preußen zwischen Reform und Revolution. Im darauffolgenden Jahr wird er als Professor für politische Wissenschaft nach Bochum berufen. 1968 übernimmt er den Lehrstuhl für neuere Geschichte an der Universität Heidelberg, 1973 den Lehrstuhl für Theorie der Geschichte in Bielefeld. Dort bleibt er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1988. Koselleck ist ab 1972 Mitherausgeber des monumentalen Nachschlagewerks Geschichtliche Grundbegriffe, das über ein Vierteljahrhundert erscheint und mit dem sich in Deutschland die Begriffsgeschichte etabliert. Koselleck stirbt am 3. Februar 2006 in Bad Oeynhausen.


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