Zusammenfassung von Kulturgeschichte der Neuzeit

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Kulturgeschichte der Neuzeit Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Moderne

Worum es geht

Was ist Geschichte?

Jede Generation hat ihren eigenen Blick auf die Geschichte, die so immer wieder neu erfunden wird. Geschichtsschreibung als Wissenschaft ist deswegen zum Scheitern verurteilt. Wenn man die Historie als Ganzes in den Blick nehmen will, muss man dies als Dilettant, als Journalist und als Legendenerzähler tun. Genau diesen Anspruch verfolgt Egon Friedell mit seiner Kulturgeschichte der Neuzeit. Mit enzyklopädischem Wissen, einem scharfen, aber äußerst subjektiven Blick und viel Sinn für die menschliche Natur nimmt er den Leser mit auf eine unterhaltsame Reise durch die Jahrhunderte. Er nannte sein Werk eine „seelische Kostümgeschichte“, die in jeder Epoche den treibenden Gedanken ausfindig macht und ihn in Beziehung setzt zu Literatur, Philosophie, Naturwissenschaft und Mode. Einige Vorkenntnisse sollte der Leser mitbringen, um den zahlreichen Querverweisen zu folgen, die Friedell zwischen den Epochen zieht. Auch ist ein kritischer Blick auf Friedells Urteile nötig: Nicht immer ist seine absolute Verehrung oder Ablehnung einzelner großer Köpfe gerechtfertigt. Dass Friedell mit seiner Meinung nie hinter dem Berg hält, macht gerade den Reiz seiner Ausführungen aus. Man möchte wissen, was er über uns zu sagen hätte.

Take-aways

  • Die Kulturgeschichte der Neuzeit ist das Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers.
  • Inhalt: Egon Friedell zeichnet in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit die treibenden Gedanken, großen Zusammenhänge und prägenden Entwicklungen vom Mittelalter bis zum Ersten Weltkrieg anhand von Anekdoten und Porträts nach.
  • Friedell wollte keine geschichtswissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern eine „seelische Kostümgeschichte“.
  • Sein Stil ist essayistisch und literarisch. Historiografie ist für ihn eine dramaturgische Leistung.
  • Friedell stammte aus einer jüdischen Familie, trat aber zum Protestantismus über, und äußert sich in der Kulturgeschichte wiederholt antisemitisch und nationalistisch.
  • Besonders kritisch stand er dem Rationalismus und dem Kapitalismus gegenüber.
  • Eines der wichtigsten Vorbilder für das Werk war Oscar Spenglers Untergang des Abendlandes.
  • Max Reinhardt nannte Friedell, der als Autor, Journalist, Rezensent, Schauspieler, Regisseur und Kabarettist tätig war, einen „genialen Dilettanten“.
  • Die Kulturgeschichte erschien in drei Bänden zwischen 1927 und 1931.
  • Zitat: „Die Weltgeschichte wird von einzelnen prominenten Menschen gemacht, von Menschen, in denen der ‚Geist der Zeit‘ so konzentriert verkörpert ist, daß er nun für jedermann lebendig, fruchtbar und wirksam wird.“
 

Zusammenfassung

Vom Mittelalter zur Renaissance

Am Beginn großer Zeitenwenden steht immer ein großes Trauma. Die Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit wird durch die Schwarze Pest markiert, die das einheitliche Weltbild des Mittelalters zerstört und alte Gewissheiten auflöst. Das Mittelalter ist gekennzeichnet von einer gewissen Universalität: Sein einziger Stil ist die Gotik, seine einheitliche Sprache das Lateinische. Gesellschaft und Herrschaft sind ebenso uniform und stehen vor allem unter dem Zeichen des Glaubens.

„Die Vergangenheit zieht einen Schleiervorhang über die Dinge, der sie verschwommener und unklarer, aber auch geheimnisvoller und suggestiver macht: alles Verflossene erscheint uns im Schimmer und Duft eines magischen Geschehens; eben hierin liegt der Hauptreiz aller Beschäftigung mit der Historie.“

Die Pest ist Ausdruck einer geistigen Umwälzung, die in der Gesellschaft stattfindet, der Umwälzung der Inkubationszeit. In dieser herrschen Mystik, Fatalismus und Subjektivismus. Die Hinwendung zum Materialismus bringt Fortschritte, die Bauern emanzipieren sich und die Städte werden die neuen Zentren des Lebens. Die beiden Männer, die diese Zeit verkörpern, lebten allerdings 100 Jahre zuvor: Rudolf von Habsburg und Friedrich II. Der Philosoph, der die Inkubationszeit sowohl in seinem Leben als auch in seinem Schaffen repräsentiert, ist Nikolaus Cusanus. Ein künstlerischer Ausdruck der Zeit ist etwa der Totentanz.

„Genialität ist demnach nichts anderes als eine organisierte Neurose, eine intelligente Form des Irrsinns.“ 

Die Renaissance beginnt in Italien, im Zwischenraum zwischen nicht mehr gültigem Alten und noch nicht existierendem Neuen. An ihrem Beginn im 14. Jahrhundert ist sie literarisch, politisch. Erst später wird sie die Renaissance der bildenden Künste. Der Grundgedanke der Zeit ist, dass der Mensch gottähnlich schafft. Es findet eine – für eine Renaissance typische – Wiederentdeckung der Antike statt. Allerdings bleibt diese Wiederentdeckung bei der italienischen Renaissance eher äußerlich, ein Schlagwort. Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael sind ihre großen Namen. Die glatte Perfektion Raffaels eignet sich viel eher als Sinnbild dieser Epoche als Michelangelos Werk, das weder in die Zeit noch in den Zeitgeist passt.

Der große Denker der italienischen Renaissance ist Machiavelli, der Pate steht für die herrschende Immoralität: Mord und Intrige gehören zum Alltag des politischen Lebens. Neu in die Welt tritt der Rationalismus, der hier seinen Siegeszug beginnt. Das neue Weltbild, in dem Nikolaus Kopernikus die Sonne in den Mittelpunkt des Sonnensystems stellt, ist anthropozentrisch, denn der Mensch ist es, der es mit seinem Verstand durchleuchtet. Die Entdeckung Amerikas ist Ausdruck dieses Forscherdrangs – wenn Christoph Kolumbus den Kontinent nicht entdeckt hätte, hätte es ein anderer getan. Die erbarmungslose Unterjochung, Plünderung und Ermordung der amerikanischen Völker ist die tragische Folge.

„Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts ereignet sich also etwas sehr Merkwürdiges. Der Mensch, bisher in dumpfer, andächtiger Gebundenheit den Geheimnissen Gottes, der Ewigkeit und seiner eigenen Seele hingegeben, schlägt die Augen auf und blickt um sich.“

Reformation und Barock

Die Reformation ist ein deutsches Phänomen, verkörpert in der Figur Martin Luthers. Der hat die in seinen Thesen ausgedrückten Ideen weder zuerst gedacht noch am besten formuliert, doch im Gegensatz zu seinen Vordenkern, die nur lehrten, lebte er den neuen Gedanken selbst. Ihre Weiterentwicklung findet die Reformation im Calvinismus, der die Menschen mit seinen Regeln und Verboten weit mehr drangsalierte als der Katholizismus. Ihr eigentliches Ziel, den Menschen näher zu Gott zu bringen, hat die Reformation nicht erreicht. Am Ende siegte die Theologie und nicht die Religion.

„Die Weltgeschichte wird von einzelnen prominenten Menschen gemacht, von Menschen, in denen der ‚Geist der Zeit‘ so konzentriert verkörpert ist, daß er nun für jedermann lebendig, fruchtbar und wirksam wird.“

Der Dreißigjährige Krieg bringt den nächsten großen Einschnitt der europäischen Geschichte. Offiziell sollte er entscheiden, ob Deutschland katholisch oder protestantisch wird, doch in Wahrheit hatte er eher politische Gründe. Die Jahre danach sind durch strenge Tracht und den Konsum von Tabak und Kartoffeln geprägt. Holland ist wirtschaftlich und kulturell der Vorreiter und größter Einfluss in Europa. Descartes, Spinoza, Rubens, Rembrandt und Grotius sind große Namen der Zeit. Eine typische Kunstform des Barock ist die Oper. Die Welt wird zur Fiktion, die Kunst ist ein „als ob“. In Frankreich prägen Kardinal Richelieu und Descartes das Jahrhundert. Descartes steht für die Überwindung der Leidenschaften und des Irrationalen durch die Methode der Deduktion.

 

„Wir haben den Rationalismus als einen Giftkörper bezeichnet, der zum Beginn der Neuzeit in die europäische Menschheit eintrat. Die ganze Geschichte der folgende Jahrhunderte ist nun ein bewußter oder unbewußter Kampf gegen dieses Toxin.“

Unter Ludwig XIV. erblüht die Kunst. Die Mode wird pompös, das Getränk der Stunde ist Kaffee. Mit der Glorious Revolution kommt Wilhelm von Oranien auf den englischen Thron. Locke entwickelt zu dieser Zeit auch die erste echt englische Philosophie, die sich auf den gesunden Menschenverstand und Tatsachen gründet. In Russland befördert Peter der Große mit seinen Reformen das Volk aus dem Mittelalter direkt in die Neuzeit. Die einander scheinbar entgegengesetzten Kerntendenzen des Barock – rationalistische Exaktheit und schöner Schein – finden in der Mechanik und in der Marionette ihren Ausdruck. Leibniz erweitert den von Descartes gesetzten Horizont um den Begriff der bewusstlosen Vorstellungen. Die Schwundform des Barock ist der Rokoko mit seinem Dekadenzstil, seinen fahlen Farben und der Sucht nach Genuss und Unterhaltung. In Deutschland sind Gottsched, Klopstock für die Literatur, Christian Wolff für die Philosophie und Bach und Händel für die Musik prägend.

1740 besteigt Friedrich der Große den preußischen Thron. Er ist das prägende Genie seiner Zeit: aufgeklärt, tolerant, gebildet und geistreich. Nach der Blütezeit des Adels im Barock beginnt nun die Zeit des Bürgertums. Von England aus erobert der Empirismus Europa – Hume, Berkeley, Montesquieu sind zentrale Vertreter. Der wichtigste Kopf des Jahrhunderts ist jedoch Voltaire, der mit seinen Schriften den Auftakt zur Aufklärung bildet.

„Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht, so ist das zu einem guten Teil Voltaire zu verdanken.“ 

Die Zeit vom Siebenjährigen Krieg bis zum Wiener Kongress ist von drei Strömungen geprägt: Aufklärung, Revolution und Klassizismus, die die ganze Epoche durchdringen und mal stärker, mal schwächer ausgeprägt sind. Ihre Höhepunkte finden die Aufklärung in Kant, die Revolution in Napoleon und der Klassizismus in Goethe. Das wirkmächtigste Werk ist die Enzyklopädie, die unter der Leitung von Diderot entstand und alle radikal neuen Ideen der Philosophie versammelte. Die prägenden Herrscher sind Friedrich der Große, Josef der Zweite von Österreich und Katharina die Zweite von Russland, die mit ihrer Arbeitswut und ihren Visionen dem Zeitalter ihren Stempel aufdrückten. Erziehung wird zum Schlagwort, mit dem die Zaubermacht der Pädagogik gefasst wird. Vordenker der beginnenden Industrialisierung ist Adam Smith.

1776 erklären die nordamerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit. Rousseau entwickelt seine Thesen vom Naturzustand und vom Gesellschaftsvertrag, vor allem entdeckt er das Thema der wildromantischen Natur für die Literatur. Sein Charakter ist mehr als zweifelhaft, aber sein Einfluss auf das Zeitalter der sogenannten Empfindsamkeit enorm, in der das Gefühl zum allgemeinen Maßstab wird. In Deutschland beginnt der Sturm und Drang: Junge Autoren wie Herder, Goethe und  Schiller fangen das neue Lebensgefühl ein und lehnen sich gegen die bestehende Ordnung auf. Insofern ist die Bewegung mit dem Naturalismus, dem Expressionismus oder generell anderen jugendlichen Strömungen zu vergleichen. Angesichts Goethes bewegter Biografie erscheinen seine Werke fast als Nebenprodukte – bei Schiller dagegen findet sich sein ganzes Genie fast ausschließlich in seinen Werken wieder. Neben den beiden Literaten steht als weiteres großes Genie Mozart, der in seinem kurzen Leben in erstaunlicher Menge schuf. Kant ist der größte Denker der Epoche und der Erste, der die menschliche Vernunft vollkommen durchleuchtet.

„Die Vernunftkritik bezeichnet die tiefste Niederlage und den höchsten Triumph der menschlichen Vernunft: der Mensch ist ein verschwindendes Pünktchen im Weltall; aber dieses Nichts gibt dem Weltall seine Gesetze.“ 

Im Klassizismus wird die griechische Antike abermals wiederentdeckt. Allerdings erschaffen Altertumsforscher wie Winckelmann ein Bild des griechischen Altertums, das, wie wir heute wissen, falsch war.

Revolution und Romantik

Von der Französischen Revolution wird behauptet, sie habe die Menschen vom Absolutismus, der Herrschaft des Adels und der Kirche befreit. Anstatt jedoch die Gleichheit zu bringen, hat sie eine neue Ungleichheit in die Welt gebracht, nämlich die des Kapitalismus. Alle Revolutionen haben die gleiche Ursache: Die Menschen haben nichts zu essen und deshalb versagt das Militär. Die Französische Revolution verläuft in einer Kurve vom Absolutismus über den Sturz des Feudalstaats, des Königtums, der Gironde, erreicht mit der Diktatur Robbespierres ihre Spitze und führt dann in einer rückläufigen Bewegung über den Sturz Robbespierres, des Konvents und des Direktoriums zum Kaiserreich.

„Der Zeitgenosse sieht ein historisches Ereignis nie im Ganzen, immer nur in Stücken; er empfängt den Roman in lauter willkürlich abgeteilten Lieferungen, die unregelmäßig erscheinen und nicht selten ganz ausbleiben.“

Genau genommen war die Romantik keine Gegenbewegung zum Klassizismus, sondern eine seiner Spielarten. Das einzige Genie der Epoche war Novalis, der zwar heute vor allem als Dichter verehrt wird, in Wahrheit aber der wichtigste Philosoph der Romantik war. Die Archäologie wird zur Modewissenschaft. Aus der Zeit heraus fallen Goya und Beethoven, der in seiner Zeitlosigkeit an Michelangelo erinnert. Napoleon war ein Genie als Feldherr und brachte ein neues Tempo in die Kriegführung, vielleicht in das Leben als solches. Er kann als größtes Genie überhaupt gelten, ihm fehlte nur der Idealismus. Er war ein Macher, kein Träumer, und dieser Mangel brachte ihn zu Fall.

„Napoleon war kein Träumer; das ist der Haupteinwand gegen ihn; und daran ist er gescheitert. Er konnte nur für Jahre und Monate siegen. Denn er wußte nicht, daß auf die Dauer nur ein Träumer die Welt erobern kann.“ 

Die Zeit von 1815 bis 1830 wird als Reaktion oder Restauration, richtiger aber als Romantik bezeichnet. Die Staaten orientieren sich nach dem Wiener Kongress nach innen, die neuen Fronten sind Regierung und Volk. Die vergleichende Wissenschaft bringt mit den Mitteln der Analogie Tausend neue Erkenntnisse hervor. Das dramatische Genie der Spätromantik ist Kleist. Die Elektrizitätslehre tritt ihren Siegeszug an. Humboldts Kosmos hat nicht weniger als die ganze Welt zum Thema. Die Gebrüder Grimm erheben das Märchen zum Kunstwerk, Schubert tut das Gleiche mit dem Volkslied. Die Menschen ziehen sich in den engen Zirkel der Privatheit zurück – der Biedermeier beginnt. Lord Byron als Erfinder des Weltschmerzes ist der Held der Romantik – ihr „Doctor universalis“ ist Hegel mit seiner dialektischen Methode.

„Geschichte wird erfunden: täglich neuentdeckt, wiederbelebt, uminterpretiert nach dem jeweiligen Bedürfnis der Weltkonstruktion. Wir stoßen hier wiederum auf jenes Gesetz, das wir schon mehr als einmal hervorgehoben haben; daß nämlich der Geist das Primäre ist und die Wirklichkeit nur seine Projektion und Materialisation.“ 

In der Zeit von 1830 bis 1848 heißt das Schlagwort Realismus, dargestellt wird nunmehr das Nützliche und Hässliche. Eisenbahn, Dampfschiff, Steinkohle und Schnellpresse beschleunigen das Leben, und das Geld wird zum „neuen Gott“. Am treffendsten und eindrücklichsten wird das im Werk Balzacs eingefangen. In der Industrialisierung ist England der Welt um Längen voraus. Hier entsteht die Debatte um die soziale Frage, die 1844 mit dem Aufstand der schlesischen Weber auch nach Deutschland schwappt. Mit dem jungen Deutschland kommt eine Schriftstellergeneration in die Welt, die zu den unkünstlerischsten zählt – sie vertraten vielmehr einen nüchternen Materialismus. Ihr Schlagwort ist „Zeitgeist“. Heine hebt sich aus ihr heraus, weil er sich von ihren Idealen abwendet. Aus dem Vormärz sind drei weitere Genies hervorgegangen: Büchner, Grabbe und Nestroy, allesamt zu ihrer Zeit verkannt. Im März 1848 erheben sich überall in Europa Barrikaden. In Frankreich kommt Napoleon III. an die Macht und der Krimkrieg hinterlässt neue Verhältnisse in Europa.

Das Ende der Neuzeit

Von Paris aus tritt der Positivismus seine Herrschaft an, der auch die Wissenschaft der Soziologie begründet.

Zu der Reihe englischer Denker wie Bacon, Locke, Hume oder Mill kommt nun auch Darwin, der als neuer Kopernikus gefeiert wird. Seine Theorie ist zutiefst englisch: Die Konkurrenz entscheide, das Angepassteste überlebe und dieser Vorgang sei organisch und schreite stetig voran. Darwins Thesen sind angreifbar: Die Geschichte zeigt, dass Entwicklung nie langsam, sondern immer sprunghaft verläuft, oft ausgelöst gerade durch das Kranke oder Unangepasste. Flaubert schildert die menschlichen Unzulänglichkeiten kalt und gründlich wie ein Forscher, aber doch als Künstler, der mit seinen Figuren sympathisiert. Der blühende Kapitalismus ruft den Sozialismus in Person von Marx und Lasalle auf den Plan.

„‚Das Gefühl vollkommenen Widerspruchs in allen Dingen‘ ist in der Tat das Gefühl, aus dem Kunst, Philosophie, Religion, kurz: alles Schöpferische seinen Ursprung nimmt.“

Besonders treten im späten 19. Jahrhundert die beiden Genies Schopenhauer und Bismarck hervor. Mit seinen klugen Gedanken, die er auch in die Tat umzusetzen vermag, ist Bismarck der letzte Held der Neuzeit. Die Jahre 1870 bis 1890 sind sein Zeitalter, er macht Deutschland zur politisch führenden Macht in Europa. Typisch für die Epoche ist unter anderem die Lust am Unechten, der Materialschwindel. Richard Wagner wirkt als größtes Theatergenie aller Zeiten. Wilhelm Busch wiederum zeichnet ein lebensechtes Bild des deutschen Bürgers. Der neue Blick auf die Welt führt zur Erfindung von Fernsprecher, Fahrrad und Lichtbild; in der Kunst findet er seinen Ausdruck im Impressionismus. Er zerlegt die Wirklichkeit in ihre Bestandteile, analysiert sie und fügt sie wieder zusammen. Der Impressionismus ist der letzte Höhepunkt des Atheismus und der Amoralität der Neuzeit. Die größten Literaten dieser Tage finden sich in Russland in Gestalt von Tolstoi und Dostojewski.

Die neuen Ideen haben immer nur die Philosophen; die klaren Bilder davon machen die Künstler.

Mit dem Dreikaiserjahr beginnt das Wilhelminische Zeitalter, das von einem neuen Tempo und ungeheurer Geschäftigkeit geprägt ist. Das Auto und das Kino verwandeln den Alltag. In dieser Lage lotet Nietzsche ganz neue Tiefen des Denkens aus. Sein Zarathustra kann in seiner Stellung in der Weltliteratur nur mit dem Faust und der Göttlichen Komödie verglichen werden. Der Impressionismus tritt ein in seine zweite Phase, die überflüssigerweise Expressionismus genannt wird, und in Norwegen erschafft Ibsen mit dem Charakter des Hjalmar Ekdal die platonische Idealfigur des Durchschnittsmenschen. Als neue Bewegung kommt der Naturalismus auf, der die modernen Umwälzungen registrieren und allgemein festlegen will. Ihr stärkster Vertreter ist Gerhart Hauptmann, aber auch Fontane schließt sich der neuen Schule an. Oscar Wilde feiert die Sünde und die Schönheit, Shaw entlarvt die Lüge als lächerlich, und Maeterlinck dramatisiert die menschliche Angst vor dem Leben wie niemand vor ihm. Derweil rollt der Erste Weltkrieg unaufhaltbar auf Europa zu: Mit ihm findet die Neuzeit ein definitives Ende.

„Und nun fällt eine schwarze Wolke über Europa; und wenn sie sich wieder teilt, wird der Mensch der Neuzeit dahingegangen sein: weggeweht in die Nacht des Gewesenen, in die Tiefe der Ewigkeit; eine dunkle Sage, ein dumpfes Gerücht, eine bleiche Erinnerung.“

Wieder einmal wandelt sich das Weltbild völlig, und wo es zur Ruhe kommen wird, ist noch nicht abzusehen. Die Weite des Weltalls, der Vorstoß ins Kleinste durch die Atomforschung und die Relativitätstheorie stellen alle festen Begriffe auf den Kopf. Das schlägt sich auch in der Kunst nieder. Dada, die Psychoanalyse mit der Entdeckung der Rolle des Unbewussten sowie der Surrealismus sind Ausdruck dieses neuen Weltverständnisses.

Zum Text

Aufbau und Stil

Egon Friedell hält die Anekdote für die „einzig wahre Kunstform der Kulturgeschichtsschreibung“. Das spiegelt sich überall in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit wider. Sie ist ein prall gefüllter Bilderbogen aus Anekdoten und Zeitbildern, voller Querverweise und oftmals auch Werturteile. Auf fast 1600 Seiten präsentiert Friedell seine Auszüge, die Philosophie, Literatur, Politik, Religion, Wissenschaft, aber auch Mode, Zeitgeist und Lebensstil umfassen. Die Kulturgeschichte ist in fünf Bücher mit je zwei bis sieben Kapiteln und 30 bis 50 Unterkapiteln gegliedert und umspannt die Zeit vom Mittelalter bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Grundwissen der europäischen Geistesgeschichte wird beim Leser vorausgesetzt. Eine stilistische Nähe zum Feuilleton besteht im ganzen Werk: Statt einer Aneinanderreihung von Fakten setzt Friedell auf einen leichten, pointierten Essaystil. Am stärksten sind seine Porträts berühmter Persönlichkeiten, die er lebensnah und mit ihren menschlichen Fehlern zeichnet. Friedell hat keine Scheu, selbst komplexe Gedankengebäude wie die Kants oder Schopenhauers in einfachen Sätzen zusammenzufassen, und spart nicht mit Kritik, wie etwa im Abschnitt zu Spinoza erkennbar wird.

Interpretationsansätze

  • Für Friedell ist Historiografie keine exakte Wissenschaft, sondern eine literarische Leistung. Geschichte wird von jeder Generation neu erfunden. Der Geschichtsschreiber haucht ihr als Dramaturg Leben ein.
  • Friedell betont die historische Rolle großer Genies. Geschichte wird nach ihm von einzelnen großen Männern gemacht. Diese Genies verkörpern den treibenden Gedanken der Zeit und prägen ganze Epochen. Doch es gibt auch Genies, die völlig außerhalb ihrer Zeit stehen. Merkmal des Genies ist die Unangepasstheit. Oft sind es Menschen, die unter geistigen oder körperlichen Einschränkungen leiden – wie etwa der Epileptiker Dostojewski, der auch anhand dieses Merkmals von Friedell als Genie identifiziert wird.
  • Für Friedell ist der Rationalismus eine vorübergehende Schrulle der Menschheit. Er hebt an jeder Epoche hervor, wie sich der menschliche Hang zum Irrationalen gegen die Herrschaft des Verstandes zur Wehr setzt. Auch sein Glaube – er war als 19-Jähriger zum Protestantismus übergetreten – prägt seine Urteile oft.
  • Als höchst problematisch anzusehen sind die, trotz Friedells jüdischer Herkunft, von diesem vertretenen völkisch geprägten und deutschnationalen Ansichten sowie seine antisemitischen Äußerungen. Diese waren noch stärker im 1922 erschienenen Werk Von Dante zu d’Annunzio zum Ausdruck gekommen, von dem er sich später distanzierte. Ebenfalls vorhanden sind homophobe und misogyne Äußerungen, die bis zu einem gewissen Grad aber auch zeitgeschichtlich erklärbar sind.
  • An anderen Stellen zeigt sich Friedell wieder überraschend modern, etwa wenn er die Hexenverfolgung als Massenpsychose verdrängter Sexualität deutet oder den Umgang der spanischen Kolonialisten mit den amerikanischen Ureinwohnern anprangert. Seine düsteren Zukunftsszenarien über einen ausufernden Kapitalismus wirken heute fast prophetisch.

Historischer Hintergrund

Österreich zwischen den Weltkriegen

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete zugleich das Ende der Donaumonarchie bzw. Österreich-Ungarns. Das ehemals riesige Staatsgebiet schrumpfte auf einen Bruchteil zusammen, nachdem unter anderem Teile Böhmens, Mährens, Schlesiens und Südtirol an andere Staaten gefallen waren. Im November 1918 gründete sich der neue, zunächst „Deutschösterreich“ genannte Staat als „demokratische Republik“, die der Weimarer Republik angeschlossen werden sollte. Das ließen die Alliierten jedoch nicht zu und legten 1919 nicht nur ein Unabhängigkeitsgebot, sondern auch den Namen „Republik Österreich“ fest. Die junge Demokratie erhielt eine eigene Verfassung, die Kompromisse zwischen Zentralismus und Föderalismus fand und vor allem das Parlament stärkte. Infolge von Gebietsverlusten, Reparationszahlungen und Hyperinflation geriet das Land in eine tiefe wirtschaftliche Krise, die erst 1924 mit einer Währungsreform endete. Die Weltwirtschaftskrise setzte diesem kurzen Aufschwung ein Ende.

Mit der Verfassungsnovelle wurde der Bundespräsident direkt vom Volk gewählt und mit umfassender Macht ausgestattet. Politisch verschärften sich die Fronten zwischen Sozialdemokraten und dem rechten Flügel, die schließlich beide paramilitärische Einheiten bildeten. Am 4. März 1933 verkündete Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die „Selbstausschaltung des Parlamentes“ und regierte von da an ohne demokratische Institutionen. Österreich wurde zum „Christlich-deutschen Ständestaat“. Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und rechter Heimwehr führten zum Februaraufstand, der sich auf Wien und die Industriehochburgen konzentrierte. Der sozialdemokratische Republikanische Schutzbund unterlag schnell den Truppen aus Polizei, Bundesheer und Heimwehr. Die Sozialdemokratische Partei wurde verboten, mehrere ihrer Anführer hingerichtet. 1934 wurde Dollfuß von österreichischen Nationalsozialisten während eines Putschversuchs ermordet. Die Machtübernahme scheiterte jedoch vorerst. Im März 1938 knickte Kanzler Kurt Schuschnigg unter dem Druck aus Deutschland ein und Österreich wurde an das nationalsozialistische Deutschland angeschlossen.

Entstehung

Friedell sah nach dem Ersten Weltkrieg, der das Ende der Neuzeit markierte, die Gelegenheit, die gerade abgelaufene Epoche als einer der ersten aus der Außenperspektive zu beleuchten. Er war nicht der einzige, der dieses ehrgeizige Projekt anging. Oswald Spengler verfolgte mit seinem Untergang des Abendlandes ähnliche Ziele, ebenso wie Arnold Toynbee mit Der Gang der Weltgeschichte und Norbert Elias mit Über den Prozess der Zivilisation. Friedell zollt Spengler in der Vorrede zu seiner Kulturgeschichte Respekt: Von ihm übernahm er die Idee der parallel verlaufenden Entwicklungsstufen der Kulturen. Friedell verarbeitete in seinem Werk unzählige eigene frühere Arbeiten, die er so nahtlos zusammenfügte, dass die Technik erst später durch literaturwissenschaftliche Analyse ans Licht kam.

Friedells Quellen und Einflüsse aufzuzählen, ist nahezu unmöglich; eine ungeheure Belesenheit war Voraussetzung für das Mammutprojekt. In der Geschichtsphilosophie und Historiografie sind Herder, Voltaire, Hegel, Winckelmann als wichtige Vorbilder zu nennen, von den neueren Denkern Jacob Burckhardt mit seiner Kultur der Renaissance, Kurt Breysig mit seiner Geschichte der Menschheit und Karl Lamprecht mit seiner Deutschen Geschichte. An dem letzten Werk entzündete sich in den 1890er-Jahren der Methodenstreit der Geschichtswissenschaft.

Wirkungsgeschichte

Friedell, der noch begeistert den Ersten Weltkrieg verfolgt hatte und mit deutschnationalen Thesen auffiel, erkannte erst 1935, dass er das NS-Regime falsch eingeschätzt hatte. Er sprach in einem Brief vom „Reich des Antichristen“. In einem Nachwort behauptet Friedell-Experte Herbert Illig, der Autor habe sich am Ende sogar mitschuldig am Aufstieg der Nazis gefühlt. Friedells antisemitische und völkische Ansichten erregten unter seine Zeitgenossen kaum Aufsehen: Weder Alfred Döblin noch Arthur Schnitzler fanden an Friedells Werk in dieser Hinsicht etwas auszusetzen. Arthur Schnitzler nannte die Kulturgeschichte „temperamentvoll und geistreich; nicht ohne Paradoxe und Weltanschauungssnobismen“. Friedell wurden die inneren Widersprüche in seinem Werk mehrfach vorgeworfen. Alfred Polgar bezeichnete die Kulturgeschichte als ein „den Leser aufs vergnüglichste ärgerndes Buch eines laienhaften Fachmanns“ mit erheblichen Irrtümern. Das hätte Friedell kaum als Gegenargument gelten lassen, denn er sah Widersprüche und Ungereimtheiten als den Triebstoff aller Kunst und Kultur an. Trotz dieser Mängel kommt der zeitgenössische Germanist Ulrich Weinzierl etwa zu dem Schluss: „Plastischer und amüsanter, eleganter und anregender lässt sich ein solch geistesgeschichtliches Theatrum mundi nicht inszenieren.“

Über den Autor

Egon Friedell wird am 21. Januar 1878 in Wien geboren. Sein Vater Moritz Friedmann ist ein vermögender jüdischer Tuchfabrikant. Friedells Mutter verlässt Egon und seine drei Geschwister ein Jahr später. 1891 stirbt Friedells Vater und Friedell wächst fortan bei einer Tante in Frankfurt am Main auf. Sein Abitur legt er erst mit 21 Jahren in Bad Hersfeld ab. Friedell studiert Germanistik und Philosophie in Berlin, Heidelberg und Wien. 1897 tritt er zum evangelisch-lutherischen Glauben über. 1904 erscheint seine Dissertation über Novalis als Philosoph. Nach seiner Promotion arbeitet er – durch sein Erbe finanziell abgesichert – als Schriftsteller und Schauspieler. Nach einigen Kurzgeschichten macht er sich mit dem Einakter Goethe. Eine Groteske in zwei Bildern, den er zusammen mit seinem Freund Alfred Polgar verfasst, im deutschsprachigen Raum einen Namen. Von 1908 bis 1910 ist er künstlerischer Leiter im Kabarett „Fledermaus“ in Wien. Er arbeitet als Journalist und Historiker, Übersetzer und Philosoph. Er pflegt enge Freundschaften zu weiteren Autoren, etwa Peter Altenberg. Friedell ist alkoholabhängig. Ab 1914 lässt er sich deswegen behandeln. Er veröffentlicht zeitweise unter dem Pseudonym „Friedländer“, lässt seinen Namen aber erst 1916 offiziell in Friedell ändern. Max Reinhardt, der Friedell als „genialen Dilettanten“ bezeichnete, lädt ihn nach Berlin ein, wo er zwischen 1919 und 1927 als Schauspieler, Regisseur und Dramaturg am Deutschen Theater tätig ist. Danach arbeitet er aufgrund gesundheitlicher Probleme ausschließlich als freier Autor und Übersetzer. 1927 bis 1931 verfasst er sein Hauptwerk Die Kulturgeschichte der Neuzeit. Als die Nazis in Deutschland die Macht ergreifen, wird Friedell aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Von seiner Kulturgeschichte des Altertums, an der er seit 1936 arbeitet, vollendet er nur den ersten Band. Die NSDAP beschlagnahmt seine Schriften. Als am 16. März 1938 die Gestapo vor seiner Tür steht, stürzt er sich aus dem Fenster. Friedell wird auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.


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