Zusammenfassung von Lulu

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Lulu Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Moderne

Worum es geht

Modernes Theater mit voller Wucht

Wedekinds Skandaldrama Lulu war ein Schlag ins Gesicht der wilhelminischen Gesellschaft – und Anlass für etliche Gerichtsverfahren. Das Stück ist ein Fanal für die Selbstbestimmung des Menschen jenseits moralischer Zwänge und gegen die Ausbeutung der Frauen durch die Männer. Zudem ist Lulu ein ästhetisches Statement: Durch die Gestalt des Schriftstellers Alwa äußert Wedekind harsche Kritik an einer Kunst, die sich nur noch im Elfenbeinturm bewegt und sich zu fein ist, niedere Triebe und die Macht der Sexualität zu benennen. In Abgrenzung zum damals vorherrschenden Naturalismus reicht Wedekind die präzise abbildende soziale Anklage nicht aus. Er setzt viele Symbole ein, seine Figuren sind bewusst als Typen gestaltet. Leidenschaft, Lust, Eifersucht, Wut und Gewalt sind ebenso Themen des Stücks wie die ästhetische Auseinandersetzung mit diesen Affekten. Wedekind hat mit Lulu ein beeindruckend intensives und verstörendes Stück moderner Theaterkunst geschaffen.

Take-aways

  • Wedekinds Lulu ist eines der meistgespielten Dramen der Moderne.
  • Inhalt: Lulu, ein Straßenmädchen, wird von Dr. Schön, ihrem Mentor und Geliebten, nacheinander an zwei Männer verheiratet. Beide versuchen, sie nach ihrem Bild zu formen, verzweifeln an Lulus Affären und sterben. Lulu erschießt Dr. Schön und lebt in Paris und London mit dessen Sohn Alwa, einem Schriftsteller. Sie geht auf den Strich und fällt am Ende dem Lustmörder Jack zum Opfer.
  • Das Stück war ein Riesenskandal und Anlass für drei Gerichtsverhandlungen.
  • Verbote und Aufführungspraxis führten zu zahlreichen Überarbeitungen. Wedekinds Arbeit am Text zog sich über 20 Jahre hin.//
  • Lulu besteht aus zwei Teilen: Erdgeist und Die Büchse der Pandora//.
  • Die Figur der Lulu ist eine moderne Version der Pandora aus der griechischen Mythologie, die von Zeus ausgesandt wurde, um alles Unheil auf die Erde zu bringen.
  • Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Sexualtrieb und gesellschaftlichen Zwängen.
  • Das Stück wird oft als Statement für die Emanzipation der Frau interpretiert und inszeniert.
  • Alban Berg vertonte das Drama 1928 in seiner unvollendeten Oper Lulu, die zu den wichtigsten modernen Opern zählt.
  • Zitat: „Gibt es etwas Traurigeres auf der Welt als ein Freudenmädchen!“
 

Über den Autor

Frank Wedekind wird am 24. Juli 1864 in Hannover geboren. Aus Gegnerschaft zum Wilhelminischen Kaiserreich verlässt die Familie 1871 Deutschland und zieht nach Lenzburg in die Schweiz. Wegen Schwierigkeiten in der Schule erhält Frank Wedekind Privatunterricht. Nach dem Abitur 1884 studiert er ein Semester deutsche und französische Literatur in Lausanne, dann auf Wunsch seines Vaters Jura in München. 1886 kommt es zum Bruch mit dem Vater, der ihm wegen schlechter Studienleistungen jegliche finanzielle Unterstützung entzieht. Kurze Zeit arbeitet Wedekind unter anderem als Reklame- und Pressechef der Suppenwürfelfirma Maggi. 1888 stirbt sein Vater. 1891 vollendet er das Stück Frühlings Erwachen. Sein Drama Der Erdgeist erscheint 1895. Ein Jahr später wird Wedekind zum Mitbegründer der Zeitschrift Simplicissimus und veröffentlicht dort pseudonym Beiträge. Er beginnt eine Beziehung mit Frida Strindberg-Uhl, die vorher mit August Strindberg verheiratet war. 1897 wird ihr gemeinsamer Sohn Friedrich geboren. 1898 erfolgt in Leipzig die Uraufführung von Der Erdgeist. Im selben Jahr flieht Frank Wedekind in die Schweiz, weil er nach einer im Simplicissimus erschienenen Satire auf Wilhelm II. in Deutschland wegen Majestätsbeleidigung gesucht wird. 1899 kehrt er nach Deutschland zurück und wird zu einer mehrmonatigen Haftstrafe auf der Festung Königstein verurteilt. 1901 geht aus einer Affäre mit seinem Hausmädchen Hildegard Zellner ein Sohn namens Frank hervor. Von 1902 bis 1908 wirkt Wedekind vor allem als Kabarettist und Schauspieler in seinen eigenen Stücken. 1904 wird Die Büchse der Pandora uraufgeführt. 1906 heiratet Wedekind die Schauspielerin Tilly Newes, mit der er zwei Töchter hat. Im gleichen Jahr findet die Uraufführung von Frühlings Erwachen in Berlin statt. Danach wird Wedekind zu einem der meistgespielten Dramatiker seiner Zeit. Er stirbt am 9. März 1918 in München.

 

Zusammenfassung

Das wahre Tier zeigt sich

Der Prologsprecher, ein Tierbändiger, lockt das Publikum in seine Vorstellung und verspricht, das „wahre Tier, das wilde, schöne Tier“ zu zeigen, dessen Natur es sei, zu verführen und Unheil zu stiften. Lulu wird als Schlange angekündigt, auf die Bühne getragen und vom Tierbändiger ermahnt, sich möglichst natürlich und ungekünstelt zu verhalten. Er kündigt an, seinen Kopf einem Raubtier in den Rachen zu stecken, und fragt das Publikum, wer denn dieses Raubtier wohl sei. Der Tierbändiger geht, das Spiel beginnt.

„Hereinspaziert in die Menagerie, / Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslustʼgen Frauen, / Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen / Die unbeseelte Kreatur zu schauen, / Gebändigt durch das menschliche Genie.“ (Tierbändiger, S. 7)

Im Atelier des Kunstmalers Schwarz sprechen dieser und der Zeitungsverleger Dr. Schön über das Porträt, das der Maler von Schöns Verlobter anfertigt. Da entdeckt Schön ein weiteres Porträt. Es zeigt eine wunderschöne junge Frau im Pierrot-Kostüm. Schön ist betroffen, behauptet aber, die Frau nicht zu kennen. Schwarz erzählt, dass der alte, schmerbäuchige Ehemann der engelsgleichen Dame ihn mit dem Porträt beauftragt habe und während der Sitzungen eifersüchtig Wache schiebe. Schwarz gesteht, dass er von der Frau fasziniert ist, und zeigt Schön das Kostüm. Da erscheinen Lulu, die Porträtierte, und Dr. Goll, ihr Mann, für eine weitere Sitzung im Atelier. Beide sind verwundert, Schön hier anzutreffen. Schön erklärt, dass er Schwarz beauftragt habe, seine Braut zu porträtieren. Lulu wähnt die Braut noch im Atelier und sieht sich neugierig um. Schön will gehen, doch Goll hält ihn zurück. Lulu zieht sich in Schwarz’ Schlafkammer um und bezaubert in ihrem Kostüm alle Anwesenden, während Schön und Goll Scherze auf Kosten des Malers machen.

Der erste Tote

Schöns Sohn Alwa, ein Bühnenautor, erscheint. Er überredet Goll, mit ihm und Schön eine Theaterprobe zu besuchen. Sobald Schwarz und Lulu allein sind, klagt Schwarz ihr sein Leid. Er fühlt sich als Künstler nicht ernst genommen. Schließlich nähert er sich Lulu. Die ziert sich zunächst. Es entwickelt sich ein Fangspiel durch das Atelier, bei dem das Porträt von Schöns Braut beschädigt wird. Schwarz verschließt die Tür, gesteht Lulu seine Liebe und erhält einen Kuss von ihr. Unterdessen ist Goll wieder da und schlägt erbost von außen an die Tür. Lulu ist vor Angst außer sich. Goll schlägt die Tür ein und bricht dann tot zusammen – Herzanfall. Schwarz schickt Lulu zum Umziehen ins Nebenzimmer. Währenddessen fleht er den Himmel an, der möge ihm die Befähigung zum Glück geben.

Der zweite Gatte

Lulu und Schwarz sind verheiratet und leben gemeinsam in einer eleganten Wohnung. Lulus Porträt hängt an prominenter Stelle. Schwarz hat endlich Erfolg als Künstler und vergöttert Lulu, die er Eva nennt. Es klingelt. Schwarz wimmelt einen greisen Bettler ab und macht sich dann an die Arbeit. Lulu holt den vermeintlichen Bettler in die Wohnung. Es ist Schigolch, der auf der Straße lebt und Lulu von früher kennt. Sie gibt ihm Geld und schildert ihm ihren ereignisarmen Alltag. Als Schigolch wieder geht, erscheint Schön, der mit Lulu ein ernstes Gespräch führen will. Schön verbittet sich weitere Besuche Lulus bei ihm zu Hause. Er will ihr Verhältnis beenden, um seine bürgerliche Existenz nicht zu gefährden. Es stellt sich heraus, dass Schön Lulu einst von der Straße geholt, ihr eine Ausbildung ermöglicht und sie sowohl an Goll als auch an Schwarz verheiratet hat. Lulu indes weigert sich, das Verhältnis mit Schön zu beenden.

Das nächste Opfer

Schön eröffnet Schwarz nun die ganze Geschichte von Lulus Herkunft. Sein Ziel ist dabei, Lulu durch Schwarz unter Kontrolle zu bringen, damit sie ihm gesellschaftlich nicht schadet. Er, Schön, habe die zwölfjährige Lulu von der Straße geholt und erziehen lassen. Auch verheimlicht er Schwarz nicht sein eigenes Verhältnis zu Lulu. Schwarz solle sich auf sein Glück besinnen. Er habe eine Frau, um die ihn die Welt beneide, und zudem eine halbe Million Mark geheiratet. Schwarz verzweifelt. Er sieht das ehrbare Bild, das er von seiner Frau hatte, in Stücke gehen und schließt sich im Schlafzimmer ein. Schön lässt Lulu ein Beil holen, um die Tür damit aufzubrechen. Es läutet. Alwa tritt ein und verkündet, in Frankreich sei eine Revolution ausgebrochen. Er merkt jedoch schnell, dass vor Ort ebenfalls eine Tragödie stattgefunden hat. Mit dem herbeigeholten Beil schlägt Alwa die Tür ein und weicht entsetzt zurück. Schwarz hat sich mit einem Rasiermesser den Hals durchgeschnitten.

Im Theater

In einer Theatergarderobe bereitet sich Lulu auf ihren nächsten Auftritt als Tänzerin vor. Alwa ist ihr Regisseur. In seiner Jugend war er wie ein Bruder für sie. Alwa weiß vom langjährigen Verhältnis Lulus mit seinem Vater. Dieser tritt kurz auf, kritisiert die Aufführung und betont seinen verlegerischen Einfluss auf die öffentliche Meinung zu dem Stück. Nach Lulus Abgang auf die Bühne sinniert Alwa darüber, Lulu zur Heldin eines Dramas zu machen, als Prinz Escerny in die Garderobe tritt. Dieser beginnt, in Lulus nächster Tanzpause um sie zu werben, kommt damit allerdings nicht sehr weit. Lulu ist viel zu sehr mit Schön beschäftigt. Bei ihrer nächsten Tanznummer bricht sie auf der Bühne zusammen und kommt entkräftet mit Alwa in die Garderobe zurück. Gleich darauf erscheint Schön, der mit seiner Braut in einer Loge Zeuge von Lulus Ohnmacht wurde. Alwa geht, und Schön verstrickt sich in einen Streit mit Lulu. Er entkommt ihrer Anziehungskraft nicht, so sehr er sie auch beschimpft. Am Ende lässt er sich von Lulu einen Abschiedsbrief an seine Braut diktieren.

Versteckspiel im Salon

Lulu ist mit Schön verheiratet und lebt mit ihm in seinem altmodisch prunkvollen Haus. Ihr Porträt ist auf einer Staffelei ausgestellt. Die Gräfin Geschwitz ist zu Gast, sie schenkt Lulu prächtige Blumen und lädt sie zum Künstlerinnenball ein. Nachdem die Gräfin den Raum verlassen hat, bleibt Schön allein zurück und ärgert sich über den verkommenen Zustand seiner Wohnung. Er vermutet Spione hinter den Vorhängen. Lulu kehrt zurück und versucht, Schön zu überreden, seinen wöchentlichen Termin an der Börse abzusagen und mit ihr auszugehen. Schön geht trotz Lulus Bitte. Gräfin Geschwitz kommt zurück, hört Geräusche und versteckt sich hinter dem Kaminschirm. Es erscheinen Schigolch, der Kunstturner Rodrigo und der Schüler Hugenberg. Schigolch und Rodrigo kommen regelmäßig zum „Jour Fixe“ an Schöns Börsentag zu Lulu; der in Lulu verliebte Hugenberg, Sohn des Polizeidirektors, ist erstmals dabei.

„Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! – / Haustiere, die so wohlgesittet fühlen, / (…) / Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, / Das – meine Damen! – sehn Sie nur bei mir.“ (Tierbändiger, S. 8)

Als Lulu erscheint, flirten alle mit ihr – bis auf den schüchternen Hugenberg – und scherzen über Lulus Liebschaften. Die Runde gerät in Aufregung, als „Dr. Schön“ angekündigt wird. Alle bis auf Lulu verstecken sich, dann betritt Alwa den Raum. Lulu betont ihre schwesterliche Zuneigung zu ihm; er gibt zu, dass er mehr für sie empfindet. Alwas Vater betritt unbemerkt die Galerie, hört alles und hält seinen Sohn für Lulus Geliebten. Auch den Diener Ferdinand verdächtigt er, angesichts von dessen Nervosität, einer Affäre mit Lulu. Zudem entdeckt er Rodrigo. Er bringt seinen Sohn hinaus und kehrt mit gezogenem Revolver zurück. Auch Gräfin Geschwitz wird nun aus ihrem Versteck gezerrt. Schön erkennt, dass Lulu ihn permanent betrogen hat, und versucht, sie zum Selbstmord zu zwingen. Lulu betont, sie habe sich – im Gegensatz zu ihm – nie verstellt. Er habe immer gewusst, auf wen er sich einlasse. Als auch noch Hugenberg aus seinem Versteck unter dem Tisch hervorkommt, wendet Schön Lulu kurz den Rücken zu. Lulu schießt. Von mehreren Schüssen getroffen bricht Schön zusammen und stirbt. Lulu fleht Alwa an, sie nicht der Polizei zu übergeben. Die steht jedoch schon vor der Tür. Alwa öffnet.

Die Büchse der Pandora wird geöffnet

Im „Prolog in der Buchhandlung“ treten vier Figuren auf: Der normale Leser will unterhalten werden, der rührige Verleger Bestseller verkaufen, der verschämte Autor sich selbst verwirklichen und der hohe Staatsanwalt die Moralinstanz spielen. Der verschämte Autor bekennt seine Bereitschaft, für seine Kunst zur Not auch ins Gefängnis zu gehen.

„Es ist sonderbar, wie der Hunger den Menschen die Kraft zum Unglück nimmt. Wenn sie sich aber gesättigt haben, dann machen sie sich die Welt zur Folterkammer, dann werfen sie ihr Leben für die Befriedigung einer Laune weg.“ (Gräfin Geschwitz, S. 173 f.)

Im Haus des getöteten Dr. Schön warten Rodrigo, Gräfin Geschwitz und Alwa auf das Eintreffen Schigolchs. Sie sprechen über ihren riskanten Plan zur Befreiung der inhaftierten Lulu. Schigolch erscheint und verlässt nach kurzem Aufenthalt mit Gräfin Geschwitz wieder das Haus, um Lulu aus dem benachbarten Gefängnishospital zu holen. Dann erscheint Hugenberg und bietet seine Hilfe bei der Befreiung Lulus durch Brandstiftung an. Rodrigo und Alwa wimmeln ihn mit der Behauptung ab, Lulu sei an Cholera gestorben. Hugenberg geht verzweifelt. Alwa sieht in ihm den tragischen Helden kommender Dramen. Kurz darauf kommt Schigolch mit Lulu. Gräfin Geschwitz hat die Rollen mit Lulu getauscht und ihren Platz im Gefängnishospital eingenommen. Die Geschwitz hat sich in Hamburg gezielt mit Cholera infiziert und bei einem Besuch im Gefängnis Lulu ebenfalls mit der Krankheit angesteckt, woraufhin beide ins Hospital verlegt wurden. Nach ihrer Genesung und Entlassung wartete die Geschwitz auf Lulus Heilung und die Gelegenheit zum Rollentausch. Alwa und Lulu feiern leidenschaftlich ihr Wiedersehen und beschließen den Aufbruch ins Ausland.

Zwischenspiel in Paris

Ein Salon in Paris: Der Marquis Casti-Piani hat Lulu und Alwa nach und nach alles Geld abgenommen. Er weiß, dass ein Kopfgeld auf Lulu, die geflohene Mörderin, ausgesetzt ist. Er stellt sie vor die Wahl: Entweder er übergibt sie der Polizei oder sie lässt sich von ihm in ein Edelbordell in Kairo verkaufen. Gräfin Geschwitz muss erkennen, dass ihre Liebe zu Lulu nur mit Hohn vergolten wird. Lulu hat sie nur benutzt und verachtet sie. Rodrigo droht nun seinerseits damit, Lulu an die Polizei auszuliefern, wenn sie ihm kein Geld beschafft. Lulu schmiedet einen Plan: Sie sorgt dafür, dass Rodrigo und Gräfin Geschwitz sich zu einem Schäferstündchen treffen. Aus Liebe zu Lulu bzw. zum Geld lassen sich die Gräfin und Rodrigo darauf ein. Am Ort des Geschehens wartet bereits der von Lulu instruierte Schigolch, der Rodrigo ermorden soll. Als plötzlich bekannt wird, dass die Aktien, in die fast alle Anwesenden investiert haben, wertlos geworden sind, bricht Panik aus. Bald kommen noch weitere Personen auf die Idee, Lulu auszuliefern, um das Kopfgeld zu kassieren. Lulu flieht mit Alwa, die Polizei kommt zu spät.

Blutiges Finales

Eine schäbige Dachkammer in London. Alwa und Lulu beklagen ihre Situation. Alwa hat den Rest seines Geldes verspielt und sich zudem eine Geschlechtskrankheit zugezogen. Lulu hadert mit Alwa ob dessen Nutzlosigkeit. Schigolch vertraut auf Lulus Verführungskünste. Lulu geht in zerlumpten Kleidern auf die Straße, um einen Freier zu gewinnen, während Alwa und Schigolch sich in einem Verschlag verstecken. Lulu kehrt mit einem Herrn zurück. Sie verschwinden zusammen in Lulus Kammer. Als er nach einiger Zeit wieder geht, hinterlässt er ein paar Münzen. Die Gräfin Geschwitz tritt auf und bringt das Porträt von Lulu mit, das Schwarz einst angefertigt hat. Alwa ist begeistert, Lulu entsetzt. Alwa nagelt das Bild mit dem Absatz seines Stiefels an die Wand. Lulu beruhigt sich und will einen neuen Freier heraufholen. Die alarmierte Geschwitz weicht ihr nicht von der Seite. Schigolch fürchtet um Lulus Einnahmen, wenn die Gräfin bei ihr ist. Alwa will sie zurückhalten, doch die Frauen gehen. Lulu kehrt zurück mit Kungu Poti, Erbprinz von Uahubee. Als dieser Lulu grob umfasst, springt Alwa ihr bei. Kungu Poti vermutet einen Überfall und erschlägt Alwa. Lulu flieht wieder auf die Straße, während Schigolch den blutverschmierten Alwa in Lulus Kammer zerrt.

„Lulu! – Mein Engel! – Lass dich noch einmal sehen! – Ich bin dir nah! Bleibe dir nah – in Ewigkeit! O verflucht!“ (Gräfin Geschwitz, S. 179)

Die Geschwitz kommt zurück, Schigolch geht. Kurz darauf kommt Lulu mit dem nächsten Freier. Als dieser den toten Alwa in der Kammer und die lebensmüde Geschwitz mit einem Revolver in der Hand auf dem Boden sitzend erblickt, ergreift er die Flucht. Die Gräfin ist verzweifelt. Sie erkennt, dass sie von Lulu nur benutzt, nie geliebt wurde. Doch noch immer kommt sie nicht von Lulu los. Sie versucht sich umzubringen, doch das misslingt. Lulu kommt mit Jack, dem nächsten Freier, in die Dachkammer. Jack erkennt, dass die Geschwitz nicht wie behauptet Lulus Schwester, sondern eine Verehrerin ist. Er folgt Lulu in einen Verschlag neben der Kammer, während die Geschwitz beschließt, weiterzuleben, Jura zu studieren und für Frauenrechte einzutreten. Lulu stürzt entsetzt aus dem Verschlag und hält von außen die Tür zu. Die Geschwitz richtet ihren Revolver gegen die Tür, doch Jack kann aus dem Verschlag entkommen und ihr ein Messer in den Leib rammen. Die Geschwitz muss hilflos mit ansehen, wie Jack Lulu in den Verschlag zurückzerrt. Jack kommt blutverschmiert wieder heraus, wischt sich die Hände ab und überlässt die schwer verletzte Geschwitz ihrem Schicksal. Die Gräfin beschwört die geliebte Lulu, sich ihr noch einmal zu zeigen, und stirbt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Lulu besteht aus zwei Dramen, dem Vierakter Erdgeist und dem Dreiakter Die Büchse der Pandora. Die insgesamt sieben Aufzüge haben sechs Schauplätze. Dr. Schöns Haus ist zweimal Ort des Geschehens. Beide Teildramen verfügen jeweils über einen Prolog in Versform, der das Stück, sein Publikum und die Gesellschaft in Relation zueinander setzt. Der erste Prolog wird von einer Figur gesprochen, der zweite von vier Figuren als Dialog. Die Dialoge innerhalb der Szenen sind in Prosa verfasst. Die Regieanweisungen sind sehr präzise. Bühnenbild und Kostüme sind detailliert beschrieben. Die Sprache der Figuren ist an vielen Stellen zweideutig gestaltet, ein sexuell anzüglicher Unterton zieht sich durch beide Teile des Dramas.

Interpretationsansätze

  • Lulu ist eine typische Femme fatale, eine Frau, die mit ihren körperlichen Reizen die Männer ins Verderben führt. Damit steht sie in einer Tradition, die bis zu den biblischen Figuren Eva und Salome zurückreicht.
  • Die verschiedenen Namen, die die Männer Lulu geben (Nelli, Eva, Mignon), zeigen, dass sie Frauen als Projektionsfläche ihrer eigenen Vorlieben und Gelüste sehen, nicht als eigenständige Wesen. Damit reflektiert Wedekind auch den Begriff der Projektion, den Sigmund Freud im Rahmen seiner Psychoanalysetheorie geprägt hatte.
  • Das Drama ist ein Statement für die Emanzipation der Frau. Die permanente Fremdbestimmung Lulus durch die Männer vernichtet zuerst die Männer selbst, am Ende dann auch Lulu. Als die Gräfin Geschwitz beschließt, sich aus ihrem Schicksal zu befreien und für die Frauenrechte zu streiten, wird sie von Jack ermordet.
  • Natur zerstört Zivilisation: Den Männern wird ihr berechnendes Verhalten zum Verhängnis. Lulu dagegen agiert ausschließlich im Augenblick ohne Rücksicht auf die Konsequenzen ihres Tuns. So repräsentiert sie das zerstörerische (weibliche) Naturprinzip im Gegensatz zum (männlichen) Zivilisationsprinzip. Die Einführung Lulus im Prolog als Tier/Schlange zeigt sie als Naturwesen, das außerhalb gesellschaftlicher Normen steht.
  • Lulu ist eine moderne Version der Pandora aus der griechischen Mythologie, die von Zeus ausgesandt wird, um alles Unheil auf die Erde zu bringen. Der griechische Name „Pandora“ bedeutet so viel wie „die Allgebende“. Lulu zerstört die Männer (und letztlich auch sich selbst) dadurch, dass sie alles verschenkt. Das Zuviel ihrer Geschenke überfordert und vernichtet alle, die ihr begegnen.
  • Die Kunst reflektiert das Leben: Lulus Porträt, das während des ersten Aktes entsteht und auch in den folgenden Akten präsent ist, zeichnet den Werdegang und Verfall ihrer Person nach – am Ende steht die symbolische Kreuzigung mit Nagel und Stiefelabsatz in der Londoner Dachkammer.
  • Das Stück ist ein Angriff auf die wilhelminischen Moralvorstellungen: Nicht die ungezügelte Sexualität Lulus tötet, sondern das Unvermögen der Männer, Lulu so zu akzeptieren, wie sie ist. Als Schwarz, der Vertreter der wilhelminischen Moral, sieht, dass Lulu nicht die reine Schönheit ist, für die er sie gehalten hat, bleibt ihm nur der Selbstmord, weil er sich nicht von seinen Moralvorstellungen lösen kann.

Historischer Hintergrund

Theaterzensur im wilhelminischen Deutschland

Theaterstücke unterlagen in Deutschland um 1900 generell einer Vorzensur durch die Polizeibehörden der Länder. Aufführungen wurden häufig verboten oder nur unter rigiden Auflagen erlaubt. Die einzige Möglichkeit, umstrittene Dramen ohne Einschränkungen durch die Vorzensur zu zeigen, war eine geschlossene Veranstaltung zum Beispiel von Vereinen, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurden. Einer nachträglichen Zensur durch das Verbot weiterer Aufführungen entgingen jedoch auch diese Inszenierungen nicht. Die Auffassungen der jeweiligen regionalen Polizeibehörden in Bezug auf ein und dasselbe Drama gingen allerdings oft auseinander. Unter anderem aus diesem Grund wurde ab 1892 auf Initiative des Kaisers über ein gemeinsames Zensurgesetz für alle deutschen Teilgebiete beraten. Die nach einem juristischen Einzelfall benannte „Lex Heinze“ sah in ihren ersten Entwürfen eine massive Einschränkung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten auf der Bühne vor. Unter dem Einfluss erzkonservativer Gruppen wie der „Konferenz der deutschen Sittlichkeitsverbände“ wurden Gesetzentwürfe entwickelt, die nicht nur das moderne Theater, sondern auch für unsittlich befundene klassische Kunst rückwirkend tabuisiert hätten.

Doch der Widerstand des liberalen Bürgertums regte sich mit Macht. Der im März 1900 gegründete allgemeine deutsche Goethe-Bund unter Leitung des Schriftstellers Hermann Sudermann erwirkte mit einer Petition und Demonstrationen – allein in München versammelten sich mehr als 6000 Menschen – eine deutliche Entschärfung des ersten Gesetzentwurfs der „Lex Heinze“. Die Zensur wurde damit allerdings nicht überwunden. In München wurde 1907 ein Zensurbeirat mit Gutachterfunktion eingerichtet. In diesem saßen zumeist konservative, ältere Herren. Diese verboten 1913 eine Aufführung von Wedekinds Lulu – mit einer Gegenstimme. Diese Gegenstimme kam von Thomas Mann. Zehn Tage nach Zustellung der Absage an das Theaterensemble verließ dieser den Münchner Zensurbeirat.

Entstehung Die Entstehungsgeschichte von Lulu ist komplex und umfasst – inklusive aller Änderungen, Korrekturen, Einschübe und Streichungen – gut 20 Jahre. Wedekind schrieb die erste Fassung seines Dramas zwischen Januar 1893 und Mai 1894 in Paris und London. Er gab dieser Version den Titel Die Büchse der Pandora. Im handschriftlichen Manuskript ist noch der Zusatz „Buchdrama“ ergänzt – ein Hinweis darauf, dass Wedekind sein Stück ursprünglich nur für die Lektüre, nicht für die Aufführung vorgesehen hatte. Sein Verleger lehnte die Publikation dieses klassisch fünfaktigen Dramas aus moralischen Bedenken ab. 1895 arbeitete Wedekind sein Manuskript um, nahm die ersten drei – weniger anstößigen – Akte, erweiterte sie um einen Akt und veröffentlichte das Ganze als Bühnenmanuskript unter dem Titel Erdgeist. 1898 wurde diese Fassung – von Skandalen umwittert – in Leipzig uraufgeführt. Nach den ersten Vorstellungen ergänzte Wedekind den Prolog, um dem Publikum eine Interpretationshilfe für das komplexe Material an die Hand zu geben. 1903 erschien Die Büchse der Pandora als Buch, 1904 erfolgte die erste Aufführung in Nürnberg, die mit einem Eklat endete. Die gedruckte Fassung wurde beschlagnahmt, weitere Aufführungen wurden richterlich verboten. 1906 folgte eine erneute Bearbeitung inklusive Vorwort, 1910 der „Prolog in der Buchhandlung“. Die letzte Bühnenbearbeitung von Wedekinds Hand unter dem Titel Lulu stammt von 1913.

Wirkungsgeschichte

Neben drei Gerichtsverfahren, die zum Aufführungsverbot und zur Vernichtung der ersten Druckfassung von Die Büchse der Pandora führten, gaben auch Kritiker Wedekinds Drama Kontra. Autoren wie Gerhart Hauptmann, die dem zeitgenössischen Naturalismus zuzurechnen waren, rügten Wedekind für seine Obszönitäten. Karl Kraus inszenierte Die Büchse der Pandora 1905 gegen das richterliche Aufführungsverbot mit Wedekind selbst als Jack und Wedekinds späterer Frau Tilly Newes als Lulu. Einer der Zuschauer dieser Privataufführung war der damals 20-jährige Komponist Alban Berg. 23 Jahre später sollte Berg die bis heute berühmteste Adaption des Lulu-Stoffes liefern. Berg schrieb ein dreiaktiges Libretto, das er selbst vertonte. Das Werk blieb allerdings Fragment. Seine Lulu wurde 1937 nach Bergs Tod uraufgeführt und gehört bis heute zu den beliebtesten modernen Opern. Wedekinds Drama wurde nach Abschaffung der Zensur 1918 sehr oft an deutschsprachigen Theatern gespielt. Die Aufführungspraxis war aufgrund der verschiedenen Fassungen bis 1988 allerdings sehr unterschiedlich. In diesem Jahr inszenierte Peter Zadek am Hamburger Schauspielhaus erstmals die wiederentdeckte Urfassung der Tragödie von 1894, die seitdem den meisten folgenden Inszenierungen zugrunde liegt. 2011 inszenierte Robert Wilson das Stück am Berliner Ensemble mit Musik von Lou Reed. Lulu wurde mehrmals verfilmt und ist eines der meistgespielten modernen Dramen.


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