Zusammenfassung von Männerphantasien

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Männerphantasien Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Faschismus als Angst vor Ich-Auflösung

Als Klaus Theweleits Männerphantasien 1977/78 erschienen, überschlugen sich viele Kritiker vor Lob. Rudolf Augstein sprach im Spiegel gar von der wichtigsten Publikation des Jahres. Das Buch, das sich im linksalternativen Milieu rasch zum Bestseller entwickelte, richtet einen frischen, innovativen Blick auf den Faschismus und interpretiert ihn als zeitloses, gesellschaftsübergreifendes und vor allem männliches Phänomen. Im Zentrum steht nicht Ideologiekritik, sondern die körperliche Wahrnehmung des faschistischen Mannes. Theweleit interessiert sich nicht für politische Überzeugungen und Argumente, vielmehr möchte er verstehen, was der Faschist fühlt, was ihn im Innersten antreibt. Für Theweleit ist es Angst vor der Auflösung des eigenen Ich. Manches an dem ursprünglich als Dissertation verfassten Werk lässt sich kritisieren: der lockere Umgang mit Quellen, die bisweilen ausufernden Zitate, die Neigung des Autors zum Psychologisieren, seine undifferenzierte Kapitalismuskritik. Dennoch lohnt sich die Lektüre des Buches, das auch heute noch überzeugende Erklärungen für bestimmte männliche Verhaltens- und Denkmuster liefert.

Take-aways

  • Klaus Theweleits 1977/78 erschienene Dissertation Männerphantasien gilt als eines der ersten Bücher zur Männerforschung und Körpergeschichte.
  • Inhalt: Der faschistische Mann, der in jeder Epoche und Staatsform vorkommt, ist durch seine erzwungen festen Körpergrenzen gekennzeichnet. Er hat Angst vor Körperauflösung durch Lustempfinden und Entspannung. Frauen teilt er in unantastbare Heilige und schmutzige Huren ein und hält sie sich so vom Leib. Einen Ersatz für lustvolle körperliche Befriedigung findet er in Krieg und Gewalt. Gegen seine Angst vor Ich-Auflösung schafft er Konstrukte wie Staat, Rasse und Nation.
  • Theweleit stützt sich vor allem auf die Freikorpsliteratur der frühen 1920er-Jahre.
  • Sein Buch ist mit zahlreichen Bildern, Fotos und Comics angereichert, der Stil betont unakademisch und mitunter polemisch. 
  • Theweleit wendet sich gegen Freuds Ödipustheorie sowie gegen die kopflastige Faschismuskritik der Frankfurter Schule.
  • Er versucht, die Faschisten ernst zu nehmen und ihre Motivation zu verstehen sowie psychologisch zu erklären.
  • Der Autor berichtet auch von persönlichen Gewalterfahrungen in der Familie.
  • Seine Betonung von Sexualität als Politikum spiegelt den damaligen Zeitgeist der 68er-Studentenbewegung wider.
  • Männerphantasien wurde rasch zu einem Bestseller im linksalternativen Studentenmilieu.
  • Zitat: „Das Faschismusproblem erscheint (…) als eines der ‚normalen‘ Organisation unserer Lebensverhältnisse und als keineswegs gelöst.“
 

Zusammenfassung

Die namenlose Frau

In den autobiografischen Schriften von Angehörigen des nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Freikorps, darunter spätere Nazigrößen wie Rudolf Höß, Gerhard Roßbach und Manfred von Killinger, der Autor Ernst von Salomon und der Theologe Martin Niemöller, werden die Ehefrauen nur am Rande erwähnt. Sie gebären Kinder, unterstützen die Männer und ermuntern sie, für das Vaterland zu kämpfen. Sie zeigen sich tapfer und gefühlsmäßig zurückhaltend. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht mit Namen genannt und als unbelebte, idealisierte Figuren erscheinen, nicht als Frauen aus Fleisch und Blut. Das Kennenlernen der Ehepartner läuft immer über die Eltern oder die Brüder der Frau, was ihre Reinheit und Jungfräulichkeit garantiert. Die Helden der Freikorpsromane, zu denen auch die Romane Ernst Jüngers gezählt werden können, sind in der Regel unverheiratet oder ihre Braut ist gestorben. Ihre Liebe gilt dem Vaterland, weniger der Frau. Ihr Selbstwertgefühl gründet auf Deutschland, nicht auf einer Beziehung zu einer wirklichen Frau – danach haben sie kein Bedürfnis.

„Denn im Töten liegt die Ekstase, nicht daheim bei dem langweiligen Weib.“ (S. 57)

Je mehr die Frau verschwindet, entwirklicht und entsexualisiert wird, desto schärfer wird die Kontur des Mannes. Von der sinnlichen, erotischen Frau fühlt er sich bedroht, er wehrt sie ab. Stattdessen richtet sich seine Liebe auf Volk und Vaterland, auf die Heimat, auf Tiere – vor allem Pferde –, Waffen, die eigene Truppe und die Jagd.

Hure oder Heilige

Die proletarische Frau erscheint in dieser Literatur als der Inbegriff der erotischen Frau. Sie wird dargestellt als schamlose Hure, als bewaffnetes Weib, das den Mann mit ihrer Pistole kastriert. Tatsächlich emanzipierten sich die proletarischen Frauen während des Ersten Weltkrieges von der reinen Hausfrauenrolle, übernahmen Männeraufgaben und gewannen dadurch an Selbstbewusstsein. Sie waren sexuell aktiv, regten die Fantasie der aus kleinbäuerlichen oder -bürgerlichen Verhältnissen stammenden Freikorpssoldaten an und erschienen ihnen zugleich bedrohlich. 

„Sie ist eine Naturkatastrophe, eine Missgeburt. Die Sexualität der proletarischen Frau/Hure mit der Waffe/Kommunistin ist darauf aus, den Mann zu kastrieren und zu zerfetzen, und es scheint ihr imaginärer Penis zu sein, der ihr die schreckliche Macht dazu verleiht.“ (S. 104)

Im krassen Gegensatz dazu steht der Typ der guten Frau. Das wahre Liebesobjekt der soldatischen Männer sind Mutter- oder Schwesterfiguren, heimatverbunden und schützend, engelsgleich und sanft. Sie haben blasse, maskengleiche Gesichter und sind unbedingt männerlos. Aber einer Vereinigung steht das Inzesttabu entgegen. Wenn diese Männer überhaupt heiraten, bevorzugen sie die Schwestern von Kameraden. Interessant ist dabei die Figur der Krankenschwester: Die „rote Krankenschwester“ ist gleichsam eine Hure für die Soldaten und regt auch entsprechende Bedürfnisse an. Zu den „weißen Krankenschwestern“ hingegen haben die Männer Mutter-Sohn- bzw. Schwester-Bruder-Beziehungen, unbedrohlich und ohne jegliche Ansprüche und Sexualität.

Faschismus als Lebensvernichtung

Die Angst vor der Rache der Frauen beschränkt sich nicht auf reaktionäre Männer und auch nicht auf das Bürgertum. Auch Revolutionäre und Arbeiter fürchten die Frauen, auch für sie sind diese keine Menschen. Es handelt sich dabei um ein klassenübergreifendes Phänomen der patriarchalisch-kapitalistischen Gesellschaft. Der faschistische Mann bildet nur die Spitze des Eisbergs. Seine Unfähigkeit, eine wirkliche Beziehung zu einer Frau einzugehen, seine Abwehr der „guten“ bzw. seine Vernichtungswünsche der „bösen“ Frau sind nicht dem Freudʼschen Ödipuskomplex geschuldet, sondern Ausdruck einer Angst vor allem Lebendigen.

„Der Monumentalismus des Faschismus scheint sich als ein Sicherheitsmechanismus gegen die verwirrende Vielfalt des Lebendigen verstehen zu lassen. Je lebloser, geordneter, monumentaler die Realität erscheint, desto sicherer fühlen sich diese Männer. Die Gefahr ist die Lebendigkeit selbst.“ (S. 267)

So ist auch der Faschismus nicht an eine Staats- oder Wirtschaftsform gebunden, sondern es handelt sich um eine bestimmte Art und Weise der Realitätsproduktion, die sich bis in die heutige Gesellschaft fortsetzt. Die Unterscheidung in männliche und weibliche Sexualität ist keineswegs natürlich, vielmehr gesellschaftlich gemacht. Der Mann im Patriarchat ist beherrschend und letztlich tödlich, er unterdrückt die Frau und beraubt sie aller Lebendigkeit.

Die Entstehung des Körperpanzers

Für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und die anschließenden revolutionären Veränderungen verwendeten reaktionäre Kräfte gern das Bild der Flut. Politische Vorgänge wurden somit als Naturkatastrophe beschrieben. Bolschewistische Aktionen, Streiks und Demonstrationen erschienen als „rote Flut“, die ebenso wie die erotische Frau den Körper des soldatischen Mannes bedroht. Ob Kommunistenstrom oder Luststrom: Die Ströme dürfen nicht fließen, dagegen errichtet der soldatische Mann äußere wie innere Grenzen und Dämme. Er bildet einen Körperpanzer.

Dieser Prozess der Ich-Eingrenzung beginnt bereits im 15. Jahrhundert. Der Mann, der Meere überquert, fremde Länder erobert und von Unternehmergeist getrieben ist, legt sich einen Panzer zu, indem er sich selbst kontrolliert und diszipliniert und seine Affekte dämpft. Zur selben Zeit setzen sich Monogamie und die bürgerliche Kleinfamilie durch, was den sexuellen Kontakt zu anderen Körpern erschwert, die Menschen entsexualisiert und Eheleute durch die erzwungene Nähe einander entfremdet. Die Ehefrau ist asexuell, identitätslos und zeugt Kinder. Männer begehren unerreichbare „höhere“ Frauen des Adels, später Covergirls oder die Frau des Chefs – allerdings lediglich mit Blicken. Um unerreichbar zu bleiben, dürfen sie nicht wirklich angefasst werden.

„Der Körper darf nicht Körper werden. Er muss Repräsentierendes bleiben und Unerreichbares.“ (S. 453)

Durch die Verbote und die Geheimnistuerei um alles Geschlechtliche wird der heranwachsende Mann erst auf Sexualität fixiert. Er strebt nach Erlösung und sein Wunsch richtet sich auf die nächsten Frauen in seinem Umkreis, Mutter und Schwester, die jedoch mit dem Inzesttabu belegt sind. Dass er später von ihnen nicht loskommt, ist die Folge einer vorzeitigen Loslösung des noch nicht zum Ich gewordenen Jungen aus der frühen Mutter-Kind-Symbiose.

Die Ungleichheit der Geschlechter

Für den soldatischen Mann − und nicht nur für ihn − sind alle Frauen Prostituierte oder Unantastbare. Eine Liebesbeziehung einander ebenbürtiger Personen kann er nicht eingehen, sein Verhältnis zu Frauen ist durch Macht und Herrschaft geprägt. Dieser Mangel an Körperlichkeit und Gleichheit in der Beziehung, der im Einzelnen durch Erziehung und Repression installiert wird, erhält das gesamte Herrschaftssystem aufrecht. Die Hierarchie ist klar festgelegt: Der Mann ist oben, die Frau unten.

Auch die auf den ersten Blick frauenfreundliche Haltung des nichtfaschistischen Mannes entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Entpersönlichung und Entkörperlichung der Frau. Schriftsteller und Dichter von Mörike bis Benn, von Apollinaire bis Henry Miller besingen den Körper der Frau, der ihnen die Möglichkeit des Fließens, der Entgrenzung verheißt. Die erotische Frau erscheint als diesseitiges Paradies, doch auch sie bleibt namenlos. Auch hier geht es nicht um konkrete Frauen, sondern um Wunschträume, Idealbilder und eine Form der Überhöhung, die letztlich allerdings nichts anderes als Unterdrückung ist.

„So banal es vielleicht klingen mag, der radikale Verzicht auf jede Art höherer Tochter oder höherer Mutter, auf jede Verehrung von Frauenbildern der Ferne oder Höhe, wäre demnach ein wesentlicher Schritt zur Emanzipation des Mannes (…)“ (S. 453)

Die Unterdrückung durch Überhöhung der Frau ist ein Grundmuster, das die verschiedenen historisch aufeinanderfolgenden Gesellschaften verbindet. Über Jahrhunderte hinweg dienen das Fernhalten der Frauen von Arbeit, ihre Reduktion auf Hausarbeit und ihre Entsexualisierung als Mittel, die Herrschaft des Mannes zu sichern.

Schmutz, Schleim, Sumpf

Ursprünglich als lustvoll empfundene, mit der Ausscheidung von Substanzen verbundene Vorgänge des Körpers sind für den soldatischen Mann negativ besetzt. Jede Lustempfindung wehrt er panisch ab. Die Sauberkeitserziehung des Kleinkindes beinhaltet Schuldgefühle und Scham. Von Anfang an lernt es, seine Körperströme, den inneren Schmutz und Schlamm, einzusperren. Denn gegen diese Ströme helfen, anders als bei roten Fluten, keine Truppen, Waffen oder Massenaufmärsche.

„Alles, was weich ist, was Lust ist, was Entspannung ist, muss bekämpft werden. Sich entspannen scheint identisch zu sein mit einer Kapitulation in dem immerwährenden Kampf, den ein deutscher Mann führen muss, um es zu bleiben.“ (S. 477)

Wer sich entspannt, sein Inneres herauslässt, ist ein Feigling. Körperströme sind peinlich und lästig. Das Einzige, was fließen darf, sind Schweiß, das Blut der anderen und Alkohol. Wer nicht standhält, den inneren Schweinehund bekämpft, Haltung bewahrt und buchstäblich die Arschbacken zusammenkneift, hat bald die Hosen voll − und das löst Scham aus.

„In dieser Situation wird der soldatische Mann für den Moment selbst zu Scheiße, beschmutzt, zerfließend, stinkend. Der Ausbruch des eigenen Unbewussten kommt über ihn in der Form des Zusammenbruchs, sein Wunsch als Kot.“ (S. 497 f.)

Das Bild des Schmutzes und Schleims wird in der faschistischen Propaganda auch auf die Situation nach dem Ersten Weltkrieg übertragen. Nach dem Zusammenbruch droht Deutschland im kommunistischen Schmutz zu versinken. Die Republik wird mit einem Sumpf verglichen, den es trockenzulegen gilt − ebenso wie die inneren Sümpfe.

Krieg, Masse, Rasse und Nation

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg fühlten sich die soldatischen Männer des verlustreichen deutschen Heeres ihrer Funktion und Daseinsberechtigung beraubt und suchten in den Freikorps einen Ersatz. Im Allgemeinen wird der Krieg vom soldatischen Mann herbeigesehnt, denn er ermöglicht es ihm, das eingesperrte Innere, das auch als „tierisch“ abgewertet wird, endlich herauszulassen.

„Nur der Krieg verspricht, dass das innere Tote zum Leben kommt. Krieg ist Wiedergeburt, ist Auferstehung der gestorbenen Masse der toten Wünsche.“ (S. 561)

„Masse“ ist für den Faschisten dagegen ein widersprüchlicher Begriff. Einerseits verachtet er die Masse und fühlt sich als etwas Besseres, andererseits liebt er Massenaufzüge. Dabei handelt es sich indes um eine kontrollierte, in bestimmte Bahnen gelenkte Massen mit einem Anführer an ihrer Spitze und nicht um eine wilde Flut, die ihn zu überschwemmen droht. Das Gegenteil von Masse ist die Kultur. Der Deutsche beansprucht die Kultur für sich und grenzt sich so gegen die Masse der übrigen Welt ab. Diese hohe Kultur wird von einzelnen Männern getragen und ist nur für wenige bestimmt. Die Natur, das Weibliche und das Unbewusste sind aus diesem Kulturbegriff ausgegrenzt.

Auch die Vorstellung der eigenen Rasse, durch die der soldatische Mann seinen Körperpanzer definiert, dient der Aufrechterhaltung des vom Zerfall bedrohten Ich. Die Zugehörigkeit zur arischen Rasse hebt ihn aus der Masse hervor und jede fremde Rasse, vor allem aber die jüdische, muss ausgelöscht werden. Der Gedanke an eine Vermischung von Rassen versetzt den soldatischen Mann in Angst und Schrecken, denn dadurch würde sein Körperpanzer zerstört und sein Ich würde sich auflösen.

Auch der Begriff der Nation dient der Selbstvergewisserung des brüchigen Ich. Er bezieht sich nicht auf Landesgrenzen, auf die Staatsform oder die Nationalität, sondern auf eine Form von Männergemeinschaft. Sie macht den inneren Kern des soldatischen Mannes, seine deutsche Seele aus.

„Wenn die deutsche Seele seine Seele ist, dann spricht er von Deutschland als von sich selbst – das Heer, die hohe Kultur, Rasse, Nation, Deutschland, sie alle scheinen wie den eigenen Körperpanzer umfassende größere, sichere Körperpanzer zu funktionieren; wie sein ‚verlängertes Selbst‘.“ (S. 628)

Das Ich des soldatischen Mannes wurde ihm von außen übergestülpt. Seine Körpergrenzen sind nicht durch liebevolle mütterliche Berührungen entstanden, sondern durch Abwehr, Ekel und später Prügel. Im Lauf der Kindheit ist ihm ein Körperpanzer gewachsen, doch der ist unvollständig, brüchig und ständig von Zerfall bedroht − daher auch das Verlangen des faschistischen Mannes nach Grenzziehung jeder Art. Zur Erhaltung des Ich und Abgrenzung des Inneren bedarf es solcher Konstrukte wie Rasse oder Nation. Daraus erwächst der ständige Drang des faschistischen Mannes, sich in ein „Wir“ − ob Hausgemeinschaft, Verein, Partei, Volk oder die arische Rasse − einzuordnen.

Bewusstsein und Projektion

Den soldatischen Männern liegt zwar jede Art von Logik oder kritischem Denken fern, dumm sind sie jedoch nicht. Ihr Bewusstsein ist nur permanent darauf ausgerichtet, alles zu kontrollieren − ob in der nahen Umgebung oder der ganzen Welt.

„Ihr Bewusstsein ist eines des Bedrohtseins, ein quälendes. Immer spürt der Körper den Brei, das Versinken kommen und schon tritt der Kopf in Funktion, zu erkennen, woher es kommt.“ (S. 822)

Seine permanente Furcht vor Kontrollverlust wie auch der unbedingte Drang, Haltung zu bewahren, äußern sich körperlich in der Anspannung der Nackenmuskulatur und des Unterkiefers. Immer ist er aktiv, steht er unter Strom, muss er eine äußere oder innere Bedrohung abwehren.

So wie der soldatische Mann nicht unintelligent ist, so ist auch das, was er wahrnimmt, nicht per se falsch: Die erotische Frau könnte ihn tatsächlich auflösen und der jüdische junge Mann ist wirklich charmanter als er selbst und die Studentenfeiern können im Vergleich zu den eigenen kargen Vergnügungen wirklich als Orgien erscheinen. Umso wichtiger ist es, auf solche Projektionen des faschistischen Mannes einzugehen, sie ernst zu nehmen.

„Das wäre, denke ich, die Voraussetzung für die politische Arbeit mit faschismusanfälligen Menschen: die ernst nehmende Anerkennung dessen, was sie an denen, die sie so begierig hassen, wahrnehmen.“ (S. 830)

Die richtige Antwort, um zu einer Verständigung mit Faschisten zu gelangen, lautet nicht: „Nein, wir sind ganz anders“, sondern „Ja, so kann man uns auch sehen“. 

Die Allgegenwart des Faschismus

Zwar ist es wichtig, zwischen den aktiven Faschisten und den reinen Mitläufern zu unterscheiden. Bei beiden lässt sich jedoch die Tendenz beobachten, dass sie sich zunächst einmal als „deutsche Männer“ definieren und daraus einen Anspruch auf Macht bzw. auf Selbstverwirklichung und die Unterdrückung anderer ableiten. Gemeinsam ist beiden auch die Verbarrikadierung in unsinnlichen Ehen, beziehungslosen Nachbarschaften und Hierarchien. Dies ist die Realität, die der Faschismus jenseits von Staatsformen oder Wirtschaftssystemen produziert.

Das Verführtwerden der Massen, die Nachkriegszeit und die Weltwirtschaftskrise der 20er-Jahre können den Sieg des Nationalsozialismus nach 1933 letztlich nicht erklären. Der Typ Mann, der für den Sieg des Faschismus so wichtig war, existierte auch vorher schon. Er ist ein Produkt der Erziehung im Wilhelminischen Reich. Zugleich sind faschistische Grundzüge in verschiedenen historischen Epochen beobachtbar und auch heute vorhanden.

„Das Faschismusproblem erscheint (…) als eines der ‚normalen‘ Organisation unserer Lebensverhältnisse und als keineswegs gelöst.“ (S. 932)

In die falsche Richtung zielt die Erklärung, den politischen Faschisten als einen verarmten Bürger, als ökonomisch Entwerteten zu sehen. Er ist immer schon, auch vor seiner konkreten Politisierung, Faschist gewesen, und zwar ein innerer Faschist, ein „Faschist der Gefühle“.

Zum Text

Aufbau und Stil

Klaus Theweleits mehr als 1000 Seiten starke Studie Männerphantasien besteht aus zwei Teilen, die wiederum in mehrere Kapitel und Unterkapitel gegliedert sind. Dabei ist eine klare argumentative Linie nur schwer erkennbar. Der Autor schneidet oft Themen an und greift sie später erneut auf, baut Exkurse ein und schweift ab, was dem Text etwas von mündlicher, spontaner Rede verleiht. Zur Veranschaulichung seiner Thesen führt er literarische Quellen verschiedenster Art an, aus denen er ausgiebig, teilweise kommentarlos zitiert. Das Buch enthält zudem eine Fülle von Bildern, Fotografien und Comics, deren Bezug zum Text nicht immer klar wird. Theweleits Stil ist eher assoziativ und reicht von unterschwelliger Ironie über spitze Kommentare bis hin zu offenem Sarkasmus. Seine Sprache ist je nach Thematik mal wissenschaftlich-akademisch, etwa wenn er die Erkenntnisse der Psychologie referiert, mal schnoddrig, polemisch und vulgär.

Interpretationsansätze

  • Theweleit analysiert die körperlichen Wahrnehmungen und Empfindungen von Faschisten. Im Zentrum stehen dabei Schriften von Soldaten der Freikorps − paramilitärische Verbände, die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland entstanden. Damit setzt er sich von der traditionellen Faschismusforschung ab, die politische Inhalte oder Ideologien der Nationalsozialisten behandelt.
  • Theweleit versucht, die Attraktivität des Faschismus zu verstehen und die innere Motivation der Faschisten ernst zu nehmen. Dabei kritisiert er nicht nur Sigmund Freud, der sich für das vorsprachliche Kleinkind nicht interessiert habe, sondern auch Theodor W. Adorno und die Frankfurter Schule, denen er Kopflastigkeit und Fixierung auf das kritische Bewusstsein vorhält.
  • Auch wenn Theweleit sich gegen einfache psychologische Erklärungen verwahrt, neigt er selbst zum Psychologisieren. Als Kronzeugen für seine Thesen führt er den Psychologen Wilhelm Reich, die Psychologinnen Margaret Mahler und Melanie Klein sowie die Philosophen Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari an, die sich mit den „inneren Machtstrukturen“ beschäftigten und in den 1970er-Jahren bei linken Studenten hoch im Kurs standen.
  • Theweleit lässt auch persönliche Erfahrungen und Erinnerungen einfließen. So schildert er, wie er als Kind von seinem Vater geschlagen wurde, und bringt damit „den in einem selbst vergrabenen Gewaltkomplex“ zur Sprache. Damit setzt er sich in Widerspruch zu der sonst im linksalternativen Milieu der 1960er- und 1970er-Jahre verbreiteten Haltung, faschistische Charakterstrukturen stets nur bei der Elterngeneration zu suchen und zu verurteilen.
  • In Theweleits Werk wird die Erweiterung des traditionellen Politikbegriffes in den 1970er-Jahren sichtbar. Bereiche wie Ehe, Sexualität, Erziehung werden als ein Politikum verstanden und die Grenzen zwischen öffentlich und privat verschwimmen.

Historischer Hintergrund

Die Studenten- und Frauenbewegung ab 1968

In der Bundesrepublik Deutschland kam es nach der Phase des ökonomischen Wiederaufbaus und der politischen Stabilisierung und Westorientierung ab den späten 1950er-Jahren zu tief greifenden Veränderungen. Um 1960 rückte die personelle Kontinuität zwischen Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, die sich in Behörden und Beamtenapparat widerspiegelte, erstmals ins öffentliche Bewusstsein. Zugleich regte sich Widerstand gegen die von der Koalition aus CDU/CSU und SPD geplanten Notstandsgesetze, die es der Regierung ermöglichen sollte, zeitweise Grundrechte außer Kraft zu setzen. Die Proteste erreichten im Jahr 1968 ihren Höhepunkt. Tausende von Studenten demonstrierten gegen verkrustete politische Strukturen und mangelnde Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte fand eine moralische und politische Auseinandersetzung mit Nazideutschland statt, die nicht von außen auferlegt war, sondern von innen heraus erfolgte. Großväter und Väter, Lehrer und Vorgesetzte sahen sich den drängenden Fragen und Vorwürfen der nachfolgenden Generation ausgesetzt.

Neben autoritären gesellschaftlichen und politischen Strukturen und unbefriedigenden Formen der Vergangenheitsbewältigung stand auch die rigide Sexualmoral der 1950er- und frühen 1960er-Jahre im Zentrum der studentischen Kritik. Die sogenannte sexuelle Revolution, die um 1968 stattfand, führte zu einer Politisierung der Sexualität und lenkte den Blick verstärkt auf den Körper, der als Politikum verstanden wurde. Sexualität, so lautete eine in linksalternativen Kreisen verbreitete Grundannahme, beruhe auf Unterscheidungen, die soziale Hierarchien und ein Geschlechterverhältnis herstellten, das fälschlicherweise als etwas Naturgegebenes, Natürliches betrachtet werde. Den Konstruktionscharakter der Geschlechterbilder bzw. -hierarchie aufzudecken, war eines der Hauptanliegen der Studentenbewegung.

Nach 1968 erstarkte zunehmend auch die Frauenbewegung. Zwar war seit 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz verankert. Der Alltag sah jedoch anders aus. Durch das bundesrepublikanische Ehe- und Familienrecht besaß der Mann als Familienoberhaupt die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt über seine Frau und Kinder. Eine Frau durfte ohne die Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten gehen und hatte ihm sexuell zur Verfügung zu stehen. In den frühen 1970er-Jahren entstanden überall in Deutschland Frauengruppen und auch Männergruppen, die zum Ziel hatten, mit traditionellen Rollenbildern zu brechen. Gleichzeitig begann man, die eigene Körperlichkeit zu entdecken. In Wohngemeinschaften und Kommunen wurden körperliche Nähe und Intimität, Authentizität und Natürlichkeit großgeschrieben. Körperliche Abgrenzungen oder Verspannungen sollten unter anderem durch Sexualität und Meditation abgebaut werden.

Entstehung

Ursprünglich sollte Klaus Theweleit nur ein Kapitel über den „Weißen Terror“ zum Buch Märzrevolution 1920 des Historikers Erhard Lucas schreiben. Darum beschäftigte er sich mit den Freikorpssoldaten im Ruhrgebiet 1920. Im Vorwort zu Männerphantasien sagt er, die universitären Faschismustheorien seien ihm albern vorgekommen, wenn er seine Frau Monika Theweleit-Kubale, die als Psychologin arbeitete, von ihrem Alltag aus der Klinik erzählen hörte. Sie sei es auch gewesen, die ihn mit einer anderen Art des Lesens konfrontiert habe. Texte, die er für eindeutig hielt, erschienen ihr ambivalent. Sie habe ihn darin unterstützt, gängige Ansichten über den faschistischen Mann umzuformulieren.

Bei Männerphantasien handelt es sich nach Theweleits eigener Aussage um eine „Autobiografie in der Hülle der Dissertation“. Für die Dissertation entschied er sich, weil er dafür ein Stipendium erhielt und die Chancen, einen Verlag zu finden, sich dadurch vergrößerten. Neben der Arbeit an seinem Buch betreute er seinen kleinen Sohn, während seine Frau ihrem Beruf als Psychologin nachging. 1977 wurde Theweleit mit seiner Arbeit Freikorpsliteratur: Vom deutschen Nachkrieg 1918−1923 am Germanistischen Seminar in Freiburg promoviert. Die Dissertation wurde mit „summa cum laude“ bewertet und erschien unter dem Titel Männerphantasien 1977/78 im Verlag Roter Stern.

Wirkungsgeschichte

Nicht nur in linksalternativen Publikationsorganen, auch im Spiegel, in der Zeit, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und weiteren überregionalen Medien wurde Männerphantasien gewürdigt. Es war eines der ersten Werke, das sich mit Männerforschung und Körpergeschichte befasste. Rudolf Augstein nannte Männerphantasien in seiner Rezension die „aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“.

Das Buch entwickelte sich vor allem in linksalternativen Kreisen rasch zu einem Bestseller. Es wurde ins Englische, Italienische, Schwedische, Holländische und Serbokroatische übertragen. Vor allem in den USA wurde das Buch überaus positiv aufgenommen. Neben Lob und Anerkennung gab es aber auch viel Kritik. Konservative Historiker bemängelten nicht nur die formale Unstrukturiertheit, sondern auch den unkritischen Umgang mit Quellen und die fehlende Berücksichtigung von Frauen als Täterinnen. Der Konstanzer Historiker Sven Reichardt kritisierte zudem „die Manie des nahezu ubiquitären und oft vorschnellen Psychologisierens“, die für die Zeit typisch gewesen sei.

Über den Autor

Klaus Theweleit wird am 7. Februar 1942 als Sohn eines Eisenbahnangestellten im ostpreußischen Ebenrode geboren. Gegen Kriegsende flieht er mit seinen Eltern und den fünf Geschwistern nach Schleswig-Holstein, wo er aufwächst. Nach dem Abitur studiert er Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaften in Kiel und Freiburg, fühlt sich aber schon bald von dem rein akademischen Zugang zur Literatur abgestoßen. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet er unter anderem im Hoch- und Tiefbau und auf einer Kieler Werft. Drei Jahre lang ist er Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und Aktivist der 68er-Studentenbewegung. Als die Bewegung in zahlreiche dogmatisch-kommunistische Splittergruppen zerfällt, wendet er sich von der Studentenorganisation ab. Auf der Suche nach neuen Kollektiven gründet er in Freiburg ein Kino und eine Free-Jazz-Band. Nebenbei ist Theweleit als freier Mitarbeiter für den Südwestfunk tätig. Er lernt die Psychoanalytikerin Monika Kubale kennen, die er 1972 heiratet und mit der er zwei Söhne bekommt. 1977/78 erscheint seine Dissertation Männerphantasien, die viel Beachtung findet. Theweleit schreibt noch weitere Bücher, darunter 2004 Tor zur Welt über Fußball. Von 1998 bis 2008 ist er Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Verschiedene Lehraufträge führen ihn unter anderem in die Schweiz und nach Österreich. Darüber hinaus ist er als Gastprofessor an den US-Universitäten Dartmouth College, Santa Barbara und Charlottesville, Virginia. Zusammen mit Rainer Höltschl veröffentlicht er 2008 Jimi Hendrix. Eine Biographie. Seit 2009 lebt Theweleit als Professor im Ruhestand in Freiburg.


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