Zusammenfassung von Matto regiert

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Matto regiert Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Kriminalroman
  • Moderne

Worum es geht

Mattos düsteres Reich

Friedrich Glausers Matto regiert aus dem Jahr 1936 ist ein atmosphärisch dichter, sozialkritischer und zugleich autobiografisch inspirierter Kriminalroman. Der knorrige, aber zutiefst humane Wachtmeister Studer soll herausfinden, wer den Direktor der fiktiven psychiatrischen Anstalt Randlingen ermordet hat und weshalb der Patient Pieterlen geflohen ist. In seinem Streifzug durch „Mattos Reich“, das Reich des Wahnsinns, begegnet Studer zahlreichen einfühlsam und überzeugend gezeichneten Figuren, die letztlich an den herrschenden sozialen Verhältnissen, an patriarchalen Machtstrukturen oder schlicht an der stumpfen Grausamkeit ihrer Mitmenschen gescheitert sind und deshalb zu Irren oder Verbrechern wurden. Bedeutung und Reiz von Matto regiert liegen in Glausers psychologischer Sensibilität und seinem Sinn für die Abgründe, die sich hinter alltäglichen Lebensgeschichten auftun. Der etwas überfrachtete und wendungsreiche Krimi-Plot tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Take-aways

  • Gemeinsam mit dem Roman Wachtmeister Studer begründet Matto regiert Friedrich Glausers Stellung als Vater des deutschsprachigen Kriminalromans.
  • Inhalt: Der Direktor einer psychiatrischen Anstalt bei Bern wird ermordet, und ein Patient ist entflohen. Der rätselhafte Dr. Laduner führt Wachtmeister Studer in die Anstalt ein. Es kommt zu weiteren Todesfällen, an denen Studer zumindest eine Mitschuld trägt.
  • Die Insassen der Heilanstalt werden fast ausnahmslos als arme Teufel dargestellt, die in einer gnadenlos materialistischen Gesellschaft unter die Räder gekommen sind.
  • Die Auflösung des ohnehin reichlich verwirrenden Krimi-Plots vermag nicht restlos zu überzeugen, weil sich eine Nebenfigur als Täter herausstellt.
  • Der Roman fasziniert durch seine dichten Beschreibungen der Anstaltsatmosphäre und durch die psychologische Feinzeichnung der Hauptfiguren.
  • Friedrich Glauser war im Lauf seines kurzen Lebens selbst mehrmals in psychiatrischen Kliniken interniert.
  • Wachtmeister Studer wurde zum literarischen Urvater der eigenbrötlerischen, aber einfühlsamen Schweizer Kommissarfiguren, die auch Friedrich Dürrenmatts Werk prägen.
  • Die Psychiatrie Anfang des 20. Jahrhunderts sah ihre Aufgabe in der Bekämpfung „sozialer Schädlinge“, weshalb sie unter anderem zum Mittel der Zwangssterilisation griff.
  • Die Titelfigur des Matto, der angeblich die Welt regiert, ist die Einbildung eines der Anstaltsinsassen, und kann auch als Kritik an Hitler gelesen werden.
  • Zitat: „Auf dem Grunde aller Menschen hockte die Einsamkeit.“

Zusammenfassung

Zwei Vermisste

Um fünf Uhr morgens wird Wachtmeister Studer aus dem Schlaf geklingelt. Am Telefon ist der kantonale Polizeidirektor. Aus der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen ist ein Insasse namens Pieterlen entflohen, und auch der Direktor der Anstalt, Ulrich Borstli, ist verschwunden. In einer halben Stunde, so der Polizeidirektor, werde Studer von einem gewissen Dr. Laduner abgeholt; dieser habe ausdrücklich gewünscht, dass sich Studer persönlich um den Fall kümmern möge. Als der Psychiater erscheint, redet er Studer an, als würde er ihn schon lange kennen, doch der Wachtmeister kann sich nicht an ihn erinnern. Auf dem Weg zur Heilanstalt frischt der Arzt das Gedächtnis des Polizisten auf: Laduner war einst Assistent eines fortschrittlichen Pädagogen, der in Wien mit großem Erfolg ein antiautoritäres Erziehungsmodell für schwierige Jugendliche erprobt hatte. Nun erinnert sich Studer und es kommt ihm vor allem eine Szene in den Sinn: Anlässlich einer Ermittlung in Wien betrat er einmal ein halb zerstörtes Zimmer, in dem gerade ein Junge mit einem Messer auf einen anderen losging. Laduner stand beobachtend in der Ecke und rührte keinen Finger. Plötzlich ließ der Angreifer seine Waffe fallen und begann loszuheulen wie ein geprügelter Hund. Doch damals in Wien hat Laduner noch nicht das maskenhafte Lächeln getragen, mit dem er Studer nun irritiert. Und hockt nicht die Angst in den Augen des Psychiaters?

Brot und Salz

Unter allerlei geschwollen klingenden, mit Fremdwörtern und hochdeutschen Wendungen gespickten Reden führt Laduner den Ermittler in die große, hufeisenförmig angelegte Heilanstalt ein. Er hat dem Gast ein Zimmer in seiner eigenen Wohnung herrichten lassen, und so lernt Studer Greti kennen, die gastfreundliche, sympathische Ehefrau des Arztes. Beim Frühstück greift Laduner plötzlich nach dem Brotkorb und dem Salzfässchen und fragt in pathetischem Ton: „Wollen Sie Brot und Salz nehmen, Studer?“ Dann murmelt er vor sich hin: „Der Gastfreund ist unverletzlich.“ Laduner erzählt, Direktor Borstli sei nach einem Anstaltsfest, in dessen Verlauf man ihn ans Telefon gerufen habe, spurlos verschwunden. Er deutet an, Borstli sei ein Alkoholiker und Schürzenjäger. Laduner wirft mit so vielen Namen von Ärzten, Pflegern und Wächtern um sich, dass Studer seinen Notizblock zückt und umständlich mitzuschreiben beginnt.

„Da wurde man am Morgen, um fünf Uhr, zu nachtschlafender Zeit also, durch das Schrillen des Telefons geweckt. Der kantonale Polizeidirektor war am Apparat, und pflichtgemäß meldete man sich: Wachtmeister Studer.“ (S. 9)

Bei einem ersten Rundgang durch die Anstalt spricht Laduner kurz mit einem Patienten namens Caplaun. Studer erinnert sich an einen Oberst gleichen Namens, der aufgrund einer lange zurückliegenden Bankenaffäre für Studers Entlassung aus den Reihen der Berner Stadtpolizei gesorgt hat. Der Insasse sei der Sohn des Obersten, er leide an einer Angstneurose, sagt Laduner. Studer besichtigt das verwüstete Büro des verschwundenen Direktors Borstli und spricht mit dem Portier Dreyer, der an der Hand verletzt ist. Borstli habe kurz vor seinem Verschwinden von der Krankenkasse 1200 Franken erhalten. Dann besichtigt Studer den Saal, in dem das Fest gefeiert wurde. Dabei entdeckt er einen an den Direktor gerichteten Zettel, auf dem dieser in Schülerinnenschrift zu einem Spaziergang aufgefordert wird.

Matto und ein Fund im Heizungskeller

Studer begleitet Dr. Laduner auf seiner täglichen Visite und lernt dabei Ärzte, Pfleger und Patienten kennen – unter anderem einen Herrn, der einst einen Bundesrat mit einer Pistole bedroht hat und sich nun als Revolutionär gebärdet. Ein Nachtwächter namens Bohnenblust berichtet, er sei in der verhängnisvollen Nacht, als der Direktor und der Patient Pieterlen verschwanden, niedergeschlagen worden. Studer erfährt, dass Pieterlen ein Verhältnis mit der 22-jährigen Pflegerin Irma Wasem hatte, dass diese aber in letzter Zeit auch häufig mit dem Direktor gesehen worden sei. Unter Pieterlens Matratze findet der Ermittler ein Stück grauen Stoff. Der rothaarige Pfleger Gilgen, den Studer spontan sympathisch findet, stellt ihm den Patienten Schül vor, der in der Fremdenlegion gedient hat und dessen Gesicht durch eine Kriegsverwundung entstellt ist. Schül ist besessen von der Vorstellung, die Welt werde von einem gewissen Matto regiert und dieser schieße jeweils nachts aus dem Fenster des Zimmers hervor, unter dem Studer einquartiert ist. Schül liest dem Polizisten ein seltsam schönes Prosagedicht über Matto vor.

„Damals in Wien hatte der Arzt noch nicht das Maskenlächeln getragen, das Lächeln, das aussah, als sei es vor einem Spiegel aufgeklebt worden ...“ (über Dr. Laduner, S. 15)

Gilgen erzählt, der verschwundene Pieterlen habe vor seiner Einlieferung in die Heilanstalt im Gefängnis gesessen, weil er in verzweifelter Armut sein neugeborenes Kind erstickt habe. Von der Pflegerin Irma Wasem erfährt Studer, dass der Direktor kurz vor seinem Verschwinden mit dem Abteilungspfleger Jutzeler Streit gehabt habe. Studer durchsucht die Anstalt und findet tatsächlich in einem Heizungskeller die Leiche des Direktors; in der Nähe des Toten liegt ein mit Sand gefüllter Totschläger aus Stoff – von demselben Material, das er unter Pieterlens Matratze gefunden hat. Dr. Laduner will Borstlis Tod offiziell als Unfall darstellen.

„Matto! Glänzend! Matto hieß ja verrückt auf Italienisch. – Matto! Das hatte Klang!“ (S. 28)

Abends, in der Wohnung von Dr. Laduner, lässt der Gesang von dessen Ehefrau Greti den Polizisten in Nostalgie versinken. Danach erzählt ihm Greti, dass Laduner die Anstalt nach modernen Kriterien neu organisiert habe, dass jedoch der alte, trunksüchtige Direktor die öffentliche Anerkennung für diese Reformen geerntet habe. Studer betritt die Wohnung des toten Borstli und spürt eine Atmosphäre unfassbarer Einsamkeit. Der Pfleger Gilgen bringt ihm eine schriftliche Fassung von Schüls Gedicht. Er erzählt Studer von seinen Sorgen, seinen Schulden und seiner kranken Frau. Weil er einige Male Wäsche und Schuhe von Patienten getragen habe, habe der alte Direktor ihn entlassen wollen, und der Pfleger Jutzeler habe deshalb geplant, einen Streik auszurufen. Als Studer kurz darauf Laduners Arbeitszimmer betritt, liegt der Sohn des Oberst Caplaun weinend auf einer Couch, während der Doktor rauchend danebensitzt. Studer geht in sein Zimmer, schläft ein und schwitzt im Traum.

Rechtfertigungen für einen Kindsmord

Am folgenden Tag führt Studer ein langes Gespräch mit Laduner, das Thema ist der entflohene Patient Pieterlen. Der Monolog des Arztes läuft auf eine Rechtfertigung von Pieterlens Kindsmord hinaus: Zum einen habe dieser aus Verzweiflung über seine Armut gehandelt, zum anderen sei er schon damals psychisch krank gewesen. Doch der Bezirksanwalt habe den Angeklagten „einsalzen“ wollen, weil dessen freche Antworten ihn erbosten. Aus Mitgefühl und sozialem Verantwortungsbewusstsein sei Laduner Pieterlens Vormund geworden und habe alles getan, um ihm das Leben in der Anstalt zu erleichtern. In einem Gespräch mit Nachtwächter Bohnenblust findet Studer heraus, dass dieser Pieterlen in der Tatnacht in den Aufenthaltsraum gelassen habe, um eine Zigarette zu rauchen, worauf der Kranke nicht zurückgekehrt sei. Außerdem weiß Bohnenblust zu berichten, dass Laduner seit einiger Zeit eine neue Kur ausprobiere, die schon ein paar Insassen das Leben gekostet habe. Ein anderer Nachtwächter erzählt dem Wachtmeister, dass er in der fraglichen Nacht Dr. Laduner dabei beobachtet habe, wie er jemanden verfolgte.

„(...) nun bin ich eingesperrt, und hätte ich meinen Freund nicht, Matto, den Großen, der die Welt regiert, ich wäre einsam und könnte verrecken. Er aber ist gütig, und mit seinen gläsernen Nägeln fährt er in die Gehirne meiner Peiniger, und wenn sie stöhnen im Schlaf, so lacht er ...“ (Schül über Matto, S. 56)

Beim nächsten Treffen mit Dr. Laduner wird der Psychiater vom Pfleger Gilgen weggerufen, der nach wie vor befürchtet, entlassen zu werden. Studer bleibt allein in Laduners Arbeitszimmer zurück und findet per Zufall die Brieftasche und den Pass des ermordeten Direktors. Das belastende Material ist hinter einem Buch versteckt. Als der Kommissar kurz darauf mit Laduners Familie zu Mittag isst, meldet sich plötzlich sein alter Erzfeind Oberst Caplaun an. Der aristokratische, arrogante alte Mann ist außer sich vor Wut, weil sein Sohn verschwunden ist und Laduner ihm dessen Aufenthaltsort nicht mitteilen will. Der Oberst fordert Studer – an den er sich plötzlich erinnert und den er mit drohendem Unterton auf die Bankenaffäre anspricht – auf, die Ermittlungen in der Heilanstalt aufzugeben und sich stattdessen der Suche nach seinem Sohn zu widmen. Studer lehnt ab.

Ein Selbstmord

Während der Beerdigung des Direktors wird im Verwaltungsbüro eingebrochen, es verschwinden 6000 Franken. Aufgrund einer Aussage des Portiers Dreyer fällt der Verdacht auf den rothaarigen, gutmütigen, aber verzweifelten Pfleger Gilgen. Studer findet bei Gilgen tatsächlich Geld, doch als er ihn fragt, wie viele Fächer der Kassenschrank im Verwaltungsbüro habe, gibt er eine falsche Antwort. Dafür findet Studer bei Gilgen den Sandsack, mit dem man Borstli wahrscheinlich niedergeschlagen hat und der Studer kurz zuvor gestohlen wurde. Der Ermittler will den Pfleger verhaften – doch Gilgen stürzt sich aus dem Fenster und ist tot.

„Überhaupt war es, als ob alle Begebenheiten in diesem Falle, die zuerst lustig schienen, bei genauem Hinhören falsch klangen ... Misstöne ...“ (S. 64)

In der Folge erzählt der Abteilungspfleger Jutzeler dem Kommissar Gilgens traurige Lebensgeschichte, durch die sich die erdrückende Schuldenlast wie ein roter Faden zieht. Auch zur Tatnacht hat Jutzeler einiges zu sagen: Er habe vom Direktor die Herausgabe der Protokolle verlangt, in denen Gilgens kleine Verfehlungen und Diebstähle festgehalten waren. Als sich Borstli geweigert habe, sei er ins Büro eingebrochen. Dort sei es zu einem Kampf mit einem überraschend aufgetauchten Unbekannten gekommen. Der Portier Dreyer gibt zu, dass er der Unbekannte war und sich bei der Auseinandersetzung an der Hand verletzt habe.

„Jetzt konnte er ganz genau sehen, was die Wohnung durchdrang: Einsamkeit ... Ein alter Mann, der zum Bärenwirt flieht, weil er die Einsamkeit nicht mehr aushält.“ (über den Direktor, S. 83)

Beim nächsten abendlichen Gespräch mit Laduner geht es um die unklare Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität und um Mattos Herrschaft. Aus dem Radio ertönt plötzlich eine Hitler-Rede. Laduner schüttet Studer heimlich ein Schlafmittel in den Cognac und verschwindet, doch der Ermittler ist nur einen Moment lang benommen und nimmt die Verfolgung des Arztes auf. Er findet ihn, bewusstlos am Boden liegend, im gleichen Heizungskeller, in dem schon die Leiche des Direktors lag. Laduner wollte offensichtlich Dokumente mit kompromittierenden Aussagen über Gilgen und über seine eigenen, zum Tod von Patienten führenden Behandlungsmethoden verbrennen.

Pieterlen taucht auf

Bei einem Besuch von Gilgens Häuschen findet Studer den vermissten Pieterlen. Er belauscht ein Gespräch, das der Flüchtige mit seiner Geliebten Irma Wasem auf einem Spaziergang führt. Die Pflegerin unterhielt offenbar zugleich eine Beziehung zum ermordeten Direktor. Pieterlen will sich nach Frankreich absetzen, und Studer ist bereit, ihn unbehelligt ziehen zu lassen. Doch als er auf dem Rückweg wieder am Haus vorbeigeht, sieht er im Wohnzimmer den jungen Caplaun, der eine Pistole in der Hand hält und den Abteilungspfleger Jutzeler bedroht. Auch der Portier Dreyer ist anwesend. Studer betritt das Haus, und es kommt zu einer Konfrontation, bei der Caplaun ein Geständnis ablegt: Er habe den Direktor ermordet, weil dieser ihn auf Drängen seines Vaters dauerhaft habe internieren wollen. Bei der Rückkehr in die Anstalt kommt es am Flussufer zu einem Kampf zwischen Dreyer und Caplaun: Der Portier schlägt den Patienten bewusstlos, dieser stürzt in den Fluss und ertrinkt. Studer kann und Jutzeler will offenbar nicht eingreifen. Dem Portier gelingt die Flucht.

„(...) wir werden die Justiz nicht ändern, wir werden die Menschen nicht ändern, aber vielleicht können wir doch die Verhältnisse anders gestalten.“ (Dr. Laduner, S. 103)

Beim letzten Gespräch Studers mit Laduner ist der Psychiater über den Tod seines Schützlings Caplaun wütend. Dann kommt auch noch ein Telefonanruf, bei dem die beiden Männer erfahren, dass Dreyer bei einem Fluchtversuch überfahren und getötet worden ist. Laduner beschuldigt Studer, am Tod von drei Menschen eine Mitschuld zu tragen, er nennt ihn einen Pfuscher und behauptet, er sei auf Caplauns falsches Geständnis reingefallen. Dies verärgert den Wachtmeister seinerseits dermaßen, dass er Laduner beinahe die Faust ins Gesicht schlägt.

Die Auflösung

Als Studer sich wieder beruhigt hat, erklärt Laduner, dass er die Zusammenhänge der Tat längst erkannt habe: Pieterlen und Caplaun hätten beide unter dem Direktor gelitten, weil sich dieser ihrer Entlassung verweigert habe. Die Pfleger Gilgen und Jutzeler – beide ebenfalls wütend auf Borstli – hätten helfen wollen. Pieterlen habe sich zunächst in der Anstalt selbst versteckt – im Zimmer oberhalb des von Studer bewohnten –, danach in Gilgens Haus. Auch Caplaun habe dort Unterschlupf gefunden. In der Tatnacht habe Caplaun den Direktor zu einem Treffen gebeten. Ermordet worden sei er jedoch von Dreyer, der sich aus Habgier habe einspannen lassen. Er habe Borstli von hinten die Treppe zum Heizungskeller hinuntergezogen, worauf dieser tödlich gestürzt sei. Der Portier habe auch die 6000 Franken gestohlen, sei jedoch von Caplaun und später von Gilgen überrascht worden, wobei der Sohn des Obersten dem überraschten Pfleger einen Teil der Beute in die Hand gedrückt habe. Gilgen habe dies alles verschwiegen, um Caplaun und indirekt auch Laduner zu schützen. Denn auch der Arzt war in der fraglichen Nacht am Tatort, allerdings erst nachdem das Verbrechen bereits geschehen war. Er habe Caplaun bei späteren Sitzungen aus therapeutischen Gründen im Glauben gelassen, er sei an Borstlis Tod schuld – denn der junge Mann habe im Direktor den verhassten Vater gesehen. Die Brieftasche des Ermordeten habe Laduner selbst gefunden und in seinem Büro versteckt, um sie – ebenfalls aus therapeutischen Gründen – seinem Patienten einmal unvermutet zu zeigen. Dreyer wiederum habe Caplaun ermordet, weil er ihn als Mitwisser fürchtete. Zum Abschied singt Greti dem Kommissar ein Lied, wobei sie von Laduner auf dem Klavier begleitet wird.

Zum Text

Aufbau und Stil

Matto regiert besteht zum einen aus einer fortlaufenden Ermittlung, die in der fiktiven Heilanstalt Randlingen spielt und während der das Verbrechen am Direktor Borstli aufgeklärt wird. Zum anderen berichten diverse Beteiligte dem Wachtmeister von vergangenen Ereignissen, die jedoch mit den aktuellen Vorgängen in Verbindung stehen. Dabei stellt sich heraus, dass fast jeder in der Anstalt ein Motiv hatte, Borstli zu ermorden. Der Roman ist voller überraschender dramatischer Wendungen, die allerdings in ihrer Fülle teilweise etwas erzwungen und verwirrend wirken. Auch die Lösung des Falls vermag nicht wirklich zu befriedigen, weil sich am Ende eine Nebenfigur als Täter herausstellt. Glausers Buch besticht deshalb nicht in erster Linie durch einen ausgefeilten Krimi-Plot, sondern durch die einfühlsame Psychologisierung der Figuren und die dichte Schilderung der Anstaltsatmosphäre. Außerdem gelingt dem Schriftsteller immer wieder eine wie beiläufig erscheinende, durch ihre Nüchternheit sehr eindringliche Beschreibung der traurigen Lebensschicksale der Insassen. Glauser ist ein Meister des ungekünstelten Dialogs, und er versteht es wie wenige Autoren, hinter scheinbaren Kleinigkeiten psychologische Abgründe erfassbar zu machen. Er schreibt in einer einfachen, erdigen Sprache, deren Satzbau und Wortschatz sich stark ans Schweizerdeutsche anlehnen; oft sind ganze Sätze im Dialekt wiedergegeben („Dr syt en verdammter, windiger Schroter, das syt dr. Und machet, dass dr zu myner Bude-n-use chömmet. Dr heit da nüt z’sueche ... Verschtande?“).

Interpretationsansätze

  • Matto regiert ist von deutlicher Sozialkritik geprägt: Die Armut erscheint als das soziale Grundübel, das den Einzelnen sowohl ins Verbrechen als auch in die psychische Krankheit treibt. Der Psychiatriepatient wird als jemand gezeichnet, der mit der Ungerechtigkeit der Welt nicht zurechtkommt und sich in eine selbst geschaffene Realität flüchtet.
  • Die psychiatrische Anstalt erscheint als Gefängnis, dessen Insassen undurchschaubaren Machtmechanismen ausgeliefert sind, und das obwohl in der Anstalt durchaus Pfleger und Ärzte arbeiten, die echter Menschenliebe verpflichtet sind.
  • Unter den zementierten Machtstrukturen leiden nicht nur die Patienten, sondern auch Pfleger, Ärzte und selbst der Direktor. Die Trennlinie zwischen Tätern und Opfern verschwimmt, die Anstalt ist ein Abbild der Gesellschaft.
  • Bezeichnend für Glausers differenzierte Sicht ist Dr. Laduner. Zum einen will der fortschrittliche und gesellschaftskritische Arzt das Los der Kranken verbessern. Zum anderen ist er ein ehrgeiziger Wissenschaftler, der selbst vor Experimenten an Menschen nicht zurückschreckt.
  • Selbst der Held Wachtmeister Studer erscheint als widersprüchliche Figur, weil er zumindest an einem Todesfall, am Selbstmord des Pflegers Gilgen, mitschuldig ist.
  • Nicht allein die Insassen der Heilanstalt sind dem Wahnsinn verfallen, sondern die ganze Welt. Ausdruck dieser Erkenntnis ist der Titel des Buches sowie das Gedicht über die rätselhaft-gespenstische Figur des Matto, die sich übrigens auch als Kritik an Hitler lesen lässt: Im Kapitel „Matto erscheint“ tönt eine Hitler-Rede aus dem Radio.
  • Das Verbrechen und die Verstrickungen der Figuren werden nicht durch kriminalistischen Scharfsinn, sondern durch psychologisches Einfühlungsvermögen erhellt. In Glausers Werk ist Menschenkenntnis wichtiger als Intelligenz.

Historischer Hintergrund

Die Schweizer Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Im Lauf des 19. Jahrhunderts stieg in der Schweiz die Zahl psychisch Kranker markant an, was heute im Allgemeinen mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Zerfall der bäuerlichen Großfamilie erklärt wird. Psychisch Kranke wurden damals als „soziale Schädlinge“ betrachtet, die es zu isolieren galt. Diese Haltung schlug sich in Begriffen wie „Irre“, „Idioten“, „Tobsüchtige“, „Vaganten“, „Trunkenbolde“ sowie in Bezeichnungen wie „Tollhaus“, „Siechenhaus“, „Spinnwinde“ nieder. Bis zum Ersten Weltkrieg wandte man in psychiatrischen Heilanstalten Zwangsmethoden wie Isolierung und Zwangsjacken an. Besonders berüchtigt war das mittelalterlich anmutende Deckelbad. Dabei handelte es sich um eine mit einem Brett abgedeckte und abschließbare Badewanne, die lediglich eine enge Öffnung für den Hals freiließ, sodass nur noch der Kopf des Patienten herausschaute. Man versuchte, ihn durch stunden- oder gar tagelange Sitzungen in dieser fest verschlossenen Badewanne zu beruhigen.

In einer zweiten, bis in die 50er-Jahre dauernden Phase standen Schlaf- und Insulinkuren sowie Elektroschocks im Vordergrund. Erst danach erfolgte die „psychopharmakologische Wende“, das heißt der Einsatz von Medikamenten. Führende Psychiater der ersten Jahrhunderthälfte wie Auguste Forel und Eugen Bleuler waren Verfechter von Rassezucht und Zwangssterilisation. Sie waren der Meinung, nicht nur körperliche Merkmale, sondern auch Verhaltensweisen wie etwa Alkoholismus seien vererbbar. Oft standen Psychiatriepatienten vor der Wahl, entweder fortdauernd interniert zu sein oder sich sterilisieren zu lassen – dies betraf Menschen, die im Ruf standen, „sexuell zügellos“ (Bleuler), liederlich, homosexuell oder vagabundierend zu sein. „Wir haben hier nicht nur Idioten und Geisteskranke, sondern einen großen Haufen Minderwertiger, von Untermenschen wimmelt es und bei ihnen ist die Beschränkung der Zeugung am Platz“, schrieb Forel. Zwangssterilisationen wurden bis weit in die 1980er-Jahre vorgenommen.

Entstehung

Matto regiert entstand teilweise in der psychiatrischen Anstalt Waldau. Der Roman erschien 1936 im Jean Christophe Verlag in Zürich, beinahe zeitgleich mit Glausers erstem Studer-Roman Wachtmeister Studer. Bei der Erschaffung des knorrigen, melancholischen Kommissars ließ sich der literarisch umfassend gebildete Friedrich Glauser von George Simenons Maigret inspirieren. Die Schilderung der Anstalt und deren Insassen beruht hingegen zu einem großen Teil auf eigenen Erfahrungen. In einem Brief aus dem Jahr 1937 legte Glauser die literarischen Prinzipien dar, die neben seinen anderen Kriminalromanen auch Matto regiert zugrunde liegen: Vor allem sei nicht das Logisch-Rationale entscheidend, sondern das Atmosphärisch-Psychologische. Da dieser Roman genau wie die anderen literarischen Arbeiten des entmündigten Autors von Lektoren, Verlegern und Redakteuren nach Gutdünken gekürzt und verändert wurden, dauerte es bis 1995, ehe im Limmat Verlag eine nach wissenschaftlichen Kriterien kommentierte Originalfassung erschien.

Wirkungsgeschichte

Gemeinsam mit Wachtmeister Studer begründet Matto regiert Glausers Ruhm als Vater des deutschsprachigen Kriminalromans. Auf der vom Bochumer Krimi-Archiv erstellten Liste der besten Kriminalromane aller Zeiten finden sich beide Werke auf den vorderen Rängen. Ausdruck von Glausers überragender Stellung in der Geschichte des Genres ist außerdem die Tatsache, dass mit dem „Glauser“ einer der renommiertesten deutschsprachigen Krimipreise den Namen des Schweizer Autors trägt. Die Popularität der Studer-Figur führte bereits im Jahr 1939 zur ersten Verfilmung von Wachtmeister Studer unter der Regie von Leopold Lindtberg. Heinrich Gretler verkörperte den brummigen Kriminaler auch in der Verfilmung von Matto regiert aus dem Jahr 1947 auf unnachahmliche Weise – in ihm nahm ein Schweizer Gestalt an, in dem sich das ganze Volk wiedererkannte. 1980 erfolgte eine weitere Verfilmung mit Hans Heinz Moser in der Hauptrolle. Im Jahr 2001 erschien eine freie Film-Adaption des Romans unter dem Titel Studers erster Fall. Darin werden Studers prägende Charaktereigenschaften – Sensibilität und Bärbeißigkeit – auf zwei Ermittlerfiguren verteilt, nämlich auf einen alternden Kommissar und eine junge Absolventin der Polizistenschule.

Die von Friedrich Glauser geschaffene Figur des behäbigen, eigenbrötlerischen, auf seine Intuition vertrauenden Kommissars hat auch in der neueren Schweizer Krimi-Literatur ihren Niederschlag gefunden, etwa in der Gestalt von Friedrich Dürrenmatts Ermittler Bärlach (Der Richter und sein Henker, Der Verdacht). Charakterzüge, die an Wachtmeister Studer erinnern, trägt ebenfalls Hansjörg Schneiders Kommissar Hunkeler (Tod einer Ärztin, Hunkeler macht Sachen). Dieser Basler Romancier erhielt denn auch im Jahr 2005 den „Glauser“.

Über den Autor

Das Leben von Friedrich Glauser ist ein einziger Schleuderkurs zwischen Heilanstalt, Spital und Gefängnis, zwischen Selbstmordversuchen, Drogensucht und Kleinkriminalität. Die einzige Konstante seiner Biografie ist das Schreiben. Geboren wird Glauser am 4. Februar 1896 in Wien. Im Alter von nur vier Jahren verliert er seine Mutter. Als sein Vater an die Handelshochschule nach Mannheim geht, wird Friedrich in ein Landerziehungsheim am Bodensee eingeschult. Dort begeht er 1913 den ersten Selbstmordversuch. Nachdem er sich 1916 in Zürich als Chemiestudent eingeschrieben hat, lernt er die wichtigsten Vertreter der dadaistischen Bewegung kennen. Zwei Jahre später lässt sein Vater ihn entmündigen, weil er es satt hat, ständig Glausers Schulden bezahlen zu müssen. In der Folge wird der morphiumsüchtige Glauser immer wieder wegen Rezeptfälschung und anderer kleiner Delikte verhaftet und in verschiedene Heilanstalten eingewiesen, bis er 1921 der französischen Fremdenlegion beitritt. Nach der Entlassung wegen eines Herzfehlers arbeitet Glauser unter anderem als Tellerwäscher in Paris, als Kumpel in einer belgischen Kohlegrube und als Gärtner in Basel. Der Versuch, sich in Paris als freier Schriftsteller und Journalist zu etablieren, scheitert nicht zuletzt an seiner Drogensucht, die immer wieder zu Selbstmordversuchen und kürzeren Internierungen führt. Für seinen 1930 vollendeten ersten Roman Gourrama, in dem Glauser die Erfahrungen in der Fremdenlegion verarbeitet, findet er keinen Verleger. Erfolg hat er ab Mitte der 30er-Jahre hingegen mit seinen Krimis: 1936 wird Wachtmeister Studer veröffentlicht, das erste Werk, in dem der berühmte Kommissar auftaucht. Dem entmündigten Glauser bleibt es in der Schweiz verwehrt, seine ehemalige Psychiatriepflegerin Berthe Bendel zu heiraten, weshalb die beiden 1938 nach Genua übersiedeln. Glauser arbeitet gleichzeitig an drei Romanen, die Hochzeit wird auf den 7. Dezember festgesetzt. Doch am Vorabend der Trauung erleidet der Schriftsteller während des Abendessens einen Zusammenbruch. Er liegt mehrere Stunden im Koma und stirbt 42-jährig am 8. Dezember 1938. Sein Werk umfasst neben dem Legionsroman und den sechs Kriminalromanen mehr als 100 Erzählungen, Essays, Aufsätze und biografische Aufzeichnungen.

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