Zusammenfassung von Motivation und Persönlichkeit

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Motivation und Persönlichkeit Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Die Bedürfnisse des Menschen

Homo homini lupus - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, das meinten schon die alten Römer zu wissen. Über Jahrhunderte hinweg wurde ein grundsätzlich negatives Bild des Menschen gezeichnet und man ging wie selbstverständlich davon aus, dass der Mensch von seinem Wesen her böse ist und sich nur durch Erziehung und Selbstkontrolle zum Guten entwickeln kann. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow, Mitbegründer der humanistischen Psychologie, sah das anders. Er forschte nach den Motiven, die hinter dem menschlichen Handeln stehen, und stellte fest, dass der Mensch hauptsächlich von einigen grundsätzlichen Bedürfnissen angetrieben wird. Diese Bedürfnisse sind in allen Kulturen recht ähnlich: Jeder Mensch braucht Nahrung, er strebt nach Sicherheit, Zuwendung und Achtung. Wenn er das nicht bekommt, wird er aggressiv und neurotisch. Zugleich sind Menschen, die ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten gemäß leben können, laut Maslow deutlich stabiler und glücklicher als andere. Die Schlussfolgerung des Psychologen lautet daher: Der Mensch muss sich nicht verändern, um gut zu sein - er muss nur bekommen, was er braucht.

Take-aways

  • Motivation und Persönlichkeit ist ein Hauptwerk des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow, einem Mitbegründer der humanistischen Psychologie.
  • Maslow vertritt die These, dass alle Menschen ungefähr dieselben Grundbedürfnisse haben.
  • Diese Grundbedürfnisse sind in einer Hierarchie angeordnet, d. h. es gibt niedrigere und höhere Bedürfnisse.
  • Die niedrigsten Bedürfnisse sind die körperlichen, also Hunger, Durst oder sexuelles Verlangen.
  • Danach folgen die höheren Bedürfnisse nach Sicherheit, Zuwendung und Achtung.
  • Das Handeln der Menschen ist dadurch motiviert, diese Grundbedürfnisse zu befriedigen.
  • Dabei sind zuerst immer die einfacheren Bedürfnisse wichtig. Wenn sie befriedigt sind, treten die nächsthöheren in den Vordergrund.
  • Sind alle Grundbedürfnisse befriedigt, dann strebt der Mensch nach Selbstverwirklichung, d. h. danach, seine Fähigkeiten auszuleben.
  • Menschen, die sich selbst verwirklichen können, sind psychisch gesund.
  • Umgekehrt entstehen Aggressionen und psychische Störungen, wenn der Mensch auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse verzichten muss.
  • Abraham Maslow hat mit seiner Theorie die Psychologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst.
  • Kritiker warfen ihm jedoch vor, der Ansatz sei nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert.
 

Zusammenfassung

Grundsätzliche Forderungen an die Motivationsforschung

Die Psychologie stützt sich in der Forschung hauptsächlich auf Experimente an Tieren und auf Erkenntnisse, die aus der Behandlung psychisch Kranker gewonnen werden. Beides sind jedoch zweifelhafte Quellen: Tiere werden wesentlich stärker von Instinkten getrieben als Menschen, die Ergebnisse solcher Experimente sind also nur bedingt aussagekräftig. Außerdem sollte die Forschung besser das Verhalten und die Lebensumstände gesunder Menschen untersuchen, statt sich nur mit Kranken zu beschäftigen.

„Es ist eine Binsenweisheit, zu sagen, dass eine weiße Ratte nicht ein Menschenwesen ist, aber unglücklicherweise muss man sie immer wieder aussprechen, da zu häufig die Resultate von Tierexperimenten als Grundlage für Theorien über die menschliche Natur betrachtet werden.“ (S. 54)

Wer die Motivation für menschliches Handeln untersuchen will, sollte vor allem die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen betrachten, denn diese sind relativ konstant. Menschen unterschiedlicher Kulturen haben zwar unterschiedliche Wünsche, aber das liegt nur daran, dass die Wege zur Erfüllung eines Bedürfnisses kulturell verschieden sind. Wer z. B. nach Ansehen strebt, will vielleicht in der einen Kultur ein guter Jäger und in der anderen ein erfolgreicher Medizinmann sein, aber in beiden Fällen ist der Auslöser für den Wunsch ein Bedürfnis nach Ansehen. Auf solche grundlegenden, weitgehend unveränderlichen Bedürfnisse sollte sich die Motivationsforschung konzentrieren. Dabei muss sie vor allem auch die unbewussten Motive aufdecken, die sich oft hinter den wahrnehmbaren Wünschen verbergen. So kann sich z. B. hinter dem Wunsch nach einem neuen Auto das Bedürfnis verstecken, anerkannt zu werden.

„Ohne Zweifel sind die physiologischen Bedürfnisse die mächtigsten unter allen. (...) Jemand, dem es an Nahrung, Sicherheit, Liebe und Wertschätzung mangelt, würde wahrscheinlich nach Nahrung mehr als nach etwas anderem hungern.“ (S. 63)

Die Motivationsforschung muss den Menschen ganzheitlich sehen, denn jeder Mensch ist ein integriertes Ganzes. Ein Bedürfnis bzw. dessen Befriedigung beeinflusst immer den ganzen Menschen. Wenn jemand hungrig ist, betrifft das nicht nur seinen Magen, sondern bestimmt den Menschen insgesamt in seinem Verhalten und seiner Wahrnehmung. Neben den Primärtrieben wie Hunger, die eine körperliche Ursache haben, gibt es sekundäre Triebe, wie den Wunsch nach Ansehen oder Besitz. Mit ihnen sollte sich die Motivationsforschung vorrangig beschäftigen, weil sie das menschliche Handeln stärker bestimmen als die primären.

Die Hierarchie der Grundbedürfnisse

Alle Menschen haben bestimmte Grundbedürfnisse, die man in verschiedene Stufen einteilen kann. Das heißt, dass für den Menschen zuerst die einfacheren Bedürfnisse wichtig sind; sobald diese befriedigt sind, treten andere, höhere Bedürfnisse in den Vordergrund. In der Hierarchie der Grundbedürfnisse stehen auf der untersten Stufe die körperlich bedingten Triebe, wie Hunger, Durst oder das Verlangen nach Sexualität. Auf der nächsthöheren Stufe finden wir das Bedürfnis nach Sicherheit, d. h. den Wunsch nach Schutz, Geborgenheit, Routine usw. Wieder eine Stufe höher folgt das Bedürfnis nach Beziehungen, nach Zuwendung, Liebe und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Danach kommt das Bedürfnis nach Anerkennung und Ansehen. Von diesen Grundbedürfnissen wird das Handeln der Menschen bestimmt. Jeder Mensch strebt danach, sie zu befriedigen; sie sind die eigentliche Motivation hinter seinen vielfältigen sichtbaren Wünschen und Handlungen. Wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, strebt der Mensch nach Selbstverwirklichung, d. h. er versucht die Fähigkeiten auszuleben, die in ihm angelegt sind.

„Der Organismus wird nur von unbefriedigten Bedürfnissen dominiert und sein Verhalten wird nur von ihnen organisiert.“ (S. 65)

Solange die einfacheren Bedürfnisse nicht befriedigt sind, treten die höheren in den Hintergrund: Wer nicht genug zu essen hat, wird ganz von seinem Hungergefühl bestimmt und kümmert sich wenig darum, ob er in der Gesellschaft anerkannt ist oder nicht. Sobald ein Bedürfnis befriedigt ist, macht sich ein neues, nächsthöheres Bedürfnis bemerkbar. So lässt sich auch erklären, warum Menschen selten mit dem Erreichten zufrieden sind, sondern immer wieder neue Wünsche haben. Absolut setzen darf man diese Regel allerdings nicht: Um sich einem höheren Bedürfnis zuwenden zu können, müssen nicht unbedingt alle niedrigeren vollständig befriedigt sein. Außerdem ist die Hierarchie der Bedürfnisse nicht bei allen Menschen gleich. Besondere Begabungen oder große psychische Stabilität können dazu führen, dass manche Menschen die Grundbedürfnisse anders gewichten; auch nehmen Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen manche Bedürfnisse nicht mehr wahr.

„Musiker müssen Musik machen, Künstler malen, Dichter schreiben, wenn sie sich letztlich in Frieden mit sich selbst befinden wollen. Was ein Mensch sein kann, muss er sein.“ (S. 73 f.)

Jedes befriedigte Grundbedürfnis ist ein Schritt hin zu größerer psychischer Gesundheit und Stabilität. Der Mensch kann auf vieles verzichten, aber wenn seine Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, entstehen Neurosen und andere psychische Störungen.

Kennzeichen selbstverwirklichender Menschen

Selbstverwirklichung ist die höchste Entwicklungsstufe des Menschen. Wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, hat der Mensch Raum, auf sich selbst zu achten und seinen Fähigkeiten und Begabungen entsprechend zu leben. Das heißt nicht, dass immer alle seine Wünsche erfüllt werden müssen - im Gegenteil, gerade selbstverwirklichende Menschen sind psychisch so stabil, dass sie auch einmal auf etwas verzichten und Mangel ertragen können.

„Es wird immer klarer, dass die Untersuchung verkrüppelter, gehemmter, unreifer und ungesunder Spezies nur eine Krüppelpsychologie und Krüppelphilosophie liefern kann.“ (S. 212)

Selbstverwirklichende Menschen haben eine gesündere Psyche als andere. Um genauere Merkmale von Selbstverwirklichung und seelischer Gesundheit herauszuarbeiten, wurden in einer Studie Menschen mit selbstverwirklichendem Verhalten untersucht. Die Studie ergab, dass diese Menschen insgesamt wesentlich individueller, stabiler und glücklicher sind als andere. Sie haben einen klareren Blick für die Realität als psychisch Labile. Da sie relativ frei sind von Schuld- oder Angstgefühlen, lassen sie sich auch nicht von Konventionen beherrschen, sondern folgen ihren eigenen ethischen Normen, die oft sehr ausgeprägt sind. Ihre Motivation entsteht nicht aus einem Mangel - etwa dem Mangel an Zuwendung oder Sicherheit -, sondern aus dem Wunsch, zu wachsen. Viele von ihnen erkennen in ihrem Leben eine besondere Berufung, den Wunsch, sich für andere oder für ein bestimmtes Ziel einzusetzen. Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand, statt sich von außen bestimmen zu lassen. Sie können sich auch an einfachen Dingen freuen, und diese Lebensfreude kann so stark werden, dass sie sich zu mystischen Erfahrungen steigert. Auch in Liebesbeziehungen sind selbstverwirklichende Menschen ganz sie selbst, und das ermöglichen sie auch dem Partner. Die Bedürfnisse des Partners sind ihnen so wichtig wie ihre eigenen, aber zugleich bewahren sie sich auch in der Beziehung ein großes Maß an Individualität.

„Die Geschichte hat praktisch immer die menschliche Natur zu niedrig eingeschätzt.“ (S. 308)

Selbstverwirklichung hat jedoch nicht nur Vorteile: Oft fühlen sich selbstverwirklichende Menschen gerade wegen ihrer Individualität wie Fremde in ihrer eigenen Kultur. Auch sind sie nicht vollkommen: Sie können Angst empfinden oder die Nerven verlieren. Da sie ihren eigenen Weg gehen, werden sie von anderen oft als distanziert wahrgenommen und können sich durchaus auch einmal skrupellos verhalten.

Unbefriedigte Grundbedürfnisse als Ursache psychischer Störungen

Als Ursachen für psychische Störungen werden üblicherweise Frustrationen genannt oder Konflikte, also die Notwendigkeit, zwischen mehreren erwünschten oder mehreren unerwünschten Zielen wählen zu müssen. Frustrationen oder Konflikte führen aber nicht immer zu einer Störung. Sie haben nur dann negative Folgen, wenn der Betroffene sie als Angriff auf seine Grundbedürfnisse wahrnimmt. Ein Kind, das sich der Liebe seiner Eltern sicher ist, wird es leicht ertragen, wenn es einmal kein Eis bekommt. Wenn aber das Kind daraus schließt, dass es von der Mutter nicht geliebt wird, empfindet es den Verzicht auf das Eis als Katastrophe. Ebenso wird sexuelle Enthaltsamkeit nur dann als negativ empfunden, wenn der Betroffene sie so interpretiert, dass er wertlos oder unbeliebt ist, d. h. wenn seine Grundbedürfnisse nach Zuwendung und Achtung nicht erfüllt sind.

„Natürlich und spontan zu sein, zu wissen, was man ist und was man wirklich will, ist ein seltener und besonderer Höhepunkt, der selten erreicht wird und gewöhnlich langer Jahre der Courage und harten Arbeit bedarf.“ (S. 310)

Auf ähnliche Weise lässt sich aggressives Verhalten erklären. Die Ansicht, dass die Neigung zur Aggressivität angeboren sei, ist weit verbreitet. So hat man lange Zeit angenommen, dass Kinder von sich aus zu egoistischem, aggressivem Verhalten neigen und zu Rücksichtnahme und Mitmenschlichkeit erst erzogen werden müssen. Sicher spielen Erbanlagen bei der unterschiedlichen Ausprägung von Aggressivität im Menschen eine Rolle. Aber grundsätzlich tritt auch sie hauptsächlich dann auf, wenn die Grundbedürfnisse bedroht sind. So reagiert etwa ein Kind auf jüngere Geschwister aggressiv, weil es fürchtet, von der Mutter nun nicht mehr genug Zuwendung zu bekommen.

Grundbedürfnisse und Psychotherapie

Dass die psychische Stabilität eng mit der Befriedigung von Grundbedürfnissen verknüpft ist, lässt sich auch in der Therapie beobachten. Selbst die Psychotherapie, eine der erfolgreichsten Methoden zur Behandlung psychischer Störungen, beruht zu einem großen Teil auf dem Prinzip der Befriedigung von Grundbedürfnissen beim Patienten. Den Beweis für diese These liefert die Beobachtung, dass man nicht unbedingt eine bestimmte therapeutische Ausbildung haben muss, um psychische Störungen erfolgreich zu behandeln. Vertreter der unterschiedlichsten therapeutischen Richtungen können Behandlungserfolge erzielen, auch Psychologen, die keinerlei therapeutische Ausbildung besitzen, ja sogar Menschen mit anderen Berufen, wie Pfarrer, Ärzte, Sozialarbeiter etc. Therapeutischer Erfolg ist also nicht mit einer bestimmten Ausbildung bzw. mit Fachwissen zu erklären, sondern eher dadurch, dass eine positive therapeutische Beziehung bestimmte Grundmerkmale aufweist: Ein guter Therapeut akzeptiert den Patienten, hört ihm zu, interessiert sich für ihn und bietet ihm einen Rahmen, in dem er sich sicherer fühlen kann als sonst. In einer solchen Atmosphäre kann ein Mensch gesund werden. Wenn man sich diese Bedingungen einmal näher ansieht, handelt es sich um nichts anderes als um die Befriedigung der Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Achtung und Liebe. Also wird auch der Heilungserfolg einer Therapie im Wesentlichen davon bestimmt, dass die Grundbedürfnisse des Patienten beachtet werden - zumindest bei leichteren Störungen. Bei schweren Erkrankungen aber ist in der Tat eine professionelle Therapie notwendig, die dem Patienten hilft, Unbewusstes bewusst zu machen.

Was ist normal?

Wie lässt sich nun psychische Normalität definieren? Viele Versuche wurden unternommen, aber die meisten Definitionen sind unbefriedigend. Man kann Normalität etwa mithilfe statistischer Mittelwerte bestimmen, aber dann besteht die Gefahr, dass man sie mit Durchschnittlichkeit verwechselt. Man kann auch Traditionen, kulturelle oder religiöse Normen als Richtwerte nehmen, aber die sind Veränderungen unterworfen, und was in einer Kultur als normal gilt, kann man noch lange nicht für alle Menschen absolut setzen. Gefährlich ist es ebenfalls, Normalität als gelungene Anpassung an eine Gruppe zu definieren. Erstens muss man sich dann auch die Gruppe näher ansehen - wer in einer Clique von Kriminellen oder in einer Diktatur gut angepasst ist, muss deshalb noch lange nicht normal sein - und zweitens ist Anpassung an die Umwelt ein eher passives Geschehen - auch ein Sklave oder ein Tier kann gut angepasst sein. Eine andere Definitionsmöglichkeit von Normalität ist die Abwesenheit körperlicher und seelischer Beschwerden, aber danach wäre eigentlich kein Mensch als normal zu bezeichnen.

„Wir müssen die Psychologie der verzweifelten Ratte überwinden, der Ratte, die bis an den Punkt des Verhungerns getrieben wird oder die durch Schmerz oder elektrischen Schock in eine extreme Situation gedrängt wird, eine so extreme, dass sich menschliche Wesen sehr selten in einer ähnlichen befinden.“ (S. 327)

Normalität lässt sich jedoch auch gleichsetzen mit psychischer Gesundheit, und diese hängt wieder davon ab, ob die Grundbedürfnisse eines Menschen befriedigt sind und inwieweit er sich selbst verwirklichen kann. Demnach sind die Bedingungen für eine gesunde und normale Entwicklung des Menschen dann gegeben, wenn er sich als Individuum voll entfalten kann, wenn er so leben kann, wie es seiner Natur entspricht.

Ein neues Bild des Menschen

Über die Jahrhunderte hinweg wurde in den meisten Kulturen ein negatives Menschenbild verbreitet. Man ging und geht davon aus, dass der Mensch von primitiven Trieben gesteuert wird und dass er diese Triebe unterdrücken und zähmen muss, um sich zum Guten hin entwickeln zu können. Dabei gelten Gefühl und Verstand oder die Sorge für sich selbst und die Sorge für andere als Gegensätze: Wer seinen eigenen Wünschen folgt, ist egoistisch und hat keinen Blick für seine Mitmenschen. Dieses Weltbild entspricht aber nicht der Realität. In jedem Menschen sind alle Grundbedürfnisse angelegt, auch die höheren, wie das Streben nach Liebe und Achtung. Manchmal sind sie jedoch nur schwach ausgeprägt, d. h. der Mensch nimmt sie nicht immer wahr. Aber in seinem Innersten weiß jeder genau, was ihm fehlt, und er kann sich gerade dann weiterentwickeln, wenn er auch seine einfacheren Bedürfnisse beachtet. Erstaunlicherweise führt der Blick für die eigenen Bedürfnisse gerade nicht zum Egoismus, im Gegenteil: Ein Mensch, der auf sich selbst achtet, ist nicht nur psychisch gesünder und glücklicher, sondern nimmt auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahr und ist deutlich weniger aggressiv. Die Selbstverwirklichung ist jedoch nicht so einfach zu erlangen: Die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu erkennen, sie umzusetzen und ein gesunder, glücklicher Mensch zu werden, ist ein langer Prozess, der ein ganzes Leben dauern kann.

Zum Text

Aufbau und Stil

Eine klare, verständliche Darstellung seiner Thesen gehört leider nicht zu den Stärken Abraham Maslows. Rein formal ist der Text stark gegliedert: Die 16 Kapitel bestehen aus zahlreichen Abschnitten und Unterabschnitten, die mit eigenen Überschriften versehen sind; es gibt zwei Anhänge, und schon im Vorwort bietet der Autor einen Gesamtüberblick über das Buch. Der inhaltliche Aufbau mag vielleicht ein wenig verwirrend erscheinen, z. B. wenn sich Maslow in den ersten beiden Kapiteln zunächst mit Wissenschaft im Allgemeinen beschäftigt, ehe er überhaupt mit der Darstellung seiner Theorie beginnt. Insgesamt ist es nicht einfach, den roten Faden zu finden; der inhaltliche Zusammenhang der Kapitel ist für den Leser nicht immer erkennbar. In Appendix A listet Maslow stichwortartig Vorschläge für weitere Forschung auf, um dann in Appendix B den ganzheitlichen Ansatz zu erläutern, der seiner Arbeit zugrunde liegt. Auch der Stil und die Art der Darstellung können zur Verwirrung beitragen: Maslows Terminologie ist unscharf; Begriffe wie Trieb, Verlangen, Bedürfnis, Wunsch und Ziel verwendet er nebeneinander, ohne sie zu definieren. Immer wieder bezieht er sich auf die Arbeiten anderer Forscher, gibt aber keine Erläuterungen dazu. Auch die zahlreichen Fremdwörter erschweren die Lektüre, ebenso wie eine stellenweise recht holprige Übersetzung. Alles in allem also eher ein Fachbuch für Psychologen als eine allgemein verständliche Darstellung.

Interpretationsansätze

  • Maslows Theorie liegt ein positives Menschenbild zugrunde: Das menschliche Verhalten wird von legitimen Bedürfnissen bestimmt, nicht von bösen Trieben, die unterdrückt oder gezähmt werden müssten.
  • Dementsprechend sieht Maslow Menschen mit psychischen Störungen nicht als krank und schon gar nicht als böse an; sie leiden vielmehr an einem Mangel. Aufgabe des Psychologen ist es, diesen Mangel zu beseitigen und dem Menschen zur vollen Entfaltung zu verhelfen.
  • Dabei ist für Maslow ein ganzheitlicher Ansatz notwendig: Die Psychologie soll nicht ein vereinzeltes Symptom untersuchen und behandeln, sondern den ganzen Menschen als Individuum in seiner Umgebung betrachten.
  • Maslows humanistische Psychologie grenzt sich ab von anderen Spielarten dieser Disziplin, die nur experimentell begründete Aussagen zulässt und sich deshalb größtenteils auf Tierversuche stützt: Der Mensch ist für Maslow keine Ratte, sondern muss als Mensch betrachtet und behandelt werden.
  • Das Konzept der Selbstverwirklichung bedeutet nicht, dass der Mensch einfach tun und lassen kann, was er will. Selbstverwirklichung erscheint vielmehr als ein langer Prozess individueller Entwicklung und Reifung. Dementsprechend fordert Maslow auch nicht eine uneingeschränkte Befriedigung aller Wünsche: Wichtig für die psychische Gesundheit ist nur die Befriedigung der Grundbedürfnisse.
  • Gegen Maslow wurde der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit erhoben: Seine Theorie basiert nicht auf empirischen Forschungen, sondern auf allgemeinen Beobachtungen. Als einzige konkrete Forschungsarbeit wird seine Studie über selbstverwirklichende Menschen erwähnt, aber auch hier werden Auswahlkriterien und Ablauf nicht näher erläutert.

Historischer Hintergrund

Der Blick in die Seele des Menschen

Was spielt sich im Innern des Menschen ab, was sind die Ursachen für sein Verhalten, und wie kann man seelische Störungen heilen? Mit solchen Problemen beschäftigten sich schon die Denker der Antike. Damals aber gehörten die Fragen um die menschliche Seele eher in das Reich von Mythologie und Theologie. Bis in die Neuzeit hinein war die theoretische Beschäftigung mit der Psyche (griech. für Seele) den Philosophen vorbehalten, während für die Behandlung psychischer Probleme Theologen als Seelsorger zuständig waren.

Ein neues, wissenschaftliches Interesse an der Psyche kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Als Begründer der wissenschaftlichen Psychologie gilt der Philosoph Wilhelm Wundt, der im Jahr 1879 in Leipzig ein "psychologisches Laboratorium" eröffnete. Bahnbrechend für die weitere Entwicklung der Psychologie waren einige Jahre später die Arbeiten Sigmund Freuds, der das Unbewusste im Menschen, seine Triebe in den Mittelpunkt des Interesses rückte und mit der Psychotherapie ein wichtiges Werkzeug für die Behandlung psychisch kranker Menschen entwickelte.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bestimmten die Ideen des Behaviorismus, der 1913 von dem amerikanischen Psychologen John B. Watson begründet worden war, die weitere Entwicklung der Psychologie. Der Behaviorismus konzentrierte sich auf eine streng wissenschaftliche Verhaltensforschung, d. h. auf die Messung und Analyse beobachtbarer Phänomene. Vorgänge innerhalb der Psyche wurden nicht berücksichtigt, da man sie nicht messen konnte. Der Behaviorismus sah hauptsächlich Umweltreize als Ursachen für ein bestimmtes Verhalten an. Der empirischen Ausrichtung entsprechend, stützte er sich vor allem auf Tierexperimente. Etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts regte sich Widerstand gegen den Behaviorismus und seine streng empirische Vorgehensweise. Zu den Psychologen, die eine zu starke Gewichtung der Tierexperimente ablehnten und den Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken wollten, die mithin eine humanistische Psychologie verfochten, gehörte auch Abraham Maslow.

Entstehung

Noch in den 30er Jahren hatte Maslow, der behavioristischen Lehre entsprechend, Experimente mit Affen durchgeführt. Dann wandte er sich von der Tierforschung ab und forderte einen neuen Ansatz, der den Menschen ganzheitlich betrachten sollte. In seinem Aufsatz A Theory of Human Motivation, veröffentlicht 1943, legte Maslow erstmals die Grundlagen seiner Motivationstheorie dar, ehe er 1954 mit Motivation and Personality eines seiner Hauptwerke veröffentlichte. 1970 erschien das Buch in einer zweiten, vom Autor überarbeiteten Fassung. Maslow grenzte sich mit diesem Werk gegen die bis dahin vorherrschenden Strömungen in der Psychologie ab - gegen den Behaviorismus ebenso wie gegen die Konzentration auf psychische Erkrankungen in der Psychoanalyse.

Eine Grundlage seiner Psychologie ist das Weltbild des Existenzialismus und die Philosophie Martin Heideggers mit ihrem Schwerpunkt auf der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen. Des Weiteren sind Einflüsse von Maslows Kollegen Alfred Adler, Erich Fromm und Kurt Goldstein zu erkennen, mit denen Maslow in Verbindung stand und die sich ebenfalls mit der Frage nach den Bedürfnissen des Menschen bzw. seiner Selbstverwirklichung beschäftigten.

Wirkungsgeschichte

Motivation und Persönlichkeit ist eines der Hauptwerke Abraham Maslows und zugleich eine der theoretischen Grundlagen für die humanistische Psychologie. Maslow war einer der Mitbegründer dieser neuen Strömung, die seit Beginn der 60er Jahre neben Behaviorismus und Tiefenpsychologie bzw. Psychotherapie als dritte Kraft wirken wollte und immer mehr an Einfluss gewann.

Maslows Theorie bestimmte in den folgenden Jahrzehnten nicht nur die Psychologie, sondern hatte auch großen Einfluss auf andere Disziplinen, wie Pädagogik oder Ökonomie - die Maslow’sche Bedürfnispyramide wird fast in jedem zweiten Management- oder Selbsthilfebuch zitiert. Auf der humanistischen Psychologie basieren u. a. auch die Logotherapie von Viktor Frankl und die Gestalttherapie von Fritz Perls. Der Begriff der Selbstverwirklichung fand seinen Weg in die Alltagssprache - und wurde oft genug als blanker Egoismus missverstanden.

Motivation und Persönlichkeit rief auch zahlreiche Kritiker auf den Plan. Sie bemängelten vor allem die unklare Terminologie und die fehlende wissenschaftliche Fundierung der Arbeit. Alle Versuche, Maslows Thesen empirisch zu untermauern, schlugen fehl. Manche Wissenschaftler halten Maslow außerdem entgegen, dass Selbstverwirklichung durchaus auch unter ungünstigen Bedingungen möglich ist, also nicht zwingend von der Befriedigung der Grundbedürfnisse abhängt.

Über den Autor

Abraham H. Maslow wird am 1. April 1908 in New York geboren, als ältestes von sieben Kindern einer armen russisch-jüdischen Einwandererfamilie. Die Eltern, die sich für ihren Sohn eine bessere Zukunft wünschen, fördern seine Schulbildung nach Kräften und drängen ihn zu einem Jurastudium. Maslow aber entscheidet sich für die Psychologie und studiert an der University of Wisconsin. Nach seiner Promotion 1934 lehrt er von 1937 bis 1951 Psychologie am Brooklyn College in New York, anschließend an der Brandeis University in Waltham bei Boston. Ganz in der Tradition des Behaviorismus führt er in den 30er und 40er Jahren überwiegend Verhaltensstudien an Affen durch. Doch in dieser Zeit lernt er auch die Psychologen Alfred Adler und Erich Fromm kennen, die seine weitere Arbeit entscheidend beeinflussen werden. Maslow wendet sich vom Behaviorismus ab und stellt fortan den Menschen in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Nach dem Wechsel zur Brandeis University lernt er den Neurologen und Psychiater Kurt Goldstein kennen, der ihn mit dem Konzept der Selbstverwirklichung bekannt macht. In den 60er Jahren ist Maslow ein Mitbegründer der humanistischen Psychologie und neben Erich Fromm und Carl R. Rogers einer ihrer wichtigsten Vertreter. Nach Motivation and Personality (Motivation und Persönlichkeit) veröffentlicht Maslow 1962 ein weiteres wichtiges Werk: Toward a Psychology of Being (Psychologie des Seins). Ungefähr zur gleichen Zeit gründet er mit einigen Kollegen, unter ihnen Carl R. Rogers und Charlotte Bühler, die "Association for Humanistic Psychology". Seine letzten Lebensjahre verbringt Maslow in Kalifornien. Seine Pläne, neben der humanistischen Psychologie noch eine humanistische Philosophie und Ethik auszuarbeiten, kann er nicht mehr verwirklichen: Abraham Maslow stirbt am 8. Juni 1970 in Palo Alto an einem Herzinfarkt.


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