Zusammenfassung von Philoktet

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Philoktet Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Gegenwartsliteratur

Worum es geht

Troja trifft auf DDR

In seinem Antikendrama Philoktet, geschrieben um die Zeit des Mauerbaus, zeigt Heiner Müller in drastischer Deutlichkeit drei politische Haltungen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Drei Griechen zur Zeit des Trojanischen Krieges repräsentieren den Funktionär, den Moralisten und das gebrochene Individuum. Die Bedürfnisse des Einzelnen stehen den Erfordernissen des Gemeinwohls entgegen. In diesem Krieg der Weltanschauungen gibt es keine Lösung und keinen Guten. Die Tragik des Stücks besteht darin, dass die Verantwortung für die Gemeinschaft nicht ohne Schuld zu haben ist. So wird hier der Moralist zum Mörder, der Systemstratege benutzt selbst Leichen für höhere Zwecke, und das Opfer kann nicht mit der Gemeinschaft, aber auch nicht ohne sie leben. Die lesenswerte Neuauflage eines Klassikers, die inzwischen selbst ein Klassiker geworden ist.

Take-aways

  • Heiner Müller schrieb Philoktet zur Zeit des Mauerbaus in der DDR.
  • Inhalt: Auf dem Weg nach Troja hat Odysseus Philoktet auf einer Insel ausgesetzt. Jetzt soll der junge Neoptolemos ihn mittels Lügen für den Krieg gegen Troja zurückholen. Das Hauptinteresse gilt Philoktets unfehlbarem Bogen. Zunächst geht der Plan auf, doch dann gesteht Neoptolemos reumütig die Wahrheit. Philoktet will Rache üben. Um Odysseus zu retten, bringt Neoptolemos ihn schließlich um.
  • Das Drama beruht auf der gleichnamigen Tragödie des Sophokles von 409 v. Chr.
  • Hauptthema ist der Konflikt des Einzelnen mit seiner gesamtgesellschaftlichen Pflicht.
  • Müller war wegen eines anderen Stücks aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden und verlegte sich nun auf antike Stoffe.
  • Es treten lediglich drei Figuren auf. Diese verkörpern unvereinbare politische Haltungen. Entsprechend bleibt eine Lösung aus.
  • Die Tragödie steht in der Tradition der Lehrstücke von Bertolt Brecht.
  • Philoktet wurde zumeist als Parabel auf Konflikte innerhalb des Kommunismus gedeutet.
  • Das Stück wurde 1968 in der BRD uraufgeführt und brachte Müller damit den Durchbruch im Westen.
  • Zitat: „So weit sind wir gegangen in der Sache / Im Netz aus eignem und aus fremdem Schritt / Dass uns kein Weg herausgeht als der weitre.“ (Odysseus)
 

Zusammenfassung

Der Auftrag

Der Darsteller des Philoktet tritt in Clownsmaske vor das Publikum, um es zu warnen: Aus dem folgenden Stück lasse sich nichts lernen. Es führe in eine ferne Vergangenheit, die brutaler und gefährlicher gewesen sei als die Gegenwart. Wer das Theater noch verlassen wolle, könne jetzt gehen – hier gehen kurz die Saaltüren auf.

„Was wir hier zeigen, hat keine Moral / Fürs Leben können Sie bei uns nichts lernen. / Wer passen will, der kann sich jetzt entfernen.“ (Philoktet-Darsteller, S. 7)

Odysseus und Neoptolemos, der Sohn des Achill, landen an der Küste der kleinen, unbewohnten Insel Lemnos. Odysseus erzählt Neoptolemos, dass er hier vor Jahren Philoktet ausgesetzt hat: Dieser war im Dienst der Griechen schwer am Fuß verwundet worden. Er war als Krieger nicht mehr zu gebrauchen, und seine Wunde stank fürchterlich. Zudem störte sein schmerzerfülltes Gebrüll das vorgeschriebene Schweigen bei den Opfern und den Schlaf. Neoptolemos erhält den Auftrag, Philoktet seinen Bogen abzuschwatzen, denn dieser hat den Ruf, niemals sein Ziel zu verfehlen. Eine solche Waffe ist dringend nötig, denn der Krieg um Troja dauert immer noch an. Die Griechen planen, Philoktet zu fesseln und ihn aufs Schiff zu schleppen. Wie Odysseus und Neoptolemos ist er Heerführer von 1000 Soldaten – wenn diese ihn zu Gesicht bekämen, würden sie mit neuer Motivation in den Kampf ziehen.

Ein Mann mit Gewissen

Neoptolemos hat nicht die Absicht, Philoktet Gewalt anzutun oder ihn zu belügen. Er wirft seinen Speer weg und bekundet, Philoktet waffenlos und ehrlich gegenübertreten zu wollen. Odysseus droht, ihn umzubringen, falls er das versuchen sollte. Da steigt bei Neoptolemos ein alter Groll gegen Odysseus auf: Dieser nahm die Waffen seines Vaters an sich, kaum dass Achill gestorben war. Damit hat er Neoptolemos um sein Erbe betrogen. Odysseus meint, Neoptolemos solle seine Wut für später aufheben, denn nun gehe es darum, erfolgreich aus der Schlacht hervorzugehen. Dafür brauche man jeden Mann.

„Leicht mit gespaltner Zunge fängst du ihn / Leicht schleppen wir aufs Schiff den Waffenlosen.“ (Odysseus zu Neoptolemos, S. 9)

Widerstrebend erkundigt sich Neoptolemos danach, welche Lüge er Philoktet erzählen soll. In seinem Hass auf Odysseus soll er die Wahrheit sagen, denn diese Gefühle, so Odysseus, seien gerade nützlich: Damit schaffe er eine Gemeinsamkeit mit Philoktet. Dies sei auch der Grund, warum Odysseus ihn für diese Aufgabe ausgewählt habe. Auch den Grund für seinen Hass könne er offen zugeben, allerdings solle er behaupten, dass er wegen dieses Hasses den Krieg verlasse und nach Hause fahre. Im Übrigen, so Odysseus, sei Neoptolemos nicht der Erste, der gegen seinen Willen seine Pflicht tun müsse: Achill, sein Vater, habe sich Frauenkleider angezogen, um dem Krieg zu entgehen, bis Odysseus ihn enttarnt habe. Und er selbst habe aus dem gleichen Grund den Idioten gespielt, doch man habe ihn überführt, indem man ihm sein Kind vor den Pflug warf – er hielt die Tiere an und bewies so seinen klaren Verstand.

Der Verbannte sieht einen Griechen

Odysseus zieht sich zurück, als er sieht, dass Philoktet sich nähert. Dieser äußert seine Überraschung darüber, an seinem einsamen Strand einen Menschen anzutreffen. Er befiehlt Neoptolemos, sein Schwert wegzuwerfen, was dieser tut. Sogleich gibt Philoktet seinen Hass auf die Griechen zu erkennen und droht, Neoptolemos umzubringen, falls er ein Grieche sei – was er übrigens schon an seiner Kleidung erkenne. Als Neoptolemos sich über die ungastliche Anrede beschwert – auf Griechisch natürlich –, ist Philoktet vom Klang seiner Muttersprache gerührt. Dass er nach so langer Zeit überhaupt wieder einen Menschen antrifft, lässt ihn seine Tötungsabsicht vergessen. Er geht zwar davon aus, dass der fremde junge Grieche ihn belügen wird, trotzdem will er wissen, wer er ist und in welcher Absicht er kommt. Er fragt, ob seine – Philoktets – Feinde ihn schickten? Neoptolemos gibt vor, keinen Philoktet zu kennen und nichts von dessen Schicksal zu wissen. Philoktet fragt sich, ob der Fremde die Wahrheit sagt oder ob er ein ebensolcher Lügner sein könnte wie sein Todfeind aus Ithaka, Odysseus. Was aber wirklich zählt für ihn, ist, dass Neoptolemos ein Schiff hat und ihn von der Insel wegbringen kann.

Vereint im Hass

Wie vereinbart, erzählt Neoptolemos, er habe den gleichen Feind wie Philoktet: Odysseus habe seine Ehre verletzt, weshalb Neoptolemos jetzt dem Krieg um Troja den Rücken kehre und auf dem Heimweg nach Skyros sei. Dann seien sie ja beide Narren gewesen, meint Philoktet: Sie hätten den Griechen gedient und seien dafür von ihnen bestraft worden. Philoktet wundert sich, wie viel Zeit seit Beginn des Krieges vergangen ist, denn er hat irgendwann aufgehört, die Tage zu zählen. Das Schlimmste an seiner Verbannung war, dass er kein Gegenüber hatte, in dem er sich erkennen konnte; denn nur im Blick eines anderen entwickle man ein Gefühl für sich selbst. Dass Neoptolemos in seiner Nähe den Atem anhält, zeigt ihm, dass seine weiterhin schmerzende Wunde noch immer stinkt. Auf dieser kargen, einsamen Insel hielt ihn nur sein Hass auf Odysseus am Leben, darum möchte er wissen, ob Odysseus überhaupt noch lebt – sein Tod wäre schlimm für ihn, denn dann könnte er ihn nicht mehr umbringen.

Kriegsereignisse

Neoptolemos berichtet, dass der Krieg seit zehn Jahren andauert und Odysseus noch lebt, dass sein Vater Achill aber von Paris getötet wurde. Die Feldherren hatten sofort nach seinem Tod einen Preis auf die Bergung des Toten ausgesetzt: nämlich seine Kriegsausrüstung. So hofften sie, den Kampfgeist der Soldaten anzustacheln und dadurch die schon lange belagerte Stadt Troja endlich erobern zu können. Ajax barg Achills Leiche, doch Odysseus betrog ihn um den versprochenen Lohn und nahm Achills Waffen selbst an sich. Ajax wurde in seiner Wut darüber so verrückt, dass er sich selbst erdolchte. Danach suchte Odysseus den noch sehr jungen Neoptolemos auf Skyros auf, um ihn für den Krieg zu gewinnen: Er fing ihn mit geschickten Worten ein, wobei er die unrechtmäßig erworbenen Waffen versteckte. Jetzt ertrage es Neoptolemos nicht mehr, Seite an Seite mit dem Mann zu kämpfen, der ihn so schmählich um sein Erbe betrogen habe.

Die Finte gelingt

Philoktet möchte gemeinsam mit Neoptolemos die Insel verlassen. Er soll ihn in seine Heimat, nach Melos, bringen, sodass schließlich jeder am Strand seiner Heimatinsel auf Odysseus warte, um ihn zu töten. Mitten in seiner Rede brüllt er auf. Der wiederkehrende Schmerz in seiner Wunde ist so unerträglich, dass er Neoptolemos bittet, ihm den Fuß abzuschlagen. Dieser bietet ihm seine Schulter als Stütze und will seinen Bogen nehmen, bis der Fuß ihn wieder trägt. Auch die Pfeile soll Philoktet ihm geben, damit er sich nicht selbst damit verletze. Philoktet erwidert zunächst, er solle die Hand von seinem Bogen lassen, doch dann machen ihn der Schmerz, die Sehnsucht nach der Heimat und die Dankbarkeit dem Retter gegenüber weich und er überlässt ihm die Waffe.

Der Lügner bereut und gesteht

Neoptolemos bereut seine Lüge bereits und verflucht sein Schicksal. Philoktet interpretiert dieses Zögern als Abscheu: Der Gestank seiner Wunde sei wohl zu abstoßend; Neoptolemos werde ihn auch zurücklassen. Er verlangt seinen Bogen zurück und schickt Neoptolemos weg. Da kann dieser nicht mehr länger lügen und gesteht die Wahrheit: Er habe sich widerstrebend von Odysseus, der am Strand warte, vor dessen Karren spannen lassen, allein im Namen der Pflicht. Neoptolemos fordert Philoktet auf, mitzukommen, um ebenfalls in der Schlacht seine Pflicht zu tun. Er werde dringend gebraucht. Doch Philoktet reagiert hasserfüllt: Zynisch lobt er Neoptolemos für die gelungene Finte und überschüttet ihn dann mit Beschimpfungen. Sich selbst schimpft er einen Narren, weil er einem Griechen geglaubt habe. Er fordert Neoptolemos auf, ihn mit seinem eigenen Bogen umzubringen und seine Leiche dann in den Vulkankrater zu werfen, damit sich seine Überreste auf keinen Fall mit denen der anderen Griechen vermischen.

„,Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht.‘ / ‚Doch braucht es einen Helfer hier der lügt.‘“ (Neoptolemos und Odysseus, S. 9)

Neoptolemos gibt sich beschämt, weist aber auch wieder auf die Pflicht hin, die ihm obliegt. Er geht, um Odysseus zu holen. Währenddessen schwankt Philoktet in einem Selbstgespräch zwischen unüberwindlichem Hass und Sehnsucht nach Gemeinschaft, auch wenn sie nichts als Krieg bedeutet. Er gesteht sich ein, dass es guttut, gebraucht zu werden, und er denkt sogar, dass er an Odysseus’ Stelle wohl gleich gehandelt und ihn zurückgelassen hätte.

Drei Feinde

Neoptolemos kehrt mit Odysseus zurück. Der fordert Philoktet auf, mitzukommen. Während Philoktet von Neoptolemos den Bogen verlangt, will Odysseus dessen Strick haben, damit er Philoktet fesseln kann. Dieser droht, sich die Felsen hinunterzustürzen. Daraufhin wendet sich Odysseus von ihm ab und schickt sich an, zu gehen. Jetzt bittet Philoktet die beiden plötzlich, zu bleiben. Odysseus versucht noch einmal, ihn zum Mitkommen zu bewegen, indem er sich selbst als Hassziel anbietet: Dass er sich an ihm rächen wolle, sollte ihn doch motivieren, Odysseus zu begleiten. Der verzweifelte Philoktet wünscht, dass sie weggehen, doch sollen sie ihm vorher die Beine abschlagen, damit diese nicht gegen seinen Willen mitgehen. Überhaupt sollen sie ihm sämtliche Körperteile abschlagen, um ihn von seiner Sehnsucht nach der Gemeinschaft zu befreien.

„So weit sind wir gegangen in der Sache / Im Netz aus eignem und aus fremdem Schritt / Dass uns kein Weg herausgeht als der weitre.“ (Odysseus zu Neoptolemos, S. 39)

Odysseus und Neoptolemos ziehen sich kurz zurück, in der Hoffnung, dass Philoktet sich in der Zwischenzeit beruhigt. Neoptolemos geht als Erster wieder zu ihm, um ihm seinen Bogen zurückzugeben: Er soll entweder freiwillig mitkommen oder allein so weiterleben wie bisher. Doch Philoktet ist völlig gebrochen und will den Bogen nicht mehr: Neoptolemos’ Reue ändere nichts. Odysseus kommt hinzu und verlangt den Bogen von Neoptolemos, aber dieser weigert sich, ihn herauszugeben: Er will den Betrug nicht länger mittragen. Odysseus wirft ihm vor, dass sein Mitgefühl nur Unheil anrichte; man sei schon so weit gegangen, nun gebe es keinen Weg zurück mehr. Es kommt zum Schwertkampf zwischen den beiden. Da nimmt Philoktet den Bogen an sich und sagt zu Neoptolemos, er solle sein Schwert zurückziehen und Odysseus unversehrt lassen: Er, Philoktet, wolle ihn töten.

Die Geschichte der Wunde

In der Hoffnung, Philoktet umzustimmen, erzählt Odysseus die Vorgeschichte aus seiner Sicht: Auf dem Weg in den Krieg um Troja zehn Jahre zuvor geriet die griechische Kriegsflotte in einen lebensbedrohlichen Sturm. Um den erzürnten Meergott zu besänftigen, wollten sie ihm ein Opfer darbringen, aber um den Altar wand sich eine Schlange. Philoktet nahm es auf sich, sie zu entfernen, wobei er in den Fuß gebissen wurde. Er ermöglichte zwar das Opfer, doch jetzt sorgte der Meergott für Windstille, sodass die Segelschiffe nicht vorankamen. Die Schmerzensschreie des verwundeten Philoktet durchbrachen die vorgeschriebene Stille nach dem Opfer. Zwar hatte er den Sturm abgewendet, doch seine Schreie verhinderten die Weiterfahrt, weshalb Odysseus ihn aussetzen musste. Philoktet solle jetzt mit Odysseus den Weg in den verdienten Ruhm gehen. Sollte er es vorziehen, Odysseus zu töten, würden 3000 Soldaten mit ihm sterben, das feindliche Troja bliebe heil und die eigenen Städte würden zerstört. Doch Philoktet hat nicht mehr das geringste Interesse an griechischen Städten oder Soldaten, ihm geht es nur noch darum, sich zu rächen. Odysseus geht darauf ein und bietet ihm seinen eigenen Tod an: Er solle ihn töten, aber dann mit Neoptolemos in den Krieg ziehen und Odysseus’ Soldaten eine Lüge erzählen, die ihren Kampfgeist nicht gefährde.

„Wenn uns der Fisch lebendig nicht ins Netz ging / Mag uns zum Köder brauchbar sein der tote.“ (Odysseus, S. 46)

Neoptolemos bietet stattdessen sein Leben an, da dieses unwichtiger sei, doch Odysseus schickt ihn weg. Philoktet sinnt auf Rache: Er möchte Odysseus am liebsten genau das antun, was dieser ihm angetan hat: ihn mit einer unerträglich schmerzenden Wunde allein auf dieser Insel lassen, mit nichts als Geiern und Gras als Nahrung. Er schießt einen Geier, der vor Odysseus’ Füße fällt, und befiehlt ihm, ihn zu fressen, bevor die anderen Geier ihn fressen.

Mord aus Pflicht

Schließlich stößt Neoptolemos Philoktet ein Schwert in den Rücken, nicht ohne dass es ihn sofort vor seiner eigenen Tat graut: Philoktet sei der Erste, den er hinterrücks getötet habe, und er habe jemanden umgebracht, der bereits tot gewesen sei. Odysseus lobt ihn, obwohl auch er nur ungern sein Leben einem solchen Tod verdankt. Sie bedecken Philoktets Leiche mit Steinen. Schon wollen sie zum Schiff gehen, da kommt Odysseus die Idee, den toten Philoktet mitzunehmen, um die Soldaten kampfwütiger zu machen: Rasch erfindet er eine dafür dienliche Version, nach der die Trojaner ihn getötet haben sollen, weil sie ihn auf ihre Seite bringen wollten und er sich dem aus Treue zu den Griechen weigerte.

„Geh schneller, dass nicht deine Wut verraucht.“ (Odysseus zu Neoptolemos, S. 48)

Dieser Version will Neoptolemos nun noch einen Toten hinzufügen: Er will Odysseus umbringen. Dieser hält ihn aber davon ab, indem er ihn davon überzeugt, dass man Neoptolemos’ Version keinen Glauben schenken würde: Schließlich wisse man von seinem Hass auf Odysseus. Sie gehen zum Schiff, und Odysseus kündigt an, Neoptolemos kurz vor Troja zu sagen, mit welcher Lüge er Odysseus’ Tod doch hätte rechtfertigen können. Dies sagt er, um Neoptolemos’ Wut aufrechtzuerhalten, die dem Kampf so dienlich ist.

Zum Text

Aufbau und Stil

Wie die Vorlage von Sophokles ist auch Heiner Müllers Stück nicht in Akte unterteilt. Es gibt keine Szenenwechsel, und der Schauplatz ist die ganze Zeit der Strand der unbewohnten Insel. Ebenso reduziert ist das Personal: Es tauchen nur drei Figuren auf, von denen sich – dem Titel zum Trotz – keine als Hauptfigur herauskristallisiert; alle drei sind gleich wichtig. Ihren Haltungen wird jeweils gleich viel Platz eingeräumt. Die hohe Dichte des Textes ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass Philoktet im Blankvers verfasst ist, einem reimlosen Vers mit fünf Hebungen. Das erzeugt einen stark antikisierenden Ton. Die Konflikte werden mithilfe kunstvoller rhetorischer Figuren zugespitzt: Unvereinbares und Unhaltbares wird oft zu einem Satz zusammengezwungen. Die schier unerträgliche Spannung, unter der die drei Griechen stehen, wird sehr plastisch vermittelt: Sie entlädt sich in regelmäßigen Morddrohungen.

Interpretationsansätze

  • Heiner Müllers Philoktet hat weder einen positiven Helden, noch zeigt das Stück eine mögliche Lösung auf – in der Tragödie prallen unvereinbare politische Haltungen aufeinander.
  • Odysseus verkörpert den rücksichtslosen Funktionär der Staatsräson; sein Denken und Handeln kennt keine moralischen Schranken, solange es dem Gemeinwohl dient – dafür würde er auch sein eigenes Leben opfern.
  • Neoptolemos ist ein Moralist, der durch seinen Dienst am Staat korrumpiert wird. Am Ende siegt der pflichttreue Soldat über den mitfühlenden Idealisten, und der Lügner wider Willen wird zum Mörder.
  • Philoktet schließlich ist das gebrochene Opfer, das dem Staat einst diente, dann aber von ihm verstoßen wurde. Obwohl er heftige Anflüge von Sehnsucht nach der Gemeinschaft hat, lässt er sich nicht mehr zurückholen: Zu groß sind der Hass und die Demütigung. Er steckt in einem Dilemma: Weder kann er in die Gemeinschaft zurückkehren, noch ohne sie zu sich selbst finden.
  • Der Hass ist während der zehnjährigen Verbannung das Einzige, was Philoktet von einer rein tierischen Existenz trennt. Bei Odysseus läuft dieser Hass aber ins Leere: Odysseus bereut nichts, Menschen sind für ihn nur Instrumente, und selbst ihr Hass kann von Nutzen sein. Für Philoktet wiederum zählen Werte wie Kriegsruhm und Soldatenpflicht nicht mehr. Die beiden zielen aneinander vorbei.
  • Philoktets Wunde steht für eine Lücke im System, die durch eine Machtpolitik um jeden Preis entsteht. Sie behindert und hemmt den Fortschritt.
  • Die Notwendigkeit des Krieges wird nur von Philoktet hinterfragt, der zynisch von der „blutsaufenden Gemeinschaft“ träumt – dabei wollten auch die beiden anderen sich dem Krieg anfangs entziehen. Um dem Krieg ein Ende zu setzen, so Odysseus’ Haltung, muss man sich zum Instrument des Krieges machen.
  • Philoktet wurde zumeist als Parabel auf Konflikte innerhalb des Kommunismus gelesen: darauf, wie nichtstalinistische Kommunisten im Stalinismus verfolgt wurden oder wie der Einzelne benutzt wurde, wenn es einer höheren Sache dienlich schien.

Historischer Hintergrund

Stalinismus in der DDR

Die 1949 gegründete DDR wurde von Josef Stalin (1878–1953) als westlichster Vorposten der sowjetischen Macht betrachtet und benutzt. Walter Ulbricht (1893–1973), obwohl zunächst nur Stellvertreter des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl (1894–1964), war der eigentliche Machthaber, der nach und nach alle Schlüsselpositionen besetzte. Der anfängliche Idealismus vieler DDR-Bürger, einen sozialistischen Staat zu errichten, wurde bald von der Unfreiheit und dem ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolg gedämpft. Die Qualität der Produkte und der allgemeine Lebensstandard blieben weit hinter dem westlichen Niveau zurück; die industrielle wie auch die landwirtschaftliche Produktion sanken deutlich unter das Vorkriegsniveau. Es gab keine freien Wahlen, und das 1950 nach sowjetischem Vorbild eingerichtete Ministerium für Staatssicherheit überzog das Land mit einem dichten Netz von Spitzeln, die ziemlich willkürlich vermeintliche Staatsfeinde verhafteten.

Im Juni 1952 traf die SED verschärfte Maßnahmen, um im „Klassenkampf“ mit dem Westen bestehen zu können: die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, einen einseitigen Aufbau der Schwerindustrie und eine Erhöhung der Arbeitsnorm für die Arbeiter um 10 %. Selbst der Sowjetunion war Ulbrichts radikaler Kurs zu riskant; viele Maßnahmen wurden auf Anweisung Moskaus zurückgenommen, ausgerechnet die Normerhöhung aber nicht. Das führte am 17. Juni 1953 zu einem Arbeiterstreik, der sich schnell aufs ganze Land ausweitete und zu einem nationalen Aufstand wurde: Das Volk forderte freie Wahlen und die Beseitigung der Zonengrenzen. Das SED-Regime blieb nur dank der sowjetischen Panzer an der Macht, die den Protest niederwalzten. In der Folge flohen immer mehr Menschen aus der DDR in den Westen. Der DDR fehlten zunehmend Fachkräfte, Ärzte und Wissenschaftler. 1961 waren bereits 1 650 000 Menschen nach Westberlin geflüchtet. Als Reaktion darauf errichteten am 13. August 1961 DDR-Soldaten über Nacht Stacheldrahtzäune und Gräben um den Westteil Berlins, die im Lauf der nächsten Wochen um eine solide Betonmauer ergänzt wurden. Wer jetzt noch zu fliehen versuchte, riskierte sein Leben.

Entstehung

Heiner Müller arbeitete von 1958 bis 1964 an seiner Philoktet-Version. Zu dieser Zeit stießen seine „Stücke aus der Produktion“ (Der Lohndrücker, 1956/57, Der Bau, 1963/64) zunehmend auf Widerstand. Wenige Wochen nach dem Mauerbau im August 1961 wurde sein Drama Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande als antikommunistisch verurteilt und Müller aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen; das bedeutete, dass er für mindestens zwei Jahre ohne Aufträge war. Nun machte er sich an die Niederschrift von Philoktet. „In den frühen 60er Jahren konnte man kein Stück über den Stalinismus schreiben“, so Müller später, „man brauchte diese Art von Modell, wenn man die wirklichen Fragen stellen wollte.“ Philoktet war das erste einer Reihe von „Lehrstücken“ mit antiken Stoffen – Herakles 5 folgte 1966, Der Horatier 1968, wobei die Tradition der Lehrstücke – die nüchterne Betrachtung ermöglichen statt Mitgefühl vermitteln sollen – direkt auf Bertolt Brecht zurückgeht. Mit dem Philoktet-Stoff hatte sich Heiner Müller schon früh beschäftigt, nämlich gleich, als er anfing zu schreiben. Im Oktober 1949, kurz nach der Gründung der DDR, verfasste er das Gedicht Philoktet 1950. Anlass war, dass der neue Staat alle Kräfte brauchte, auch jene, die von der Partei zuvor abgestraft und ausgestoßen worden waren.

Die antike Philoktet-Vorlage des Sophokles (uraufgeführt 409 v. Chr.) spitzte Müller an verschiedenen Stellen zu: Dass Neoptolemos von Odysseus um die Waffen seines toten Vaters betrogen wurde, ist bei Sophokles nur eine Lüge, bei Heiner Müller aber die Wahrheit. Vor allem aber erfindet Müller die Ermordung Philoktets durch Neoptolemos. Bei Sophokles kommt an dieser Stelle Herakles als Deus ex Machina ins Spiel: Erst er kann den hasserfüllten Philoktet zur Teilnahme am Krieg um Troja bewegen. Heiner Müller betonte, es gehe ihm darum, „Haltungen zu zeigen, nicht Bedeutungen“.

Wirkungsgeschichte

Philoktet wurde am 13. Juli 1968 im Münchner Residenztheater uraufgeführt. Die Inszenierung, die Heiner Müller selbst allerdings als „ziemlich flach“ beurteilte, fand viel Beachtung und markierte seinen ersten Bühnenerfolg in der Bundesrepublik. Die Erstaufführung in der DDR fand 1977, also viel später, am Deutschen Theater Berlin statt. Erst von der bulgarischen Erstaufführung, die Dimiter Gotscheff inszenierte, war Heiner Müller wirklich begeistert – so begeistert, dass er dem Regisseur einen berühmt gewordenen Brief mit grundlegenden theatertheoretischen Überlegungen schrieb. Wenige Wochen vor Müllers Tod Ende 1995 kam es zu einer Inszenierung am Berliner Ensemble, die den Zuschauerraum mit einbezog und u. a. wegen der „antiken“ Nacktheit der Schauspieler umstritten war.

Über den Autor

Heiner Müller wird am 9. Januar 1929 als Sohn eines Verwaltungssekretärs und einer Fabrikarbeiterin in Eppendorf in der Nähe von Chemnitz geboren. Sein Vater wird als Sozialist von den Nationalsozialisten verhaftet und kommt für einige Monate ins Konzentrationslager. Müller selbst wird Ende 1944 zum Volkssturm eingezogen, erlebt aber keine Schlachten mehr. 1948 macht er sein Abitur; noch auf dem Gymnasium unternimmt er erste Schreibversuche. Seine Eltern und sein Bruder fliehen 1951 in den Westen, aber Heiner Müller bleibt in der DDR und geht nach Berlin, um dort an einer Karriere als Dramatiker und Journalist zu feilen. Als Kulturjournalist kann er sich gerade so durchschlagen, als Dramatiker wird er ab 1957 mit seinen Stücken Der Lohndrücker und Die Korrektur erstmals wahrgenommen. Nachdem er zwischen 1951 und 1954 zweimal Rosemarie Fritzsche geheiratet und sich wieder von ihr hat scheiden lassen, ehelicht er 1955 die Schriftstellerin Inge Meyer, die sich 1966 das Leben nehmen wird. Sein Stück Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande (1961) wird von DDR-Funktionären als Angriff auf den Mauerbau gelesen; Heiner Müller wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und darf zwei Jahre lang nicht publizieren. In den 1960er Jahren wendet er sich antiken Stoffen zu. Neben Philoktet (1964) entstehen etwa Ödipus, Tyrann (1966) oder Prometheus (1968), und Müller etabliert sich auch in Westdeutschland und in den USA. Eine Amerikareise 1975 verändert seine Stücke hin zu Textlandschaften, die oft als postmodern beschrieben werden und sich einer direkten Darstellbarkeit auf der Bühne entziehen: In Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten (1982) sind Dialoge durch lyrische Monologe ersetzt, Bildbeschreibung (1984) ist ein einziger achtseitiger Satz. 1985 erhält Müller in der BRD den Georg-Büchner-Preis; er gilt nun als wichtigster deutschsprachiger Dramatiker. Nach dem Ende der DDR arbeitet er vor allem als Regisseur, er wird Direktor des Berliner Ensembles – Stücke aber schreibt er nicht mehr. Am 30. Dezember 1995 stirbt Müller, der noch zwei weitere Male geheiratet hat, in Berlin an Speiseröhrenkrebs.


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