Zusammenfassung von Poetik

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Poetik Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Sprache & Kommunikation
  • Griechische Antike

Worum es geht

Das merkwürdige Vergnügen am Tragischen

In seiner Poetik geht Aristoteles einem offenbar tief in der menschlichen Natur verankerten Phänomen nach: der Lust, die wir beim Verfolgen einer tragischen Handlung erleben. Normalerweise würden wir über uns selbst erschrecken, wenn wir Vergnügen dabei empfänden, andere ins Unglück stürzen zu sehen. Im Theater, im Kino oder beim Lesen hingegen geben wir dem Verlangen nach tragischen Geschichten hemmungslos nach. Aristoteles findet in seiner Poetik eine bemerkenswerte Erklärung für diese Tatsache: Die Tragödie ruft die schädlichen Gefühle Jammer und Schaudern hervor und reinigt uns gewissermaßen von ihnen – wie eine Impfung, die vor Krankheiten schützt. Das Vergnügen an den durch das Bühnengeschehen hervorgerufenen Gefühlen ergibt sich aus einer angeborenen Freude am Nachahmen und am Nachgeahmten. Gerade dieses Element der aristotelischen Poetik erweist sich immer wieder als aktuell, doch auch das Werk als Ganzes, das sich als erstes seiner Art wissenschaftlich der Dichtkunst näherte, überzeugt bis heute mit tiefsinnigen Beobachtungen und Denkanstößen.

Take-aways

  • Aristoteles’ Poetik beeinflusste die Literaturwissenschaft über Jahrhunderte und beinhaltet einige bis heute diskutierte Thesen und Definitionen.
  • Inhalt: Alle Dichtung beruht auf Nachahmung. Die Nachahmung tragischer Handlungen in der Tragödie erregt beim Zuschauer Jammer und Schaudern und reinigt ihn von schädlichen Gemütszuständen. Anders als die Geschichtsschreibung stellt die Dichtung nicht das Einzelne, sondern das Allgemeine dar, und zwar nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit, nicht nach dem der Wahrheit.
  • Viele Thesen der Poetik sind eine direkte Antwort auf die Theorie der Dichtkunst, die Platon in seinem Werk Der Staat vertritt.
  • Platon hielt die Wirkungen der Dichtkunst für schädlich und war der Meinung, dass sie in einem idealen Staat verboten werden sollte.
  • Die Werke Homers waren das wichtigste literarische Vorbild für Aristoteles.
  • Die Poetik war ursprünglich ein umfangreicheres Werk. Heute ist nur noch ein Teil überliefert.
  • Neben einer allgemeinen Dichtungstheorie enthält die Schrift auch Literaturkritik und ein Regelwerk für Dichter.
  • Beim Text handelt es sich nicht um ein zur Veröffentlichung bestimmtes Werk, sondern um eine skizzenhafte Darstellung für Lehrzwecke.
  • Die aristotelische Dichtungstheorie wurde vor allem in der Renaissance und im Klassizismus rege rezipiert.
  • Zitat: „Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache (…) – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“
 

Zusammenfassung

Dichtung als Nachahmung

Die Poetik beschäftigt sich mit der Dichtkunst: Sie beschreibt deren Gattungen, die jeweiligen Wirkungen, die diese Gattungen erzielen wollen, und legt dar, was ein poetisches Werk zu einem gelungenen macht. Darüber hinaus soll erklärt werden, aus welchen Teilen ein dichterisches Werk besteht. Die wichtigsten Gattungen sind die Epik, die Tragödie und die Komödie. Grundsätzlich ist jede Dichtung Nachahmung. Die Gattungen unterscheiden sich jedoch darin, welche Gegenstände sie mit welchen Mitteln und auf welche Art und Weise nachahmen.

„Die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen.“ (S. 9)

Zu diesen Mitteln zählen der Rhythmus, die Sprache und die Melodie. Die Epik nutzt nur die Sprache, die Tragödie und die Komödie dagegen verwenden alle drei Mittel. Gegenstand der Nachahmung sind handelnde Menschen. Die nachgeahmten Menschen sind entweder schlechter als der Zuschauer – dann haben wir es mit einer Komödie zu tun – oder besser als der Zuschauer – dann handelt es sich um eine Tragödie. Das dritte Unterscheidungskriterium der Gattungen ist die Art und Weise der Darstellung. Grob gesagt handelt es sich bei der Dichtung entweder um einen Bericht (eine Handlung wird nacherzählt) oder um ein Drama (Handelnde werden unmittelbar nachgeahmt), wobei der Begriff „Drama“ Tragödien und Komödien umfasst.

„Allgemein scheinen zwei Ursachen die Dichtkunst hervorgebracht zu haben, und zwar naturgegebene Ursachen. Denn sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren (...) als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen hat.“ (S. 11)

Die Nachahmung liegt in der Natur des Menschen: Von Kindheit an zeigen wir Vergnügen daran, nachzuahmen und Nachgeahmtes zu entschlüsseln. Die Betrachtung der nachahmenden Künste kann dem Zuschauer etwas beibringen, und darüber hinaus bereitet sie ihm Vergnügen. So lässt sich leicht nachvollziehen, wie die Dichtung entstanden ist. Von Anfang an haben manche Menschen andere, schlechtere Menschen nachgeahmt, z. B. indem sie Rügelieder sangen, oder sie haben bessere, etwa in Hymnen, gelobt. Aus diesen Ursprüngen haben sich dann die Tragödie, die Komödie und das Epos entwickelt.

Die Tragödie

Nicht nur die Tragödie, sondern auch das Epos ahmt bessere Menschen nach. Letzteres nutzt jedoch nur eine einzige Versform und stellt die Handlung als Bericht dar, während sie bei der Tragödie direkt auf der Bühne nachgeahmt wird. Daneben unterscheiden sich beide in der dargestellten Zeit: Die Handlung der Tragödie spielt sich meist innerhalb eines Tages ab, während das Epos Jahrzehnte umfassen und auch entsprechend länger ausfallen kann.

„Die Epik stimmt mit der Tragödie insoweit überein, als sie Nachahmung guter Menschen in Versform ist; sie unterscheidet sich darin von ihr, dass sie nur ein einziges Versmaß verwendet und aus Bericht besteht.“ (S. 17)

Jede Tragödie beinhaltet die Aspekte Mythos, Charaktere, Sprache, Erkenntnisfähigkeit, Inszenierung und Melodik. Der Begriff „Mythos“ steht für die Art und Weise, wie die dargestellten Handlungen zusammengefügt sind. Die Zusammenstellung der Geschehnisse ist der wichtigste Aspekt der Tragödie, wichtiger noch als die Charaktere. Die Tragödie ist die Darstellung einer in sich geschlossenen Handlung, die eine angemessene Größe hat: Man muss sich den Ablauf der Ereignisse gut merken können, die Handlung muss also übersichtlich sein. Sie darf jedoch auch nicht zu kurz sein, sondern muss genug Raum lassen, um das wichtigste Element einer Tragödie – den Umschlag vom Glück ins Unglück – darstellen zu können.

Wahrheit und Wahrscheinlichkeit

Der Dichter unterscheidet sich vom Historiker darin, dass er nicht unbedingt darstellt, was wirklich geschehen ist, sondern was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit geschehen könnte oder sollte. Während die Geschichtsschreibung das Besondere, die Details erfasst, ist es Aufgabe des Dichters, das Allgemeine, eine Art Gesamtbild zu vermitteln, also darzustellen, wie ein Mensch mit einem bestimmten Charakter nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Situation handeln würde. Die Tragödie muss vor allem glaubwürdig sein. Aus diesem Grund handelt sie oft von Personen, die tatsächlich gelebt haben: Denn was tatsächlich geschehen ist, ist auch möglich.

Elemente der Tragödie

Die Nachahmung einer Handlung nennt man Fabel. Eine Fabel kann einfach oder kompliziert sein. Der Tragödie angemessen ist eine komplizierte Fabel, die die Elemente Wiedererkennung und Peripetie umfasst. Unter Peripetie versteht man den Wendepunkt, an dem eine bestimmte Handlung mit einem bestimmten Ziel durchgeführt wird, dabei aber zu dessen Gegenteil führt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ödipus: Jemand klärt Ödipus über seine Herkunft auf, um ihm seine Bedenken bezüglich seiner Mutter zu nehmen, erreicht damit jedoch, dass sein ganzes Unglück offenbar wird.

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache (...) – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“ (S. 19)

Die Wiedererkennung bezeichnet den Punkt einer Tragödie, an dem Unkenntnis in Kenntnis umschlägt, wobei dieses neue Wissen meist eine Wendung zum Unglück nach sich zieht. Idealerweise fällt die Wiedererkennung mit der Peripetie zusammen (wie im Ödipus). Beide Elemente müssen sich aufgrund von Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus anderen Ereignissen ergeben. Zentral für jede Tragödie ist außerdem das schwere Leid, mit dem die beiden genannten Elemente in engem Zusammenhang stehen. Alle drei Aspekte sind deshalb so wichtig für die Tragödie, weil sie deren eigentliches Ziel erreichen helfen: Jammer und Schaudern zu bewirken. Wenn ein Held ins Unglück stürzt, ruft das beim Zuschauer eine entsprechende Reaktion hervor, die ihn von den betreffenden Erregungszuständen befreien kann. Diese Reinigung nennt man Katharsis.

Jammer und Schaudern

Um die genannten Wirkungen, Jammer und Schaudern, hervorzurufen, sollte die Tragödie einen Umschlag vom Glück ins Unglück darstellen. Jammer erregt ein solcher Umschlag, wenn er jemanden trifft, der sein Unglück nicht verdient, Schaudern, wenn der Zuschauer zwischen sich und dem Helden eine gewisse Ähnlichkeit entdeckt, wenn er sich also in ihn hineinversetzen kann. Das Jammervolle oder Schaudererregende sollte nicht allein mit den Mitteln der Inszenierung (etwa mit der Nachstellung grauenvoller Szenen) hervorgerufen werden, sondern sich aus dem inneren Zusammenhang der dargestellten Geschehnisse ergeben: Auch jemand, der nur davon hört und es nicht selbst sieht, sollte von Jammer und Schaudern ergriffen werden.

„Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche.“ (S. 29)

Jammer und Schaudern rufen vor allem Ereignisse hervor, die sich unter sich nahestehenden Personen abspielen. In den meisten Fällen handelt es sich um Verwandte, die sich (wissentlich oder unwissentlich) gegenseitig Leid zufügen. Wenn sich die Personen nicht nahestünden, wäre ihr Leid zwar grauenvoll, aber es würde nicht die angestrebten Wirkungen hervorrufen. Hier muss vor allem darauf geachtet werden, dass sich das, was eine Person sagt oder tut, aus einer Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit ihres Charakters ergibt. Wie erwähnt thematisiert die Tragödie Menschen, die besser sind als in Wirklichkeit. Wenn also eine der Figuren einen Charakterfehler hat, sollte sie dennoch so rechtschaffen und gut dargestellt werden wie möglich. In diesem Sinn ähnelt der Dichter dem Porträtmaler, der Menschen zwar so charakterisiert, dass man sie wiedererkennen kann, sie zugleich aber schöner abbildet, als sie wirklich sind.

Entwurf und Ausgestaltung des Werks

Ein Dichter sollte die Fähigkeit besitzen, sich die Ereignisse, die er beschreiben will, vollkommen klar vorzustellen. Er braucht also eine lebhafte Fantasie und muss in der Lage sein, sich in die Gemütszustände seiner Charaktere hineinzuversetzen, um diese lebendig wiederzugeben. Bevor man mit dem Schreiben beginnt, sollte man die gesamte Tragödie skizzieren und sich einen allgemeinen Überblick verschaffen, um sie dann endgültig auszuarbeiten. Die Ausgestaltung der einzelnen Szenen ist in der Tragödie kurz gefasst, im Gegensatz zum Epos, wo sie mit zahlreichen Details versehen werden. Jede Tragödie besteht grob aus zwei Teilen: Der Abschnitt vom Anfang bis zur Peripetie, dem Umschlag vom Glück ins Unglück, wird Verknüpfung oder Knoten genannt. Der Abschnitt zwischen dieser Wende und dem Ende wird als Lösung bezeichnet.

Die sprachliche Form

Die Elemente der Dichtung, die noch nicht behandelt wurden, sind die Sprache und die Gedankenführung. Alles, was man über die Gedankenführung wissen muss, lernt man von der Rhetorik, daher soll dies hier nicht weiter untersucht werden. Die Sprache umfasst die Elemente Buchstabe, Silbe, Konjunktion, Artikel, Nomen, Verb, Kasus und Satz, die sich alle wiederum in Untergruppen aufteilen lassen. Für den Dichter am wichtigsten sind die Wörter: Ein Wort kann entweder ein geläufiger Ausdruck, eine Glosse, eine Metapher, ein Schmuckwort, eine Neubildung, eine Erweiterung, eine Verkürzung oder eine Abwandlung sein, wobei der Metapher besondere Bedeutung zukommt: An ihr erweist sich, wer ein guter Dichter ist, denn nur ein guter Dichter kann Metaphern erfinden.

„Daher ist Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“ (S. 29)

Der Dichter sollte eine Sprache anstreben, die zugleich klar und ungewöhnlich, also nicht banal, ist. Das gelingt ihm, wenn er ein ausgewogenes Maß zwischen üblichen und fremdartigen Ausdrücken findet (zu letzteren zählen die Glossen, Metaphern, Schmuckwörter, Neubildungen, Erweiterungen, Verkürzungen und Abwandlungen).

Epos und Tragödie

Bei jeder Art von Dichtung muss beachtet werden, dass man eine einzige, in sich geschlossene Handlung darstellt. Dieser Grundsatz gilt also nicht nur für die Tragödie, sondern auch für das Epos. Wenn man etwa einen Krieg zum Thema der Dichtung macht, darf man nicht alles, was in diesem Krieg geschehen ist, darstellen, sondern muss sich auf einen einzelnen Bereich oder eine einzelne Handlung beschränken, die eine angemessene Größe, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Dem Epiker sind allerdings kaum Grenzen gesetzt, sein Werk mit zahlreichen Einfügungen auszugestalten.

„Die Nachahmung hat nicht nur eine in sich geschlossene Handlung zum Gegenstand, sondern auch Schaudererregendes und Jammervolles. Diese Wirkungen kommen vor allem dann zustande, wenn die Ereignisse wider Erwarten eintreten und gleichwohl folgerichtig auseinander hervorgehen.“ (S. 33)

Das Epos ist wie die Tragödie entweder einfach oder kompliziert und braucht ebenso Peripetien, Wiedererkennungen und schweres Leid; auch gelten für diese Gattung die gleichen Regeln der Sprache und Gedankenführung. Epos und Tragödie unterscheiden sich jedoch darin, dass das Epos keine Melodik oder Inszenierung besitzt, zudem gibt es Unterschiede in der Ausdehnung und im Versmaß. Das Epos hat gegenüber der Tragödie den Vorteil, dass es mehrere Handlungen darstellen kann, die sich im gleichen Zeitraum abspielen, während die Tragödie in zeitlicher Chronologie einem Handlungsstrang folgen muss. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass sich Wunderbares im Epos viel besser einbringen lässt, während es bei der Tragödie – auf der Bühne – oft lächerlich wirkt. So kann etwa das Eingreifen eines Gottes im Epos großartig, in der Tragödie unpassend sein.

Fehler in der Dichtkunst

Dem Dichter stehen drei Arten der Nachahmung zur Verfügung: Er kann etwas so darstellen, wie es ist (oder war), so, wie man es sich allgemein vorstellt, oder so, wie es sein sollte. Der Begriff des Fehlers oder der Richtigkeit muss in der Dichtkunst anders definiert werden als in anderen Disziplinen: Hier gibt es nämlich zwei Arten von Fehlern. Zur ersten Art gehören Fehler der Dichtkunst selbst, d. h. Fehler in der Darstellung: Der Dichter hat eine richtige Vorstellung von etwas, vermag es aber nicht entsprechend wiederzugeben. Zur zweiten Art gehören die Fehler in der Vorstellung des Dichters: Er hat sich einen Sachverhalt falsch vorgestellt oder ausgemalt und damit gemessen an den Erkenntnissen bestimmter anderer Disziplinen (etwa der Medizin) einen Fehler gemacht. Die zweite Art sollte dem Dichter nicht vorgeworfen werden, denn er hat in seiner Disziplin, der eigentlichen Dichtkunst, keinen Fehler begangen. Generell können viele Ungereimtheiten mit den Erfordernissen der Dichtung gerechtfertigt werden, denn es gilt: Man sollte lieber das Unmögliche darstellen, das glaubwürdig wirkt (und die angestrebte Wirkung verstärkt), als das Mögliche, das unglaubwürdig wirkt.

Epos oder Tragödie?

Manche werfen der Tragödie vor, sie sei vulgär, weil sie Handlungen direkt nachahmt und sich an ein weniger gebildetes Publikum wendet als das Epos. Dieser Vorwurf betrifft jedoch nicht die Gattung an sich, sondern die Inszenierung, die auch bei einer guten Tragödie schlecht sein kann – etwa aufgrund unbefriedigender Leistungen der Schauspieler. Eine gelungene Tragödie kann ihre Wirkung auch ohne Aufführung entfalten. Zudem ist sie durch ihre Kürze und die in sich geschlossene Handlung eindringlicher: Sie zeigt stärker und schneller Wirkung und bereitet dadurch mehr Vergnügen. Aus diesen Gründen ist der Tragödie gegenüber dem Epos der Vorzug zu geben.

Zum Text

Aufbau und Stil

Aristoteles’ Poetik umfasst nur rund 50 Seiten und ist in 26 kurze Kapitel gegliedert, wobei sich die ersten fünf mit der Dichtkunst im Allgemeinen, alle weiteren mit der Tragödie und dem Epos beschäftigen. Der Autor umreißt sein Projekt zu Beginn wie folgt: „Von der Dichtkunst selbst und ihren Gattungen, welche Wirkung eine jede hat und wie man die Handlungen zusammenfügen muss, wenn die Dichtung gut sein soll, ferner aus wie vielen und was für Teilen eine Dichtung besteht, (...) wollen wir hier handeln“. Bei der Poetik handelt es sich nicht um ein Lehrwerk, das Aristoteles zu veröffentlichen gedachte (in diesem Fall wäre es, wie damals üblich, in Dialogform verfasst worden), sondern um eine skizzenhafte Schrift, die lediglich für Hörer und als Gedächtnisstütze gedacht war. Hierin liegt auch der Grund für die oftmals sehr kurze Abhandlung einzelner Themen in der Poetik und die an manchen Stellen recht willkürlich wirkende Argumentationslinie. Das Werk ist nur fragmentarisch erhalten; die Ausführungen über die Komödie fehlen. Berücksichtigt man diese Tatsachen bei der Lektüre, erweist sich die Poetik allen Problemen der Interpretation zum Trotz als beeindruckend tiefsinniges und kohärent aufgebautes Manifest einer damals neuen Disziplin, das tiefe Einblicke in das Denken eines genialen Autors ermöglicht.

Interpretationsansätze

  • Aristoteles etablierte mit seiner Poetik eine neue Disziplin, die gleichberechtigt neben der Rhetorik stand. Bis dato war diese die einzige Wissenschaft, die sich mit der Sprache beschäftigte. So trägt die Poetik starke Züge einer allgemeinen Literaturtheorie, die das analytische Sprechen über Dichtung überhaupt erst ermöglicht.
  • Große Abschnitte der Poetik lesen sich wie ein Leitfaden für Dichter: Aristoteles gibt Tipps, wie man eine Tragödie plant und verfasst, wie man Figuren zeichnet und mit überlieferten Stoffen umgeht. Neben diesem normativen Ansatz verfolgt er aber auch ein deskriptives Projekt: Er betrachtet die bekannten Werke antiker Dichter und versucht, diese zu kategorisieren, zu kritisieren und zu analysieren.
  • Besonders wichtig ist ihm die psychologische Wirkung der literarischen Werke: Die Tragödie vermag im Zuschauer mithilfe der Nachahmung (Mimesis) von Handlungen Jammer und Schaudern (Eleos und Phobos) hervorzurufen und bereitet ihm damit Vergnügen. Dank dieser Wirkung wird der Zuschauer von diesen Gefühlen gereinigt (Katharsis) – in der Folge ist sein Gemütszustand ruhiger und ausgeglichener.
  • Mit diesem Anspruch an die Tragödie, Erregungszustände hervorzurufen und die Zuschauer so zu reinigen, wird zugleich ein ethisches Ziel verfolgt: Die Reinigung ermöglicht eine Besserung des Menschen, die Nachahmung von Allgemeinem (eigentlich eine Domäne der Philosophie) führt zur Erkenntnis.
  • Mit dem Ansatz, die Dichtung in den Dienst eines höheren Ziels zu stellen, begründete Aristoteles eine Tradition, die erst im 18. Jahrhundert mit dem Geniekult und der Idee, literarische Werke als autonome Kunstwerke zu betrachten, durchbrochen wurde.
  • Aristoteles seinerseits reagierte auf die These Platons, dass Dichtung aufgrund der Hervorrufung der genannten Erregungszustände schädlich sei und deshalb seinem ethischen Ziel, der Erreichung eines idealen Staates, zuwiderlaufe.

Historischer Hintergrund

Von der griechischen Antike zum Hellenismus

Griechenland bestand im vierten Jahrhundert v. Chr. aus einer Ansammlung verschiedener Staaten, unter denen Athen bis zum fünften Jahrhundert v. Chr. eine Vormachtstellung innegehabt hatte, die es jedoch infolge wiederholter Auseinandersetzungen mit seinem Nachbarn Sparta nach und nach verlor. Mitte des vierten Jahrhunderts stieg ein neuer Stern am politischen Himmel Griechenlands auf: Der makedonische Prinz Philipp II. bestieg den Thron. Er nutzte die Streitigkeiten unter den griechischen Staaten geschickt für sich und stellte in kürzester Zeit ein schlagkräftiges Heer auf, mit dem er nacheinander Thessalien, Thrakien und im Jahr 338 v. Chr. schließlich Athen unterwarf. Nach diesem Sieg gründete Philipp den Korinthischen Bund, dem er fortan als Hegemon vorstand. Nach seiner Ermordung im Jahr 336 v. Chr. verfolgte Philipps Sohn Alexander der Große dessen Expansionspläne weiter und dehnte das Reich während seines legendären Feldzugs bis nach Indien aus. Die Herrschaft Alexanders gilt als Wendezeit von der klassischen griechischen Antike zum Hellenismus.

Die Phase des politischen Niedergangs Athens markiert zugleich das Ende der kulturellen Blütezeit des Stadtstaats, die ihren Höhepunkt im fünften Jahrhundert mit den Werken der großen Dramatiker Sophokles (Tragödie) und Aristophanes (Komödie) und des Geschichtsschreibers Herodot sowie der Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles gefunden hatte. Im Hellenismus wurde die griechische Kultur jedoch in der gesamten damals bekannten Welt verbreitet und blieb bis zum Aufstieg Roms und darüber hinaus wegweisendes Vorbild in Literatur, bildender Kunst und Philosophie.

Entstehung

Die Poetik ist die erste Abhandlung, die sich ausschließlich mit der Dichtkunst beschäftigt. In diesem Bereich gab es also keine offensichtlichen Vorbilder, die Aristoteles zur Verfassung seines Werks animiert haben könnten. Dass er dieses Projekt in Angriff nahm, lässt sich wohl vor allem daraus erklären, dass er bezüglich der Dichtkunst eine vollkommen andere Position als sein Lehrer Platon einnahm, der sie am liebsten ganz verboten hätte. Ein Großteil der Thesen, die Aristoteles in der Poetik aufstellt, lassen sich als direkte Reaktionen auf die Ausführungen Platons zum Thema lesen. Als weiterer wichtiger Einfluss ist der Sophist Gorgias zu nennen, der im frühen vierten Jahrhundert v. Chr. die Kunstprosa erfand und postulierte, dass für die Dichtung keine ethischen Normen gelten dürften. Zwischen dieser und der entgegengesetzten Meinung, die Platon vertrat, nahm Aristoteles einen vermittelnden Standpunkt ein. In literarischer Hinsicht waren es die Werke Homers, die Aristoteles am stärksten beeinflussten. Er hat sich intensiv vor allem mit der Ilias beschäftigt und während seiner Tätigkeit als Lehrer des makedonischen Prinzen Alexander eine eigene Fassung des Epos angefertigt.

Der exakte Entstehungszeitraum der Poetik ist nicht bekannt. In der Forschung wird jedoch angenommen, dass Aristoteles das Werk in den Jahren ab 335 v. Chr., also nach Platons Tod und nach seiner Rückkehr nach Athen, verfasst hat.

Wirkungsgeschichte

Die Poetik gehörte in der Antike zu Aristoteles’ am wenigsten wahrgenommenen Schriften. So lässt sich vielleicht erklären, dass nur ein Teil des Werks überhaupt überliefert worden ist. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass das Werk ursprünglich aus zwei Büchern bestand. Der Teil, der sich u. a. mit der Komödie befasste und den Begriff der Katharsis näher untersuchte, ist nicht erhalten. (In Umberto Ecos Roman Der Name der Rose dreht sich alles um diese verloren gegangene Schrift des Aristoteles.) Während in der Antike das Projekt einer Dichtungstheorie von mehreren anderen Autoren aufgriffen wurde, etwa von Horaz oder Cicero, setzte eine intensivere Beschäftigung mit den Inhalten der aristotelischen Poetik erst wieder in der Renaissance und später vor allem im Klassizismus ein. Im deutschsprachigen Raum beeinflusste Aristoteles vor allem Gotthold Ephraim Lessing, der die Erkenntnisse seines Vorbilds nutzte, um in der Hamburgischen Dramaturgie eine Theorie für das bürgerliche Trauerspiel der Aufklärung zu entwickeln. Auf Lessing geht auch die über Jahrhunderte anerkannte Übersetzung der Begriffe „Eleos“ und „Phobos“ mit „Mitleid“ und „Furcht“ zurück, die heute treffender mit „Jammer“ und „Schaudern“ übersetzt werden. Im Anschluss an Lessing führte die Geniebewegung dazu, dass die Idee eines gleichsam gesetzgeberischen Regelwerks, an das sich jede gute Dichtung zu halten hat, verworfen wurde. Im 20. Jahrhundert knüpfte Bertolt Brecht an die Poetik an und entwarf von ihr ausgehend eine „nichtaristotelische Dramatik“, die als Leitfaden für das Verfassen von Stücken genutzt werden sollte. Die zeitlose Aktualität der aristotelischen Theorie zeigt sich gerade daran, dass diese bis heute fruchtbringend für die Dramentheorie oder auch die Filmwissenschaft genutzt wird.

Über den Autor

Aristoteles wird 384 v. Chr. in Stageira auf der makedonischen Halbinsel Chalkidike geboren. Er entstammt einer angesehenen Familie und hat von früher Jugend an Zugang zum naturwissenschaftlichen Wissen seiner Zeit. Sein Vater ist Leibarzt des makedonischen Königs. Auch Aristoteles soll Arzt werden und beginnt bereits als Jugendlicher seine Studien an Platons Akademie in Athen. Dort verbleibt er fast 20 Jahre, erst als Schüler, später als Forscher und Lehrer. Als nach Platons Tod dessen Neffe Speusippos zum Nachfolger bestimmt wird, verlässt Aristoteles Athen und geht ins kleinasiatische Assos (in der heutigen Türkei) an den Hof des Hermias, eines früheren Mitschülers, mit dem er befreundet ist. Er heiratet dessen Nichte und Adoptivtochter Pythias. Fünf Jahre später, 342 v. Chr., wird Aristoteles zurück an den Hof Philipps von Makedonien gerufen, um den jungen Kronprinzen Alexander, der später als „der Große“ in die Geschichte eingehen wird, zu unterrichten. Nach der Ermordung Philipps wird Alexander 335 v. Chr. makedonischer König, und Aristoteles kehrt nach Athen zurück, wo er das Lykeion gründet. Diese Bildungsstätte wird auch als die Schule der Peripatetiker (Wandelschule) bekannt, weil die Gespräche zwischen Schülern und Lehrern oft beim Spazieren in den schattigen Laubengängen auf dem Schulgelände stattfinden. Aristoteles befasst sich mit fast allen Wissenschaften und Künsten, er verfasst Werke zu so unterschiedlichen Wissensgebieten wie Physik, Chemie, Biologie, Zoologie, Botanik, Psychologie, Politikwissenschaft, Metaphysik, Ethik, Logik, Geschichte, Literatur und Rhetorik und setzt dabei auf mehreren Gebieten wichtige Grundpfeiler für die westliche Philosophie. Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. muss Aristoteles Athen wegen der starken antimakedonischen Stimmung verlassen. Wie vor ihm Sokrates wird er offiziell der Gottlosigkeit angeklagt. Daraufhin zieht er sich auf das Landgut seiner Mutter in Chalkis auf der griechischen Insel Euböa zurück. Dort stirbt er 322 v. Chr. im Alter von 62 Jahren.


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