Zusammenfassung von Professor Unrat

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Professor Unrat Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Satire
  • Moderne

Worum es geht

Satire über einen Provinztyrannen

Heinrich Manns Roman Professor Unrat ist eine Abrechnung mit der bürgerlichen Gesellschaft während des wilhelminischen Kaiserreichs. In wenigen Monaten verfasst und 1905 veröffentlicht, ist das Buch einerseits eine Satire über einen verlachten Spießbürger, der entgegen seinen Überzeugungen von strenger Sittlichkeit in Leidenschaft für eine Prostituierte entflammt und durch sie seine soziale und berufliche Stellung verspielt. Andererseits ist das Werk eine Gesellschaftskritik an jenem scheinheiligen Bürgertum, das Ordnung, Gehorsam, Disziplin, Fleiß und Zucht fordert, aber nicht mit Herz und Seele zu leben versteht. Der als "Unrat" verspottete Gymnasiallehrer Raat sinnt auf Rache, er legt seine alten, starren Überzeugungen ab und erhebt sich nach seiner sozialen Ächtung lautstark gegen das System. Dennoch hat er die bürgerlichen Prinzipien so sehr verinnerlicht, dass sein hinterlistiger Racheplan gegen die Bürger der Stadt nach den gleichen Prinzipien funktioniert. Raat ist ein bürgerlicher Tyrann, der als Anarchist und Menschenfeind untergehen muss. Viele Literaturkritiker erkannten später in Manns Romanfigur den Prototypen des Tyrannen vom Kaliber eines Adolf Hitler, dem ein Untergang vorbestimmt ist, in den er andere mitreißen wird.

Take-aways

  • Heinrich Manns Roman Professor Unrat ist eine der berühmtesten Satiren der deutschen Literatur.
  • Die Titelfigur verkörpert das Urbild des autoritären Professors, an dem sich zahlreiche spätere Schriftsteller und Filmemacher orientierten.
  • Professor Raat wird seit vielen Jahren von seinen Schülern mit einem Spottnamen belegt: Professor Unrat.
  • Der Professor sieht sich dadurch in seiner Autorität bedroht, kann aber die Beleidigung nie direkt beweisen.
  • Aus Rache für die alltäglichen Frechheiten nutzt er seine Position dazu, die Schüler im Unterricht zu tyrannisieren und ihnen unlösbare Aufgaben zu stellen.
  • Einzig der dichterisch begabte Lohmann wagt es, sich zu wehren, und Unrat konzentriert seinen ganzen aufgestauten Hass auf diesen Schüler.
  • In Lohmanns Aufsatzheft entdeckt der Professor Gedichte an eine Künstlerin, die er ausfindig macht, um dem Schüler zu schaden.
  • Die Künstlerin entpuppt sich als Rosa Fröhlich, Amüsierdame und Prostituierte im Lokal "Zum Blauen Engel", wo Unrat selbst ihren Reizen erliegt.
  • Mit dieser späten Leidenschaft eskaliert der Rachewahn des Professors: Er heiratet Rosa, wird ihr Zuhälter und drängt ihre Kundschaft - ehrbare Bürger - ins soziale Aus.
  • Unrat wird unersättlich und führt das Glücksspiel in seinem Haus ein. Er ruiniert viele Bürger der Stadt, indem er sie als Betrüger und Diebe bloßstellt.
  • Rosa verabredet sich heimlich mit Lohmann. Die beiden werden von Unrat überrascht, der in rasender Wut Lohmann beraubt und schließlich vor aller Augen verhaftet wird.
  • Untrennbar verknüpft mit dem Roman ist die Verfilmung von 1930 unter dem Titel Der Blaue Engel, durch die Marlene Dietrich Weltruhm erlangte.
 

Zusammenfassung

Der eigene Name - ein Fluch

Ein kleinstädtisches Gymnasium ist Schauplatz eines über ganze Schülergenerationen anhaltenden Spottes, dem der kauzige Professor Raat seit nunmehr 26 Jahren ausgeliefert ist. Auf Schritt und Tritt muss der Witwer verdeckte verbale Angriffe über sich ergehen lassen, indem sein Name immer wieder zu einem Schimpfwort verunglimpft wird: „Riecht es hier nicht nach Unrat?“, oder: „Oho! Ich wittere Unrat!“, bekommt er in den Gängen, auf dem Schulhof und sogar auf der Straße zu hören. Die ganze Stadt ist voll von ehemaligen Schülern des 57-jährigen Professors, und so hört für ihn der Berufsalltag an den Schulhofmauern nicht auf. Dem Spott der Schüler, den er ja nicht beweisen kann, setzt der solchermaßen Gequälte fanatische Tyrannei im Unterricht entgegen, die sich in ungerechten Zensuren und Strafen sowie in unlösbaren Aufgaben äußert. Den Bürgern der Stadt begegnet er mit Verachtung und einer wahnhaften Rachsucht.

Die Revolution gegen den Tyrannen

Als Unrats Schüler von Ertzum aus Verzweiflung über eine Schreibaufgabe den Spottnamen des Professors in den Hof hinausbrüllt, stellt Unrat ihn und seine Familie vor der ganzen Klasse bloß. Er droht ihm mit dem Schulverweis. Aus Solidarität zu seinem Freund ruft der belesene Schüler Lohmann offen zum Protest gegen Raat auf. Der aufgeweckte Kieselack tut es ihm gleich, worauf die drei Freunde des Raumes verwiesen werden. Während die anderen ratlos auf ihre leeren Blätter starren, liest Unrat in Lohmanns Aufsatzheft. Er ist der einzige Schüler, der Unrats unlösbarer Aufgabenstellung etwas entgegensetzen kann und die Willkür des Lehrers schriftlich aufdeckt. Lohmanns Gegenwehr setzt Unrat mit Aufruhr gleich. In seinen Augen ist Lohmann die personifizierte Revolution gegen den Alleinherrscher. Ein Umstürzler im Schulreich! Mit Rachegefühlen liest er auch Lohmanns intime Notizen, erotisch ange-hauchte Gedichte an eine Künstlerin namens Rosa Fröhlich. Unrat hält sie für eine Schauspielerin, mit der sein Schüler „Nebendinge“ treibt. Der Professor nimmt sich vor, die Künstlerin ausfindig zu machen, um Lohmann vernichtend zu treffen.

Unrat im "Blauen Engel"

Auf der Suche nach Rosa Fröhlich gerät Unrat in peinliche Situationen mit den Bürgern der Stadt, die nie von einer solchen Künstlerin gehört haben wollen. Bei seinen Nachforschungen wird ihm noch stärker bewusst, wie verhasst er in der Stadt ist. Immer wieder trifft er auf ehemalige Schüler und Berufskollegen, die er allesamt wegen ihrer Verballhornung seines Namens nie hat belangen können. Für Unrat zählen nur strenge Sittlichkeit und strikter Gehorsam. Er ist besessen von der Vorstellung, Lohmann durch seine Verbindung zu der rätselhaften Künstlerin kompromittieren zu können. Er irrt durch die entlegensten Gassen und landet vor einem fragwürdigen Vergnügungslokal mit dem Namen „Zum Blauen Engel“. Dem Programmzettel entnimmt er triumphierend den Namen der Künstlerin: Rosa Fröhlich. Hinter der Tür zum „Blauen Engel“ befindet sich eine Welt, die Unrat als „die Verneinung seiner selbst“ erkennt; wie ein Fremdkörper fühlt er sich in der ausgelassenen Menge. Er erfährt, dass die Künstlerin als Sängerin auftritt.

„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein.“ (S. 7)

In der Menge erkennt Unrat Kieselack, der seinen Lehrer offen auslacht. Unrat rastet aus und erregt dadurch Aufsehen. Er verfolgt Kieselack und findet heraus, dass dieser ge-meinsam mit Lohmann und von Ertzum regelmäßig im „Blauen Engel“ verkehrt, wo sie Rosa Fröhlich sogar in ihrer Künstlergarderobe aufsuchen. Dorthin eilt Unrat, stellt die Künstlerin zur Rede und droht mit der Polizei. Doch Rosa lässt sich nicht einschüchtern und tadelt vielmehr sein ungehöriges Benehmen. Unrat ist beeindruckt von der Frau, die nie in seinem Unterricht war und die ihm deshalb als ebenbürtig erscheint. Zunächst verdrängt er, dass auch er sich von ihr angezogen fühlt. Das Artistenpaar Kiepert bittet Unrat zu bleiben. Er fühlt sich unerwartet willkommen unter den Künstlern, die ihn nicht bei seinem Spottnamen nennen, weil sie in ihm einen potenziellen Geldgeber wittern. Unrat gibt vor, seine Schüler vom „Blauen Engel“ fernhalten zu wollen, will aber in Wahrheit Lohmanns Platz einnehmen. Die Künstlerin Fröhlich sieht darin die Chance, sich den Professor gefügig zu machen. Draußen trifft er auf die drei Schüler und droht ihnen, sie anzuzeigen. Sie erwidern die Drohung: Schließlich haben alle im „Blauen Engel“ den Professor gesehen.

Lust und Liebe im Gymnasium

Die drei Schüler kehren in den „Blauen Engel“ zurück. Von Ertzum, der in die Künstlerin verliebt ist, und seine beiden Freunde hoffen auf die Unterstützung Rosa Fröhlichs, doch sie verhöhnt die Jungen nur. Sie verspottet von Ertzum wegen seiner Gefühle zu ihr und Lohmann wegen seiner Verse. Im Grunde ist ihr keiner der Schüler zahlungskräftig genug, auch wenn sie insgeheim zugibt, dass der besonnene Lohmann, der auch eines ihrer Lieder geschrieben hat, sie durchaus reizen könnte. Was keiner weiß: Lohmann schwärmt seit drei Jahren für eine andere Frau, die 30-jährige Dora Breetpoot, die Gattin des Konsuls Breetpoot, der von Ertzums Vormund ist. In seinen Versen drückt er seine Fantasie aus, mit Rosa zu schlafen und sie zu erniedrigen, aber er stellt sich auch vor, Dora für dieses Verhalten, das seine Liebe zu ihr beschmutzt, um Verzeihung zu bitten.

„Sie sahen ihrem Ordinarius zu wie einem gemeingefährlichen Vieh, das man leider nicht totschlagen durfte und das augenblicklich sogar einen peinlichen Vorteil über sie gewonnen hatte.“ (S. 9)

Am nächsten Tag fürchten sich die Schüler ebenso vor einer Anzeige wie Unrat selbst. Dieser will künftig jeden Abend in den „Blauen Engel“ gehen, um einen Weg zu finden, Lohmann zu schaden. Die Künstler umschmeicheln den Professor weiter und nehmen ihn in die Gemeinschaft auf. Er lernt sogar, die Künstlerin einzukleiden und zu schminken, und agiert als ihr persönlicher Assistent. Einmal nennt Rosa ihn erheitert bei seinem Spottnamen – Unrat stellt überrascht fest, dass ihn das aus ihrem Munde sogar freut. Jeden Abend sieht er ihr aus der Garderobe bei ihren freizügigen Auftritten zu, und während die Kieperts ihr „Flottenlied“ singen, kommen sich Rosa und Unrat lang-sam näher.

„Auf allen Seiten bedroht von Feinden, durchmaß Unrat die Straßen. Er schlich an den Häusern hin, mit einem gespannten Gefühl oben auf dem Scheitel; denn jeden Augenblick konnte wie ein Kübel schmutziges Wasser, den jemand ihm über den Kopf gegossen hätte, aus einem Fenster sein Name fallen!“ (S. 33)

Die Schüler erleben ihren Lehrer plötzlich völlig anders: Vor ihnen steht ein ganz und gar zerstreuter Unrat, dem die Schule zur Nebensache geworden ist. Die Kollegen machen ihn schon auf seinen fragwürdigen Lebenswandel aufmerksam. Die drei Schüler sehen in ihm nur noch den schmutzigen Lüstling. Bei den Künstlern wartet inzwischen alles darauf, dass Unrat und Rosa endlich im Bett landen und der Professor Geld springen lässt. Als Unrat dann auch noch einen vermögenden Freier vor die Tür setzt, wird er von den Kieperts aufgefordert, entweder zu zahlen oder zu gehen. Daraufhin entschließt er sich, Rosa eine Wohnung zu mieten, um sie nur noch für sich allein zu haben. Am Ziel ihrer Pläne, nimmt ihn die Künstlerin erstmals mit auf ihr Zimmer. Doch die beiden haben einen Zuschauer: Kieselack späht durchs Schlüsselloch. Die Schüler beschließen, Unrat und Rosa später im Lokal aufzusuchen, um den Professor öffentlich zu verspotten. Diesmal aber ist es umgekehrt: Unrat demütigt seine Schüler, sogar Lohmann, vor allen Leuten.

Unrat vor Gericht

Unterdessen ist Unrats Beziehung zur Künstlerin Fröhlich allseits bekannt. Er wird offen geächtet und die Klasse schreit seinen Namen schon hemmungslos heraus, was den Pro-fessor aber gar nicht mehr berührt. Der Direktor macht ihn auf seine Vorbildfunktion aufmerksam und ist verblüfft, wie hartnäckig und überzeugt Unrat seinen Lebenswandel verteidigt. Er ahnt nicht, dass seine Freundin am Wahlsonntag – an dem er erstmals für die Sozialdemokraten gestimmt hat – mit seinen drei Schülern einen Ausflug gemacht hat. Während der Landpartie zerstörte von Ertzum, wütend, weil Rosa seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte, ein historisches Hünengrab. Die Polizei fahndet nach dem Täter.

„Er erstarrte: - sie war kein entlaufener Schüler, der sich widersetzen wollte und sein Leben lang unter die Fuchtel gehörte; so waren alle in der Stadt, alle Bürger. Nein, sie war etwas Neues.“ (S. 57)

Schließlich landen alle drei Schüler vor Gericht, da Kieselack sich als Denunziant entpuppt hat. Dieser leugnet jede Schuld und behauptet, die Künstlerin Fröhlich sei die Anstifterin gewesen. Der Professor soll nun unter Eid zum Charakter seiner Schüler eine Aussage machen und über Rosa Fröhlich Auskunft geben. Unrat kann sich in seinem Hass auf die Angeklagten nicht beherrschen und holt wutentbrannt zu verbalen Attacken und Beleidigungen aus, die nicht nur seine Schüler, sondern auch die anwesenden Honoratioren der Stadt treffen. Rosa Fröhlich hingegen verteidigt Unrat vehement, was ihm die Ablehnung des Publikums einbringt. Rosa muss ebenfalls in den Zeugenstand. Sie streitet jede Verantwortung für die Tat ab und nutzt die Gelegenheit, Unrat zu ge-stehen, dass von Ertzum ihr nachstellt und dass sie mit Kieselack geschlafen hat. Während alle Anwesenden erheitert Zeugen der Tragik Unrats werden, geht sein ganzer Hass auf Rosa über. Er wendet sich von ihr ab und lebt vollständig isoliert und teilnahmslos vor sich hin. Pastor Quittjens will Unrat ins Gewissen reden, er möge seine früheren Ausschweifungen bereuen und wieder Teil der Gesellschaft sein, damit nicht noch mehr Schüler seinem schlechten Beispiel folgen und sich in solchen Kreisen bewegen würden. Unwissentlich bringt er Unrat auf eine Idee: Es gibt noch andere Möglichkeiten der Rache – eine ganze Stadt gilt es jetzt hineinzulegen! Unrats Rachefeldzug bekommt eine völlig neue Dimension.

Unrat im Hause Raat

Rosa Fröhlich und Professor Unrat werden wieder ein Paar. Rosa bringt Unrat dazu, ihr einen Heiratsantrag zu machen, und fädelt daraufhin geschickt eine Begegnung zwischen ihm und ihrer kleinen Tochter ein, die sie dem Professor bisher verheimlicht hat. Die Familie Raat wird zur Sehenswürdigkeit im nahe gelegenen Kurort an der Küste. Rosas verführerisches Auftreten zieht jede Menge Verehrer an. Als einer von ihnen ihr eine goldene Brosche schenkt, fordert dessen Onkel das Schmuckstück zurück. Bald darauf sind die Ersparnisse Unrats, der inzwischen frühpensioniert wurde, aufgebraucht, der Schuldenberg wächst unaufhaltsam. Eine frühere Bekannte Rosas, Frau Pielemann, bringt ihren Freund Lorenzen, der griechischen Wein verkauft, zu Unrat, damit dieser ihm Griechischunterricht gibt. Aus den anfänglichen Schulstunden entsteht auf Initiative der Künstlerin Fröhlich eine regelmäßige Festlichkeit im Hause Raat, der sich bald zahlreiche Gäste aus der feinen bürgerlichen Gesellschaft anschließen. In der Stadt erzählt man sich Geschichten von Unzucht und Orgien bei den Unrats. In Wahrheit handelt es sich in erster Linie um Glücksspiel, wenn auch in erotisch aufgeladener Atmosphäre. Alle Mitspieler durchleben regelmäßig finanzielle Höhen und Tiefen. Sogar Konsul Breetpoot, ein Oberlehrer und ein Polizeirat sind mit von der Partie. Überhaupt verschlägt es neuerdings alle angesehenen Bürger der Stadt zu Unrat. Bald kann dieser über den Bankrott des ersten Mitspielers jubeln. Weitere ehemalige Schüler werden folgen. Zu guter Letzt wird Unrat aus Rachsucht sogar zum Zuhälter seiner eigenen Frau. Er ist auf dem Siegeszug: Er sorgt dafür, dass die besseren Herrschaften bei Ehebruch, Falschspiel und Diebstahl ertappt werden. Nun spricht er selbst triumphierend und stolz seinen Namen aus: „Ja, ja, ich bin ein rechter Unrat!“

Das Ende des Tyrannen

Unrat schwankt ständig zwischen Euphorie und Eifersucht, aber sein Hass auf die Bürger ist größer als seine Liebe zu Rosa. Noch steht die Rache an Lohmann aus, dem „Allerschlimmsten“, der kürzlich von einem zweijährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt ist. Auf der Straße begegnet das Ehepaar zufällig dem bekannten Freundestrio . Der Reiz des Verbotenen treibt Rosa tags darauf auf die Straße, um eine Begegnung mit Lohmann zu provozieren. In einer Konditorei kommt es zu einem Gespräch zwischen den beiden, in dem Lohmann Unrats Charakter treffsicher in Worte fasst. Rosa ist beeindruckt und lädt den gereiften Lohmann am Nachmittag zu sich ein. Dort bietet er Rosa an, sämtliche Schulden zu übernehmen, was sie mit demonstrativem Stolz ablehnt. Lohmann lässt dennoch provokativ seine gefüllte Brieftasche offen liegen. Die beiden verfangen sich in sexuellen Anspielungen, und gerade als Rosa in einem Anflug von Nostalgie eins von Lohmanns Liedern singt, platzt Unrat herein. Er fällt über Rosa her und würgt sie, bis Lohmann eingreift. Rosa flüchtet ins Nebenzimmer, und die beiden Männer stehen sich allein gegenüber. In seiner Rachgier schnappt sich Unrat die offene Brieftasche und stürmt hinaus. Lohmann ist fassungslos und alarmiert die Polizei. Das Ehepaar Raat wird später von Polizeibeamten zur Gefangenendroschke geleitet, die von einer gaffenden Menge umringt ist. Ein letztes Mal brüllt Kieselack dem Professor seinen Namen zu: „’ne Fuhre Unrat!“ Während der Geschmähte in ohnmächtiger Wut die Faust reckt, wird er unsanft vom Wasserstrahl aus einem Gummischlauch neben Rosa in die Gefangenendroschke gestoßen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Heinrich Mann hat seinen gesellschaftskritischen Roman in 17 Kapitel gegliedert, in denen er in charakteristischen Einzelszenen ebenso die Persönlichkeit seines Protagonisten Unrat darstellt wie dessen Umwelt, die angesehenen Bürger, die Schüler und das Künstlermilieu. Der Erzähler schildert in loser Folge mal das Denken und Handeln der Hauptfigur, mal das der beteiligten Nebenfiguren, gelegentlich nimmt er auch eine Außenperspektive ein und kommentiert das Geschehen ("Aus dem Tyrannen war endgültig der Anarchist herausgebrochen."). Die inneren Monologe und die Dialoge konzentrieren sich auf Unrats Charakter. Zunächst erscheinen alle Menschen in seiner Umgebung nur als Unrats Opfer, und der Leser empfindet Genugtuung und sogar Vergnügen, wenn der Tyrann sich in seinem Rachewahn selbst das Leben verpfuscht. Dann wendet sich das Blatt: Was zuvor als lächerlich erschien, beschreibt Mann nun mit tiefem Ernst. Mit seinem antibürgerlichen Lebenswandel verführt Unrat dieselben ehrbaren Bürger, die ihn zuvor ausgestoßen haben, zum Laster. Heinrich Mann verwendet Stilmittel wie Ironie und expressionistische Metaphern, um seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft zu unterstreichen. In der Gestalt des Unrat offenbart er alle Extreme der spießbürgerlichen Weltanschauung. Fast absurd anmutende Ereignisse treiben die Entwicklung des Professors zum Anarchisten voran; in deren Verlauf zeigt sich, dass er zugleich Täter und Opfer der gesellschaftlichen Umstände ist.

Interpretationsansätze

  • Der Untertitel „Das Ende eines Tyrannen“ gibt schon den Leitgedanken des Romans vor. Am Beispiel des tyrannischen Professors wird ein Sittenbild der Wilhelminischen Zeit gemalt, mit ihrem autoritären und elitären Schulsystem, ihren rigiden Moralvorstellungen, der streng hierarchisch strukturierten Gesellschaft und dem viel zitierten Untertanengeist. Das radikal wilhelminisch-strenge Verhalten des Tyrannen schlägt in ein ebenso radikales anarchistisches um. Nicht zuletzt deshalb gilt Professor Unrat als Prototyp des deutschen Ungeistes Anfang des 20. Jahrhunderts.
  • Mann wählt für seinen Provinztyrannen bewusst den bürgerlichen Namen Raat, um aus diesem den Spottnamen Unrat zu bilden. Darin kommt Manns Wille zum Ausdruck, nicht nur einen beliebigen Einzelfall zu schildern, sondern das Übel in der bürgerlich-wilhelminischen Gesellschaft selbst zu verorten.
  • Den Hintergrund der Geschichte bildet das Gymnasium als staatliche Institution, zu der nur die obere und allenfalls noch mittlere Gesellschaftsschicht Zugang hatte. Dieses Prinzip tritt auch in der Gerichtsverhandlung deutlich zutage, in der der Schuldige automatisch in der Unterschicht gesucht wird.
  • Das Flottenlied der Kieperts illustriert den von Heinrich Mann verachteten nationalistischen Geist, der die Vorherrschaft des Kaiserreichs zur See anstrebte und jenes Selbstbewusstsein beförderte, das schließlich zum Ersten Weltkrieg führte.
  • Der Schauplatz des Romans lässt sich ziemlich eindeutig als Heinrich Manns Heimatstadt Lübeck identifizieren. Dort stellten die reichen Kaufmannsfamilien, zu denen auch die Manns zählten, die dominierende Schicht dar und übten großen politischen Einfluss aus. Dieses Milieu schilderte Thomas Mann in Buddenbrooks.
  • In der Figur des Schülers Lohmann hat Heinrich Mann ein Selbstporträt gezeichnet: Auch er hat das Gymnasium abgebrochen, um eine Buchhandelslehre zu machen, und auch er verkehrte im Amüsiermilieu, wo er sich verliebte.

Historischer Hintergrund

Der Wilhelminismus in Deutschland

Vom französischen Naturalismus (etwa 1880–1900) geprägt, unternahmen auch deutsche Schriftsteller den Versuch, durch eine möglichst wirklichkeitsnahe Schilderung gesellschaftlicher Missstände gegen den deutschen Obrigkeitsstaat zu protestieren, unter ihnen Heinrich Mann in Romanen wie Professor Unrat (1905) oder Der Untertan (1916). Das im Jahr 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich hatte sich bis zur Jahrhundertwende zu einer internationalen Großmacht mit einer ungnädigen und rücksichtslosen Kolonialpolitik entwickelt, wenn sie auch – im Vergleich zu den anderen Kolonialmächten wie Großbritannien oder Frankreich – verspätet eintrat.

Der im Zuge der Industrialisierung rasant wachsende Wohlstand und der technische Fortschritt beförderten die nationale Selbstverliebtheit. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“, lautete die Parole, die das deutsche Volk in den Ersten Weltkrieg begleitete. Auf den Kaiser, den Adel, das Militär und die Kirche schworen die untertänigen Bürger. Kaiser Wilhelm II. diktierte im ersten politischen Tondokument der Welt die aus seiner Sicht vorbildliche Einstellung eines Deutschen: Sozialdemokratie ist Landesverrat und wird bekämpft! Staatliche Zensurbehörden wachten über Sittlichkeit und Moral in der Literatur. Majestätsbeleidigung wurde mit Gefängnis bestraft. Während des Ersten Weltkriegs fällte Heinrich Mann sein pessimisti-sches Urteil über dieses System: „Ein Reich, das einzig auf Gewalt bestanden hat und nicht auf Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit, ein Reich, in dem nur befohlen und gehortet, verdient und ausgebeutet, der Mensch aber nicht geachtet wird, kann nicht siegen.“

Entstehung

Mit 25 Jahren fasste Heinrich Mann, ganz seinen literarischen Vorbildern aus Frankreich (Émile Zola) und Italien (Gabriele D’Annunzio) folgend, den Plan, „soziale Zeitromane“ zu schreiben, um seiner Gesellschaftskritik Ausdruck zu verleihen, in der Hoffnung, damit Einfluss auf die politische Situation nehmen zu können. Da Heinrich Mann einer wohlhabenden bürgerlichen Kaufmannsfamilie entstammte, konnte er sich den Luxus leisten, als freier Schriftsteller ohne feste Anstellung und ohne Hochschulabschluss zu leben. Die Kritik der gesellschaftlichen Zustände wurde trotz der Privilegien, die er persönlich genoss, zum Hauptmotiv seines Schreibens. Inspiriert von einer Zeitungsnotiz verfasste Mann 1904 binnen weniger Monate seinen provokativen Roman über den Untergang des Professors Raat. Obwohl Mann im Buch keinerlei konkrete Angaben zu Ort und Zeit der Handlung macht, ist schnell klar, dass er mit dem Kaiserreich unter Wilhelm II. und mit seiner Heimatstadt Lübeck abrechnet. Professor Unrat wurde 1905 erstmals veröffentlicht, allerdings anfangs eher wenig beachtet.

Wirkungsgeschichte

In Manns Heimatstadt Lübeck wurde der Roman totgeschwiegen. Erst Jahre später, nach dem Ende des Krieges und des Kaiserreichs, entwickelte er sich doch noch zu einem Verkaufserfolg. Spätestens ab 1930 wurde das Werk regelrecht berühmt: Josef von Sternberg verfilmte den Stoff unter dem Titel Der Blaue Engel für die UFA. Emil Jannings spielte den liebestollen Professor. Allen Widerständen zum Trotz besetzte Sternberg die Rolle der Künstlerin, die im Film Lola Lola heißt, mit der unbekannten Berliner Schauspielerin Marlene Dietrich. Der Blaue Engel wurde zu einem der ersten weltweiten Kinoerfolge des deutschen Films. Er machte die Dietrich quasi über Nacht zum Weltstar und ermöglichte ihr, in Hollywood Fuß zu fassen. Der Film weicht zwar teilweise von der literarischen Vorlage ab (an dessen Ende bricht Professor Unrat etwa über seinem Lehrerpult zusammen, während er im Buch schlicht verhaftet wird), aber für den Autor wurde er zur besten Werbetrommel für seinen schon 25 Jahre alten Roman. Kurze Zeit nach dem Siegeszug des Blauen Engels erlangte Professor Unrat eine prophetische Bedeutung aufgrund des Aufstiegs des Tyrannen Adolf Hitler. Manns Werk wurde bei der Bücherverbrennung der Nazis natürlich nicht verschont und er musste 1933 ins Exil nach Frankreich flüchten.

Heinrich Manns Bruder Thomas Mann, der die literarischen Erzeugnisse seines älteren Bruders lange Zeit ebenso wenig schätzte wie dessen politische Haltung, schrieb versöhnlich und hoffnungsvoll an Heinrich: „Vor einem Menschenalter, lieber Bruder, gabst du uns den Mythos vom Professor Unrat. Hitler ist kein Professor – weit davon. Aber Unrat ist er, nichts als Unrat, und wird bald ein Kehricht der Geschichte sein. Wenn du, wie ich vertraue, die organische Geduld hast, auszuharren, so werden deine alten Augen sehen, was du in kühner Jugend beschriebst: das Ende eines Tyrannen.“

Vladimir Nabokov orientierte sich bei der Darstellung seines liebestollen Professors in Lolita sicher an Manns (oder zumindest an Sternbergs) Professor Unrat, und auch neuere Romane wie Philip Roths Der menschliche Makel erinnern noch an ihren Urahn.

Über den Autor

Heinrich Mann wird am 27. März 1871 als Sohn einer wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie geboren. Früh verfasst er erste Novellen und Gedichte und entwickelt ein gesellschaftskritisches Denken. Das Gymnasium verlässt er vorzeitig, und auch die Buchhändlerlehre, die er in Dresden aufnimmt, schließt er nicht ab. Er tritt beim S. Fischer Verlag ein Volontariat an, gibt es aber auf, um als freier Schriftsteller zu arbeiten. Zwischen 1893 und 1914 hält er sich abwechselnd in Italien, München und Berlin auf. Er schreibt in dieser Zeit Romane, Novellen, Theaterstücke und Essays. Der literarische Durchbruch gelingt ihm mit Professor Unrat (1905). 1914 heiratet er die Schauspielerin Maria Kanova. Heinrich und sein berühmter, eher konservativ eingestellter Bruder Thomas Mann geraten in einen öffentlichen politischen Meinungsstreit, der zu einem mehrere Jahre dauernden Bruch zwischen den Brüdern führt. 1918 erscheint der satirische Roman Der Untertan und wird ein großer Erfolg. Da Manns Romane das Deutsche Reich – und insbesondere die Untertanenmentalität der Deutschen – offen kritisieren, muss er 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und schließlich in die USA flüchten. Im Exil erscheinen 1935 und 1938 die historische Romane Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre, in denen Mann ein Gegenbild zur zeitgenössischen Realität entwirft. 1944 begeht seine zweite Frau Nelly Kröger Selbstmord. Heinrich Manns Memoiren Ein Zeitalter wird besichtigt erscheinen 1945. Fünf Jahre später wird er zum Präsidenten der Ostberliner Akademie der Künste berufen. Vor Antritt der Reise jedoch stirbt Heinrich Mann am 12. März 1950 in Kalifornien. Seine Urne wird 1961 nach Ostberlin überführt.


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